Zu Hause fühlte sich Charles nicht mehr willkommen. Grossmutter Dubut führte das Zepter und kommandierte die Küchenmagd und die Kinderschar wie eine kleine Armee. Sie stand so eng an der Seite ihres Sohnes, dass jeder Besucherin sofort bewusst wurde, dass es an der Seite von Witwer Sanson keinen Platz für eine neue Ehefrau gab. Jean-Baptiste hatte das Interesse an körperlicher Nähe verloren. Er hatte auch die Sehnsucht nach dem Duft einer Frau verloren. Kinder hatte er genug. Er schätzte einen stabilen familiären Rahmen. Und gutes Essen. Seine Mutter war eine ausgezeichnete Köchin. Die Küchenmagd hatte von ihr gelernt, auch wenn es Grossmutter Dubut nie genügte. Niemand genügte ihr. Jean-Baptiste liess sie gewähren. Wenn er keine Urteile vollstreckte, verkroch er sich in seiner Bibliothek und las. Seine Mutter hielt dies für unnütz, weil Bücher eh nur staubig würden. Aber auch sie liess ihn gewähren. Sie umsorgte ihn wie ein Kind.
Kaum war Charles wieder an der Rue d’Enfer, suchte er das Jesuitenkloster auf. Ein freundlicher Pater öffnete ihm die Tür und liess ihn dann kurz warten. Er werde nach Pater Gerbillon Ausschau halten, er sei wahrscheinlich noch beim Gebet in der Kapelle. Nach einer Weile kam er zurück und bat Charles, ihm zu folgen. Er führte ihn in den Klostergarten, der wie ein römisches Atrium angelegt war. In der Mitte des quadratischen, von Arkaden gesäumten Gartens war ein Brunnen. Um ihn herum waren Kräuterbeete angelegt. Ein Pater kniete vor einem der Beete. Als er die Schritte auf dem Kiesboden hörte, erhob er sich und klopfte die Hände an seiner Schürze ab.
»Welch eine Freude!« Gerbillon strahlte und näherte sich Charles mit weit geöffneten Armen. »Schau, mein Freund, das hier ist die Schlafbeere. Schon die alten Ägypter nutzten sie zur Beruhigung. Sie macht einen gelassen und entspannt, selbst wenn man weiss, dass einem gleich der Kopf abgeschlagen wird.«
Charles zuckte zusammen. Er fragte sich, ob der Pater bereits wusste, dass er der Sohn des Henkers ist und von der Klosterschule in Rouen gewiesen worden war.
»Aber die Beere wächst hier nicht so gut. Wir haben mehr Erfolg mit Salbei gegen Halsentzündungen, Fenchel gegen Husten, Tollkirschen gegen Bauchschmerzen, Wegerich gegen Kopfschmerzen. Obwohl bei Kopfschmerzen die Empfehlung, weniger zu saufen, hilfreicher ist.« Pater Gerbillon zeigte stolz auf die einzelnen Beete.
Dann führte er Charles in seine Pharmacie. Auf einem grossen Holztisch lagen Ginsengwurzeln. »Ginseng«, sagte er, »ist das Allheilmittel in Siam. Die einen nehmen es zur Entspannung, die anderen zur besseren Durchblutung.« Er kicherte wie ein kleines Mädchen. »Es soll auch die Kraft des Mannes stärken. Wir haben noch viel Arbeit vor uns. Seit der Erfindung des Buchdrucks erscheinen jährlich immer mehr medizinische Bücher über Wirkung und Nutzen der verschiedenen Pflanzen. Ein Leben reicht nicht aus, um all diese Bücher zu lesen, geschweige denn, um dieses Wissen zu ordnen und zu nutzen. Mit dem Buchdruck ist ein Damm gebrochen. Jedermann in Europa kann die Forschungsergebnisse anderer nachlesen, überprüfen, verbessern und erneut publizieren.«
In der Pharmacie waren zahlreiche Porzellanschalen und Gefässe angeordnet, Mörser, Zeichnungen und Tabellen mit Forschungsergebnissen.
»Aber erzähl mir, was führt dich nach Paris?«
»Ich suche eine neue Schule, und ich dachte, vielleicht könnten Sie mir etwas empfehlen.«
»Eine neue Schule?«
»Mein Vater ist Monsieur de Paris«, sagte Charles entschlossen. »Der Vater eines Mitschülers hat ihn am Besuchstag erkannt. Deshalb musste ich die Schule verlassen.«
Gerbillon schien nicht erstaunt. »Man kann sich seine Eltern nicht aussuchen. Aber jedes Unglück öffnet die Tür für eine neue Chance. Vergiss das nicht. Schreib dich bei der Universität Leiden ein. Dort findet die Revolution der Medizin statt. Keine andere Universität in Europa kann derjenigen von Leiden das Wasser reichen. Sie ist sogar viel besser als die Klosterschule in Rouen.«
Er bat Charles in sein prächtiges Arbeitszimmer und liess ihm einen schwarzen Kaffee mit viel Zimt und Zucker servieren. Die Wirkung des Raums und des Kaffees war unerwartet. Charles fühlte sich plötzlich hellwach und voller Tatendrang. Der Pater schmunzelte und sagte: »Besuch mich wieder, wenn es in Leiden geklappt hat. Ich gebe dir dann eine andere Tinktur zum Probieren.«
»Wo sind all die jungen Frauen aus Siam?«
Pater Gerbillon nahm Charles’ Interesse mit Erheiterung zur Kenntnis. »Sie besuchen tagsüber das Collège Louis-le-Grand. So will es unsere Abmachung mit dem König von Siam. Sie lernen Französisch und befassen sich mit naturwissenschaftlichen Fächern, und am Abend versuchen wir, ihnen Gottes Botschaft nahezubringen. Aber es ist schwer, sie davon zu überzeugen. Sie halten unseren Gott für einen Soldatengott. Sie fürchten ihn eher, dabei ist er doch ein Gott der Liebe, nicht wahr? Sie mögen halt ihren Buddha. Buddha und Jesus: das ist doch dasselbe, beide sind sie Söhne der Sonne, Götter des Lichts, der gleiche Wein in verschiedenen Schläuchen.«
Charles wartete auf der Klostermauer gegenüber dem Collège Louis-le-Grand. Er überlegte sich, wie er es anstellen wollte, aber er war zu aufgeregt, um seine Gedanken zu ordnen und eine Strategie zu entwickeln. Als er die Schulglocke hörte, sprang er von der Mauer hinunter und lief wie ein gefangenes Tier auf und ab. Jugendliche eilten aus dem Schulhof und verstreuten sich in alle Himmelsrichtungen. Zuletzt kamen die Schülerinnen und Schüler aus Siam. Sie liefen alle zusammen, lachten, und es war kaum möglich, jemanden in diesem fröhlichen Rudel zu identifizieren. Für einen Europäer sahen alle Asiaten gleich aus. Die Gruppe trat auf die Strasse. Dann sah Charles, dass jemand zurückgeblieben war. Sie stand etwas verlassen im offenen Tor. Dan-Mali. Sie hatte Charles bereits gesehen. Freudig sprang sie auf ihn zu und stoppte plötzlich abrupt vor ihm, als schämte sie sich, ihre Gefühle gezeigt zu haben.
»Ich wollte Ihnen sagen, dass ich an die Universität Leiden gehe. Ich will Arzt werden. Aber ich werde zurückkommen.«
Dan-Mali nickte. Charles wusste nicht genau, ob sie alles verstanden hatte. Aber sie wirkte jetzt so ernst, fast ein bisschen traurig, dass er annahm, sie hatte verstanden.
»Ich werde dann wiederkommen«, sagte Charles und fügte zögerlich bei: »Ich werde hier auf Sie warten.« Dan-Mali nickte, legte die Hände vor der Brust aneinander und wippte mehrmals mit dem Kopf auf und ab. Dann schaute sie kurz hoch und sagte etwas schüchtern und verschmitzt lächelnd: »Dan-Mali wartet«, bevor sie den anderen nachrannte.
Die holländische Universität Leiden war in der Tat die führende Hochschule für die medizinische Ausbildung. Die 1575 gegründete Universität ging neue, revolutionäre Wege. Sie führte den Unterricht am Krankenbett ein. In Leiden wurde Medizin nicht von Theologen gelehrt, sondern von Wissenschaftlern und Fachärzten. Und nicht nur Studenten aus ganz Europa drängten nach Leiden, sondern auch vermögende Kranke.
Charles gefiel der Unterricht auf Anhieb. Gemeinsam mit den anderen Studenten folgte er Doktor Lacroix durch die engen Flure des Hospitals. Über den Pockensaal erreichten sie das breite Treppenhaus, das zum dritten Stockwerk führte. Den Wänden des ersten Saals entlang waren unzählige Betten aneinandergereiht. Aus Platzmangel lagen bis zu vier Menschen im gleichen Bett: Kranke, Sterbende, Tote. Man sortierte lediglich die Schwangeren aus. Alle waren zusammengewürfelt, und nach einer Woche hatten alle die gleichen Symptome. Im nächsten Saal lagen die Frischoperierten. Im angrenzenden Saal hatte man die Verrückten untergebracht. Diese wurden in Leiden nicht einfach angekettet, sondern untersucht. Das war neu. Doch manche von ihnen brüllten, tobten und schlugen derart um sich, dass keiner auf diesem Stockwerk ausreichend Schlaf fand. Im hintersten Saal wurde operiert. Mit einer Säge wurden Beine amputiert, und die anwesenden Kranken konnten hautnah miterleben, was sie demnächst erwartete. Man praktizierte auch den äusserst schmerzhaften Steinschnitt. Beim Versuch, die plagenden Steine herauszuoperieren, verblutete manch einer selbst nach einem erfolgreichen Eingriff.
An der Universität Leiden verkroch man sich nicht hinter Lehrbüchern und büffelte Theoretisches, hier wurde man in die Praxis versetzt. Doziert wurde am lebenden Objekt. Das Arbeitspensum war enorm, und die jungen Studenten hatten der Reihe nach Hand anzulegen. Jeder hatte hier sein theoretisches Wissen unter fachkundiger Beobachtung anzuwenden. Es wurde operiert und bandagiert. Die Kranken hatten zu ertragen, dass an ihnen herumgewerkelt wurde wie an Puppen. Einige der Studenten hielten sich meist vornehm zurück, andere wurden kreidebleich und setzten sich auf eins der überladenen Betten, als brauchten sie demnächst selbst ärztlichen Beistand. Charles blieb stets in der ersten Reihe. Er konnte Blut sehen. Es irritierte ihn nicht. Es ekelte ihn nie. Es war einfach eine Flüssigkeit im menschlichen Körper, die ab und zu auslief wie Wein bei einem angestochenen Fass. Auch beim Anblick unnatürlich verrenkter Glieder wurde ihm nicht schlecht. Er nahm sie in die Hand wie ein Handwerker, der ein Scharnier zu überprüfen hatte. Er begriff auch schnell die Gesetzmässigkeiten und saugte alles, was er sah oder hörte, auf wie ein Schwamm. Die Universität Leiden war nach seinem Geschmack. Er war stolz, hier zu sein. Er war Teil dieser neuen, experimentellen Medizin, die wie die mutigen Seefahrer neue Kontinente erschliessen wollte. Pater Gerbillon hatte recht, dachte Charles, Pech und Glück lagen manchmal nahe beisammen, und ein Schicksalsschlag leitete eine unerwartete Glückssträhne ein.
Doch manchmal ist das Glück von kurzer Dauer, und es folgt erneut ein Rückschlag. Dieser kam in Form eines Briefes von Grossmutter Dubut. Charles erkannte gleich ihre Schrift, die an scharfe Bajonette und Harpunen erinnerte. Der Inhalt des Briefes war eine Kriegserklärung. Sie schrieb, Jean-Baptiste habe einen Schlaganfall erlitten und sei halbseitig gelähmt. Charles müsse sofort nach Paris zurückkommen. Er solle gleich nach Erhalt des Briefes seinen Koffer packen und in die nächste Kutsche steigen.
Charles packte wohl oder übel seine Sachen zusammen und begab sich zur nächsten Poststation. Er verabschiedete sich von niemandem. Bevor er ging, stahl er ein Dutzend leerer Schulhefte. Er tat es spontan. Es passte eigentlich nicht zu seinem Charakter. Er empfand ohnmächtige Wut und stahl, um etwas zurückzuerhalten von dem, was man im Begriff war ihm wegzunehmen. Und man war im Begriff, ihm alles wegzunehmen, was ihm etwas bedeutete. Zum Trost nahm er ein paar lausige leere Hefte mit. In diese wollte er fortan alles niederschreiben, was sich ereignen würde, bis er endlich sein Ziel erreicht hatte, Arzt zu werden. Er stahl diese Hefte, weil er sich sehr wohl bewusst war, dass es in Paris niemanden gab, dem er sein Leid hätte klagen können. Ausser diesen leeren Heften. Denn er würde weiterhin ein Fremder unter den Menschen sein. Er wolle über sich schreiben, beschloss er, denn die wenigsten Menschen ahnen, wer sie wirklich sind. Es sind die Prüfungen des Schicksals, die einem plötzlich und oft schmerzhaft vor Augen führen, wer man wirklich ist und wozu man fähig ist. Die meisten Menschen behaupten von sich, sie könnten keiner Fliege etwas zuleide tun, und plötzlich überraschen sie sich dabei, wie sie einem anderen Menschen bei lebendigem Leibe mit glühenden Zangen das Fleisch von den Knochen reissen. Das sind Dinge, die man anderen Menschen nicht leichtfertig anvertraut. Es sind Dinge, die man schweigend in ein Heft niederschreibt. Wer keine Freunde hat, sollte wenigstens ein leeres Heft haben.