Otter und seine Gäste saßen im „Haus der Männer" des Eisvogeldorfes, das sich am Ufer des großen Schilfsees befand.
Sie waren bei Tagesanbruch dort angelangt, hatten gegessen und sich zum Schlafen hingelegt.
Jetzt war es Nachmittag. Vor ein paar Stunden waren sie erwacht, hatten in einem nahe gelegenen Flüßchen gebadet und dann ein Mahl eingenommen. Uhu, der Medizinmann des Stammes, kümmerte sich um die beiden Verwundeten. Er hatte ihnen Verbände von Heilkräutern auf die Wunden gelegt.
Unterdessen sahen sich Sägefisch und seine Begleiter in dem Dorf um. Da fanden sie vieles, was anders war als das ihnen Vertraute. Die Unterkünfte des Eisvogelvolkes waren keine niedrigen, viereckigen Hütten mit spitzen Dächern, wie die Arowaken sie kannten, sondern große, längliche Häuser mit Firstdächern und Fußböden aus Brettern von Palmenholz. Sie standen nicht auf dem Erdboden, sondern auf derben, festen Pfählen in einer versteckten Bucht des Schilfsees. Außer einer Hütte für jede Familie gab es noch das große Versammlungshaus, das „Haus der Männer". Die doppelte Anzahl der Männer des Dorfes hätte darin Platz gehabt. Frauen und Kindern war dort der Zutritt verboten. Dafür waren die Familienhütten Eigentum der Frauen, nicht der Männer.
Die Indianer vom Reiherfluß hatten noch nie ein so großes Gebäude gesehen wie das Versammlungshaus.
Möbel befanden sich nicht darin, aber eine Anzahl eigenartiger Hokker, die aus Balsaholz geschnitzt waren und die Formen kleiner, plumper Tierfiguren aufwiesen. Von den Dachsparren hingen Tonkrüge, Kalebassenflaschen und geflochtene Beutel herab, dazu Körbe in allen Größen und Formen.
An der einen Längswand befand sich eine offene Feuerstelle von Ton, und die ganze Decke war rauchgeschwärzt. Aber das waren die Indianer gewohnt. Für sie war dies ein Zeichen der Gemütlichkeit, und außerdem hielt eine richtig verräucherte Decke viel länger.
Alle Häuser des Dorfes standen in der Bucht über dem Wasser. Die Pfähle, die sie trugen, waren ungefähr drei Meter lang. Jetzt, in der Trockenzeit, erreichte das Wasser unter den Fußböden kaum einen Meter, aber wenn der große Regen kam und die Lagune über die Ufer trat, hätte man ohne die überall vertäut im Wasser liegenden Kanus und Flöße von Haus zu Haus schwimmen müssen.
Otter saß schweigend da und betrachtete den Streifen einfallenden Sonnenlichts, der langsam über den Fußboden wanderte.
„Nun müßte Fuchs mit den anderen Handelsleuten bald hiersein", sagte er schließlich. „Die Sonne war gerade aufgegangen, als die Kanus abfuhren, um sie zu holen."
Er hatte die Worte kaum gesprochen, als man vom Rande des Dorfes auch schon einen kurzen Ruf vernahm. Bald darauf legten einige große Kanus an der Leiter an, die zum „Haus der Männer" führte.
Fuchs trat ein, ihm folgten zwei ältere Männer in weiten Mänteln von Baumwollstoff, auf die an den Rändern schöne Muster aufgedruckt waren. Um die Arme und den Hals trugen sie Goldschmuck, aber ihre Gesichter waren nicht bemalt.
Otter und Sägefisch erhoben sich, um sie zu begrüßen.
Fuchs sagte seinen Begleitern etwas in einer seltsamen Sprache. Sie lachten und hielten die Hände mit den offenen Handflächen nach vorn und nach oben. Das war ein Zeichen, das alle Stämme verstanden. Es bedeutete Frieden.