Nun waren die Kanus bereits im flachen Wasser. Der Häuptling sprang über Bord und watete an Land. Er trug Pfeil und Bogen wie ein Karibenkrieger, aber es bestand kein Zweifel, daß er ein Bocaná-Arowake war.

Puma kam der Mann bekannt vor. Ja, jetzt erinnerte er sich. Der Fremde war Sägefisch, der Häuptling des Dorfes am Reiherfluß, der vor einigen Mondzeiten mit seiner ganzen Schar verschwunden war. Alle hatten geglaubt, er und sein Volk wären von den Kariben erschlagen worden oder auf der Flucht ertrunken. Und jetzt war er hier mit neun Meerkanus und sechzig Kriegern!

Das war eine große Überraschung, aber eine angenehme.

Puma legte Speer und Keule beiseite, verließ sein Versteck in den Büschen und betrat den Sandstrand, um dem Häuptling entgegenzugehen.

„Mein Bruder Sägefisch ist uns willkommen", sagte er. „Aber wie kommt es, daß mein Bruder und sein Volk in großen Meerkanus angefahren kommen?"

„Drei von ihnen haben wir selbst gebaut", erwiderte Sägefisch, „die sechs anderen haben wir den Kariben abgenommen."

„Die Bogen und Pfeile auch?"

„Mit denen verhält es sich ebenso. Einen Teil nahmen wir den besiegten Feinden ab, und die anderen haben wir und die Krieger des Eisvogelvolkes angefertigt. Wir besitzen viel mehr, als wir brauchen, dazu viele, viele Kriegspfeile — so viele, daß mehrere Männer nötig sind, um sie zu tragen. Wenn mein großer Bruder Puma will, können wir so viele von seinen jungen Männern bewaffnen, wie drei Krieger Finger haben. Und dann bleiben immer noch Bogen übrig."

Die dunklen Augen des älteren Häuptlings funkelten erfreut. Dreißig Bogenschützen zu beiden Seiten des Sundes würden einem feindlichen Kanu das Durchkommen so gut wie unmöglich machen, und unter einem solchen Pfeilregen aus einem Kanu an Land zu waten würde ein gefährliches Unternehmen sein.

Das letzte Drittel der Bogenschützen mußte zurückbleiben, um im entscheidenden Augenblick zur Überraschung des Feindes eingesetzt zu werden.

Es war nicht zuviel gesagt. Diese unerwartete Verstärkung machte die Siegesaussichten um ein Vielfaches gewisser.

Die Neuigkeit, daß es Arowaken gelungen war, Kariben zu besiegen und Kanus und Waffen von ihnen zu erobern, würde auch Pumas Kriegern neuen Mut geben, und das war mindestens ebenso wichtig. Die Neuankömmlinge verließen ihre Boote und wateten an Land; und bald wurden sie von den anderen umringt.

Die Flüchtlinge vom Mangrovensee hatten in Pfeil und Bogen bisher fast etwas Übernatürliches gesehen, etwas, was die bösen Zauberer der Feinde ersonnen hatten, um sie zu verderben. Es schien so gut wie aussichtslos, wenn sie gegen solche Künste zu kämpfen versuchten. Aber wenn nun Menschen ihres eigenen Stammes solche Geräte herstellen und dazu noch die fürchterlichen Kariben mit ihren eigenen Waffen besiegen konnten, dann war die Gefahr jener Zauberei wohl doch nicht so groß.

Puma und zwei weitere Häuptlinge übernahmen selbst Bogen, und dreißig junge Männer wurden ausgewählt, um sich von den InselArowaken im Bogenschießen unterweisen zu lassen. Das war für die Insel-Arowaken sehr anstrengend nach der langen Fahrt, aber sie wußten, daß sie keine Zeit verlieren durften, wenn ihre neuen Kameraden bereit sein sollten, den Kariben entgegenzutreten. Eine Stunde nach der Ankunft begannen einige die neuen Freunde zu unterrichten. Andere paddelten die Kanus durch den Sund und versteckten sie in den Mangroven. Alle Familien des Lagers begannen sich zu regen, um den Neuangekommenen eine zusätzliche kleine Mahlzeit zu bereiten.

Am selben Abend saßen Sägefisch, Adlerauge, Grauer Reiher, Haifischzahn und Feuersteinherz vor einem Halbkreis von ernsten Häuptlingen und Medizinmännern. Der alte Großvater Mummel hatte all seinen Schmuck angelegt. Er saß zu seiten des Oberhäuptlings.

Zuerst mußte Sägefisch die Abenteuer aller Gruppen auf den Inseln und in dem Mangrovensumpf erzählen. Dann fragte Puma die anderen der Reihe nach, wie sie über die Gefahr dachten, die ihnen durch die Kariben drohte.

Alle waren sich einig, daß sie sich verteidigen und die Kariben zurückschlagen sollten; sie konnten sich jedoch nicht einigen, wie sie es am besten beginnen sollten.

In der Ratsversammlung gab es fast ebenso viele Ansichten darüber wie Häuptlinge. Das kam vor allem daher, weil man einen Kampf zum erstenmal vorbereitete.

„Was schlägt mein Bruder Sägefisch vor?" fragte schließlich Puma. Alle schwiegen erwartungsvoll. Der Häuptling vom Reiherfluß hatte wegen seiner kühnen Taten hohes Ansehen gewonnen.

Sägefisch verharrte noch einen Augenblick schweigend, ehe er sagte: „Wir sollten tun, was die Kariben am wenigsten erwarten."

Die anderen Häuptlinge blickten sich verwundert an. Das klang zwar gut, und Sägefisch war ohne Zweifel ein großer Krieger, aber wie sollte man erraten können, was die Kariben am wenigsten erwarteten?

Sägefisch wandte sich an Haifischzahn.

„Was erwarten die Kariben jetzt von uns ?" fragte er. „Du, der du so lange unter ihnen gelebt hast, dürftest das wissen."

Haifischzahn fühlte sich geschmeichelt.

„Sie erwarten wohl zweierlei", sagte er voller Überzeugung. „Entweder daß wir die Flucht ergreifen oder daß wir hier bleiben und uns wehren."

„Also erwarten sie nicht, daß wir kommen und sie angreifen?" fragte der Häuptling.

„Nein", antwortete Haifischzahn mit erstauntem Gesicht, „das erwarten sie nicht."

Sägefisch begegnete dem Blick Pumas.

„Mein großer Bruder hat geantwortet", sagte Puma leise.

Gemurmel erhob sich bei den Versammelten. Zuerst glaubten fast alle, es handle sich um einen unmöglichen Einfall, der nur ins Verderben führen könne. Aber als sie sich die Sache nach und nach eingehender überlegten, begannen sich mehrere zu fragen, ob Sägefisch vielleicht nicht doch recht habe.

Es kam zu einer neuen Beratung, und schließlich wurde beschlossen, daß die acht großen Kanus mit jeweils zehn Bogenschützen die Kariben angreifen sollten, und zwar in der Nacht vor dem Vollmond, wenn sie ihr großes Fest feierten. Wenn kein allzustarker Wind aufkam, sollte der Angriff vom Meer aus erfolgen, sonst von der Flußmündung heraus. In jeder Kanubesatzung sollten sich zwei Männer mit schweren Keulen befinden, deren Aufgabe es war, soviel Boote des Feindes als möglich zu zerstören, während die anderen kämpften.

Der Rest der Männer sollte den Strand entlanggehen, in einiger Entfernung vor dem Lager in den Wald abbiegen und sich zwischen Dorf und Waldrand heranschleichen, bis Lärm und Kriegsrufe zu hören seien. Dann sollten sie hervorbrechen und den Kariben in den Rücken fallen. Große Schildkröte sollte diese Schar anführen, während Puma mit Sägefisch als Unterbefehlshaber die Kanuflotte befehligte.

„Vermutlich können wir nicht mit einem völligen Sieg rechnen", räumte Sägefisch ein. „Was wir als Äußerstes zu erhoffen wagen, ist, dem Feind Schaden zuzufügen und ihn so unsicher zu machen, daß er uns künftig in Ruhe läßt. Haben wir großes Glück, dann kann es sogar so kommen, daß wir gar nicht zu kämpfen brauchen. Ich habe noch einen Gedanken, aber über diesen will ich vorerst nur mit meinem Bruder Puma sprechen. Sollte dieser Plan mißlingen, dann müssen wir uns auf unsere Bogen und Speere verlassen."

Als alle anderen zu ihren Familien gegangen waren, saßen Puma und Sägefisch noch lange zusammen, in ein langes und ernstes Gespräch vertieft.

Zwei große Feuer brannten am Strand, nicht weit entfernt von der Mündung des Reiherflusses. Sie beleuchteten eine Gruppe großer, geräumiger Hütten mit Dächern von getrockneten Palmenblättern und eine Reihe langer Kriegskanus, die auf den Strand gezogen waren.

Der Feuerschein beleuchtete auch einen Kreis von Männern, die schweigend auf dem offenen Platz vor den Hütten saßen. Einige seltsame Gestalten hüpften in der Nähe des Feuers herum. Die Häuptlinge und Krieger der Kariben sahen ihren Zauberern zu, die alle Vorbereitungen für den Kriegszug trafen.

Sie wollten die Arowaken am Mangrovensee übermorgen früh überfallen, aber zuerst mußten sie ja wissen, ob ihr Kriegsgott mit ihren Plänen und bisherigen Taten einverstanden war.

Der Anführer der Medizinmänner war ein tückischer Greis, Fledermaus genannt. Dieser Name paßte gut zu seinem grinsenden Gesicht und seinen großen abstehenden Ohren.

Fast alle fürchteten ihn, und dazu hatten sie auch allen Grund. Er war genauso bösartig und widerlich wie die Vampire, die blutsaugenden Fledermäuse in der Tiefe des Urwaldes. Die ihn am besten kannten, glaubten zu wissen, daß er alle Menschen haßte.

Er war es gewesen, der seine Stammesgenossen als erster ermunterte, die friedlichen Arowaken zu überfallen. Seitdem hatte er sie zu einer Übeltat nach der anderen angespornt. Zwar ließen sich viele dazu leicht verleiten, aber es gab auch andere, die nicht seiner Meinung waren. Und nun wollte er sie dahin bringen, daß sie ihre Meinung änderten.

Fledermaus gehörte zu den Menschen, die sich nur wohl fühlen, wenn sie Macht haben und über andere bestimmen können. Aus diesem Grunde war er wohl auch Medizinmann geworden, denn er taugte weder zum Krieger noch zum Häuptling.

Nun tanzte er einen Beschwörungstanz zwischen den zwei Feuern. Er sprang und hüpfte herum, als sei er von Sinnen. Unheimlich sah er aus. Er hatte sich in das Fell eines Jaguars gehüllt und mit getrockneten Eidechsen- und Schlangenhäuten, Raubtierkrallen und scharfen gelblichen Krokodilzähnen behängt, wo immer nur Platz dafür war.

Dazu hatte er sich von Kopf bis Fuß mit schwarzen, roten und weißen Figuren bemalt, so daß er noch häßlicher wirkte als sonst.

Er brach seinen Tanz jäh ab und blieb zwischen den zwei Feuern stehen.

„Die Arowaken sind feige Wichtel" schrie er. „Die Arowaken sind alte Weiber! Es ist gerecht, daß sie Sklaven der Kariben werden. Der Kriegsgott will es. Der Kriegsgott ist zufrieden mit den Kariben!"

Er schwieg und begann erneut hin und her zu hüpfen, wobei er die nächsten Worte überlegte. Er wußte, daß er einen sehr gefährlichen Gegner hatte. Das war der Häuptling Schwarzer Habicht, der von Anfang an gegen die Kriegszüge gewesen war.

Nun mußte Fledermaus zusehen, daß er alle Kariben auf seine Seite bekam, indem er nach Möglichkeit dem Häuptling etwas Schlechtes nachsagte. Aber er mußte es vorsichtig anstellen, denn Schwarzer Habicht war als mutiger Mann bekannt und hatte viele Freunde.

Die meisten Kariben waren in letzter Zeit etwas unruhig gewesen, seitdem Kriegshäuptling Klapperschlange und seine fünf Begleiter auf der Rückfahrt von Barú spurlos verschwunden waren.

Das brauchte nicht zu bedeuten, daß sie in die Hände der Arowaken gefallen waren, es konnte ihnen ja auch irgend etwas anderes zugestoßen sein.

Das schlimmste war freilich, daß sie den Bogen des Kriegsgottes bei sich hatten. Der war nun auch verschwunden.

Das war ein großer Verlust. Viele Krieger glaubten fest daran, ihr Erfolg hänge davon ab, daß sie den Bogen des Kriegsgottes sorglich hüteten.

Es war um so beunruhigender, weil der Medizinmann Kaiman und seine zehn Krieger sek einigen Wochen ebenfalls verschollen waren. Sie hatten sich in den Wald-der-im-tiefen-Wasser-wächst begeben, um dem Krokodilgott einen Gefangenen zu opfern, und nicht ein einziger von ihnen war zurückgekehrt.

Dieses geheimnisvolle Verschwinden hatte dem Schwarzen Habicht und seinen Anhängern einiges zu denken aufgegeben. Sie betrachteten es als schlechtes Vorzeichen, als den Beweis, daß die Götter unzufrieden waren. Und während der letzten Tage hatten sich verschiedene Krieger gefragt, ob der große Häuptling nicht doch recht gehabt hatte.

Einige von ihnen hatten gehört, wie andere eine unheimliche Geschichte weitererzählten: Keb selbst, der große Jaguargeist, habe sich in einem Dorf drüben an der Küste gezeigt und in zornigem Ton zu den älteren Männern gesprochen. Wenn das zutraf, dann stand es schlecht mit ihnen.

Gerade in dem Augenblick, als der Medizinmann erneut zu tanzen begann, warf ein alter Unterhäuptling zufällig einen Blick auf das Meer.

„Sieh, da ist ja ein leeres Kanu!" sagte er zu seinem Nachbarn. „Wie seltsam es treibt!"

Mehrere Männer wandten die Köpfe und sahen hinaus auf das weite Wasser.

Das Kanu schien wirklich leer zu sein, aber trotzdem trieb es nicht hilflos auf den Wellen, sondern bewegte sich wie von unsichtbarer Hand gesteuert.

Jetzt war das Kanu etwa bis in den Lichtkreis der Feuer gelangt. Das Wasser reichte einem Mann dort etwa bis an die Schultern.

„Seht, da!" schrie Fledermaus, der das Kanu nun auch erblickt hatte. „Da kommt das Boot des Kriegsgottes. Er kommt, um uns zu sagen, daß er mit seinen Kariben zufrieden ist und ihnen einen großen Sieg über die elenden Arowaken schenken will."

Über hundert Augenpaare folgten dem fremden Kanu. Anderthalb Bogenweiten vom Strand entfernt hielt es.

Langsam schob sich etwas über den Rand des Kanus, auf der Seite, die dem Land zugekehrt war. Es sah aus wie eine dunkle Riesenhand, und sie hielt einen gewaltigen Bogen.

„Der Kriegsgott!" flüsterten die Kariben in atemloser Spannung.

Es schien, als werde der Große Bogen gespannt. Und wirklich — er streckte sich mit gewaltiger Kraft.

Ein heller Streifen kam durch den Feuerschein geflogen und schlug genau zwischen den beiden Lagerfeuern ein, nur einige Schritte von Fledermaus entfernt.

Ein Laut wie ein Keuchen oder wie ein tiefer Seufzer entstieg dem weiten Kreis der braunen Krieger.

„Der Pfeil des Kriegsgottes 1" murmelten erschrockene Stimmen. Mehrere der Medizinmänner schlichen von dem offenen Platz und verbargen sich hinter den anderen. War der Kriegsgott schlechter Laune, so bedeutete dies, daß sie etwas falsch gemacht hatten, und das war gefährlich.

Schwarzer Habicht, der vornehmste Stammeshäuptling, erhob sich würdig und wies mit fester Hand auf den langen Pfeil, der senkrecht und mit tief eingebohrter Spitze im Boden stak.

„Der Kriegsgott hat gesprochen", sagte er mit tiefer Stimme. „Er verbietet uns, die Arowaken zu überfallen."

„Nein 1" schrie Fledermaus. „Der Kriegsgott ist zufrieden mit seinem Volk. Dies ist ein Siegeszeichen, das er uns gibt1"

Schwarzer Habicht schüttelte den Kopf. Er hatte kein großes Vertrauen zu den Medizinmännern, aber an den Kriegsgott und seinen Bogen glaubte er blind, und er kannte alle damit verbundenen Sagen ebenso gut wie nur irgendeiner von den Zauberern des Stammes. „Es ist sinnlos, Fledermaus", sagte er düster. „Alle wissen, wenn der Kriegsgott einen Pfeil in unser Lager schießt, dann ist er zornig. Wenn er nur nicht ..."

Der Häuptling konnte seinen Satz nicht beenden. Draußen in dem Kanu war der große Bogen wieder gespannt worden. Jetzt hörte man den Strang knallend gegen das Holz schlagen. Scharfes Pfeifen durchschnitt die Luft. Ein neuer Pfeil kam geflogen und bohrte sich in die Erde, einige Armlängen von dem ersten entfernt.

Die Männer saßen ringsum so still da, daß man ihre Herzen förmlich gegen ihre Rippen schlagen hörte.

„Die Zeichen sind klar und deutlich", sagte Schwarzer Habicht nach einigen Minuten der Stille. Seine Stimme hatte einen Klang, als sei er plötzlich müde und alt geworden. „Der Kriegsgott ist sehr unzufrie den. Vielleicht war es ein Unrecht von uns, Krieg gegen ein Volk vom Zaun zu brechen, das uns nie etwas Böses getan hatte. In diesem Fall tragen die Medizinmänner die Schuld, und die Hauptschuld hat Fledermaus. Und das gilt auch für Klapperschlange, der den Kriegszug ausführte, und Kaiman, der Gefangene für seine Opferungen verlangte. Wären wir klug gewesen, dann hätten wir das vorher erkannt. Klapperschlange ist auf dem Meer verschwunden, als er den Bogen hierherbringen wollte. Kaiman machte einen wehrlosen Gast zum Gefangenen, und in der Nacht darauf blieb er selbst in dem Mangrovensumpf. Zweifelt noch immer jemand an dem Zorn der Götter?" „Du lügst!" kreischte Fledermaus giftig. „Du bist feige! Du taugst nicht zum Häuptling tapferer Karibenl Du fürchtest dich vor den Arowaken! All das Gerede von dem Bogen des Kriegsgottes ist doch nur eine dumme, alte Geschichte!"

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