Vier von den langen, schmalen Kanus des Eisvogelvolkes glitten durch den Wald-der-im-tiefen-Wasser-wächst. Sie waren mit bewaffneten Männern besetzt, neun in jedem Kanu.
Adlerauge saß im ersten Boot, Bogen, Pfeile und Bronzeaxt auf dem Schoß. Seine Blicke glitten von Baum zu Baum, von Lichtung zu Lichtung. Hin und wieder wandte er den Kopf, um sich zu überzeugen, ob die Kanus den richtigen Abstand einhielten.
Es konnte eine ganze Stunde vergehen, ohne daß einer der Männer ein Wort sagte. Teils sind die Indianer von Natur schweigsam, teils sind sie gute Jäger, die draußen im Gelände nicht unnötig reden. Zudem glauben sie, daß die Waldgeister die Stille lieben. Will man sich gut mit ihnen stellen, dann schweigt man am besten.
Dies alles bedeutete jedoch nicht, daß Adlerauge keine Mitteilungen mit dem Grauen Reiher austauschen konnte, der im nächsten Kanu saß. Sie konnten sich in der Zeichensprache verständigen. Aber nicht nur sie beide, sondern auch mit den Eisvogelmännern und den Indianern aus den Kalkbergen. Die Zeichensprache war so gut entwickelt, daß man mit Hilfe von Zeichen sogar ganze Geschichten erzählen konnte.
Im Augenblick hatte Adlerauge jedoch an anderes zu denken als an Geschichten. War er doch der Häuptling zahlreicher Krieger — es waren mehr als dreimal soviel, wie er Finger hatte.
Er trug eine große Verantwortung. Wenn sie in einen Hinterhalt gelockt wurden oder auf andere Art ins Unglück gerieten, mußte sich ihr Häuptling sein ganzes Leben lang schämen. Daher hieß es, gut .Ausschau zu halten und den spähenden Blicken nichts entgehen zu lassen.
Dann und wann sah der Häuptling zu einem Spalt in dem Astwerk auf. Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Auf den gewundenen Wasserwegen zwischen den Mangroven kam man nur langsam voran. Der wegkundige Führer hatte gesagt, man würde auf festen Boden gelangen, wenn die Sonne in halber Höhe über dem westlichen Horizont stehe, eine kurze Ruhepause zur Mittagszeit einberechnet. Es war jetzt an der Zeit, daß man sich ausruhte.
Vor ihnen erhob sich ein Hügel aus dem dunklen Sumpfwasser, ein langgestreckter Sandrücken, wenigstens zehnmal so hoch wie ein Mann, nicht mit dunklen, knorrigen Mangroven bedeckt, sondern mit stattlichen, geradstämmigen Guayacanbäumen bestanden.
Auf ein Zeichen des Häuptlings hielten die Kanus, während er und die Männer in seinem Kanu auf das Ufer zufuhren.
Adlerauge, Haifischzahn und einer der Krieger von den Kalkbergen nahmen ihre Waffen und gingen schweigend an Land. Dort verteilten sie sich und schlichen spähend den Hügel hinauf und in den Wald hinein.
Erst am anderen Ufer machte der Häuptling halt. Er war eine weite Strecke gegangen, ohne die Spur eines Menschen oder sonst ein Anzeichen zu sehen, das auf eine Gefahr schließen ließ.
Die Pflanzenwelt hatte sich verändert, als sie den Kamm des Hügels überschritten hatten. Hier wuchsen nur noch wenige Mangroven. Statt dessen erstreckte sich hochstämmiger Wald an einigen Stellen fast bis ins Wasser hinein, und auf kleinen Lichtungen zwischen den bewaldeten Landzungen standen Gruppen von mannshohen Grasbüscheln, so dicht und verfilzt, daß man gerade noch hindurchkam.
In diesen Grasbüscheln stieß er auf niedrige Gänge, und in den weichen, feuchten Boden waren viele Spuren von seltsamen Füßen mit drei breiten Zehen und Schwimmhäuten eingedrückt.
Adlerauge sah, daß die Spuren ganz frisch waren, und nickte kurz. Hätte er nur Zeit gehabt, dann wäre hier vielleicht gutes Jagen gewesen. Frisches Fleisch würde gut zum Maisbrot geschmeckt haben. Es raschelte im Gras, irgend etwas bewegte sich den Hügel hinauf. Der Indianer erstarrte zur Bildsäule, den Bogen halb gespannt und einen Pfeil auf der Sehne.
Das Geräusch verstummte. Eine halbe Minute verging.
Dann raschelte es wieder, diesmal war das Geräusch ganz nahe. Ein kleines Rudel seltsamer Tiere kam durch die Grasdickung heraufgetrappelt. Sie glichen am ehesten großen Meerschweinchen mit schweren, unförmigen Köpfen.
Ab und zu blieben sie stehen und sahen sich um, als fühlten sie sich von irgend etwas Gefährlichem verfolgt.
Adlerauge verzog leicht den Mund. Eben noch hatte er sich gewünscht, Zeit zum Jagen zu haben, und schon kam ihm das Wild förmlich entgegengelaufen. Er hatte gesehen, daß es Wasserschweine waren, und wußte, daß sich ihr fettes Fleisch gut essen ließ.
Die drolligen Tiere kamen immer näher.
Der Indianer wartete ruhig. Er wußte, daß die Jäger sagten, es sei schwierig, Wasserschweine zu 'schießen; man müsse sie genau an der richtigen Stelle treffen, damit sie sofort tot waren. Wenn man sie nur verwunde, dann stürzten sie sich kopfüber ins tiefe Wasser, tauchten unter und gingen verloren. Ein totes Wasserschwein sinke im Wasser sogleich nach unten.
Jetzt waren sie nur noch knappe zehn Schritt entfernt. Mit einer weichen, gleichmäßigen Bewegung spannte der Indianer den Bogen. Die Tiere bemerkten die Bewegung und verharrten einen Augenblick unschlüssig.
Im nächsten Augenblick rollte eins von ihnen über den Boden, den langen Pfeil des Arowaken im Herzen. Die anderen fegten durch das Gras davon wie riesige Fußbälle. Lang anhaltendes Plumpsen verkündete, daß sie das Wasser erreicht hatten.
Adlerauge legte einen neuen Pfeil auf die Sehne und zielte auf das gefallene Tier, aber ein Gnadenschuß war unnötig. Das Wasserschwein zuckte noch ein paarmal mit seinen kurzen, kräftigen Beinen, und dann blieb es reglos liegen.
„Vergib mir, Bruder Ti-curú!" flüsterte der Indianer. „Wir sind viele hungrige Männer, die Fleisch brauchen, um stark zu werden, und wir werden dich in unserem Lager ehren und rühmen."
Er trat an das getötete Tier heran, lehnte den Bogen, die Pfeile und die Bronzeaxt an einen Baumstumpf und zog ein kurzes Feuersteinmesser aus dem Gürtel. Wenn man ein Wasserschwein nicht sofort aufbricht und ihm die Eingeweide herausnimmt, bekommt das Fleisch oft einen unangenehmen Beigeschmack.
Adlerauge begann seine Arbeit, aber er hatte gerade den ersten Schnitt gezogen, als er plötzlich ein schwaches Geräusch hinter sich vernahm. Es klang fast wie ein heftiger Atemzug.
Das Feuersteinmesser entfiel der Hand des Indianers. Er wußte nur zu gut, was dieses Geräusch zu bedeuten hatte.
Vorsichtig streckte er den Arm nach der Axt aus. Dann richtete er sich auf und wandte sich jäh um, die Waffe zum Schlag erhoben. Zwölf Schritt von ihm entfernt stand ein Jaguar. Er hatte die Ohren nach hinten gelegt, und sein Schwanz peitschte nervös von einer Seite zur anderen.
Die beiden Jäger, der Mann und das Raubtier, maßen sich mit den Blicken.
Der Indianer verlagerte sein Gewicht auf die Zehen. Die Knie hielt er leicht durchgedrückt, und die Hände umschlossen den Stiel der Axt, so daß die Knöchel unter der braunen Haut weiß wurden. Das war das einzige sichtbare Zeichen seiner Spannung.
Der Jaguar duckte sich halb, die breiten Hintertatzen unter dem Körper. Er war bereit, wie von einer stählernen Feder geschleudert nach vorn zu schnellen und die Zähne und Krallen in das zweibeinige Geschöpf zu graben, das da zwischen ihn und seine Beute getreten war. Lange hatte der Jaguar die Wasserschweine belauert, ihn quälte der Hunger. Der Blutgeruch des toten Tieres lockte und zog ihn, aber das zweibeinige Wesen sah gefährlich aus.
Wilde Tiere pflegen sich nur selten unnötigen Gefahren auszusetzen. Dieser Jaguar war noch nie einem Menschen begegnet, und eben darum fühlte er sich nicht sicher.
Der Indianer veränderte die Stellung des einen Fußes.
Die große gefleckte Katze zuckte bei dieser Bewegung zusammen und stieß ein drohendes Knurren aus. Sie verzog die Oberlippe, so daß ihre gelblichen Zähne schimmerten.
Adlerauge verharrte reglos und wartete. Er wußte, die nächste Bewegung würde vermutlich zu einem wütenden Angriff des Tieres führen, und seine Aussichten, einem solchen unversehrtzu entgehen, waren ziemlich gering.
Das Warten wurde allmählich unerträglich. Der Indianer fühlte, wie ihm der kalte Schweiß auf die Stirn trat. Der Jaguar wechselte unruhig die Stellung. Seine Muskeln spielten unter dem kurzen, dichten Fell. Da raschelte es oben am Hang. Ein halbverfaulter Ast knackte. Einige Sekunden später raschelten ein paar welke Blätter. Eine Liane schabte an einem harten Gegenstand.
Der Jaguar und Adlerauge wandten gleichzeitig die Köpfe und warfen einen raschen Blick in die Richtung, aus der die Geräusche kamen.
In einer Lücke zwischen den mannshohen Grasbüscheln sah Adlerauge Haifischzahn. Er hielt den Bogen schußbereit in den Händen.
Mit einem einzigen Blick hatte der Halbkaribe die Situation erkannt. Er hob den Bogen, zielte und schoß.
Es war ein guter Schuß, aber ein einziger Pfeil reichte nicht aus, um einen Jaguar zu töten, wenn er nicht sofort ins Herz traf. Der Pfeil drang einige Fingerbreit zu hoch durch die Rippen des Tieres. Mit kurzem, heiserem Gebrüll fuhr die große Katze herum und stürzte sich auf den Schützen.