Kapitel 13 Labor M2 – Brasilien, 31. Juli
Willkommen in Brasilien!« Der Mann mit dem Kinnbart sprach akzentfreies Deutsch. Er lächelte unverbindlich und wies auf zwei Stühle, die an einer Wand seines schmucklosen Büros standen. »Setzen Sie sich.«
Die beiden Wachleute postierten sich neben Tom und Juli und hielten ihre Waffen im Anschlag. Der eine von ihnen war der glatzköpfige Brasilianer, der sie schon in Hamburg verfolgt hatte. Er musterte Tom und Juli mit Blicken voller Geringschätzung und gehässiger Vorfreude.
»Ich gehe davon aus, dass Sie Tom Hiller und Juli Thomas sind. Ich wusste, dass ich wieder von Ihnen hören würde. Dass Sie es allerdings geschafft haben, diese Anlage zu finden und hier einzudringen, nötigt mir Respekt ab.« Der Mann setzte sich auf die Ecke seines Schreibtischs und zündete sich eine Zigarette an. »Wer ich bin, tut zunächst nicht viel zur Sache, Sie können mich Luc nennen. Wie ich sehe, Herr Hiller, haben Sie eine Kamera dabei, vermutlich haben Sie ein ganz besonderes Interesse an dieser Anlage. Sie haben sich ja auch schon ein wenig umgesehen, wie wir auf den Monitoren unserer Überwachungskameras beobachten konnten. Verraten Sie mir, wie Sie hier hineingekommen sind?«
Tom schwieg.
Der Mann zog an seiner Zigarette. »Nun, das klären wir vielleicht später, nicht wahr? Wie gefällt Ihnen unser Labor?«
»Es ist entsetzlich!«, platzte Juli heraus.
»So, entsetzlich?« Der Mann schmunzelte. »Dabei haben Sie nicht einmal die Hälfte gesehen. Ich gebe zu, dass es auch einige unschöne Anblicke gibt. Das hat die Biologie so an sich. Gewebe, Sekrete und so weiter. Aber wissenschaftlich betrachtet, ist diese Anlage ein Wunder. Wissen Sie, was wir hier tun?«
»Sie machen Menschenversuche«, antwortete Juli.
Der Mann schüttelte den Kopf. »Nein, wir verändern die Welt. Sehen Sie, das ist der Unterschied zwischen Wissenschaftlern und normalen Menschen wie Sie, Ihr Freund dort oder ich. Ich schließe mich da durchaus mit ein, schließlich habe ich das auch erst gelernt. Während normale Menschen ihr direktes Umfeld erfassen, denkt die Wissenschaft in viel größeren Zusammenhängen.«
»So groß können Zusammenhänge nicht sein, dass sie die Moral außer Kraft setzen könnten«, hielt Juli dagegen.
»Moral?« Der Mann lachte auf. »Etwas Besseres fällt Ihnen nicht ein? Das ist es, was ich meinte, als ich sagte, Menschen beschränkten sich auf ihr direktes Umfeld. Mit Moral können Sie in jede Argumentation einsteigen, gewinnen werden Sie damit aber niemals. Ist es gegen die Moral, Medikamente an einem Dutzend Tieren zu testen, um damit Tausende von Menschen zu retten? Ist es gegen die Moral, einen Menschen zu töten, der ansonsten Zehntausende in den Krieg führen würde? Ein Dilemma, dem Sie, Frau Thomas, mit Ihrer eingeengten Betrachtungsweise nicht entfliehen können. Wie niemand in der christlichen Welt. Wäre es denn nicht auch gegen die Moral, ein Menschenopfer zu fordern, um Loyalität auf die Probe zu stellen? Und wäre es nicht auch unmoralisch, den eigenen Sohn am Kreuz sterben zu lassen, um die Menschenrasse zu erlösen?«
Luc stand auf und ging auf Juli und Tom zu.
»Nein, mit Moral werden Sie nicht weiterkommen. Wie auch die Menschheit nicht weiterkommt. Die ganze Wissenschaft wäre schon erheblich weiter, wenn wir uns nicht von moralischen Fragen bremsen lassen würden. Sie sind das Einzige, das zwischen uns und den größten Errungenschaften stehen. Errungenschaften, die unser aller Leben, das von Millionen und Milliarden Menschen verbessern könnte. Leben retten könnte. Nur, indem wir uns von moralischen Betrachtungen befreien, indem wir ungehemmt über das ›Waswärewenn?‹ nachdenken und mutig handeln, können wir unser Potenzial befreien.«
»Waren Sie früher einmal Wanderprediger?«, fragte Tom. Aber der Mann ignorierte ihn.
»Aber natürlich haben Sie keine Ahnung, was wir hier leisten, dafür war Ihr Besuch ja bisher viel zu kurz. Ich erzähle Ihnen einfach ein bisschen. Ich weiß natürlich, dass es schon spät ist. Bitte unterbrechen Sie mich, wenn Sie das Gefühl haben, ich würde Sie langweilen. Ja?«
Er lächelte und sah von einem zum anderen.
»Gut, Ihr Schweigen fasse ich als Interesse auf.« Er ging zum Schreibtisch zurück und setzte sich dort wieder auf die Ecke der Tischplatte. »Ich würde Ihnen gerne eine tolle multimediale Präsentation vorführen oder mit Ihnen eine Tour durch unsere Labore machen. Aber wie mir scheint, sind Sie beide etwas zart besaitet, sodass es vermutlich wenig gewinnbringend wäre. Bleiben wir also hier in diesem Büro. Und am Ende des Gesprächs überlegen wir gemeinsam, wie es weitergehen soll, einverstanden?«
Er drehte sich halb herum und drückte seine Zigarette in einem Aschenbecher aus.
»Angefangen hat unsere Arbeit bereits vor Jahrzehnten. Damals mit Grundlagenforschung, wenn Sie so wollen. Und noch dazu zunächst auf einem ganz anderen Gebiet: Krebsforschung. Wir investieren auch heute noch viel in diesen Sektor, müssen Sie wissen. Krebs. Der ewige Feind des Menschen, nicht wahr? So unendlich viele Formen bösartiger Wucherungen, die erst einzelne Organe befallen und dann den ganzen Körper mit Metastasen überschwemmen und auffressen.
Wie verhindert man das Wachstum ausgerechnet dieser Zellen, wie findet man einen Wirkstoff, ein Werkzeug, das nichts anderes schädigt und ganz selektiv nur das vernichtet, das uns schadet – obwohl auch das nichts anderes als lebendes, wachsendes, körpereigenes Gewebe ist? Ein Stein der Weisen ist bisher nicht gefunden, auch von uns nicht, und neben unzähligen Therapieformen, die in nur wenigen Fällen anschlagen, bleibt im Grunde der nachhaltigste Eingriff der, das befallene Gewebe – oder Organ – einfach zu entfernen.
Aber man kann nicht einfach Blasen, Hoden, Nieren, Lungen, Blut und alles, was von Krebs befallen wird, nach und nach entfernen, bis nur noch eine menschliche Hülle übrig ist. Die entsprechenden Teile müssten schließlich auch ersetzt werden. Dass dies nicht nur medizinisch problematisch ist, wissen Sie selbst. Es gibt schlicht nicht ausreichend Ersatzorgane auf der Welt, nicht einmal für diejenigen Menschen, die bereits monate- und jahrelang auf ein neues Herz hoffen. In Osteuropa, Afrika und Asien blüht der Schwarzmarkt mit illegalen Organen, die in Krankenhäusern Lebenden und Toten entfernt und unter der Hand weiterverkauft werden.
Also haben wir vor einigen Jahren einen Forschungszweig eröffnet, der sich mit der Frage beschäftigt, wie Ersatz für menschliche Organe geschaffen werden könnte. Sicher haben Sie von der Stammzellenforschung gehört. Sehr viel Genetik, sehr technisch und auch heute noch leider sehr theoretisch. Sie als Medizinerin, Frau Thomas, sind ja informiert, aber Herr Hiller weiß es vielleicht nicht: Zellen im Körper sind hochspezialisiert. Aber Stammzellen enthalten die Anlagen, sich zu jeder möglichen anderen Zelle zu entwickeln. Die Idee ist also, Stammzellen eines Patienten zu vervielfältigen und sie dazu zu bringen, sich zu exakt den Zellen und dem Zellenverbund, dem Organ, zu entwickeln, das man benötigt. So könnte man aus Ihren Stammzellen ein neues Herz züchten oder einen neuen Lungenflügel, und es bestünde aus Ihrem eigenen Gewebe, man könnte es Ihnen einpflanzen, und es würde sich nahtlos in Ihren Körper einfügen. Ist das nicht grandios?«
Wieder lächelte Luc breit, als freue er sich selbst darüber. Dann verzog er den Mund.
»Leider funktioniert es heute noch nicht. Und auch wenn Sie in der Presse einmal Bilder von Mäusen gesehen haben, denen menschliche Ohren aus dem Rücken wachsen, sind das eher universitäre Experimente und taugen bestenfalls für ein Kuriositätenkabinett. Von nutzbringender und vor allem im großen Maßstab umsetzungsfähiger Wissenschaft ist das so weit entfernt wie die Lupe in Ihrem Taschenmesser vom Hubble-Weltraumteleskop.«
Juli rutschte auf ihrem Stuhl nach vorn und wollte etwas einwenden, aber Luc hob eine Hand.
»Ja, ich weiß, ich strapaziere Ihre Geduld. Ich komme gleich zum Punkt. Also: Stammzellenforschung, um Organe zu züchten, ist vorläufig keine Alternative. Aber sie war uns nützlich, wenn auch auf eine andere Weise.
Wir haben nach neuen Wegen gesucht, Organe zu beschaffen, und dabei Forschungen aus den Achtzigerjahren aufgegriffen. Nun kommen wir zu dem Stichwort, auf das Sie warten, Frau Thomas: Xenotransplantation. Die Verpflanzung von tierischem Gewebe und tierischen Organen in den Menschen. Ohne Frage wären solche Organe viel leichter und in erheblich größerer Menge verfügbar. Schon heute züchten wir Millionen von Tieren als Rohstoffproduzenten. Wir benötigen sie für Mich, Eier, Fleisch, Wolle, Leder, unendlich viele Dinge – ohne Tiere in Massen zu halten und zu züchten, wäre unser Leben heute nicht denkbar. Also statt sie zu essen, warum nicht ihre Organe für andere Zwecke verwenden? Dieser prinzipielle Gedanke dürfte für niemanden abwegig sein. Widersprechen Sie mir, wenn Sie denken, dass die Verwertung von Tieren als solches etwas Unnatürliches wäre.«
Tom hörte dem Mann zu, der sein Programm wie ein perfekt geschulter Verkäufer abspulte. Trotz seines gepflegten Aussehens und seiner flüssigen Ausdrucksweise umgab ihn eine Aura, wie er sie von manchen Cholerikern kannte. Bei aller vorgeblichen Freundlichkeit gärte etwas unter der Oberfläche, jederzeit bereit, hervorzubrechen. Diesem Mann zu widersprechen, würde nur so lange gut gehen, wie dessen unvorhersehbare Laune mitspielte. Und mit zwei bewaffneten Schlägertypen zu beiden Seiten wollte Tom ungern herausfinden, wie lange das war. Er hatte Pläne, und solange er denken und sich bewegen konnte, waren sie nicht vergessen. Also sollte der Mann alles erzählen, was er erzählen wollte. Es würde ihnen Zeit verschaffen und vielleicht sogar hilfreiche Informationen.
In der Zwischenzeit hatte Luc sich eine weitere Zigarette angesteckt.
»Da sehen Sie es, es gibt nichts zu widersprechen«, sagte er. »Tiere können verwertet werden. Wir tun es schon heute überall, auf der ganzen Welt. Aber ganz so einfach ist es natürlich nicht, wie Sie sich denken können. Zunächst einmal müssen Tiere gefunden werden, deren Organe überhaupt dieselben Funktionen übernehmen wie unsere eigenen. Die vier Mägen einer Kuh erfüllen andere Funktionen als der Magen eines Menschen, sie würden uns nichts nützen – abgesehen davon, dass in einem Mensch nicht genug Platz wäre und es gesellschaftlich fragwürdig wäre, wenn Sie Ihre Pizza im Restaurant hochwürgen und wiederkäuen würden.«
Er lachte laut auf und störte sich einige Momente lang nicht daran, dass Juli und Tom seinen Witz in keinster Weise zu würdigen wussten. Dann wurde er schlagartig wieder ernst.
»Also, nicht jedes Tier hat Organe, die mit unserem System kompatibel sind. Es gibt aber noch eine viel größere Schwierigkeit. Denn der menschliche Körper ist intelligent genug, fremdes Gewebe zu erkennen und zu bekämpfen. Das ist schon bei den unterschiedlichen Blutgruppen unter uns Menschen so, und auch transplantierte Organe von anderen Menschen müssen vielen Kriterien entsprechen, sonst werden sie abgestoßen. Transplantationspatienten müssen viele Medikamente schlucken, um ihr eigenes Immunsystem davon abzuhalten, das eingepflanzte Organ zu bekämpfen. Von tierischem Gewebe natürlich ganz zu schweigen. Wenn Sie das Herz eines Pavians in die Brust eines Kindes setzen, wird es schwarz und fault Ihnen unter den Fingern weg. Nun, und das Kind wird dabei natürlich sterben, was man ja eigentlich vermeiden möchte.
Also liegt die Lösung des Problems logischerweise drin, entweder die Organe so anzupassen, dass sie vom Menschen akzeptiert werden, oder den Menschen so anzupassen, dass er die Organe nicht abstößt. Habe ich nicht recht?« Er wartete nicht auf eine Antwort, bevor er fortfuhr. »Mit unserer Forschung tun wir beides zugleich. Im Kellergeschoss dieser Anlage züchten wir unter anderem Schweine. Ihre Organe sind dem Menschen erstaunlich ähnlich. Es sind allerdings keine normalen Schweine. Ihr genetisches Erbgut ist modifiziert worden. Fragen Sie mich nicht nach Details, ich verstehe davon zu wenig. Nun, und zugleich haben wir Methoden entwickelt, in das Erbgut des Menschen so einzugreifen, dass sich sein Immunsystem wandelt und die tierischen Organe akzeptiert. Und voilà, wir können erfolgreich die Niere eines Schweines in den Körper eines Menschen einpflanzen.«
Nun schwieg Luc zum ersten Mal längere Zeit und sah Tom und Juli eindringlich an.
»Warten Sie auf eine Antwort?«, fragte Tom schließlich.
»Dann hätte ich wohl etwas gefragt, nicht wahr? Ich warte auf Ihre Reaktion. Die neuen Möglichkeiten, die sich uns nun eröffnen, müssten Sie begeistern.«
»Was Sie hier tun, ist pervers«, stieß Juli hervor. Tom sah zu ihr hinüber und legte eine Hand auf ihr Bein, um sie zu beruhigen. Doch Juli beachtete ihn nicht.
»Pervers, sagen Sie? Warum denken Sie das?« Luc legte die Stirn in Falten. Seine Frage klang ehrlich interessiert.
»Tun Sie nicht so, als hätten wir Ihre unmenschlichen Experimente nicht gesehen! Missgestaltete Menschen voller Elektroden in gläsernen Tanks und bei lebendigem Leib aufgeschnitten. Ist das etwa völlig normal für Sie?«
»Sicher ist Ihnen bewusst, dass man einen Körper öffnen muss, um eine Transplantation vorzunehmen. Und die Tanks enthalten eine spezielle von uns entwickelte Nährflüssigkeit mit wachstumsbeschleunigenden Mitteln. Sie ermöglichen die zügige Modifikation des Immunsystems und unterstützen den Heilungsprozess. Sehen Sie sich Lazaro an.« Er wies auf den Wachmann neben Juli. Es war der Glatzkopf, den sie schon kannten. »Er stammt ursprünglich aus dieser Gegend hier, wussten Sie das? Als er zu uns kam, war er unterernährt und anämisch. Er litt an einem angeborenen Herzfehler. Es war nicht länger in der Lage, den Belastungen eines erwachsenen Körpers standzuhalten. Also haben wir ihn hier operiert. Lazaro, zeig unseren Gästen bitte deine Brust. Du kannst die Waffe so lange beiseitestellen, ich bin sicher, es ist kein Problem.«
Der grobschlächtige Mann behielt seine Waffe in der linken Hand, während er mit der rechten sein Hemd am unteren Saum ergriff und es nach oben zog. Sein Oberkörper war stark behaart. Unnatürlich stark und borstig.
»Keine OP-Narbe, wie Sie sehen«, sagte Luc. »Erstaunlich, nicht wahr? Und doch haben wir ihn operiert. In seiner Brust schlägt seit drei Jahren das Herz eines Ebers. Durch unsere Behandlung ist Lazaro nicht nur vollkommen regeneriert, sein Herz ist sogar besonders kraftvoll. Auch sein Blut haben wir verbessert, es kann mehr Sauerstoff aufnehmen und transportieren als herkömmliches menschliches Blut. Lazaro wurde nicht nur geheilt, wir haben mit ihm den Prototyp eines leistungsfähigeren Menschen erschaffen und ihm einen neuen Namen und eine neue Bestimmung gegeben. Und dafür ist er uns dankbar.«
»Sie erschaffen Hybriden aus Menschen und Tieren. Sie spielen Gott!« Juli spuckte die Worte geradezu aus.
»Es gibt keine Veranlassung, theatralisch zu werden, Frau Thomas. Sehen Sie, die konventionelle Medizin beschränkt sich heute darauf, Krankheiten zu heilen und zerstörte Zähne oder Knochen wiederherzustellen oder durch Prothesen zu ersetzen. Aber es ist immer nur Flickwerk, kaum ein künstlicher Ersatz kann bisher an die Leistung des Originals heranreichen. Dabei gibt es ausreichend Materialien, die durchaus stabiler wären, wie Teflon, Keramik oder Platin, und vor allen Dingen unempfindlich gegen Krankheiten, Karies, Bakterien, Knochenkrebs. Technisch könnten wir schon längst in der Lage sein, Menschen erheblich zu verbessern, auch wenn Sie es dann die Erschaffung von Cyborgs nennen würden. Was die Entwicklung hemmt, sind wie immer die sinnlosen moralischen Bedenken. Wir haben uns davon befreit, und statt auf Maschinen und künstliche Bauteile zu setzen, greifen wir auf die Vielfalt und Genialität der Natur zurück. Wir verwenden nur organische Elemente und fügen sie optimal zusammen, um etwas Neues und Verbessertes zu schaffen. Es ist nicht anders als beim Kochen, wenn Sie so wollen. Auch Kartoffeln wuchsen ursprünglich nicht in Europa, und die Natur hat ihnen auch keine Bratensoße integriert. Dennoch kochen und essen wir beides zusammen, wir haben eine neue Kombination geschaffen, die besser schmeckt und gut für uns ist.«
»Sie haben vollkommen den Verstand verloren«, sagte Juli halblaut und schüttelte den Kopf.
Luc sah sie einen Moment lang unschlüssig an. Dann wandte er sich an Tom.
»Sie scheinen mir ungewöhnlich schweigsam. Und das, obwohl Sie Journalist sind und viele Fragen haben müssten. Sind Sie nicht auch begeistert, wenn Sie an die neuen Möglichkeiten denken, die sich uns nun erschließen?«
»Im Augenblick denke ich nur an die verkrüppelten und missgestalteten Menschen, die ganz offensichtlich Ergebnisse Ihrer fehlgeschlagenen Experimente sind.«
»Nun, dann haben Sie offenbar nicht richtig verstanden, was ich vorhin erklärt habe. Sie befinden sich noch in Behandlung.«
»Ich meine …« Tom stockte. Ihm wurde plötzlich bewusst, dass Luc sich nur auf die Menschen in den Laboren bezog. Offenbar kam er gar nicht auf die Idee, dass Tom die Entstellten im Keller meinen könnte. Vielleicht wusste er also gar nicht, dass er und Juli sie gesehen hatten, dass sie von dort gekommen waren – und dass dort noch immer ein Weg nach draußen führte. »Es sah jedenfalls sehr schmerzhaft aus«, fuhr er daher fort.
»Auch die Wahrheit ist manchmal schmerzhaft, Herr Hiller, und dennoch ist sie wichtig, Ihnen doch ganz besonders, aus beruflichen Gründen sozusagen. Nun kennen Sie die Wahrheit über unsere Forschung.« Luc sah von Tom zu Juli und wieder zurück. Er machte eine einladende Geste. »Deswegen waren Sie ja auch hierhergekommen. Sie sehen also, ich helfe Ihnen gerne weiter. Aber werden auch Sie mir im Gegenzug weiterhelfen? Es gibt nämlich noch eine weitere Wahrheit, auch die müssen Sie kennen. Wir sind in einer empfindlichen Phase unserer Forschung, und wir können zurzeit keine Störungen von außen gebrauchen. Damit möchte ich sagen: Ich kann Ihnen nicht gestatten, nach Hamburg zurückzukehren und von dieser Einrichtung zu berichten. Verständlicherweise, wie ich hoffe.« Er lächelte. »Wie geht es also weiter, hm? Frau Thomas, haben Sie eine Idee? Einen Vorschlag? Wissenschaftliche Mitarbeit vielleicht?«
Juli funkelte ihn an. »Ganz sicher nicht!«
Luc nickte. »Ich verstehe. Und Sie, Herr Hiller? Interessieren Sie sich für unsere Forschung? Sie sind Journalist, also könnten Sie helfen, zu dokumentieren. Es müssen viele Berichte für unsere Investoren geschrieben werden. Und was unsere Wissenschaftler verfassen, ist niemandem zumutbar, es müsste redigiert und aufbereitet werden. Und Fotos könnten Sie dabei auch machen. Nun?«
Aber Tom schüttelte den Kopf. »Sieht schlecht aus, Luc. Meinetwegen können Sie sich Ihre Berichte in den Arsch schieben.«
Der Mann zuckte mit den Augenbrauen, aber zu Toms Enttäuschung blieb er ruhig.
»Nun, ich hatte im Grunde nichts anderes erwartet«, sagte er. »Meine Leute werden Sie jetzt abführen. Dann schauen wir mal, ob wir aus Ihnen herausbekommen, wie Sie hier hereingekommen sind, und danach werden wir Sie auf andere Weise in unser Projekt integrieren. Vielen Dank, Sie können gehen.« Er machte eine Handbewegung zu den Wachleuten. »Lazaro, bring die beiden in eine leere Zelle im C-Trakt. Und Xavier, du bleibst hier, wir müssen uns unterhalten.«
Lazaro stieß Tom den Lauf seiner Waffe in die Seite.
»Aufstehen!«, knurrte er.
Tom und Juli erhoben sich, und Lazaro dirigierte sie aus dem Raum. Er lief hinter ihnen, gab immer wieder kurze Kommandos und führte sie durch die Anlage.
Tom, der sich bemühte, die Orientierung zu behalten und sich Türen und Abzweigungen zu merken, raunte Juli zu: »Wir hätten mitarbeiten können. Zumindest eine Weile. Und dann in aller Ruhe einen Fluchtplan ausarbeiten können.«
»Er hätte uns niemals einfach mitarbeiten lassen«, gab Juli zurück. »Ihm traue ich zu, dass er sich etwas hätte einfallen lassen, um sicher zu sein, dass wir bleiben.«
»Was denn? Hätte er uns anketten sollen?«
»Ja, mit elektronischen Fußfesseln zum Beispiel. Oder er hätte uns vergiftet und uns von einer täglichen Dosis Gegengift abhängig gemacht.«
»Meine Güte, du hast vielleicht eine Fantasie.«
»Nach dem, was wir hier gesehen haben, kann ich mir alles vorstellen. Aber du hast ja auch abgelehnt, warum hast du denn nicht zugesagt?«
»Ich hätte dich niemals allein gelassen.«
»Wirklich?« Juli sah zu ihm hinüber. »Das ist lieb von dir.«
»Haltet die Klappe!«, schnauzte sie Lazaro an. Er trieb sie vor sich her und führte sie zu einer Treppe, die in das Untergeschoss führte. Es war nicht dieselbe Stelle, an der sie heraufgekommen waren, aber Tom vermutete, dass sämtliche Gänge hier unten miteinander verbunden waren. Er hoffte es jedenfalls.
»Stehen bleiben«, wies Lazaro sie an, während er eine Tür aufschloss. »Da rein, los!«
Der Raum, den sie betraten, war ein bloßer Quader aus Beton. An einer Wand befand sich eine gemauerte Pritsche, auf der eine dünne Gummimatte lag. Ansonsten war er leer. Lazaro trat nach ihnen ein und schloss die Tür. Er richtete seine Waffe auf Juli.
»Du stellst dich dort hinten in die Ecke!«
Juli entfernte sich einige Schritte, so weit es der kleine Raum zuließ.
»Und du gibst mir die Kamera«, wies Lazaro Tom an.
Widerwillig händigte Tom sie dem Mann aus, der nicht den Eindruck erweckte, dass er mit sich diskutieren ließ.
Lazaro griff mit einer Hand nach dem Gerät und entriss es Toms Händen. Dann warf er die Kamera mit plötzlicher Wucht auf den Boden zu seinen Füßen. Das Objektiv brach ab, die gläsernen Linsen klirrten. Blitzschnell zielte er mit seiner Pistole und schoss zweimal in den Trümmerhaufen, der in unzählige Fetzen zersprang.
Tom schrie entsetzt auf und machte einen Satz vorwärts, aber Lazaro war schneller, hob sein Knie und rammte es Tom in den Bauch.
»Nein!«, rief Juli, aber Lazaro wies nur mit der Waffe hinüber.
»Cala-te, puta«, bellte er sie an und wandte sich wieder Tom zu, der zusammengekrümmt dastand.
Mit einer fließenden Bewegung steckte Lazaro seine Waffe auf dem Rücken hinter seinen Gürtel, und als er den Arm wieder nach vorn holte, schmetterte er seine Faust gegen Toms Kiefer. Das Zusammenschlagen seiner Zähne klang wie das Zerbrechen einer Steinplatte, und Tom wurde haltlos nach hinten geschleudert, prallte auf den Boden und schlug mit dem Hinterkopf auf. Lazaro tat einen Schritt nach vorn und trat Tom mit seinem Stiefel in den Unterleib. Juli schrie erneut auf. Tom stöhnte unartikuliert, und noch einmal trat der Wachmann zu.
Juli sprang nach vorn und trat nach den Beinen des Wachmannes, aber er blieb stehen, drehte sich zu ihr um und stieß sie so heftig zurück, dass sie rückwärts zu Boden ging.
Ein weiteres Mal trat er Tom, aus dessen halb geöffnetem Mund Blut quoll. Dann wandte er sich an Juli, die sich gerade bemühte, wieder aufzustehen. Lazaro zog seine Pistole hervor und richtete sie auf Juli.
»Ausziehen.«
Juli wurde bleich.
»Sofort!«, herrschte Lazaro sie an und schlug ihr mit der flachen linken Hand ins Gesicht.
Der Schlag brannte wie glühender Stahl, und Tränen schossen Juli in die Augen. Sie hasste sich dafür, weil sie wusste, wie hilflos sie dadurch aussah, aber sie wagte auch nicht, sich zu rühren. Sie zuckte zurück, als die Hand des Mannes noch einmal hervorschnellte. Aber dieses Mal schlug er sie nicht. Er ergriff den Kragen ihres T-Shirts und riss ihn so heftig herunter, dass es zerriss.
»Zieh deine Hose aus!«, befahl er.
Juli gehorchte. Sie hatte keine andere Möglichkeit. Er hielt die Waffe auf sie gerichtet und wäre ihr auch so körperlich weit überlegen. Sie beugte sich hinunter und schnürte ihre Schuhe auf. So hoffte sie, Zeit zu gewinnen. Aber sie nützte ihr nichts. Sie fühlte sich wie blockiert. Auch während sie ihre Hose ablegte, überlegte sie weiter fieberhaft, was sie tun könnte. Tom stöhnte leise am Boden, aber er konnte sich kaum rühren.
»Die Unterhose auch! Ich will deine Muschi sehen.«
Julis Gedanken waren elektrisiert und orientierungslos zugleich. Sie musste etwas tun! Trotzdem bewegte sie sich wie automatisch gesteuert weiter, so langsam es ging, ohne den Mann zusätzlich zu reizen und so viel Zeit wie möglich zu haben. Als sie schließlich nur noch mit ihrem Slip bekleidet vor dem grobschlächtigen Glatzkopf stand, konnte sie die Gier in seinen Augen funkeln sehen.
Lazaro machte nur eine Handbewegung mit der Waffe. Sie hatte sich getäuscht. Je weiter sie es hinauszögerte, desto aufmerksamer wurde er. Seine Sinne waren jetzt gespannt wie die eines wilden Tieres, er würde jeder ihrer noch so kleinen Bewegungen augenblicklich zuvorkommen. Sie konnte nichts anders tun. Sie musste sich ausziehen.
Langsam streifte sie den Slip von ihrer Hüfte, schob ihn nach unten und stieg aus ihm hinaus.
Lazaro grinste. »À moda brasileira«, bemerkte er zufrieden. Dann dirigierte er Juli mit der Waffe zur Pritsche. »Hinlegen!«
Juli ging zur Pritsche hinüber und beobachtete dabei, wie der Mann sich an seiner eigenen Hose zu schaffen machte. Als sie die Pritsche erreicht hatte und sich auf die kalte Gummimatte setzte, griff er gerade in seinen geöffneten Hosenschlitz und holte seinen bereits erigierten Penis heraus, der sich prall und rosa glänzend von der dunklen Uniform abhob.
Julis Gedanken rasten.
Lazaro steckte die Waffe erneut weg und kam breitschultrig und mit ausgestreckten Armen auf sie zu. Er würde sie mit eisernem Griff festhalten, sie wie eine Strohpuppe niederdrücken und sich an ihr vergehen, brutal und massiv wie ein dampfender Stier.
Dann trat er in Julis auf dem Boden liegende Jeans, und als sein Fuß den Stoff unwirsch beiseiteschob, hörte Juli ein schabendes Geräusch.
Augenblicklich erkannte sie ihre Chance.
Sie beugte sich ein Stück von der Pritsche herab und streckte sich nach der Wasserflasche aus, die noch immer am Gürtel ihrer Jeans hing.
»Bitte«, krächzte sie, »ich möchte noch etwas trinken …«
Lazaro blieb stehen und sah sich um. Er hob die Jeans hoch und nahm die Wasserflasche zur Hand.
»Etwas trinken, ja?« Er lachte. »Ich werde dir gleich etwas zu trinken geben.« Bei diesen Worten massierte er seinen Penis und wies mit ihm auf sie. Dann hob er die Flasche an den Mund und riss mit den Zähnen den Verschluss ab. »Aber nicht das hier.« Er lachte noch einmal, dann setzte er sie an und trank in großen, maßlosen Schlucken. Einen Lidschlag später war die Flasche leer, und er warf sie in die Ecke. Er kam auf Juli zu, legte eine Hand auf ihren Brustkorb und drückte sie nach hinten. Er ließ die Hand dort und hielt sie damit fest wie ein Schraubstock. Dann trat er zwischen ihre Beine und drückte sie mit seinen Knien auseinander, bis sich ihm Julis Scham direkt präsentierte. Mit seiner freien Hand ergriff er ihren Oberschenkel und zog sie ein Stück näher. Dann umfasste er seinen Penis, dirigierte ihn ein Stück und stieß ihn dann so heftig in sie hinein, dass sie aufschrie. Er umkrallte wieder Julis Oberschenkel und begann mit zuckenden, brutalen Stößen.