Plötzlich schoß das Krokodil vor, sperrte den riesigen Rachen auf, bewegte die kurzen Beine so schnell wie Trommelstäbe, und der Schwanz arbeitete mit Macht, um das Tempo zu beschleunigen.
In letzter Sekunde sprang Otter zur Seite, aber mit seinen gefesselten Händen konnte er das Gleichgewicht nicht richtig halten. Er rutschte mit dem einen Fuß aus und fiel in den Schlamm.
Mit bösem Grunzen begann das Krokodil sich umzudrehen. Jetzt war es seines Opfers sicher.
Aber da war Adlerauge zur Stelle, mit der brennenden Fackel in der Hand.
Er erkannte, daß er nicht warten konnte, bis das Untier erneut angriff und sein Opfer erreichte. Kein lebendes Wesen würde dies überstehen. Daher sprang er schnell auf das Krokodil zu, versetzte ihm mit der Fackel einen raschen, heftigen Schlag auf den Kopf, und als es sich mit aufgesperrtem Rachen gegen ihn wandte, stieß er ihm den flammenden Brand zwischen die Kiefer, die darauf zusammenschlugen und Adlerauge die Fackel aus der Hand rissen.
Dies war selbst für einen solchen Sumpfdrachen ein allzu unverdaulicher Bissen!
Speiend und fauchend zog sich das Krokodil zurück, während Adlerauge schleunigst Otter zu Hilfe eilte und ihm mit dem Feuersteinmesser die Fesseln zerschnitt. Beide rannten hierauf zu dem toten Baum.
Der Fremde, der in einer Astgabel saß, die sich einige Meter über dem Erdboden befand, schlang nun den einen Arm um den Stamm, streckte den anderen nach unten und zog Otter außer Reichweite des Krokodils, als dieses wieder angestürmt kam. Adlerauge sprang gewandt zur Seite, so daß sich der dicke Stamm zwischen ihm und dem Krokodil befand.
Das Krokodil verharrte und musterte die drei Männer, während es Kraft zu einem neuen Angriff sammelte. Aber nun war seine Frist abgelaufen. Inzwischen hatten Sägefisch und seine Begleiter die kleine Insel erreicht.
Hals über Kopf sprangen sie aus den Kanus und kamen mit Fackeln und Waffen in den Händen herbeigestürzt.
Pfeile und Speere pfiffen durch die Luft. Die meisten prallten oder glitten an dem Schuppenpanzer des Krokodils ab, aber es waren so viel, daß einige verwundbare Stellen zwischen den Reihen der Knochenplatten trafen. Ehe das Krokodil wußte, wie ihm geschah, war es von fast zwanzig Feinden umringt.
Schläge von allen möglichen Waffen — Steinäxten, Keulen mit Haifisch-zähnen, schweren Paddeln, brennenden Fackeln — hagelten auf das Ungeheuer nieder. Speere und Harpunen wurden ihm in die Seiten gestoßen, herausgerissen und erneut hineingerannt.
Es half dem Riesentier nichts, daß es um sich biß und gewaltige fegende Schläge mit dem Schwanz austeilte. Die Angreifer waren zu zahlreich, zu leichtfüßig und zu grimmig. Sie waren gar nicht in der Stimmung, ein menschenfressendes Krokodil schonend zu behandeln. Auf die Entfernung von drei Schritt hatten die langen Pfeile der Arowaken eine furchtbare Kraft, und es gab keine verwundbare Stelle an dem Tier, die sie nicht trafen.
Noch ehe die Gefangenen von dem Baum heruntergeklettert waren und den Kampfplatz erreichten, war die Schlacht vorbei und der Sumpfgott der Kariben tot.
Otter trat vor Sägefisch und legte ihm die Hände auf die Schultern. „Der Häuptling der Bocaná-Arowaken ist ein tapferer Kämpfer", sagte er. „Es ist gut, Sägefisch zum Freund zu haben. Er und seine Gefährten haben mir das Leben gerettet und meine Feinde besiegt. Otter und sein Stamm danken Sägefisch und seinen tapferen Männern. Sie bitten diese, als Gäste in die Dörfer des Eisvogelvolkes zu kommen. Otter spricht: Es gibt keinen Häuptling, so weise wie Sägefisch, und keinen Kämpfer, so mutig wie Adlerauge. Sagt jemand, dies sei nicht wahr, so ist er Otters Feind."
Der junge Fremde trat zu ihnen. Er verneigte sich und legte die Handfläche an die Stirn.
„Fuchs grüßt den Häuptling und dankt ihm für sein Leben", sagte er in gutem Arowakisch. „Er dankt auch dem jungen Krieger, der zur Rettung herbeigeeilt kam und der sicher einmal ein großer Häuptling werden wird. Wenn Fuchs zu seinem Volk zurückkommt, wird er seine Dankbarkeit mit mehr als Worten bezeugen."
„Es ist wenig Grund, von Dankbarkeit zu reden", erwiderte Sägefisch. „Sollten wir nicht Freunde sein und einander helfen, wenn wir die gleichen Feinde haben? Otters Einladung nehmen wir gern an. Wir haben noch nicht genug Pfeilspitzen, um zu unserem Volk zurückzukaren."
„Sagtest du Pfeilspitzen, Häuptling?" fragte Fuchs. „Ich schwöre bei den Göttern meines Volkes, daß du daran keinen Mangel haben sollst. Gewährst du uns auch das Gastrecht, Otter? Wir haben vielerlei Dinge in unseren Warenbündeln, die dein Volk brauchen kann." „Natürlich!" sagte Otter. „Wir fahren alle miteinander in unser Dorf. Dort können wir noch dieses und jenes bereden. Aber wie ich sehe, habt ihr einen Gefangenen gemacht?"
„So ist es! Haifischzahn, komm her und frag den Kariben, woher er ist und warum sie uns überfallen haben."
Die Eisvogelmänner sahen den Gefangenen verbittert an.
„Schlagt ihn doch gleich tot l" murmelte einer.
„Bindet ihn und laßt ihn hier — für seine Krokodilgötter!" rief ein anderer, und mehrere stimmten ihm zu.
Sägefisch schüttelte den Kopf.
„Heute nacht ist schon allzuviel getötet worden", sagte er. „Das mußte sein. Aber es bringt keine Ehre ein, einen waffenlosen Gefangenen zu töten. Wir nehmen ihn mit, dann werden wir weiter sehen."
Eine halbe Stunde später saß die ganze Gesellschaft in den Kanus und befand sich auf dem Weg zur Flußmündung. Dort wollte man das Netz, die Fische und das zweite Kanu holen und darauf weiterfahren in Otters Dorf.