Kapitel 14 Labor M2 – Brasilien, 31. Juli
In Julis Kopf stieben rote und gleißend weiße Fun ken durcheinander, sie wusste, dass sie schrie, aber sie konnte sich nicht hören. Und dann hörten die Stöße plötzlich auf. Sie spürte ein Ziehen, als die Hände des Mannes von ihrer Brust und ihrem Schenkel rutschten, und dann hörte sie, wie der Brasilianer dumpf auf dem Boden zusammensackte.
Sie rollte sich mit schmerzhaft verkrampftem Unterleib zur Seite und sah über den Rand der Pritsche. Dort lag der Mann, zuckte spastisch und spuckte Schaum. Er trat und hieb unkontrolliert um sich, seine Augen zeigten nur noch das Weiße. Innerhalb weniger Sekunden ebbte sein Anfall ab, noch einmal zuckte sein Arm unkontrolliert, dann war der Mann tot.
Juli setzte sich auf und keuchte. Sie spürte, wie ihr Tränen über das Gesicht rannen. Es war nicht nur der körperliche Schmerz, sondern das Gefühl ihrer unfassbaren Ohnmacht gegenüber dieser bösartigen, alles verachtenden Gewalt, die in ihr innerstes Selbst eingedrungen war und alle Sicherheiten und Grenzen gesprengt hatte. Sie fühlte sich schutzlos. Ihr Körper hatte jede Funktion als Festung ihres Geistes verloren, ganz so, als läge ihr kümmerliches Ich nun offenbar und könnte jederzeit von allen Seiten angegriffen und verschlungen werden.
Als sie Tom am Boden stöhnen hörte, fand sie wieder zu sich. Sie wischte sich mit dem Handrücken das Gesicht ab, stand mit wackeligen Beinen von der Pritsche auf und suchte ihre Kleidungsstücke zusammen. Sie hatte den unbändigen Drang, sich zu waschen, aber es gab keine Möglichkeit, sich hier zu reinigen. Angewidert zog sie ihren Slip an, der Slip, der ihr zuvor noch vertraut gewesen war, aber nun das Brennen in ihrem Inneren festhalten würde. Sie versuchte, sich an dem Gedanken festzuhalten, dass der Mann wenigstens nicht in ihr ejakuliert hatte, aber statt sie zu beruhigen, verstärkte die bloße Vorstellung davon nur den grenzenlosen Ekel in ihr.
Sie zog sich an und bemühte sich dabei, ihre Augen nicht zu lange auf der verkrampften Leiche des Mannes ruhen zu lassen. Als sie fertig war, kniete sie sich zu Tom herunter und half ihm, während er versuchte, sich langsam in eine sitzende Position zu bringen. Toms linke Gesichtshälfte war angeschwollen, das untere Lid war dick und verengte sein Auge zu einem bloßen Schlitz. Sein Mund war voller Blut. Er beugte sich ein wenig zur Seite, spuckte aus und ließ Blutfäden auf den Boden laufen.
»Was«, brachte er mühsam hervor, »hat er dir angetan?«
»Es ist schon gut«, antwortete Juli, die Toms furchtbarer Anblick für einen Augenblick ablenkte. »Er ist tot.«
»Was ist passiert?«
»Er hat die Wasserflasche des Schamanen leer getrunken.«
»Geschieht … ihm recht.«
Juli strich Tom über den Rücken.
»Kannst du aufstehen?«
Tom stützte sich ab und erhob sich langsam. Sein Schädel dröhnte, und er spürte, dass sein Gesicht angeschwollen war. Seine Lippe war aufgeplatzt, er schmeckte Blut und wagte nicht, mit seiner Zunge die Festigkeit seiner Zähne abzutasten, vor Angst, was er vorfinden würde. Sein Bauch fühlte sich an, als hätte man ihm einen Baumstamm in den Magen gerammt. Nur mühsam konnte er sich gerade hinstellen. Juli hielt ihn fest. Tom wusste, dass der Mann auch sie angegangen hatte, aber er war einige Zeit vom Schmerz so betäubt gewesen, dass er nichts mitbekommen hatte, und sie schien nicht darüber reden zu wollen. Und vielleicht war es auch gut so. Sie mussten sich jetzt konzentrieren. Julis Schwester hatten sie nicht gefunden, und nun lief ihnen die Zeit davon. Sie mussten fliehen.
Tom ging an den Körper des Mannes heran und stieß ihn mit dem Fuß an. Er starrte ins Leere, zuckte nicht, der Schaum vor seinem Mund bewegte sich nicht. Er war tatsächlich tot.
Tom überwand sich, sich auf den Boden zu knien. Der Schmerz in seinem Bauch brannte auf, und er stöhnte leise auf, doch er musste die Leiche untersuchen. Er tastete den Mann ab und fand schließlich, was er gesucht hatte: den Schlüsselbund des Toten. Dann rollte er den Leichnam auf den Bauch und zog die Pistole des Mannes aus dessen Hosenbund.
»Kannst du denn damit umgehen?«, fragte Juli.
»Ich hab’s noch nie gemacht, aber wie schwierig kann es schon sein?«, antwortete er und streckte den Arm aus, sodass Juli ihm noch einmal hochhelfen konnte.
»Jetzt nichts wie weg«, sagte er, »bevor die merken, dass er nicht zurückkommt.«
Tom öffnete die Tür und sah vorsichtig auf den Gang. Er konnte keine Überwachungskameras entdecken. Vermutlich gab es hier unten keine, sondern nur in den Labors, sonst hätte Luc gewusst, dass sie aus dem Keller gekommen waren. Sie verließen den Raum, schlossen ihn hinter sich ab und gingen den Gang entlang, so schnell es ihr Zustand ermöglichte.
»Was machen wir jetzt?«, fragte Juli.
»Wir müssen die Gefangenen freilassen. Und ich will noch irgendetwas kaputt machen. Am liebsten eine Bombe in das Rechenzentrum schmeißen oder so was.«
»Was ist mit den Menschen in den Labors?«
»Ich glaube nicht, dass wir etwas für sie tun können.«
Sie folgten dem Gang und erreichten bald eine Kreuzung, die sie wiedererkannten.
»Da«, sagte Tom und wies auf die Tür mit dem gelben Starkstrom-Symbol, die sie schon zuvor bemerkt hatten. Er ging heran, probierte einige Schlüssel vom gestohlenen Bund aus, und kurze Zeit später hatte er sie geöffnet.
Ein schwacher Geruch aus Maschinenöl und Diesel drang ihnen entgegen. Tom legte einen Schalter neben der Tür um, und die Deckenbeleuchtung flammte auf. An der Wand stand ein großes Pult mit zahlreichen leuchtenden Lämpchen, Knöpfen und Displays. Sie schritten das Pult entlang. Dahinter befand sich eine gewaltige unförmige Maschine, die ein tiefes Brummen von sich gab.
»Von hier aus versorgen sie die Anlage mit Strom«, sagte Tom. »Das dort drüben ist der Generator … meine Güte, das ist ja fast ein Schiffsdiesel.«
Juli betrachtete die verschiedenen Anzeigen auf dem Kontrollpult. »Verstehst du etwas davon?«
»Nein«, gab Tom zu. »Aber um es kaputt zu machen, muss man kein Experte sein.«
Er nahm die Pistole und zielte auf einige Kabel und Rohre, die oberhalb des Generators in der Decke verschwanden. Er drückte ab. Der Schuss hallte laut durch den Raum, die Kugel schlug beim Auftreffen Funken.
»Was machst du denn da?«, rief Juli entsetzt.
»Das da sind entweder Stromkabel oder Leitungen für Diesel oder Kühlflüssigkeit, schätze ich. Auf jeden Fall etwas, das keinesfalls kaputtgehen sollte.« Noch einmal schoss er in die Richtung. Die Waffe zuckte heftig in seiner Hand, aber dieses Mal hatte er etwas getroffen. Ein Loch war entstanden, und Flüssigkeit spritzte in einem fingerdicken Strahl heraus.
»Bist du verrückt?!«, rief Juli. »Das kann sicher alles explodieren.«
»Ach was. Das ist schlimmstenfalls Diesel, da passiert so schnell nichts. Interessant wird es erst, wenn sich die Dämpfe hier verbreiten.« Er versuchte sich an einem Grinsen, aber sein geschwollenes Gesicht verzerrte sich nur zu einer Fratze, und die Bewegung schmerzte ihn.
Er wischte mit dem Finger einige der Spritzer ab und roch daran. »Gut«, beschloss er. »Das ist der Kraftstoff. Vielleicht nützt es ja etwas.« Er wandte sich der Kontrolleinheit zu und studierte sie eine Weile. Dann zuckte er mit den Schultern und feuerte zweimal in schneller Folge darauf. Zufrieden sah er, dass viele der Lampen ausgingen und andere hektisch zu blinken begannen. »Auch nicht schlecht. Diese Reparatur wird wenigstens teuer. Los, jetzt raus hier.«
Sie verließen den Raum, Tom schloss die Tür hinter ihnen ab und verdrehte dann den Schlüssel so, dass er im Schloss abbrach.
Das Licht im Gang war ausgegangen. Nur noch kleine Notlampen, die in großen Abständen angebracht waren, glühten und erzeugten ein schwaches Zwielicht.
Sie liefen den Gang entlang zu dem Gewölbe, aus dem sie zwei Stunden zuvor gekommen waren.
Erneut überwältigte sie der bestialische Gestank, der ihnen entgegenschlug, als sie die Stahltür geöffnet hatten. Das Kreischen, Heulen und Wimmern der Gefangenen umfing sie augenblicklich. Die Neonröhren leuchteten noch.
Tom trat an die erste der Zellen heran. Sofort kamen einige der Entstellten an die Gitter und streckten ihre Arme hindurch. Einer presste mit einer plötzlichen Bewegung sein Gesicht zwischen die Stäbe, entblößte seine faulig stinkende Mundhöhle und spie Tom schaumigen Geifer entgegen.
»Zeig ihnen dein Medaillon«, sagte Juli. Tom, der einen halben Schritt zurückgetreten war, zog den Anhänger hervor und hielt ihn den wütenden Menschen entgegen.
Es dauerte einen Moment, dann stellte sich trotz aller Wildheit ein Erkennen in den wässrig-trüben Augen des vordersten Mannes ein. Seine Bewegungen stockten, dann grunzte er unverständliche Worte und trat zurück. Eine angespannte Stille breitete sich aus, erst in dieser Zelle, dann durch das ganze Gewölbe.
»Ich will euch helfen«, sagte Tom eindringlich, wohl wissend, dass ihn die Leute selbst in besserem Zustand nicht verstehen konnten.
»Ajudamos!«, fügte Juli auf Portugiesisch hinzu.
»Jetzt hoffe ich nur, dass wir die richtigen Schlüssel dabeihaben«, meinte Tom, und während immer mehr Menschen in der Zelle sich in erwartungsvollem Abstand von der Tür gruppierten und schwankend darauf warteten, dass etwas geschah, probierte Tom verschiedene Schlüssel aus. Schließlich schnappte der Riegel zurück, und Tom zog die Gittertür auf.
Die Menschen dahinter sahen ihn zögerlich an.
»Los, kommt«, rief Tom. »Ihr könnt herauskommen.«
Aber die Menschen rührten sich nicht von der Stelle. Ungläubig sahen sie durch die geöffnete Tür. Einige hielten ihre Köpfe schief, andere streckten die Hände aus, als könnten sie die Leere vor ihnen ergreifen.
Tom wandte sich ab. »Los, wir müssen die anderen Zellen auch aufschließen!«
Tom öffnete eine Zelle nach der anderen. Immer wieder redete Juli auf Portugiesisch auf die Menschen ein, und nach einer Weile traten die ersten von ihnen aus ihren Zellen und wankten unsicher auf den Gang. Vielleicht waren sie vor Schmerzen und Hunger fast verrückt, aber dass hier etwas Außergewöhnliches geschah und dass sie diesem Ruf folgen mussten, das verstanden sie. Der Lärmpegel im Gewölbe stieg an, die Bewegungen der Menschen wurden erregter, sie scharten sich umeinander. Juli beobachtete, wie einige der Menschen sich um diejenigen kümmerten, die Schwierigkeiten hatten, aufzustehen, Kinder wurden mit zittrigen Bemühungen hochgehoben, und mehrfach sah sie, dass sich Männer und Frauen in die Arme nahmen, behutsam, als könnten sie sich verletzen oder den unwirklichen Zauber des Augenblicks zerstören.
Einige der Menschen traten an Tom und Juli heran und berührten sie am Rücken, an der Schulter, am Bauch, eine Frau strich Juli über die Haare. Es waren ungelenke, Hilfe suchende Bewegungen, voller Angst und zugleich von einer Dankbarkeit, die weder Juli noch Tom jemals erlebt hatten.
Sie blieben stehen.
»Mein Gott«, hauchte Tom. Er fühlte, dass er kaum in der Lage war, zu sprechen.
Juli spürte, dass sie am Arm ergriffen wurde. Bestimmter und fester als bisher. Sie drehte sich erschrocken um, aber dann sah sie in das Gesicht einer Frau mit überraschend klarem Blick. Sie hatte sich einen Lumpen notdürftig umgeschlungen, um ihre Blöße etwas zu bedecken. Mit der anderen Hand wies sie in eine der Zellen. Sie zog ein Stück an Julis Arm, und als Juli einen vorsichtigen Schritt in ihre Richtung machte, führte die Frau sie in die hintere Ecke der Zelle.
Dort saß eine Frau auf dem Boden. Sie hatte die Knie angezogen und hielt sie mit beiden Armen umschlossen. Ihr Kopf war nach unten geneigt und wippte in einer ständigen Bewegung vor und zurück.
Der Anblick ließ Juli erzittern. Ihr Herz schien für einen Moment auszusetzen, es stach in ihrer Brust, dann schnappte sie nach Luft.
Sie stürzte nach vorn, warf sich förmlich auf den Boden, kniete sich vor die Frau, umfasste ihre Schultern mit beiden Händen und drückte sie nach hinten.
»Marie«, stieß Juli aus. »Marie!«
Der Kopf der Frau drohte in den Nacken zu fallen, ihr Blick wanderte starr zur Decke, dann zuckte er zurück, und sie sah an Juli vorbei ins Leere.
»Marie!«, rief Juli. »Ich bin es, deine Schwester! Marie, hörst du?!« Juli schlang die Arme um sie und vergrub ihren Kopf in Maries Halsbeuge.
Tom eilte herbei und hockte sich neben Juli. Selbst im dämmrigen Licht des Gewölbes konnte er erkennen, dass die Frau ein Ebenbild von Juli war. Es war ihre Zwillingsschwester.
»Du hast sie gefunden!«, rief er aus. »Und sie lebt!«
Er hörte, wie Juli schluchzte. Aber Maries Augen blieben ausdruckslos.
»Sie steht unter Schock«, sagte Tom. »Sie erkennt dich nicht. Wir müssen sie hier herausbringen!«
Juli hob den Kopf, schluckte und sah in die abwesende, eingefallene Miene ihrer Schwester. »Ich bin hier«, wiederholte sie immer wieder mit zittriger Stimme und strich ihr über die Wange. »Ich bin hier, meine Süße.«
Der Lärm um sie herum änderte mit einem Mal seine Qualität. Die Aufregung wich einer Unruhe, und als Tom sich umsah, erkannte er den Grund dafür. Die Tür war geöffnet, und ein bewaffneter Sicherheitsmann stand auf dem Gang.
Die Menschen wichen beiseite, drängten sich an die Gitterstäbe, aber nur wenige kehrten in ihre Zellen zurück.
Der Wachmann spürte die drohende Gefahr der Situation und hielt seine Pistole im Anschlag. Er rief einige bellende Worte auf Portugiesisch, dann feuerte er einen Schuss an die Decke. Die Menschen zuckten zusammen, einige schrien vor Schreck auf, aber sie zogen sich nicht vollständig zurück. Er sah sich um, versuchte zu verstehen, was vor sich ging. Wieder rief er etwas und richtete seine Waffe auf die Menschen, die nun langsam, aber beständig auf ihn zukamen.
Tom beobachtete das Geschehen aus der im Halbdunkel liegenden Ecke der Zelle. Seine Gedanken überschlugen sich. Seine übereifrige Sabotage an der Energieanlage war sicher längst schon aufgefallen. Dieser Mann war vermutlich nur der erste, der hier unten angekommen war, um nach dem Rechten zu sehen. Sie mussten ihn ausschalten, bevor er Alarm schlagen konnte.
Inzwischen versuchte der Mann die Menschen in ihre Zellen zu scheuchen. Aber nur wenige folgten seinen Befehlen, die meisten blieben stehen, einige bedrängten ihn, spuckten ihn an. Der Wachmann erkannte, dass er allein keine Chance hatte, die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Er machte einige Schritte rückwärts, wollte zurück zur Tür, doch auch dort hatten sich nun schon einige der Gefangenen versammelt und versperrten ihm den Rückweg.
Tom sah, dass der Mann immer unruhiger wurde, als sich die Meute um ihn scharte. Noch einmal rief er, aber sein Brüllen schien keinen Effekt zu haben. Dann löste sich ein Schuss. Die Menschen stieben auseinander. Einer der Gefangenen stand noch direkt vor dem Wachmann und sackte gerade in sich zusammen.
Tom stürmte aus der Zelle auf den Gang.
»Hey, Arschloch!«, rief er durch das Gewölbe. Alles drehte sich zu ihm um. Der Wachmann, der eben noch auf den von ihm angeschossenen Mann auf dem Boden gestarrt hatte, sah überrascht auf. Er zögerte, als er Tom sah, der vollständig angekleidet und ganz offenbar kein Gefangener war. Dass Tom ebenfalls eine Pistole in der Hand hielt, erkannte er zu spät.
Tom drückte ab. Sein Schuss peitschte durch das Gewölbe und verfehlte den Mann um mehr als einen Meter.
Die Überraschung währte nicht lange. Der ausgebildete Sicherheitsmann zielte ebenfalls und feuerte.
Die Kugel traf Tom mit überraschender Wucht und ließ ihn zurücktaumeln. Brennender Schmerz zuckte durch seinen Körper. Er strauchelte und kippte seitlich auf den Boden.
Mit infernalischem Lärm kreischten die Gefangenen plötzlich auf, sie tobten und stürmten auf den Wachmann zu, der keine Möglichkeit mehr hatte, zu reagieren. Schon waren sie bei ihm, stürzten sich mit Fingernägeln und Zähnen auf ihn und begruben ihn in alles zerfetzender Wut unter sich.
»Tom!«
Juli kniete neben ihm.
Tom drehte sich auf die Seite, wollte sich aufstützen, aber sein Arm gab unter ihm nach.
»Du bist angeschossen«, hörte er Juli sagen. Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren, zu sehr hielt ihn der Schmerz gefangen. Er strahlte glühend heiß aus seinem linken Oberarm. Juli hantierte an ihm herum. Er konnte nicht sehen, was sie tat.
»Ein Durchschuss«, hörte er sie sagen. »Die Arterie ist unverletzt.«
»Die Tür …«, brachte er hervor, »… abschließen.«
Juli musste ihn verstanden haben. Sie tastete ihn ab, er hörte das Klimpern des Schlüsselbundes, dann war sie weg.
Er bemühte sich, ruhig zu atmen und zu Sinnen zu kommen. Er öffnete die Augen und sah den Fußboden. Dann hob er den Blick. Um ihn herum standen Gefangene und blickten auf ihn herab, unschlüssig, was sie tun sollten. Tom holte tief Luft und drehte sich so, dass er sich auf den unverletzten Arm stützen konnte. Dann robbte er ein Stück zum nächstgelegenen Gitter, zog sich daran ein wenig hoch und lehnte schließlich seinen Rücken daran an. Mit einem Fuß angelte er nach der Pistole, die ihm aus der Hand gefallen war, und zog sie zu sich heran.
Einen Augenblick später kam Juli zurück.
Sie hatte einen Stoffstreifen dabei, den sie irgendwo aufgelesen hatte, und umwickelte damit seinen linken Arm oberhalb der Verletzung, um ihn abzuschnüren.
»Wie kommen wir jetzt hier raus?«, fragte sie.
»Kannst du die Leute anweisen?«
»Ich hoffe es …«
»Wir müssen die Tür verbarrikadieren, um Zeit zu gewinnen«, erklärte Tom. »Dahinten stand doch so eine Art Liege. Die sollen sie vor die Tür schieben, vielleicht gibt’s hier auch noch mehr. Und sie sollen sie möglichst verkeilen, sodass man hier auf keinen Fall reinkommt. In der Zwischenzeit sollen die anderen anfangen, durch den Tunnel zu fliehen.«
Juli zögerte.
»Was ist?«, fragte Tom.
»Marie …«
»Sie lebt. Das ist doch das allerwichtigste!« Tom ergriff Julis Hand. »Wir holen sie hier raus. Ich verspreche es. Aber wir müssen uns beeilen.« Sein Blick wanderte zur Tür. Sie stand offen, einige der kräftigeren Gefangenen versammelten sich dort. »Wir sollten sie abschließen!«, sagte er. »Die anderen Wachleute werden jeden Augenblick hier sein.«
»Das habe ich ja versucht, aber sie ließen mich nicht. Sie waren lange genug eingesperrt, jetzt wollen sie nur noch raus.«
Tom schüttelte den Kopf. »Es ist viel zu gefährlich. Wir müssen durch den Tunnel.«
»Und die Schwachen?«
»Ich weiß es nicht. Vielleicht können sie noch krabbeln.« Tom zog sich mit seinem gesunden Arm am Gitter hinter ihm hoch. Juli half ihm auf. »Jetzt kümmern wir uns um deine Schwester, komm.«
Sie gingen zurück zu Marie, die noch immer mit starrem Blick in der Zelle saß. Sie hatte ihr einförmiges Schaukeln wieder aufgenommen und reagierte nicht, als Juli sich zu ihr herunterbeugte.
»Wir müssen sie aufrichten«, sagte Tom. Juli umfasste sie von hinten und zog sie auf die Beine. Schließlich stand Marie wankend da. Juli ergriff ihre Hand.
»Wir müssen gehen«, sagte sie. »Nach Hause gehen, hörst du?«
Sie zog ihre Schwester behutsam, und tatsächlich machte Marie einige Schritte. Sie bewegte sich automatisch wie in Trance, als würde sie nicht wahrnehmen, was geschah. Aber sie ließ sich führen.
Sie traten mit Juli auf den Gang, als an der Tür ein Tumult losbrach. Die Gefangenen hatten von dem Wachmann abgelassen, der leblos dort lag, immer mehr stürmten nun zur Tür, ihr Kreischen steigerte sich zu einem ohrenbetäubenden Gebrüll. Kurz darauf hallten zwei Schüsse durch das Kellergeschoss, aber die Gefangenen ließen sich nicht aufhalten, strömten hinaus, drängten die Wachleute vermutlich zurück.
»Los, zum Tunnel«, rief Tom und lief schon voraus in die hinterste Zelle, in der sich der Zugang befand. Sein Arm fühlte sich inzwischen an, als sei er mit einer engen Manschette aus glühenden Eisen umfasst, er war schwer und brannte dumpf. Tom konnte sich nicht vorstellen, wie er damit durch den Tunnel krabbeln sollte, aber er versuchte, nicht daran zu denken. In der Zelle angekommen, ging er zu der Liege, die über dem niedrigen Eingang stand, und zerrte sie beiseite.
Juli kam herbei und führte ihre Schwester mit sich. Ihnen folgten einige andere Gefangene. Sie stützten sich gegenseitig und hielten einander an den Händen wie Verwandte und Paare, die zusammengehörten. Angetrieben wurden sie von dem Mann, der ihm ganz am Anfang gegenübergestanden und Toms Medaillon erkannt hatte. Er mochte kränklich und entstellt sein, aber er war nicht halb so irrsinnig, wie es schien, sein Wille war ungebrochen, und sein Verstand klar genug, um zu verstehen, was zu tun war.
»Geh du voran«, sagte Tom zu Juli. »Nimm Marie mit. Ich sorge dafür, dass alle mitkommen.«
Juli zögerte.
»Nun los!«, rief Tom. »Wer weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt!«
Juli ging in die Knie und krabbelte in das Loch. Sie versuchte, hinter sich zu greifen, um ihre Schwester mit sich zu ziehen, aber sie musste sich nicht darum bemühen. Schon drängten sich die anderen Gefangenen in den Fluchttunnel und schoben Marie vorwärts, die sich nun ebenfalls bückte und kurz darauf in der Dunkelheit verschwand.
Tom wollte auf die letzten Flüchtlinge warten. Erst dachte er, es wäre nur ein halbes Dutzend, das ebenfalls diesen Weg wählte, aber es kamen immer noch mehr. An der Tür am anderen Ende des Gewölbes herrschte noch immer ein Durcheinander. Das Geschrei war groß, und gegen die Horde der von Schmerzen und Wut angetriebenen Menschen konnten die Wachleute dahinter unmöglich lange etwas ausrichten. Mit etwas Glück war die Anlage nicht auf so einen Fall vorbereitet, und wenn eine Handvoll überraschter Sicherheitsleute alles war, was die Wissenschaftler zu ihrem Schutz zu bieten hatten, standen die Chancen gut, dass die wild gewordenen Gefangenen sie einfach überrennen konnten.
Tom lehnte sich an die Wand. Sein Arm pochte und kribbelte. Die Wunde brannte, aber seine linke Hand wurde kalt. Er ahnte, dass dies kein gutes Zeichen war.
Die Gefangenen krochen einer nach dem anderen in den Gang. Tom hätte sie gerne zu noch größerer Eile angetrieben, aber er wusste, wie dunkel und eng der Tunnel war. Dass sie überhaupt vorankamen, grenzte an ein Wunder. Er kam sich nutzlos vor. Er wollte die Stellung halten, aber tatsächlich gab es nichts, das er tun konnte. Weder im Augenblick noch, falls sie tatsächlich auf ernsthafte Gegenwehr stoßen und die Sicherheitsleute hier unten eintreffen würden. Es sei denn …
Tom lief los. Die Meute an der Tür drängte gerade hinaus. Jetzt war der richtige, vielleicht der einzige Zeitpunkt, seinen Plan umzusetzen. Er lief zur Tür und folgte den letzten Gefangenen, die brüllend durch die dahinterliegenden Gänge davonrannten. Zwei Schritte hinter der Tür rutschte Tom aus. Seine Beine glitten unter ihm weg, und er schlug rückwärts zu Boden, ohne sich mit den Armen auffangen zu können. Der Aufprall raubte ihm den Atem. Es dauerte einen Moment, bis er Luft holen und sich auf die Seite drehen konnte. Direkt neben ihm lagen zwei tote Wachmänner. Ihre Gliedmaßen waren verrenkt, die Gesichter zerkratzt und zertrümmert, der Boden um sie herum war nass von Blut, das von Hunderten Füßen verteilt worden war. Der ekelerregende metallische Geruch schnürte seine Kehle zu, und Tom bemühte sich hastig, aus der übergroßen klebrig-warmen Pfütze aufzustehen. Mehrfach rutschten seine Füße erneut weg, bis es ihm gelang, sich aufzurichten.
Er ging behutsam weiter, bis er die Kreuzung erreichte, die er schon kannte. Er bog in den Seitengang und wählte die Tür, hinter der er und Juli sich kurz versteckt hatten.
Das Licht in dem kleinen Lagerraum funktionierte nicht mehr, nur der schwache Schein der Notbeleuchtung aus dem Gang ließ ein wenig Orientierung zu.
Tom durchwühlte das Regal. Er hatte sich erinnert, was hier gelagert wurde, und nach einer Weile hatte er gefunden, was er suchte. Er konnte seinen linken Arm nicht mehr verwenden, also ergriff er so viel er konnte mit rechts und lief die Gänge zurück zu der Tür, hinter der sich der Generatorraum verbarg. Er musste noch zweimal in das Lager zurück, da er mit einer Hand nicht alles tragen konnte. Beim letzten Gang zerrte er einen der weißen Kanister mit sich. Er hatte daran gerochen, und der stechende Geruch hatte ihm alles gesagt, was er wissen musste.
Zurück an der Tür zum Generatorraum kniete er sich hin. Der Schmerz seiner Verletzung raubte ihm fast den Verstand, er schwitzte, und die Zeit lief ihm davon.
Hastig riss er eine Verpackung auf und holte das darin befindliche Papier heraus. Es diente vermutlich irgendeinem medizinischen Zweck, vielleicht als Unterlage für Pritschen oder zum Reinigen. Er riss so viel Papier heraus, wie er konnte, und stopfte es unter der Tür zum Generatorraum hindurch, bis er sicher war, dass es auf der anderen Seite eine möglichst große Fläche einnahm. Einen Teil davon ließ er auf den Gang herausschauen. Dann öffnete er den Kanister und warf ihn um. Die Reinigungsflüssigkeit ergoss sich über den Boden des Gangs, unter der Tür hindurch und tränkte das Papier.
Der letzte Teil war der schwierigste. Bei den Kerzen im Lagerraum hatten sinnigerweise auch Streichhölzer gelegen. Auf sie setzte er seine ganze Hoffnung. Er schob die Schachtel, die er mitgebracht hatte, mit einer Hand auf und klemmte sie mit dem Knie an die Wand. Dann zog er ein Streichholz heraus, entzündete es und warf es auf das getränkte Papier. Aber das Holz fiel daneben, landete in der Flüssigkeit auf dem Boden und erlosch.
Tom fluchte. Er hatte die Schachtel an der Wand zerquetscht, und nur mühsam konnte er ein weiteres Holz herausholen. Er riss es an der zerknitterten Reibfläche an. Dann ging er mit dem brennenden Streichholz in die Knie. Die Schachtel fiel zu Boden und saugte sich mit der vergossenen Reinigungsflüssigkeit voll.
Behutsam hielt Tom die kleine Flamme an eine trockene Kante des Papiers. Mindestens das Papier musste doch brennen! Und hoffentlich war das Reinigungsmittel so entzündlich, wie es roch.
Die Flamme fraß sich fast bedächtig in das Papier, breitete sich aus und erreichte schließlich die erste feuchte Stelle. Sie flammte auf. Blitzartig breitete sich ein fauchender, blau züngelnder Teppich über das ganze Papier aus und schoss nur einen Lidschlag später unter der Tür hindurch in den Generatorraum.
Tom sprang auf. Es hatte geklappt! Nun halfen nur noch Glück und schnelle Beine. Er rannte zurück in das Gewölbe und zur hinteren Zelle, in der sich der Fluchttunnel befand.
Als er dort ankam, schien ihm eine Ewigkeit vergangen zu sein. Und nichts war geschehen. Er hatte gehofft, dass die zerstörte Dieselleitung inzwischen so viel Kraftstoff verloren und so viel brennbare Dämpfe in dem Raum erzeugt hatte, dass seine Zündschnur aus Papier sie in Brand gesetzt hätten. Aber immer noch blieb es ruhig.
Tom stand vor dem Tunneleingang, in dem gerade die letzten Gefangenen verschwanden, und sah zurück. Nichts passierte. Sein Plan war gescheitert. Wenn er doch nur die Tür nicht verriegelt hätte! Dann hätte er direkt neben dem Generator ein Lagerfeuer entzünden können. Mit noch mehr Papier. Noch mehr Reinigungsmittel. Er hätte noch mehr Schaden …
Er kam nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu führen, als ein so ohrenbetäubender Knall durch das Kellergewölbe hallte, dass die Wände zu beben schienen. Zeitgleich explodierte ein Feuerball in den Gängen, und nur einen Herzschlag später wälzte er sich durch die Tür und ergoss sich hellgelb und von schwarzen Wolken umgeben in das Kellergewölbe.
Tom wich erschrocken zurück, als ihm die Hitze auch schon entgegenschlug. Er warf sich auf den Boden und robbte, so gut es sein rechter Arm zuließ, zum Tunnel. Er konnte sehen, wie sein Schatten in das zuvor schwarze Loch des Tunnels geworfen wurde, als alles hinter ihm gleißend aufleuchtete. Verzweifelt stolperte er in das Loch. Es wurde immer wärmer, er konnte kaum atmen, und kurz darauf zog ein beißender, alles verdunkelnder Qualm an ihm vorbei und in den Gang. Tom hielt instinktiv den Atem an, aber sein Herz raste, Panik brandete in ihm auf. Es war eng, es war dunkel, er hatte keine Kraft mehr, hinter ihm brannte das Feuer, er war umgeben von giftigem Rauch. Seine Lungen brannten, sein Herz drohte ihm aus der Brust zu springen. Schließlich musste er nach Luft schnappen.
Und wenig später brach er zusammen.