Die Weihe

Die Sonne war soeben hinter dem Horizont verschwunden. Die Meeresbrise sang in den Wipfeln der Bäume. Vom Meer her drang das dumpfe Dröhnen der Dünung, die sich an rauhen Korallenklippen brach.

An der Seite der großen Insel, die von der Meerenge und den Wohnstätten des Stammes am weitesten entfernt lag, saßen Läufer und Stumpfnase auf einem umgefallenen Baum am Strand.

Sie hatten ein kleines Feuer aus Zweigen angebrannt und warfen abwechselnd Blätter und trockne Kräuter in die Flammen. Wenn die Blätter zu brennen begannen, verbreiteten sie einen stark duftenden Rauch.

Die beiden Freunde hatten sich so hingesetzt, daß der Rauch ihnen direkt entgegenwehte. Sie taten das nicht, weil ihnen der Geruch des Rauches behagte, sondern weil das Rauchbad eine der vielen Vorbereitungen war, die ein junger Indianer treffen mußte, bevor er seinen „großen Namen" erhielt.

Es ist nämlich so, daß ein Indianerjunge in diesem Teil der Welt drei verschiedene Namen hat, von denen freilich immer nur jeweils einer gebraucht wird.

Der erste ist ein Kosename, den man ihm gibt, wenn er noch ganz klein ist. Wird er dann größer, so erhält er einen Jungennamen. Mit den ersten beiden Namen sind keinerlei Feste verbunden. Man kann sie mitunter sogar umtauschen, und es kann auch geschehen, daß ein drolliger Spitzname zu einem Jungennamen wird.

Aber wenn ein Junge bewiesen hat, daß er ein ganzer Kerl ist, und besonders, wenn es ihm gelungen ist, etwas Kluges und Tüchtiges zu vollbringen, das der Familie oder dem ganzen Stamm nützlich ist, erhält er seinen richtigen oder „großen" Namen.

Dieser Name ist sehr wichtig, denn es ist der Name seiner Seele, und er trägt ihn dann das ganze Leben hindurch. Ehe er ihn bekommt — in der Regel von einem Häuptling oder einem Medizinmann —, muß er eine große Anzahl Vorbereitungen treffen, damit der neue Name Glück bringt, und zwar nicht nur ihm allein, sondern der ganzen Gruppe, zu der er gehört.

In erster Linie muß er unterrichtet werden. In einer Anzahl von Indianerstämmen unterrichtet ihn sein Vater; in anderen der Onkel mütterlicherseits. Das hängt davon ab, ob er das Totem seines Vaters oder seiner Mutter erbt, das bei den verschiedenen Völkern unterschiedlich ist.

Läufer und Stumpfnase waren Vettern, und beide waren elternlos. Fast ihre ganze Sippe war vor über zehn Jahren ertrunken, als plötzlich ein Orkan über das Land hinweggerast war und die schmale Landzunge zwischen der Küste und der Lagune fortspülte, auf der sie gewohnt hatten. Nur die beiden kleinen Jungen waren gerettet worden. Da sie keine nahen Verwandten hatten, war es die Pflicht des Häuptlings, sie zu unterweisen, zumal sie einem Zweig seines Totems angehörten, das heißt der Gruppe, die sich zu der Verwandtschaft Sägefischs zählte.

Als die Unterweisung beendet war, kamen die Reinigungszeremonien an die Reihe. Drei Tage hatten die beiden Freunde damit verbracht. Es war ein langes und strenges Programm, das sie über sich ergehen lassen mußten.

Wenn einer von ihnen während der Zeremonien auch nur einen einzigen Fehler beging oder gegen irgendeine Regel verstieß, mußte er ins Lager zurückkehren und ein volles Jahr warten, ehe er noch einmal versuchen konnte, die Vorbereitungen hinter sich zu bringen.

Dann würden ihn die Frauen auslachen, ihn Holz und Wasser schleppen, Fische säubern, Schnecken mürbe klopfen und lauter Arbeiten verrichten lassen, die nach der allgemeinen Meinung eines Mannes unwürdig waren und die kein Junge gern tat.

Die Männer würden so tun, als sähen sie ihn nicht, und die kleinen Jungen würden Spottlieder auf ihn dichten.

Lieber hielt man da schon alles nur Erdenkliche aus, als daß man sich einer solchen Schande aussetzte.

Die Proben waren ziemlich schwer.

Drei Tage lang durften die Jungen mit niemand sprechen, nicht einmal miteinander. Sie durften nichts anderes essen als gestampften und gerösteten Mais, und zwar nur zweimal eine Handvoll am Tage.

Sie durften kein Tier töten, nicht einmal eine Mücke oder eine Sandfliege, und auch ein totes Tier nicht berühren. Sie durften keine lebende Pflanze abbrechen und auch kein grünes Blatt und keine Blume abpflücken.

Tag und Nacht mußten sie ein Feuer unterhalten, durften darüber jedoch nichts kochen oder braten. Sie durften sich nicht unter ein Dach begeben, nicht einmal wenn es regnete oder stürmte. Sie durften keine Hängematte benutzen, sondern mußten auf dem nackten Ufersand schlafen, ohne Kopfunterlage.

Doch damit noch nicht genug.

Zu bestimmten Zeiten am Tage und in der Nacht mußten sie sich erheben und die Sonne und das Meer, die Erde, den Wind und die Sterne grüßen.

Mehrmals am Tage mußten sie im Meer baden, sich mit getrockneten Kräutern einreiben, die ihnen der Medizinmann gegeben hatte, sich mit Süßwasser waschen und bis zuletzt in dem Kräuterrauch des Feuers sitzen.

Es gab sogar Bestimmungen, die ihnen vorschrieben, was sie zu denken hatten. Sie durften nichts Böses oder Häßliches denken, denn dann war alles umsonst.

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