Kapitel 7
24. Juli 1940, Keller des Großmeisterpalastes, Rhodos
Als sich die Stimmen der Deutschen entfernt hatten und mit ihnen der letzte Lichtschein ihrer Laternen, holte James eine Kerze aus seiner Tasche, die ihm die Soldaten in die Zelle geworfen hatten. Er fand auch seine Streichhölzer, entzündete eines und sah sich schließlich mit der brennenden Kerze in der Hand im Raum um.
Es war nicht mehr als eine finstere, fensterlose Kammer im Keller. Die Wände waren solide, und außer dem vergitterten Eingang gab es keine andere Öffnung. Das Gitter war neuen Datums, offenbar erst vor wenigen Jahren in die Öffnung zementiert worden, die einst für eine hölzerne Tür vorgesehen gewesen sein mochte. Die Deutschen hatten ein Vorhängeschloss besorgt. Es war nicht groß, und es hielt das Gitter auch nur so lose fest, dass es Spiel hatte und sich sogar einen Zentimeter weit öffnen ließ. Die Freiheit war zum Greifen nah, aber selbst der nur einen Finger breite Stahl war zu stabil, als dass er ihn verbiegen oder brechen könnte. Er trat mit aller Wucht gegen das Metall, riss daran, wütete. Aber alles Rütteln vermochte weder dem Gitter noch dem Schloss irgendeinen Schaden zuzufügen.
Frustriert wandte er sich ab. Die verdammten Nazis hatten ihn nicht nur eingesperrt. Was viel schlimmer war: Sie hatten ihm seine Aufzeichnungen gestohlen, und nach dem, was er gehört hatte, vermutlich die Stele zertrümmert. Der möglicherweise kostbarste Schatz der Menschheit war vernichtet!
Aber es gab eine Chance. Dadurch, dass er den Text kopiert hatte, hatte er ihn auch gelesen! Die Deutschen hatten offenbar nicht geahnt, dass jemand die Hieroglyphenschrift so gut kannte, dass er sie ohne Referenz und Wörterbuch entziffern und verstehen konnte. Sie hatten nicht mit seinem Expertenwissen gerechnet. Natürlich waren ihm nicht alle der mehreren tausend Zeichen geläufig, die man inzwischen kannte. Aber er hatte genug verstanden. Eine Zeichnung war ihm besonders aufgefallen. Er suchte den Boden ab und fand einen Haufen Holzreste, darunter einen Zimmermannsnagel. Dann ritzte er die Zeichnung aus seiner Erinnerung in die verwitterte Steinoberfläche der Wand.
Ja! Das war es. Er betrachtete die Zeichnung eine Weile und erwog verschiedene Gedanken. Es ergab so viel Sinn! Aber es war nur ein weiterer Meilenstein auf dem Weg der Suche. Nun war ihm klar, dass die Lösung nicht auf Rhodos zu finden war.
Er musste hier herauskommen!
Noch einmal ließ er seinen Blick durch den Raum wandern. Aber es war zwecklos. Es gab keinen Ausgang, außer durch das Gitter. Und da er das Schloss weder mit Gewalt noch mit Geschick öffnen konnte, blieb ihm nur, jemanden herbeizurufen, in der Hoffnung, an einen anderen Ort gebracht zu werden und nicht unbemerkt in dieser dunklen Zelle zu verrotten.
Er durchsuchte die Holzreste erneut, bis er ein geeignetes Stück Holz fand, ging damit zum Eingang und begann, mit aller Macht gegen das Gitter zu hämmern, so dass das Scheppern durch den ganzen Keller hallte. Irgendwann, so vermutete er, würde jemand in die Nähe eines Zugangs in die Untergeschosse kommen und den Lärm hören.
Er musste nicht lange warten, bis er einen Lichtschein am Ende des Gangs wahrnehmen konnte. Er rüttelte nur noch einige Male schwach am Gitter, um sicherzugehen, dass man die Geräuschquelle auch finden würde. Dann entfernte er sich ein wenig von der Tür und setzte sich mit dem Rücken an eine Wand.
Einer der italienischen Wachposten kam mit einer Laterne in der Hand durch den Gang, blieb neben dem Gitter stehen und leuchtete in den Raum, in dem eine einzelne Kerze brannte und ein Mann auf dem Boden saß.
»Chi siete? Che fate qui?!«, fragte der Wachposten.
James gab gequälte Laute von sich und hielt sich den Bauch, als sei er verletzt. Er wollte unbedingt, dass der Mann die Tür aufschloss und eintrat.
»Cosa ha? È ferito?«, verlangte der Mann mit der Laterne jetzt, aber James antwortete nicht, sondern ließ sich langsam auf die Seite sinken.
Der Wachmann untersuchte das Vorhängeschloss und zog einen Schlüsselbund hervor. Er probierte einige Schlüssel aus, bis er schließlich einen fand, der passte, und das Schloss sprang auf. Er trat ein und näherte sich behutsam.
Als er direkt vor James stand, holte dieser mit dem Holzstück aus und schlug dem Mann mit seiner ganzen Kraft gegen die Beine. Ein herausstehender Nagel bohrte sich in das Knie des Italieners. Er schrie auf und ging zu Boden.
James sprang auf, packte seine Tasche und rannte los, bis er das obere Ende der Treppe erreicht hatte und, geblendet vom Tageslicht, einen Moment stehen blieb. Es war zwar nur eine kleine Chance, aber vielleicht die einzig sinnvolle, die er hatte: Er würde den Palast verlassen, als sei es das selbstverständlichste der Welt. Er klopfte sich den Staub von der Kleidung und strich sie glatt. Dann bemühte er sich um eine aufrechte Haltung und ging Richtung Ausgang.
James schritt durch das Tor an der Wache vorbei.
Der verdutzte Wächter überlegte einen Augenblick, ob er etwas erwidern sollte, aber dann zuckte er mit den Schultern und ließ den Mann gehen.
Als einige Minuten später helle Aufregung im Palast ausbrach, wurde er sich seiner Nachlässigkeit bewusst und behielt den Vorfall lieber für sich.
5. Oktober 2006, Rhodos Stadt
»Das war ja ein schöner Reinfall«, sagte Patrick, während er seinen Kaffee absetzte und sich zurücklehnte. Nachdem sie aus dem Palast gekommen waren, hatten sie sich von den Menschenströmen auf der Odós Sokrátous treiben lassen und sich schließlich in einem Cafe unter einer großen Platane niedergelassen. Peter hatte seine Pfeife entzündet und sah nun die Einkaufsstraße entlang über die Köpfe der bunten Menge hinweg in die unbestimmbare Ferne.
»Wenn ich bedenke, wie es uns in Frankreich ergangen ist«, fuhr Patrick fort. »Da haben wir uns vor Hinweisen kaum retten können, überall irgendwelche Spinner, die uns etwas erzählen wollten. Aber hier? Erst ein Artefakt, das uns nicht weiterführt, und nun die Stele. Der einzige Hinweis. Und jetzt ist sie kaputt, und die Geschichte ist zu Ende.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung und schüttelte den Kopf. »Ich meine, immerhin haben wir sie überhaupt gefunden, das war verdammt unwahrscheinlich. Aber wir hätten uns auch denken können, dass sie gar nicht mehr intakt ist. Das ist genauso gut, als wenn sie verschollen geblieben wäre. Oder haben Sie noch eine gute Idee? Peter? Haben Sie überhaupt zugehört?«
Peter sah ihn an und hob eine Augenbraue. »Doch. Aber sicher doch. Sie halten die Stele für verschollen.«
»So ähnlich ... «
»Dabei ist es doch faszinierend, finden Sie nicht? Denken Sie darüber nach!« Peter zeigte mit dem Mundstück der Pfeife auf seinen Kollegen. »Jahrhundertelang blieb das Stück unbehelligt. Wahrscheinlich ist der Stein erst wiedergefunden worden, als die Italiener den Palast neu aufgebaut haben. Plötzlich studiert jemand die Inschrift, kopiert Teile davon und schreibt sie an die Wand. Und es kommen Deutsche her – aus welchem Grund auch immer – und zerstören die Inschrift, so dass niemand sie mehr entziffern kann. Was kann man daraus ableiten?«
»Nun?«
»Dass die Stele das ist, wofür wir sie gehalten haben! Was für einen anderen Grund sollte es geben? Es ist doch bekannt, dass die Nationalsozialisten eigene Abteilungen für die Erforschung von mystischen Ursprüngen beschäftigt haben. Die ganze Ideologie des Rassenwahns war durchzogen von esoterischem und pseudohistorischem Gedankengut, die absurden Ideen über eine Herrenrasse und die Allmachtsfantasien, alles war mit Symbolik überladen. Und das bezog sich nicht nur auf die nordische Sagenwelt. Überlegen Sie: der Begriff ›Arier‹. Damit sind Angehörige der indogermanischen Stämme gemeint, die aus dem nahen Osten kommen, dem heutigen Iran und Indien. Man war auf der Suche nach Ursprüngen, die weit in die Frühzeit zurückreichten. Oder das Hakenkreuz, das Swastika, ein arkanes Symbol, das noch heute in östlichen und fernöstlichen Kulturen, sogar im friedvollen Buddhismus zu Hause ist. Die Nazis waren kriminell, ohne Frage, und zugleich endlos verwirrt und auf der Suche nach einer beliebig weit hergeholten Berechtigung für ihren Wahn. Natürlich beschäftigten sie sich mit Legenden und Objekten der Macht. Und die Tabula Smaragdina zählt zu den bekanntesten. Sie waren auf der selben Spur wie wir!«
»Und das finden Sie faszinierend? Das ist doch eher ein Grund mehr, dass wir keine Chance haben, sie jemals zu finden.«
»Sehen Sie nicht so schwarz. Sie haben den Stein gesehen: von Smaragd keine Spur. Als tonnenschwerer Brocken Marmor so gut wie wertlos – aber die Inschrift ist mit Sicherheit gerettet worden, bevor man den Stein zerstörte, damit er niemandem mehr in die Hände fällt.«
»Sie glauben, dass es eine Abschrift gibt?«
»Ich bin mir sehr sicher. Und ich denke auch an die Zeichnung, die wir in der Wand gefunden haben. Außer den Deutschen haben möglicherweise noch andere Leute die Stele gesehen. Kundige Personen, die in der Lage waren, Teile der Inschrift zu kopieren. Oder vielleicht einen wichtigen Hinweis. Vielleicht sogar das wichtigste Detail.« Er holte das Papier hervor, auf das er die Hieroglyphen abgeschrieben hatte. »Sehen Sie?«
Patrick beäugte die Zeichnung. »Was sagt es Ihnen?«
Peter deutete auf die einzelnen Zeichen. »Also wie gesagt: Links steht der Name eines Pharaos, rechts daneben eine Pyramide. Vermutlich stellt sie sein Grabmal dar. Die Pyramide ist stufig, ein deutliches Unterscheidungsmerkmal. Darunter steht noch ein Text, vielleicht auch nur ein Name, etwas Zentrales. Zurück in Kairo werde ich das übersetzen können. Nur zu schade, dass wir nicht den ganzen Text haben.«
Patrick blickte zur Seite. Aus dem Augenwinkel hatte er ein Gesicht gesehen. Einige Tische weiter saß eine blonde Frau, die sich gerade erhob. Patrick stand auf und schob sich zwischen den Stühlen hindurch, versuchte, sie zu erreichen, doch es gelang ihm nicht, sie einzuholen. Als er an den Tisch kam, an dem sie gesessen hatte, war sie bereits verschwunden, in der Menschenmenge untergetaucht. Schon drängten neue Gäste an den freien Tisch, und Patrick nahm nur noch einen Prospekt an sich, den die Frau hier hatte liegen lassen. Einen Moment lang blieb er unschlüssig stehen, versuchte, sie in der Menge ausfindig zu machen. Aber es war aussichtslos, und so kehrte er zu Peter zurück.
»Was war denn los?«, fragte der Engländer.
»Dieses Mal hätte ich schwören können, dass sie es war.«
»Wieder Stefanie?«
»Ja ... Ach, zum Henker!« Patrick holte eine Zigarette aus seiner Tasche und rollte sie auf dem Tisch gerade. »Am Ende werde ich noch zum Romantiker.«
»Was haben Sie denn da mitgebracht?«
Patrick drehte den Prospekt mit einem Schulterzucken in den Händen. »Lag auf dem Tisch.«
»Aber auf Deutsch!«, stellte Peter fest.
»Und wenn schon. Die halbe Stadt ist ja in der Hand deutscher Touristen.«
»Und sehen Sie mal!« Peter deutete auf einen Textabsatz. »Natürlich! Was für eine tolle Idee!«
»Jetzt bin ich aber gespannt.«
»Ich hätte selbst daran denken sollen! Erinnern Sie sich, dass ich Ihnen erzählte, dass die Türken die Insel eroberten und den Orden der Hospitaler vertrieben? Die Sarazenen waren bekannt für ihre Wissenschaft. Sie waren auch hervorragende Geschichtschreiber. Es gibt ausführliche zeitgenössische Berichte über die Belagerung von Rhodos und die Schlacht. Es soll hier in Rhodos eine Türkische Bibliothek geben, wo noch viele dieser alten Handschriften aufbewahrt werden, die nie ins Griechische oder irgendeine andere Sprache übersetzt worden sind. Es ist doch sehr gut vorstellbar, dass man dort einen Bericht über den Palast, die Funde und sogar die Stele findet.«
»Nicht schlecht. Aber dann haben wir ein anderes Problem.«
»Wie das?«
»Die Frau, wegen der ich einen Sommer hier verbrachte, Alina: Sie war türkischer Abstammung, und ihr Vater arbeitete für die besagte Türkische Bibliothek. Sie hat mir das Gebäude gezeigt, es ist nicht weit von hier, die Straße hinauf.«
»Na, das klingt doch hervorragend!«
»Aber der Zutritt ist strengstens untersagt. Man müsste außerordentlich gut mit der türkischen Gemeinschaft hier verbunden sein, um da reinzukommen.«
Peter hob eine Augenbraue.
»Was?«, fragte Patrick. »Was sehen Sie mich so an?«
Wenig später waren sie auf dem Weg durch die Gassen.
»Ich halte das für keine gute Idee ... «, sagte Patrick.
»Aber sicher doch. Sie wird sich freuen, Sie wiederzusehen – oder etwa nicht?«
»Ich weiß nicht einmal, ob sie noch hier wohnt.«
»Einen Versuch ist es wert«, beharrte Peter gutgelaunt. »Denken Sie daran, wie wichtig die Stele ist!«
»Außerdem war unser Abschied ... na ja, nicht gerade freundschaftlich.«
»Ein Grund mehr, etwas gutzumachen!«
»Ich glaube nicht, dass sie der Meinung ist, etwas gutmachen zu müssen.«
»Nun, es gehören immer zwei dazu, nicht wahr? Und außerdem: Wenn einige Zeit vergangen ist, glätten sich alle Wogen. Sie werden sehen.«
Patrick lachte auf. »Sie kennen sie nicht.«
Als sie das Haus gefunden hatten und Patrick geklingelt hatte, öffnete eine alte Frau, die den Franzosen erst einen Augenblick musterte, bis ein Strahlen des Erkennens ihr Gesicht überzog und sie ihn in gebrochenem Englisch freudig begrüßte.
Peter blieb ein wenig abseits stehen, bis Patrick ihn herbeiwinkte und vorstellte.
»Es tut mir leid, aber Alina ist nicht mehr hier«, erklärte die Frau den beiden dann und bemühte sich zu erläutern, dass ihre Tochter Rhodos verlassen hatte und auf dem Festland studierte. Dennoch bat sie die Gäste herein. Das altertümliche Haus war verwinkelt, und eingekeilt zwischen den restlichen Gebäuden der Gasse machte es einen geduckten Eindruck. Das Mobiliar war bescheiden, aber durch das durch die kleinen Fenster einfallende Licht wirkte es anrührend gemütlich. Alinas Mutter ließ die beiden auf einem Sofa Platz nehmen und servierte ihnen Tee. Dann hörte sie sich ihre Geschichte an. Patrick stellte Peter als bedeutenden englischen Historiker vor, der ganz verzweifelt war, dass das wichtigste Stück seiner Forschung anscheinend von Nazis zerstört worden war. Daraufhin erging sich die Frau in langen und mürrischen Ausführungen über die Besatzer, die Italiener und die Deutschen, und was sie damals angerichtet hätten, über ihre eigene Jugend auf der Insel und wie sich alles seither verändert hätte. Patrick erzählte von ihrem Fund, dem zerstörten Stein, und dass Peter nun seine ganzen Forschungen einstellen müsse, wo er doch an einem Buch über die Geschichte der Insel arbeite. Wie schade es sei, dass keine Zeugnisse aus der damaligen Zeit überlebt hätten.
»Aber ja doch«, warf sie ein. »Wir haben Turkiki Bibliothiki! Viele Bücher, alte Bücher!«
Peter gab sich interessiert, aber zurückhaltend und fragte nach, bis die Frau begeistert von den Schätzen in der Türkischen Bibliothek sprach. Als sie erwähnte, dass die Faschisten die Bücher nicht bekommen hatten und dass auch heute niemand Zugang zu ihnen habe, lehnte sich Peter betont resigniert zurück.
»Sie wollen sehen?«, fragte die Frau plötzlich mit einem verschwörerischen Seitenblick.
Peter und Patrick sahen sich an, gespielt unsicher und ungläubig. Aber die Alte stand bereits und legte ihre Hand auf die Schulter des Professors. »Sie kommen. Ich zeige Ihnen.«
Dann führte sie die beiden durch die Straßen. Unterwegs redete sie ohne Unterlass darüber, dass niemand die Bücher zu schätzen wisse. Es gäbe nur dumme Touristen, die zwar gutes Geld brächten, aber keinen Sinn für die Geschichte hätten und die Bibliothek nicht zu würdigen wüssten. Sie sei verschlossen, und vielleicht würde irgendwann einmal ein öffentliches Museum daraus gemacht werden, aber es fehle an den Mitteln, um alles zu konservieren, und es sei ja so viel, und niemand wolle sich darum kümmern.
Sie erreichten schließlich ein Gebäude, das sich äußerlich durch nichts von den umgebenden, mittelalterlich anmutenden Häusern unterschied. Lediglich ein kleines Schild neben dem Eingang wies es als Türkische Bibliothek aus. Die Frau zog einen Bund hervor, an dem sie eine Weile den richtigen Schlüssel suchte. Dann öffnete sie die metallbeschlagene Holztür, und sie traten ein.
Vor ihnen lag ein langgezogener Raum mit verhältnismäßig niedriger Decke, wie man es von einem mittelalterlichen Saal erwarten würde. In der Luft hing ein schwer bestimmbarer, würziger Geruch, eine Mischung aus salzigem Rauch und etwas leicht Süßlichem. Den gesamten Fußboden bedeckte ein gewaltiges Mosaik, das aus präzise geformten weißen und schwarzen Steinchen gefertigt war und kunstvolle Muster und Ornamente darstellte. In der Mitte stand ein langer Tisch, von zahllosen Stühlen umgeben. Hier setzte man sich anscheinend hin, um die Bücher zu studieren. Die Bücher, die in einer nicht enden wollenden Reihe von Schränken und Vitrinen die Seiten des Raums säumten. Hinter Glas lagen und standen Werke aus fünf Jahrhunderten, in Leinen und Leder gebunden, bedeckt mit goldenen arabischen Schriftzeichen, zum Teil auf Seide gebettet, zum Teil aufgeschlagen und mit prächtigen Farben illuminiert.
»My goodness!«, entfuhr es Peter. »Was für ein Schatz!« Bewundernd schritt er die Vitrinen ab und begutachtete die antiken Schriften.
»Ist es wahr«, fragte Patrick derweil die stolz lächelnde Frau, »dass es hier einen alten Bericht über die Belagerung von Rhodos gibt?«
»Ich weiß nicht«, erklärte sie. »Aber ich zeige Ihnen ein sehr altes Buch!« Sie führte Patrick zu einem verglasten Schrank und gab ihm zu verstehen, dass dies das älteste Buch in der Bibliothek sei.
»Kommen Sie hier herüber, Peter«, rief der Franzose, und kurz darauf nahm Peter das Exponat in Augenschein. Es war ein schweres Werk, in Leder gebunden, im Format eines wuchtigen Bildbandes oder Atlanten und lag auf einem Kissen aus dunkelrotem Brokat.
»Es sind arabische Schriftzeichen«, sagte Peter, »aber ob es der türkische Bericht ist, kann ich nicht sagen ... Meinen Sie, wir könnten das Buch herausholen und es uns ansehen?«
Die Frau hatte die Frage an Patrick offenbar ebenfalls verstanden, schüttelte energisch den Kopf und wich zurück. Peter hatte nichts anderes erwartet. Natürlich waren so alte Dokumente sehr kostbar und zerbrechlich. Aber andererseits war dieses Manuskript gerade einmal halb so alt wie das berühmte Book of Kells im Trinity College, und auch das wurde in regelmäßigen Abständen umgeblättert, damit den Besuchern immer andere Seiten präsentiert werden konnten. Und er selbst hatte am Museum auch schon mit weit älteren Handschriften gearbeitet. Er wollte sich schon resigniert abwenden, als die Frau eine Schublade aufschloss und etwas darin suchte. Dann holte sie ein Paar weiße Handschuhe hervor und reichte sie ihm. Anschließend öffnete sie das kleine Schloss der Vitrine und hob den Glasdeckel hoch. »Sie Professor«, raunte sie ihm zu. »Sie sehen.«
Peter bedankte sich, zog die Handschuhe über und hob das Buch behutsam von seinem Bett. Die Frau breitete ein schwarzes Samttuch auf dem Tisch aus, auf dem Peter das Buch ablegte. Dann setzte er sich davor und begann, es vorsichtig Seite für Seite durchzublättern.
Es war in bemerkenswert gutem Zustand, und es zu lesen und zu berühren war eine reine Freude. Jedes der übergroßen Blätter war mit einem aufwendig gezeichneten Rand umgeben, in dem sich Weinranken, Blumen und Tiere erkennen ließen. Die mehrfarbig geschriebenen, arabischen Texte wirkten wie komplex gewebte, exotische Stickereien und machten jede Seite des Buchs zu einem einzigartigen Kunstwerk. Immer wieder unterbrachen großformatige Illuminationen den Textfluss, und hier wurde deutlich, dass das Manuskript tatsächlich die Geschichte der Eroberung der Stadt Rhodos erzählte. Es fanden sich Bilder der türkischen Schiffsflotte, des Hafens, der Belagerung, der Ritter mit den wehenden Fahnen des Johanniterordens, es folgten Darstellungen von brennenden und einstürzenden Gebäuden, es war eine Burg zu sehen, offenbar der Großmeisterpalast und ganz anders dargestellt, als er heute aussah. Auf weiteren Zeichnungen waren Verhandlungen wiedergegeben, der Auszug der Ritter aus der Stadt in langen Märschen, einige Impressionen von Ruinen und Trümmern, aber auch Abbildungen von Steinmetzarbeiten an Häuserfronten, Säulen, Arkaden und Statuen. Zum Ende hin entwickelte sich das Buch anscheinend zu einer Bestandsaufnahme nach der Eroberung der Insel. Und dann kam die Seite, auf die Peter gehofft hatte. Als er sie aufblätterte, entfuhr ihm ein ehrfürchtiges Seufzen.
Er hatte sie gefunden!
Die Seite wurde ausgefüllt von der Zeichnung einer Steintafel mit ägyptischen Schriftzeichen. Es war die Stele, deren Inschrift hier minutiös wiedergegeben war. Hier, direkt unter Peters Fingern, befand sich ein Abbild der berühmtesten Steintafel der Geschichte, wenn man einmal von den Gesetzestafeln Moses' absah. Dies war die wahre Tabula Smaragdina, jener Quell sagenhafter Rätsel, unendlicher Weisheit und unermesslicher Macht! Auf diesem Text beruhte ein Großteil der abendländischen Esoterik. Vermutlich niemals richtig übersetzt oder jemals verstanden und über Jahrhunderte verloren, lag sie nun direkt vor ihm!
Mit feinsten Linien, wie in einer Radierung, waren die winzigsten Details der Hieroglyphen zu erkennen, selbst Haarrisse in der Oberfläche des Steins waren kopiert worden. Peter staunte über die Meisterschaft, mit der hier gearbeitet worden war. Auch im Book of Kells fanden sich winzige Ornamente, die dem Evangelium im Mittelalter den Ruf eingetragen hatten, das Werk von Engeln zu sein, denn man glaubte, niemand anders sei zu solcher Kunst fähig. Aber die Abbildung der Stele, die Peter vor sich sah, übertraf jene Zeichnungen bei weitem.
Patrick, dem die Alte in der Zwischenzeit Stifte und Papier besorgt hatte, reichte das Material seinem Kollegen, der es erst eine ganze Weile später bemerkte, da er so ergriffen von der Betrachtung der Abbildung war. Dann nahm er die Utensilien und begann mit der akribischen Abschrift der Stele.
Erst drei Stunden später verließen sie die Bibliothek.
Am nächsten Morgen trafen sie sich am Empfang des kleinen Hotels. Peter saß auf einem lederbezogenen Stuhl, die Reisetasche neben sich auf dem Boden, und studierte seine Notizen. Als er Patrick sah, stand er auf.
»Guten Morgen, Peter«, grüßte ihn der Franzose. »Haben Sie schon ausgecheckt?«
»Noch nicht.«
Patrick ging zum Empfangsschalter, woraufhin eine junge Frau aus einem Nebenraum kam und seinen Schlüssel entgegennahm. Sie hantierte hinter dem Tresen und holte dann eine hölzerne Schachtel hervor, etwa so groß wie ein Schuhkarton.
»Dies ist heute Morgen für Sie abgegeben worden.«
»Für mich? Von wem ist es?«
»Der Mann ist sofort wieder gegangen. Er hat nicht gesagt, wie er heißt.«
Patrick nahm die Box entgegen, als Peter neben ihn trat. Sie war überraschend leicht und mit einigen Strängen aus Kordel oder Bast umwickelt. Auf der Oberseite prangten in das Holz eingebrannte Hieroglyphen.
»Sehen Sie sich das an, Peter!«
Peter zog seine Brille hervor und betrachtete die Zeichen, während Patrick die Schnüre löste. Schließlich hatte der Franzose den letzten Knoten geöffnet und hob den Deckel der Schachtel an. In der Box sahen sie einen Beutel aus schwarzem Leinen, der auf einem Bett aus feinem Sand lag. Der Beutel war ebenfalls mit einer Kordel zugebunden, die mit einem dunkelroten Siegel zusammengehalten wurde. In der erstarrten Masse waren altägyptische Zeichen zu sehen.
Ohne den Beutel anzuheben, untersuchte Peter das Siegel.
»Das ist kein gutes Zeichen«, sagte er dann.
»Kennen Sie es?«
»Sehen Sie den liegenden Hund im oberen Teil? Das ist Anubis, der Hüter des Totenreichs ... «
»Das ist mir inzwischen bekannt.«
»Ach, tatsächlich? Nun, darunter erkennt man neun kniende Gefangene. Sie repräsentieren die Feinde Ägyptens. Dies ist das Siegel einer Nekropole, wie man es in Theben verwendet hat. Mit diesem Zeichen hat man Gräber und Sarkophage versiegelt.«
»Wollen Sie damit sagen, dass uns jemand ein paar alte Knochen geschickt hat?«
»Ich weiß es nicht, aber ich würde vorsichtig sein ... «
»Ach was«, meinte Patrick, der sich nun am Siegel zu schaffen machte. »Vielleicht ist es ja auch ein Grabschatz?« Mit diesen Worten brach er das Siegel und löste die Schnüre. Dann öffnete er den Beutel und sah hinein.
Mit einem aggressiven Fauchen stieß der Kopf einer Schlange hervor. Patrick konnte gerade noch rechtzeitig seine Hand wegreißen. Die Dame hinter dem Tresen stieß einen entsetzten Schrei aus. Peter, der direkt neben der Schachtel stand, war wie erstarrt und sah mit großen Augen das Reptil an, das sich langsam aus dem Beutel schlängelte und sich bedrohlich zischend aufrichtete.
»Merde!«, rief Patrick atemlos. »So eine Scheiße! Peter, gehen Sie zur Seite!«
Peter konnte seinen Blick nicht von der Schlange nehmen. Sie fixierte ihn, fauchte, züngelte und schien ihn mit den schwarzen Punkten ihrer Augen zu durchdringen.
»Peter! Gehen Sie beiseite!«
Mit größter Mühe gelang es dem Professor, einen klaren Gedanken zu fassen. Dennoch schien es ihm, als könne er sich lediglich in Zeitlupe bewegen. Er setzte ein Bein nach hinten, beugte sich dann zurück und rückte so einen halben Meter von dem Tier fort.
Nun standen sie beide außerhalb der Reichweite des Reptils, das weiterhin in seiner Drohgebärde aufgerichtet war.
»Was ist das für eine Schlange?«, fragte Peter. »Ist sie giftig?«
»Nur weil ich schon mal im Urwald war, bin ich noch lange kein Fachmann für dieses Viehzeug! Ich habe jedenfalls keine Lust, es auszuprobieren.«
»Sollen wir die Polizei holen?«
»Na klar, dann greifen Sie doch mal zum Telefon. Ist direkt hinter dem Tresen.«
»Machen Sie doch einen besseren Vorschlag.«
»Bleiben Sie einfach ruhig stehen«, sagte Patrick und entfernte sich rückwärts. Dann ging er in einem großen Bogen um den Tresen herum. »Und jetzt zappeln Sie ein bisschen herum.«
»Herumzappeln ?«
»Ja, lenken Sie das Biest ab. Nun machen Sie schon!«
Peter machte unbeholfene Handbewegungen in Richtung der Schlange, und tatsächlich drehte sie ihren Kopf zu ihm herum und fauchte erneut.
»Ist wohl ein richtig aggressives Vieh«, meinte Patrick, der sich nun hinter dem Tresen an die Schachtel herangeschlichen hatte. Dann griff er plötzlich nach vorn und versetzte dem Deckel einen Schlag, so dass er zuklappte. Die Schlange war wieder in der Box gefangen.
»Ein Geschenk von Herzen, würde ich sagen«, bemerkte Patrick.