Kapitel 15 Brasilianischer Urwald, 3. August

Tom schlug die Augen auf und sah in das grausam entstellte Gesicht eines Kindes, das sich über ihn beugte.

Der Journalist rührte sich nicht, während er versuchte einzuordnen, was er sah. Das Kind verzog den Mund zu einer Fratze und sagte irgendetwas Unverständliches. Es schien aufgeregt zu sein, aber nicht bösartig. Es rief etwas über seine Schulter und sah ihn dann wieder mit seinem schiefen Mund und den funkelnden Augen an. Möglich, überlegte Tom, dass es eine Art Lächeln war, das durch die verformten Gesichtszüge verzerrt wurde. Das Kind betrachtete ihn aufmerksam, legte sogar eine Hand auf die Tücher, die über Toms Brust lagen, und schien sich zu freuen.

Tom ließ seinen Blick wandern. Über ihm befand sich die hölzerne Decke eines kleinen Raums. Nach allen Seiten wies er ebenfalls nur hölzerne Wände auf, die aus dünnen Stämmen zusammengesetzt waren. Er lag also in einer Hütte. Nun nahm er auch die Geräusche des Regenwalds wahr und wusste, dass er sich noch immer in Brasilien befand.

»Tom!«

Das Kind vor Toms Liege trat beiseite, und neben ihm erschien Juli. Sie strahlte, beugte sich vor und küsste Tom. »Da bist du ja wieder«, sagte sie. »Ich habe dich vermisst.« Dann deutete sie hinter sich, zum Eingang der Hütte, durch den immer mehr Menschen kamen und sich in den kleinen Raum drängten. »Wir alle haben dich vermisst!«

»Was …«, brachte Tom hervor.

»Du hast zwei Tage geschlafen«, erklärte Juli. »Du hast Glück gehabt. Als sie dich fanden, zogen schon Rauchschwaden durch den Tunnel. Etwas länger und du hättest dir eine so schwere Vergiftung zugezogen, dass dich auch die Medizin der Dorfschamanin nicht mehr hätte retten können.«

»Wo sind wir hier?«

»Die Indios haben uns in ihr Dorf mitgenommen und uns gepflegt. Dein Arm macht auch schon Fortschritte.«

Tom erinnerte sich, dass er angeschossen worden war – und an die unsäglichen Schmerzen. Er zog versuchsweise die linke Schulter hoch. Er spürte einen Verband und ein unangenehmes Ziehen, aber es war kein Vergleich zu vorher.

»Was ist mit Marie?«, fragte er. »Ist sie auch hier? Wie geht es ihr?«

»Sie ist noch schwach«, sagte Juli, »aber abgesehen davon: Frag sie doch selbst!« Und mit diesen Worten trat Marie hinter Juli hervor. Sie glich ihrer Schwester tatsächlich auf erstaunliche Weise, wenngleich sie etwas ausgemergelt und blasser war.

»Hallo Tom«, sagte sie und lächelte. »Wie fühlt man sich als wiederauferstandener Held?«

»Ich weiß nicht«, gab Tom zurück und versuchte sich ebenfalls an einem Lächeln, das ihm mit seinem verletzten Kiefer noch immer nicht leichtfiel. »Sonderlich heldenhaft komme ich mir eigentlich nicht vor.«

»Nun, an den Gedanken wirst du dich aber gewöhnen müssen, wenn du in diesem Jahrhundert noch aufstehen solltest. Ihr habt so viele Menschen gerettet, und das Dorf bereitet sich auf ein großes Fest vor, um euch zu danken.«

»Oh«, brachte Tom hervor.

»Und ich werde dir auch immer dankbar sein. Du hast mir meine Juli gebracht, und gemeinsam habt ihr mir das Leben gerettet.« Sie beugte sich zu Tom hinunter und küsste ihn auf die Wange. Dann legte sie ihren Mund an sein Ohr und flüsterte ihm zu: »Und was Juli angeht: Pass gut auf sie auf, und lass sie dir bloß nicht entwischen!«

Marie richtete sich wieder auf, grinste noch einmal schelmisch und ging dann aus der Hütte. Sie rief den Umstehenden etwas zu, woraufhin sie ihr folgten und Tom und Juli allein ließen.

»Tja, da hörst du es«, sagte Juli. »Wir haben es geschafft!«

»Sind wirklich alle entkommen? Was ist passiert?«

»Die meisten sind die Treppe hochgerannt und quer durch die Anlage gelaufen. Die Wachleute waren zu überrascht, um sie aufhalten zu können. Der Elektrozaun war deaktiviert. Du hattest ja den Generator kaputt gemacht, und der Notstrom war vermutlich für die Computer und medizinischen Geräte gedacht. Also haben sie den Zaun eingerissen und sind in den Wald gelaufen.«

»Und niemand hat sie verfolgt?«

Juli schüttelte den Kopf. »Die hatten genug anderes zu tun. Es gab einen riesigen Knall, und kurz darauf kamen Flammen aus dem Erdgeschoss. Das müsstest du vielleicht sogar noch gehört haben.«

»Ja, durchaus. Ich war sozusagen dabei …«

»Wirklich? Dann war das dein Werk?«

»Reiner Zufall«, er winkte kraftlos mit seiner rechten Hand ab. »Ich erzähle es ein anderes Mal … so richtig fit bin ich, glaube ich, noch nicht …«

»Nein, natürlich nicht. Schlaf noch ein bisschen. Ich komme ab und zu nach dir sehen, ja?«

Tom nickte matt und schloss die Augen.

Als Tom erwachte, dämmerte es. Wieder sah er ein Kind neben sich am Bett. Es war ein kleines Mädchen, höchstens acht Jahre alt, das gerade damit beschäftigt war, Toms Gesicht mit einer öligen Substanz einzureiben. Als er seine Augen aufgeschlagen hatte, war sie aufgeschreckt und verharrte nun in ihrer Bewegung. Ihre Oberlippe schien zu fehlen, ihre Nase war verformt, als sei der Knorpel darin zerfressen. Aus ihrer Wange sprossen schwarze Borsten. Ihr Anblick war erschreckend, und sie musste gesehen haben, dass sich Toms Augen einen Moment lang geweitet hatten. Sie zuckte zurück und senkte den Kopf. Aber Tom streckte die Hand nach ihr aus und ergriff behutsam ihren Arm.

»Hey …«, sagte er leise, aber sie wandte sich ab.

»Es ist okay«, sagte er. »Sieh mich an. Na komm schon. Es ist okay.«

Von seiner sanften Stimme beruhigt, hob das Mädchen seinen Kopf und sah vorsichtig auf. Tom nahm ihre kleine Hand und legte sie auf sein Gesicht, dort, wo es noch immer geschwollen war. Dann streckte er seine eigene Hand nach ihrem Gesicht aus. Er zögerte für einen winzigen Augenblick, aber er wollte die Bewegung nicht mehr unterbrechen. Seine Finger legten sich behutsam auf die missgestaltete Wange des Kindes, er fühlte die Borsten in seiner Handfläche. Aber er spürte auch, wie warm die Haut war, wie lebendig. Er strich mit seinem Daumen über ihre Augenbraue. Nach einem Moment drückte die Kleine ihren Kopf in Toms Hand, und als hätte diese Geste einen Schleier zerrissen, erkannte er mit einem Mal die Verletzlichkeit und Schönheit ihres Wesens. Er musste lächeln, und als sie sein Lächeln erwiderte und er sah, wie ihre Augen zu strahlen begannen, brach er unvermittelt in Lachen aus. Er lachte vor Freude und vor Erleichterung, bis Tränen in seine Augenwinkel traten, und das Mädchen lachte mit.

Tom trat aus der Hütte. Er hatte seine Hose an einer Stange hinter seinem Schlafplatz gefunden, und auch wenn sie voller getrockneter Blutflecken war, wollte er doch nicht in der Unterhose vor die Hütte treten.

So stand er nun mit nacktem Oberkörper draußen auf der schmalen Terrasse. Im Wasser des Flusses, den er von hier aus in einiger Entfernung sehen konnte, spiegelte sich der Himmel, den der Sonnenuntergang in einen unwirklich bunten Verlauf aus Dunkelblau, Hellblau, Rosa und Orangerot verwandelt hatte, besetzt mit winzigen Diamantsplittern einzelner Sterne. Der Fluss zog sich wie bunt schillernde Seide durch die Landschaft. Das Ufer war nicht zu sehen, denn es befand sich hinter einer kleinen Anhöhe. Das Dorf war auf einem Streifen mit niedriger Vegetation angelegt, zwischen dem Fluss und dem Wald. Der Boden war hier lehmig und festgetreten. Ringsherum standen weitere Hütten, alle auf kurzen Stelzen, ebenso wie Toms eigene Hütte. Unten stand das kleine Mädchen. Es winkte Tom eifrig zu, dass er ihr folgen solle. Vier hölzerne Stufen führten von der Hütte herab. Tom stieg langsam nach unten und ging zu der Kleinen, die sogleich seine Hand ergriff und ihn mit sich führte.

Während Tom im Schlepptau des Mädchens durch das Dorf lief, kamen überall Menschen aus ihren Hütten. Sie riefen ihm Dinge zu und lachten, sie freuten sich, ihn zu sehen. Und dennoch kamen sie nicht auf die Straße, sondern blieben zurück und verschwanden wieder, als seien sie noch mit etwas beschäftigt.

Das Mädchen führte Tom zum Rand des Dorfs, wo er Juli auf einem Baumstumpf vor einer Hütte sitzen sah. Sie war im Gespräch mit einer alten Frau. Als sie bemerkte, dass etwas vor sich ging, drehte sie sich um, erkannte Tom, sprang auf und lief auf ihn zu. Sie nahm ihn in die Arme und drückte ihn, so fest sie konnte.

Tom genoss die Berührung, wenngleich sie ihn spüren ließ, wie viele Prellungen und blaue Flecken sich noch überall an seinem Körper verbargen.

»Schön, dass du da bist!«, sagte Juli schließlich. »Geht es dir gut? Hast du Hunger? Möchtest du etwas trinken?«

Tom lächelte. »Na ja, ich muss mich noch etwas vorsichtig bewegen. Und allzu tief Luft holen kann ich auch nicht. Aber es geht.« Dann zeigte er hinter sich. »Aber was ist mit den ganzen Menschen los? Verstecken sie sich?«

»Nein«, erklärte Juli. »Sie bereiten sich noch vor. Jetzt, wo du auf den Beinen bist, kann endlich das Fest stattfinden. Alle sind ganz aufgeregt.« Sie ergriff seine Hand. »Und ich auch … Ist das nicht fantastisch, was wir geschafft haben?«

»Ja, das ist es wohl … Aber wo ist Marie?«

»Sie schläft noch. Aber zum Essen nachher sollen wir sie unbedingt wecken.«

»Ist sie … Ich meine, fehlt ihr auch nichts? Sie muss Furchtbares erlebt haben.«

»Sie hat Mangelerscheinungen. Es wird noch Wochen dauern, bis sie wieder ganz bei Kräften ist.« Juli blickte zu Boden. »Aber was sie erlebt hat, wird sie ihr Leben lang verfolgen. Sie ist schweigsamer als früher, als hätte sie einen Teil von sich verloren …« Dann atmete sie tief ein und straffte ihre Schultern. »Aber sie ist eine starke Frau. Und vielleicht wird sie eines Tages fast wieder die Alte.«

Tom strich Juli über die Wange. »Ich wünschte, wir hätten noch mehr für sie tun können.«

»Wir haben sie gerettet. Gegen alle Wahrscheinlichkeit. Das war schon mehr, als wir hoffen konnten.«

Tom nickte. »Ja, vielleicht. Aber das Eigentliche steht noch bevor.«

»Und das wäre was?«

»Diese Verbrecher nicht nur ausräuchern. Die werden sich einfach ein neues Labor bauen. Aber wir bringen es an die Öffentlichkeit, wie wir es geplant hatten. Es wird die größte Aufdeckungsaktion des Jahrzehnts. Wir vernichten diesen Konzern und diese gottverdammten Wissenschaftler, die ihn führen.«

»Aber …« Juli zögerte, es auszusprechen. »Aber wie willst du das anstellen? Die sind längst über alle Berge. Was das Feuer an Beweisen nicht vernichtet hat, werden sie inzwischen selbst vernichtet haben. Wir haben nichts in der Hand! Nicht einmal Fotos. Deine Kamera, alles ist futsch.«

Tom lächelte. »Ist es nicht.«

Er steckte seine Hand in die Hosentasche und holte die kleine Speicherkarte hervor.

Juli verschlug es die Sprache. »Aber … wie …«

»Nach dem Kopieren der Daten hatte ich sie nicht mehr zurück in die Kamera gesteckt. Es ist alles drauf. Fotos, Dokumente, Adressen, E-Mails … genug, um in dem Laden eine Supernova zu zünden.«

»Ha!« Juli lachte laut auf. »Das gibt’s nicht! Mein Gott, Tom!« Sie warf ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn.

Sie verbrachten drei weitere Tage in dem Dorf. Toms Heilung machte weitere Fortschritte, und seine Kurzatmigkeit der ersten Zeit verging rasch.

Die Hälfte der Dorfbewohner war missgestaltet oder krank, aber sie bewirteten und pflegten Tom, Juli und Marie, als wären sie die wichtigsten Menschen der ganzen Gemeinschaft.

Tom verbrachte viel Zeit mit den Kindern. Juli beobachtete, wie er mit ihnen spielte. Die meisten waren noch sehr schwach, aber er ging mit ihnen zum Schwimmen an den Fluss. Sie tollten umher, und es schien allen gutzutun, auf diese Weise die Schrecken der Vergangenheit und die schlimmen Entstellungen zu vergessen. Oft saß Marie in einiger Entfernung im Schatten und sah ihnen zu. Sie schien in Gedanken versunken und lächelte nur selten und stets etwas abwesend.

Juli tat ihrerseits alles, was sie konnte, um die offenen Wunden und Geschwüre der Indios zu behandeln. Da sie keine Utensilien oder Medikamente hatte, musste sie sich darauf beschränken, der Medizinfrau des Dorfes zu helfen. Sie sammelte Pflanzen, stampfte Blätter und Wurzeln zu Brei, kochte Salben und Tränke und half ihr, einfache Verbände anzulegen und zu wechseln. Sie lernte und staunte, dass die scheinbar so schlichte Medizin der Schamanin so überaus wirkungsvoll war.

Nicht immer hatten sie Erfolg. Der Zustand einiger Stammesmitglieder verschlechterte sich täglich, und trotz ihrer Bemühungen starben zwei Männer in einem erschreckenden Zustand, übersät und zerfressen von eiternden Beulen, die vermutlich das Blut der Unglücklichen vergiftet hatten. Juli verstand nicht, wie diese vielfältigen Missbildungen und offenkundigen Krankheiten hatten entstehen können. Sie erfuhr, dass einige der Menschen schon seit über einem Jahr verschollen gewesen waren. In dieser Zeit hatte viel geschehen können. Was immer es war, es war ihnen in dem geheimen Labor zugestoßen.

Es wurde Zeit, die Daten zu sichten, die sich auf Toms Speicherkarte befanden, sie zu verstehen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Am Abend des fünften Tages erklärten sie den Dorfältesten, dass sie abreisen und zu ihrem eigenen Camp zurückkehren mussten. Die Reaktionen waren zurückhaltend. Die Enttäuschung war den Indios anzumerken, aber niemand drängte sie zu bleiben, ganz so, als verstünden sie, dass die Fremden weiterziehen mussten.

An diesem Abend wurde noch einmal gefeiert. Ein großes Feuer wurde entzündet, und bis spät in die Nacht saß das Dorf, Männer, Frauen, Alte und Kinder gemeinsam mit Juli, Marie und Tom, versammelt im Kreis, und es wurden Schalen mit Früchten oder vergorenem Pflanzensaft herumgereicht und Geschichten erzählt. Einige Episoden wurden gesungen, andere als Tanz aufgeführt, es wurde viel gelacht, und sogar in Maries Augen lag ein feiner Glanz, der zeigte, wie ihre Sinne sich jedenfalls für eine Weile von der Vergangenheit lösten und sich auf den Zauber des Moments einlassen konnten.

Nicht lange nachdem die meisten Kinder mit den Köpfen auf den Schößen ihrer Mütter eingeschlafen waren, löste sich der Kreis auf, und alle gingen in ihre Hütten.

Als die drei am späten Morgen wieder aufgestanden waren und sich treffen wollten, um das Dorf zu verlassen, trafen sie die Bewohner versammelt auf der Straße vor. Alle wollten sich von ihnen verabschieden. Sie streckten ihre Arme aus, um sie noch einmal zu berühren, sprachen unverständliche Worte des Abschieds und des Segens, und viele überreichten ihnen kleine Geschenke. Ein Armband, eine Halskette, eine Feder. Jedes der kleineren Kinder wollte noch einmal von Tom hochgehoben werden. Die Medizinfrau gab ihnen drei gefüllte Wasserflaschen und an Juli einen ledernen Beutel mit einigen Wurzelstücken darin. Dann sprach sie einige Worte und wedelte jeden der drei mit einem Fächer aus Vogelklauen und Federn ab.

Schließlich traten fünf Männer aus den Reihen der Dorfbewohner vor. Sie trugen Speere, Bogen und Köcher. Die Medizinfrau segnete sie ebenfalls, bevor sie sich zu Tom, Juli und Marie gesellten. Ganz offenbar sollten die Krieger sie begleiten. Einer von ihnen war stark verkrüppelt, sein Rücken war so buckelig, dass seine Arme fast den Boden berührten. Er hielt den Kopf schief, und als er mit einem Ausruf seinen Arm hob und den Speer nach oben hielt, erkannten Tom und Juli plötzlich, dass es der Mann war, der ihnen Maries Rucksack gegeben und sie zu der teuflischen Anlage geführt hatte, und der Speer, den er hochhielt, war die Waffe, die Tom ihm zum Geschenk gemacht hatte. Die ganzen Tage war er hier gewesen und hatte sich nicht zu erkennen gegeben. Tom verneigte sich vor ihm, und er sah mit Freude, wie der Mann lächelte und vor Stolz fast platzte.

Dann drehte sich der Buckelige um und ging voraus. Zwei der Krieger folgten ihm, die anderen beiden warteten, bis Tom und die beiden Schwestern sich ebenfalls in Bewegung setzten, und bildeten den Abschluss. Gemeinsam verließen sie das Dorf in Richtung des Waldes.

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