Kapitel 6 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 13. Mai
Ich schreibe das hier auf, damit ich morgen sicher bin, nicht geträumt zu haben.
Nachdem ich erst lange nicht einschlafen konnte, bin ich vorhin wie aus einem leichten Dämmern aufgewacht. Ich war mir sicher, eine Art Gesang gehört zu haben. Er war erst Teil meines Traums, wie es einem manchmal morgens früh geht, wenn sich die Geräusche von draußen in den eigenen Schlaf weben, bis einem klar wird, dass man es tatsächlich schon eine Weile lang unbewusst gehört hat.
Ich lag einen Moment mit offenen Augen im Bett und lauschte den Nachtgeräuschen des Regenwalds, die durch die geöffneten Fenster hereinkommen. Es ist wie ein dichtes Rauschen, durchsetzt von einem vielfältigen Zirpen und Flirren unzähliger Insekten, unterbrochen durch einzelne Schreie von Nachtvögeln. Ab und zu hört man die leisen bellenden Geräusche der Geckos, die sich an der Zimmerdecke und überall an den Außenwänden unserer Hütten tummeln. Durch den wilden Klangteppich wehte wie aus einiger Entfernung eine menschliche Stimme, die einen seltsamen atonalen Sprechgesang hervorbrachte.
Es klingt mutiger, als ich war, aber ich wollte unbedingt herausfinden, was da vor sich ging. Also habe ich mich unter dem Moskitonetz hervorgearbeitet, mich angezogen und bin nach draußen gegangen.
Es war gegen halb vier. Das Camp schien ausgestorben, und bis auf ein paar Lichtflecken vereinzelter Glühbirnen lag alles andere in vollkommener Dunkelheit. Ich folgte dem Klang des Gesangs und entdeckte, dass der Stuhl, auf dem nachts Jaime saß, um Wache zu halten, leer war. Auch wenn der junge Indio keinen wahrhaftigen Schutz vor irgendetwas bieten konnte, war er doch eifrig, uns helfen zu dürfen, und stets pflichtbewusst, und es war ein gutes Gefühl zu wissen, dass jemand die ganze Nacht über da saß und im Notfall alle anderen wecken konnte.
Ich ging über die inzwischen auseinanderbrechenden Zementplatten, die den zentralen Weg durch das Camp bildeten, und erreichte die Lager.
Schon von Weitem sah ich, dass die Tür zum Lagerhaus geöffnet war. Ich fragte mich, ob der Letzte, der die Leiche befeuchtet hatte, vergessen hatte, das Lager wieder ordentlich zu schließen. Oder ob jemand eingebrochen war. Jemand, der vielleicht nicht wusste, dass es in dem Raum nichts zu stehlen gab.
Als ich mich dem Lager näherte, sah ich, dass der Boden aus festgetretener Erde dunkle Flecken aufwies, die in einer Spur am Generatorhäuschen vorbei in Richtung des Waldrands führten. Ich presste meinen Ärmel vor die Nase und wagte einen Blick durch die Tür. Ich erkannte die dunkle Form des Tischs und die hellen Tücher, die auf dem Boden lagen.
Der Leichnam war verschwunden. Büro der MediCapital Invest, Zürich, 22. Juli
Luc Gironde studierte den Bericht, der ihn als E-Mail erreicht hatte. Er atmete tief ein und strich sich über seinen Kinnbart. Früher oder später hatte so etwas passieren müssen. Er schalt sich einen Narren, sich nicht schon früher darum gekümmert zu haben. Es war ein Faktum, dass man sich um die wichtigen Dinge selbst bemühen musste. Wenn man nicht vor Ort war und sich auf andere Leute verließ, dann war es nur eine Frage der Zeit, bis etwas schieflief. Und wie oft in der Nachbetrachtung stellte man fest, dass der Aufwand, den man zur Kontrolle aufwendete, und der dennoch folgende Ärger die vermeintliche Zeitersparnis zunichtemachten. Und noch dazu war es ein denkbar ungeeigneter Zeitpunkt.
Erneut las er die Mail aus Hamburg. Es war im Grunde klar, dass etwas geschehen musste. Und dass Villiers informiert werden musste. Der Mann war kein Freund von Störungen und von schlechten Nachrichten noch viel weniger. Aber es war schlimm genug, wie es war. Nun durfte er sich nicht auch noch ohne dessen Zustimmung einmischen.
Luc griff zum Telefon und wählte.
Als er Villiers endlich persönlich am Hörer hatte, fasste er die Lage in wenigen Sätzen zusammen. Villiers hatte keine Zeit für ausschweifende Erläuterungen. Er erwartete stets nur die wichtigsten Details der Situation und verlangte eine bündige Entscheidungsvorlage.
Wenige Minuten später war das Gespräch beendet. Und nun stand Lucs Job auf dem Spiel. Letzte Chance. So einfach war das. Handhaben oder gehandhabt werden.
Er stöhnte auf, lehnte sich zurück und rieb seine Schläfen.
Dann wählte er die Nummer seiner Sekretärin. Er benötigte einen Flug nach Hamburg. Noch heute. Löwenstraße, Eppendorf, Hamburg, 22. Juli
»Also, was hast du herausgefunden?«, fragte Juli, als Tom ihr am Nachmittag die Tür öffnete.
»Danke, gut. Und wie geht es dir?« Tom blockierte die halboffene Tür, indem er sich mit einem Arm am Rahmen abstützte. Wenn sie sich nicht auf eine Zusammenarbeit geeinigt hätten, dann wäre jetzt der richtige Zeitpunkt gewesen, ihr die Tür vor der Nase zuzuschlagen, dachte er.
Juli schlüpfte unter seinem Arm hindurch und ging zielstrebig ins Wohnzimmer. »Machst du mir noch mal einen Kaffee?«
Tom folgte ihr. »Ist kaputt«, log er, setzte sich neben sie und klappte seinen Laptop auf. Neben dem Rechner lag die Mappe mit den Unterlagen von der Insel.
»Also gut«, begann er, »diese Unterlagen hier haben zwar nichts darüber verraten, was genau auf der Insel ablief, aber immerhin eines ist sicher: Es gab dort definitiv wissenschaftliche Labors. Dies hier sind Lieferscheine für Chemikalien, medizinische Gerätschaften und Utensilien. Ich habe einiges davon im Netz recherchiert, und wie es aussieht, hat man damit ein Lazarett und mindestens einen Operationssaal ausgerüstet.«
Er reichte ihr die Mappe. Juli klappte sie auf und blätterte die Papiere durch.
»Du hast recht. Das ist medizinisches Equipment. Und sehr modernes noch dazu.«
»Interessant an den Unterlagen ist, dass die Lieferadressen alle unterschiedlich sind. Es handelt sich dabei um verschiedene Lagerhäuser im Hamburger Freihafen. Von dort aus müssen die Sachen dann auf die Insel geschafft worden sein. Ich habe herausgefunden, dass diese Lagerhäuser alle der gleichen Firma gehören oder von ihr angemietet wurden: Transcontor.«
»Transcontor? Was ist das für eine Firma?«
»Als Firmensitz ist Frankfurt angegeben, und laut dem dortigen Handelskammerregister ist es ein Handelsunternehmen. Import und Export. Mehr ist über die Firma allerdings nicht zu erfahren. Keine Website, keine Erwähnungen im Internet oder in der Presse.«
»Und wer ist der Inhaber?«
»Ja, da wird es interessant«, erklärte Tom und startete ein Computerprogramm. Kurz darauf erschien eine Grafik aus einer Vielzahl von Rechtecken, die durch Linien miteinander verbunden waren.
»Das sind die Verflechtungen, die ich aufgedeckt habe.« Er deutete auf die einzelnen Boxen. »Das hier ist Transcontor. Sie besitzt die Lagerhäuser oder hat sie gemietet. Inhaber von Transcontor ist ein gewisser Jean-Pierre Dubois. Er leitet noch eine andere Firma in Liechtenstein mit dem Namen TGM Trading International. Diese Firma ist Hauptgesellschafter der Reederei Validora. Validora wiederum taucht in den Lieferpapieren mehrfach auf, es handelt sich dabei nämlich um die Reederei, deren Schiffe einen Teil der Chemikalien und Ausrüstungsgegenstände nach Hamburg gebracht haben.«
»Dann ist dieser Dubois für alles verantwortlich?«
»Es geht noch weiter«, sagte Tom. »Denn Dubois ist zwar Geschäftsführer in Liechtenstein, aber Kapitaleigner und somit vermutlich tatsächlicher Drahtzieher der TGM Trading International ist eine Investmentfirma aus Zürich mit dem Namen MediCapital Invest. Die Schweizer Datenbanken sind überraschend auskunftsfreudig, und so habe ich noch eine ganze Menge weiterer Objekte gefunden, in die von Zürich aus investiert wird. So hängen zwei der größten Schweizer Pharmaunternehmen mit zwanzig und fünfunddreißig Prozent Anteilen am Finanztropf von MediCapital Invest. Die Firma ist auch alleiniger Investor einer hypermodernen medizinischen Forschungseinrichtung in Bern. Außerdem verwaltet sie die Gelder einer Krebsstiftung in Genf.«
Juli verfolgte Toms Erläuterungen auf dem Schaubild, das alle Verbindungen und Namen enthielt.
»Ich habe mir MediCapital näher angesehen. Geschäftsführer ist ein gewisser Luc Gironde. Aber wie im Fall der Liechtensteiner Firma ist er lediglich der eingesetzte Manager. Gründer und Kapitaleigner ist jemand anders: Dr. André Villiers.«
Tom deutete auf seinem Rechner auf eine Reihe von Fotografien, auf der der Mann – mal jünger, mal älter – zu sehen war. Er war schlank und groß, seine Haare bildeten schon in mittlerem Alter einen dürren Kranz, in späteren Jahren trug er eine Glatze. Seine Augen hatten eine stechende, autoritäre Ausstrahlung.
»Ein interessanter Typ«, fuhr Tom fort. »Ein Schweizer. Karrierestart als Arzt in St. Gallen. Dann wurde er zur medizinischen Koryphäe und zum Visionär. In den Siebzigerjahren war er laufend in der Fachpresse. Hat einige bahnbrechende Entdeckungen in der Krebsforschung und der Immunologie gemacht. Dann ist es ruhig um ihn geworden, tragische Familiengeschichte, persönliche Gründe, was auch immer. Jedenfalls hat er sich zurückgezogen. Er muss heute über siebzig sein. Spannend war aber dann Folgendes: In der Zeit, kurz bevor die Hamburger Regierung entschieden hatte, die Krankenhäuser zu privatisieren, ist Villiers mehrfach in Hamburg und zu Gast im Rathaus gewesen, das stand sogar in der Zeitung. Nur hat damals niemand zur Kenntnis genommen, dass er nicht bloß ein alt gewordener prominenter Wissenschaftler war, sondern inzwischen einer der finanzkräftigsten Männer Europas. Also habe ich überprüft, welche Investoren sich inzwischen an den Hamburger Krankenhäusern beteiligt haben. Und, Überraschung, über ein oder zwei Verbindungen stößt man immer wieder auf MediCapital Invest und Villiers.«
»Hältst du es für möglich, dass er sich in Hamburg irgendwie einnisten will? Und dass er auch hinter den Untersuchungen auf der Insel steckt?«
»Das hat doch ganz den Anschein, oder nicht? Berger hatte also vielleicht recht, als er andeutete, dass es bei den Privatisierungen im Gesundheitssektor nicht ganz mit rechten Dingen zugegangen ist. Villiers ist Hamburg finanziell beiseitegesprungen. Und dafür hat man ihm eine Genehmigung erteilt und die Möglichkeit gegeben, unter absoluter Verschwiegenheit auf der Insel zu forschen.«
Juli wiegte den Kopf. »Na ja, aber Beweise haben wir dafür nicht. Und es ist auch immer noch nicht klar, warum in Hamburg und warum auf der Insel. Jemand wie Villiers kann ja vermutlich sogar auf dem Himalaja Labors bauen, was will er ausgerechnet hier?«
»Das ist die große Frage. Aber das ist doch schon mal ein guter Anfang, oder? Ach ja, und noch etwas: Diese Reederei, an der er indirekt beteiligt ist, Validora, hat ihren Firmensitz in Manaus, in Brasilien. Und von dort kamen auch die Schiffe.«
Juli schluckte. Von Manaus aus gelangte man zu dem Urwalddorf, in dem die Ärzte ohne Grenzen arbeiteten. Wo die mysteriösen Leichenteile gefunden worden waren. Und dem Gebiet des Regenwalds, in dem ihre Schwester verschwunden war. Also hatte ihr Instinkt sie nicht getrogen, es gab eine Verbindung, und war sie noch so dünn!
»Wir müssen herausfinden, was sie auf der Insel getrieben haben«, sagte sie. »Was auch immer es war, es hatte mit medizinischen Versuchen und Menschen oder menschlichen Körperteilen zu tun. Und es war geheim, vielleicht sogar illegal, wenn man bedenkt, welchen Aufwand man betrieben hat, um es zu verschleiern.«
»Ich vermute, wir sollten uns gleich mit Berger in Verbindung setzen und ihm die Sachen durchgeben.«
»Ich dachte, du wolltest das lieber alleine durchziehen?«
»Nun haben wir ihn schon am Hals, vielleicht können wir ihn ja nutzbar machen. Zum Beispiel könnte er uns helfen, dass wir nicht noch ein zweites Mal auf der Insel erwischt werden.«
Juli nickte. »Ja, warum nicht? Ich habe sowieso nichts dagegen, wenn sich die Polizei in die Sache einmischt.«
Tom stand auf und ging in die Küche. »Ich werd mal sehen, ob ich die Kaffeemaschine retten kann. Und du, hast du die Briefe deiner Schwester noch mal genau studiert?«
Juli folgte ihm. »Ja, habe ich.« Tatsächlich war es kaum nötig gewesen. Sie kannte die Briefe fast auswendig, so häufig hatte sie sie in den Wochen seit Maries Verschwinden wieder und wieder gelesen. Bei jedem der Briefe erinnerte sie sich genauestens der Situation, als er sie erreicht hatte. Sie erlebte jeden Augenblick noch einmal neu und spürte den sorgenvollen Unterton der letzten Zeilen. Und die Leere, die danach gefolgt war, deren Griff sie in ruhigen Augenblicken noch immer spürte.
»Aber sehr hilfreich sind sie nicht«, fuhr sie fort. »Es gibt eine Kleinigkeit, die wir vielleicht prüfen können.«
Tom, der sich um den Kaffee kümmerte, sah auf. »Ach ja?«
»In ihrem letzten Brief schrieb Marie von einem jungen Arzt, der auch schon ein Jahr zuvor flussaufwärts verschwunden war. Warte, ich lese es dir am besten vor.«
Juli ging zurück ins Wohnzimmer, zog einen Stapel Briefe aus ihrer Tasche, öffnete einen, und als Tom mit zwei kleinen Tassen Kaffee dazukam, las sie vor:
Wir haben den vom Wasser aufgedunsenen und faulenden Kadaver geborgen und untersucht. Es war ein mit Beulen übersäter missgestalteter Mann. Dem Körper fehlten beide Hände, und von einem Bein war nur der Stumpf des Oberschenkels übrig. Brust und Bauch waren vollkommen aufgerissen. Reichlich abstoßend, und der Gestank war die reine Hölle; dagegen ist die Pathologie am UKE ein Kindermärchen.
Wir haben an mehreren Stellen eine ungewöhnliche, borstige Behaarung entdeckt. Überall gab es Beulen unter der Haut wie Geschwüre. Vielleicht eine Krankheit. Das Fleisch war im Kern seltsam violett verfärbt. Niemand von uns konnte sich das erklären. Wir haben die Polizei in Manaus verständigt, die ist allerdings bis heute nicht gekommen. Inzwischen sind die Leichenreste verbrannt worden. Das Ganze war eine reichlich seltsame und mystische Aktion, aber das ist eine Geschichte für sich.
Die Einheimischen hatten natürlich sofort etwas von Walddämonen geflüstert, wie sie eben so sind. Die Stimmung ist abergläubisch, und alles wirkt sehr mysteriös. Ich hab ein bisschen rumgeforscht und von Susan – die Campleiterin, du kennst sie ja – schließlich erfahren, dass vor einem Jahr ein junger Student aus dem Team, Oliver, diesen Gerüchten einmal nachgehen wollte. Er soll wohl ein recht verdrehter Typ gewesen sein, interessierte sich für Fabelwesen und Schamanismus und solche Sachen. Jedenfalls hatte er sich vom Camp abgemeldet und war mit Sack und Pack flussaufwärts gezogen, weil er herausfinden wollte, was dahintersteckt. Er hatte sich danach aber nicht wieder zurückgemeldet. Ich schätze, den hat ohnehin keiner richtig vermisst.
Ich habe das Gefühl, hier wird irgendetwas verheimlicht, aber ich kann den Finger nicht drauf legen. Ich werde mal weitere Nachforschungen betreiben und dir dann alle Details schreiben, wenn ich selbst mehr weiß.
Juli reichte den Brief an Tom.
»Vielleicht lässt sich etwas über diesen Oliver erfahren«, schlug sie vor. »Es könnte doch sein, dass man inzwischen etwas über seinen Verbleib weiß und was er herausgefunden hat.«
Tom überflog den Brief. »Hm … Das wird nicht leicht. Oliver ist ja nicht gerade ein einzigartiger Name.«
»Es könnte aber klappen. Das Team im Dorf bilden hauptsächlich Ärzte und Studenten aus Deutschland und insbesondere aus Hamburg, weil die Teamleiterin hier in Hamburg an der Uni Vorlesungen hält und immer wieder Leute anwirbt. Es gibt ein Büro auf dem Campus, wo man sich melden kann, und die wissen, wer sonst noch im Camp ist. Mit Sicherheit haben sie auch Unterlagen aus den vergangenen Jahren.«
»Okay, das ist einen Versuch wert! Aber wenn du dir solche Sorgen um den Verbleib deiner Schwester machst, warum bist du dieser Spur nicht schon längst nachgegangen? Ich meine, da werden Leichenteile angespült, ein Typ geht in den Wald und kommt nicht zurück. Ein Jahr später passiert es wieder, deine Schwester geht auch in den Wald und kommt auch nicht zurück. Das klingt doch verdächtig nach einem Muster.«
»Ja, ich weiß. Ich habe das Camp ja kontaktiert und danach gefragt, und die haben sich sogar auf den Weg gemacht, sie zu suchen. Aber Susan betonte immer wieder, dass es nun mal eine gefährliche Gegend sei und jedes Jahr Hunderte von Menschen im Urwald verschwinden. Durch Unfälle, Krankheiten oder wilde Tiere oder weil sie sich verlaufen.«
»Na ja, verlaufen? Dafür gibt es doch GPS-Geräte und Satellitentelefone.«
»Dafür braucht man aber eine Lichtung oder einen hohen Baum, das ist nicht so leicht, wie du dir das vorstellst.«
Tom gab ihr den Brief zurück. »Du kennst dich wohl ganz gut aus, hm? Und woher kennst du diese Susan?«
»Ich war selbst auch schon zweimal in dem Camp, in den Semesterferien. Habe dafür ja sogar Portugiesisch gelernt.«
Tom hob die Augenbrauen. »Dann hättest du doch in den letzten Wochen hinfliegen können, um nach dem Rechten zu sehen.«
»Sicher! Ich hatte auch schon ein Ticket gebucht, aber Susan hat es mir untersagt, weil bei ihnen gerade ein heftiger Virus umgeht und sie das gesamte Dorf zur Quarantänezone erklären mussten. Es kommt keiner rein oder raus.«
Tom zuckte mit den Schultern. »Na gut, dann bleibt uns also dieser Oliver. Versuch du etwas über ihn in Erfahrung zu bringen. Ich werde mich bei Berger melden und ihm die bisherigen Hinweise durchgeben.«
Hauptkommissar Berger hörte sich an, was Tom über die Verflechtungen der Firmen zu erzählen hatte.
»Ich habe dazu ein Schaubild erstellt«, erklärte Tom, »das ich Ihnen per E-Mail schicken kann.«
»Vielen Dank, Herr Hiller, aber das wird nicht nötig sein.«
Tom meinte, durch das Telefon den herablassenden Gesichtsausdruck des Mannes sehen zu können.
»Diese Verbindungen sind mir schon länger bekannt. Aber weder ist das außergewöhnlich schwierig aufzudecken, noch ist daran irgendetwas Illegales. Wenn Sie mir weiterhelfen möchten – und das sollten Sie in Ihrem eigenen Interesse –, dann müssen Sie mir schon etwas Substanzielleres bringen.«
»Wie stellen Sie sich das vor?«, gab Tom gereizt zurück.
»Sie sind der Journalist, Herr Hiller, nicht ich. Wenn es so einfach wäre, wie Sie sich das offenbar gedacht haben, wäre die Sache schon längst aufgeflogen. Also strengen Sie sich ein bisschen an und verschwenden Sie nicht meine Zeit.«
»Wir müssen dazu noch einmal auf die Insel.«
»Was Sie meinen zu müssen, interessiert mich nicht. Sie wissen, dass es illegal ist.«
»Wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter.«
»Das will ich nicht gehört haben. Wenn die Wasserschutzpolizei Sie auf ihrer nächtlichen Patrouille heute um halb drei oder morgen um eins erwischt, werde ich bestimmt kein zweites Mal die Augen zudrücken können.«
»Heute um halb drei und morgen um eins?«
»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen, Herr Hiller. Und jetzt muss ich weiterarbeiten und hoffe, dass Sie es auch tun.«
Damit legte er auf.
Tom grinste. Berger mochte ein arroganter Klotz sein, aber dumm war er nicht.
Am frühen Abend parkte Tom vor einem alten Haus in Hamburgs Norden. Es war eine baumreiche, fast waldige Gegend, wo sich in den Nebenstraßen und hinter mannshohen Hecken prachtvolle Villen verbargen. Anders als an der Elbchaussee, wo jene Prominenten ihre Villen pflegten, die Wert auf Sichtbarkeit und eine exquisite Adresse legten, zog es die Millionäre hier in die Abgeschiedenheit einer fast dörflichen Umgebung. Denn im Norden der Hansestadt befanden sich nicht nur übergroße Parkgrundstücke und von Sicherheitskameras beobachtete Millionenobjekte, sondern auch Backsteinhäuser, die vor vielen Jahrzehnten einmal von wohlhabenden Kaufleuten erbaut worden waren. Diese Häuser wurden häufig nur in den Familien weitervererbt, denn niemand wollte die noblen Altbauten und ihre einzigartigen Grundstücke aufgeben, egal wie baufällig sie inzwischen sein mochten. Allein ihre Lage war zu kostbar, und Neubesitzer hätten sie vermutlich abgerissen.
Vor einem solchen Haus stiegen Tom und Juli aus. Es war dreistöckig, mit mehreren Erkern, verspielten Holzschnitzereien an den Balkonen und einem verwinkelten und mit Schiefer bedeckten Spitzdach. Tom schätzte das Alter des Anwesens auf mindestens einhundert Jahre. Es war deutlich, dass das Haus bessere Zeiten gesehen hatte, und nicht nur der Garten, auch die Fassade aus Backstein und Fachwerk hätte Pflege und Restauration nötig gehabt.
Sie klingelten an der Gartenpforte. Nachdem der Summer betätigt wurde und sie auf das Haus zugingen, erwartete sie eine junge Frau an der um einige Stufen erhöhten Haustür.
»Guten Tag, Frau Scholz, ich bin Julia Thomas, und das ist mein Kollege Thomas Hiller. Wir hatten telefoniert.«
Die Frau grüßte und führte sie durch eine kleine Vorhalle in ein geräumiges Wohnzimmer, wo sie ihnen Plätze auf einer Sofagarnitur anbot.
»Ich habe mich über Ihren Anruf sehr gewundert«, sagte sie. »Seit fast einem Jahr habe ich nichts mehr von den Ärzten ohne Grenzen gehört.«
Tom betrachtete die Frau genauer. Er schätzte sie auf Ende zwanzig. Körperlich noch fast jugendlich, aber ihr Gesicht wies einige tiefe Falten auf, die ihr einen verhärmten Ausdruck verliehen. Sie wirkte nicht abgerissen oder verlebt, im Gegenteil, das Haus, das Mobiliar und auch ihre Kleidung zeugten von ausreichend Geld, um ein sorgenfreies Leben führen zu können. Vermutlich von Beruf Tochter, schätzte er. Mit einer goldenen Saugglocke auf die Welt geholt. Aber glücklich schien sie nicht zu sein. Vielleicht war sie von Natur aus griesgrämig.
»Es geht zwar um das Camp der Ärzte ohne Grenzen«, erklärte Juli, »und ich bin als Medizinstudentin selbst schon dort gewesen, aber wir selbst gehören nicht direkt dazu.« Sie deutete auf Tom. »Herr Hiller ist freier Journalist, und ich selbst arbeite noch an meiner Promotion in der Humanmedizin. Gemeinsam recherchieren wir für einen Bericht über das Camp in Brasilien. Das Camp, in dem Ihr Bruder, Oliver, gewesen ist.«
Bei der Erwähnung des Namens zog sich der Mund der Frau zu einer schmalen Linie zusammen, aber sie nickte.
»Wir haben erfahren, dass er im Camp gearbeitet, sich aber dann auf den Weg zu einer Expedition gemacht hat, weil er einige Vorfälle untersuchen wollte. Man sagte uns, er sei danach nicht wieder zu den Ärzten zurückgekehrt, und wir wollten uns bei Ihnen erkundigen, was genau damals geschah und was aus ihm und seiner Expedition geworden ist.«
»Oliver ist nicht zurückgekommen«, sagte die Frau knapp. »Weder zu den Ärzten noch nach Hamburg. Ich weiß nicht, wo er ist.«
Juli zuckte innerlich zusammen. Es war, wie sie befürchtet hatte. »Ist er … verschollen?«
»Ja, das ist er.«
Tom beobachtete, wie die Frau den Blick senkte und sich die Falten in ihrem Gesicht noch tiefer eingruben. Es waren Falten der Trauer, wie er jetzt erkannte.
»Das tut mir aufrichtig leid«, sagte Juli und beugte sich vor. »Der Verlust eines geliebten Menschen ist furchtbar, umso schlimmer, wenn man nichts Sicheres über den Verbleib weiß.« Sie machte eine Pause. »Ich weiß, was Sie fühlen. Mir geht es nämlich genauso.«
Die Frau sah mit einer langsamen Bewegung auf.
»Meine Schwester ist ebenfalls verschollen«, erklärte Juli. »Und zwar ebendort, im selben Camp. Seit mehreren Wochen gibt es keine Spur von ihr.«
Julis Stimme war leiser geworden.
Tom spürte die Bedrückung im Raum und fühlte sich gezwungen, etwas zu sagen. »Wir sind gekommen, weil wir der Sache auf den Grund gehen wollen«, erklärte er. »Vielleicht können wir Ihnen helfen, und vielleicht können Sie uns helfen.«
»Wissen Sie denn etwas?«, fragte die Frau.
»Nein«, erklärte Juli mit sanfter Stimme. »Aber wir sind fest entschlossen, es herauszufinden.« Sie setzte sich aufrecht. »Sehen Sie, meine Schwester hat mir viele Briefe aus Brasilien geschrieben. Aus diesen Briefen wissen wir auch von Oliver, denn man hat ihr von ihm erzählt. Offenbar gab es damals einen Vorfall. Etwas wurde vom Fluss angespült, und daraufhin erst hat sich Ihr Bruder entschieden, eine Expedition zu unternehmen. Wir vermuten, dass etwas seine Aufmerksamkeit erregt hat, und wir wüssten gerne, womit er sich beschäftigt hat. Hat er Ihnen auch geschrieben? Oder Ihren Eltern?«
»Unsere Eltern sind schon vor einigen Jahren gestorben«, erklärte die Frau. »Daher haben wir dieses Haus gemeinsam bewohnt. Es ist ja groß genug, und solange er noch Student war, war es die beste Lösung.«
»Aber Sie beide standen in Kontakt?«
»Nicht sonderlich, nein. Er ist eher ein verschlossener Typ und betrachtet das Haus als eine WG, in der man ungestört nebeneinanderher leben konnte. Nein, geschrieben hat er nicht. Wir haben ein- oder zweimal telefoniert, aber das war Wochen vor seinem Verschwinden.«
»Hat er dabei irgendetwas erwähnt oder einen merkwürdigen Eindruck gemacht?«, fragte Tom.
Die Frau schüttelte den Kopf. »Überhaupt nicht. Ich sollte ihm Geld überweisen und ein Vorlesungsverzeichnis von der Universität besorgen. Solche Sachen.«
»Womit hat er sich denn neben der Medizin sonst noch beschäftigt?«, fragte Tom. »Vielleicht gibt uns das einen Hinweis darauf, was ihn angetrieben hat, plötzlich loszuziehen.«
»Ich wusste nicht, dass es einen besonderen Anlass gegeben hatte. Mir sagte man nur, dass er eines Morgens losmarschiert sei. Und scheinbar fühlte sich keiner im Camp für ihn verantwortlich. Angeblich war man zwar zwei Wochen später flussaufwärts unterwegs gewesen, hatte dabei aber keine Spuren von ihm gefunden. Sie wollten ihn nicht als vermisst melden, weil er sich regelrecht abgemeldet und auch nichts davon gesagt hatte, dass er zurückkehren wollte. Also ist man wohl davon ausgegangen, dass er über den Fluss oder auf anderem Weg allein zurück nach Manaus gezogen ist.«
»In den Briefen, die ich von meiner Schwester erhalten habe«, erklärte Juli, »stand, dass er sich für Mythologie interessierte. Und als die Dorfbewohner nach dem Fund dieser Sachen anfingen, von Walddämonen zu sprechen, ist er aufgebrochen.«
»Was waren das für Funde?«
Juli sah Tom an. Sie hatte vermeiden wollen, die grausigen Details zu beschreiben, um die Frau nicht zu beunruhigen. Aber Tom nickte nur.
»Es waren Leichenteile«, sagte sie schließlich.
Die Frau schwieg, aber ihre Augen weiteten sich.
»Deswegen möchten wir unbedingt herausfinden, was in dem Dorf vor sich geht«, sagte Tom.
»Ich will nicht glauben, dass meine Schwester und Ihr Bruder einfach verunglückt sind«, fügte Juli hinzu. »Wenn dort etwas nicht mit rechten Dingen vor sich geht, müssen wir es aufdecken.«
»Vielleicht war Ihr Bruder auf einer Spur, die uns weiterhelfen kann«, sagte Tom.
»Er war nie besonders kommunikativ, aber sich ein Jahr lang nicht zu melden, das ist überhaupt nicht seine Art. Es muss ihm etwas zugestoßen sein. Ich habe schon vor Monaten von ihm Abschied genommen.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht erlauben, dass Sie mir Hoffnungen machen.«
»Ich verstehe das«, sagte Juli behutsam. Sie selbst wollte nicht glauben, dass ihre Schwester möglicherweise tot war. Aber diese Frau hatte ihren Bruder bereits vor einem Jahr verloren. Sie hatte lange mit diesem Gedanken gekämpft und sich ihm ergeben. Es war verständlich, wenn sie sich nicht auf eine vielleicht bösartig trügerische Hoffnung einlassen wollte, um nicht erneut daran zu zerbrechen. Aber der Sinn für Gerechtigkeit mochte sie vielleicht aufrütteln. »Wenn hier ein Unrecht geschehen ist, müssen wir etwas unternehmen. Schon aus Verpflichtung unseren Geschwistern gegenüber.«
Die Frau schluckte und atmete tief ein.
»Ja«, sagte sie. Dann stand sie auf. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen seine Zimmer.«
Sie folgten ihr durch das Haus in den ersten Stock.
»Das hier ist sein Schlafzimmer«, erklärte sie, »und das hier das Arbeitszimmer. Ein ziemliches Durcheinander. Aber er kommt damit zurecht. Oder kam …«
Der Raum sah aus wie eine typische Studentenbehausung, in der sich bis zum nächsten Umzug einfach alles ansammelte. Der Schreibtisch war mit Büchern und Papieren überhäuft, auf dem Boden türmten sich Zeitschriften und Unterlagen, und die Regale quollen auf dieselbe Weise über.
»Vielleicht finden Sie etwas, das Ihnen weiterhilft«, sagte die Frau. »Ich werde wieder nach unten gehen. Wenn Sie etwas brauchen, rufen Sie einfach.« Dann ging sie und überließ Tom und Juli sich selbst.
»Also gut«, meinte Tom. »Dann schauen wir mal, ob wir irgendetwas finden, das uns einen Hinweis gibt.«
Während Juli die Unterlagen auf dem Boden und auf dem Schreibtisch sichtete, sah sich Tom die Regale an. Neben wissenschaftlichen Zeitschriften, die Oliver offenbar im Abonnement bezogen hatte, fanden sich allerlei medizinische Fachbücher, aber auch Bildbände und Romane. Tom bemerkte eine gewisse thematische Ordnung in den verschiedenen Fächern. So beschäftigten sich die Romane häufig mit denselben Ländern wie die daneben liegenden Bildbände und die Reiseliteratur. Oliver hatte sich für vielerlei Kulturen und Anthropologie interessiert. Das Regal mit der umfangreichsten Sammlung enthielt allerdings Bücher und Hefte, die Mythologie, Sagen und Märchen zum Thema hatten. Auch viele religiöse Texte waren dabei. War Oliver ein religiöser Mensch gewesen? War er auf einer Sinnsuche gewesen?
Toms Überlegungen wurden kurz darauf zerstreut, als er feststellte, in welchem Zusammenhang diese Bücher hier aufbewahrt wurden. Neben dem MythologieBereich befanden sich pseudowissenschaftliche Sachbücher über Kryptozoologie, Abenteuerromane über verlorene Kontinente und unbekannte Tierarten, Jules Verne, Arthur Conan Doyle. Dann folgte Literatur über Schöpfungsmythen und Sachbücher, die den Kreationismus vertraten, Romane über wissenschaftliche Experimente, Frankenstein, Jurassic Park, und schließlich medizinische Artikel und Abhandlungen über Gentechnologie und Xenotransplantation. Tom, der den Begriff noch nie gehört hatte, blätterte hindurch und verstand, dass es sich um die Transplantation von tierischem Gewebe oder Organen in Menschen drehte. In allem ging es um Chimären und Hybriden, um Mischwesen aus Mensch und Tier, zum Teil aus dem Altertum überliefert, zum Teil in Romanen verarbeitet und zum Teil als tatsächliches Arbeitsgebiet in der modernen Forschung.
»Ich denke, ich habe etwas«, wandte er sich an Juli.
Sie drehte sich um und hielt ein Ringbuch in der Hand. »Ich auch«, gab sie zurück.
»Was ist das?«
»Ein Notizbuch. Er hat noch einige andere davon, aber dieses hier ist nicht ganz voll, und ich denke, das war das aktuellste.«
»Und was schreibt er?«
»Hier sind haufenweise Zeichnungen drin. Komische Monster und daneben Beschriftungen und Beschreibungen, so als hätte er sich das selbst ausgedacht. Er schien eine lebhafte Fantasie zu haben.«
»Vielleicht hat er nicht fantasiert«, sagte Tom, »sondern er hat davon gelesen und versucht, sich ein Bild zu machen.« Er deutete auf das Regal. »Dort drüben stehen haufenweise solche Bücher. Mythologie und Kryptozoologie. Möglich, dass er sich als Forscher sah, der den Kern von Legenden wie dem Monster von Loch Ness und diesem Dinosaurier im Kongo auf die Spur kommen wollte.«
»Er schreibt hier von einem Wesen, das man überall in Lateinamerika kennt. Chupacabra wird es genannt.« Sie las eine Passage aus dem Notizbuch vor:
Der Chupacabra ist als Legende nicht nur in Brasilien, sondern in ganz Mittel- und Südamerika bekannt. Er überfällt normalerweise kleine Tiere wie Schafe oder Ziegen und tötet sie in der Nacht, indem er ihnen das Blut vollständig aussaugt. Das Wesen soll nicht viel größer als ein Schäferhund sein, rot leuchtende Augen haben und sich perfekt tarnen können. Alle, die behaupten, einen Chupacabra gesehen zu haben, beschreiben ihn aber anders, und die Exemplare, die man bisher gefangen oder tot gefunden hat, waren allesamt abgemagerte Kadaver von irgendwelchen anderen Tieren wie Füchsen oder Coyoten.
Inzwischen glaube ich, dass es den Chupacabra gar nicht gibt, sondern dass man den Begriff einfach als Synonym für alles Unerklärliche und Gefährliche verwendet. Deswegen sind die ganzen Beschreibungen so vielfältig und beliebig. Vielleicht sind es aber auch verschiedene Wesen oder Mutationen einer Spezies, die alle etwas anders aussehen.
Was letztes Jahr passiert ist, kann jedenfalls unmöglich mit einem solchen Chupacabra zu tun haben, auch wenn die Indios darauf bestehen. Aber der Chupacabra frisst kein Fleisch, es geht ihm nur um das Blut, das ist der gemeinsame Aspekt aller Geschichten. Außerdem ist er in keiner der Legenden so groß, dass er einen Menschen angreifen könnte.
Letztes Jahr war ich viel zu schockiert, um noch weiter nachzuhaken. Wenn ich jetzt im Camp bin, werde ich mich jedenfalls besser umhören.
»Es ist schon einmal etwas passiert!«, sagte Tom.
»Ja, ganz genau«, gab Juli zurück. »Und auch damals war Oliver bereits im Camp. Ein Jahr später ist er noch einmal hingefahren, kurz nachdem er das hier geschrieben hatte.«
»Und dann gab es wieder einen Vorfall«, überlegte Tom. »Vermutlich hat er dieses Mal die Indios ausgequetscht. Die haben ihm irgendetwas erzählt, und daraufhin ist er in den Urwald aufgebrochen.«
»Er suchte den Chupacabra … Wenn wir nur wüssten, was genau sie ihm erzählt haben.«
»Etwas ist dort jedenfalls nicht normal. Als deine Schwester dort ist, wird eine verstümmelte Leiche angeschwemmt, ein Jahr davor wird Oliver Zeuge, wie das Gleiche passiert, und wie wir jetzt erfahren, hatte er ein Jahr früher bereits schon einmal ein schockierendes Erlebnis in dem Camp gehabt.«
»Vielleicht finden wir heraus, was es war«, sagte Juli. Sie deutete auf einen Stapel Ringbücher. »Er schien sich ja viele Notizen zu machen. Ich kann mir vorstellen, dass er von dem ersten Vorfall im Camp auch etwas festgehalten hat.«
»Also pack alles ein. Da haben wir ja nun eine Menge zu lesen …«