Kapitel 6


23. Juli 1940, Schnellboot der Wehrmacht, östliches Mittelmeer


Wolfgang Morgen stand an der Reling, während das Boot mit dröhnendem Motor durch die Wellen stampfte. Es war ein nagelneues Modell der S30-KIasse. Leichter und etwas kleiner als die Vorgänger, für Einsätze in der Nähe der Küste. Er war in Izmir an Bord gegangen. Die Männer, die ihm zugeteilt worden waren, befanden sich unter Deck, rauchten, spielten Karten. Eigentlich hätte er sich lieber einen SS-Trupp gewünscht, bestens ausgebildet, schlagkräftig und unbedingt gehorsam. Aber man hatte ihm nur ein paar einfache Wehrmachtsoldaten überlassen. Weiter waren Goebbels' Großzügigkeit und die Befugnis des Führerbefehls, den er erhalten hatte, nicht gegangen. Doch auch diese Männer würden genügen,' schließlich musste er nicht an die Front, sondern benötigte lediglich Begleitschutz und ein einigermaßen gewichtiges Auftreten.

Nach Ausbruch des Krieges war die Gesandtschaft in Kairo geschlossen worden, und er – ebenso wie alle anderen Deutschen in Ägypten – hatte das Land verlassen müssen. Dadurch war seine Arbeit nicht einfacher geworden, aber mit der Vollmacht aus Berlin ging es jetzt endlich wieder voran. Seine Ankunft auf der Insel war mit einem Fernschreiben angekündigt worden. Falls die Nachricht angekommen war. Wenn nicht, durfte er sich erst einmal auf einige Behördengänge gefasst machen, denn er konnte nicht davon ausgehen, dass irgendein italienischer Unteroffizier im Hafen seinen Brief lesen konnte und ihm genehmigen würde, mit seinem Trupp den Palast auf den Kopf zu stellen. Und das hatte er vor, um die Stele zu finden. Vielleicht hatte er Glück: Die umfangreichen Renovierungsarbeiten, die die Italiener am Palast vorgenommen hatten, mochten einiges zutage gefördert haben.

Während der anfänglichen Fahrt in südlicher Richtung hatten sie sich niemals weit von der Küste entfernt, aber nun fuhren sie schon seit einiger Zeit in westlicher Richtung aufs offene Meer hinaus. Als Morgen die ersten Lichter in der Ferne über dem Wasser entdeckte, entschied er, dass es Zeit war, sich fertig zu machen. Er ging unter Deck in den niedrigen Mannschaftsraum und wandte sich an einen Unteroffizier der Besatzung. »Können Sie uns für einige Minuten allein lassen? Wir haben etwas zu besprechen.«

»Jawohl«, kam die Antwort. Und an die Mannschaft gewandt: »Auf eure Posten!«

Morgen wartete, bis die Matrosen gegangen waren. Die Soldaten nutzen die Zeit, sich in einer Reihe hinzustellen und einen ordentlichen Eindruck zu machen. Ihnen war klar, dass sie einen wichtigen Auftrag hatten und Morgen im Besitz eines Führerbefehls war.

»Männer«, sagte Morgen mit kräftiger Stimme, »wir sind kurz vor dem Ziel. In wenigen Minuten werden wir an Land gehen. Ich erwarte von Ihnen absolute Disziplin und Gehorsam. Die Italiener sind auf unserer Seite, es wird also nicht zu Kampfhandlungen kommen, aber das bedeutet nicht, dass sie es uns einfach machen werden. Das Reden übernehme ich, Sie halten sich zurück.«

Die Soldaten nickten. Morgen musterte ihre Gesichter. Sie waren allesamt deutlich jünger als er selbst .Jungspunde, dachte er. Immerhin waren sie unverbraucht und leicht zu beeindrucken. Er hatte ihre volle Aufmerksamkeit.

»Es ist schon spät, wir werden heute Abend nur noch eine Unterkunft aufsuchen. Das ist kein Ausflug! Niemand verlässt also das Gelände, um acht Uhr morgen früh geht es weiter. Bis dahin erwarte ich, dass die Truppe vollständig versammelt und abreisebereit ist. Wer von Ihnen hat das Kommando?«

Einer der Männer trat einen halben Schritt vor und salutierte. »Das bin ich. Unteroffizier Rosner.«

»Rosner?«, fragte Morgen. »Was ist das für ein Name? Wo kommen Sie her?«

»Aus der Pfalz. Keine jüdischen Vorfahren.«

Morgen hob überrascht die Augenbrauen. Es war nur ein Versuch gewesen, und mit Faszination beobachtete er, wie vollendet die Konditionierung den Mann im Griff hatte. Wie einfältig und beeinflussbar diese Leute doch waren, überlegte er. Keine Ahnung von der Welt, von fremden Kulturen oder ihrer Geschichte, aber durchdrungen von gefährlichem Halbwissen und einer zersetzenden Ideologie. Natürlich war er selbst mit seinen Veröffentlichungen auf denselben Zug gesprungen, aber wer hatte geahnt, dass es solche Ausmaße annehmen würde? Nun, ein Volk wählte sich den Führer, den es verdiente. Und es war schließlich nicht Morgens Aufgabe, sich darum zu kümmern. Er hatte andere, wichtigere Ziele.

»Gut«, sagte er. »Rosner, Sie bleiben in meiner Nähe. Weitere Details werde ich später mit Ihnen besprechen, Sie sorgen für die Organisation der Truppe.«

»Jawohl, Herr Oberst!«

»Ich bin kein Oberst. Reden Sie mich mit Doktor Morgen an.« Zwar hatte er keinen Titel, aber der Gedanke gefiel ihm. Und den Männern würde es neuen Gesprächsstoff liefern. Er hatte nicht vor, seine tatsächliche Herkunft oder Funktion preiszugeben.

»Jawohl, Herr Doktor Morgen!«


4. Oktober 2006, Guardner Residence, Kairo


Patrick verließ sein Schlafzimmer um halb neun. Er zog seine Tür mit der Hand zu, in der er eine Zigarettenschachtel und ein Feuerzeug hielt. Mit der anderen Hand zupfte er sein kurzärmeliges Hemd aus der Hose, die er sich hastig angezogen hatte. Er klopfte an die Tür von Peters Zimmer, aber als nach kurzer Zeit keine Reaktion kam, ging er los. Er war spät dran, und tatsächlich fand er die anderen bereits beim Frühstücken auf der Terrasse am Pool.

»Monsieur Nevreux«, rief ihm Guardner entgegen, der ihn als Erster entdeckte. »Guten Morgen. Wir haben uns die Freiheit genommen, bereits anzufangen.«

»Das ist völlig in Ordnung«, erklärte Patrick mit etwas kratziger Stimme, während er sich setzte und nach dem Kaffee griff.

»Guten Morgen«, grüßte nun auch Peter über seinen Tee hinweg. »War Ihr Abend erfolgreich?«

Es lag etwas Ironisches in der Art, wie er die Frage stellte. Patrick hatte schon eine passende Antwort auf der Zunge, aber er war noch nicht in der Stimmung, um sich Wortgefechte zu liefern. Der Abend mit Melissa war lang gewesen, sie waren später in irgendeinen Club gefahren, hatten getanzt, getrunken und gelacht, und irgendwann um zwei oder halb drei hatte Melissa ihn zur Residenz zurückgefahren. Er meinte, sich an einen recht intensiven Abschiedskuss zu erinnern, war sich jedoch nicht sicher. Er wusste aber noch deutlich, wie lange er geklingelt hatte, bis ihm die erschrockene Haushälterin im Morgenrock geöffnet hatte. Beim Gedanken daran grinste er und lehnte sich mit der Kaffeetasse in der Hand zurück.

»Was haben Sie über das Artefakt und den Tropfstein herausfinden können?«, fragte Peter.

Patrick verzog den Mund. »Gar nichts. Howard Goddard ist gestern gestorben.«

»Wie bitte? Meinen Sie das ernst?«

»Er war nach einem plötzlichen Anfall ins Krankenhaus eingeliefert worden und ist dort gestorben.«

»Du meine Güte, wie tragisch! Und noch dazu ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, wenn ich das einmal so sagen darf.«

»Fast ein wenig zu ungünstig ... «

»Denken Sie etwa, dass das kein Zufall war?«

Patrick zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Kommt mir aber ziemlich merkwürdig vor.«

Peter schwieg. So vielversprechend das Artefakt auch gewesen sein mochte, führte es sie nun doch nicht weiter. Vielleicht würden andere Analysemethoden das unerklärlich hohe Alter, das Patrick herausbekommen hatte, bestätigen, aber Peter wusste, dass sich selbst auf dieser Basis kein Wissenschaftler, der um seinen Ruf bemüht war, mit dem Objekt oder damit zusammenhängenden Theorien auseinandersetzen würde. Sie müssten mindestens einen Fundort und weitere Daten haben. Es war aussichtslos.

»Es tut mir sehr leid«, erklärte Guardner, »wenn Sie das Artefakt nicht weiterführt. Aber vielleicht hat Ihnen der Papyrus weitergeholfen? Professor Lavell, was konnten Sie bisher herausfinden?«

»Ja, schießen Sie mal los«, sagte Patrick und zündete sich eine Zigarette an. Sicher würde jetzt ein längerer Vortrag folgen.

»Also gut«, sagte Peter und holte einige Blätter hervor.

»Auch ohne das Artefakt glaube ich nun zu wissen, wo unsere Suche weitergehen – oder vielmehr beginnen – sollte. Sie erinnern sich, dass wir uns über Echnaton unterhalten haben. Jenen Pharao, der plötzlich so viele neuartige Ideen hatte und sogar die Religion seines Volkes umkrempeln wollte. Er scheint von großer Fremdartigkeit, und es gibt unzählige Theorien über seine Herkunft. Sogar solche, die behaupten, Echnaton sei niemand anderes als der biblische Moses.«

Oder ein Außerirdischer, fügte Patrick in Gedanken hinzu.

»Tatsächlich weiß man nur sehr wenig von ihm«, fuhr Peter fort. »Aber Sir Guardner kam in den Besitz eines Papyrus, der davon handelt, dass Echnaton einen Bericht über eine Quelle der Weisheit hinterlassen habe. Vermutlich gibt er Aufschluss über das Leben, die Gedanken oder die Beweggründe Echnatons – in jedem Fall schien Sir Guardner überzeugt, dass er von äußerster Wichtigkeit sei, dass er zu einer wahrhaftigen Quelle der Weisheit führen würde – und das war das Ziel seiner Suche. Der Papyrus verweist auf eine steinerne Tafel, einer Stele, auf der der Text stehen soll, und die Abbildung eines Symbols, das sich offenbar auf der Stele befindet. Nur der eigentliche Inhalt der Erzählung ist nicht überliefert.«

Peter legte eines der Papiere auf den Tisch. Es war eine Kopie der Zeichnung aus dem Papyrus. Die Umrisse der Stele waren zu erkennen, angedeutete Textbalken, sowie das Dreieck mit dem ägyptischen Auge des Horus und den langen, davon ausgehenden Armen.

»Der Papyrus ist also nur Beleg dafür, dass ein solcher Bericht existiert – oder existierte. Was aber fehlt, ist ein Hinweis, ob diese Stele in späterer Zeit irgendwo aufgetaucht ist oder gefunden worden war und wo sich diese Stele heute befindet. Hier kam nun das Manuskript ins Spiel, auf das uns Mister Guardner gestern hingewiesen hat. Was Ihr Vater Codex nannte, ist ein äußerstes kostbares Dokument ... « Er sah Patrick eindringlich an. »Von einem Tempelritter!«

Der Franzose nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette, schloss für einen Moment die Augen und stöhnte innerlich auf. Ausgerechnet Tempelritter! Nachdem sie das letzte Mal in Südfrankreich in die Hände okkulter Spinner geraten waren, hatte er gehofft, in Ägypten weit genug von diesem Mumpitz entfernt zu sein. Wenn es ein Thema gab, das alle Klischees von Mittelalter, Mystizismus und Geheimnis vereinte, dann waren es wohl stets die haarsträubenden Tempelritter-Geschichten. Er wagte nicht, sich vorzustellen, wo sie ihre weitere Arbeit jetzt hinführen würde.

»Bei dem Text handelt es sich um ein Protokoll der Inquisition«, erklärte Peter. Er wandte sich an Guardner. »Wie Sie vielleicht wissen, wurde der Orden der Templer, der zu Beginn des 11. Jahrhunderts in Jerusalem gegründet worden war, ab dem Beginn des 14. Jahrhunderts von der Inquisition verfolgt.«

»Das wusste ich nicht«, gestand der Alte.

»Sie wurden der Kirche zu mächtig, also hat man sie verfolgt und verbrannt«, warf Patrick ein, der die Geschichte schon einmal gehört hatte und sie jetzt abkürzen wollte.

»Der Orden häufte fast dreihundert Jahre lang große Reichtümer an«, sagte Peter, »meistens in Form von Ländereien. Die Organisation war perfekt strukturiert, militärisch organisiert und in ganz Europa vertreten. Die Templer errichteten sogar eine Art Bankwesen: Man konnte in Frankreich Geld einzahlen und mit dieser Quittung in Jerusalem das Geld wieder abheben. Durch ein Dekret von Papst Innozenz II. waren sie keinem weltlichen Herrscher gegenüber verpflichtet oder Rechenschaft schuldig, sondern allein dem Papst. Das machte den Orden unabhängig, flexibel und sehr mächtig.«

Peter schenkte sich Tee nach.

»Tatsächlich gibt es verschiedene Theorien, weshalb der Orden dann ab dem 14. Jahrhundert verleumdet und verboten wurde. Für uns ist nur wichtig, dass es so war. Denn als die Templer inhaftiert wurden, forderte man sie auf, Geständnisse abzulegen, ihr angeblich frevelhaftes Tun zu widerrufen und vor allen Dingen den Verbleib des vermuteten Schatzes der Templer zu verraten. Das Dokument Ihres Vaters ist das Protokoll einer solchen Befragung, einer Inquisition.«

»Das ist faszinierend«, sagte der Alte. »Und ist darin vom Schatz der Templer die Rede?«

»Vielleicht nicht von dem Schatz, wohl aber von einem Schatz.«

Peter legte ein weiteres Blatt auf den Tisch, auf dem Auszüge eines lateinischen Textes standen. Es war Peters Abschrift des Manuskripts. Jetzt beugte sich auch Patrick interessiert vor, obwohl er außer Buchstaben nichts erkennen konnte.


Ego Guilelmus de Balcio miles Templi testimonio confirmo has confessiones veritatem non fallere.

Cum concilio Pictavense iniente magister militum templi Salomoni Jacobus Molanus et magister militum Sancti Ioanni Fulco de Villarete cum Clemente pontifice Romano de multis rebus consulendis convenerint, fide interposita res pretiosissima mihi mandata est. Hanc rem quasi thesaurum sapientiam mundi continentem magister militum templi silentio magistro militum Sancti Ioanni tradidit, ut in castris paulo ante expugnatis detraherentur manibus clericorum. Nam insidie, ut aiunt, contra milites templi ficte iam cognosci poterant.

Hic thesaurus tabula erat lapide viride atque preter verba sapientie obscuris signis ornabatur velut circulo in piramide inscribente lucemque in omnes partes emittente imaginem oculi referente omnividentis omniscientis sapientiam prebentis. Talis erat vera tabula smaragdina de Herme Trismegisto.

Haec vera esse dico, Guilelmus de Balcio, ita me Deus adiuvet.

Dat. apud Parisios anno domini M°CCC°VII, X kal. Nov.


»Ich habe den Text gestern Abend abgeschrieben«, sagte Peter. »Und mit meinen bescheidenen Lateinkenntnissen und der Hilfe der Bücher in der Bibliothek konnte ich ihn recht flüssig übersetzen. Besonders interessant ist folgende Passage:


Ich, Guillaume des Baux, Ritter des Templerordens, bestätige, dass die folgenden Geständnisse der Wahrheit entsprechen.

Während des Konzils in Poitiers, zu dem sich der ehrwürdige Großmeister des Tempels, Jacques de Molay, und der ehrwürdige Meister des Ordens St. Johannis von Jerusalem, Foulques de Villaret, mit Ihrer Heiligkeit, Papst Clemens V. trafen, um über vielerlei Dinge zu beraten, war mir übertragen worden, für sicheres Geleit eines Schatzes zu sorgen. Diesen Schatz, der die Weisheit der Welt enthielt, übergab der ehrwürdige Großmeister in aller Heimlichkeit an den Ordensmeister der Ritter von St. Johannis zur Verwahrung in der kürzlich von ihnen eroberten Festung, auf dass er dort dem Zugriff der Kirche entzogen bleiben würde. Denn die Mächte, so ging das Wort, die sich gegen den Orden des Tempels verschworen, waren bereits zu erkennen.

Die Gestalt des Schatzes war eine Tafel aus grünem Stein und darauf befindlich waren nebst den Weisheiten in mysteriösen Zeichen ein Kreis in einer Pyramide, Strahlen zu allen Seiten hin ausbreitend. Der Kreis war ein Auge, alles sehend und alles wissend und Weisheit schenkend. Solcher war die Gestalt der wahren Tabula Smaragdina des Hermes Trismegistos. Dies ist die Wahrheit, sage ich, Guillaume des Baux, so wahr mir Gott helfe.«


Er ließ die Worte einen Moment verklingen und fügte dann halblaut hinzu: »Geschrieben in Paris, den 23. Oktober 1307.«


Der alte Guardner sah Peter erfreut an, lächelte, als sei er stolz und ergriffen zugleich. Patrick hingegen runzelte die Stirn und goss sich noch Kaffee ein.

»Wenn Sie aufmerksam zugehört haben«, sagte Peter und schob das erste Blatt mit der Zeichnung wieder nach vorne, »dann werden Sie bemerkt haben, dass in dem Dokument eine Steintafel, eine Stele, mit genau diesem Symbol beschrieben wurde!«

»Wie sollten die Tempelritter aber in den Besitz eines ägyptischen Artefakts gekommen sein?«, fragte Guardner.

»Das ist gar nicht so unwahrscheinlich«, erklärte Peter. »Denn die Templer waren auch in Ägypten. Ich habe die genauen Daten der Umstände sogar in den Büchern Ihres Vaters recherchieren können.« Er sah in seine Notizen. »Die Templer unternahmen insgesamt vier Kreuzzüge nach Ägypten. Der erste, im Jahr 1163, war aus heutiger Sicht nichts weiter als ein Raubzug. In den folgenden Jahren kamen sie noch dreimal: zweimal auf Bitten des Großwesirs, der Unterstützung im Kampf gegen die Syrer benötigte, und ein letztes Mal im Versuch, das Land zu erobern – was dann aber zu einem katastrophalen Ausgang führte. Bei jedem dieser Kreuzzüge hatten die Templer Gelegenheit, eine solche Stele mitzunehmen: entweder als Beute oder als Dank für ihre Dienste.«

Guardner nickte.

»Es wäre also geschichtlich nachvollziehbar«, fasste Peter zusammen, »dass das Objekt, das im Codex beschrieben wird, ägyptischen Ursprungs ist. Nun könnte es sicherlich viele Steintafeln mit einem ähnlichen Symbol geben. Was mich aber – und offenbar auch Ihren Vater – ganz besonders aufmerksam gemacht hat, ist die Tatsache, dass hier ausdrücklich von der Tabula Smaragdina gesprochen wird. Ich will Sie nicht mit Geschichten über dieses Objekt langweilen, vielleicht genügt es zu sagen, dass es in der Mystik ähnlich bekannt und berüchtigt ist wie der Stein der Weisen oder die sagenhafte Bundeslade der hebräischen und christlichen Überlieferung. Der Legende nach enthält die Tabula das vollständige, konzentrierte Wissen der Welt, zusammengefasst in Formeln der Weisheit. Man sagt, die Tafel sei aus Smaragd und der Text auf Phönizisch. Manche bringen sie mit den Gebotstafeln Moses' in Verbindung, andere behaupten, Alexander der Große habe die Tafel in Ägypten gefunden. Für uns von besonderer Bedeutung ist, dass als Verfasser der Tafel stets ein mythischer Hermes Trismegistos genannt wird.«

»Hermes, der Götterbote?«, fragte Patrick. »Der alte Grieche?«

»Ja und nein«, sagte Peter. »Hermes Trismegistos heißt zunächst nichts weiter als Dreifachgroßer Hermes. Hermes war der griechische Gott des Geistes, vielgestaltig, eloquent und erfindungsreich, und derjenige, der dem Austausch zwischen Göttern und Menschen diente und Werke über Theologie und Philosophie verfasste. Die Alchimisten und Okkultisten übernahmen später den Begriff ›hermetisch‹, um ihre Künste und Überlieferungen zu bezeichnen, und noch heute benutzen wir ›hermetisch‹ für etwas absolut Versiegeltes.«

»Und wieso ›nein‹?«

»Weil Hermes und alles, wofür er steht und was ihm in der Überlieferung zugeschrieben wird, aus heutiger Sicht gleichzusetzen ist mit einem viel älteren Gott, der lange vor den Griechen quasi der Prototyp von Hermes war. Nicht nur, dass viele der Attribute dieses Gottes offenbar während der Ptolemäerzeit in den griechischen Pantheon Eingang fanden. Auch hat man inzwischen viele ägyptische Texte gefunden, Weisheitslehren wie die des Ptahhotep und viele andere, die spätere Ansichten und Maximen bereits vorwegnehmen. Also gab es diese Inhalte offenbar schon vor den Griechen. Und aus diesem Grund schreibt man den Ursprung der Tabida Smaragdina, wenn es sie denn gegeben hat, viel eher Thot zu. Thot, jenem Gott der Schrift, Kultur und Weisheit, von dem Sir Guardner eine Statue auf seinem Schreibtisch stehen hat!«

»Ich gebe zu«, sagte Guardner, »das Manuskript, in dem eine Quelle der Weisheit genannt und beschrieben wird, passt sehr gut zu der Beschreibung und der Zeichnung im Papyrus meines Vaters. Aber Thot? Das ist doch eine vollkommen mystische Gestalt.«

»Nicht notwendigerweise. Wenn Hermes seinen Ursprung in Thot haben kann, ist es auch denkbar, dass die Figur Thots ebenfalls auf einen – uns noch unbekannten – Ursprung zurückgeht. Jedenfalls sollten wir Thot im Auge behalten, wenn wir schon auf der Suche nach einer Quelle des Wissens sind.«

»Na schön«, sagte Patrick, »aber wo finden wir jetzt die Stele?«

»Ja, das ist die Frage, nicht wahr? Ich glaube, das Rätsel lässt sich einfach lösen.« Peter beugte sich vor. »Es steht eigentlich sogar ausdrücklich im Text, wenn man nur den historischen Kontext genauer kennt.«

Patrick seufzte. Peter schien es wieder einmal besonders spannend und langatmig machen zu wollen.

»Das Dokument spricht von einem Konzil in Poitiers im Jahr 1307«, erklärte Peter. »Dieses Treffen ist geschichtlich verbürgt. Damals trafen sich der Großmeister des Templerordens, Jacques de Molay, und der Großmeister des Johanniterordens, Foulques de Villaret, mit dem Papst. Es ging dabei unter anderem um die Frage, ob man nicht beide Orden vereinen sollte. Dazu muss man wissen, dass die beiden Orden seit ihrer Gründung miteinander rivalisierten. Beide hatten den Höhepunkt ihrer Macht knapp überschritten, waren sich aber noch immer nicht wohlgesinnt. Während die Templer kämpferischer Natur waren, errichteten die Johanniter Krankenhäuser. Sie wurden deswegen auch Hospitaler genannt. Das Konzil lief natürlich darauf hinaus, dass die Templer bei allen Vorteilen einer Zusammenlegung der Orden eine zehnfache Menge an Gegenargumenten vorlegten. Aus dem Codex ist nun zu erfahren, dass es angeblich einen Plan der Templer gab, die Gelegenheit zu nutzen, um den Johannitern just zu diesem Zeitpunkt einen Schatz anzuvertrauen. Das ergibt auf den ersten Blick nicht viel Sinn. Auf den zweiten jedoch sehr wohl, denn es gab schon länger böse Gerüchte und üble Nachrede gegen den Templerorden, und tatsächlich wurde er ja nicht einmal ein Jahr später verboten und zerschlagen. Molay musste das vorausgesehen haben, daher brachte er seinen Schatz in Sicherheit und verhinderte die Zusammenlegung der Orden. Bei seinen Rivalen, den Hospitalern, würde niemand danach suchen.«

»Aber wer würde denn einen Schatz seinen Gegnern überlassen?«, fragte Patrick.

»Jemand, dem der Erhalt des Schatzes wichtiger ist als sein Besitz«, erwiderte Peter. »Die beiden Orden waren zwar in der Vergangenheit immer wieder aneinandergeraten, aber wenn es um den Schutz des Heiligen Landes oder der Pilger ging oder um wichtige militärische oder humanitäre Einsätze, dann arbeiteten sie ganz gut zusammen. Die Hospitaler waren nicht so streng und galten gemeinhin als bodenständiger. Außerdem hatten die Hospitaler zu diesem Zeitpunkt einen großen Vorteil: Nach dem Verlust der Besitztümer im Heiligen Land hatten sie sich eine neue Heimat gesucht: auf Zypern. Den Templern fehlte ein solcher Rückzugsort. Jacques de Molay erkannte vielleicht die Zeichen der Zeit, wusste, dass sein Orden untergehen würde, und erkannte in den Hospitalern eine sichere Bank für die nächsten hundert Jahre.«

»Und die Stele? Wo ist sie jetzt?«

»Auch das sagt uns der Codex: zur Verwahrung in der kürzlich von ihnen eroberten Festung. Die Hospitaler führten zu diesem Zeitpunkt gerade einen Feldzug, und der Sieg stand kurz bevor. Sie belagerten und stürmten eine Burg nach der anderen und schließlich die Hauptstadt der Insel, in der sie für die nächsten zweihundert Jahre ihren Großmeisterpalast bauen würden: Rhodos.«


24. Juli 1940, Großmeisterpalast, Rhodos Stadt


Ein schmaler Streifen silbrigen Mondlichts schien in die Kammer, in die James sich geflüchtet hatte, nachdem er unbeobachtet in den Palast geschlüpft war. Er hatte einen Moment abpassen können, in dem niemand das vordere Tor beachtete. So war er ungesehen in den inneren Bereich gelangt, hatte sich dort versteckt, bis die Wache sich wieder nach vorn bewegt hatte und für einige Minuten eine andere Tür offen stand. Die Zeit hatte gereicht, um in das fast menschenleere Gebäude zu gelangen, sich eilig ein leeres Zimmer zu suchen und sich dort einzuschließen.

Im schwachen Mondlicht versuchte James, die dünnen Zeiger seiner Armbanduhr zu erkennen. Halb zwei. Die letzten Stimmen in der Nähe hatte er vor einer Stunde gehört. Jemand hatte sich auf dem Flur unterhalten, war vorbeigegangen und wieder verschwunden. Einige Minuten später hatte er noch ein dumpfes Poltern gehört, dann war es in den Mauern still geworden. Aus der Ferne waren ab und zu Geräusche von Motorrädern zu hören, sicher Soldaten, die jenseits des Festungsgrabens durch die nächtlichen Straßen fuhren, und einmal hatte er ein Grölen von innerhalb der Stadtmauern gehört. Sicher ein Betrunkener. Aber nun schien alles wie ausgestorben. Es war höchste Zeit, sich auf den Weg zu machen, denn er wusste nicht, wie schnell er vorwärtskommen würde. Außerdem musste er seinen Rückweg mit einkalkulieren.

James trat an die Tür und griff nach dem Schlüssel. Er zögerte. Legte noch einmal sein Ohr an das Holz und verharrte einige Augenblicke. Aber es war nichts zu hören.

Vorsichtig drehte er den Schlüssel und drückte mit der anderen Hand die Tür in den Rahmen, so dass sie nicht plötzlich nach innen aufspringen konnte. Als er sie entriegelt hatte, zog er sie langsam auf und sah in den Flur hinaus. Er verlief nach rechts und links gute fünfzehn Meter geradeaus, gesäumt von anderen Türen. Wenn ihm auf diesem Gang jemand entgegenkäme, gäbe es keine Chance, sich zu verstecken. Allerdings war es nicht wahrscheinlich, dass das ausgerechnet in den wenigen Augenblicken geschah, die er für den Weg benötigen würde.

Also trat er aus dem Zimmer, lehnte die Tür hinter sich wieder an und wandte sich nach rechts. Der Gang war nahezu stockdunkel, lediglich am jenseitigen Ende befand sich ein Fenster, das jedoch nur als ein dunkelblaues Rechteck auf schwarzem Grund zu erkennen war.

Am Ende des Flurs kam er an eine breite steinerne Treppe, die in das darunterliegende Stockwerk führte. Er ging bis zum ersten Absatz und stockte. Ein schwacher Schein kam von unten herauf, ein Zeichen dafür, dass irgendwo Lichter brannten. Und vielleicht waren dort auch Wachen. Er lauschte angestrengt, aber als er nichts ausmachen konnte, ging er Schritt für Schritt bis zum nächsten Absatz. Nun konnte er sich bücken und um die Ecke in den untenliegenden Raum sehen. Es war eine kleine Halle, von der aus Gänge in drei Richtungen abzweigten. An einer Wand hing eine gusseiserne Fassung, die einem Fackelhalter nachempfunden war. Darin brannte eine einsame Glühbirne. Obwohl sie klein war, spendete sie doch so viel Licht, dass sich James wie auf einem Präsentierteller vorkam. Zwar konnte er von der Treppe aus einen günstigen Zeitpunkt abwarten, so dass ihn garantiert niemand in der Halle erwischte, aber es ließ sich nicht verhindern, dass auch noch ein paar Gänge weiter zu sehen sein würde, wie ein Schatten durch die Lichtquelle huschte. Falls das jemand bemerkte und nach dem Rechten sehen wollte, musste James die Halle bereits hinter sich gelassen haben.

Er vergegenwärtigte sich den Plan der Anlage. Er musste in den Nordflügel und dort einen Weg in die unteren Geschosse finden. Demzufolge hieß es: runter in die Halle und sich dann links halten.

Da er aus seiner Position sowieso nicht mehr erkennen konnte und gerade niemand zu hören oder zu sehen war, entschied er sich, keine Zeit zu verlieren. Er ging die letzten Stufen nach unten, erreichte den unteren Absatz, eilte durch die Halle und stellte sich in eine Nische, die er ausgemacht hatte. Nun war der Blick frei in den nördlichen Gang. Ein kurzes Stück davon lag im Dunklen, dann wurde er plötzlich heller, so als befänden sich auf der einen Seite große Fenster. Genau diese Seite konnte er aber nicht einsehen, weil er zu dicht an der Wand stand.

Wieder wartete James eine Weile, bemühte sich, ruhig zu atmen und seinen Puls zu verlangsamen. Er hatte sich nicht vorgestellt, dass dieses Versteckspiel so mühsam sein würde, noch dazu, weil es tief in der Nacht war und sich eigentlich sowieso niemand mehr auf dem Gelände oder im Palast befinden sollte. Und trotzdem war es aufreibend. Wenn er hier entdeckt würde, gäbe es keine schlaue Ausrede mehr, dann war die Suche vorbei, bevor sie richtig begonnen hatte – und er würde nicht nur in Haft genommen, sondern kam womöglich sogar in Kriegsgefangenschaft.

Er schüttelte den finsteren Gedanken ab und konzentrierte sich wieder auf den Weg, der vor ihm lag. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als an den Fenstern vorbeizugehen, notfalls geduckt, und dann weiter dorthin, wo sich der Gang wieder im Dunkel verlor. Er trat aus dem Schatten der Nische und ging den Korridor entlang.

Noch hielt er sich dicht an der Wand, aber als er sich dem helleren Teil des Gangs näherte, bekam er einen Schreck. Was er für Fenster gehalten hatte, waren offene Kolonnaden, die auf einen Innenhof führten. Und von dort hörte er deutlich zwei Stimmen.

Für einen Augenblick kämpfte er gegen den Drang an, auf dem Absatz kehrtzumachen und zurückzurennen. Aber er war nun schon so weit gekommen. Vielleicht konnte er die Leute jetzt irgendwie erspähen und sich hinter den Arkaden an ihnen vorbeischleichen ?

Er lehnte sich nach vorn und lugte um die erste Säule herum in den vom Mondlicht erhellten Hof. Es war ein kleiner gepflasterter Platz, der an mindestens zwei Seiten von Säulengängen umgeben war. An der dritten Seite stieg eine hohe Gebäudewand empor, an der sich zwei schmale Treppen mit steinernem Geländer hinaufwanden. In den Ecken des Hofes befanden sich hohe, gemauerte Tröge, die mit Gras und palmenartigen Gewächsen bepflanzt waren. Und dort entdeckte James auch die Männer! Sie standen nebeneinander in der hinteren Ecke des Hofes. Es waren Soldaten, ihre Gewehre hingen über ihren Schultern. James beglückwünschte sich für den passendsten aller Zeitpunkte: Die beiden Soldaten standen mit dem Rücken zu ihm, unterhielten sich und pinkelten währenddessen arglos in das Gebüsch.

Er nutzte die Gunst des Augenblicks und beeilte sich, durch die Kolonnade zu huschen. Da der Hof kaum zehn Meter breit war, hatte er den offenen Teil des Gangs schnell geschafft und verschwand am anderen Ende wieder im Schatten.

Dort angekommen, blieb er für einen Moment unschlüssig stehen. Er konnte rechts entlang: Dort würde er zu der anderen Seite des Hofs kommen, die auch offen war, aber danach käme er zu dem großen Gebäude, anscheinend dem Haupthaus des Palastes, das vielleicht über einen Zugang zu den tiefer gelegenen Stockwerken verfügte. Es war jedoch auch möglich, weiter geradeaus zu gehen. Der Gang endete dort an einer Tür, die verschlossen sein oder, noch schlimmer, in einen belebten Raum führen konnte.

Er entschied sich für die Tür, um möglichst schnell außer Sichtweite der beiden Soldaten zu gelangen. Er ging darauf zu, legte eine Hand auf die Klinke und bewegte sie vorsichtig nach unten. Mit einem leisen Knarren drückte er die Tür einige Zentimeter auf, sah erleichtert, dass es dahinter dunkel war, öffnete sie dann weiter und schlüpfte hindurch. Als er sie hinter sich schließen wollte, hörte er plötzlich, dass sich die Stimmen der beiden Männer näherten. Sie kamen die Arkade entlang!

Er drückte die Tür weiter zu, aber das Holz gab dabei ein Knarren von sich, das so laut war, dass er nicht wagte, sie vollständig zu schließen. Er ließ die Klinke los und sah sich hastig in dem Raum um, den er betreten hatte. Hinter ihm knarrte es erneut, und als er sich umdrehte, sah er mit Schrecken, dass die Tür von alleine wieder aufschwang. Er stieß einen leisen Fluch aus.

»Com'è che quella porta è aperta? Ti sei scordato di chiuderla?«

Die Soldaten! Sie offenbar hatten bemerkt, dass die Tür offen war!

»Io? Ma che vuoi?! Da quando in qua sono io responsabile che quella cazzo di porta sia chiusa o aperta!«

James sah sich hektisch um. Er suchte ein Versteck, solange sich die beiden stritten. Er hetzte durch den Raum und duckte sich hinter eine übergroße antike Kommode. Dann hörte er die Männer direkt hinter der Tür.

»Ma sai che sei uno stronzo! La chiudo io.« Eine kurze Pause trat ein. Dann sagte dieselbe Stimme: »Be, già che siamo qui ... che ne dici se andiamo da quella parte?«

Sie wollten hereinkommen! Erneut knarrte die Tür, und Schritte waren zu hören.

Jetzt standen sie im Raum, kaum zwei Meter von ihm entfernt. James duckte sich noch tiefer und stieß dabei an das Holz der Truhe.

»Shh ... ! Hai sentito quel rumore?«

James' Herz klopfte heftig, aber er versuchte, sich auf sein Atmen zu konzentrieren, und öffnete dabei den Mund, um vor Erregung nicht laut zu schnaufen.

Die Männer blieben stehen, kein Geräusch war mehr zu hören. James spürte, wie sein Herz pochte. Keine Bewegung jetzt, kein Rascheln von Stoff, kein Atmen! Die Zeit zog sich. Waren sie nun schon weg? Oder standen sie noch dort und warteten?

»Non è niente.«

»Lo sai che questa tua paranoia incomincia a rompermi.«

Dann entfernten sich Schritte, und die Stimmen verloren sich wieder in einem entspannten Plauderton.

James ließ einige Minuten verstreichen, bevor er hinter der Truhe hervorkam. Vor Anspannung zitterte er noch immer. Es patrouillierten also tatsächlich Wachleute durch das Gebäude und sogar durch die unbeleuchteten Teile!

Er sah sich um. Im Halbdunkel erkannte er einen Gang, den die Soldaten hinuntergegangen sein mussten, denn es war der einzige Weg, der aus dem Raum herausführte – mit Ausnahme der Tür, durch die er hereingekommen war. Er überlegte, ob es klug war, hinter ihnen herzugehen, und entschied sich dann, genau das zu tun. Es war unwahrscheinlich, dass die beiden denselben Weg zurückkommen würden, schließlich waren sie auf einem Rundgang. Direkt hinter ihnen zu bleiben war vielleicht sogar das Sicherste, was er tun konnte.

Eine lange Reihe hoher Fenster erhellte den Gang mit etwas Mondlicht, so dass der Verlauf gut zu erkennen war. Er hielt sich eng an der Wand und ging langsam voran. Immer wieder blieb er stehen und lauschte, ob sich Schritte oder Stimmen näherten. Dann setzte er seinen Weg fort. Bald führte der Gang um eine Biegung und endete an einer neuerlichen Tür. James bediente die Klinke mit äußerster Vorsicht, zog die Tür auf und spähte hindurch. Wieder ein Saal. Wieder leer. Er trat ein und wählte von hier aus eine Treppe, die ein Stockwerk tiefer führte. Unten angekommen fand er sich in einem Gang wieder, der auf der einen Seite von Fenstern und auf der anderen von unzähligen Türen gesäumt wurde. Er trat an das erste der Fenster und sah vorsichtig zwischen den metallenen Streben der Scheibe hindurch nach draußen. Er musste sich orientieren. Seine Angst, dabei gesehen zu werden, erwies sich als unbegründet, denn sein Blick führte direkt in den Graben, der den Palast umgab. Auf der gegenüberliegenden Seite erhob sich die hohe, äußere Stadtmauer, die die Altstadt und damit auch den Palast umgab. Er befand sich jetzt nur noch ein Stockwerk über dem Erdgeschoss und auf gutem Weg zu den Kellern und den Untergeschossen. Und dort irgendwo hoffte er, endlich fündig zu werden.

Etwas Unbestimmtes sagte ihm, dass er hier unten allein war.

Er überlegte, was sich wohl hinter den vielen Türen befand, an denen er entlangging, und spielte einen Augenblick mit dem Gedanken, eine der Türen zu öffnen, um zu sehen, was sich dahinter verbarg. Bei der letzten Tür blieb er stehen und streckte die Hand zur Klinke aus.

In diesem Augenblick war von innen das Geräusch einer Klospülung zu hören.

Entsetzt zog James seine Hand zurück. Verdammt! Schnell! Er machte zwei hastige Schritte zurück und trat in den Saal. Wenn das ein Wachsoldat auf der Toilette war, dann gab es in der Nähe sicherlich noch einen zweiten. Er sah sich um, aber der Saal war bis auf einige antike Möbel leer.

Gegenüber, direkt neben einem Stuhl, entdeckte James eine unscheinbare Tür. Er hetzte auf die andere Seite des Saals und hoffte, dass die kleine Tür nicht verriegelt war.

Erneut war das Glück auf seiner Seite. Die Tür ging auf, und James schlüpfte hindurch. Im gleichen Moment hörte er auch schon, wie der Mann die Toilette verließ. Er konnte nur hoffen, dass er so sehr mit sich selbst beschäftigt war, dass er nichts bemerkte.

James drehte sich um. Es war stockfinster. Er war in einer Abstellkammer gelandet! Er stieß einen stummen Fluch aus. Wie um alles in der Welt sollte er es in diesem Tempo noch bis in die Keller schaffen, und wie hatte er sich seine Suche dort unten vorgestellt?

Er trat dicht an die Tür und versuchte, etwas zu hören. Stattdessen sah er einen Lichtschein, der durch das Schlüsselloch in die Kammer fiel. Er spähte hindurch und fluchte ein zweites Mal. Der Mann hatte offenbar auf einem Stuhl neben seiner Tür Platz genommen.

Jetzt saß er in der Falle. Ohne jeden Ausweg musste er hier warten, bis der Mann irgendwann aufstand. Und wenn er Pech hatte, war das ein fester Wachposten, der erst im Morgengrauen seinen Platz verlassen würde.

James ließ sich resigniert zu Boden sinken. Er konnte nichts weiter tun, als sich ruhig verhalten und warten. Vielleicht ruhte sich der Mann ja nur ein bisschen aus.

Aber einige Minuten später drangen gleichmäßige Schnarchgeräusche durch die Tür.


4. Oktober 2006, Diagoras International Airport, Rhodos


»Das kann ich kaum glauben«, sagte Patrick, als sie durch die Ankunftshalle ins Freie traten. »Dass Sie noch nie auf Rhodos waren!

»Umso mehr freue ich mich, dass sich jetzt die Gelegenheit dazu ergibt.«

»Vermutlich wissen Sie trotzdem mehr über die Insel als ich, was?«

»Vermutlich.«

»Tun Sie mir trotzdem einen Gefallen?«

»Um was geht es denn?«

»Ich frage Sie, wenn ich etwas wissen will, einverstanden?«

Peter lachte auf. »Gut, dann schlage ich vor, dass wir uns eine Unterkunft suchen und uns dann einen gemütlichen Abend machen.«

»Professor, langsam entwickeln Sie sich in die richtige Richtung!«

»Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Kompliment sein sollte«, gab Peter zurück und schmunzelte. Er sah sich nach einem Taxi um.

Es war noch angenehm warm, weit über zwanzig Grad, und das, obwohl es schon später Nachmittag war. Zahllose Touristen strömten an ihnen vorbei und wurden auf ein halbes Dutzend Reisebusse verteilt.

Patrick irrte scheinbar ziellos zwischen parkenden Autos herum und winkte dann. Das Taxi war alles andere als neu, und die Sicherheitsgurte waren vollständig herausgezogen und lose. Peter wurde es mulmig zumute, aber Patrick schien sich nicht am Zustand ihres Wagens zu stören. Er kurbelte sein Fenster herunter, legte einen Ellenbogen nach draußen und genoss die Fahrt.

Sie waren etwa eine Viertelstunde unterwegs, bis sich die Straße aus einem staubig aussehenden Städtchen herauswand und zu einer Uferstraße wandelte, die an Palmen, Stränden und mehrstöckigen Hotelbauten vorbei zur Nordspitze der Insel führte. Schließlich fuhren sie einen großen Bogen, und vor ihnen eröffnete sich der Blick auf die Stadt Rhodos. Patrick wechselte einige Worte mit dem Fahrer, der daraufhin nickte.

»Was haben Sie ihm gesagt?«, erkundigte sich Peter.

»Dass er uns am Mandraki-Hafen rauslassen soll.«

»Ich wusste nicht, dass Sie Griechisch sprechen.«

»Ich habe einmal einen Sommer hier verbracht.«

»Sie waren hier? Ein Ausgrabungsprojekt?«

»Nichts Offizielles.«

»Sie meinen eher so etwas wie Ihre Arbeit in Rom?« Peter erinnerte sich daran, wie ihm Patrick von seinen Erkundungen in den Katakomben der italienischen Hauptstadt erzählt hatte. Er hatte sich Zutritt zu einer Kapelle verschafft, war nachts in die Krypta hinabgestiegen und hatte schließlich hinter einer Wand, die mit einem uralten Fresko bemalt war, einen Zugang zu einer frühchristlichen Kapelle entdeckt. Die Unternehmung war selbstverständlich illegal gewesen, aber seine Entdeckung hatte alte Bibelfragmente zutage gebracht und ihn berüchtigt gemacht – zudem hatten ihm einschlägige Kreise weitere Mittel und Aufträge für ähnliche Vorhaben zukommen lassen.

»Gar nicht mal«, sagte Patrick grinsend. »Es ging viel eher um eine Frau.«

Peter zog eine Augenbraue hoch. »Und? Was ist daraus geworden?«

»Ein schöner Sommer«, antwortete der Franzose und lachte.

Das Taxi hielt an. Der Mann hob ihre Reisetaschen aus dem Kofferraum, und Patrick drückte ihm einige Scheine in die Hand. Dann gingen sie los. Vor ihnen erhob sich bald eine mächtige Mauer, die nach beiden Seiten hin vollständig um den gesamten alten Stadtkern zu führen schien. Patrick brachte sie zu einer schmalen Straße, und sie passierten ein Tor und eine steinerne Brücke. Magentafarbene Bougainvilleasträucher wucherten über die Steine, links und rechts konnte man in den zehn Meter tiefen Graben sehen, der die Stadt umgab. Der Boden des Grabens war mit Gras bewachsen, vereinzelte Steinbrocken lagen herum, und Palmen wuchsen bis über die Brücke hinauf.

Während sie durch die belebten Straßen der Stadt gingen, konnte Peter ein Staunen nicht verhehlen. Natürlich liefen Unmengen von Touristen in grellen T-Shirts umher, und überall waren moderne, griechisch, englisch oder deutsch beschriftete Werbeschilder und Souvenirläden zu sehen, aber die Substanz der Stadt schien noch dieselbe zu sein, wie vor Hunderten von Jahren. Über den Hauseingängen prangten in Stein gemeißelte Wappen aus dem Mittelalter, hölzern verkleidete Balkone, die dem 17. Jahrhundert entsprungen schienen, ragten in der Höhe über die Fassaden hinaus, und einige der Geschäfte waren in ehemalige Keller und Bogengewölbe eingelassen. Es mutete wie eine Zeitreise an, in der sich die alten Straßen und Gebäude vollständig erhalten hatten, nur, dass das mittelalterliche Treiben der Ritter und die Basare und Händler des nahen Orients durch moderne Menschen ersetzt worden war – die jedoch im weitesten Sinne auch noch denselben Beschäftigungen nachgingen, wie schon immer. Er hatte bisher kaum eine Stadt gesehen, in der die Vergangenheit noch so lebendig war, ja, in der die Vergangenheit das moderne Leben sogar derart einbettete, als sei es bloß eine vergängliche Mode.

Patrick hatte kaum ein Auge für die Szenerie. Er führte sie abseits einer völlig überfüllten Einkaufsstraße, in der sich Ströme von Menschen an Geschäften, Cafes und Restaurants vorbeischoben, in die weniger belebten Seitengassen, die Peter nicht weniger beeindruckten. Sie lagen schon größtenteils im Schatten und strahlten eine noch intensivere Ursprünglichkeit aus. Das Kopfsteinpflaster war abgetreten, Katzen liefen neben ihnen her, verschwanden in Hauseingänge, und über die Straße wölbten sich bisweilen einzelne steinerne Bögen.

Patrick hielt schließlich vor einem Haus an, an dessen Wänden Efeu wuchs. Ein unscheinbares Eisenschild wies es als Hotel aus. Zwei Einzelzimmer waren frei, sie buchten sich ein, lagerten ihr Gepäck auf den Zimmern, und kurze Zeit später waren sie bereits wieder auf dem Weg durch Stadt und in ein Restaurant.

»Wieso sind Sie sich eigentlich so sicher, dass wir im Palast die Stele finden?«, fragte Patrick, als der Wein auf dem Tisch stand. »Nicht, dass ich etwas gegen ein paar Tage hier einzuwenden hätte.«

»Sicher bin ich mir natürlich nicht«, erklärte Peter, der die Speisekarte studierte, »aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch. Dazu muss man allerdings die Geschichte der Stadt und des Palastes kennen.« Er sah den Franzosen über den Rand seiner Brille an.

»Aha, ich verstehe. Die nächste Geschichtsstunde, was?« Patrick grinste. Dann steckte er sich eine Zigarette an. »Erzählen Sie es mir nach dem Essen, ja?«

»Gut. Dann muss ich mich wohl jetzt entscheiden, ob ich Lampshops oder Mixtgrill haben möchte ... « Er betonte dabei die Worte ebenso falsch wie sie geschrieben waren.

Patrick lachte. »Lassen Sie mich bestellen. Ich werde zusehen, dass wir etwas Besseres bekommen.«

Peter klappte lächelnd die Karte zu. »Einverstanden!« Dann hob er sein Glas und prostete ihm zu.

»Was ist?«, fragte Peter, als er beobachtete, wie Patrick den Blick an ihm vorbei auf die Menschenmenge in der Straße lenkte.

»Es ist ... nein, nichts. Für einen Moment dachte ich, Stefanie wäre vorbeigelaufen.«

»Denken Sie noch häufig an sie?« Peter erinnerte sich, dass der oft oberflächlich scheinende Franzose eine besondere Beziehung zu der Frau aufgebaut hatte, die sie bei ihrem letzten Projekt unterstützt hatte. Und dass ihm ihr Tod sehr nahe gegangen war.

»Ja. Wissen Sie, Peter, manchmal habe ich das Gefühl, dass sie irgendwie noch da ist.«

Peter nickte stumm. Er wusste nicht, was er darauf erwidern sollte.

»Aber vergessen wir das«, sagte Patrick schließlich und hob sein Glas. »Jetzt sind wir hier. Und das Leben geht weiter.«


An diesem Abend führten sie keine akademischen Gespräche mehr. Patrick erzählte von seinem Sommer auf der Insel, der schon etliche Jahre zurücklag, und von seinen Unternehmungen in Mexiko.

Sie gingen früh zu Bett und trafen sich am nächsten Morgen bereits gegen acht Uhr im Frühstücksraum ihres kleinen Hotels.

Peter fühlte sich erholt und wollte den frühen Vormittag für einen Spaziergang durch die noch leeren Gassen nutzen. Aber auch der Franzose war guter Dinge. Vielleicht war es die Erinnerung an seinen Rhodos-Sommer, die Patrick an diesem Morgen beflügelte.

»Also auf zum Großmeisterpalast?«, fragte Patrick.

»Ja. Hoffentlich ist er schon geöffnet. Waren Sie bereits einmal dort?«

Patrick nickte. »Ich habe mal eine Führung mitgemacht.«

»Gut, dann wissen Sie ja, wie wir hinkommen. Vorher müssen wir uns noch irgendwo eine Taschenlampe kaufen.«

»Alles dabei«, sagte Patrick und klopfte auf eine Tasche seiner Lederjacke.

Es dauerte nicht lange, bis sich der Palast vor ihnen erhob. Es war ein imposanter, mehrstöckiger Bau, eine trutzige Burg, nahezu schnörkellos, mit geraden Wänden, eckigen Türmen und Zinnenkämmen.

»Da ist er ja«, sagte Peter und blieb stehen. »Der Palast der Johanniter!«

»Und was genau haben Sie darin vor? Sie sehen ja, wie groß der Kasten ist. Wie wollen Sie darin eine Stele finden?«

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung«, gestand Peter.

»Wie bitte?! Ich dachte, Sie hätten alles geplant?«

»Wir werden schon einen Weg finden. Oder vielmehr Sie werden einen Weg finden.«

»Ich? Wie stellen Sie sich das vor? Wenn Sie noch nicht einmal wissen, wo wir suchen sollen?«

»Eine gewisse Ahnung habe ich ja durchaus. Sehen Sie: Der Palast ist von den Johannitern etwa zweihundert Jahre lang genutzt worden. Ende des 15. Jahrhunderts belagerten die Türken die Stadt, vieles wurde zerbombt, aber von den Johannitern auch wieder aufgebaut. Knapp fünfzig Jahre später kamen die Türken erneut, und schließlich haben sie Rhodos erobert. Die Türken waren aber keine Kulturschlächter. Sie haben alles weitestgehend so gelassen, wie es war. Man hat hier und dort eine Moschee gebaut, aber ansonsten das Stadtbild und den Palast ebenso wie die meisten anderen historischen Bauten nicht verändert. Man kümmerte sich insgesamt wenig darum, der Stadt einen Stempel aufzudrücken, ließ sogar vieles einfach verfallen. Teile des zerbombten Palastes wurden schlicht als Stallungen verwendet.«

»Aber wieso glauben Sie, dass man die Reste des Palastes nicht trotzdem geplündert hat?«

»Als die Türken die Stadt eroberten, gestatteten sie den Rittern, alle Waffen, Wertgegenstände und religiösen Objekte mitzunehmen. Sie haben recht, es wäre also denkbar, dass die Johanniter zu diesem Zeitpunkt auch die Stele mitnahmen. Aber meine Vermutung ist, dass man nach zweihundert Jahren nicht mehr um den Wert der Stele wusste und sie eher als Dekorationsstück irgendwo integriert und dann hier zurückgelassen hat. Ebenso wie man eine römische Statue auch nicht mitgenommen hätte. Was konnte den Johannitern schon eine Steintafel mit unverständlichen Hieroglyphen bedeuten? Sicherlich nicht mehr als irgendein ägyptischer Obelisk, wie sie noch heute in Rom und Paris stehen.«

»Und wenn wir sie hier nicht finden?«

»Dann müssten wir als Nächstes die Suche auf Kreta fortsetzen, wohin die Johanniter geflohen sind. Aber dazu wird es hoffentlich nicht kommen. Es gibt viele noch immer unzugängliche Teile, Kellergewölbe mit Schutt und Abraum, der im Laufe der letzten Jahrhunderte beiseite geschafft und vergessen wurde. Im neunzehnten Jahrhundert ist ein ganzes Stockwerk eingestürzt, weil ein Pulverlager der Türken explodierte – man hatte es vierhundert Jahre lang einfach vergessen. Erst die Italiener, die vor dem Ersten Weltkrieg die Insel besetzten, haben den Palast wieder aufgebaut. Es gibt dort also sicherlich noch viel zu finden.«

»Aber die Stele könnte doch auch in viele kleine Krümel zerbombt worden sein.« Patrick zündete sich eine Zigarette an und taxierte den Bau im Licht der Geschichte, die ihm Peter erzählt hatte.

»Nun, ich hoffe, dass die Johanniter sie einigermaßen sicher untergebracht haben.«

»Und wie lautet Ihr Plan?«

»Für den Plan sind eher Sie zuständig. Wir müssen nur hineinkommen und uns dann einen Weg in die Keller und die unzugänglichen Bereiche suchen.«

»Hineinzukommen ist das kleinste Problem. Aber unzugängliche Bereiche haben häufig die ärgerliche Eigenschaft, unzugänglich zu sein.«

Peter sah den Franzosen schmunzelnd an. »So unzugänglich wie verborgene Kapellen in den Katakomben von Rom, meinen Sie? Davon verstehe ich leider nichts.«

»Also, wenn das so einfach wäre ... «

»Wenn das so einfach wäre«, unterbrach ihn Peter, »dann wäre ja auch schon vor uns jemand dort gewesen.«


24. Juli 1940, Rhodos Stadt


Wolfgang Morgen führte seinen kleinen Trupp durch die Gassen der Stadt und zum Großmeisterpalast. Das imposante Gebäude aus hellem Stein erhob sich wie frisch geputzt und strahlte eine Machtfülle aus, wie sie Mussolini gerade recht sein mochte. Morgen hatte erfahren, dass die Aufbauarbeiten unter anderem deswegen so großzügig finanziert worden waren, weil der Diktator den Palast als Residenz und Regierungsgebäude nutzen wollte. Damit bewies er eindeutig mehr Geschmack als Hitler, überlegte Morgen. Nun war nur zu hoffen, dass er dabei nicht das ganze Gebäude entkernt und vollkommen umgestaltet hatte.

Am Eingang der Burg stand eine Wache und sah ihnen argwöhnisch entgegen. Er beugte sich zur Tür hinein, rief etwas, und kurz darauf trat ein Mann in Zivil neben ihn.

»Guten Morgen«, begrüßte er den Trupp auf Italienisch. »Es tut mir leid, aber die Burg ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.«

»Guten Morgen. Mein Name ist Wolfgang Morgen.« Dabei zog er einen Umschlag aus seinem Jackett. Es war die Sondergenehmigung, die man ihm besorgt hatte, und die ihm – hoffentlich – Zugang zu allen Bereichen des Palastes geben sollte. Er reichte sie dem Beamten.

Der Mann holte ein Schreiben aus dem Umschlag und überflog den Inhalt. Dann verschwand er im Inneren des Wachraums. Wahrscheinlich musste er einige Telefonate führen.

Sie konnten sich nun auf eine längere Wartezeit gefasst machen, überlegte Morgen, und mit etwas Pech unverrichteter Dinge wieder abziehen. Aber wenige Minuten später war der Mann bereits zurück und reichte Morgen die Unterlagen zurück. »In Ordnung«, sagte er. »Sie können sich frei bewegen.« Dann trat er beiseite und ließ Morgen und sein Gefolge passieren.

Morgen nickte dem Mann zu und trat ein.

In der ersten Halle blieb er stehen und wandte sich an die Soldaten.

»Herhören. Der Palast ist viele hundert Jahre alt, und einiges, was hier herumsteht, ist sehr kostbar. Niemand fasst etwas an, ohne meine ausdrückliche Anweisung. Ist das klar?«

»Jawohl!«, klang es einstimmig.

»Noch etwas: Wir dürfen uns zwar frei bewegen, aber nicht jeder, dem wir über den Weg laufen, weiß das. Wenn es Probleme gibt, kläre ich das. Wir sind hier Gäste, also benehmen Sie sich auch so.«

»Jawohl.«

»Gut. Und nun folgen Sie mir. Und gefälligst ohne Sturmschritt.«

Morgen führte sie durch den Palast, als kenne er den Weg genau. In Wahrheit hatte er nur eine ungefähre Vorstellung, wo er suchen sollte, aber er wusste, wo in etwa sich die Zugänge zu den unteren Geschossen befinden mussten und dass er dort die restlichen Trümmer und Überbleibsel aus dem Mittelalter finden würde. Wenn sich die Stele noch immer im Palast befand, dann dort, denn schließlich war sie bisher auch während der umfangreichen Renovierung nicht gefunden worden.

Die Gänge und Hallen, durch die sie liefen, waren wie erwartet nahezu ausgestorben, bis auf einige Wachen, die ihre Rundgänge machten. Niemand wohnte hier, niemand arbeitete hier. Das Gebäude wartete einzig und allein auf den Tag, von dem an der Diktator es nutzen würde.

Morgen erkannte, dass so gut wie gar nichts an dem renovierten Gebäude einem mittelalterlichen Kastell glich. Offenbar hatte man es beim Wiederaufbau nicht so genau mit der Authentizität genommen und sich weniger nach alten Bauplänen und mehr nach den Bedürfnissen und Vorstellungen der neuen Herren gerichtet. Sie gingen durch Säle mit aufwendigen Mosaikfußböden, wie sie mit Sicherheit kein Ritter und auch kein Großmeister jemals gesehen hatte. Man musste weder Architekt noch Kunsthistoriker sein, um zu erkennen, dass der ganze Palast ein einziges, großformatiges Kalksteinimitat war. Zweifel befielen ihn, ob die Suche hier überhaupt lohnte.

Als sie in einem Saal an einer Gittertür vorbeikamen, die eine nach unten führende Wendeltreppe versperrte, rief Morgen eine der Wachen herbei. Er präsentierte seinen Passierschein, wechselte einige Worte, und kurze Zeit später hatte der Mann einen Schlüsselbund besorgt und öffnete ihnen damit den Zugang.

Die Treppe war stark verwittert und schien wesentlich älter zu sein als die restlichen Mauern. An der Decke verlief ein Kabel, das im weiteren Verlauf der Treppe einzelne Glühbirnen speiste. Während sie hinabstiegen, wuchs Morgens Zuversicht. Sie erreichten ein langgezogenes, niedriges Kreuzgewölbe, das an einen überdimensionalen Weinkeller erinnerte. Es gab keine Fenster, und abgesehen von der Reihe schwacher Lampen, die an der Decke entlang bis an das andere Ende verlief, lagen die Räumlichkeiten im Dunkeln. Es war nun offensichtlich, dass sie sich in einem ursprünglichen Teil des Palastes befanden. Verrostete Metallreste an den unverputzten Wänden schienen ehemalige Fackelhalterungen zu sein, der Steinboden war ausgetreten und hatte eine glänzende Oberfläche.

Während sie durch das Gewölbe gingen, sah Morgen nach links und rechts, doch die Nischen waren alle leer. Natürlich, dachte er, wenn schon elektrische Leitungen installiert worden waren, dann hatte man sich hier auch gründlich umgesehen. Er musste Bereiche finden, die man nicht erschlossen hatte, nur dort konnte sich die Stele befinden.

An der Spitze seiner Männer ging er weiter, bis er am Ende des Raums auf eine Tür stieß. Vielmehr war es lediglich ein Durchgang, denn in der steinernen Zarge waren nur noch die verwitterten Löcher für die Stifte einer Aufhängung zu sehen, die eigentliche Tür fehlte. Hier endete die Stromversorgung, und nur die letzte Glühbirne warf ihren kargen Schein in den hinter dem Durchgang quer verlaufenden Gang. Er war mit Geröll gefüllt.

»Wir brauchen jetzt die Lampen«, sagte Morgen zum Unteroffizier.

»Ja, Herr Doktor.« Rosner wandte sich an seine Männer. »Ihr habt es gehört. Lampen anmachen!«

»Und dann«, fuhr Morgen fort, »sollen sie das Geröll herausschaffen, damit wir den Gang betreten und untersuchen können. Ich möchte jedes auffällige Stück sehen, das Sie rausholen.«

Rosner gab die Instruktionen an seine Leute weiter, die bereits damit beschäftigt waren, die Laternen zu entzünden. Kurze Zeit später begannen die Soldaten, die Trümmer hervorzuholen. Morgen begutachtete die Stücke. Der größte Teil bestand aus alten Backsteinen und unförmigen Steinbrocken, von denen Sand und Gips abbröckelte. Schnell lichtete sich der Durchgang.

»Es war nur ein kleiner Schutthaufen«, berichtete Rosner. »Wir können in den Gang hinein. Nach links und rechts scheint er einigermaßen frei zu sein.«

Morgen nickte, nahm sich eine der Laternen und ging zum Durchgang. Ja! Das war es! So hatte er es sich vorgestellt, so würde es aussehen! Der Gang musste zu früheren Zeiten eine besondere Bedeutung gehabt haben. Er war sorgfältig bearbeitet, ganz anders als das Gewölbe, durch das sie gekommen waren. Die Mauern schienen einst vollständig verputzt gewesen zu sein. An vielen Stellen waren Reste von Wandmalereien in verblassten Farben zu erkennen, es mochten Wappen und Schmuckornamente gewesen sein. Entlang der Seiten befanden sich in regelmäßigen Abständen Nischen, wie um dort Statuen oder besondere Artefakte aufzustellen oder um Gemälden einen besonderen Rahmen zu geben. An mehreren Stellen lag weiteres Geröll, die Decke war zum Teil eingebrochen, aber es war noch gut zu erkennen, dass dies einmal eine Galerie gewesen war.

Morgen betrat den Gang und hob die Lampe über seinen Kopf, um möglichst viel zu erhellen und von der Flamme nicht selbst geblendet zu werden. Hier hatte sie sicherlich gestanden. Die Tabula Smaragdina, als steinerne Tafel mit unleserlichen Hieroglyphen darauf – und dem Wissen der Welt.

Aber der Gang barg keine Artefakte mehr. Bis auf abbröckelnden, farbigen Putz und den Schutt der Jahrhunderte war er leer.

Es gab aber noch eine Chance. Denn zwischen den Nischen, die den Gang säumten, befanden sich mehrere Eingänge, die in weitere Räume führten.

»Rosner!«

Der Unteroffizier trat neben ihn.

»Rufen Sie Ihre Männer. Wir gehen weiter.«

Morgen ging auf den ersten Eingang zu und hielt die Lampe durch die Öffnung. Plötzlich zuckte er zurück. Auf diesen Anblick war er nicht vorbereitet gewesen.

»Was zum Teufel ... !«


5. Oktober 2006, Rhodos Stadt


Peter und Patrick schlossen sich einer Führung durch den Großmeisterpalast an. Es war nur eine kleine Schar Touristen, vornehmlich ältere Damen, die zu einer Reisegruppe zu gehören schienen. Der Reiseführer hatte einen starken Akzent, sprach aber überraschend flüssig Englisch und erläuterte die Geschichte der Insel und des Ritterordens. Er führte aus, wie der Orden in verschiedene Gruppen unterteilt gewesen war, die man entsprechend ihrer unterschiedlichen Sprache »Zungen« genannt hatte. Jede Zunge hatte ihre eigenen Gebäude in der Stadt, und der Palast war der Sitz des Großmeisters gewesen.

Sie gingen durch Säle, Hallen und über einen großen Innenhof. Währenddessen erzählte der Führer von der Renovierung des Palastes, und dass man nicht wisse, wie er tatsächlich früher einmal ausgesehen habe.

»Sehen Sie diese Tür?«, flüsterte Patrick. Peter folgte seinem Blick und entdeckte in einiger Entfernung ein Eisengitter, das einen seitlich abzweigenden Gang blockierte.

»Stellen Sie sich gleich so hin, dass Sie die Sicht darauf versperren. Ich will mir das Schloss etwas genauer ansehen.«

Peter positionierte sich so, dass der Leiter der Führung nicht sehen konnte, wie sich Patrick bückte und das Vorhängeschloss untersuchte. Peter fragte sich, ob der Franzose tatsächlich in der Lage war, ein Sicherheitsschloss zu knacken.

Ein leises Klicken hinter ihm ließ ihn aufhorchen. Tatsächlich! Das Schloss war offen! Patrick grinste kurz und drehte den Bügel wieder gerade, so dass es auf den ersten Blick nicht auffiel. Dann richtete er sich auf und sah scheinbar interessiert nach vorn, als versuche er, etwas zu verstehen.

»Wenn er um die Ecke gegangen ist, hauen wir ab«, raunte er Peter zu.

Peter hob die Augenbrauen. Sein Kollege mochte nicht viel von Ägyptologie oder Geschichte verstehen, aber er verfügte zweifellos über besonderes handwerkliches Geschick.

Sie warteten einen Augenblick, bis die Touristen weitergegangen waren, dann öffnete Patrick die Gittertür, sie schlüpften hindurch und hängten das Schloss wieder an seinen Platz.

»Und jetzt?«, fragte Patrick.

»Das weiß ich nicht«, gab Peter zurück. »So weit wie möglich nach unten, würde ich sagen.«

Also gingen sie los. Der Gang, in dem sie sich befanden, führte bald um eine Ecke und ins Dunkle. Lediglich hinter ihnen war noch ein heller Schimmer auszumachen. Patrick holte die Taschenlampe aus seiner Jacke und leuchtete nach vorn. Der Gang endete an einer Tür, die eindeutig nicht mittelalterlichen Ursprungs war. Sie war nicht verschlossen, und dahinter öffnete sich ein hoher, unmöblierter Raum, der durch eine Reihe Fenster erhellt wurde.

»Anscheinend ein relativ neuer Teil des Palastes«, überlegte Peter. »Aber aus irgendwelchen Gründen für Besucher gesperrt.«

»Ich weiß auch, warum«, sagte Patrick und deutete in eine Ecke. Dort wurde die Decke von einem Metallgerüst abgestützt, und in der Höhe erkannten sie, dass sich Risse zwischen den Steinen gebildet hatten. Große schwarze Flecken verrieten, dass hier bereits seit einiger Zeit Wasser durch die Decke sickerte. Sie sahen sich weiter im Raum um. Eine zweite Tür befand sich an der Stirnseite, doch als sie sich ihr näherten, hörten sie die Stimme des Touristenführers auf der anderen Seite und wichen zurück.

»Dann bleibt uns nur das Gerüst«, sagte Patrick.

»Was wollen Sie denn da?«

»Nach unten. Haben Sie das nicht gesehen?«

Als Peter dem Franzosen folgte, erkannte er, was Patrick meinte. Das Gerüst stützte sich nur zum Teil auf dem Fußboden auf. An einer Seite jedoch war der Boden durchbrochen, und das Gestänge führte in ein darunterliegendes Stockwerk, ganz offenbar, um der Konstruktion mehr Halt zu geben, und die Last besser zu verteilen. Da es unten keine Fenster zu geben schien, war es zu dunkel, um Einzelheiten zu erkennen. Peter runzelte die Stirn. Es war eine feuchte, einsturzgefährdete Krypta, aus der einige Stahlrohre aufragten.

»Wollen Sie da etwa runterklettern?«

»Sicher, warum denn nicht? Sie wollten doch nach unten.«

»Eine Treppe, Patrick. Wir suchen eine Treppe.«

»Nein, Sie suchen eine Treppe. Aber ich habe ein Gerüst gefunden. Los, kommen Sie schon!« Mit diesen Worten begann Patrick, an einer Stange des Gerüsts nach unten zu klettern. Dabei nutzte er die kleinen Vorsprünge, die zur Befestigung von Querverbindungen gedacht waren, und war in wenigen Augenblicken in dem Loch verschwunden.

Peter sah ihm nach. Einmal mehr offenbarte sich, dass sie beide sehr unterschiedlich waren. Vor zwanzig Jahren wäre Peter vielleicht auch auf Baugerüsten herumgeturnt und hätte sich in dunkle Löcher abgeseilt, aber – nein, vor zwanzig Jahren hätte er es auch nicht gemacht. Musste man also so alt werden, um sich beim Klettern den Hals zu brechen?

»Wo bleiben Sie denn?«, tönte es von unten, und Peter sah dort den Schein der Taschenlampe umherzucken. Es war sicherlich nicht der einzige Weg, um irgendwo in diesem Palast in den Keller zu kommen. Es wäre an jeder anderen Stelle einfacher – und vor allen Dingen ungefährlicher – als ausgerechnet hier!

»Peter! Das müssen Sie sich ansehen!«

»Was ist denn da?«, flüsterte er.

»Wie? Was sagen Sie?«

»Was ist denn da?«, rief er noch einmal nach unten, dieses Mal deutlich lauter.

»Nicht so laut! Sonst erwischt man uns noch! Peter, kommen Sie runter. Da sind ein paar Zeichnungen an der Wand, die Sie sehen müssen.«

Unsicher blickte sich Peter um, hielt nach einer anderen Lösung Ausschau, aber offenbar führte kein Weg daran vorbei. Er musste jetzt da hinabsteigen. Zögerlich griff er nach der Stange, die Patrick benutzt hatte, und suchte einen Halt für seine Füße.

»Na los, es ist nicht tief!«, rief Patrick. »Nur drei oder vier Meter.«

Drei oder vier Meter! Das reichte eindeutig, um sich das Genick zu brechen. Peter klammerte sich an das Gerüst. Seine Füße standen noch auf einer Querstange, aber nun musste er absteigen. Er ging zitternd in die Hocke und angelte mit der Spitze seines Schuhs nach einem kleinen Vorsprung, den er vorhin noch gesehen hatte. Er durfte auf keinen Fall abrutschen!

»Und passen Sie auf, dass Sie nicht abrutschen!«, rief Patrick belustigt. Peter nahm sich vor, ihm dafür einen Tritt zu verpassen.

Nach scheinbar endlosen Minuten und mit wackeligen Knien kam Peter schließlich unten an. Er sah nach oben. Tatsächlich war es überhaupt nicht hoch gewesen. Dennoch war er außer Atem.

»Sportliche Leistung, Professor«, sagte Patrick und klopfte dem Engländer auf Schulter. »Ich hatte schwören können, dass Sie sich nicht trauen würden.« Peter wollte etwas erwidern, aber Patrick fuhr fort: »Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen die Zeichnung!«

Peter sah sich im Schein der Taschenlampe um. Neben modernen Ziegeln und grau zementierten Flächen war vielerorts der verwitterte Kalkstein zu sehen, aus dem das Gebäude ursprünglich errichtet worden war. Die Decke war halbrund und wurde von gewölbten Pfeilern getragen, was dem Raum den Anschein eines primitiven Kreuzgewölbes verlieh. Die Luft war feucht und roch moderig, und aus dem Boden quollen nassglänzende, schwarze Moosklumpen hervor. Patrick beleuchtete eine Wand. Jemand hatte etwas in den Stein geritzt.

»Sie haben recht«, sagte Peter, indem er näher an die Wand trat, um die Zeichnung besser erkennen zu können. »Das ist wirklich interessant!«



»Können Sie das lesen?«

»Nicht auf Anhieb. Das Linke ist jedenfalls eine Horus-Kartusche, eine Art, wie man einen königlichen Titel schrieb. Ich müsste es mir aber abzeichnen und nachschlagen. In jedem Fall war hier jemand, der sich mit Hieroglyphen auskannte. Vielleicht hat derjenige ja die Stele gesehen.«

»Dann stehen die Chancen aber schlecht, dass wir sie noch finden«, meinte Patrick.

»Wie meinen Sie das?«

»Sehen Sie sich den Stein genauer an. Er ist uralt und verwittert, sicherlich mehrere hundert Jahre alt. Aber die Ritzzeichnung ist fein und verhältnismäßig frisch. Nicht gerade von gestern, aber höchstens ein paar Jahrzehnte alt. In jedem Fall ist sie nicht aus dem Mittelalter.«

»Jemand hat die Stele also in der Neuzeit entdeckt ... «, überlegte Peter.

» ... und vielleicht auch mitgenommen«, vollendete Patrick den Gedanken.

»Aber sie war hier!«, beharrte Peter. »Und vielleicht ist sie es immer noch. Ich wusste es.«

»Na gut, wir können ja noch ein bisschen suchen«. Patrick leuchtete in dem Raum umher. »Da hinten ist ein Durchgang. Wollen Sie das vorher noch abschreiben?«

Patrick zog einen Kugelschreiber heraus und machte sich dann an seiner Zigarettenschachtel zu schaffen. Er riss sie auf, faltete sie auseinander und reichte Stift und Papier an den Engländer. Der nahm die Utensilien entgegen, setzte seine Brille auf und begann mit der Abschrift.

Kurze Zeit später war er fertig, und sie besahen sich den Durchgang im hinteren Teil des Raums. Ein Eisengitter versperrte den Weg. Es war in den ehemaligen Türbogen zementiert worden, aber der Zement war stellenweise abgebröckelt. Ein Schloss hing an der Tür, das mindestens fünfzig oder mehr Jahre alt und dementsprechend verrostet war.

»Wollen Sie das auch knacken?«, fragte Peter.

»Nein«, erwiderte Patrick. Dann holte er aus und versetzte dem Gitter einen kräftigen Tritt. Durch die Wucht lösten sich die Zapfen aus der morschen Wand, und die Konstruktion flog mit lautem Geschepper nach hinten. Der Weg war frei.

»Meine Güte!«, zischte Peter. »Müssen Sie so einen Lärm machen!«

Patrick leuchte in den Durchgang und ging voraus. Sie liefen durch einen Gang, der mit Schutt übersät war.

»Wonach genau suchen Sie denn?«, fragte der Franzose. »Erwarten Sie, dass die Stele hier einfach irgendwo herumsteht?«

»Das sicherlich nicht. Vielleicht liegt sie auch auf dem Boden oder ist in die Wand eingelassen. Ich stelle mir jedenfalls eine Steinplatte vor, höchstens mannshoch, wahrscheinlich kleiner, einige Zentimeter dick, und wenn man den Gerüchten der Tabula Smaragdina glauben darf, dann ist sie tatsächlich aus Smaragd. Sie heißt ja nicht umsonst so.«

»Höchstens aus Malachit«, überlegte Patrick, »oder grünem Marmor. Aber das sind ja schon mal gute Anhaltspunkte.«

Sie leuchteten sich ihren Weg durch die finsteren Katakomben und untersuchten Boden und Wände nach verdächtigen Spuren. Dann betraten sie einen Raum, der an den Rändern mit Geröll und Trümmern angefüllt war. In der Mitte war jedoch eine freie Stelle, als hätte man begonnen, hier aufzuräumen. Oder etwas zu suchen.

»Das sieht sehr gut aus«, sagte Peter. »Leuchten Sie mal hier herüber. Vielleicht verbirgt sich die Stele zwischen diesen Abfallhaufen.«

Im Licht der Taschenlampe erkannten sie bemalte Mauerstücke, Reste zerbrochener Statuen, Bruchstücke weißer Marmorpaneele und andere Teile.

Plötzlich schrie Patrick auf.

»Ich glaube, wir haben sie!«

Er hielt einen flachen Stein hoch, zwei Handflächen groß und etwa fünf Zentimeter dick. Es war der Teil einer Platte mit unregelmäßigen Bruchkanten. Der Stein schimmerte dunkelgrün, und in die glatt polierte Oberfläche waren scharfkantige Hieroglyphen gemeißelt.


24. Juli 1940, Rhodos Stadt


James zuckte zusammen, als er Stimmen durch das Gewölbe hallen hörte. Was um alles in der Welt ging da vor sich? Warum waren Menschen hier im Kellergeschoss?

Im Licht der Kerzenflamme sah er auf seine Armbanduhr. Es war bereits nach Sonnenaufgang, sogar schon kurz vor neun! Und es fehlten noch einige Zeilen des Textes! Wäre er bloß nicht so lang in der Abstellkammer stecken geblieben! Erst als sich der Mann nach längerer Zeit erneut von seinem Stuhl erhoben und auf den Weg zur Toilette gemacht hatte, konnte James aus dem Raum fliehen. Er war mindestens eine weitere Stunde umhergeirrt, immer auf der Hut, nicht noch einmal auf Wachen zu stoßen, bis er einen Abstieg in das Untergeschoss gefunden hatte. Und dann hatte die Arbeit erst begonnen. Mit einer entzündeten Kerze in der Hand hatte er umhergetastet. Mehrfach hatte er die Kerze abstellen und Geröll beiseiteräumen müssen.

Als er die Stele schließlich gefunden hatte, hatte er es erst nicht glauben können. Sie war es tatsächlich! Nach so vielen Jahrtausenden existierte sie tatsächlich noch und lag hier, zwischen Trümmern und Schutt, unbeachtet und doch so wertvoll wie nichts anderes auf der Welt.

Einige Zeit hatte er vor ihr gesessen, ehrfürchtig, hatte das Spiel des Lichts auf dem grünen Stein bewundert, beobachtet, wie die Hieroglyphen scheinbar lebendig wurden und Geschichten von längst vergangenen Zeiten und von grenzenlosem Wissen erzählten, einem Wissen, das älter als die Menschheit war.

Nach einer angemessenen Weile hatte er begonnen, den Inhalt der Stele Zeichen für Zeichen abzuschreiben. Ein Großteil des Textes erschloss sich ihm bereits bei dieser Arbeit. Dennoch musste er absolut sicher sein, durfte keine andere Interpretationsmöglichkeit übersehen, keine unbedeutend scheinende Kleinigkeit ignorieren.

Und nun, kurz bevor seine Abschrift fertig war, waren da plötzlich Stimmen, und sie kamen näher! Er hörte es jetzt im Gang rumoren und poltern. Sie räumten Steine beiseite. Das verschaffte ihm noch einige Minuten. Hastig wandte er sich wieder dem Text zu, kopierte das nächste Zeichen, und dann ein weiteres. Er konnte auch noch die ganze Zeile schaffen, wenn er sich beeilte!

»Was zum Teufel ... !«

Die harte deutsche Stimme und der plötzliche Lichtschein ließen James zusammenfahren. Mit erhobener Laterne stand ein Fremder im Eingang des Raums, und hinter ihm waren weitere Männer zu sehen.

»Was machen Sie da?«, herrschte der Deutsche ihn an und wiederholte seine Frage dann auf Italienisch.

James konnte die Ironie des Augenblicks kaum fassen. Da hatte er sich in das Land des Feindes geschlichen, war allen Kontrollen ausgewichen, in den Palast eingedrungen, um Haaresbreite den Wachen entgangen, und ausgerechnet in dieser einen Nacht durchstreifte ein Trupp Nazis den Keller und erwischte ihn dort, wo er sich am sichersten gewähnt hatte! Fieberhaft versuchte er, sich ein paar italienische Sätze zurechtzulegen. Wenn die Deutschen ihn als Engländer erkannten, würden sie ihn garantiert fertigmachen. Doch als er aufstand und dabei den Blick auf die Stele freigab, wich die Aufmerksamkeit des Mannes einem atemlosen Staunen.

»Die Tabula!«, rief er aus. »Sie ist es. Die Tabula Smaragdina!«

James verstand die Worte. Der Deutsche hielt die Stele offensichtlich für die mystische Smaragdtafel. Aus dieser Perspektive hatte er selbst es noch nie betrachtet. In der Tat, wenn man darüber nachdachte, konnte die Stele durchaus der Ursprung der Legende sein. Vielleicht war der Mann doch nicht einfach ein Soldat, sondern ein Gelehrter, ein Wissenschaftler oder Forscher.

Der Deutsche trat an den Stein heran und fuhr langsam mit einer Hand über die gravierten Hieroglyphen. James beobachtete ein erregtes Funkeln in den Augen des Mannes.

»Rosner!«, rief der Deutsche jetzt mit einem Blick zur Seite, »schaffen Sie den Mann dort weg! Und durchsuchen Sie ihn.«

Nun stürmten die anderen Männer in den Raum. Bei ihnen handelte es sich allerdings ganz offensichtlich um Soldaten. Einer packte James und zerrte ihn beiseite. Er widerstand dem Drang, sich zu wehren. Gegen die Übermacht hätte er keine Chance. Er hob die Arme, als seine Taschen durchwühlt wurden.

»Was ist denn das?« Der Deutsche bückte sich und hob die Papiere und Zeichenutensilien auf, die James verwendet hatte. »Er hat die Stele kopiert, das nenne ich Glück.« Er wandte sich an den Fremden. »Sie haben mir viel Arbeit erspart. Was haben Sie hier überhaupt zu suchen?«

James schwieg.

»Können Sie mich verstehen? Rosner, wo kommt er her?«

»Er hat keine Ausweispapiere bei sich, Doktor Morgen.«

Morgen musterte den Festgenommenen. Er schien ein Westeuropäer zu sein. Der hellen Haut und den blonden Haaren nach zu urteilen war es unwahrscheinlich, dass er ein Italiener oder Südeuropäer war. Vielleicht ein Skandinavier, ein Ire oder Engländer. Was zum Henker hatte der Mann hier zu suchen? War er auch auf der Spur der Tabula, oder suchte er bloß zufällig nach antiken Artefakten? So oder so durfte er kein Risiko eingehen und jemand anderem die Tabula überlassen.

»Suchen Sie ein ruhiges Plätzchen hier unten, und sperren Sie den Mann dort ein«, wies er Rosner an.

Dann wandte sich Morgen wieder der Stele zu. Er bewunderte die handwerkliche Kunstfertigkeit, mit der die Zeichen im Marmor ausgeführt worden waren. Jede noch so feine Linie war präzise herausgearbeitet, und der Stein sah aus, als hätte er gerade erst die Werkstatt eines Meisters verlassen. Es war ein Objekt vollkommener Schönheit und darüber hinaus die Manifestation absoluter Macht!

Er verglich die Abschrift des Fremden mit dem Original und stellte fest, dass sie überaus sorgfältig war, ja, sie ließ sogar erkennen, dass sich der Mann mit der ägyptischen Schrift hervorragend auskannte. Ein Grund mehr, ihm die kostbaren Aufzeichnungen zu entwenden und ihn außer Gefecht zu setzen. Wenn der Mann mehr als ein Kuriositätenjäger war und so viel Sachverstand hatte, dann konnte er der Sache gefährlich werden.

Er stellte seine Lampe neben der Stele auf den Boden, setzte sich und begann, die restlichen Zeichen auf das Papier zu übertragen. Es fehlte nicht mehr viel. Als er fertig war, erhob er sich und sah, dass Rosner gerade zurückkam.

»Was haben Sie mit ihm gemacht?«

»Ein Stück den Gang hinunter gibt es einen Raum, in dem wir ihn bewachen. Eine Gittertür gibt es auch, aber kein Schloss.«

Morgen überlegte, ob er Rosner anweisen sollte, den Mann zu liquidieren. Es wäre mit Sicherheit die sauberste Lösung. Andererseits respektierte er die Arbeit des Fremden, und ohne die Abschrift würde er ohnehin nicht weiterkommen. Er konnte also auch einfach hier in den Kellern verrotten, das würde am wenigsten Scherereien verursachen. »Besorgen Sie ein Schloss, und dann lassen Sie ihn hier zurück!«

»Sehr wohl, Herr Doktor Morgen!«

»Und Ihre übrigen Männer sollen sich um den Stein kümmern.« Er wies auf die Stele. »Ich habe die Inschrift kopiert. Wir brauchen ihn jetzt nicht mehr. Haben Sie verstanden, was ich meine?«

»Jawohl.«

»Gut. Ich bin fertig, außerdem wird es mir zu kalt. Ich gehe zurück, Sie kommen mit Ihren Leuten hinterher, sobald Sie fertig sind. Wir treffen uns in der Herberge.«


5. Oktober 2006, Rhodos Stadt


Peter und Patrick fanden fast ein Dutzend Bruchstücke der grünen Steinplatte und setzten sie wie ein Puzzle zusammen. Ihnen war schnell klar geworden, dass die kostbare Stele unwiderruflich verloren war, doch erst als sie alle Teile beisammen und kombiniert hatten, wurde das Ausmaß der Zerstörung offenbar. Die einst polierte Oberfläche war zerschunden und zerhackt, kaum ein einziges Schriftzeichen ließ sich eindeutig erkennen. Jemand hatte die Inschrift mutwillig und vollständig aus dem Stein geschlagen. Und was die Schändung vollkommen machte, nahm fast die gesamte Fläche ein: ein grobschlächtig eingemeißeltes Hakenkreuz.


5. Oktober 2006, Guardner Residence, Kairo


Oliver Guardner saß im Halbschatten einer Palme und las die Al-Ahram, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung bemerkte. Sorgsam faltete er die Zeitung zusammen, als Al Haris sich zu ihm gesellte.

»Setzen Sie sich, werter Freund.«

Der Weißbärtige dankte und nahm Platz.

»Ihre Gäste sind auf Rhodos, Oliver?«

»Ja. Ich stelle es mir gerade vor. Die alten Gassen, der Palast. Ein schönes Stück Erde.«

»Das ist wahr. Und voller Geschichte, die fast noch lebendig scheint.«

»Und voller Geschichten, als sei es gerade erst gewesen.«

»Es hat sich viel verändert dort. Vermutlich würden wir es nicht als das Rhodos wiedererkennen, an das wir uns aus unserer Jugend erinnern.«

Guardner lächelte, sprach doch sein Gast in einem einzigen Satz über sehr unterschiedliche Zeiträume. »Wann waren Sie zuletzt dort?«

»Es ist schon fast nicht mehr wahr«, entgegnete Al Haris. »Obwohl ich es mehrfach plante, erforderten doch immer andere Dinge meine Aufmerksamkeit.«

»Das ging mir auch so. Und nun ... « Er machte eine Pause und sah an sich herab. »Ich bin nicht mehr geschaffen für das Reisen. Ich habe es bei meinem Flug nach Hamburg gemerkt.«

»Es ist Ihnen hoch anzurechnen, dass Sie die Strapazen überhaupt auf sich genommen haben.«

»Ich bin fest davon überzeugt, dass es jede Anstrengung wert war.«

»Dann halten Sie noch immer große Stücke auf Ihre beiden Gäste?«

»Unbedingt. Den Auftakt haben sie überaus schnell und ohne jede Schwierigkeit hinter sich gebracht. Aber wir beide wissen, dass die größten Herausforderungen noch vor ihnen liegen.«

»Thot ist erwacht und auf ihrer Spur.«

»Ja, ich weiß.«

»Fürchten Sie nicht um ihre Sicherheit?«

»Doch, natürlich. Beunruhigende Dinge sind geschehen. Ich habe in den letzten Nächten wenig Schlaf gefunden. Aber ein Gipfel kann nicht erobert werden, indem der Berg eingerissen wird. Zudem hoffe ich, dass sich Thot so lange zurückhalten wird. Ich bin viel mehr beunruhigt wegen der Frau.«

»Was halten Sie von ihr?«

Guardner sah seinen Gast eine Weile nachdenklich an. Wie so oft schien es ihm, dass Al Haris seine eigene Meinung hinter einer Frage versteckte. »Sie ist eine unberechenbare Größe.«

»Halten Sie sie für gefährlich?«

»Das weiß ich nicht. Das ist es, was mich nicht schlafen lässt. Sie hat der Geschichte unzählige neue Enden hinzugefügt.«

Al Haris lächelte. »Sie haben vollkommen recht. Aber es überrascht mich nicht.«

»Nein?«

»Nach meiner Erfahrung muss man in jeder Gleichung neben den erwarteten unbekannten Größen auch unerwartete unbekannte Größen erwarten.«

Der alte Guardner verfolgte das verschmitze Mienenspiel des Weißbärtigen. »Aber wenn man sie erwartet«, gab er zurück, »dann sind sie demzufolge nicht mehr unerwartet, so dass man stattdessen weitere unerwartete erwarten müsste.«

Al Haris lachte auf. »Ja! Das ist es, Oliver. Das ist das Leben, wie es spielt.«

Guardner lächelte nun ebenfalls. »Dann soll es mich auch nicht überraschen. Warten wir den Lauf der Dinge ab. Wer weiß, welche Überraschungen mit ihr auf uns zukommen.«

»Ja«, sagte Al Haris, »wer weiß.«

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