Kapitel 3 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 12. Mai
Christian führte mich aus dem Lagerraum und stützte mich, während ich mich auf den Boden setzte und an die Außenwand lehnte.
Er scherzte noch, dass ich wohl doch mehr zu Mittag hätte essen sollen, aber mir war nicht nach Scherzen zumute, und der Gedanke an Essen ließ meine Eingeweide nur noch mehr zusammenziehen. Der widerwärtige Leichengestank hatte mich noch immer in seinem Griff, schien nicht aus meiner Nase weichen zu wollen. Ich versuchte tief einzuatmen, so tief es in einem Klima möglich ist, das einer Waschküche gleicht, und es dauerte bestimmt zehn Minuten, bis sich mein Kreislauf beruhigt hatte.
Mir war klar, dass ich eine lausige Figur abgab, und auch wenn Christian sich um mich kümmerte, mir sogar ein Glas Fruchtsaft holte, wusste ich, dass sich meine Reaktion in Windeseile verbreiten und ich zum Gespött des ganzen Lagers werden würde.
Ich saß da und haderte, ob ich es nun dabei bewenden lassen oder einen zweiten Anlauf wagen sollte. Würde ich etwas beweisen, wenn ich mir die Leiche erneut ansah und auf den Boden kotzte? Wie arbeiteten Pathologen, die mit derart stark verwesten menschlichen Überresten konfrontiert wurden? Was taten Bestatter, wenn sie eine Leiche exhumieren mussten, einen Zinksarg ans Tageslicht holten und ihnen der Inhalt als dunkel vergorener Sirup entgegenschwappte?
Ich kenne das nur aus Erzählungen und bin dem – wie ich mir gerade eingestehen muss – in meinem Studium immer ausgewichen. Aber allzu oft gab es solche Extremsituationen auch nicht, und ich überlegte, ob Christian nicht vielleicht recht hatte; hier gab es tatsächlich etwas zu lernen. Doch nach dem wenigen, das ich gesehen und gerochen hatte, war hier nicht mehr viel übrig, aus dem medizinische Erkenntnisse zu ziehen waren. Aber ich konnte etwas über mich selbst lernen. Wie gut würde es mir gelingen, mich meinem Ekel zu stellen? Mir die natürlichen biologischen und chemischen Prozesse vorzustellen, die Verwesung und die damit einhergehenden Veränderungen aus wissenschaftlicher Sicht zu vergegenwärtigen. Es war Natur pur, nichts, was nicht längst in jedem Detail untersucht und erklärt war. Nichts Menschliches durfte mir fremd sein, der Körper und alles, was er aufnahm, produzierte und ausschied – und wozu er wieder verfiel.
Also stand ich auf und sagte Christian, dass ich wieder okay wäre. Er lachte und bot mir eine kleine Dose mit Tigerbalm an. Ich sollte es mir unter die Nase reiben, so wie er es getan hätte. Ich war sicher, dass er mir diesen Trick absichtlich verschwiegen hatte, um sich über meine Reaktion zu amüsieren. Verärgert folgte ich seinem Ratschlag und merkte sofort, wie die starken ätherischen Dämpfe der Paste meine Nase vollkommen in Beschlag nahmen und alle anderen Gerüche um mich herum verdrängten.
Dann gingen wir noch einmal in den Lagerraum. Ich machte mich auf den Ansturm des Gestanks gefasst, aber nun war er hinter dem Mentholgeruch der Salbe nur noch schwach wahrnehmbar.
Wir traten an den Tisch neben die Ventilatoren. Christian sagte noch so etwas wie »Jetzt wird’s heftig« oder so ähnlich, dann zog er mit einem Ruck die Leichentücher zurück. Universitätsklinikum Eppendorf, Hamburg, 20. Juli
Tom war schon eine Viertelstunde vor dem Termin auf dem Gelände. Er lungerte eine Weile herum, dann suchte er eine Parkbank, die etwas abseits des Hauptwegs stand, aber einen Blick auf den Zugang zum Gebäude ermöglichte. Er rauchte lustlos eine Zigarette und wartete.
Als er sie schließlich in einiger Entfernung auf den Eingang zukommen sah, blieb er noch sitzen. Er hatte ja viel zu tun, also musste er später eintreffen und ihr vermitteln, dass es ihr dringlicher war als ihm. Ein paar Minuten später ging er dann eilig hinüber.
»Guten Morgen«, grüßte er sie. »Na, das habe ich ja gerade noch geschafft. Ach, Sie sind es!«
»Das wollte ich auch gerade sagen«, erwiderte sie, als sie ihn erkannte. »Dann war es kein Zufall, dass Sie gestern auch hier waren?«
»Ich bin öfter hier, wenn ich recherchiere.«
»Ach so. Nun, wollen wir reingehen?«
Tom musterte sie verstohlen. Sie war einen ganzen Kopf kleiner als er. Ihre enge Jeans betonte ihre sportliche Figur, aber abgesehen davon hatte sie sich nicht ausdrücklich sexy herausgeputzt. Obwohl sie es sich hätte leisten können, wie er fand. Unter ihrer kurz geschnittenen offenen Jacke meinte er eine schmale Taille zu erkennen, und ihre helle Bluse wölbte sich vorn reizvoll aus. Er nahm sich vor, noch genauer auf das Gesicht zu achten.
Am Empfang war der gleiche Mann wie am Tag zuvor.
»Hallo Juli, guten Tag, Herr Doktor«, grüßte er. »Was kann ich tun?«
»Hallo Frank. Ist Professor Heide jetzt zu sprechen?«, fragte Juli.
Der Angesprochene nickte. »Ja. Du weißt ja, wo du ihn findest.«
»Danke!« Sie wandte sich an Tom. »Kommen Sie.«
Sie gingen durch eine Tür und einen Flur entlang.
»Doktor?«, fragte sie.
»Ich … Er muss mich mit jemandem verwechselt haben.«
»Soso«, sie lachte. »Oder haben Sie etwa undercover recherchiert?«
Er grinste. »Na gut, erwischt.«
»Etwa als Doktor Hiller?«
Er zuckte mit den Schultern.
»Da haben Sie Glück, dass Frank noch nicht so lange dabei ist«, sagte sie. »Wenn er im System nachgesehen hätte, wäre er Ihnen schnell auf die Schliche gekommen.«
»Sie können Tom zu mir sagen.«
»Oh, schön. Ich bin Juli.«
»Dieser Professor Heide, glaubst du, er hat etwas mit dem Fuß zu tun?«
»Er selbst sicher nicht. Aber ich kenne ihn schon einige Zeit, und ich glaube, er mag mich. Sicher erzählt er mir, in welcher Abteilung der Fuß ist, und vielleicht gibt er uns auch die Daten frei.«
Das Büro von Professor Heide sah nicht aus wie das Arbeitszimmer eines Arztes, sondern hätte auch das eines Abteilungsleiters oder Rechtsanwalts sein können. Den Boden belegte ein grauer Industrieteppich, zwei Bilder an den Wänden zeigten Motive mit Segelschiffen, es gab ein Bücherregal mit massigen Bänden und zahlreichen Ordnern, einen hüfthohen Aktenschrank und einen kleinen Konferenztisch mit vier Stühlen.
Nur Professor Heide war nicht da.
»Vielleicht ist er gerade auf dem Klo«, sagte Tom und sah sich um.
Juli ging zurück zur Tür und sah auf den Flur. »Er kommt bestimmt sofort wieder, sonst wäre die Tür abgeschlossen gewesen.«
»Also einen Termin hat er nicht«, sagte Tom, der um den Schreibtisch herumgegangen war und auf den Computerbildschirm sah.
»Was machst du denn da?!«
Tom hob die Hände. »Nichts. Habe nichts angefasst. Aber sein Kalender ist offen, und hier steht, dass sein nächster Termin erst um halb eins ist.«
»Du kannst doch nicht an seinen Rechner gehen!«
Tom bewegte die Maus. »Jemand war hier.«
»Wie meinst du das?«
»Hier ist noch ein anderes Programm offen. Irgendeine Datenbank. Das letzte Suchergebnis ist noch zu sehen. Jemand muss sich nach derselben Sache erkundigt haben. Sieh mal!«
Nach einem letzten Blick auf den Flur eilte Juli zum Bildschirm. »Der Fuß! Der Eingang wurde vorgestern registriert, die Untersuchung für heute Morgen angesetzt. Im Labor der Forensischen Molekularbiologie. Da machen sie DNA-Analysen.«
»Reicht uns das als Info? Weißt du, wo das ist?«
»So ungefähr.«
Tom deutete auf verschiedene Felder und Optionen der Bildschirmmaske. »Und siehst du da irgendwelche Ergebnisse?«
»Nein, nichts. Wir müssen ins Labor und dort fragen.«
»Also dann, nichts wie hin!«
Sie liefen mehrere Flure entlang und durch verschiedene, aneinandergrenzende Gebäude, bis sie den gesuchten Trakt erreichten.
»Vielleicht ist der Professor hier irgendwo«, überlegte Juli. »Er hat sich mit jemandem über die Untersuchung unterhalten, vielleicht ja mit der Polizei. Dann hat er gesehen, dass es noch keine Analysen gibt, und nun ist er gemeinsam mit dem Beamten hierhergegangen.«
»Und lässt sein Büro offen? Das kann ich mir nicht vorstellen.«
»Wir müssen hier entlang. Das Labor ist am Ende des Flurs.«
Als sie die Tür erreicht hatten, klopfte Juli an. Als von drinnen keine Stimmen zu hören waren, drückte sie die Klinke hinunter. Die Tür schwang auf, und das Erste, was sie sahen, war ein unsagbares Chaos, als wäre ein Sturm durch den Raum gefegt. Der Boden war übersät mit Papier, Büchern und Mappen, dazwischen lagen Flaschen und Scherben aus Glas und Porzellan. Eine schwere, silberfarbene Maschine war zu Boden gestürzt, ein Stuhl umgekippt. Die Regale und Tische waren leer gefegt.
»Meine Güte!«, entfuhr es Juli. »Hier ist jemand eingebrochen.«
Tom trat einige Schritte in den Raum. »Und nicht nur das! Dort!« Er eilte in eine Ecke. Ein Mann mit weißem Kittel lag auf dem Boden, eine Wunde am Kopf ließ seine Haare nass glänzen, und auf dem Linoleum hatte sich eine dunkelrote Lache gebildet.
Juli stürzte hinzu.
»Atmet er noch?«, fragte Juli.
Sie kniete sich nieder und drehte den Mann auf die Seite. Er stöhnte leise auf.
»Wir müssen Hilfe holen«, rief Juli. »Such das Telefon.«
Tom drehte sich um und nahm gerade noch wahr, wie etwas durch das geöffnete Fenster flog. Im nächsten Augenblick hörte er ein Splittern, dann schlug ihm eine blendende Wand aus Hitze entgegen.
Tom stolperte entsetzt rückwärts. Flammen loderten auf, breiteten sich über den Boden aus und leckten an den Regalen. Er hielt einen Arm schützend vor sein Gesicht und rief:
»Juli?!«
Dann entdeckte er sie. Sie kniete noch immer neben dem Verletzten, aber nun brannte ihre Jacke, und sie schlug um sich, um die Flammen zu löschen.
Er eilte zu ihr. »Du musst sie ausziehen!« Der Jeansstoff war mit Spritzern einer Flüssigkeit bedeckt, der Brand ließ sich nicht ersticken. Tom packte die Jacke am Kragen. »Arme nach hinten!« Juli wand sich, und einen Augenblick später gelang es Tom, ihr die Jacke vom Rücken zu reißen.
Nun heulten Alarmsirenen auf, und die Sprinkleranlage sprang an.
»Danke!«, rief Juli.
»Bist du verletzt?«
»Ein bisschen angekokelt, aber alles noch dran.«
»Wir müssen raus hier!«
»Aber nicht ohne ihn!« Juli deutete auf den Verletzten.
Gemeinsam hievten sie den Mann hoch, der noch immer nicht bei Bewusstsein war.
»Den Arm so über die Schulter nehmen«, rief Tom. Juli folgte seiner Anweisung. Sie schleiften den Mann zwischen brennenden Pfützen hindurch und suchten die Tür. Der Raum füllte sich mit Rauch, und das von der Decke sprühende Wasser behinderte zusätzlich die Sicht.
Mühsam erreichten sie schließlich den Gang. Auch hier versank alles in künstlichem Regen. Juli blieb einen Moment stehen, um durchzuatmen. Dann setzten sie ihren Weg fort.
Als sie das Gebäude schließlich verließen, fanden sie sich draußen in einer größer werdenden Menschenmenge wieder. Zu den aus dem Institut geflohenen Mitarbeitern gesellten sich mehr und mehr Schaulustige aus den umliegenden Büros.
Sie legten den Verletzten auf den Boden und wurden sofort umringt. Von allen Seiten stürmten Fragen auf sie ein, mehrere Leute telefonierten, Sirenen von Feuerwehr und Krankenwagen waren zu hören.
Tom raunte Juli ins Ohr, die sich erschöpft auf ihre Knie stützte: »Wir müssen weg.«
»Was?!«, stieß sie zwischen zwei tiefen Atemzügen hervor. »Wir müssen auf die Polizei warten. Unsere Aussage.«
»Wenn, dann stehe ich als Autor in der Zeitung«, erklärte er, »aber nicht als Zeuge.«
»Aber wir müssen der Polizei helfen.«
Tom griff sie an der Schulter. »Die kommen schon zurecht. Los, lass uns gehen.«
Juli zögerte.
»Wir müssen eine Nasenlänge voraus bleiben, wenn wir herausfinden wollen, was hier läuft!«, setzte Tom nach.
Schließlich nickte sie. »Okay. Ich habe eine Idee.« Sie richtete sich auf, und gemeinsam drängten sie sich durch die umstehenden Leute, die sich hauptsächlich für den Verletzten und die aus dem Gebäude dringenden Rauchschwaden interessierten.
»Wo willst du hin?«, fragte Tom.
»Einen Freund suchen.«
»Es ist nicht Sinn einer Ermittlung, jedem alles auszuposaunen«, sagte Tom leise.
»Er hätte uns sonst nicht geholfen«, gab Juli zurück.
Der Mann, den Juli nach einem Telefonat aufgespürt und den sie nun in einem anderen Gebäude besucht hatten, hieß Hwang und war Koreaner. Er arbeitete im Rechenzentrum des UKE. Woher Juli ihn kannte, sagte sie nicht. Tom hielt es für mehr als ungewöhnlich, wenn sich eine Frau mit Programmierern herumtrieb. Das sah weder Frauen ähnlich noch den Computerfreaks. Es gab da diesen Witz von dem Hacker, dem ein verzauberter Frosch sagt, er würde sich für einen Kuss in eine hübsche nackte Frau verwandeln, und der Hacker sich dagegen entscheidet mit der Begründung, er wüsste nicht, was er mit einer Frau anstellen solle, aber ein sprechender Frosch sei cool.
Tom verbarg sein Erstaunen, als sich Hwang nicht nur als sportlicher Typ herausstellte, sondern auch in vollständigen Sätzen sprechen konnte. Nachdem Juli ihm vom Überfall im Labor erzählt und ihr Anliegen erläutert hatte, entschuldigte er sich kurz, um irgendwelche Sachen zu holen. Nun warteten sie, dass er zurückkam.
»In das Computersystem wäre ich auch reingekommen«, sagte Tom.
»So, meinst du?«
»Habe mir mal eine kleine Spezialausbildung gegönnt. Als Journalist kommst du heute nicht mehr ohne so was aus.«
Tatsächlich kannte er sich recht gut mit der Technik von Rechnern und Netzwerken aus, aber das lag daran, dass er selbst bis vor zwei Jahren in der Multimedia-Branche gearbeitet hatte. Eine Spezialausbildung war das natürlich bei Weitem nicht gewesen. Er hatte als Texter und nicht als Techniker gearbeitet. Beide, die sogenannten Kreativen und die Programmierer, waren ihm in ihrer Kleingeistigkeit irgendwann so auf den Nerv gegangen, dass er der Branche den Rücken gekehrt hatte. Aber die Zeit hatte gereicht, um einiges aufzuschnappen, das über das Allgemeinwissen hinausging.
Hwang kam mit einer Tasche zurück.
»Also gut, dann kommt mal mit«, sagte er und ging voraus. »Mal sehen, was ich herausfinden kann. Dass das Ganze illegal ist, muss ich euch wohl nicht sagen.«
»Schon klar«, sagte Juli.
»Es sind bloß Labordaten«, meinte Tom. »Keine Staatsgeheimnisse.«
»Hier im UKE macht man da keinen Unterschied«, erklärte Hwang. »Es geht auch um die ärztliche Schweigepflicht und um Datenschutz.«
»Und wie kommen wir dann zu der Ehre?«, fragte Tom.
»Ich schulde Juli noch einen Gefallen. Und außerdem bin ich selbst neugierig.«
Hwang führte sie in einen anderen Trakt. Hier sah es noch viel weniger wie in einem Krankenhaus aus, stattdessen mochten die Büros, die sie passierten, genauso gut zu einem beliebigen IT-Unternehmen gehören. Die Belegschaft war größtenteils männlich, zum Teil standen auf den Schreibtischen gleich zwei Bildschirme nebeneinander, und es herrschte eine konzentrierte, von Tastaturanschlägen getragene Stille, die nur gelegentlich durch klingelnde Telefone unterbrochen wurde.
Schließlich betraten sie ein Büro, das sich nur in Details von den anderen unterschied.
»Okay, setzt euch«, sagte Hwang und deutete in eine Ecke, in der allerdings nur ein weiterer Stuhl stand. Er selbst nahm vor einem Rechner Platz und startete ihn. »Das ist zwar nicht mein Büro, aber die beiden, die hier sonst sitzen, sind gerade im Urlaub, wir haben also unsere Ruhe. Tom, könntest du die Tür zumachen?«
Tom folgte der Anweisung und zog sich dafür aus Trotz den verbliebenen Stuhl heran. Er wollte sich gerade setzen, als Juli den Arm danach ausstreckte.
»Danke, sehr aufmerksam«, sagte sie, ergriff den Stuhl und nahm Platz.
Blöde Kuh, dachte Tom und stellte sich hinter Hwang.
»Ich kann mich von hier aus als Administrator einloggen«, erklärte der gerade und tippte sein Passwort ein. Nach einer Weile füllte sich der Bildschirm mit den verschiedenen Programmsymbolen und Netzwerkverknüpfungen. Am rechten Rand positionierte sich eine Leiste mit allerlei kleinen Icons, Diagrammen und einem Nachrichtenticker.
»Meine Güte!«, rief Hwang aus und zeigte auf den Ticker. »Das ist ein inoffizieller RSS-Feed des Campus, der sich aus diversen Blogposts und Twittermeldungen der Leute hier aggregiert. Da steht, dass Professor Heide bewusstlos in den Toilettenräumen gefunden wurde.«
»Was?!« Juli rückte heran.
»Ja. Angeblich ist er auch verletzt. Sie haben ihn gerade gefunden.«
»Warum habe ich das Gefühl, dass er nicht einfach ausgerutscht ist?«, meinte Tom.
»Meinst du, er wurde überfallen?«, fragte Juli.
»Würde doch passen, oder? Und ich habe keine Kamera dabei!«
»Wir sehen nachher mal, wie sich das entwickelt«, sagte der Koreaner, »nun suche ich erst mal nach den Reports aus dem Labor.«
Tom verschwieg, dass sie bereits auf dem Rechner des Professors keine Untersuchungsergebnisse gefunden hatten.
Aber schon wenige Augenblicke später hatte Hwang die entsprechende Stelle in der Datenbank ebenfalls gefunden.
»Gut, das hier scheint es zu sein … Die Untersuchung sollte heute Vormittag stattfinden, aber es ist nichts eingetragen … Ich werde mir die History des Eintrags ansehen. Ah, da haben wir es schon. Zuletzt ist er vor etwa einer Stunde editiert worden. Nutzer: DGaebler. Kennst du einen Gäbler, Juli?«
»Nein. Vielleicht der aus dem Labor?«
Hwang klickte ein bisschen herum, bis sich eine Seite mit einer Personalakte von Dirk Gäbler öffnete. Das Foto zeigte den Mann, den sie blutend auf dem Boden gefunden hatten.
»Ja, das ist er.«
»Okay, also dann war er vor einer Stunde noch mit diesem Eintrag beschäftigt und hat … Moment … er hat einen Report gelöscht, den er erst kurz vorher eingestellt hatte!«
»Vielleicht ist ihm plötzlich aufgefallen, dass er etwas Sinnvolleres mit seinem Leben anfangen sollte«, sagte Tom, »und hat sich entschieden, alles wieder zu löschen.« Aber keiner lachte darüber.
»Vielleicht wollte er Spuren verwischen«, überlegte Juli.
»Nein, nein.« Hwang winkte ab. »Jeder, der hier arbeitet, weiß, dass alles im System protokolliert wird.«
»Dann hat man ihn vielleicht gezwungen«, rätselte Juli weiter.
»Er muss es ja gar nicht selbst gewesen sein«, erklärte Tom, »sondern lediglich jemand, der seinen Rechner verwendet hat, wenn der noch mit seinem Namen im System eingeloggt war.«
»Ganz richtig«, bestätigte Hwang. »Wenn der Mann tatsächlich überfallen wurde, könnte es sein, dass derjenige sich an seinem Rechner zu schaffen gemacht hat, um die Ergebnisse wieder aus dem System zu löschen.«
»Ja, aber wozu?«, fragte Tom. »Solange der Mann noch lebt, kann er ja erzählen, was er herausgefunden hat, oder seine Untersuchung jederzeit …« Tom stockte. »Der Fuß! Wir haben nicht geprüft, ob der Fuß noch da ist! Jede Wette, dass der geklaut wurde.«
»Also ganz ehrlich«, meinte Hwang, »kann ich mir nicht vorstellen, was an einem Fuß so besonders sein soll, dass hier gleich solche Verschwörungstheorien gesponnen werden. Ich meine, hier in der Rechtsmedizin werden im Jahr fast zweitausend Leichen obduziert. So ein oller Fuß ist da eher, na ja …«
»Da steckt mehr dahinter«, sagte Tom in einem Tonfall, der viel sicherer klang, als er tatsächlich war.
»Gibt es denn keine Möglichkeit, an den gelöschten Report heranzukommen?«, fragte Juli. »Eine Sicherheitskopie oder so?«
»Klar gibt es inkrementelle Backups, aber die werden nur alle vierundzwanzig Stunden einmal gefahren. Das Ding ist gar nicht erst in den Lauf gekommen, so schnell war das schon wieder weg.«
»Wie sieht’s mit temporären Dateien aus?«, fragte Tom.
»Nicht schlecht …« Hwang überlegte. »Auf dem lokalen Rechner im Labor könnte was zu finden sein …«
»Da kommen wir nicht dran«, unterbrach ihn Tom. »Die Polizei wird alles absperren. Außerdem ist der mit großer Sicherheit kaputt. Da sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.«
»Na gut, aber einen Versuch haben wir noch!« Hwang tippte einfach auf der Tastatur herum. »Deine Idee mit temporären Dateien war gut.«
Tom konnte sich ein selbstgefälliges Grinsen nicht verkneifen, als Juli ihm zunickte. Da konnte sie also sehen, dass er durchaus einen journalistischen Spürsinn dafür hatte, wo man suchen musste.
»Alle Mitarbeiter werden angehalten, keine lokalen Dateien zu speichern, sondern aus Sicherheitsgründen immer nur auf den Servern zu arbeiten«, erklärte Hwang. »Alle Abteilungen und Mitarbeiter haben ihre Remote-Verzeichnisse. Statt Texte und Dateien auf den Rechnern in den Büros zu speichern, werden sie im Netzwerk abgelegt, sodass man auch von einem beliebigen anderen Rechner aus darauf zugreifen kann. Zumindest so lange, bis die Daten fertig und offiziell sind und in der Datenbank dort landen, wo sie hingehören … Da! Seht ihr? Hier ist das Mitarbeiterverzeichnis von DGaebler.«
Auf dem Bildschirm öffnete sich ein Dateiordner mit zahllosen Dateien und Unterordnern.
»Natürlich sind die auch voll mit privatem Kram«, erklärte Hwang, während er eine Suchanfrage über die Ordnerstruktur startete. »Die legen ihre MP3-Sammlung hier ab, Fotos, Filme, Adressbücher, alles Mögliche. So. Bitte. Ich habe alle Dateien nach Datum sortiert. Die neueste ist die hier, und wie es aussieht …« Er klickte sie an, und es öffnete sich eine Bildschirmmaske mit zahlreichen ausgefüllten Textfeldern. »Na also, das ist der Report. Er hatte ihn ganz ordentlich vorbereitet und erst in die Datenbank hochgespielt, als er fertig war. Hier ist also noch die Ursprungskopie.«
»Großartig!«, rief Juli. »Kannst du ihn ausdrucken?«
»Klar, Moment.«
Wenig später kamen einige Blätter aus dem Drucker, und Hwang reichte sie an Juli, die sie sofort studierte.
Dann stockte sie und sah auf.
»Was ist?«, fragte Tom. »Was steht drin? Wissen wir, was mit dem Fuß los ist, wem er gehört?«
Juli schüttelte den Kopf.
»Nein«, sagte sie tonlos. »Aber dieser Fuß … er ist nur zum Teil menschlich …«
»Was soll das heißen? Ist er künstlich? Eine Prothese?«
»Er ist zum Teil Mensch … und zum Teil Tier!«