Kapitel 16 Hamburg, Polizeipräsidium City Nord, 12. August

Hauptkommissar Berger schob die Mappen mit den ausgedruckten Unterlagen zur Seite, die Juli und Tom ihm überreicht hatten, und beugte sich vor.

»Es freut mich zu hören, dass Sie wieder aufgetaucht sind, Frau Thomas, Herr Hiller. Ich hatte seit unserem Gespräch in diesem Büro nichts mehr von Ihnen gehört und dachte schon, die Sache hätte Sie nicht weiter interessiert.«

»Unsere Recherchen waren etwas aufwendiger als erwartet«, erklärte Tom. Er erinnerte sich, dass er mit einem Kommissar telefoniert hatte, nachdem sie das zweite Mal auf der Elbinsel gewesen und dort von den bewaffneten Männern überrascht worden waren. Offenbar waren diese Informationen aber nicht weitergegeben worden.

»Nun sind Sie ja da, und ich bin gespannt, was Sie mitgebracht haben. Sie klangen recht enthusiastisch. Können Sie mir Ihre Ergebnisse kurz zusammenfassen, bevor ich die Unterlagen im Detail lese?«

Tom nickte. »Die Firma, die das Labor auf der Neßsand gebaut hat, hat ein weiteres Labor im Urwald in der Nähe von Manaus unterhalten. Eine ungleich größere Anlage. Dort wurden seit einigen Jahren Menschenversuche an Indios vorgenommen, die man entführt hatte.«

»Menschenversuche, sagen Sie?«

Juli rückte auf ihrem Stuhl nach vorn. »Ja, ganz recht. Xenotransplantation. Dabei geht es darum, tierische Organe in Menschen zu verpflanzen, um auf teure und seltene menschliche Organe verzichten zu können, wenn ein neues Herz oder eine neue Niere benötigt wurden.«

»Interessant …«

»Dabei wurden keineswegs kranke Menschen behandelt«, fuhr Juli fort, »sondern die Versuche wurden an gesunden Menschen vorgenommen. Man entfernte ihnen funktionstüchtige Organe und ersetzte sie durch solche von Schweinen oder anderen Tieren. Diese Forschung birgt erhebliche Risiken. Fremdes Gewebe wird üblicherweise vom Gastkörper abgestoßen, also mussten Wege gefunden werden, sowohl die Tiere als auch die Menschen genetisch zu modifizieren. Die Ergebnisse waren grauenerregend und führten entweder zum baldigen Tod der Opfer oder verursachten unkontrollierte Fehlbildungen, Mutationen und Geschwüre. Die Unterlagen belegen über einhundertsiebzig ›Versuchsreihen‹. So wurden die menschlichen Schicksale dort genannt. Vermutlich waren es erheblich mehr.«

»Das ist ungeheuerlich!«, rief Berger aus. »Was geschah mit diesen Menschen?«

»Die meisten von ihnen starben«, erklärte Tom. »Einige konnten aus der Anlage fliehen. Der Rest vegetierte in den Kellergewölben der Anlage vor sich hin. Diejenigen, die noch keinen Versuchen unterzogen worden waren, steckten sich mit Krankheiten an.«

»Was für Krankheiten? Malaria?«

»Das wäre das kleinste Übel«, sagte Juli. »Durch die Transplantationen gelangten zum Teil tierische Viren in die Menschen und vermehrten sich dort. Einige der Viren reagierten auf die genetischen Manipulationen, andere auf die wachstumsbeschleunigenden Mittel, die für die Versuche verwendet wurden. Bei den entführten Menschen handelte es sich zum Teil um ganze Familien. Durch Intimitäten, den begrenzten Raum, in dem die Gefangenen eingepfercht waren, durch die unmenschlichen sanitären Bedingungen, aber auch durch die Entkräftung der Menschen konnten sich zahlreiche Krankheiten ausbreiten.«

»Von den Gefangenen, die wir schließlich befreien konnten, war der größte Teil schwer erkrankt«, sagte Tom. »Wir gehen davon aus, dass viele dieser Menschen in den nächsten Monaten sterben werden, wenn sie keine umfassende medizinische Versorgung erhalten. Viele Folgen der Versuche werden sich noch über Generationen in den betroffenen Indiostämmen fortsetzen.«

»Man kann nur hoffen, dass sich kein tödlicher Virus entwickelt, der zu einer Epidemie wird, wie wir es von der Vogelgrippe kennen«, fügte Juli hinzu. »Auch dieser Erreger ist vom Tier auf den Menschen übergesprungen. Was die genetischen Versuche in dem Labor darüber hinaus noch bewirkt haben, können wir unmöglich erahnen.«

Hauptkommissar Berger lehnte sich zurück.

»Was Sie da entdeckt haben, sprengt meine kühnsten Vermutungen«, sagte er.

»Als wir uns das letzte Mal sahen«, sagte Tom, »erklärten Sie uns, dass Sie auf der Spur einer politischen Verwicklung hier in Hamburg seien. Auch das haben wir uns angesehen. Der Betreiber des Labors in Brasilien gehört zu einem Firmengeflecht, dem ein alter Bekannter der Stadt und des Ersten Bürgermeisters vorsteht: Dr. André Villiers.«

Berger hob eine Augenbraue, als er den Namen hörte.

»Er war auch maßgeblich an der Ausarbeitung der Konzepte für die Privatisierung der Krankenhäuser in Hamburg beteiligt«, fuhr Tom fort, »und wenn Sie es überprüfen, stellen Sie fest, dass seine Firmen inzwischen fast überall direkt oder indirekt an den heutigen Investitionen beteiligt sind. Es handelt sich hier um einen kriminellen Konzern, der Menschen entführt, entsetzliche Menschenversuche durchführt und unsaubere Geschäfte mit der politischen Führung dieser Stadt betreibt.« Tom wies auf die Unterlagen. »Das Wichtigste steht in den Papieren dort. Es gibt aber mehr, Korrespondenz, Adressen, Untersuchungsergebnisse, Protokolle, Laborberichte und Fotos. Fast zehn Gigabyte Daten. Sie sind auf den DVDs, die in dem Packen liegen.«

Berger nickte, legte eine Hand auf die Mappen, blätterte sie ein wenig auf, dann sah er wieder zu Tom und Juli.

»Ich bin Ihnen dankbar. Sehr dankbar sogar. Diese Unterlagen sind von größter Sprengkraft. Ich gehe davon aus, dass Sie noch Kopien davon haben?«

»Natürlich«, sagte Tom. »Wir werden die Geschichte groß herausbringen, um diesem Konzern Einhalt zu gebieten.«

»Ich fürchte, das wird nicht möglich sein«, erklärte Berger und faltete die Hände auf dem Schreibtisch. »Sie werden mir sämtliche Kopien aushändigen müssen. Außerdem werden Sie gerichtlich dazu verpflichtet werden, über die Angelegenheit Stillschweigen zu bewahren.«

»Wie bitte?!« Tom stand auf. »Können Sie mir erklären, was in Sie gefahren ist?«

»Bitte …« Berger hob eine Hand. »Setzen Sie sich. Diese Maßnahmen sind zu Ihrem eigenen Schutz. Oder denken Sie wirklich, irgendjemand würde diese irrsinnigen Verschwörungstheorien für bare Münze nehmen? Das Einzige, was Sie erreichen könnten, wäre ein Strohfeuer für das Boulevard, eine absurde Skandalgeschichte, die letztlich nur ein unendlich peinliches Ende für Sie und Ihre Karriere bedeuten würde. Indem Sie einen ganzen Konzern und die Hamburger Landesregierung in Misskredit bringen, würden Sie Kosten in Milliardenhöhe verursachen.« Berger schob die Mappen seitlich von seinem Schreibtisch, sodass sie in den daneben stehenden Papierkorb fielen. »Mit diesem substanzlosen Unfug erreichen Sie darüber hinaus gar nichts. Nicht bei mir und nicht da draußen.«

Tom trat vor, stützte sich auf den Schreibtisch des Hauptkommissars und beugte sich vor. »Sind Sie noch ganz dicht? Sie wissen verdammt gut, dass wir recht haben!«

»Zügeln Sie sich, Herr Hiller«, zischte Berger. »Wenn ich Ihnen sage, dass Sie nichts erreichen werden, dann können Sie mir glauben. Ich würde höchstpersönlich dafür sorgen. Und wagen Sie es nicht, meine Kompetenz anzuzweifeln oder meine Möglichkeiten in dieser Stadt herauszufordern. Ich könnte Sie noch immer auf der Stelle einsperren lassen. Ausreichend Gesetze haben Sie übertreten. Sie beide. Und wenn ich die Sache anpacke, dann kommt Ihnen auch kein streunender Hund zu Hilfe.«

»Streuner?«, sagte nun Juli. »Was für ein Streuner?«

Tom sah zu Juli. Er stockte. Dann sah er zurück zu Berger.

»Sie können gar nichts von dem Hund auf der Insel wissen«, sagte er. »Wir haben Ihnen nichts davon erzählt. Die Einzigen, die es wissen …« Er schnappte nach Luft. »Sie stecken da mit drin, Sie verdammtes Arschloch.«

Berger stand ruckartig auf. »Halten Sie den Mund«, bellte er Tom an. »Und stellen Sie sich nicht dümmer, als Sie sind!« Er kam um den Schreibtisch herum und baute sich drohend vor Tom auf. »Was glauben Sie denn, was ich den ganzen Tag mache? An meinen Füßen spielen? Ich kenne die Zusammenhänge schon länger als Sie, und ich beobachte alles, was in dieser Stadt geschieht, und nicht nur der Erste Bürgermeister, auch Teile des Senats, der Innensenator und der Polizeipräsident sind in diese Sache verwickelt. Alles, was ich benötigte, waren Beweise, wie Sie sie jetzt bringen. Aber doch nicht, um damit an die Öffentlichkeit zu gehen! Wie bescheuert müsste man sein, den Konzern zu verprellen, der die Hand über fast alle Krankenhäuser der Stadt hält? Abgesehen davon, dass es unmöglich wäre, ihn zu sprengen. Dahinter stecken Legionen von Anwälten mit Kriegskassen bis zum Jüngsten Gericht! Und die Regierung wollen Sie also an den Pranger stellen, ja? Haben Sie eine Ahnung, was hier los wäre? Das totale Chaos, rollende Köpfe, ausgehackte Augen, Anarchie!«

Nun war Juli ebenfalls aufgestanden und stellte sich neben Tom, um dem aufgebrachten Hauptkommissar zu trotzen, dem die Ader an seinem Hals zu pochen begonnen hatte.

»Und was wollen Sie stattdessen tun?«, fragte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Das geht Sie überhaupt nichts an«, schnappte Berger zurück. »Ihre Untersuchungsergebnisse bleiben hier, und außer mir wird niemand davon erfahren.«

»Das sehe ich etwas anders!«, ertönte eine Stimme von hinten. Sie drehten sich um. Ein Polizeibeamter, der von einem vierköpfigen Trupp begleitet wurde, war eingetreten.

»Was haben Sie in meinem Büro zu suchen!«, ereiferte sich Berger, machte aber einen Schritt rückwärts.

»Ich bin Kommissar Wilms«, sagte der Beamte. »Ich leite eine verdeckte Untersuchung im Auftrag des Bundeskriminalamtes. Und diese Herren hier sind mir als Einsatzkommando zur Verfügung gestellt worden.« Er wandte sich an Tom. »Herr Hiller, vielen Dank für Ihre Zusammenarbeit.«

»Gerne geschehen«, sagte Tom und lächelte.

»Können Sie mir erklären, was hier vor sich geht?«, fragte Berger, der sich hinter seinen Schreibtisch zurückgezogen hatte.

»Herr Hiller und ich hatten schon einmal kurz nach dem Erlebnis auf Neßsand miteinander telefoniert«, sagte Wilms. »Zugegeben, das Gespräch war eigentlich für Sie gedacht, Herr Berger, aber ich beobachte Sie schon lange, und als ich hörte, was mir Herr Hiller erzählte, war es nicht schwer, die Puzzlestücke zusammenzufügen. Ich habe ihn daraufhin ebenfalls überwachen lassen, was sich als äußerst hilfreich herausstellte. Meine Männer konnten gerade noch in eine Verfolgungsjagd eingreifen, die womöglich tragisch geendet wäre.«

»Die Schießerei am Fischmarkt …«

»So ist es. Leider konnten Herr Hiller und Frau Thomas bei dieser Gelegenheit entwischen und untertauchen. Wir haben ihre Wohnungen observiert und schließlich die Spur einer verdächtigen Putzfrau bis zu ihrem Auftraggeber im Axel-Springer-Gebäude zurückverfolgen können. Zu diesem Zeitpunkt hatten die beiden allerdings das Land schon verlassen.« Er sah zu Tom und Juli hinüber. »Eine wohlkoordinierte Leistung, das muss ich schon sagen.«

Tom zuckte mit den Schultern, konnte sich aber ein Grinsen ebenfalls nicht verkneifen.

»Wie auch immer«, fuhr Wilms fort, »bei seiner Rückkehr fand er eine Nachricht von mir vor und hat sich daher zuerst mit mir in Verbindung gesetzt anstatt mit Ihnen, Herr Kollege.«

»Und was wollen Sie von mir?«, fragte Berger.

»Dafür sorgen, dass die überaus wichtigen Informationen, die Herr Hiller und Frau Thomas zusammengetragen haben, in die richtigen Kanäle geleitet werden. Und verhindern, dass Sie sie verwenden, um damit ein weiteres Mal den Polizeipräsidenten zu erpressen, wie Sie es vor zwei Jahren getan haben, um diesen Posten zu bekommen.«

»Das ist unerhört!«, rief Berger aus.

»Ja, das sehe ich ebenso«, entgegnete Wilms. »Die Einzelheiten der Schuldfrage werden vor Gericht geklärt werden. Maßgeblich dafür werden die von meiner Kommission zusammengetragenen Belege sein, ebenso wie Ihr Verhalten im gegenwärtigen Fall.« Wilms deutete auf die Mappen, die der Hauptkommissar in den Papierkorb geschoben hatte.

»Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie sich anlegen!«, giftete Berger.

»Ich lasse Sie hiermit vorläufig festnehmen. Bitte folgen Sie mir«, sagte Wilms ungerührt. Und an zwei seiner Männer gewandt: »Konfiszieren Sie den Laptop und sämtliche Speichermedien, die Sie im Raum finden.« Dann wandte er sich an Tom und Juli.

»Wie schon gesagt, ich danke Ihnen für Ihre Kooperation. Wie Sie sich denken können, besteht in dieser Angelegenheit Verdunklungsgefahr. Ich werde mich bemühen, schnellstmöglich an allen relevanten Stellen in dieser Behörde und der Stadt zuzugreifen, um Beweise zu sichern. Ich möchte Sie daher bitten, mit Ihrer Veröffentlichung, die Sie mit gutem Recht planen, noch etwas zu warten, um uns den nötigen Spielraum zu verschaffen.«

»Selbstverständlich«, sagte Tom. »Bis wir aus dem Material eine druckreife Geschichte produziert haben, werden ohnehin noch ein paar Tage vergehen. Und dass es eine Titelgeschichte werden wird, darauf können Sie Gift nehmen.«

Wilms lächelte. »Ich hatte nichts anderes erwartet. Und sagten Sie nicht noch etwas von einem Filmbeitrag?«

»Gemeinsam mit dem Chefredakteur werden wir die Nachrichten und TV-Magazine der Republik überfluten, verlassen Sie sich darauf.«

Wilms schüttelte erst Juli die Hand, dann Tom.

»Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Sie haben großartige Arbeit geleistet.«

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