Mit jeder Runde stieß er nun die Stöcke schneller auf den Boden, aber er hatte sie heimlich in die andere Hand geschmuggelt, so daß er selber sich jetzt zwischen ihnen und den Kranken befand. Das bedeutete, daß er einen Zauberkreis um diese zog, so daß die bösen Krankheitsgeister nicht zu ihnen zurückkehren konnten.
Zuletzt tanzte er einen weiten Zauberring, in den er auch die Hütte einbezog, und dabei überredete er fortwährend die Geister, ihn doch zum Festmahl am Fluß zu begleiten.
Plötzlich schlug er eine andere Richtung ein und tanzte auf gewundenen Pfaden durch den dichten Wald auf den Baum am Fluß zu, wo die Plattform wartete.
Dort angekommen, stieg er den schräg geneigten Baum hinauf und bat die Geister, zuzulangen und sich gütlich zu tun. Mit den Stöcken ahmte er ihren Gang auf der Plattform nach.
Sobald die Krankheitsgeister nach seinen Berechnungen bequem Platz genommen und zu essen begonnen hatten, zog er an einer Liane und kippte die ganze Plattform in den tiefen, reißenden Fluß.
Wenn die bösen Geister nun auch nicht gerade ertranken, so riß sie die Strömung doch immerhin so weit mit fort, daß sie nur mit großer Schwierigkeit zurückfinden konnten.
Unterdessen war einer der jungen Männer aus der Hütte heruntergesprungen, hatte die Kranken in Hängematten gelegt und dem Lehrling des Medizinmannes geholfen, sie bis an den Rand des Hüttenbodens zu tragen. Die anderen jungen Leute zogen sie an Stricken
hinauf. Mit dem Holz der Bank, auf der die Kranken gelegen hatten, machten die beiden Gehilfen ein Feuer, und dann turnten sie wieder in die Hütte hinauf.
Die Leiter war schon vorher hinaufgezogen worden, so daß es fast unmöglich war, ohne Hilfe in die Hütte hinaufzuklettern. An jeden Pfosten stellte sich ein junger Mann und hielt einen mit der Spitze nach unten gekehrten Speer daran. Nun konnte dort niemand hinaufklettern.
Ein anderer von Uhus Gehilfen gab den Kranken aus großen Schalen Medizin zu trinken, die aus der bitteren Baumrinde gekocht war, und wusch sie abermals von Kopf bis Fuß mit Kräuterwasser.
Als der Medizinmann die Geister in den Fluß geworfen hatte, lief er schnell in den Wald hinein und begann seine Spuren unkenntlich zu machen, so daß ihm niemand folgen konnte. Sonst würde es vielleicht geschehen, daß ein erboster Krankheitsgeist hinter ihm herkam, um sich zu rächen!
Als er an einen Bach kam, wusch er die rote Pflanzenfarbe ab und bemalte sich statt dessen mit blauen Streifen. Er wandte die Außenseite seines Hüfttuchs nach innen und watete darauf ein großes Stück in dem fließenden Wasser, ehe er wieder Land betrat.
Dann begab er sich ruhig in seine Hütte. Kein rachgieriges Krankheitswesen vermochte ihn jetzt wiederzuerkennen.
Ob es nun dem bitteren Trank aus der Rinde des Cinchonabaumes oder etwas anderem zuzuschreiben war, ist schwer zu sagen, aber nach einigen Tagen waren Feuersteinherz und der Handelsmann wieder gesund. Zwei Tage später waren die Arowaken soweit, daß sie an die Küste zurückkehren konnten, aber im letzten Augenblick kam wieder etwas dazwischen.
Mit großer Sorgfalt hatte Otter zwanzig junge Männer ausgewählt, die Sägefisch auf seinem geplanten Kriegszug begleiten sollten. Es waren so viel, wie die beiden kürzlich eroberten Kanus aufnehmen konnten.
Sie rüsteten gerade zur Abreise, als von dem Strand nahe am Dorf ein langhallender Ruf ertönte.
Otter schickte einige junge Männer in einem schnellen Kanu hin, um nachzusehen, was dort los sei, und sie kehrten mit dem Bescheid zurück, eine Schar von Männern sei angekommen und wolle mit den Häuptlingen reden.
Otter schickte Boote aus, um sie holen zu lassen, und er selbst begab sich mit Sägefisch und den anderen Arowaken in die Ratshütte, um die Neuankömmlinge zu empfangen.
Es waren über zwanzig junge Leute. Die meisten von ihnen stammten aus einem anderen Dorf des Eisvogelvolkes, das eine Tagereise landeinwärts zwischen zwei flachen Seen lag. Einige der Männer kamen jedoch von den Kalkbergen. Es waren große, kräftige Männer, die lange Lanzen und Keulen mit Steinköpfen trugen. Einige waren Küstenarowaken, die Sägefisch in seiner Sprache begrüßten.
„Wo kommt ihr denn her?" fragte der Arowakenhäuptling verwundert.
„Wir waren Gefangene der Kariben", antwortete einer von ihnen. „Sie haben uns schlecht behandelt, und eines Tages ist es uns gelungen, landeinwärts zu fliehen. Schließlich gelangten wir in das Dorf zwischen den Seen, und dort waren die Leute freundlich zu uns und ließen uns bei sich wohnen. Vorgestern kam nun ein Mann aus Otters Dorf und erzählte uns von dem bevorstehenden Kampf gegen die Kariben. Da wollten wir auch dabeisein, und als wir es unseren Freunden sagten, kamen sie auch mit."
„Wer ist euer Häuptling?" fragte Sägefisch.
„Du bist unser Häuptling, wenn du uns mitnimmst. Wir haben keinen anderen."
Otter nickte zustimmend. Aber Sägefisch sah besorgt nach seinen Männern.
„Wohl brauchen wir Krieger”, sagte er, „aber woher bekommen wir seetüchtige Kanus für all diese Männer?"
„Daran haben wir bereits gedacht", sagte einer der neuangekommenen Arowaken. „Das Dorf, in dem man uns gefangenhielt, liegt nicht weit von hier. Es ist ganz klein, aber es liegen dort drei große Kriegskanus. Wenn einige von deinen Männern mitkommen, können wir sie holen."
Sägefisch schwieg eine Zeitlang und sah bald den einen und bald den anderen seiner Begleiter an.
„Adlerauge", sagte er schließlich, „du bist mein Unterhäuptling und übernimmst den Befehl über diese Männer. Als Begleiter kannst du dir zwei von deinen Freunden aussuchen. Wenn du diese Kanus in Besitz nehmen kannst, dann hast du unserem Volk einen weiteren großen Dienst erwiesen."
„Wie du willst, Häuptling", antwortete Adlerauge ruhig. „Wenn ich den Grauen Reiher und Haifischzahn mitnehmen kann ..."
„Das kannst du. Überlege, was zu tun ist, ich will inzwischen mit Otter reden."
Adlerauge nahm die neuangekommenen Arowaken beiseite und besprach sich lange mit ihnen. Dann trat er vor die Häuptlinge.
„Die Männer haben mir nun geschildert, wo das Dorf liegt", sagte er. „Wenn Otter uns einige Sumpfkanus und einen Führer mitgibt,
dann fahren wir morgen, sobald es hell wird. Gelingt unser Plan, dann warten wir in dem Versteck an der flachen Landzunge auf Sägefisch."
„Wenn ich früher vorbeikomme, lasse ich ein Zeichen zurück, daß ich dagewesen bin", sagte der Häuptling. „Im übrigen tust du, was du für das beste hältst."
Am nächsten Morgen, als es noch dämmrig war, stieß Adlerauges Schar von dem Dorf im Sumpf ab. Sägefisch und seine Krieger wollten am Abend desselben Tages abfahren.