Kapitel 3
6. April 1939, Almaza Flughafen, Kairo
Die »Max von Müller« landete um 11.20 Uhr. Es war eine viermotorige Focke-Wulf vom Typ Condor. Sie rollte die Landebahn entlang auf die Wartenden zu. Als sie schließlich ihre schwarze Nase zur Seite drehte und die Propeller zum Stillstand kamen, wurde nicht nur das Balkenkreuz der Wehrmacht auf dem Rumpf sichtbar, sondern auch das Hakenkreuz, das statt einer Länderkennung von der Seitenflosse des Leitwerks prangte.
Auf dem Rollfeld standen Mitglieder und Angehörige der Österreichisch-Deutschen Kolonie, unter ihnen der Vorstand der deutschen Handelskammer in Kairo und Direktor der Dresdner Bank, Baron von Richter, der Direktor von Siemens, Wilhelm van Meeteren, einige Minister der Deutschen Gesandtschaft, der Presseattache von Röntgen, der Wissenschaftliche Attache Morgen und der Deutsche Gesandte, Dr. Czibulinski.
Der Gesandte schritt voran, gefolgt von van Meeteren sowie von Richter, und führte die kleine Gruppe näher an das Flugzeug. Eine fahrbare Gangway wurde bereits herbeigerollt, während sich die Tür der Maschine öffnete. Ein Besatzungsmitglied befestigte die Gangway und verschwand wieder im Inneren, um den Passagieren Platz zu machen. Ein dürrer Mann Anfang vierzig erschien nun, die schwarzen Haare aus der hohen Stirn nach hinten gekämmt. Er hielt sich sorgsam fest, als er leicht humpelnd die Stufen herunterkam. Schließlich stand er am Fuß der Treppe, lächelte und richtete seine stechenden Augen auf das Begrüßungskomitee. Dann streckte er seinen Arm aus.
»Heil Hitler!«
»Heil Hitler!«, erwiderten von Richter und van Meeteren.
Czibulinski reichte dem Mann die Hand. »Willkommen in Kairo, Herr Doktor Goebbels.«
Es waren keine ägyptischen Delegierten anwesend, da der Besuch inoffiziell und als privat deklariert worden war. Und er war von Seiten Ägyptens und der britischen Verwaltung unerwünscht. Man hatte Goebbels Interviews und öffentliche Auftritte vor Ort untersagt, was die handverlesenen anwesenden Jugendlichen der Deutschen Schule nicht davon abhielt, in überschwängliche Heil-Hitler-Rufe auszubrechen und dem Reichsminister Blumen zu überreichen.
»Hatten Sie eine angenehme Reise?«, erkundigte sich Czibulinski.
»Danke.«
»Sicher brennen Sie darauf, sich die Pyramiden anzusehen. Wir haben die Ausfahrt nach Giseh und Sakkara auf den späten Nachmittag verlegt, wenn es kühler wird. Bis dahin möchten wir Sie zu einem Mittagessen einladen und brennen unsererseits darauf, Neuigkeiten aus Deutschland zu hören.«
»Ausgezeichnet. Dann sollten wir gleich losfahren.« Goebbels' Blick wanderte über die Gesichter der Anwesenden. »Ist Ihr Attache Morgen hier?«
Wolfgang Morgen trat vor und reichte dem Mann die Hand. »Das bin ich. Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Herr Reichsminister.«
Goebbels sah ihn eindringlich an. »Mit Ihnen, Herr Morgen, möchte ich später ein privates Gespräch führen. Bitte richten Sie es ein.«
»Sehr wohl.«
»Also dann«, sagte er und schaute wieder in die Runde, »lassen Sie uns keine Zeit verlieren.«
28. September 2006, LSCE, Gif-sur-Yvette
Patrick betrat das Gebäude des Laboratoire de Science du Climate et de l'Environnement, das Labor für Klima- und Umweltwissenschaften, mit eiligen Schritten. Je weniger er zögerte, umso weniger machte er den Eindruck eines Besuchers. In einem so großen Gebäudekomplex mit so vielen Mitarbeitern, die sich nicht alle kannten, war es einfach, sich unauffällig zu bewegen. Er hatte sich mit Vitor verabredet, den er noch aus seinen Tagen in Palenque kannte. Damals waren sie mit Moskitobissen übersät durch den Regenwald gezogen, und er erinnerte sich noch gut an Vitors akademische Begeisterung für die alten Bauten und Steine sowie seine Ausführungen über die Indikatoren für die klimatischen Veränderungen, die die Region angeblich vor mehreren zehntausend Jahren heimgesucht hatten. Nun benötigte er Vitors Hilfe bei der Altersbestimmung des Artefakts, und er hoffte, dass er den jungen Mann dazu bringen konnte, eine Untersuchung vorzunehmen, wie sie sich nur mit der technischen Ausrüstung in diesem Labor vornehmen ließ.
Problematisch war natürlich, dass Vitor nichts darüber verlauten lassen durfte, was bei dessen Eifer alles andere als selbstverständlich war. Er sah auf die Uhr. Sie waren um sechs im Labor verabredet.
Patrick fand den Weg schnell, und die Leute, an denen er vorbeikam, beachteten ihn nur flüchtig. Viele waren vermutlich schon nach Hause gegangen.
»Patrick! Schön, dich zu sehen!«, grüßte ihn der Forscher, als er das Labor betrat. »Da hört man jahrelang nichts von dir, und dann hast du es plötzlich so eilig.«
»Tut mir leid, Vitor. Ich war viel unterwegs.«
»Und jetzt soll ich etwas für dich untersuchen, hm? Um was geht es denn? Du warst ja nicht sehr redselig am Telefon.«
Patrick grinste verschmitzt. »Du kennst mich doch.« Er holte eine Zigarettenpackung heraus. »Darf ich?«
»Nicht hier drin, tut mir leid.«
Patrick verstaute die Packung mit einem wehmütigen Achselzucken. »Na gut. Hast du die Probe schon aufbereitet, die ich dir geschickt habe? Du solltest sie heute Morgen per UPS erhalten haben.«
»Ja. Das heißt, ich habe einen Assistenten darum gebeten. Worum geht es denn?«
»Das ist gut. Es war ein Stück von einem Tropfstein. Du sollst mir das Alter bestimmen. Uran- und Thorium-Konzentration. Mit dem Massenspektrometer.«
»Das habe ich mir schon gedacht. Aber das dauert eine Weile. Wolltest du das etwa jetzt sofort?«
»Ehrlich gesagt, ja ... Deswegen hatte ich ja gefragt, ob du einen freien Abend hast.«
»Du bist lustig. Nicht nur ich, auch die Geräte müssen ja frei sein!«
»Es ist wichtig, ich brauche die Ergebnisse im Prinzip schon gestern.«
Vitor seufzte und setzte sich. »Also wirklich, du hast Vorstellungen. Seit gestern sind wir gerade mit anderen Untersuchungsreihen beschäftigt. Das Gerät wird erst nächste Woche wieder frei sein.«
»Ja, klar, und dann kommt die nächste Reihe. Du musst das irgendwie dazwischenschieben.«
»Heute noch?«
»Heute noch.«
»Meine Güte! Ich weiß wirklich nicht ... Nun, wir messen gerade dieselben Isotope, aber auch so ... Einrichtung, Kalibrierung, das dauert schon mal eine halbe Stunde, dann die Probe noch mal zwei bis drei Stunden, dann wieder alles umrüsten ... Ich wollte eigentlich nicht die ganze Nacht hier verbringen.«
»Es ist wichtig!«
»Nun sag schon, worum es geht? Bist du wieder auf Schatzsuche?«
»Sehe ich aus wie einer, der Tonscherben zusammenklebt?«
»Heraus mit der Sprache!«
»Es geht um Höhlenmalereien. Ich will wissen, wie alt sie sind. Und da gibt es Tropfsteine, die sich ganz offensichtlich später gebildet haben.« Patrick hatte natürlich nicht vor, Vitor von dem Artefakt zu erzählen. Stattdessen hatte er ihm nur einen feinen Bohrkern des Steins geschickt.
»Das ist ja nicht so furchtbar ungewöhnlich, bei einem Wachstum von einem Meter pro zehntausend Jahren kann das schon mal vorkommen. Oder wie groß sind die Tropfsteine?«
»Unterschiedlich. Aber der Punkt ist: In dieser Höhle dürfte es eigentlich keine Höhlenmalereien geben! Ich will also sicher sein, dass die Tropfsteine tatsächlich so alt sind, wie ich denke, bevor ich von dem Fund erzähle. Sonst stehe ich ziemlich blöd da.«
»Oh! Also eine kleine Sensation?«
»Eine große sicherlich nicht, aber du weißt ja um mein etwas angeschlagenes Image.« Damit hatte er untertrieben. Tatsächlich eilte ihm inzwischen der Ruf eines zweifelhaften Schatzsuchers voraus, mit sorgfältiger wissenschaftlicher Analyse hatte man ihn ohnehin noch nie in Verbindung gebracht. Natürlich störte ihn das keineswegs, aber er wusste, dass er bei Vitor damit auf offene Ohren stieß.
»Und das ist so eilig, dass es nicht eine Woche warten kann, ja?«
»Vitor, bitte, wenn ich es dir doch sage! Du musst mir helfen!«
Der Forscher zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, Patrick ... «
»Ich lade dich nachher zum Essen ein, einverstanden? Und während die Maschine läuft, unterhalten wir uns über alte Zeiten, hm? Klingt doch nicht so schlecht, oder?«
»Also gut. Ausnahmsweise. Für die alten Zeiten.«
»Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann, mein Freund!«
Vitor ging an einen Schrank, holte ein Reagenzglas hervor und stellte es in einen Ständer. »Gut, ich richte erst mal die Maschine ein. Wird eine Weile dauern. Warum holst du uns nicht zwei Kaffee? Die Maschine findest du draußen auf dem Gang.«
Patrick nickte. Er ging los und ließ sich Zeit. Nun war Vitor beschäftigt, und es hieß, die nächsten Stunden zu überbrücken. Er hatte das Artefakt in seiner Wohnung untersucht. Er wusste, dass es keine Möglichkeit gab, das Alter des Metalls zu bestimmten. Bei manchen Funden konnte man aufgrund der für die Legierung verwendeten Erze oder eines Sedimentkerns, wie man ihn in kruden Arbeiten aus der Eisenzeit manchmal fand, eine Altersbestimmung vornehmen. Aber das Artefakt war eine moderne Arbeit, aus hochwertigem, makellosem Stahl oder einem anderen Metall, es zeigte keine Korrosionsspuren und war gewiss nicht in einem simplen Schmelzofen vor ein- oder zweitausend Jahren gefertigt worden. Solche Objekte waren im analytischen Sinne nahezu zeitlos.
»Wenn Tropfsteine entstehen, enthalten sie Uran 238«, erklärte Vitor später. »Im Laufe der Jahrtausende bilden sich immer neue Schichten, die älteste Schicht ist die innere. Während dieser Zeit zerfällt das Uran zu Uran 234 und dann zu Thorium 230. Die Halbwertzeit von Uran ist bekannt, so dass man also am Verhältnis von Thorium und Uran ermitteln kann, wie lange dieser Prozess schon vorangeschritten ist.«
»Warum erzählst du mir das alles? Das weiß ich doch.«
»Ja, aber du kannst diese Maschine nicht bedienen – das muss ich schließlich auskosten.«
Zwei Stunden lang saßen sie neben dem unförmig anmutenden Massenspektrometer, der eine ganze Ecke des Raumes beanspruchte, und unterhielten sich über ihre gemeinsamen Untersuchungen und die Projekte, die Vitor seitdem betreut hatte. Bis schließlich eine Anzeige auf einem Computermonitor aufflammte. In einem Koordinatensystem erschienen die Ergebnisse der Untersuchung in Form von einzelnen Zacken auf einer horizontalen Skala.
»Es geht los!«, sagte Vitor. »Das sind die Anteile der verschiedenen Isotope. Uran 238, 235, 234 ... hier, Thorium 230. Und das Programm berechnet das Verhältnis und das Alter. Hier unten.«
Vitor deutete auf eine Zeile, in der das Alter der Probe ausgewiesen wurde. Der Probe, die Rückschluss darauf gab, wie lange das Metall bereits vom Tropfstein umschlossen war.
Patrick holte tief Luft, als er die Zahl las.
48200 Jahre.
30. September 2006, Altertümerverwaltung, Zamalek, Kairo
Stephen Brooks und seine wissenschaftliche Assistentin warteten auf einer hölzernen Bank im Flur. Nach langem Ringen hatten sie einen Termin mit Dr. Hisham Abdel Aziz vereinbaren können. Dr. Aziz war der Leiter der ägyptischen Altertümerverwaltung, des Supreme Council of Antiquities (SCA), jener Zentralbehörde, die für sämtliches altägyptisches Kulturgut verantwortlich war. Sie finanzierte und überwachte alle inländischen Forschungsprojekte, Ausgrabungen, Restaurationen, den Aus- und Neubau aller Museen in Ägypten, den Verleih von Exponaten für internationale Wanderausstellungen, die Rückführung ehemals gestohlener Artefakte – und sie allein genehmigte ausländische archäologische Projekte. Oder lehnte sie ab. Wie im Fall von Brooks. Deswegen war er hier.
Seit einigen Jahren gab es neue Vorschriften, ein neues Genehmigungsverfahren und neue Bedingungen. Verantwortlich dafür war Dr. Aziz persönlich. Der Ägypter war selbst studierter Archäologe und seit über dreißig Jahren aktiv. Bereits bevor er Chef des SCA wurde, war er für das Plateau von Giseh und die großen Pyramiden verantwortlich gewesen. Schon in dieser Funktion hatte er sich bei den ausländischen Forschern immer wieder unbeliebt gemacht, und nun erstreckte sich seine Verantwortung auch noch über das ganz Land vom Nasser-See bis zum Delta. Der Mann hatte kurzerhand sämtliche Grabungen von Giseh bis nach Oberägypten vollständig verboten. Angeblich, um die Funde unter dem Sand zu bewahren. Immer wieder spielte er sich in den Vordergrund, es gab inzwischen keine Dokumentation über die Pharaonen mehr, in der nicht Dr. Aziz seinen weißhaarigen Kopf mit dem obligatorischen Hut in die Kamera streckte und mit stolzgeschwellter Brust seine offizielle Stellung zu Markte trug. Dabei waren es die Ausländer, deren Wissen, Technologie und Finanzkraft die meisten Entdeckungen überhaupt erst ermöglichten. Und nun spielte sich Dr. Aziz auf wie ein Fürst von Gottes Gnaden und lehnte Brooks' Forschungsantrag einfach ab. Brooks konnte den Mann nicht ausstehen. Umso mehr, als man an ihm nicht vorbeikam.
Eine Tür öffnete sich, und Dr. Aziz trat auf den Flur. Brooks, der ihn bisher noch nicht persönlich kennengelernt hatte, erkannte ihn sofort. Der Ägypter kam auf sie zu und reichte der Assistentin die Hand.
»Ich bin erfreut, Sie kennenzulernen, Madam.« Dann begrüßte er auch Brooks mit Handschlag. »Kommen Sie doch in mein Büro.«
Sie folgten Dr. Aziz und nahmen kurz darauf auf zwei Stühlen Platz, während er sich hinter seinen Schreibtisch setzte. Vor ihm lag eine Mappe mit Unterlagen. Brooks vermutete, dass es die Papiere über seinen Forschungsantrag waren.
»Möchten Sie einen Tee?«
Sie lehnten ab. »Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte Dr. Aziz schließlich.
»Es geht um unseren Antrag«, erklärte Brooks, der sich bemühen musste, freundlich zu bleiben. Schließlich wusste der Mann ganz genau, warum sie um diesen Termin gebeten hatten. »Wir können nicht verstehen, weshalb unser Projekt abgelehnt worden ist.« Er vermied es, die Schuld Dr. Aziz direkt zuzuweisen.
»Aber das wurde aus dem Schreiben des SCA doch deutlich, oder nicht?«
»Können Sie es uns noch einmal erklären?«
»In Ihrem Fall scheiterte der Projektantrag an der Qualifikation. Die Vorschriften legen eindeutig fest, dass die Antragsteller eine umfassende Ausbildung haben und über ausreichende Referenzen verfügen müssen. Wir müssen natürlich verhindern, dass die Projekte von Laien durchgeführt werden.«
»Wollen Sie damit sagen, dass ich nicht ausreichend qualifiziert bin? Dass ich als Laie gelte?« Nur mit Mühe konnte Brooks seinen Ärger im Zaum halten.
»So ist es, Mister Brooks.« Dr. Aziz blieb völlig gelassen.
»Das ist absurd! Ich habe alle meine Ausbildungsunterlagen aufgeführt und eine Aufstellung der Projekte, an denen ich bisher beteiligt war, sogar inklusive der Empfehlungen einiger hoch angesehener amerikanischer Archäologen.«
Dr. Aziz nickte und legte die Hand auf die Mappe vor ihm. »Ich habe alles hier. Aber das reicht nicht. Zum Beispiel haben Sie keinerlei Veröffentlichungen vorzuweisen. Von einem akademischen Grad ganz zu schweigen.«
»Was verlangen Sie denn noch? Dass ich erst eine gottverdammte Enzyklopädie herausbringe?«
»Es besteht kein Grund, ausfallend zu werden.«
»Meine Güte, es geht hier um ein Projekt, das mit fast fünf Millionen Dollar für die nächsten drei Jahre gefördert wird. Das kann Sie doch nicht kalt lassen! Schließlich sind es Ihre toten Könige, die wir aus dem Dreck buddeln wollen!«
Dr. Aziz schüttelte sanft den Kopf. »Mister Brooks, Sie verstehen nicht: Sie sind nicht der Einzige, der uns helfen möchte. Für jeden Laien wie Sie kann ich mir einen von drei richtigen Profis aussuchen. Franzosen, Spanier, Deutsche, Japaner. Alle warten auf ihre Chance. Und alle haben Geld. Mehr Geld, als Sie sich vorstellen können. Denken Sie nicht, dass Sie etwas Besonderes sind.«
Brooks atmete tief ein, biss die Zähne aufeinander und versuchte, sich zu beruhigen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass der Mann tatsächlich so arrogant war. »Gut«, sagte er dann, »versuchen wir es noch mal. Was kann ich tun, damit wir das Projekt doch noch durchbringen?« Er lehnte sich vor. »Oder anders ausgedrückt: Was kann ich für Sie tun?« Er hoffte, das richtige Maß an Betonung gefunden zu haben, um sein Angebot deutlich zu machen.
»Nichts, Mister Brooks. Gar nichts. Sie werden in meinem Land keine Schaufel anfassen, nicht einmal eine Zahnbürste, es sei denn in Ihrem Hotelzimmer. Und dorthin können Sie jetzt auch gleich zurückkehren.«
Brooks stand ruckartig auf und funkelte den Ägypter an. Dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort um und verließ den Raum, während ihm seine Assistentin folgte.
»Ich wünsche Ihnen einen guten Heimflug«, rief Dr. Aziz ihnen nach, als die Tür hinter ihnen zuschlug. Durch das Holz hört er Brooks auf dem Flur fluchen: »So ein Arschloch!«
Dr. Aziz zuckte mit den Schultern. Unglaublich, wie sich manche Menschen aufspielten. Und für so etwas verschwendete man seine Zeit. Er nahm die Unterlagen vom Tisch und verstaute sie in einer alphabetisch sortieren Schublade seines Aktenschranks. Dann setzte er sich wieder hin und nahm sich den noch unbearbeiteten Poststapel vor.
Ein Brief fiel ihm sofort ins Auge, denn auf der Vorderseite erkannte er ein Logo, das aus einem Ibis und einer Reihe von Hieroglyphen bestand: Thot Wehern Ankh Neb Seshtau. Er öffnete den Umschlag und entnahm ihm ein einzelnes Blatt. Die Anweisungen bestanden nur aus wenigen Zeilen und waren wie immer unmissverständlich. Schließlich legte er das Blatt vor sich auf den Tisch und betrachtete die Namen, die im Text unterstrichen waren: Professor Peter Lavell und Patrick Nevreux.
2. Oktober 2006, Cairo International Airport
Es war ein anstrengender Tag gewesen. Nicht, weil Ägypten am Ende der Welt lag, sondern weil Peter mittags von Hamburg aus einen Umweg über Paris geflogen war, um sich dort mit Patrick zu treffen. Gegen zehn Uhr abends waren sie schließlich in Kairo gelandet.
Patrick hatte dem Professor bereits am Wochenende telefonisch von seiner Analyse berichtet, und auch während des Flugs hatten sie sich darüber unterhalten. Es war kaum vorstellbar, dass das Artefakt tatsächlich so alt war, wie es die Untersuchung ergeben hatte. Die ersten Kulturen, die eine Schrift entwickelt hatten, waren rund dreitausend Jahre vor Christus entstanden, und in den Zeiten davor waren Menschen gerade erst von umherziehenden Hirtenvölkern zu sesshaften Ackerbauern geworden. Davor gab es keine kulturellen Zeugnisse außer einigen Megalithen und Höhlenmalereien. Keine bekannte Kultur war fünfzigtausend Jahren alt, und schon gar keine, die Metall verarbeitete. Das Artefakt, das ganz offensichtlich nicht natürlichen Ursprungs war, konnte nicht so alt sein. Und dennoch schien es so zu sein, und egal, wie unwahrscheinlich es schien, war es im Augenblick die einzige logische Erklärung. Die Geschichte des alten Guardner warf ein Rätsel ungeahnten Ausmaßes auf, und sie fühlten sich an ihr Projekt in Frankreich erinnert. Auch dort hatten sie Zeugnisse einer Technologie gefunden, die sich nicht mit der geschichtlichen Lehrmeinung vertrug, und deswegen hatten sie sich letztlich entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen.
Für einen internationalen Flughafen war jener von Kairo erstaunlich unmodern. Keine luftigen Konstruktionen aus Glas und Stahl empfingen sie, sondern mit Maschinenpistolen bewaffnetes Wachpersonal und Räumlichkeiten mit größtenteils weiß gekacheltem Boden und niedrigen Decken. Sie holten ihre Koffer und reihten sich mit den Pässen und ausgefüllten Einreisezetteln in die Schlange der Wartenden vor dem Zollschalter ein.
Der Mann hinter der Glasscheibe sah kaum auf, als sie an der Reihe waren. Mit einer unwirschen Bewegung forderte er ihre Papiere ein und machte dabei den Eindruck, als würden ihn die Ausländer nur ständig von einer würdigeren Arbeit abhalten. Drei goldene Sterne auf den Schulterklappen seines Hemdes ließen vermuten, dass sich der Mann für fähiger hielt als seine Kollegen, die sich mit nur einem Stern begnügen mussten.
Plötzlich sah er hoch, dann wieder in den Pass und wieder hoch, verglich offenbar Peters Gesicht mit dessen Konterfei, griff anschließend nach einem Papier, das neben ihm lag und las etwas nach. Kurz darauf rief er etwas auf Arabisch durch die Halle, woraufhin zwei Wachleute herbeigeeilt kamen. Der Drei-Sterne-Beamte gab ihnen Anweisungen, und sie richteten ihre Waffen auf Peter. Unter den Wartenden in der Schlange breitete sich eine Mischung aus Neugier und Unruhe aus.
»Entschuldigung«, sagte Peter, bemüht, seine Gelassenheit zu wahren, »können Sie uns sagen, was das Problem ist?«
»Bleiben Sie dort stehen!«, befahl der Zollbeamte dem Engländer und zeigte dann auf Patrick. »Ihre Papiere auch!«
Widerwillig reichte Patrick dem Mann seine Unterlagen, der sie nur kurz betrachtete, sie ebenfalls mit seinem Schreiben verglich und dann den Wachleuten weitere Anweisungen gab. Patrick verdrehte nur die Augen und sagte: »Kommt schon, Jungs, wir haben keine Bomben dabei.«
Der Zöllner kam aus seiner Kabine und schloss sie ab.
»Kommen Sie mit!«, herrschte er Peter und Patrick an, die sich wohl oder übel fügten.
»Unsere Untersuchungen fangen ja wunderbar unauffällig an«, bemerkte Patrick, während man sie vor aller Augen mitsamt ihren Koffern durch Hallen und Gänge dirigierte. Sie wurden in eine Dienststelle der Sicherheitsbeamten geführt, wo man sie anwies, Platz zu nehmen. Die Wachleute blieben bei ihnen, während der Zollbeamte geschäftig nach nebenan verschwand.
»Es kann sich nur um eine Verwechslung handeln«, sagte Peter zu seinem Kollegen.
»Da wäre ich mir nicht so sicher«, entgegnete Patrick. »In einigen Ländern ist man paranoid genug, Sie festzuhalten, weil Ihre Füße stinken oder weil Sie die falschen Bücher bei Amazon bestellt haben. Außerdem kann es auch sein, dass man uns erpressen will.«
»Wie bitte?«
»Auch nichts Neues. Willkür und Korruption. Gegen Zahlung einer Kaution von sagen wir mal zwanzigtausend Euro sind wir sofort wieder draußen.«
»Sie machen wohl Witze! Ägypten ist doch keine Bananenrepublik.«
»So was weiß man immer erst hinterher.« Er holte eine Zigarettenpackung hervor, wollte dem Professor schon eine anbieten, zuckte dann aber nur kurz mit den Schultern und hielt die Schachtel stattdessen seinen Bewachern entgegen. Einer der Männer grinste schief, wechselte die Maschinenpistole in die Linke und nahm sich eine Zigarette. Der zweite Mann fing an, laut auf seinen Kollegen einzureden und schlug ihm schließlich die Zigarette aus der Hand. Dann beschimpfte er Patrick mit grimmigen Blick auf Arabisch.
»Schon klar«, sagte der Franzose, »keine Bonbons von fremden Männern.« Dann deutete er mit der Schachtel auf sich selbst. »Darf ich denn selbst eine rauchen? Ist das okay, oder werdet ihr mich erschießen?« Der Mann nickte unfreundlich. »Na also, geht doch«, sagte Patrick, und lehnte sich schließlich rauchend zurück.
Auch nach einer halben Stunde war der Zollbeamte nicht wieder aufgetaucht. Die Wachleute hatten sich ihre Waffen über die Schultern gehängt und plauderten. Um Peter und Patrick schien man sich nicht weiter zu kümmern.
»Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, Peter, aber mein Arsch ist langsam breitgesessen. Wir sollten etwas unternehmen, sonst können wir hier noch Weihnachten feiern.«
»Wenn Sie eine Idee haben? Ich bin ganz Ohr.«
»Rufen Sie die Britische Botschaft an, es ist deren Job, ihren Landsleuten in solchen Situationen zu helfen.«
»Man wird uns wohl kaum telefonieren lassen.«
»Ach kommen Sie schon, einen Versuch ist es wert.«
»Um diese Uhrzeit ist dort ohnehin niemand mehr zu erreichen.«
»Es gibt immer einen Bereitschaftsdienst für Notfälle.«
»Und warum rufen Sie nicht Ihre Landsleute an? Sicherlich gibt es hier auch eine Französische Botschaft.«
»Na ja, sagen wir mal so ... Man sollte solche Dienste nicht so oft in Anspruch nehmen. Wenn Sie verstehen, worauf ich hinausmöchte.«
Peter konnte sich nur zu gut ausmalen, wie der eigenwillige Franzose schon häufiger in ähnlich verfahrene Lagen geraten war und um Unterstützung gebeten hatte.
Patrick sprach mit den Wachleuten, deutete auf sein Mobiltelefon und versuchte, ihnen seine Bitte verständlich zu machen. Diese reagierten wie erwartet mit resolutem Argumentieren, zunächst auf Arabisch, von dem Patrick kein Wort verstand, dann palaverten sie untereinander lautstark weiter. Bald gesellten sich weitere Beamte hinzu, die bisher teilnahmslos durch die Büros gelaufen waren, und die Diskussion, ob die beiden Fremden telefonieren dürften, wuchs zu dramatischer Größe an. Jedenfalls hoffte Patrick, dass es immer noch darum ging und dass nicht inzwischen kreative Foltermethoden oder der Kantinenplan diskutiert wurde.
Schließlich gesellte sich ein weiterer Mann zu ihnen, der zwei Sterne auf der Schulterklappe trug und sich für die Frage verantwortlich zu fühlen schien.
»Sie Telefon. Zwei Minute«, sagte er mit bestimmten Tonfall. »Sie kommen.« Er bedeutete Patrick aufzustehen, aber der reichte sein Mobiltelefon dem Professor. Der Beamte schüttelte den Kopf und zeigte nun auf Peter. »Sie kommen.« Peter erhob sich und folgte dem Mann in ein Büro. Dort deutete der Ägypter auf ein Telefon auf einem Schreibtisch.
»Können Sie mir die Nummer der Britischen Botschaft sagen?«, fragte Peter. »Britische Botschaft, Kairo?«
Der Beamte brummte etwas, holte einige Ordner aus einem Schrank und begann, darin zu blättern. Schließlich fand er einen Eintrag mit einer Telefonnummer, den er Peter zeigte.
Unter der angegebenen Nummer meldete sich tatsächlich die Botschaft, doch nur der Anrufbeantworter. Die regulären Öffnungszeiten wurden aufgesagt, aber von einem Bereitschaftsdienst war nichts zu hören. Peter legte frustriert auf und hob eine Hand.
»Niemand da, verstehen Sie? Da war niemand. Ich muss es noch einmal versuchen. Zwei Minuten haben Sie gesagt!« Der Beamte sah ihn eine Weile unentschlossen an, dann nickte er grimmig. Peter holte seine Brieftasche heraus und blätterte darin. Er suchte die Nummer von Oliver Guardner. Erleichtert atmete er auf, als er sie fand, und wenige Augenblick später klingelte das Telefon am anderen Ende der Leitung.
Peters Zuversicht schwand, als sich wieder nur ein Anrufbeantworter meldete. Niemand sei zu Hause, man möge eine Nachricht hinterlassen.
»Mister Guardner, hier spricht Peter Lavell. Es ist Montag, der zweite Oktober, kurz nach elf Uhr abends. Wir werden von den ägyptischen Behörden am Flughafen festgehalten. Niemand hat uns bisher gesagt, warum oder wie lange noch. Ich hoffe, dass Sie uns helfen können. Sie erreichen uns auf dem Mobiltelefon von Patrick Nevreux.« Er gab die Nummer des Franzosen durch und legte auf. Es war unwahrscheinlich, dass Guardner die Nachricht an diesem Abend noch bekommen würde und etwas unternehmen könnte. Während der Beamte ihn zurückführte, bereitete er sich innerlich darauf vor, die Nacht in einer ägyptischen Zelle zu verbringen.
»Und?«, fragte Patrick. »Haben Sie etwas erreicht?«
»Es gab nur Anrufbeantworter, sowohl in der Botschaft als auch bei Oliver Guardner.«
»Sie haben beim alten Guardner angerufen? Das war eine gute Idee!«
»Aber genutzt hat es leider nichts.«
Patrick wollte etwas erwidern, als aus einem Nebenraum der Drei-Sterne-Zollbeamte, der sie hatte verhaften lassen, nun wieder auf sie zukam. Augenblicklich legten die Wachmänner ihre Waffen wieder an und gaben sich außerordentlich pflichtbewusst.
»Sie reisen zurück. Keine Einreisegenehmigung«, sagte der Beamte.
»Hören Sie, Mister«, sagte Patrick, »wir sind Touristen. Sie können uns nicht einfach nach Hause schicken. Wir bringen Devisen. Viele Euro.«
»Wollen Sie mich bestechen?«, herrschte der Mann ihn an. Die Bewaffneten interpretierten den Tonfall entsprechend und wippten wie zur Bekräftigung mit ihren Waffen.
Peter legte eine Hand auf Patricks Oberarm. »Natürlich nicht!«, sagte er. »Aber sicher ist es ein Missverständnis.«
Der Mann machte eine abfällige Handbewegung. »Ich habe Anweisungen. Kommen Sie mit!« Er rief den Wachleuten einige Befehle zu und ging voraus. Peter und Patrick wurden wieder aus den Büros und durch den Flughafen getrieben. Man schleuste sie an Gates vorbei bis in eine Transithalle, in der man ihnen Plätze zuwies. Während der Beamte in einiger Entfernung mit dem Flughafenpersonal diskutierte, blieben die Wachleute mit gezückten Waffen bei ihnen stehen.
»Schöne Scheiße«, konstatierte Patrick. »Das war ja ein kurzer Ausflug.«
»Ich hatte mir den Besuch auch anders vorgestellt«, stimmte Peter zu.
»Sie nehmen den nächsten Flug nach Paris«, erklärte der Beamte, als er schließlich zurückkam. »In einer Stunde.«
»Und unsere Papiere?«
»Die bekommen Sie an Bord.«
Damit drehte er sich um und verließ die Halle.
»Ganz offenbar möchte man uns nicht im Land haben«, stellte Peter fest.
»Ach. Auf den Gedanken bin ich noch gar nicht gekommen.«
Peter öffnete seinen Koffer und holte eine Tasche mit seinen Pfeifenutensilien hervor. »Ich meine es ernst. Überlegen Sie, wer ein Interesse daran haben könnte.«
»Wollen Sie jetzt in aller Seelenruhe eine Pfeife rauchen und philosophieren?«
»Wieso nicht?«
»Ihre Ruhe möchte ich haben!«
»Das habe ich schon häufiger von Ihnen gehört.« Peter begann, sich eine Pfeife zu stopfen.
»Ich frage mich viel eher, wie man von unserer Ankunft erfahren hat. Vielleicht hat uns der alte Guardner auflaufen lassen?«
»Und welchem Ziel sollte das dienen?«
»Was weiß denn ich?«
»Ich sehe darin eher eine Bestätigung, dass die Untersuchung, die uns Guardner anvertraut hat, mehr als nur ein Hirngespinst ist. Erinnern Sie sich, wie er sagte, dass es in unserem eigenen Interesse sei, so unauffällig wie möglich zu bleiben?«
»Nun, das ist ja schon mal gründlich schiefgegangen.«
»Sicher. Aber es bedeutet, dass mehr an der Sache dran ist, als eine private Schatzsuche.«
»Wenn es Sie beruhigt: Ich habe von derartigen Unternehmungen vorerst die Nase voll.«
Peter nickte. »Ja, vielleicht haben Sie recht.« Er entzündete seine Pfeife. »Dennoch ist es interessant ... hochinteressant ... «
Sie schwiegen und hingen ihren Gedanken nach, während die Zeit in quälender Langsamkeit verstrich.
Der Flughafen leerte sich zunehmend. Lediglich am anderen Ende des Transitraums hatten sich ein paar Passagiere angesammelt, die in der Mehrzahl einen übermüdeten Eindruck machten, sich mit Zeitschriften und Musikhören die Zeit vertrieben und nur gelegentlich zu den beiden Männern und ihren bewaffneten Bewachern schielten.
»So ein Mist«, sagte Patrick unvermittelt. »Jetzt ist es zu spät, um Howard anzurufen.«
»Howard?«
»Howard Goddard. Ein Klimatologe und Höhlenforscher, der in Kairo lebt. Mein Kollege im Labor hat mir den Kontakt vermittelt, meinte, ich sollte ihn wegen des Tropfsteins befragen.«
»Was könnte er Ihnen sagen, was wir nicht schon wissen?«
»Nun, er kennt die geologische Geschichte Ägyptens und wäre vielleicht in der Lage zu erklären, wo es hier Tropfsteinhöhlen gibt. So viele werden es ja nicht sein, falls es überhaupt welche gibt. Wenn Guardner senior das Artfakt aus diesem Land hat, dann kann uns Howard vielleicht einen Hinweis geben, wo sich die Fundstelle befindet. Wir hatten uns für morgen Abend verabredet. Aber um diese Uhrzeit kann ich ihn wohl schlecht aus dem Bett klingeln, um ihm abzusagen.«
»Nein, es wird bis morgen warten müssen.«
»Das ist ja jetzt auch egal. Nachdem uns diese Kameraden hier abgeschoben haben, müssen wir uns ohnehin neu orientieren. Wird recht kniffelig, irgendwo anders durch die Hintertür wieder reinzukommen ... Über den Sudan vielleicht ... «
In der Halle kam plötzlich Bewegung auf. Zwei Männer waren am Eingang des Transitraums erschienen und unterhielten sich dort aufgeregt mit dem Drei-Sterne-Beamten, der ebenfalls wieder da war. Es dauerte nicht lange, bis der Trupp durch die Halle auf sie zukam. Allen voran der Zollbeamte.
»Sie können gehen!«, wies er Peter und Patrick an, händigte ihnen ihre Pässe aus und zeigte auf den Ausgang.
Die beiden sahen sich unentschlossen an. Einer der Männer aus der Begleitung des Beamten trat hervor. »Professor Lavell, Mister Nevreux, Ihre Einreise ist genehmigt worden.«
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Peter.
»Wir haben im Auftrag von Mister Guardner die Formalitäten mit den ägyptischen Behörden geregelt. Entschuldigen Sie die Umstände. Mister Guardner bittet Sie, uns zu folgen. Draußen wartet ein Fahrer auf Sie.«
»Na, wenn das keine gute Nachricht ist«, sagte Patrick. »Kommen Sie, Peter, nichts wie raus hier.«
Sie ließen die etwas unentschlossenen Wachmänner und den zerknirscht dreinblickenden Beamten stehen und folgten dem Helfer, bis dieser sie in die Obhut eines Ägypters mittleren Alters übergab.
Er grüßte Peter und Patrick in gutem Englisch, und erklärte, dass er Ahmad hieße und zu Mister Guardner fahren würde.
Als sie endlich aus dem Flughafengebäude ins Freie traten, blieben Peter und Patrick einen Augenblick lang stehen. Es war mitten in der Nacht, aber so warm, dass man hätte zum Baden gehen wollen. Die Luft war trocken und trug einen ungewöhnlichen Geruch mit sich, in dem sich Staub, Autoabgase und eine winzige Brise fremdartiger Gerüche mischten. Es war eindeutig eine andere Welt.
Ahmad hatte den Wagen in einer VIP-Parkzone abgestellt, die sich in unmittelbarer Nähe zu dem Ausgang befand, aus dem sie gekommen waren. Es war ein weißer Mercedes der Oberklasse, dessen chromglänzende Felgen ebenso poliert waren wie der Lack des Wagens selbst und der mit den verdunkelten Fenstern den Eindruck einer saudi-arabischen Staatskarosse machte. Andererseits, überlegte Patrick und sah sich um, standen hier noch mehr von diesen Dingern. Vermutlich würde der alte Guardner nicht einmal damit auffallen.
Der Fahrer öffnete ihnen die hinteren Türen, ließ sie einsteigen, lud die Koffer ein, und dann fuhren sie los.
Nach nur wenigen Kilometern hatte sich das erste Bild Ägyptens bereits deutlich gewandelt. Der Verkehr wurde immer dichter, Bauruinen gingen in schäbige Gebäude über, schließlich folgten höhere Wohnblocks, und zuletzt tauchten sie in das Chaos einer nicht schlafenden Millionenstadt ein. Mehrfach stockte der Verkehr völlig. Überall wurde gehupt, doch die Menschen ließen ihre Arme aus den heruntergekurbelten Fenstern baumeln und zeigten dabei keine außergewöhnliche Verärgerung.
Nach einer nicht enden wollenden Fahrt, trafen sie auf einige Straßen mit Bürohäusern und nobleren Bauten, und plötzlich fanden sie sich auf einer Brücke wieder, die zu einer Insel führte, die inmitten des breiten Flusses lag, der sich durch Kairo zog, dem Nil. Hier war es deutlich grüner, hier gab es Parkanlagen und eine Fülle von Herrenhäusern, wie man sie vor hundert Jahren gebaut haben mochte.
»Das ist Zamalek«, erklärte Ahmad nach hinten gewandt. »Wir sind gleich da.«
Wenige Minuten später hielt der Mercedes vor einem Tor in einer drei Meter hohen, weiß getünchten Mauer, hinter der von Scheinwerfern angestrahlte Bäume und Palmen aufragten. Der Fahrer griff zu einem Kästchen, betätigte einen Knopf, und das Tor schwang nach innen. Kurz darauf setzen sie ihre Fahrt über die erleuchtete, von Hibiskusbüschen gesäumte Auffahrt fort und erreichten die Villa ihres Gastgebers. Es war ein weißes, zweistöckiges Gebäude im Stil der Jahrhundertwende. Als der Wagen vor dem Eingang zum Stehen kam, öffnete sich die Haustür und die gebeugte Gestalt von Oliver Guardner erschien auf dem Absatz.
»Willkommen in Kairo, Professor Lavell, Monsieur Nevreux«, grüßte er die beiden, als sie ausgestiegen waren. »Kommen Sie herein. Ahmad wird sich um Ihr Gepäck kümmern.«
Peter blieb einen Augenblick stehen und sog die fremdartige Luft ein. Es war noch immer sehr warm. Hier roch es tropisch und süßlich nach unbekannten Pflanzen und feuchter Erde, als seien die Rasenflächen gerade erst bewässert worden. Eine Ahnung von Gebratenem und exotischen Gewürzen zog an ihm vorbei. Ein Gecko saß an der Hauswand über einer Lampe und spähte mit seinen großen Augen nach Beute. Peter hatte erwartet, ein nächtliches Konzert von unsichtbaren Insekten und afrikanischen Vögeln zu hören, doch stattdessen waren da nur das Zirpen einer einzelnen Grille und das Rauschen der Autos auf den benachbarten Straßen.
»Kommen Sie schon, Peter!« Die Stimme Patricks ließ ihn zusammenzucken. Er ging zum Eingang und betrat nach seinem Kollegen die Guardner Residence.
Leicht klimatisierte Luft umfing ihn. Der polierte steinerne Boden der Empfangshalle war mit einem großen orientalischen Teppich bedeckt. Antike Möbel und lederbezogene Sessel standen im Raum, ein feudaler Kronleuchter hing von der Decke.
»Ich freue mich, dass Sie die Reise wohlbehalten überstanden haben«, sagte Guardner. »Wenn man von dem unerfreulichen Zwischenfall am Flughafen absieht. Es tut mir sehr leid, dass es derartige Komplikation gab. Gut, dass Sie mich angerufen haben, Professor Lavell! Wenn es Ihnen recht ist, werde ich Ihnen gleich Ihre Zimmer zeigen. Es ist schon sehr spät, und sicherlich sind Sie von der Reise erschöpft. Ich schlage daher vor, dass wir den obligatorischen Begrüßungstrunk lieber zu einem gemeinsamen Frühstück umfunktionieren. Sind Sie einverstanden?«
»Das klingt ausgezeichnet«, sagte Peter, »vielen Dank.«
»Gut. Dann folgen Sie mir.« Guardner wandte sich um. »Hier entlang.«
Peter und Patrick gingen hinter ihm her und ließen ihre Blicke über die Kunstgegenstände und historischen Artefakte wandern, die die Gänge und Zimmer schmückten. Durchgänge wurden von nachgebildeten Pylonen gesäumt oder mannshohen Statuen flankiert, Ecken waren zu Schreinen ausgebaut, an den Wänden hingen Teppiche, Rollbilder und gerahmte Pergamente. Peter identifizierte nordafrikanische Figuren aus schwarzem Holz mit eingelassenen Kaurimuscheln, eine Wand voller Masken aus dem Südpazifik, die ihn an Räume des Museums in Hamburg erinnerten, eine Statue des Gottes Shiva und einen Altar mit einer grimmigen Mahakala-Figur und bunten Gebetsfahnen. Es war ein Spaziergang durch ein privates Völkerkundemuseum.
»Was Sie hier überall sehen«, sagte Guardner und zeichnete mit seinem Gehstock einen unbestimmten Kreis in der Luft, »sind Mitbringsel von den ausgiebigen Reisen meines Vaters und exotische Geschenke, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben. Es sind keine nennenswerten Schätze oder aufsehenerregende Kulturgüter darunter, wie Sie sicherlich schon festgestellt haben. Mein Vater hat sich bemüht, die Stücke entsprechend ihrer geographischen oder kulturellen Herkunft zu gruppieren. Sie werden diese Woche im ägyptischen Flügel des Hauses wohnen. Das sollte den passenden Rahmen für Ihren Besuch schaffen.«
Sie traten durch eine Tür und standen plötzlich im Freien. Es war ein kleiner Innenhof, der an drei Seiten von einer überdachten Veranda umschlossen wurde. In der Mitte des Hofes befand sich ein von einer niedrigen Mauer umfasster Teich. Aus der Mitte des Wassers ragte eine Skulptur aus zahllosen halbnackten Nymphen und wasserspeienden Delfinfiguren, die sich um einen Streitwagen gruppierten, in dem ein muskulöser Mann mit Dreizack zu erkennen war.
»Das scheint der griechisch-römische Teil des Anwesens zu sein«, meinte Peter. »Ist das Neptun oder Poseidon?«
»Ich weiß es nicht und bin mir ehrlich gesagt auch nicht sicher, ob mein Vater es wusste. Es repräsentiert ohnehin eine Periode, für die mein Vater nicht viel übrig hatte.«
Peter sah sich die Figuren näher an. »Es müsste eigentlich aufgrund der Nereiden aus der griechischen Zeit stammen, demzufolge könnte es Poseidon sein, aber vielleicht auch Nereus ... «
»Aber sehen die Delfine nicht minoisch aus?«, wandte Patrick ein.
»Minoisch?« Peter sah auf. »Woher kennen Sie ›minoisch‹?« Seine Augen blitzten schalkhaft.
»Ach, bloß im Urlaub aufgeschnappt.« Patrick winkte grinsend ab. »Das Material hingegen würde ich datieren auf ... .« Er rieb einen Finger am Stein und leckte ihn ab. »Frühes zwanzigstes Jahrhundert. Marmorimitat. Italien. Südhang.« Dann lachte er. »Und sehen Sie mal, warum er so einen gewaltigen Dreizack braucht. Freud hatte recht.« Er wies auf das minimalistisch ausgearbeitete Geschlechtsteil der Figur. »Und das inmitten dieser aufreizenden Gesellschaft. Wie traurig.«
»Vielleicht ist es auch nur natürlich: Wenn es Nereus ist, dann wäre er der Legende nach nämlich der Vater der Nereiden hier.«
»Gut, aber dann stellt sich eine ganz andere Frage: Wie um alles in der Welt hat er das mit dieser Ausrüstung zustande gebracht?«
»Die Götter des Altertums haben noch ganz andere Sachen zustande gebracht. Denken Sie an die Geburt der Athene, oder ... «
»Halt«, unterbrach ihn Patrick lachend, »das reicht, danke.« Er klopfte dem Professor auf die Schulter. »Lassen Sie es für heute gut sein. Und morgen machen wir an dieser Stelle weiter.« Damit ging er Guardner hinterher, der das Gespräch schmunzelnd verfolgt hatte und nun an einer Tür auf der anderen Seite des Hofes wartete.
»Ich sehe schon«, sagte der Alte, »dass Ihnen die Arbeit leicht fallen wird. Ich hoffe, das bleibt auch so, nachdem ich Ihnen morgen die eigentliche Sammlung gezeigt habe.«
Sie betraten einen Gang, dessen Wände mit gerahmten Papyri und großformatigen Fotos ägyptischer Wandmalereien bedeckt waren. Er führte Sie in einen Salon mit Sitzecke und einer zwei Meter hohen Fächerpalme. Neben der Palme stand eine aus dunklem Stein gemeißelte Sitzstatue eines Pharaos.
»Schwarzer Granit. Und sie könnte sogar echt sein«, sagte Patrick, nachdem er mit der Hand prüfend über die verwitterte Oberfläche gefahren war. »Oder gut gefälscht. Wer ist das?«
»Amenophis IV.«, erklärte Peter. »Besser bekannt als Echnaton.«
»Woher wissen Sie das schon wieder?«
»Zunächst einmal ist es eindeutig der naturalistische Amarna-Stil. Außerdem ist Echnaton unverkennbar: Hohlwangig, spitzes Kinn, schmale Augen, eingefallene Brust, hängender Bauch. Er ist es. Und abgesehen davon«, dabei wies er auf eine Reihe mit Hieroglyphen am Fuß der Statue, »steht dort sein Name.«
»Also Peter, erst Tempelritter, Rosenkreuzer, die Kabbala und hebräische Dämonen – und jetzt die ägyptischen Götter ... Sie machen mir Angst.«
»Er war ein Pharao, kein Gott.«
»Wie auch immer.«
»Er war übrigens eine der schillerndsten historischen Gestalten, wussten Sie das? Man nannte ihn auch ... «
»Peter! Heute nicht mehr. Können Sie es sich bis nach dem Frühstück aufsparen? Oh, apropos: Sagen Sie, Mister Guardner, wann und wo werden wir morgen frühstücken?«
»Nur Geduld«, sagte Guardner, »dazu komme ich sofort. Wir sind da.« Er wies auf verschiedene Türen, die in den Salon führten. »Dort befinden sich Ihre Zimmer. Durch diese Tür dort drüben gelangt man in das zentrale Wohnzimmer des Hauses. Von ihm aus kommen Sie auf die Terrasse, und dort werden wir morgen unser Frühstück einnehmen. Ich würde vorschlagen um acht?«
»Das klingt gut«, sagte Patrick, und Peter stimmte ihm zu.
»Dann will ich Sie jetzt allein lassen. Machen Sie es sich bequem. Sollten Sie etwas vermissen, können Sie über die Klingelknöpfe neben den Betten jederzeit Samira rufen. Sie ist meine Haushälterin und wird sich um alles kümmern.«
Peter nickte. »Vielen Dank.«
»Also dann, gute Nacht, Gentlemen.«
»Gute Nacht, Mister Guardner.«
Guardner verschwand durch die Tür, auf die er zuletzt gezeigt hatte, und Peter und Patrick standen allein im ägyptischen Salon.
»Nun, dann wollen wir mal«, sagte Peter und schritt auf die Gästezimmer zu. Links und rechts neben jeder Tür waren senkrechte Bänder mit Hieroglyphen auf den Stein gemalt. Peter betrachtete sie eine Weile.
»Hier steht etwas von ›Haus und Ruhestätte des Horus‹, dann folgt ein Sermon mit seinen Titeln. Interessant.«
»Und bei mir?«
Peter sah sich die Zeichen an. »Das bedeutet ›Haus und Ruhestätte des Seth«, und dann folgen ebenfalls nur seine Titel.« Er zuckte mit den Schultern. »Es sind beides ägyptische Gottheiten. Wir können Mister Guardner ja morgen fragen, ob es eine tiefere Bewandtnis damit hat.« Er griff nach seiner Türklinke. »Ich nehme derweil das Horus-Zimmer.«
»Nun gut«, sagte Patrick. »Und ich begnüge mich mit diesem hier.« Er öffnete die Tür, und reckte seinen Kopf vor dem Eintreten noch einmal zurück und grinste. »Schlafen Sie gut, Horus.«
»Sie ebenfalls.«
Oliver Guardner ging zur Bar im Wohnzimmer und schenkte sich aus einer bereitstehenden Karaffe ein Glas Rotwein ein. Er nahm es in die linke Hand, ergriff mit der Rechten wieder seinen Stock und trat auf die Terrasse. Dort ließ er sich neben einem kleinen Tisch in einen Rattanstuhl sinken und sah über den beleuchteten Pool in den Garten hinaus.
Er dachte zurück an die Jahre seiner Suche. So viel Unglaubliches hatte er gesehen, so viel hatte sich geändert und war doch am Ende gleich geblieben. Und trotz allem, was er erfahren hatte, war ihm immer klar, dass er eigentlich gar nichts wusste.
Er musste nicht lange warten, bis eine Gestalt aus den Schatten der Gärten heraustrat und auf die Terrasse kam. Es war Al Haris. Er sah aus, wie er ihn schon aus den Tagen seiner Jugend in Erinnerung hatte: im Anzug, weißhaarig, weißbärtig, sanft, unnahbar. Er hatte nie verstanden, warum der hünenhafte Mann nicht zu altern schien, doch im Laufe der Jahre hatte er es stillschweigend akzeptiert, bis der Zeitpunkt irgendwann vorüber war, sich zu wundern oder ihn darauf anzusprechen.
»Es ist schön, Sie zu sehen!«, sagte Guardner.
»Ganz meinerseits, alter Freund. Erlauben Sie, dass ich mich zu so später Stunde noch einen Augenblick zu Ihnen geselle?«
»Ich hatte nichts anderes erwartet! Darf ich Ihnen einen Wein anbieten?« Er hob sein Glas. »Ich habe gerade einen Omar Khayyam vom Essen offen, aber ich würde mich auch freuen, einen edlen Tropfen mit Ihnen zu teilen. Etwas Französisches vielleicht?« Er machte Anstalten, sich umständlich zu erheben, doch Al Haris gebot ihm mit einer Hand, sitzen zu bleiben, während er selbst neben ihm Platz nahm.
»Das ist außerordentlich freundlich von Ihnen. Doch nicht heute Abend. Abgesehen davon habe ich meinen Bedarf an den Corbieres in den letzten Jahren ausreichend gedeckt.«
»Ich verstehe.«
»Wann immer ich hier bin, erfreut mich Ihr wundersames Refugium. Das ist heute eine Seltenheit geworden.«
»Die Zeiten haben sich wahrlich geändert.«
»Die Beständigkeit liegt in ihrem steten Wandel. So war es schon immer.«
»Ja.«
Eine Pause trat ein, während der die beiden Männer in den Garten sahen. Guardner war sich bewusst, dass sie sich auf einer Schwelle befanden. Selten zuvor hatte er den Übergang so deutlich gespürt. Wie viel öfter gingen die Dinge einfach ineinander über, und man bemerkte es erst, wenn man mittendrinsteckte, wenn sie unumkehrbar oder sogar bereits vorbei waren. Aber nun saßen sie hier. Am Scheidepunkt.
»Sagen Sie«, fragte Guardner, »ließen Sie den Dingen stets einfach ihren Lauf?«
»Man kann alt werden, so wie Sie und ich«, antwortete Al Haris, »aber man wird niemals alt genug, um mit Sicherheit sagen zu können, in welche Richtung sich die Dinge entwickeln. Alle unsere Vorhersagen bleiben nichts als mehr oder weniger begründete Vermutungen. Wer könnte sich anmaßen, über das Schicksal zu bestimmen?«
»Aber dennoch sitzen wir heute hier.«
»Ja. Doch nicht, um zu richten oder zu lenken. Wir bereiten lediglich einen Weg.«
»Das ist wohl wahr.«
»Wie bereitwillig sind die beiden Ihrer Einladung gefolgt?«
»Ähnlich zurückhaltend, wie zu erwarten war.«
»Halten Sie das für ein gutes Zeichen?«
»Ja, ich denke schon.«
»Das sehe ich ähnlich. Und ich befürworte Ihre Entscheidung. Doch sind Sie sich im Klaren, dass es auch misslingen kann?«
»Ja. Ich weiß. Aber wir müssen es wagen, oder? Mir bleibt leider nicht mehr viel Zeit ... «
Der Weißbärtige sah den Alten voller Wärme an und lächelte. »Das ist kein Fluch, mein Freund. Glauben Sie mir.«
»Ich weiß das wohl. Aber meine Aufgabe muss erfüllt werden. Und wenn ich nicht mehr bin ... « Er zuckte mit den Schultern. »Ich hoffe einfach, dass wir Erfolg haben.«
»Es gab niemals eine bessere Konstellation, so viel ist sicher.«
»Dann vertrauen Sie den beiden?«
Der Hüne schwieg einen Augenblick. »Ich vertraue Johanna«, sagte er dann.
Vor Oliver Guardners innerem Auge tauchte das ebenmäßige Gesicht der jungen Frau auf, die mit einer unbewussten Geste ihr blondes Haar hinter das Ohr schob.
Er nickte und lächelte gedankenverloren. »Wie geht es ihr?«
»Sie lässt Ihnen die besten Grüße ausrichten.«
»Das ist schön. Ich hätte sie gerne noch einmal wiedergesehen. Es ist unendlich schade, dass sie damals Ägypten verlassen und sich anderen Aufgaben in Europa widmen musste. Aber nicht alle Dinge sind den Menschen gegeben, und ich glaube, es ist auch das Beste für mich.«
»Das sieht sie genauso. Es tut mir leid, Oliver.«
Guardner schüttelte den Kopf, wie um eine Erinnerung abzuschütteln. »Nein, es muss Ihnen nicht leidtun. Ich wusste, worauf ich mich einlasse. Und ich habe es keinen Tag bereut.«
Al Haris lächelte. »Es freut mich aufrichtig, das zu hören.«
Guardner nickte und nahm einen Schluck aus seinem Glas. »Morgen zeige ich ihnen die Sammlung.«
»Das sollte außerordentlich interessant werden. Trauen Sie den beiden die Suche zu?«
»Die Suche? O ja, vollkommen. Aber es gehört ja noch mehr dazu. Vieles ist nicht mehr so, wie es vor siebzig Jahren war. Dem Staub der Jahrtausende hat sich in kürzester Zeit Geröll von wenigen Jahrzehnten hinzugesellt. Statt mehr zu wissen als früher, sind wir nur verwirrter als jemals zuvor.«
»Ein ähnliches Gespräch habe ich vor einiger Zeit schon mal geführt.«
»Ist es nicht eine Schande, wie wir unser Erbe verschütten und vergessen? Wie muss es sich für Sie anfühlen?«
Der Weißbärtige schmunzelte. »Sie überraschen mich nach all den Jahren immer wieder. Diese Frage hat mir noch niemand gestellt.«
»Nun?«
»Man muss lernen loszulassen. Wenn Neues kommt, ist manchmal kein Platz mehr für das Alte. Einiges geht verloren und wird wiederentdeckt, anderes bleibt für immer vergessen, sosehr es einem am Herzen liegt. Das ist der Lauf der Dinge. Wem nützt etwas, das niemandem etwas bedeutet?«
»Aber wenn man doch weiß, was etwas bedeuten oder bewirken könnte?«
»Das ist nicht meine Entscheidung.«
»Dann sind Sie Fatalist?«
»Meine Aufgabe ist eine andere als die Ihre.«
»Ja, ganz offenbar ... «
»Grämen Sie sich nicht, Oliver. Es zeigt sich bereits, dass Sie Ihre Aufgabe in dieser Angelegenheit aufs Beste erfüllt haben. Über mich wird erst noch Gericht gehalten werden.«
»Wer könnte über Sie richten?«
»Das Ende.«
»Das Ende ... Fürchten Sie das Ende?«
»Sie scheinen mir heute Abend in einer besonderen Stimmung zu sein.«
Guardner winkte ab. »Grillen eines alten Mannes. Ich hatte nicht erwartet, eine Antwort zu bekommen.«
»Denken Sie bei allen Sorgen über die Zukunft auch an Thot?«
»Ja, Thot wird aufziehen. Thot Wehem Ankh. Es wird sanft beginnen und ein Sturm werden. Wie könnte ich das vergessen. Aber es führt kein Weg daran vorbei.«
»Nein, in der Tat. Es hat bereits begonnen. Und es ist mehr als nur Thot geweckt worden.«
»Das habe ich vermutet. Aber es gibt nichts, das ich dagegen tun könnte. Und am Ende des Tages muss es auch sein. Sonst könnten wir uns niemals sicher sein, ist es nicht so?«
»Das ist wohl wahr ... « Al Haris erhob sich und reichte Guardner zum Abschied die Hand. Der schwere, rotgoldene Ring leuchtete auf. »Ich verabschiede mich. Das Gespräch war sehr aufschlussreich, und es freut mich, Sie in so guter Verfassung und voll Zuversicht und Entschlossenheit vorgefunden zu haben.«
»Ich bin sicher, dass es eine interessante Zeit werden wird.«
»Und wir werden uns vor dem Ende wiedersehen, das verspreche ich Ihnen.«
»Insha'Allah. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch.«
»Auf Wiedersehen, mein Freund.«
Mit ruhigen Schritten entfernte sich der Weißbärtige von der Terrasse und war kurz drauf im Zwielicht der Gärten verschwunden.