8

Jean-Louis Louchart gab der Wut ein Gesicht. Er hatte in Notwehr seinen trunksüchtigen und gewalttätigen Vater umgebracht. Vater und Sohn hatten einmal mehr über Benjamin Franklin gestritten, Erfinder des Blitzableiters und einer der Väter der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Dort stand geschrieben, dass alle Menschen frei und gleich geboren sind. Überall in den Strassen konnte man Franklins Porträt kaufen. Paris liebte diesen ehemaligen Diplomaten, wie auch seinen Landsmann und Nachfolger Thomas Jefferson, der nun als Gesandter an der Seine residierte. Beide waren klug und bescheiden und unterstrichen mit ihren unauffälligen, schlichten schwarzen Anzügen, dass sie sich als Teil des Volkes betrachteten. Kein Pomp zierte ihre Kleidung, keine gepuderten Perücken, keine vergoldeten Knöpfe.

Bei dem heftigen Streit hatte Vater Louchart den Hammer erhoben und seinem Sohn gedroht, worauf dieser die Scheune verlassen und geschrien hatte, er werde sich in der Stadt Arbeit suchen und nie mehr zurückkehren. In diesem Augenblick hatte der Vater den Hammer geworfen, scharf am Kopf seines Sohnes vorbei. Jean-Louis hatte den Hammer aufgehoben und zurückgeworfen. Voller Wut. Unglücklicherweise hatte er den alten Herrn auf der Nasenwurzel getroffen und einen Teil des Gehirns zerschmettert. Dafür wollte ihn der Hof von Versailles öffentlich hinrichten lassen, denn der alte Louchart war einst Stallmeister in den Ställen von Versailles gewesen. Diese Leute genossen einen besonderen Schutz, und jeder Angriff auf sie wurde als Angriff auf den Hof gedeutet.

Charles missfiel das Todesurteil. Er wusste, dass Louchart als äusserst brutaler und jähzorniger Mann gefürchtet war, der weder Vieh noch Mensch verschonte. Aber er spürte auch, dass der Fall Louchart mehr war als eine Familientragödie. Er war der Vorbote eines orkanartigen Sturms. Immer offener prangerten die Menschen die Missstände an, und immer mehr verloren sie den Respekt vor der Monarchie und den Ordnungskräften. Von der Kirche konnte man nichts erwarten. Die Menschen hatten nichts mehr zu verlieren.

Am Tag der Hinrichtung verliessen zwei Karren in den frühen Morgenstunden den Gefängnishof im Städtchen Versailles. Sie wurden bereits von einer grossen Menschenmenge erwartet. Doch als die Tore geöffnet wurden und Charles-Henri Sansons Wagen erschienen, gab es weder Hohngelächter noch Geschrei. Die Menge schwieg. Es war ein bedrohliches Schweigen. Mit finsteren Blicken starrten die Menschen auf Charles, der wie ein Feldherr aufrecht im ersten Wagen stand. Das Haar hatte er sorgsam gekämmt und gepudert. Er trug einen geknöpften Gehrock von dunkelgrüner Farbe. Der englischen Mode folgend trug er auch einen schwarzen Zylinder. Während andere Henker in Frankreich noch in martialischen Stiefeln und blutroten Mänteln auftraten, versuchte Charles dem Amt durch seine Kleidung zusätzliche Würde zu verleihen. Sie sollte zum Ausdruck bringen, dass er nicht der Schlächter mit dem Beil, sondern ein Beamter der Justiz war. Hinter ihm sassen Desmorets, Barre, Firmin und sein Sohn Henri. Es war Henris Wunsch gewesen, dabei zu sein.

Berittene Soldaten bahnten ihnen den Weg. In einer langsamen Prozession fuhren sie durch Versailles zur Kirche Notre-Dame. Noch immer schwieg die Menge, doch Charles spürte ein seltsames Knistern in der Luft, das Unheil ankündigte. Er konnte die explosive Gewalt, die in der Menge brodelte, förmlich fühlen. Er half Louchart aus dem Wagen und nahm das schriftliche Urteil aus seiner Tasche. Der Verurteilte war barfuss und trug ein blutrotes Hemd. Er hatte eine Schlinge um den Kopf. Mit beiden Händen hielt er eine Kerze umklammert und kniete mit gesenktem Kopf vor der Hauptpforte der Kirche. »… wird Jean-Louis Louchart verurteilt, an Armen, Beinen, Schenkeln und Rückgrat gebrochen und auf dem Schafott lebend gerädert zu werden. Zu vollstrecken auf der Place Saint-Louis.« Ein Raunen durchflutete die riesige Zuschauermenge. Jetzt begann sich etwas zu regen. Charles sah es sehr deutlich in den Gesichtern der Menschen. Er warf einen kurzen Blick auf Henri, doch dieser verzog keine Miene. Obwohl man aus Sicherheitsgründen die Vollstreckung auf fünf Uhr morgens anberaumt hatte, waren Tausende Menschen auf den Beinen. Sie waren sehr aufgebracht, denn für sie alle war erwiesen, dass der Täter in Notwehr gehandelt hatte. Und jeder kannte die Geschichte dieses Grobians, der von seinem Sohn erschlagen worden war. Als der Gehilfe Barre Louchart erneut auf den Karren bat, wurde das Raunen unter den Zuschauern immer lauter. Es glich dem bedrohlichen Fauchen eines Raubtiers, das gleich zum Angriff übergehen wird. Normalerweise wurde applaudiert und der Täter verhöhnt, doch diesmal schien die riesige Menschenmenge zornig und empört. Die Leute empfanden offenbar so etwas wie Mitgefühl. Das war neu. Man hätte meinen können, sie hätten alle Rousseau gelesen. Noch nie hatte eine solche Masse von Menschen Mitgefühl für einen zum Tode Verurteilten empfunden. Vielleicht spielte auch die zunehmende Verbitterung des Volkes gegenüber dem König eine Rolle. Der arme Louchart nahm fälschlicherweise an, der Zorn der Masse richte sich gegen ihn. Er wurde sehr unruhig und zunehmend verängstigt. Der Priester, der bereits auf dem Karren stand, umarmte ihn und erteilte ihm die Absolution. »Sagen Sie ihm, dass die Richter ihrem Erlass ein Retentum hinzugefügt haben«, flüsterte Charles.

Am Ausgang der Rue de Satory kam der Karren ins Stocken. Es gab kein Durchkommen mehr. Soldaten versuchten, den Weg frei zu machen, doch es war zwecklos. Plötzlich hörte man aus dem Raunen und Heulen des Publikums eine zarte Stimme heraus. »Adieu, Jean-Louis, mon amour.« Es war die junge Hélène, die Geliebte des Verurteilten. Ihre Stimme klang so unschuldig und verzweifelt, dass es einem das Herz zerriss. Sie kämpfte sich durch die Menge zum Wagen. Niemand mochte dem fragilen Geschöpf im Weg stehen. Schliesslich erreichte sie den Karren und klammerte sich an den Holzgittern fest. Sie strauchelte, aber sie liess nicht los und wurde vom Wagen mitgezogen. Plötzlich tauchte ein Hüne von Mann auf. Er ging mit grossen Schritten um den Karren herum, sprang auf die Deichsel und brüllte aus voller Kehle: »Jean-Louis, niemand hat das Recht, einen rechtschaffenen Menschen wie dich zu töten.« Ein Berittener drängte den Hünen, der in Versailles als Grobschmied arbeitete und den alten Säufer Louchart gekannt hatte, beiseite. Dieses Geplänkel dauerte an, bis der Karren die Place Saint-Louis erreicht hatte, wo die Veranstaltung bedrohliche Formen anzunehmen begann. Die Menge umringte das Schafott und riss Bretter der Umzäunung nieder. Charles nahm Louchart gemeinsam mit Henri und seinen Gehilfen in die Mitte und hetzte die Treppe zum Schafott hoch. Doch oben erwartete sie bereits der Hüne, der mit einer Streitaxt das Rad in Stücke hieb. Charles nahm seinen Sohn zu sich, obwohl dieser noch grösser und kräftiger gebaut war als er und keine Furcht zeigte. Die Menschen applaudierten dem Hünen und begannen das Schafott zu demontieren. »Bleib ruhig, Henker, dann geschieht dir nichts.« Der Hüne löste Loucharts Fesseln und hob ihn auf seine Schultern. Wie im Triumphzug stieg er die Treppe hinunter, während das Volk ihm eine Gasse baute. »Lasst den Henker und seine Gehilfen vorbei. Wehe, einer krümmt ihnen ein Haar.«

Charles und Henri hatten die Place Saint-Louis noch nicht verlassen, als hinter ihnen die Überreste des Schafotts lichterloh brannten. Sie warteten mit grösster Anspannung auf die Gehilfen, die sich nur unter Aufwendung sämtlicher Leibeskräfte aus der Menschenmasse zu schälen vermochten. Kreidebleich, hielten sie die Zügel von zwei Pferden in den Händen. Einen Wagen hatten sie zurücklassen müssen. Auch er stand in Flammen.

»Was ist da geschehen, Vater?«, fragte Henri.

»Du bist Zeuge geworden, wie eine alte Ordnung ins Wanken gerät. Das war erst der Anfang. Das kann niemand mehr aufhalten.«

Sie stiegen alle in den unversehrt gebliebenen Wagen und fuhren nach Paris zurück.

»Sie haben den Thron der Gerechtigkeit angezündet«, sagte Desmorets nach einer Weile, »bald werden sie den Thron des Königs den Flammen übergeben. Ich verstehe nicht, wieso der König nichts tut. Er hat genügend Soldaten.«

»Soll er ganz Paris abschlachten?«, fragte Firmin.

Barre nickte und setzte seinen dumpfen Gesichtsausdruck auf.

»Er muss den Anfängen wehren«, insistierte Desmorets, »zeigt er Schwäche, verliert Paris den Respekt.«

»Man kann eine Idee, deren Zeit gekommen ist, nicht aufhalten«, sagte Charles. »Es kann nicht sein, dass Paris hungert, während die Königin fast zweihunderttausend Livre für ihre Garderobe ausgibt.«

»Ist etwa der König schuld an den Missernten?«, fragte Desmorets.

»Nicht an den Missernten«, ereiferte sich Firmin, »aber am Brotpreis.«

Die Stadt lag im Dunkeln. Die Menschen hatten kein Geld mehr für Kerzen und Brennholz. Sie ernährten sich von Kastanienbrot. Der Brotpreis war erneut explodiert, und der König, der die Hälfte dieses Preises in Form von Zöllen in die eigene Tasche fliessen liess, unternahm nichts, um das Leiden seines Volkes zu lindern. Auf dem Land gab es immer öfter Aufstände und Plünderungen. Banden terrorisierten abgelegene Dörfer und griffen sogar kleine Schlösser an. Einige wagten sich nach Paris und griffen die Mehl- und Brotmärkte an. Sie forderten den Preis des Königs, das heisst den Brotpreis abzüglich der Abgabe für den König, und stürmten und plünderten auf dem Pariser Stadtgebiet die über tausend Bäckereien. Doch die meisten Menschen blieben in ihren Häusern, sofern sie ein Dach über dem Kopf hatten. Mit dem Rauch der letzten Kerzen war auch ihre Hoffnung verweht. Es war, als hätte der Teufel persönlich die Hauptstadt erreicht und den Menschen ihr Lebenslicht ausgepustet. Paris versank in der Finsternis.

Im Mai 1789 war der Zerfall des Königreichs für alle offensichtlich. Kriege in Übersee während der letzten Jahrzehnte hatten die Finanzen des Königs aufgebraucht. Was übrig blieb, verprasste die Königin mit nächtelangen Festen, die über vierhunderttausend Livre pro Nacht kosteten. Noch teurer waren die Renten, mit denen sie Freundschaften pflegte. Der Herzogin von Polignac schenkte sie über eine Million Livre, ihrem Liebhaber eine Jahresrente von dreissigtausend Livre. Und zwar dafür, dass er an ihren Festen teilnahm. Der König schaute tatenlos zu, nein, er schaute weg, wie immer zögerlich, abwartend, träge, einzig seinem Hobby, der Jagd, verpflichtet und seiner merkwürdigen Leidenschaft als Schlosser. Er konstruierte kunstvolle Türschlösser. Währenddessen nahm die Krone Anleihen von weit über einer Milliarde Livre auf und erwog, die Steuern abermals zu erhöhen, allerdings nur jene der Bauern, Handwerker und Tagelöhner. Klerus und Adel bezahlten kaum Steuern. Die Ärmsten finanzierten den Lebensunterhalt der Reichsten. Die Lage schien ausweglos, bis der Ruf laut wurde, nach über hundertsiebzig Jahren wieder die Generalstände einzuberufen, weil nur die Vertretung der gesamten Nation, also Adel, Klerus und Bürger, über Steuererhöhungen befinden könne.

Die aufgebrachten Menschen in den Strassen mochten Angst und Schrecken verbreiten, wenn sie »Tod den Reichen« skandierten und die Paläste stürmten, aber es war der Adel, der die Reformen vorantrieb, denn die Adligen wussten: Würden sie nicht ein wenig nachgeben, würden sie alles verlieren. Also schlossen sie sich gemeinsam mit dem zögerlichen Klerus den Bürgerlichen an, hoben die drei Stände auf und erklärten sich zur einzigen Vertretung der Nation, zur Nationalversammlung.

Charles ging wie gewohnt seiner Arbeit nach. Gehorsam hängte und köpfte er die zum Tode Verurteilten, brandmarkte Diebe für kleinere Vergehen und erfüllte alle übrigen Pflichten, die man ihm auferlegte, zur vollen Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. Den Applaus der Menge hörte er längst nicht mehr. Wieso sollte er stolz sein, wenn er einen ausgemergelten Kerl brandmarkte, der ein Stück verschimmeltes Brot gestohlen hatte?

Seit dem Umzug ins neue Haus hatte Charles wieder begonnen, an Dan-Mali zu denken. Seine Sehnsucht erwachte erneut. Er fragte sich oft, wie sie jetzt wohl aussah und wie ihr Leben in der Heimat war. In seiner Erinnerung hatte er sie glorifiziert, obwohl er nur wenig mit ihr gesprochen hatte. Plötzlich war er vom Gedanken besessen, sie wiederzusehen.

Als er sich ein paar Tage später dem Jesuitenkloster näherte, hörte er schon von weitem Geschrei. Beissender Rauch kam ihm entgegen. Er sah, wie eine Gruppe zerlumpter Menschen das Kloster mit Steinen und brennenden Strohballen bewarf. Die aufgebrachte Menge beschimpfte die Geistlichen und forderte, dass sie ihre Vorräte herausrückten. Als am anderen Ende der Strasse berittene Polizei auftauchte, flohen die Angreifer. Ein erboster Pater stürmte aus dem Haus und hielt das Pferd eines Polizisten am Zügel fest. »Die Krone hat uns und unser Eigentum zu schützen!« schrie er.

»Wieso? Zahlt ihr etwa Steuern?« Der Berittene lachte und riss sein Pferd zur Seite.

Charles rief dem Pater zu: »Wo sind die Mädchen aus Siam?« Der Pater drehte sich verdutzt um. Als Charles auf ihn zustürmte, hob er abwehrend die Hände und rannte davon. Charles rannte ihm nach und packte ihn an der Kutte. »Wo ist Dan-Mali?«, schrie er. Der Pater schlug mit beiden Armen aus. »Sie lebt schon lange nicht mehr hier.« Konsterniert liess Charles von ihm ab. Der Pater nahm die letzten Stufen und verschwand dann hinter den Klostermauern. Charles realisierte, dass es fast drei Jahrzehnte her war, seit er Dan-Mali zum letzten Mal gesehen hatte. Er fragte sich ernsthaft, ob er denn komplett verrückt geworden war.

Wie benommen ging Charles nach Hause und setzte sich neben Gabriel ans Klavier. Doch keine Melodie konnte seinen Ärger mindern. Schliesslich zog er sich in die Pharmacie zurück und nahm das Tagebuch hervor. Er schrieb nicht über Dan-Mali. Das schien ihm zu schwierig nach all den Jahren. Er schrieb über die Aufstände, die nach und nach das Ausmass einer Revolution annahmen. Das Volk hatte die Reichen zum Feind erklärt. »Wer nicht gibt, dem wird genommen«, schrieb Charles, »aber jetzt bestiehlt jeder jeden.«

Die Übergriffe auf Klöster und Reiche nahmen von Tag zu Tag zu. Zogen am Morgen hundert Menschen durch die Strassen, waren es am Abend bereits Hunderte, die »Tod den Reichen« skandierten. In diesen Tagen traf es merkwürdigerweise den Tapetenfabrikanten Jean-Baptiste Réveillon. Merkwürdigerweise deshalb, weil er, selbst einmal Arbeiter, seinen Angestellten Sozialleistungen bezahlte, was kein anderer Unternehmer in Paris tat. Einige Dutzend Gardisten verteidigten sein Haus, also nahmen sich die Aufständischen das nächste Stadthaus vor, zerstörten das ganze Mobiliar und verbrannten es auf der Strasse. Erstaunlich, dass keiner auf die Idee kam, die Möbel an sich zu nehmen und zu veräussern. Nein, hier herrschte blinde Zerstörungswut, blanker Hass. Wer am lautesten schrie, dem folgte die Menge. Eine Woche später waren es bereits zehntausend Demonstranten, die erneut Réveillons Villa stürmten. Als die Polizei Verstärkung erhielt und Schusswaffen einsetzte, blieben dreihundert Tote im Garten der Villa zurück. Ein hoher Verlust. Doch die Menschen wurden sich ihrer Macht bewusst. Wenn sie zusammen marschierten, konnte sie keine Armee aufhalten. Ein Funke genügte nun, und sie marschierten.

Am 14. Juli 1789 lud Charles Henri ein, gemeinsam das Palais Royal zu besuchen. Marie-Anne war einige Tage zuvor zu ihrer Schwester geritten, wo sie oft längere Zeit blieb. Nicht einmal am zweiundzwanzigsten Geburtstag ihrer Söhne war sie zugegen gewesen. Henri war mittlerweile ein stattlicher Mann geworden, der seinen Vater an Körperlänge übertraf. Ein richtiger Sanson eben. Die Frauen drehten sich kichernd nach ihm um, wie sie es früher bei Charles getan hatten. Dass er der Sohn des Henkers war und bald Monsieur de Paris sein würde, erzählte er jedem, der es hören wollte. Er strotzte vor Selbstbewusstsein. Das Palais Royal lag nur einen Katzensprung vom Markt Les Halles entfernt, wo Tausende von Mehlsäcken an den Hauswänden entlang gestapelt waren und vom Kot der Nachttöpfe bekleckert wurden, die die Anwohner aus den Fenstern kippten. So verfaulte hier das Mehl in den Säcken, während andernorts die Menschen verhungerten.

Das Palais Royal hatte dem Herzog von Orléans gehört, der nach dem Tod des Sonnenkönigs 1715 vorübergehend die Regentschaft übernommen und Frankreich mit einem unkontrollierten Papiergeldexperiment in den Bankrott getrieben hatte. Wie der Sonnenkönig hatte auch er die Frauen, den Wein und das Spiel geliebt und einen verschwenderischen und dekadenten Lebensstil gepflegt. Das Palais hatte er der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, es galt seitdem als grösster Vergnügungspark Europas. Für ein paar Sou konnte man die angeblich fettleibigste Frau der Welt oder fremdländische Männer mit Riesenpenissen bestaunen, hinter einem Vorhang pornographische Zeichnungen anschauen, Spottlieder hören, Theateraufführungen beiwohnen, einen Blick in eine Laterna magica werfen oder das Wachsfigurenkabinett des Berner Arztes und Modellierers Philippe Curtius bewundern, der sich auf Einladung des Prinzen von Conti in Paris niedergelassen hatte. Curtius hatte seine angebliche Nichte Marie Grosholtz aus der Schweiz nachziehen lassen und ihr das Handwerk beigebracht. Es blieb stets ein Geheimnis, ob das Mädchen Marie seine Geliebte, seine uneheliche Tochter oder tatsächlich seine Nichte war. Im Palais Royal gab es keine Hierarchien. Lumpensammler, Prostituierte, reiche Bürgersfrauen und Adlige verkehrten hier. Kein Polizist durfte das Anwesen betreten, was ihm zu enormer Popularität verhalf. Nirgends in Paris gab es einen Ort, wo derart zahlreich illegale Schmähschriften gegen den König verkauft wurden. Und nirgends erfuhr man so rasch, was sich in Paris und Versailles abspielte.

An diesem Tag wollte Charles mit Henri seine Nachfolge diskutieren. Er war bereit, sein Amt abzugeben und sich fortan ausschliesslich der Heilkunst zu widmen. Er wollte diesem Gespräch einen feierlichen Rahmen verleihen. So setzten sie sich in eines der zahlreichen Cafés. Es war ungewöhnlich laut, und Charles fragte sich, ob dies der richtige Ort sei. Am Nebentisch begann sich plötzlich ein Mann zu echauffieren. Er sagte, der aus der Schweiz stammende Finanzminister Jacques Necker sei von König Louis XVI fristlos entlassen worden. Und als hätten sich plötzlich alle Besucher miteinander abgesprochen, skandierten immer mehr Menschen den Namen Necker. Sie wollten ihn zurück, hatte er doch aus seinem Privatvermögen für zwei Millionen Livre Brot gekauft und kostenlos an die hungernde Bevölkerung verteilt. Nicht einmal die Kirche hätte so etwas getan.

»Necker hat sich durch seine Grosszügigkeit am Hof sehr unbeliebt gemacht«, sagte Charles zu Henri, »er bringt Teile des Adels und die Kirchenfürsten in Erklärungsnot. Wenn einer allein für zwei Millionen Livre Brot verschenken kann, wieso können es nicht auch Adel und Kirche?«

Jemand schrie, der König habe die Entlassung Neckers absichtlich auf einen Sonntag gelegt, weil dann die Nationalversammlung nicht tage.

»Das endet böse«, sagte Charles, »ohne Necker geht Frankreich schon wieder bankrott, und damit werden die französischen Staatsanleihen wertlos. Und so mancher Adlige verliert sein ganzes Vermögen.« Er erhob sich. »Komm, Henri, lass uns woanders hingehen.« Sie wollten den Park verlassen, doch Hunderte von Menschen standen ihnen plötzlich im Wege und verharrten vor dem Wachsfigurenkabinett. Auch dort skandierten sie »Necker« und forderten die Wachsbüste des Finanzministers, damit man sie im Triumphzug durch die Strassen von Paris tragen konnte. Eine zierliche junge Frau erschien im Eingang. In der Hand hielt sie Neckers Kopf in Wachs. Sie händigte ihn aus. Jetzt wollte die Menge aber noch den Kopf des Herzogs von Orléans. Mit schneidender Stimme schrie die junge Frau, dass dies nicht möglich sei, weil der Kopf untrennbar mit dem Rumpf verbunden sei. Die Menge akzeptierte überraschend die Antwort und zog weiter. Zurück blieb eine resolute, erst siebzehn Jahre junge Frau, Marie Grosholtz. Hinter ihr torkelte ein Mann ins Freie. Es war der Ingenieur François Tussaud. »Mach, dass du wieder ins Haus kommst«, herrschte sie ihn an. Doch er hatte Probleme mit der Balance und sank auf die Knie. Er wollte sich an ihrem Arm festhalten, aber Marie wich ihm aus und ging ins Museum zurück. »Wie soll ich dir bloss einen Heiratsantrag machen?«, jammerte Tussaud. »Willst du denn nicht Madame Tussaud werden?«

Draussen überboten sich die wildesten Gerüchte. Auf den Champs-Elysées hatten sich Tausende versammelt und feierten den Anbruch einer neuen Zeit. Fast hundert Kanoniere schlossen sich ihnen an. Sie waren aus dem Hôtel des Invalides desertiert. Niemand schritt ein. Die Stadt schien führerlos dem Chaos überlassen.

Da stieg Camille Desmoulins, ein junger Anwalt von neunundzwanzig Jahren, auf einen Tisch und hielt eine feurige Rede. Desmoulins galt wie auch sein Cousin Antoine Fouquier de Tinville allgemein als Versager. Alles, was er bisher angefasst hatte, war schiefgegangen. »Bürger«, schrie er, »ihr wisst, dass die Nation gefordert hat, Necker solle bleiben. Jetzt ist er entlassen, wie ein Hund davongejagt. Kann man euch noch unverschämter herausfordern?« Bevor seine Hetzrede im Tumult der Zuhörer unterging, schrie er noch: »Zu den Waffen! Zu den Waffen!«

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich der verwegene Ruf durch das Labyrinth von engen Gassen und stinkenden Kloaken, die von Vieh, Karren und Kutschen von Adligen verstopft wurden. Bettler trugen die Neuigkeiten in das nächste Quartier, wo sie von Krämern aufgeschnappt und an die Kundschaft weitergegeben wurden. Wenig später brannten bereits vierzig der vierundfünfzig Zolltore. Eine nicht mehr kontrollierbare Masse stahl Zollware und fackelte die Steuerbescheinigungen und -register ab, die in den Amtsstuben aufbewahrt wurden. Auch die Mönche von Saint-Lazare und anderen Klöstern erhielten ungebetenen Besuch. Ihre Vorratskammern quollen über vor Weizen, Wein- und Butterfässern und Käse. Die Klosterbibliothek wurde geräumt, die Bücher auf der Strasse aufgetürmt und verbrannt. Schliesslich fackelte man gleich den ganzen Saal ab. Bei Anbruch der Dämmerung nahm der Aufstand immer gewalttätigere Formen an. Von Fackeln eskortiert, wälzte sich die aufgebrachte Menge wie ein glühender Lavastrom von Bäckerei zu Bäckerei, von Waffenschmiede zu Waffenschmiede und stahl Brot, Musketen, Pistolen, Piken und Degen. Die eine Hälfte von Paris war daran, die andere auszuplündern. Ein neues Gerücht verbreitete sich: Königliche Truppen seien unterwegs. Trommler zogen durch die Strassen und forderten die Menschen auf, sich in einer Bürgerwehr registrieren zu lassen. Als Erkennungszeichen sollten sie alle eine blaurote Kokarde tragen, die Farben von Paris. Die Sturmglocken läuteten.

Charles und Henri folgten den zornigen Menschen, die sich nun durch die Rue Saint-Honoré zwängten. In der Nähe der Place Vendôme kam ihnen das Königlich-deutsche Regiment des Prinzen von Lambesc entgegen. Sofort stürzte sich die Menge auf die Soldaten, während desertierte Gardisten dem Volk zu Hilfe eilten. Es fielen Schüsse, doch sie schüchterten die Menge nicht ein. Im Gegenteil, sie wurde dadurch noch mehr in Rage versetzt. Charles und Henri folgten den Aufständischen bis zum Hôtel des Invalides. Dort wollten sie Waffen erbeuten. Sie zerschlugen das Tor. Die Wachen leisteten keinen Widerstand. Wie Lemminge stürmten sie in die unterirdischen Waffenkammern, ohne zu bedenken, dass sie kaum wieder zurückkonnten, weil von der Strasse her weitere Menschen hereindrängten. Die Plünderer gerieten in Panik. Bajonette wurden gegen die eigenen Leute eingesetzt, um sich den Weg nach oben frei zu machen. Sie stachen auf alles ein, was ihnen auf den engen Wendeltreppen entgegenkam. Mit teils schweren Schnitt- und Stichwunden schleppten sich einige Dutzend Männer schreiend und stöhnend wieder aus der Kaserne hinaus, als kämen sie direkt aus der Hölle. Waffen wurden verteilt. Einige schleppten Kanonen aus dem Hof, darunter auch eine besonders kostbare, die mit Silber beschlagen war. Die aufgebrachte Menge schrie sich noch mehr in Rage und wurde zur Furie, zur Furie ohne Kopf, ohne Führung.

Charles und Henri beobachteten neugierig, wie ein Dutzend Männer die Silberkanone zur Strasse zog, als sich plötzlich eine Frau vor die Prunkwaffe stellte. Ihre Haut war dunkler als die Haut der Französinnen, und ihr schwarzes Haar reichte bis zur Taille. Sie schrie und gestikulierte wild und erinnerte Charles an Dan-Mali. Als sie näher kamen, sah Charles, dass sie es tatsächlich war. Er konnte es kaum glauben. Sie hatte immer noch diese feinen Gesichtszüge und diese geheimnisvolle Körpersprache, die Demut und Stärke signalisierte. Einer der Aufständischen packte sie an den Haaren und zog sie zu sich heran. Charles stürzte sich sofort auf den Mann und warf ihn mit Wucht zu Boden. Als der Kerl sich wieder erheben wollte, schlug ihm Charles die Faust senkrecht auf den Kopf. Er blieb auf den Knien und wankte benommen. Dan-Mali starrte ungläubig auf den Riesen, der ihr geholfen hatte. Sie stürzte sich auf Charles, umklammerte ihn und weinte. »Ich wusste, dass wir uns eines Tages wiedersehen. Kun kwaun.«

»Dan-Mali«, flüsterte Charles.

»Vorsicht, Vater!«, schrie Henri und stellte sich mutig den Männern in den Weg, die ihrem gestürzten Freund zu Hilfe eilen wollten. Henri baute sich schützend vor seinem Vater auf und grinste frech. So viel Selbstbewusstsein irritierte die Angreifer.

»Wollt ihr euch an einer wehrlosen Frau vergreifen?«, schrie Charles und schlug dem Nächstbesten die Faust ins Gesicht. Er sackte sofort zusammen und blieb am Boden liegen. Seine Nase war gebrochen, das Blut floss über sein Kinn. Seine Kameraden umringten nun Dan-Mali, Charles und Henri.

»Wer bist du?«, schrie einer theatralisch, so dass weitere Aufständische stehen blieben.

»Die Bastille ist dort drüben«, rief ihnen Charles entgegen. »Wenn ihr sie stürmen wollt, dann stürmt sie.« Er nahm Dan-Mali schützend in den Arm. Sie klammerte sich zitternd fest.

Die beiden Sansons irritierten die Aufständischen. Wie konnte man bloss den Mut aufbringen, sich gegen eine ganze Meute zu stellen? Ein Hüne drängte sich nach vorn. »Lasst ihn in Ruhe, ich kenne diesen Mann. Es bringt kein Glück, ihm etwas anzutun.« Es war der Schmied aus Versailles. Allmählich löste sich die Gruppe auf, und die Männer zogen mit ihrer erbeuteten Prunkkanone weiter.

Dan-Mali wollte sie erneut daran hindern, aber Charles hielt sie davon ab. »Die Kanone ist ein Geschenk meines Königs an deinen König. Niemand darf sie stehlen. Das wäre eine grosse Schande für Siam«, sagte Dan-Mali. Sie blickte schüchtern zu ihm auf, bis ein verlegenes Lächeln über ihre Lippen huschte. »Kun kwaun«, wiederholte sie.

»Kun kwaun?«, fragte Charles lächelnd.

Sie wischte sich Tränen aus den Augen.

»Du hast unsere Sprache gelernt«, sagte er anerkennend.

»Weil ich wusste, dass wir uns eines Tages wiedersehen.«

Henri folgte der aufgebrachten Menschenmenge. Charles wollte ihn nicht alleinlassen und sagte zu Dan-Mali: »Komm, wir gehen zur Bastille.« Er legte den Arm um ihre Schulter und drückte sie an sich. Ein ihm bis dahin unbekanntes Gefühl von Wärme übermannte ihn. Er hatte sie wiedergefunden.

Die Bastille war ursprünglich eine Torburg im Osten von Paris. In diesen Tagen diente sie als gigantische Gefängnisfestung. Ihre acht Türme ragten wie steinerne Ungeheuer in den Himmel. Die Bastille war das verhasste Machtsymbol des Königs. Ihr Befehlshaber war Marquis Bernard-René de Launay. Unter ihm dienten rund achtzig Kriegsversehrte und gut dreissig Schweizergardisten. Charles zeigte auf die Dächer der Verkaufsstände, die entlang der wuchtigen Aussenmauern aufgestellt waren. Die Händler schien nicht zu stören, dass nun Hunderte von Aufständischen auf ihren Tischen und Waren herumtrampelten. Nein, sie halfen sogar einigen dabei, die Mauern zu erklimmen. Auf diese Weise gelangten die Männer in den ersten Vorhof und konnten die Zugbrücke herunterlassen. Launay verlor rasch die Nerven und liess mit Kanonen in die Menge feuern, die nun siegessicher in den Hof stürmte und sich an der nächsten Zugbrücke zu schaffen machte. Er richtete ein entsetzliches Blutbad an. Charles, Dan-Mali und Henri wollten sich etwas zurückziehen. Doch es war zu spät. Zwei desertierte Kompanien der Garde kamen ihnen entgegen und blockierten die Strasse. Die Deserteure brachten ihre Kanonen in Stellung. Plötzlich erschien Launay auf einem Turm und schwenkte ein weisses Taschentuch. Wenig später schob ein Schweizergardist eine Pike mit einem Schreiben des Kommandanten durch eine Schiessscharte. Launay bot die Kapitulation an und bat im Gegenzug um einen ungehinderten Abzug. Die Aufständischen willigten ein. Doch kaum hatte er die letzte Brücke der Bastille passiert, wurde er von allen Seiten mit Bajonetten traktiert. Launay schritt tapfer weiter, obwohl er bereits aus zahlreichen Wunden blutete. Plötzlich stiess er ein wildes Geheul aus und schlug mit den Fäusten und Füssen um sich. Er traf einen Koch in den Unterleib. Dieser schoss Launay nieder. Dann liess er sich einen Säbel reichen und begann dessen Kopf abzuschneiden. Doch die Waffe war zu stumpf, und er nahm schliesslich sein Messer und schnitt den Kopf ab, als wäre es ein Stück Wurst. Das Blut spritzte in einer wilden Fontäne gegen den Himmel. Der Koch nahm eine Pike und steckte Launays Kopf darauf. So zogen die Aufständischen weiter. Die Strasse war wieder frei.

Dan-Mali hielt die Augen geschlossen. Das war gut so, denn unterwegs trafen sie noch auf weitere aufgespiesste Köpfe und verstümmelte Leichen. Charles warf Henri einen Blick zu. Dieser schien ungerührt. Die Gräueltaten schockierten ihn wohl, aber sie schlugen weder auf sein Gemüt noch auf seinen Magen. Er sagte: »Du hattest recht, Vater, das ist kein Aufstand, das ist eine Revolution.«

Die Aufständischen hatten mit über hundert Gefangenen gerechnet, die sie aus den dunklen Verliesen im Keller der Bastille befreien würden. Aber die Zellen waren alle leer. Sie fanden lediglich eine Handvoll Gefangener in den oberen, lichtdurchfluteten, komfortablen Zellen: sieben Kleinkriminelle. Donatien Alphonse François de Sade war nicht mehr darunter. Er hatte wochenlang die Bevölkerung um Hilfe gebeten. »Helft uns, sie metzeln die Gefangenen nieder!«, hatte er ständig geschrien. Alles erfunden. Deshalb hatte man ihn wenige Tage zuvor von der Bastille in die Irrenanstalt Charenton-Saint-Maurice verlegt. Zurück blieb nur ein in winziger Schrift verfasstes Manuskript mit dem Titel Die hundertzwanzig Tage von Sodom.

Plötzlich sah Charles Blut an seiner linken Hand. Es stammte von Dan-Mali. Jemand hatte sie mit einer Pike erwischt. »Komm mit mir, ich werde die Wunde versorgen«, sagte er.

Dan-Mali schaute zu ihm hoch und fragte ungläubig: »Du kannst Schmerzen lindern?«

Charles war überrascht. Wusste sie denn nicht, dass er der Henker von Paris war? Hatte er sich damals möglicherweise doch getäuscht, als er sie bei Damiens’ Hinrichtung unter den Zuschauern wähnte?

Er kehrte mit Dan-Mali nach Hause zurück. Henri hatte bleiben wollen. Über den Hof gingen sie in die Pharmacie. Dan-Mali legte sich auf das Bett. Sie wirkte erschöpft.

»Du musst dein Hemd ausziehen«, sagte er.

Ohne Scham zog sie es aus. Die Pike hatte sich leicht unter ihre linke Brust gebohrt. Die Wunde war nicht tief. Charles desinfizierte sie und legte ihr einen sauberen Verband an. »Ich habe lange auf ein Wiedersehen gewartet«, sagte er leise und setzte sich neben sie.

Dan-Mali nickte, als wollte sie sagen, dass auch sie gewartet habe.

»Wir sind beide älter geworden, ich habe eine Frau und zwei Söhne, aber es verging kein Tag, an dem ich nicht an dich gedacht habe. Manchmal habe ich vor deiner Schule gewartet.«

»Ich weiss, ich musste damals nach Siam zurück. Aber ich bin wiedergekommen. Ich wollte dich wiedersehen. Das ist unser Karma.«

»Du sprichst unsere Sprache wirklich sehr gut, du hast Talent.« Charles lächelte.

»Ich kann mir alles merken. Wenn ich ein Wort einmal gehört habe, vergesse ich es nie wieder.«

»Wirst du nun eine Weile hier sein, oder kehrst du schon bald nach Siam zurück?«

»Ich werde meine Heimat vielleicht nie mehr sehen. Meine Familie will, dass ich hier in Paris bleibe und für sie sorge. Meine Familie ist sehr arm. Ohne die regelmässigen Zahlungen von Pater Gerbillon …« Dan-Mali stockte, dann liefen ihr Tränen über die Wangen. »Es ist schwer für mich. Ich möchte meine Familie wiedersehen, aber ich muss hierbleiben. Ich kam nach Paris, um zu lernen, und jetzt bin ich Pater Gerbillons Magd. Er liebt das siamesische Essen.«

»Soll ich mit ihm reden?«, fragte Charles. »Du könntest auch bei mir arbeiten. Wir trocknen Pflanzen und Heilkräuter und stellen daraus Medikamente her.«

Sie schüttelte den Kopf. »Sprich nicht mit Pater Gerbillon, das würde ihn erzürnen. Er darf nicht wissen, dass wir uns gesehen haben.«

Charles spürte, dass irgendetwas nicht stimmte. Aber er wollte Dan-Mali nicht in Bedrängnis bringen. »Ich möchte dich nie mehr aus den Augen verlieren«, sagte er schliesslich.

Dan-Mali nickte. »Ich muss jetzt gehen. Pater Gerbillon hat es nicht gern, wenn ich zu lange wegbleibe.«

Sie erhob sich mit einem Blick des Bedauerns, senkte den Kopf und legte die Hände unter dem Kinn aneinander. Sie wäre gern noch eine Weile geblieben. Charles schaute ihr noch lange nach, selbst als sie den Hof längst verlassen hatte.

Von nun an war Charles ein Besessener. Seine Gedanken kreisten unaufhörlich um Dan-Mali. Er sah ihr Lächeln, ihre Augen und lächelte seinerseits gedankenverloren vor sich hin. Er wünschte sich, Dan-Mali jeden Tag zu sehen. Er wünschte, sie würde bei ihm wohnen. Der Wunsch war so stark, dass er gar nicht darüber nachdachte, wie das zu bewerkstelligen wäre.

In Paris kündigte sich ein gewaltiges Erdbeben an. In einer einzigen Nachtsitzung strich die Nationalversammlung Steuerprivilegien, Jagd- und Fischereirechte des Adels, sein Recht auf Gerichtsbarkeit. Alles wurde abgeschafft, sogar der Kirchenzehnte. Europa stand unter Schock, denn wankte der König von Frankreich, würden alle anderen folgen.

Marquis de Lafayette war Vizepräsident der Nationalversammlung und führte gleichzeitig die Nationalgarde, die die Aufständischen in Paris im Zaun halten und den König beschützen sollte. Lafayette war ein erprobter Heerführer von einunddreissig Jahren, der an der Seite George Washingtons im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft hatte und beidseits des Atlantiks zum Helden geworden war. Er legte einen ersten Entwurf für die nach amerikanischem Vorbild niedergeschriebene Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vor. Kein Geringerer als Thomas Jefferson assistierte ihm. Die Zeitungen druckten mit Begeisterung die Erklärung ab. Charles schrieb sie Wort für Wort in sein Tagebuch. Es war ein wunderbarer Gedanke, dass alle Menschen Anrecht auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hatten.

Doch die Entmachtung von Adel und Klerus ging den Menschen nicht weit genug. Es genügte ihrer Meinung nach auch nicht, einen Baum blauweissrot zu schmücken und ihn Freiheitsbaum zu nennen. Sie wollten mehr. Es missfiel ihnen, dass nun alle Macht bei der Nationalversammlung lag und mitnichten bei den Aufständischen, die immer noch Läden und Schlösser abfackelten, plünderten und raubten und das Gerücht streuten, fremde Armeen marschierten in Richtung Frankreich, um den König zu retten. Bald formierte sich ein führungsloser Zug, der Richtung Versailles marschierte, die Wachen überrannte und bis in die Gemächer des Königs vordrang. Sie zwangen Louis XVI, der gerade mit seiner Familie speiste, die Trikolore an seinen Hut zu heften und ihnen nach Paris zu folgen. Sie wollten ihren König bei sich haben. Die Soldatenleichen im Schlosspark kümmerten niemanden. Es war, als hätte nun jeder das Recht, die königliche Garde ohne Strafe abzustechen. Ein Teil der Aufständischen wünschte nach wie vor den Tod aller Reichen und den Einzug ihrer Vermögen. Einige noch Radikalere forderten die Aufhebung des Privateigentums und die Todesstrafe für jedes ihrer Meinung nach unpatriotische Benehmen.

In einem Triumphzug von über dreissigtausend Menschen führten die Bürger von Paris ihren König in die Hauptstadt. Louis XVI war zum Untertan geworden, weil er stets gezaudert und keine Entscheidungen getroffen hatte. Doch während der König Würde und Macht verlor, gewann er die Zuneigung seines Volkes zurück. Die Niederlage habe ihn menschlich gemacht, schloss Charles den Eintrag ins Tagebuch. Ein Gedanke liess ihn nicht schlafen. Mitten in der Nacht stand er auf und schrieb einen Brief an Generalstaatsanwalt Roederer. Die Verabschiedung der Menschenrechte hatte ihm Mut gemacht. Mut zur Veränderung.

Sooft die Zeit es ihm erlaubte, besuchte Charles das Jesuitenkloster. Aber man liess ihn stets vor der Pforte warten und beschied ihm, Pater Gerbillon sei beim Gebet. Ein wahrlich frommer Mensch. Und Dan-Mali? Es hiess, sie könne während ihrer Arbeitszeit keine privaten Besuche empfangen. Und wann endete ihre Arbeitszeit? Das sei sehr unterschiedlich. Da müsse er Pater Gerbillon fragen, aber der sei wie schon erwähnt beim Gebet.

An einem regnerischen Freitagnachmittag klopfte jemand an die Haustür der Sansons. Charles dachte instinktiv an Dan-Mali und eilte zur Tür. Zu seiner grossen Enttäuschung stand ein Abgeordneter der Nationalversammlung vor ihm, der schüchterne Doktor Joseph-Ignace Guillotin. Sein Besuch ehrte Charles, stand doch Guillotin dem Leibarzt des Königs, Doktor Antoine Louis, sehr nahe. Als Mitglied einer königlichen Kommission untersuchte er den animalischen Magnetismus nach der Lehre von Franz Anton Mesmer. Als Gründungsmitglied der liberalen Freimaurerloge Grand Orient de France war er immer wieder Gegenstand wilder Gerüchte.

Charles bat ihn in seine Pharmacie und bot ihm etwas zu trinken an, doch der Gast lehnte irritiert ab. Guillotin setzte sich Charles gegenüber und wartete, bis er dessen ganze Aufmerksamkeit hatte. »Ich habe Ihr Schreiben an den Generalstaatsanwalt Roederer gelesen. Sie hätten das Schreiben auch an Fouquier adressieren sollen, er war darüber sehr erbost.«

»Fouquier?«, fragte Charles. »Antoine Fouquier de Tinville?«

»Ja«, erwiderte Guillotin, »auch er hat ein Amt als Staatsanwalt erworben. Er hat geerbt. Aber nennen Sie ihn um Gottes willen nicht mehr Fouquier de Tinville. Er nennt sich nur noch Antoine Fouquier, um seine adlige Herkunft zu verschleiern. Das Volk von Paris ist nicht mehr berechenbar. So ändern sich die Zeiten. Aber reden wir von Ihrem Schreiben, Monsieur. Es ist auf Interesse gestossen, denn auch wir beschäftigen uns mit der Humanisierung der Hinrichtung, ungeachtet der Herkunft des Verurteilten.«

»Das wird kaum realisierbar sein«, entgegnete Charles, »denn selbst wenn alle Delinquenten mit dem Schwert hingerichtet würden, wäre eine Hinrichtung nie wie die andere. Die meisten zittern, ihr Mund wird trocken, sie können nicht mehr sprechen und zappeln plötzlich, so dass es schwierig wird, einen sauberen Schnitt zu führen und den Kopf vom Rumpf zu trennen. Um dem Gesetze Genüge zu tun, muss der Scharfrichter sein Handwerk hervorragend beherrschen, und der Verurteilte muss unbedingt still halten.«

»Das ist etwas viel verlangt«, murmelte Guillotin höflich.

»Ein weiterer Punkt sind die Kosten. Nach jeder Exekution ist das Schwert unbrauchbar. Es ist unumgänglich, das schartig gewordene Schwert zu schärfen und zu schleifen. Manchmal brechen die Schwerter. Es kann böse Unfälle geben, wenn die Spitze der abgebrochenen Klinge ins Publikum schiesst oder den danebenstehenden Gehilfen trifft. Das ist eine sehr barbarische Hinrichtungsart. Sie müssen bedenken, wenn der erste Schwerthieb fehlschlägt, hängt der Kopf an einzelnen Sehnen noch am Rumpf, und ein Gehilfe muss diese mit einem Messer durchtrennen, bis sich der Kopf endlich löst. Das ist eine furchtbare Schlächterei. In meinem ersten Jahr als Henker brauchte ich einmal vier Versuche. Ich glaube, beim fünften Versuch hätte mich das Volk gelyncht.«

»Welche Hinrichtungsart ist denn die humanste? Welche entspricht den Idealen unserer Revolution? Welche Hinrichtungsart verkürzt das Leiden?«

»Das Beste wäre eine Maschine, die ein Fallbeil führt. Jeder Verbrecher würde genau die gleiche Hinrichtungsart erleiden. Der Scharfrichter löst nur noch den Stift, der das Beil blockiert.«

Guillotin lächelte kurz. Dabei zeigte er seine bräunlich verfärbten Zähne, die an einen morschen Gartenzaun erinnerten.

»Ich könnte ein derartiges Modell entwerfen«, sagte Charles, »Tobias Schmidt könnte mir dabei helfen.«

»Tun Sie das«, sagte Guillotin. »Ich werde mir erlauben, in zwei Wochen wieder bei Ihnen vorbeizuschauen.«

Am folgenden Tag schien sich Charles’ Ausdauer vor dem Jesuitenkloster gelohnt zu haben. Eine Kutsche fuhr vor, und Pater Gerbillon stieg aus. Er war alt geworden. Charles stürmte sofort auf ihn zu und rief seinen Namen.

»Monsieur de Paris!« Pater Gerbillon schmunzelte und zeigte auf den Freiheitsbaum vor dem Treppenaufgang. Er war mit blauen, weissen und roten Girlanden geschmückt und trug die rote Freiheitskappe. »Wissen Sie, was das da oben ist?«

»Nein«, antwortete Charles ungeduldig, »ich muss mit Ihnen reden.«

»Das ist eine phrygische Mütze. Irrtümlicherweise glauben die Revolutionäre, diese rote Mütze sei in der Antike von freigelassenen Sklaven getragen worden. Aber das ist falsch«, dozierte Gerbillon, während er mit Charles die Eingangshalle des Klosters betrat. »Die Leute haben keine Bildung und zetteln eine Revolution an. Das ist die Mütze des Sonnengottes Mithras! Das hat uns dieser Doktor Guillotin eingebrockt. Die Freimaurer glauben nicht an Gott, sie glauben an eine göttliche Kraft, an die Sonne als Ursprung allen Lebens auf unserem Planeten. Eigentlich liegen sie nicht ganz falsch. Denn alle Religionen haben Götter des Lichts. Selbst Buddha trägt eine Korona, einen Sonnenkranz. Aber mit der Sonne kann man kein Geld verdienen. Religion braucht ein Gesicht. Und ein Gesicht braucht eine Biographie. Marquis de Sade könnte Ihnen das bestätigen. Kennen Sie seine Bücher?«

»Ich wollte über Dan-Mali sprechen.«

Pater Gerbillon bat Charles in sein Büro. »Nun gut, ich langweile Sie. Womit kann ich Ihnen dienen, Monsieur de Paris?«, fragte er amüsiert.

»Ich suche jemanden, der mir in meiner Pharmacie behilflich sein könnte«, sagte Charles ohne Umschweife, »und da habe ich an Dan-Mali gedacht.«

»Oh«, erwiderte Pater Gerbillon süffisant, »der Henker hat sich verliebt? Irre ich mich, oder sind Sie verheiratet?«

»Wäre es möglich, dass Dan-Mali bei mir arbeitet?«

»Leider nein«, sagte Pater Gerbillon, »der König von Siam persönlich hat sie mir geschenkt. Sie ist alles, was mir geblieben ist, seit die Nationalversammlung beschlossen hat, alle Kirchengüter einzuziehen, um die Staatsschulden abzutragen. Jetzt drucken unsere Revolutionäre verzinsliche Staatsanleihen, nennen sie Assignaten und decken sie mit dem geraubten Kirchengut. Aber wer traut schon dem Papier? Oder wie sagte Voltaire: ›Jede Papierwährung findet eines Tages zu ihrem eigentlichen Wert: null.‹ Sie sehen, ich lese gerade Voltaire.«

»Ich würde Sie bezahlen«, sagte Charles mit ernster Stimme, »damit Sie eine andere Magd einstellen können.«

»Womit wollen Sie mich denn bezahlen? Mit Assignaten? Die haben schon ein Drittel ihres Wertes verloren. Am Anfang wurde die Wirtschaft durch das frische Papiergeld stimuliert, aber jetzt haben sie schon die Verzinsung der Assignaten gestrichen. Womit wollen Sie mich also bezahlen? Mit Gold? Der Besitz von Gold ist neuerdings verboten. Niemand darf sich vor der Inflation schützen.«

»Das Halten von Sklaven ist auch verboten, Pater Gerbillon!«

Gerbillon lachte laut auf. »Seit wann ist es verboten, der Kirche zu dienen? Und im Übrigen kümmern sich unsere Revolutionäre nicht um das weibliche Geschlecht. Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit, davon sind die Frauen ausgeschlossen. Zugegeben, da hapert es ein wenig mit der Logik, aber so sind nun mal unsere Revolutionäre. Was halten Sie eigentlich von dieser Revolution?«

»Ich wünschte mir, unser König würde die Zeichen der Zeit erkennen und sich mit einer konstitutionellen Monarchie nach englischem Vorbild begnügen. So könnte er die Revolution überleben, als Galionsfigur am Bug unseres wunderbaren Schiffes.«

»Wissen Sie, was ich jetzt tue, Monsieur de Paris? Ich saufe meinen besten Wein. So tun es alle Brüder in den Klöstern Frankreichs. Wir beten nicht mehr, wir saufen.« Er betätigte die Glocke auf seinem Tisch. Kurz darauf öffnete sich die Tür, und Dan-Mali trat ein. »Mach mir einen Kaffee mit Zimt«, sagte er, ohne sie anzuschauen. Sein Blick ruhte immer noch auf Charles. »Aber warte, bleib hier, bis Monsieur de Paris unser Haus verlassen hat. Sonst kommt er noch auf die Idee, dich zu entführen.«

Dan-Mali suchte Charles’ Blick.

»Monsieur de Paris«, sagte Gerbillon und zeigte zur Tür, »es war eine Freude, Sie wiederzusehen. Aber noch grösser ist die Freude, wenn wir den Henker in diesen Gemäuern nicht mehr sehen.«

Charles schaute nochmals zu Dan-Mali und lächelte freundlich. Gerbillons Kichern ignorierte er. Er verliess das Kloster und verkroch sich in seiner Pharmacie. Jemand klopfte wenig später an die Tür. Marie-Anne schaute herein. »Ich werde morgen mit den Hunden meine Schwester besuchen. Sie braucht Hilfe. Vielleicht bleibe ich einige Wochen.«

Charles nickte. Marie-Anne blieb noch eine Weile in der Tür stehen, doch er schwieg. Als draussen im Flur ihre Schritte verstummt waren, griff Charles zu seinem Tagebuch. Paris erstickt in Papiergeld, schrieb er. Ich werde mit Papiergeld bezahlt. Meine Gehilfen wollen aber kein Papier mehr. Doch die Revolutionäre drucken immer mehr Papiergeld, um neue Schulden zu finanzieren. Dadurch verlieren die Assignaten noch mehr an Wert, und die Menschen beginnen, Lebensmittel zu horten. Die Preise galoppieren, kein Gesetz kann dies verhindern. Man kann aus dem Nichts kein Geld erschaffen. Papier bleibt Papier.

Als Charles Klavierspiel hörte, huschte ein Lächeln über seine Lippen. Er legte das Tagebuch beiseite und setzte sich im Wohnzimmer neben Gabriel auf die Bank. Gemeinsam spielten sie, und es bedurfte keiner weiteren Worte.

Am nächsten Tag ging Charles zu Tobias Schmidt in dessen Werkstatt. Niemand öffnete ihm auf sein Klopfen hin die Tür, obwohl aus dem Innern deutliches Hämmern zu vernehmen war. Also betrat Charles die alte Fabrikhalle und blieb stehen. Er begrüsste Schmidt mit lauter Stimme, worauf dieser zusammenzuckte. Er trug noch seinen Schlafrock. Die Wände der Werkstatt waren zugemüllt mit Holz- und Metallteilen, Gurten, Riemen, gusseisernen Dampfkesseln und gezahnten Holzrädern in allen Grössen. An den Wänden hingen überdimensionale Skizzen von seltsamen Maschinen, deren Zweck man nur erraten konnte.

Tobias Schmidt führte Charles sogleich in den hinteren Teil der Halle. »Ich habe Ihnen doch erzählt, dass ich daran arbeite, Nahrungsmittel zu konservieren. Wie kann man den Verwesungsprozess aufhalten, ohne dass dabei Geschmack oder Nährwert verlorengehen? Wer dafür eine Lösung findet …«

»… kann die Welt erobern, ich weiss.« Charles schmunzelte.

»Das ist so«, beharrte Schmidt. »Ich versuche, Gemüse und Obst zu kochen und dann in Blechdosen zu konservieren. Aber ich habe noch keine Lösung für das Verlöten der Dosen gefunden. Es ist auch nicht einfach, den optimalen Siedegrad für die einzelnen Lebensmittel herauszufinden. Das wird Jahre in Anspruch nehmen. Jahre!« Schmidt rührte in einem grossen Topf, in dem Äpfel in siedendem Wasser schwammen. »Ich brauche Tausende von Dosen für meine Experimente. Noch ist unklar, ob man Gemüse besser in Öl oder Essig, in Alkohol oder Zuckersirup konservieren sollte. Und das Ergebnis kann man frühestens nach zwei Jahren sehen.«

»Ich möchte mit Ihnen ein kleineres Projekt bereden«, sagte Charles.

»Ich langweile Sie doch nicht? Es tut mir leid, aber ich habe seit Wochen keinen Menschen mehr gesehen.« Schmidt schüttelte verwirrt den Kopf und schlurfte gebückt durch die Halle. Dann liess er sich auf eine Couch fallen. Der Überzug war gerissen. Weisse Hühnerfedern schauten hervor.

Charles folgte ihm. »Ich hatte Besuch von Doktor Guillotin.«

»Dieser Freimaurer. Ich sage Ihnen, die werden die Revolution anführen. Das kommt noch. Zuerst schaffen sie den Klerus ab, dann schaffen sie Gott ab. Denn jetzt muss alles rational erklärbar sein. Das ist die nächste Errungenschaft unserer Revolution. Robespierre fordert einen zivilreligiösen Kult der Vernunft. Er plant ein Fest des höchsten Wesens. Und wer ist das höchste Wesen? Die Natur! Behauptet Robespierre. Wir sollen die Natur anbeten wie unsere Vorfahren vor sechstausend Jahren. Bald werden wir bei Sonnenaufgang niederknien und der Sonne für ihr Licht danken.«

»Monsieur Schmidt«, insistierte Charles, »ich muss mit Ihnen über Guillotins Maschine sprechen.«

»Jaja, ich habe in der Zeitung von seiner Idee gelesen. Die humane Tötungsmaschine. Auch dafür hätte ich Ideen. Alle Welt will meine Ideen, doch keiner will bezahlen. Künstler wie ich gehen immer leer aus, und mit meinen Klavieren verdiene ich gerade genug, um neue Blechdosen zu kaufen.«

»Wenn Sie eine Maschine erfinden können, die alle Menschen auf die gleiche Art und Weise tötet, dann werden Sie ein reicher Mann werden. Hätten Sie Lust, eine Skizze anzufertigen, die ein Laie versteht?«

»Jaja«, sagte Schmidt gereizt, »ich habe da Ideen, und es wäre grossartig, wenn man mich beim Hof vorsprechen liesse. Dann könnte ich dem König darlegen, wie man Nahrungsmittel haltbar macht. Er könnte mit seinen Armeen bis nach Russland marschieren, bis nach Afrika oder Indien. Seine Truppen hätten immer genug Nahrung. Er führt ja so gerne Krieg.«

»Monsieur Schmidt, es geht jetzt ausschliesslich um diese Tötungsmaschine. Wenn Ihr Entwurf angenommen wird, könnten Sie möglicherweise für jedes Departement eine solche Maschine bauen.«

»Oh, das wäre das Geschäft meines Lebens! Ich habe so viele Ideen für neue Maschinen, aber nicht das Geld für das Material. Ich wäre Ihnen ewig verbunden, Monsieur, mehr noch, ich würde Sie beteiligen.«

Charles lächelte. »Ihre Freundschaft ist mir Lohn genug.«

»Und wie geht’s Gabriel?«, fragte Schmidt.

»Er macht keine grossen Fortschritte mehr, aber es wird auch nicht schlechter. Da er mehr läuft, wird die Muskulatur kräftiger und sein Gang stabiler.«

Schmidt zog an einer Kordel, die von der Decke hinunterhing. In der Ferne hörte man das Gebimmel einer Glocke. Die Kordel führte der Decke entlang zur Wand und anschliessend durch ein Bohrloch in einen anderen Raum. Wenig später erschien eine korpulente Frau um die sechzig. Sie wackelte beim Laufen hin und her. Charles nahm sogleich wahr, dass ihre Hüften lädiert waren.

»Bringen Sie uns Rotwein«, sagte Schmidt.

»Aber Sie haben seit gestern früh noch nichts gegessen.«

»Sind Sie meine Ärztin?«, herrschte Schmidt sie an. »Ich habe eine Magd angestellt. Und dann brauche ich ein Stück Brot. Und zwar schnell. Ich habe mir den Magen verdorben.«

»Schon wieder?«, seufzte die Frau.

Charles kaufte sich ein neues Tagebuch. Seit die Schulhefte vollgeschrieben waren, hatte er immer Bücher für seine Einträge benutzt. Es gab viele Delinquenten zu verzeichnen: einen Knopfmacher, einen Pferdehändler, einen Kammerdiener, einen Schlosser … Er füllte zwei Seiten mit Namen. Das war am Montag. Am Dienstag waren es schon drei. Die vielen Todesurteile sollten abschreckend wirken. Aber sie waren wirkungslos. Zu gross war das Elend in den Strassen von Paris und auf dem Land. Die Armut schuf ein Heer von Kriminellen. Die Zahl der Verurteilten erhöhte sich sprunghaft. Charles vollstreckte die Urteile mit stoischer Miene, doch die Menschen, die es hinzurichten galt, waren ihm keineswegs gleichgültig. Im Gegenteil, er hatte Mitleid mit ihnen. Er verstand nicht, wieso das Publikum, das dichtgedrängt um das Schafott herumstand, so selten Mitgefühl zeigte. Sie teilten doch alle das gleiche Leid. Ohne Henri hätte Charles wohl alles hingeschmissen. Aber er dachte, wenn sein Sohn tatsächlich das Amt antreten wollte, dann sollte er es ihm geordnet übergeben und so lange auf dem Schafott bleiben, bis der Generalstaatsanwalt dem Wechsel zustimmte.

Als sie eines Tages von der Arbeit nach Hause kamen, sassen Tobias Schmidt und Gabriel im Wohnzimmer und spielten zusammen Klavier. »Er ist ein grosses Talent, das nenne ich Begabung«, sagte Schmidt anerkennend.

Charles hörte es gern. Er begrüsste Gabriel mit einem väterlichen Kuss auf die Stirn und bat Schmidt in die Pharmacie. Dort zog Schmidt ein Buch aus seiner Tasche und klappte es auf. »Schauen Sie, Monsieur de Paris, das ist ein Stich von Achille Bocchi aus dem Jahre 1555. Er zeigt ein Holzgerüst aus zwei parallel verlaufenden senkrechten Holzpfeilern. Zwischen den eingekerbten Pfeilern hängt ein scharfes Beil, das mit einem Seil festgehalten und am Herunterfallen gehindert wird. Löst man das freie Ende des Seiles, saust das Fallbeil zwischen den beiden Pfeilern hinunter und enthauptet den Unglücklichen, dessen Nacken genau an der Stelle liegt, auf die das Fallbeil trifft.«

Charles schaute sich das Bild genau an. Nach einer Weile sagte er: »Das wird nicht genügen. Das Problem ist, dass die Verurteilten angesichts des nahen Todes nicht still halten. Auf den Knien verliert man rasch den Halt. Man muss deshalb zwingend den Körper befestigen, damit ein sauberer Schnitt möglich ist. Sonst endet das in einer wüsten Schlächterei, an der auch das Publikum keine Freude hat.« Schmidt nickte. Charles sah ihm an, dass er bereits mit einer neuen Lösung beschäftigt war, und fügte an: »Es eilt! Wenn wir es nicht tun, werden die Doktoren Louis und Guillotin etwas kreieren, aber ich bin derjenige, der oben auf dem Podest stehen wird und verantwortlich ist, wenn es nicht funktioniert. Ihnen vertraue ich, Monsieur Schmidt.«

Schmidt lächelte. »In Ordnung. Ich werde daran arbeiten. Und zwar noch diese Nacht. Aber ganz ohne Musik werden wir den Abend nicht beenden.« Er setzte sich mit Gabriel ans Klavier. Beim dritten Stück hörte Schmidt abrupt auf. »Ich hab die Lösung! Lassen Sie mich nach Hause gehen. Ich muss eine Skizze anfertigen.« Und er eilte auf die Strasse hinaus.

Charles setzte sich mit Henri in die Pharmacie. Sie tranken Wein und sprachen über die neue Maschine. Charles erklärte die Details.

»Sie wird unsere Arbeit erleichtern«, sagte Henri, »aber es wird immer noch jemanden brauchen, der durch seine Anwesenheit die Rechtmässigkeit bezeugt und die Maschine bedient.«

»Ja, aber sie bringt nicht mehr Gerechtigkeit. Du kannst zwar alle auf die gleiche Art und Weise hinrichten, aber vielleicht richtest du einen zu Unrecht. Vielleicht ist er unschuldig, vielleicht ist das Urteil gekauft. Wenn du jemanden tötest, ist es irreversibel.«

»Dafür sind wir nicht zuständig, Vater.«

»Mag sein, Henri, mag auch nicht sein. Jede Rechtsprechung unterliegt dem Zeitgeist. Und jedes Land hat seine eigenen Gesetze. Wir wenden das Recht an, aber üben nicht Gerechtigkeit.« Ganz unvermittelt fragte er: »Erinnerst du dich an die Frau aus dem Königreich Siam?«

»Das Mädchen mit der Silberkanone?«

»Sie ist kein Mädchen mehr, Henri. In Siam altern die Menschen nicht wie wir. Sie ernähren sich anders. Sie werden nicht so fett, und ihre Haut bleibt länger geschmeidig und jung. Sie heisst Dan-Mali, ich möchte sie wiedersehen.«

Henri schaute seinen Vater lange an und sagte dann: »Hast du dich verliebt?«

»Henri«, sagte Charles beinahe beschwörend, »für die Liebe gibt es kein Alter. Liebe kannte ich bisher nur vom Hörensagen. Ich habe mein ganzes Leben getan, was mir andere vorschrieben, was die Familie vorschrieb, was die Gesellschaft vorschrieb, und jetzt, da die Revolution ausgebrochen ist, ist auch in mir der Drang nach Freiheit entfacht. Auch ich möchte ein neues Leben.«

»Weiss Mutter davon?«

»Nein, Henri, und es ist zwecklos, mit ihr zu reden.«

Marie-Anne war bereits seit einigen Wochen bei ihrer Schwester und half bei der Pflege ihres todkranken Schwagers. Niemand wusste, woran genau er litt. Er konnte kaum noch atmen. Mit der Zeit blieb ihm schon die Luft weg, wenn er sich im Bett aufrichtete. Er erstickte jämmerlich. Jeder Welpe, den man in der Pferdetränke ersäuft, stirbt schneller und einfacher.

Als Marie-Anne nach Paris zurückkam, um Kleider für die Beerdigung zu holen, fragte Charles, wann das Begräbnis stattfinde.

»Du bist nicht eingeladen, Charles. Sie wollen keinen Henker zu der Beerdigung.«

Er entgegnete nichts. Er half ihr, die paar Sachen aufs Pferd zu packen; sie liess es widerwillig zu. Als sie am Ende der Strasse verschwunden war, fühlte sich Charles erleichtert. So friedvoll könnte das Leben sein, dachte er und ging in die Pharmacie, um Lorbeerblätter zu zerstampfen. Er ertappte sich beim Gedanken, dass er insgeheim wünschte, Dan-Mali würde bei ihrem nächsten Ausflug auf den Markt einen Abstecher zu ihm unternehmen. Aber wahrscheinlich hatte sie Angst, dass ihre Familie in Siam die regelmässige Unterstützung durch Pater Gerbillon verlor. Charles hätte diesen Part gern übernommen, doch wie sollte er ihr das mitteilen? Er war in Gedanken immer bei ihr. Selbst wenn er nur in Tagträumen ihr Bild vor seinen Augen auferstehen liess, fühlte er sich ruhig und geborgen, ein Gefühl, das er seit frühester Kindheit nie mehr empfunden hatte. Obwohl Dan-Mali nichts für ihn tun konnte, schenkte sie ihm doch alles, wonach er sich sehnte. Sie musste nur da sein. Mehr nicht.

Eines Tages, Charles kam gerade vom Hof zurück, wo er sich am Brunnen gewaschen hatte, stand sie in der Pharmacie. Neugierig musterte sie die kleinen Gefässe mit den Salben.

»Wie bist du reingekommen?«, fragte Charles verblüfft.

»Durch die Tür.« Sie lächelte verschmitzt.

Er ging langsam auf sie zu. Mit leuchtenden Augen sah sie ihn an und senkte dann plötzlich beschämt den Blick. Er wollte ihr jede Peinlichkeit ersparen und zeigte ihr die kleinen Tongefässe. »Das sind Eibenwurzeln. Hier haben wir Thymian, Zitronenkraut, Dill. Das hier ist verkohltes Schilfrohr für abgestorbenes Körpergewebe. Die Pflanzen und Heilkräuter wachsen in meinem Garten. Ich zerstampfe sie und mische sie mit Ölen und Fetten, so dass eine Salbe oder Tinktur entsteht. Du könntest mir dabei helfen.«

Plötzlich umarmte sie Charles, so fest sie konnte. »Kun kwaun«, sagte sie, »ich habe Schmerzen.« Sie hatte Tränen in den Augen.

Charles bat sie auf das Bett und untersuchte sie. Während sie ihr Hemd auszog, schloss sie die Augen. Die Wunde hatte sich leicht entzündet. Charles desinfizierte sie und strich eine wundheilende Salbe darüber. Er roch das süssliche Öl, mit dem sie ihren ganzen Körper eingerieben hatte. Sie setzte sich auf die Bettkante und zog ihn zu sich heran. Sie wollte, dass er sich neben sie setzt, ergriff seine Hand und legte sie in ihren Schoss. Sie sah ihn lächelnd an. »So ist gut.« Beide schauten auf den Hof hinaus.

»Was bedeutet kun kwaun?«, fragte Charles.

»Guter Mann.« Nach einer Weile sagte sie: »Pater Gerbillon wird wieder nach Siam reisen. Er muss meinem König astronomische Instrumente bringen. Er wurde zum Mathematiker des Königs ernannt und wird in Siam den Sternenhimmel beobachten, um neue Seekarten zu erstellen. Und eines Tages wird dein Land diese Seekarten benutzen und mit vielen Schiffen in Siam anlegen, um das Königreich zu erobern. Unser König denkt, dass die Mathematiker deines Königs seine Freunde sind. Aber Pater Gerbillon interessiert sich nicht für den Sternenhimmel. Er liebt junge Buben und Mädchen. Deshalb reist er nach Siam. Er will mich wieder mitnehmen. Aber ich will nicht. Ich hasse ihn.« Sie warf sich in seine Arme und heulte wie ein Kind.

Charles küsste ihre Stirn. »Du bist nicht allein auf der Welt, Dan-Mali …«

Sie liess ihn nicht weitersprechen. »Ich komme bald wieder«, sagte sie und erhob sich abrupt. Dann rannte sie hinaus.

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