Kapitel 8


7. Oktober 2006, Ordensbaus des O.T.M.A, Kairo


Schwester Lilith betrat den Meistersaal des Ordens und ging auf die drei Männer zu, die an der Stirnseite des großen Raums an einem Tisch saßen und ihr entgegenblickten. Sie waren in schwarze Roben gekleidet, jede mit einer Kapuze, so dass das Gesicht im Schatten lag. Lilith lächelte in sich hinein: Ironischerweise eiferten die Brüder damit den Traditionen christlicher Mönche nach – alles, um einen Anschein von Weisheit und Bedeutsamkeit zu schaffen.

Ein einzelner Stuhl stand vor den Anwesenden wie eine stille Aufforderung. Sie setzte sich.

Der Mann in der Mitte war Frater Apophis. Er bedachte Lilith mit einem langen Blick, den sie ruhig erwiderte. »Wir haben dich gerufen«, sagte er schließlich, »um über deine Geisteshaltung zu sprechen.«

Sie nickte. Sie hatte nichts anderes erwartet.

»Seit du bei uns bist, hast du alle Belehrungen sehr aufmerksam verfolgt, du hast deinen Grad schneller erreicht als jeder andere Bruder und jede andere Schwester vor dir. Du hast eine Gabe, Schwester Lilith.«

Wieder nickte sie.

»Wir haben uns beraten«, fuhr der Mann fort. »Schon seit einiger Zeit reden wir darüber. Wir möchten dich in den nächsten Grad einweihen. Mehr als jeder andere strebt dein Geist nach Weisheit.«

Lilith wartete, dass er endlich zum Punkt kommen würde.

»Du kennst die Bedingungen und Rituale, Schwester, und es sind nicht nur Traditionen. Sie leiten sich direkt von unserem Meister her, und es gibt keinen Weg, wie wir von ihnen abweichen können.«

Dieses Mal nickte sie nicht.

Frater Apophis beugte sich nun ein wenig vor und legte den Kopf schief. Er versuchte, ein gütiges Lächeln auf sein Gesicht zu legen. »Schwester Lilith, du hast dich an den gemeinsamen Riten und Einweihungen bisher nicht beteiligt. Die Gemeinde vermisst dich und deine Liebe. Ohne diese Einweihungen können wir unseren gemeinsamen Geist nicht teilen. Etwas in dir ist nicht gelöst, nicht bereit zu empfangen. Und das bereitet uns Sorge. Es ist doch dein Wille, dich weiterzuentwickeln, nicht wahr?«

Lilith sah von einem der Männer zum anderen. Sie kannte sie alle drei. Jeder doppelt so alt wie sie selbst, maßten sie sich ein mystisches Hoheitswissen an, dessen Grundlagen sie bereits nach wenigen Wochen erfasst und schnell durchleuchtet hatte. Der Gründer der Ordens hatte Belehrungen zusammengetragen, die in ihrer Fülle erstaunlich waren, aber deren Tiefe und Weisheit vieles vermissen ließen. Es war ein absonderliches Potpourri aus verschiedensten religiösen Ansätzen, philosophischen Ideen aus allen Jahrtausenden und hausgemachter Küchenmystik. Diese alten Herren hatten nichts, was sie ihr geben konnten, und sie hatte nicht vor, sich ihnen durch die erwähnten Riten zu übergeben. Sie hatte geahnt, dass sie das Spiel nicht ewig würde treiben können.

»Es ist mein Wille, mich weiterzuentwickeln«, antwortete sie, »ich teile meine Liebe mit der Welt, und ich würde sie verraten, wenn ich meine Brüder und Schwestern bevorzugte. Ich kann, ja darf sie nur alle gleich behandeln, ohne mir durch meine Ungerechtigkeit große Schuld aufzuladen.«

Frater Apophis nickte lächelnd.

»Aber weil ich meine Liebe nicht mit der ganzen Welt teilen kann«, fuhr sie fort, »darf ich sie, um der Gerechtigkeit willen, niemandem auf eine andere Art zukommen lassen. Ich muss alle gleich lieben, und dies kann nur eine geistige Liebe sein.«

Der Vorsitzende bedachte die anderen beiden Männer mit einem Seitenblick und hochgezogenen Augenbrauen. Sie schwiegen weiterhin, einer zuckte mit den Schultern, dann nickte er leicht. Der andere tat es ihm gleich.

»Du bist reichlich spitzfindig«, erwiderte Frater Apophis nun, und aus einer Stimme klang Verärgerung. »Wir werden darüber beraten müssen. Und während dieser Zeit sollst du eine Aufgabe für uns übernehmen.

»Nur, wenn sie meinem Willen entspricht«, entgegnete sie.

»Das wird sie«, sagte der Mann mit einem drohenden Unterton, »denn es ist dein Wille, dir keine Feinde zu machen. Noch schützt dich deine scharfe Zunge und unser Schwur allen Brüdern und Schwestern gegenüber. Aber deine Mitgliedschaft kann schneller vorbei sein, als du vielleicht ahnst. Also wirst du tun, was wir dir auftragen.«

Innerlich zuckte sie zusammen. Hier war also die Grenze. Sie gab im Grunde nicht viel auf die Drohungen dieser Leute, aber sie wollte selbst entscheiden, wann und wie sie sich von diesem Mummenschanz zurückzog. Eine Schar religiöser Eiferer wollte sie ungern an ihren Fersen haben. Daher hörte sie sich an, was der Vorsitzende des Ordens ihr zu sagen hatte.


7. Oktober 2006, Guardner Residence, Kairo


Am frühen Nachmittag trafen sie sich im Salon. Oliver Guardner saß am Kopfende des Tisches, während ihn Peter und Patrick flankierten. Peter hatte eine Sammlung von Papieren dabei und breitete sie vor sich aus.

»Wir haben eine große Menge Informationen gesammelt«, sagte er an den Alten gewandt, »und möchten Ihnen den Stand mitteilen. Außerdem haben wir Fragen, bei denen Sie uns vielleicht behilflich sein können.«

»Ich werde mein Bestes tun«, erwiderte Guardner.

»Unsere Reise nach Rhodos war sehr erfolgreich. Ich habe die Zeit gestern und heute genutzt, um das Material zu studieren, und nun können wir Ihnen mehr über die Suche Ihres Vaters sagen.«

Peter schob das Blatt nach vorn, auf dem er die Abschrift der Stele angefertigt hatte. »Wie wir vermutet hatten, gab es die Stele tatsächlich, die in dem Guillaume des Baux Codex, dem Verhörprotokoll des Templers, als Tabula Smaragdina bezeichnet wurde. So sah sie einmal aus, aus grünem Marmor und umfangreich beschriftet. Sie wurde von den Johannitern im Großmeisterpalast aufbewahrt. Dort ist sie auch verblieben, nachdem die Ritter von den Türken im 16. Jahrhundert vertrieben wurden. Wir haben die Stele in einem Keller des Palasts gefunden. Leider war sie vollkommen zertrümmert, so dass auch die Inschrift nicht mehr zu identifizieren war.«

»Dann hat man sie mutwillig zerstört?«

»Das lässt sich annehmen. Als Patrick und ich die Teile zusammengesetzt hatten, war zu erkennen, dass man nicht nur die Hieroglyphen herausgeschlagen hatte – tief in die Oberfläche war ein großes Hakenkreuz eingemeißelt.«

»Ein Hakenkreuz, sagen Sie?« Guardner horchte auf.

»Ja. Fragen Sie mich nicht, wie es dort hinkam. Vielleicht waren es die Deutschen, die Rhodos gegen Ende des Krieges eine Zeit lang besetzt hatten. Aber darüber lässt sich nur spekulieren. Irgendjemand scheint die Stele jedenfalls vor nicht allzu langer Zeit gefunden zu haben. Aber darauf komme ich noch. Viel interessanter ist, dass wir in der Türkischen Bibliothek von Rhodos glücklicherweise einen Bericht aus dem 16. Jahrhundert fanden, der eine exakte Abbildung der Stele enthielt.« Er deutete auf das Blatt. »Dies ist eine Abschrift davon.«

Guardner lächelte, während er der Erklärung lauschte und die Zeichnung betrachtete. Fast schien es, als erkenne er darin etwas lange Verlorengegangenes. Vielleicht war es eine Erinnerung an seinen Vater und das Bewusstsein, dass dieses Bild ihn seinem Vater und dessen Suche nahebrachte.

»Wie Sie sehen«, fuhr Peter fort, »enthält die Stele als zentrales Motiv tatsächlich jene Pyramide, das Auge und die Strahlen, die von der Sonnenscheibe Aton ausgehen. So ähnlich war das auch in dem Papyrus abgebildet, den Ihr Vater aus dem Grab Tutanchamuns erhalten hatte. Ich habe den Text übersetzt, und was sich daraus ergibt, ist erstaunlich.« Peter zog ein weiteres Papier hervor und setzte seine Brille auf. »Es beginnt mit den Worten


Der Bericht von seiner Majestät, dem König von Ober- und Unterägypten, Starker Stier, groß an Königtum in Achetaton, geliebt von Aton, Echnaton, möge er leben in alle Ewigkeit.


Das geht noch eine Weile so weiter, der Text führt alle möglichen Titel und Ehrenbekundungen über Echnaton auf, wie es damals üblich war. Und dann geht es über in eine Erzählung. Hier:


Der unsterbliche und von Aton geliebte Herrscher, Echnaton, er spricht:

In jungen Jahren wandelnd in der Stadt der Toten,

nahe dem ewig fortwährenden Djoser mit wahrer Stimme.

Die Hand auf der Spitze seines Hauses der Ewigkeit,

geschaffen durch den von Aton berührten Ersten unter dem

König von Unterägypten und Hohepriester, Imhotep.

Die Weisheit Atons trat in mich ein.

Sonnenstrahlen, Arme des einzig ewigen Aton.

Und ich sah alle Wahrheit der Welt, sicher und ohne Lüge.


Ist das nicht fantastisch?« Peter sah über den Rand seiner Brille hinweg zu den beiden Männern. »Wir haben hier also tatsächlich einen Bericht über eine Erleuchtung gefunden, ähnlich, wie wir es von der Stele von Thutmosis IV. kennen. Sie wurde zwischen den Pfoten der Sphinx gefunden und enthielt einen ähnlichen Text.«

»Ich habe noch nicht genau verstanden, was da passiert sein soll«, sagte Patrick. »Werden Sie daraus schlau?«

»Aber ja«, bestätigte Peter. »Es ist ganz offensichtlich. Sehen Sie: In jungen Jahren wandelnd in der Stadt der Toten, nahe dem ewig fortwährenden Djoser mit wahrer Stimme. Das bezieht sich auf die Nekropole Sakkara, wo sich das Grab Pharao Djosers befindet. Mit wahrer Stimme ist ein ehrenvoller Hinweis darauf, dass er gestorben ist und im Totengericht für ehrlich befunden wurde. Echnaton hat also einen Spaziergang in Sakkara unternommen, in der Nähe der Stufenpyramide Pharao Djosers.«

»Ist das eine besondere Pyramide?«, fragte Patrick.

»Ich komme gleich darauf«, sagte Peter. »Gehen wir zunächst weiter im Text: Die Hand auf der Spitze seines Hauses der Ewigkeit. Das ist eine Umschreibung für eine Pyramide. Er hat mit der Hand die Spitze der Pyramide berührt. Geschaffen durch den von Aton berührten Ersten unter dem König von Unterägypten und Hohepriester, Imhotep. Hier weist er darauf hin, dass Djosers Pyramide von Imhotep erbaut wurde, und er nennt ihn von Aton berührt, sagt also, dass bereits Imhotep von Aton auserwählt oder erleuchtet war.«

»Bevor jetzt noch mehr Namen kommen, könnten Sie mir kurz einen Überblick geben, wovon wir hier überhaupt sprechen?«

»Natürlich. Sehen Sie: Echnaton lebte etwa 1350 vor Christus, in der so genannten achtzehnten Dynastie. Die Pyramide von Pharao Djoser hingegen ist aus der dritten Dynastie, etwa aus dem Jahr 2600 vor Christus. Zu dem Zeitpunkt, als Echnaton also durch Sakkara spazierte, war die Pyramide bereits über 1300 Jahre alt. Der genannte Imhotep, auf den ich ebenfalls noch zu sprechen komme, war ein Gelehrter zur Zeit Djosers, sogar so etwas wie sein Wesir, sein oberster Kanzler und unter anderem Arzt und Baumeister.«

»Aha. Okay, alles klar. Erst mal weiter.«

»Gut, also Echnaton hat die Spitze der Pyramide berührt, die der von Aton erleuchtete Imhotep gebaut hat. Und dann passiert es: Die Weisheit Atons trat in mich ein. Sonnenstrahlen, Arme des einzig ewigen Aton. Und ich sab alle Wahrheit der Welt, sicher und ohne Lüge. Er wird von Aton erleuchtet, und er beschreibt Strahlen, die wie Arme aussehen. Nun wird die Zeichnung auf der Stele klar. Den Gott Aton gab es auch schon vor Echnaton als personifizierte Sonnenscheibe, aber erst seit Echnaton wurde Aton mit diesen Ärmchen dargestellt.«

»Sie glauben, Echnaton hat so eine Art mystischen Flash bekommen?«

»Es klingt ganz danach, nicht wahr? Erinnert Sie die Beschreibung nicht an unsere Höhle in Südfrankreich?«

»Ich weiß nicht ... «

»Der Text geht nämlich noch weiter«, fuhr Peter fort, »und nun wird es erst richtig deutlich. Hören Sie:


Das, was unten ist, ist wie das, was oben ist,


so werden die Wunder des Einen zustande gebracht.«


»Ich verstehe nicht ... «

»Erinnern Sie sich, was ich Ihnen über die sagenumwobene Tabula Smaragdina erzählte, jene Tafel, die die Weisheit der Welt enthalten haben soll, das gesamte magische und alchimistische Wissen, die Anleitung, wie Blei in Gold zu verwandeln ist? Nun, der angebliche Text dieser Tafel wird in der esoterischen Tradition seit vielen Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden mit exakt diesen Eröffnungsworten überliefert: Dies ist die Wahrheit, sicher und ohne Lüge: Das was oben ist, ist wie das, was unten ist.«

»Sie meinen also, die Stele des Echnaton ist tatsächlich der Ursprung für die Tabula Smaragdina?«

»Ja, und das, obwohl die Stele so lange verborgen war und man erst seit Champollion, also seit dem 19. Jahrhundert, Hieroglyphen entziffern kann! Der Text geht auch entsprechend weiter und endet mit den überlieferten Worten der Tafel: Auf diese Weise wurde die Welt geschaffen. Das, was ich über das Werk der Sonne, des Einen, erfahren habe, ist beendet.«

»Das ist tatsächlich eine aufregende Erkenntnis!«, sagte Guardner. »Dann war mein Vater auf der richtigen Spur ... «

»Ja. Er suchte das Wissen der Welt, den okkulten Ursprung der Magie – und die Tabula Smaragdina hat ihn nach Ägypten geführt. Der Fund des Papyrus von Tutanchamun hat ihm bewiesen, dass es einen solchen Text tatsächlich gegeben hat, und zwar aus der Zeit des unerklärlichen Echnaton. Die Puzzlestücke passten alle zusammen, nur dass Ihr Vater seine Suche nicht in Rhodos fortsetzen konnte.«

»Was meinten Sie vorhin, als Sie zu Monsieur Nevreux sagten, die Beschreibung erinnere an die Höhle? Was hat es damit auf sich?«

»Nun, die Höhle hatte – wie soll ich es ausdrücken – einen außergewöhnlichen Effekt auf ihn.« Peter sah zu Patrick hinüber, aber der machte keine Anstalten, etwas dazu zu sagen. »Es handelte sich um eine Art Bewusstseinserweiterung, wenn Sie so wollen«, fuhr Peter daher fort. »Beim Betreten der Höhle wurde auf eine Weise, die wir nicht verstehen konnten, ein Wissensspeicher aktiv, der direkt auf Patrick einwirkte.«

Guardner sah Peter fragend an. »Ein Wissensspeicher?«

»Ich hätte so etwas vor einiger Zeit selbst nicht für möglich gehalten, tatsächlich kann ich es heute noch nicht ganz glauben, aber etwas wirkte dort, irgendeine Macht, eine Technologie oder Sonst etwas. In jedem Fall klingt die Beschreibung Echnatons nach einem ähnlichen Phänomen.«

»Sie vermuten also«, fasste der Alte zusammen, »dass mein Vater auf der Spur eines Archivs des Wissens war. Etwas, das bei Echnaton eine Art mystisches Erlebnis verursachte, woraufhin dieser seine Religion und seine Kultur verändern wollte. Ein Erlebnis, dessen grundlegende Lehren Echnaton auf einer Stele festhielt, die schließlich Hunderte und Tausende von Jahren später als die mystische Tabula Smaragdina bekannt wurde.«

»Ja, genau so ist es.«

»Weiterhin sagen Sie, dass Echnaton das Erlebnis darauf zurückführt, dass er die Spitze der Pyramide des Djoser berührte.«

»Das ist richtig.«

»Nun wissen Sie sicherlich, dass die Pyramide des Djoser gar keine Spitze besitzt.«

»Dann wäre es genau genommen keine Pyramide«, warf Patrick ein, »sondern ein Pyramidenstumpf«

»Ja, das stimmt«, erklärte Peter. »Die Pyramide des Djoser ist bekannter unter dem Begriff ›Stufenpyramide‹. Und damit kommen wir zu einem weiteren interessanten Punkt!« Er suchte ein anderes Blatt Papier und legte es vor Oliver Guardner. »Ich erwähnte vorhin, dass die Stele im Keller des Palasts von Rhodos offenbar in neuerer Zeit gefunden worden ist. Das zeigte uns nicht nur das darauf eingemeißelte Hakenkreuz, sondern auch diese Zeichnung, die wir an einer Wand der Kellergewölbe gefunden haben. Sie war mit Sicherheit keine hundert Jahre alt, geschweige denn älter, vermutlich hat sie also jemand angebracht, der die Stele noch im Urzustand gesehen hat, denn sie nimmt auf den Text Bezug. Sehen Sie sie genau an!



Das Linke ist der Name eines Pharaos, und zwar in der Form, wie man den so genannten Horusnamen schrieb. Der Name, der dort steht, ist Hor Netjer-I-Chet, das bedeutet Von göttlicher Gestalt, und das war der Titel von Pharao Djoser. Rechts daneben ist eine Stufenpyramide abgebildet. Ihre sechs Stufen entsprechen genau der Djoser-Pyramide. Mit einem entscheidenden Unterschied: Sie hat eine Spitze! Aber wenn Sie genau hinsehen, werden Sie feststellen, dass die Spitze über der Pyramide schwebt. Vielleicht ist das ein Hinweis darauf, dass es tatsächlich einmal eine Spitze gegeben hat!«

»Das ist interessant«, meinte Guardner. »Und was bedeuten die Zeichen unter der Pyramide?«

»Es ist der Name von Imhotep, dem Wesir Pharao Djosers und dem Baumeister der Stufenpyramide.«

»Imhotep, der auch im Text der Stele erwähnt wurde?«, fragte Patrick.

»Ebender.«

»Warum wird er eigentlich immer ausdrücklich genannt? Wenn er doch nur Baumeister war?«

»Nun«, Peter nahm seine Brille ab und lehnte sich zurück, »oberflächlich betrachtet war er das. Aber zugleich war er weit mehr. Die Stufenpyramide, die er entwarf und bauen ließ, war etwas ganz Besonderes. Bis dahin waren die ägyptischen Könige in einfachen, rechteckigen Gräbern bestattet worden, die man mit einem Erdhügel bedeckte. Man nannte sie Mastabas. Dazu muss man sich vergegenwärtigen, dass zu diesem Zeitpunkt Häuser und sogar Königspaläste aus Lehmziegeln erbaut wurden, also alles andere als unvergänglich waren. Unter Imhoteps Anleitung aber wurde zum ersten Mal das Grab eines Pharaos im wahrsten Sinne des Wortes zu einem Haus der Ewigkeit entwickelt. Aus gigantischen Steinquadern baute man eine Imitation des königlichen Palastes, und auch die Mastaba, das eigentlich Grab, wurde aus Stein gebaut, ein Hügel darüber errichtet, in mehreren Stufen erhöht und zu einer sechzig Meter hohen Pyramide erweitert. Imhotep wurde gewissermaßen zum Urvater der Steinarchitektur, jedenfalls in Ägypten. Daher taucht der Name Imhoteps übrigens auch immer wieder in den Überlieferungen der Freimaurer auf, die sich auf irgendeine antike Abstammung berufen – was natürlich völliger Unsinn ist. Aber das ist noch nicht alles. Man sagte Imhotep zudem nach, dass er als herausragender Arzt tätig und in allen anderen Wissenschaften wie Schrift, Mathematik, Astronomie und Magie bewandert war. Er war der erste Universalgelehrte. In späteren Jahrhunderten wurde er vergöttert und so sehr zu einer mystischen Gestalt stilisiert, dass die Ägyptologie lange Zeit nicht wusste, ob er überhaupt eine reale Person gewesen ist. In der Ptolemäerzeit, also einige hundert Jahre vor Christus, als Ägypten durch die Feldzüge Alexanders des Großen unter griechische Herrschaft geriet, wurde Imhotep mit dem griechischen Gott Hermes gleichgesetzt.«

»Hermes Trismegistos«, sagte Patrick. »Demjenigen, dem man später die Tabula Smaragdina zuschrieb.«

»Ja, genau. Imhotep war für sie eine Inkarnation ihres Gottes Hermes. Und hier fügen sich die Steine wieder in das Puzzle. Sir Guardner, der auf der Suche nach der Weisheit der Welt war, diese in der sagenhaften Tafel des Hermes Trismegistos zu finden suchte, und Echnaton, dem wir diese Tafel nun zuschreiben, der davon berichtet, wie er durch ein Bauwerk des gottgleichen Imhotep tatsächlich zu einer Form der Erkenntnis gelangte.«

»Dann führt die Spur also zur Stufenpyramide und zur Frage, ob Imhotep dort etwas hinterlassen hat?«, fragte Oliver Guardner.

»Nicht zur Pyramide, sondern genauer gesagt zur Spitze der Pyramide«, korrigierte Peter, »zum Pyramidion, das einmal auf der obersten Stufe gestanden haben könnte.«

»Sie haben eben gesagt, dass das Ding sechzig Meter hoch ist«, sagte Patrick. »Das wären also sechs Stufen à zehn Meter. Wie um alles in der Welt soll es da hinaufgeklettert sein?«

»Ich gebe zu, diese Frage ist es wert, betrachtet zu werden. Was ich aber noch viel interessanter finde, ist die Frage: Wo ist das Pyramidion jetzt?«

»Ich habe noch nie von einem Pyramidion der Stufenpyramide gehört«, wandte Guardner ein.

»Ich auch nicht«, gab Peter zu, »hier werden wir wohl ein bisschen recherchieren müssen. Aber andererseits: Die Abwesenheit von Hinweisen oder Funden ist nicht notwendigerweise ein Beleg dafür, dass es sie nicht gibt. Wenn dieses Pyramidion gefunden worden wäre oder man bereits nach ihm suchte, dann wäre das Rätsel ja kein Rätsel mehr.«

»Jetzt argumentieren Sie, wie dieses ganze Paläo-SETI-Pack«, sagte Patrick. »Deren ganze Welt dreht sich um wilde Spekulationen und die Überzeugung, dass alles möglich sein könnte, solange es keine Beweise dafür gibt, dass es nicht so war.«

»Sie haben vollkommen recht.« Peter lächelte. »Es ist etwas ... nun, sagen wir, schwachbrüstig. Aber immerhin haben wir einen historischen Text ... «

» ... der ebenso gut fiktiv sein könnte.«

»Ich habe das Gefühl, Sie spielen den Advocatus Diaboli«, sagte Guardner.

»Ich vermute viel eher, er meint es ernst«, sagte Peter.

»Entschuldigen Sie«, sagte Patrick und hob die Hand, »wenn ich nicht ganz so blauäugig und begeistert bin. Mir erscheint die ganze Story reichlich dünn.«

»Das ist sie, Patrick. Aber etwas lässt mich vermuten, dass tatsächlich mehr dahintersteckt.«

»Und das wäre?«

»Zum einen: Denken Sie immer an das Archiv des Wissens, das wir in Südfrankreich entdeckt haben. Es war außergewöhnlich und unerklärlich genug, um eine ähnliche Quelle des Wissens in Ägypten zumindest denkbar zu machen.«

»Na ja ... «

»Und hinzu kommt, dass man uns bei unserer Suche anscheinend beobachtet und wohl auch davon abbringen möchte.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Guardner. »Hat man Sie etwa bedroht?«

»Ich gehe nicht davon aus, dass die Skarabäen, die man an unsere Tür genagelt hatte, bloß ein freundlicher Willkommensgruß gewesen sind«, erklärte Peter. »Und zudem hatten wir eine sehr unangenehme Begegnung mit einer Schlange in Rhodos. Die man uns in einer Schachtel ins Hotel geliefert hatte.«

»Eine Schlange?! Davon haben Sie noch gar nichts erzählt!«

»Ein reichlich aggressives Biest«, bestätigte Patrick.

»Sie wurde anonym abgegeben, ausdrücklich für uns. Es waren Hieroglyphen auf der Schachtel.« Peter holte ein neues Blatt hervor.



»Hier steht: Thot Wehem Ankh Neb Seshtau, was so viel heißt wie Der Wiedergeborene Thot, Herr der Geheimnisse. Der Gott Thot wurde nie als Schlange dargestellt, so dass ich davon ausgehe, dass es nicht eine Bezeichnung für den bissigen Inhalt der Schachtel war, sondern der Name des Absenders – oder der Absender.«

Oliver Guardner betrachtete die Zeichnung.

»Sagt Ihnen das etwas, Mister Guardner?«, fragte Peter.

Der Alte schwieg und verkniff seinen Mund zu einer Linie.

»Alle Gastfreundschaft in Ehren«, sagte Patrick eindringlich, »aber wenn es hier etwas gibt, was Sie uns sagen sollten, dann wäre das jetzt der Zeitpunkt dafür. Ich weiß gerne, auf welche Spinner ich mich einlasse. Das läuft schon wieder ähnlich mies wie in Frankreich. Mal ganz abgesehen davon, dass man uns erst gar nicht einreisen lassen wollte, und einen Tag später mein Kontaktmann, der uns vielleicht mit dem Artefakt hätte weiterhelfen können, ganz plötzlich an einer Lebensmittelvergiftung stirbt.«

»Ja, ich kenne diese Bezeichnung«, sagte Guardner schließlich. »Es gibt eine Gruppe von Leuten in Kairo, die ab und zu unter diesem Namen auftaucht. Nun, auftauchen ist zu viel gesagt. Manchmal veröffentlichen sie Leserbriefe, oder es erscheinen andere Texte von ihnen auf Handzetteln oder in Redaktionen. Niemand weiß, wer dahintersteckt.«

»Was sind das für Leute? Terroristen? Esoteriker? Religiöse Fanatiker?«

»Nein, nichts dergleichen. Sie sind harmlos.«

»Als harmlos würde ich eine Schlange im Präsentkorb nicht gerade bezeichnen.«

»Das ist mir auch rätselhaft. Von so etwas habe ich noch nie gehört. Den Thot-Anhängern scheint es viel eher um den Erhalt der ägyptischen Traditionen zu gehen. Sie fordern zum Beispiel strengere Gesetze gegen das Plündern der Kulturschätze, wollen die alten Hieroglyphen im Schulunterricht gelehrt sehen und wettern gegen die arabische oder vielmehr muslimische Auffassung der Stellung der Frau.«

»Das klingt ja ganz schön, aber mich haben Sie nicht überzeugt.«

»Das war auch gar nicht mein Anliegen. Ich bin ebenso erschrocken wie Sie, Monsieur Nevreux!«

»Auf jeden Fall sind wir dieser ominösen Gruppierung ganz offensichtlich irgendwie aufgefallen«, sagte Peter, »und ich würde sowohl die Skarabäen als auch die Schlange als eine deutliche Warnung verstehen.«

»Dann wollen Sie die Suche nicht weiter verfolgen?« Oliver Guardner wirkte besorgt.

Peter sah zu Patrick hinüber, der kopfschüttelnd zur Decke blickte.

»Gentlemen, wenn es etwas gibt, das ich tun kann, um Sie dazu zu bewegen weiterzumachen, sagen Sie es mir! Diese Vorfälle tun mir außerordentlich leid, und ich versichere Ihnen, dass ich die Sicherheitsvorkehrungen im Haus auf der Stelle verstärken lassen werde.«

»Ich kann das nicht alleine entscheiden ... « begann Peter, doch Guardner schnitt ihm das Wort ab.

»Bedenken Sie, was auf dem Spiel steht und wie unsagbar weit Sie in so kurzer Zeit bereits gekommen sind! Wie lange sind Sie schon hier? Vier Tage? Fünf? Sie haben die Tabula Smaragdina gefunden, ein Artefakt mit jahrtausendealter Tradition, und Sie haben ein wertvolles Stück der Geschichte des rätselhaften Pharaos Echnaton aufgedeckt. Wie könnten Sie die Suche nun abbrechen?! Ich beschwöre Sie: Lassen Sie es sich noch einmal durch den Kopf gehen!«

»Erst mal würde ich gerne mehr über diese Typen in Erfahrungen bringen«, sagte Patrick. »Sonst begeben wir uns wieder aufs Glatteis, und ich für meinen Teil habe genug von esoterischen Zirkeln, satanischen Ritualen und irgendwelchen Militärs, die sich einmischen.«

»Ich sehe, dass Sie eine Menge schlechter Erfahrung gemacht haben«, meinte der Alte, »aber ich werde mich bemühen, alles in Erfahrung zu bringen, was Sie wissen müssen.«

Peter nickte. »Das wäre wirklich notwendig. Und auch wir könnten noch mehr Recherchen betreiben.«

»Haben Sie schon einen Plan, wie Sie vorgehen möchten?«

»Ich würde mich in die Geschichten über Imhotep, Djoser und die Ausgrabungen der Gräber in Sakkara vertiefen. Vielleicht gibt es etwas, was wir übersehen haben. Wurden nicht in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, also zu Zeiten Ihres Vaters, umfangreiche Arbeiten dort vorgenommen?«

»Ja«, pflichtete Guardner eifrig bei. »Mein Vater erzählte oft davon. Jetzt ahne ich natürlich, woher sein besonderes Interesse an Sakkara kam. Er war gut mit Monsieur Lauer bekannt, der damals die Restaurationsarbeiten am Djoser-Komplex leitete. Lauer hat seine Arbeiten natürlich auch veröffentlicht. Aber die Nekropole ist groß, und selbst heute wird dort noch gegraben. Sicherlich gibt es inzwischen viel neues Material. Ich werde Ihnen alle aktuellen Publikationen besorgen. Benötigen Sie einen Internetanschluss? Ich werde Ihnen alles einrichten lassen. Einen Computer und was man so dafür benötigt. Ich verstehe nichts davon, aber der Sohn eines alten Freundes kann das erledigen.«

»Das ist überaus großzügig von Ihnen, Mister Guardner.«

»Ach was.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Es soll Ihnen an nichts fehlen!«

»Ich überlege, ob ich mich noch einmal mit Melissa treffen sollte«, meinte Patrick.

Peter sah ihn vielsagend an.

»Was?« Patrick zuckte mit den Schultern. »Zu Recherchezwecken natürlich! Und dann ist da noch dieser Amerikaner, Jason. Vielleicht ist der auch noch zu greifen.«

»Jason? Der Mann aus der Cafeteria? Sagten Sie nicht, dass er ein eher unangenehmer Mensch war?«

»Ja, schon. Aber er schien recht mitteilungsbedürftig, und vielleicht kann er uns ein paar interessante Stichwörter liefern. Theorien, von denen wir noch nie etwas gehört haben.«

»Sie werden sich denken können, was davon zu halten ist.«

»Sicher, aber ein unverfängliches Gespräch ist es doch wert, oder? Abgesehen davon treffe ich ihn vielleicht ohnehin, wenn ich noch einmal ins Museum gehe.«

»Wenn Sie meinen ... Und dass ich von Miss Joyce und ihrer Sekte nichts halte, wird Sie sicherlich auch nicht von Ihren Plänen abhalten, hm? Von wegen esoterische Zirkel und so weiter ... «

»Als Forscher muss man manchmal bereit sein, kalkulierte Risiken einzugehen«, erwiderte Patrick und grinste.


31. Juli 1940, Ägyptisches Museum, Kairo


Die Hitze auf dem Vorplatz des Museums war nahezu unerträglich. James beschleunigte seine Schritte. Kurz darauf betrat er an zwei britischen Soldaten vorbei, die den Eingang flankierten, das Gebäude. Die schattigen Hallen nahmen der Sonne einen Teil ihrer brennenden Kraft, aber die Luft im Inneren war dennoch stickig und warm.

James kannte sich im Museum aus, aber noch nie war er mit einer so genauen Vorstellung davon, was er suchte, hierhergekommen. Die Ausstellungsstücke im Erdgeschoss waren chronologisch geordnet. Daher wandte er sich nach links zu den Ausstellungsstücken des Alten Reiches. Hier standen Exponate, die bei den Ausgrabungen in Sakkara und in den Grabanlagen des Pharaos Djoser in den letzten zwanzig Jahren zutage gekommen waren.

James konnte sich nicht erinnern, jemals etwas im Museum gesehen zu haben, das in etwa dem entsprach, was er suchte. Daher betrachtete er jedes einzelne Stück, jede Statue, jede Stele, jedes Säulenfragment. Alles konnte vielleicht einen entscheidenden Hinweis enthalten.

Seit Beginn des Krieges standen die meisten Grabungen im Land still, und so gab es nichts zu sehen, was er nicht bereits kannte. Er verbrachte keine Viertelstunde in den Räumen des Alten Reiches, bis er erkannte, dass es zwecklos war.

Er erweiterte seine Suche über die restlichen Räume des Erdgeschosses und die große Halle, aber überall bot sich ihm der vertraute Anblick der bereits identifizierten Statuetten, Reliquien, Steine und Preziosen. Es war nichts dabei. Aber es hätte ihn auch gewundert.

Natürlich bestand die Möglichkeit, dass man das fragliche Stück bisher einfach noch nicht gefunden hatte. Aber die Grabungen und Restaurationen in Sakkara waren so umfangreich, dass er es sich nicht vorstellen konnte.

Es gab noch einen Ort, eine wahre Schatzkammer, viel größer als die Ausstellung im Museum: den Fundus im Untergeschoss des Museums. Alles, was bisher nicht restauriert oder nicht endgültig katalogisiert war oder einfach nicht in die Ausstellung passte, fand sich in den weiträumigen Kellergewölben des Gebäudes. Hunderte von Gefäßen, Töpferwaren, mumifizierte Tiere, hölzerne Sarkophage, kleine Steintafeln und Mauerreste wurden dort gelagert.

Und dort würde James seine Suche jetzt fortsetzen – nach dem Pyramidion des Djoser.


7. Oktober 2006, Ägyptisches Museum, Kairo


»Hallo Patrick!«

Melissa winkte erfreut, als sie den Franzosen im Eingangsbereich des Museums entdeckte.

»Ich bin gerade fertig mit meiner letzten Führung. Was machst du hier? Wollen wir etwas unternehmen?«

»Deswegen bin ich hier.«

»Prima! Ihr habt wohl einen freien Abend heute?«

»Wir haben uns den Job aufgeteilt. Der Professor die Arbeit, ich das Vergnügen.«

Melissa lachte auf. »Wunderbar. Ich muss aber vorher noch einmal nach Hause. Soll ich dich mitnehmen? Dauert nicht lange.«

»Nun ... ja, warum nicht? Wo möchtest du denn nachher hin?«

Melissa hakte sich bei Patrick ein und führte ihn nach draußen. »Ich weiß nicht. Bestimmt fällt mir noch etwas ein.«

Ihr Wagen stand in einer nahe gelegenen Seitenstraße. Melissa lenkte ihn souverän durch den dichten Feierabendverkehr. Die Fahrt dauerte länger als bei ihrem letzten Treffen, und sie unterhielten sich über die Eigenheiten der Stadt, ihrer Bewohner und die Besonderheiten des kulturellen Flickenteppichs, der Kairo so vielschichtig machte. In einer etwas ruhigeren Wohngegend parkten sie. Während sie zuvor mitunter durch ganze Viertel hoher blassgelber und grauer Wohnblocks gefahren waren, bestand die Nachbarschaft hier aus einer Vielzahl niedriger Häuser. Einzelne Bäume standen tapfer am Straßenrand, über die Mauern der einzelnen Gründstücke ragten allerlei frische Stauden und Büsche hervor. Auch wenn es nicht die teuerste Wohngegend war und keinem Vergleich mit den Villen und dem üppigen Grün Zamaleks standhielt, schien es sich hier ganz offenbar angenehm leben zu lassen.

Als Patrick Melissas Haus betrat, bemerkte er als Erstes den süßen und etwas harzigen Geruch, den er bisher für ihr Parfüm gehalten hatte. Nun war er um einiges intensiver. Zudem war die Luft im Inneren genauso warm wie draußen.

»Puh«, sagte er. »Hast du keine Aircondition?«

»Doch, doch«, erklärte sie, während sie ihre Schuhe im Flur auszog, »aber die mache ich nur vor dem Zubettgehen ein bisschen an. Sonst erkältet man sich zu schnell. Ziehst du dir auch die Schuhe aus, ja?«

Patrick kam ihrer Bitte nach und folgte ihr dann ins Wohnzimmer. Dabei musste er einen dünnen schwarzen Vorhang beiseiteschieben, der den Flur abtrennte. Das Wohnzimmer war nur spärlich möbliert. In der Mitte lagen unzählige Kissen auf einem großen Teppich. Die mit Leder und besticktem Stoff bezogenen Sitzkissen waren um einen kaum dreißig Zentimeter hohen, quadratischen Holztisch verteilt. In den Ecken des Raums standen niedrige Kommoden und Beistelltischchen, auf die allerlei Dinge drapiert waren: Laternen aus Messingblech mit ausgestanzten Sternen, Blumentöpfe aus Terrakotta mit winzigen Kakteen, geschnitzte Tierfiguren, Duftlampen und schmale Schalen, in denen Räucherstäbchen steckten.

»Gemütlich.«

»Ja, nicht? Setzt dich irgendwo hin. Ich werde mich nur schnell umziehen.«

Patrick ließ sich leicht amüsiert auf den Kissen nieder. Er hatte sich vorgenommen, sich an diesem Abend nicht mehr so einfach von Melissa überraschen zu lassen. Außerdem wollte er sich mit ihr über das Museum unterhalten. Vielleicht konnte sie ihm auch etwas über Sakkara und die dortigen Ausgrabungen erzählen. Sein Blick wanderte durch den Raum. An einer Wand entdeckte er ein Schwarzweißfoto, das einen starr dreinblickenden Mann zeigte. Er stützte sich mit den Ellenbogen auf einen Tisch und presste seine Fäuste an die Schläfen, so dass die Daumen wie Hörner zu den Seiten zeigten. Er trug einen dreieckigen Hut, auf dessen Stirnseite ein nach allen Seiten hin strahlendes Dreieck abgebildet war. Patrick stand auf und sah sich das Bild genauer an. In der Mitte des Dreiecks war ein Auge zu sehen. Es war das Symbol des Allsehenden Auges, das sie verfolgte, seit sie nach Kairo gekommen waren. Auf dem Tisch neben dem Mann befand sich ein Buch, auf dessen Vorderseite ein fünfzackiger Stern geprägt war. Offensichtlich hatte das Foto irgendeine esoterische Bedeutung. Patrick musste an Peters Erläuterungen zu dem Orden denken, dem Melissa angehörte. Vielleicht war der Mann auf dem Bild Aleister Crowley?

Patrick ging durch den Raum und untersuchte die Räucherstäbchen. Sie waren es, die jenen intensiven Geruch verströmten. Altertümlich, rauchig, aber auf eine besondere Weise betörend. »Patchouli«, las er auf einer danebenliegenden Packung. Er war nur dankbar, dass sie nicht brannten.

Auf einem schmalen Bord an der Wand standen Bücher. Für einen Augenblick hatte er esoterische Schwarten oder New-Age-Bändchen erwartet, aber erstaunt stellte er fest, dass es neben einigen Büchern über Spiritualität auch solche über Philosophie, Religion und Geschichte waren. Melissa war wohl weniger eingeschränkt in ihrem Denken, als er ihr zunächst unterstellt hatte. Er fragte sich, was eine so intelligente und belesene Frau in einer Sekte zu suchen hatte. Natürlich war fraglich, ob Melissa diese Bücher überhaupt gelesen hatte ... Er zog eines davon aus dem Regal und blätterte es auf. Viele Seiten waren mit Eselsohren versehen, und im Text waren zahllose Passagen unterstrichen.

»Interessierst du dich für Ken Wilber?«

Patrick schrak zusammen. »Das ging aber schnell!«

»Wir wollen ja nicht in die Oper, oder?«

Patrick stellte das Buch zurück. »Hast du dir denn schon etwas ausgedacht?«

»Ehrlich gesagt, nein. Hast du Durst?« Er folgte ihr in die Küche, wo sie den Kühlschrank öffnete und sich bückte. Patrick betrachtete den Anblick schmunzelnd, bemühte sich aber augenblicklich um einen neutralen Gesichtsausdruck, als sie sich wieder erhob und sich mit zwei Flaschen Bier zu ihm umdrehte.

»Hier. Mach mal auf. Der Öffner ist irgendwo da drüben.« Sie deutete auf ein paar Schubladen. »Weißt du was? Wir könnten auch hier bleiben. Etwas kochen und es uns gemütlich machen. Na, was meinst du?«

Patrick, der die Schubladen durchsuchte, musste sich seine Überraschung eingestehen. Er hatte sie bisher als verhältnismäßig freizügig kennengelernt, aber eine solche Einladung klang doch sehr intim. Oder sie war einfach nur naiv und harmlos.

»Du scheinst ja nicht gerade begeistert zu sein ... «

»Ich ... also ... « Patrick zog die Augenbrauen hoch. »Doch, natürlich. Eine gute Idee.« Sein Zögern würde ihn wohl auch heute Abend noch das ein oder andere Mal wie einen Trottel dastehen lassen. Immerhin konnte er kochen.

»Was hast du denn da?«, fragte er und machte sich daran, den Kühlschrankinhalt nach brauchbaren Zutaten zu durchsuchen.

Gemeinsam komponierten sie ein umfangreiches Abendessen mit Gemüsesuppe, Salat,. Nudeln und Gorgonzolasauce, das sie auf dem Boden sitzend am kleinen Tisch im Wohnzimmer zu sich nahmen. Melissa erzählte über ihr Studium und ihre Arbeit, während Patrick einige Anekdoten aus seinen Expeditionen zum Besten gab.

Nachdem die Teller abgeräumt waren, entzündete Melissa Kerzen und stellte eine Flasche Rotwein auf den Tisch. Draußen war es inzwischen dunkel geworden.

»Nun erzähl doch mal, was ihr bis jetzt herausgefunden habt«, sagte sie. »Habt ihr den Papyrus schon entziffert?«

»Das möchtest du wohl wissen, was?«

»Ja, klar. Oder ist es geheim?« Sie zog das letzte Wort überdeutlich in die Länge und grinste Patrick dabei an.

»Jedenfalls kann ich es dir nicht einfach ohne Gegenleistung sagen.«

»Oh, ich verstehe! Das lässt sich machen.« Sie küsste ihn auf die Wange. »So. Nun gut?«

Er lachte. »Nein, so war das gar nicht gemeint ... «

»Nicht? Oh.« Sie blickte zu Boden. Patrick konnte im Zwielicht der Kerzen nicht ausmachen, ob sie beschämt oder beleidigt war.

»So teuer sollte es gar nicht sein«, warf er schnell ein und bemühte sich, seine Freude charmant zu verpacken. »Ich meinte eher: Für jede Frage, die ich dir beantworte, beantwortest du mir auch eine. Einverstanden?«

Melissa sah auf und lächelte. »Klar. Also los: Habt ihr den Papyrus entziffert?«

»Ja.«

»Wie, ja? Das war alles?«

»Jetzt bin ich dran.«

Sie stieß ihn in die Seite. »Das ist unfair!«

»Ich bin dran«, beharrte er grinsend. Dann deutete er auf das Bild an der Wand. »Ist das Aleister Crowley?«

Sie sah ihn überrascht an. »Sehr gut!«, lobte sie. »Und: Ja. Das ist er. – Was stand in dem Papyrus?«

»Ach, der war gar nicht so interessant. Er berichtete von einer Episode aus der Zeit Echnatons. Das einzig Besondere an ihm war, dass er bewies, dass es einen gewissen Gegenstand tatsächlich gegeben hat, der in einem mittelalterlichen Dokument erwähnt wird, einem Geständnis eines Templers aus den Verhörprotokollen der Inquisition. – Warum hängt dieser Typ bei dir an der Wand? Was hast du mit ihm zu tun?«

»Das sind aber zwei Fragen!«

»Nur anders ausgedrückt.«

»Na gut. Also: Crowley war der Begründer des Ordo Templi Mysteriorum Aegyptiorum. Ich habe das Bild geschenkt bekommen. – Und was war das für ein Gegenstand, über den in dem Papyrus und in dem Templer-Geständnis berichtet wurde?«

»Es wurde erzählt, dass die Templer ihren größten Schatz, eine Quelle der Weisheit, rechtzeitig vor der Zerschlagung des Ordens versteckt haben.«

»Ehrlich?«

»Ich bin dran.«

»Ach, nun erzähl doch mal: Was für eine Quelle der Weisheit? War es der Heilige Gral? Oder das berühmte Idol, der Schädel, Baphomet?«

»Du kennst dich aber aus, hm?«

»Wenn man die Geschichte des Wissens studiert, kommt man an den Templern und den Legenden um sie nicht herum.«

»Tja, das scheint so zu sein ... « Patrick dachte daran, dass er auf dieses Thema eigentlich erst durch das Projekt mit Peter aufmerksam geworden war. Und nun verfolgte es ihn auf Schritt und Tritt. Oder vielleicht hatte sich auch lediglich sein Blick dafür geschärft.

»Nun?«

»Nein, weder ein Kopf noch der Heilige Gral. Oder jedenfalls kein kelchartiges Gefäß, wenn man das mittelalterliche Bild des Grals im Kopf hat.«

»Aber dennoch eine Quelle der Weisheit, sagtest du. Was war es denn? Eine Abstammungslinie?«

Sie verblüffte ihn. Selbst die absurden Theorien über das Erbe königlichen Blutes oder das Jesu Christi kannte sie also. »Nein, auch nicht. Es war eine Steintafel ... «

»Eine Tafel? Jetzt sag nicht ... « Sie hielt die Hände erwartungsvoll vor den Mund.

»Erst will ich wissen, wie du zu dieser komischen Sekte gekommen bist.«

»Oh, das ist gemein!« Wieder boxte sie ihn leicht in die Rippen, und als er ausweichen wollte, verlor er das Gleichgewicht und kippte lachend nach hinten. Melissa warf sich auf ihn, streckte seine Arme seitlich aus, setzte sich rittlings auf seine Brust und rollte mit ihren Knien über seine Oberarmmuskeln. »So, jetzt foltere ich dich, bis du es sagst.« Aber Patrick drehte sich so zur Seite, dass sie einen Augenblick später selbst auf dem Rücken lag und er ihre Arme an den Handgelenken auf den Boden presste. In dieser Position hielt sie still und lächelte ihn sanft an. »Wer hätte das gedacht«, sagte sie. »Du bist ja ein richtig großer Wolf.« Dann lachte sie auf und wand sich blitzartig aus seinem Griff. Als sei nichts gewesen setzte sie sich neben ihn und nahm einen Schluck aus ihrem Weinglas. »Gut. Dafür schenke ich dir eine Antwort«, sagte sie dann. »Wie ich zum O.T.M.A. gekommen bin? Ich habe die Gruppe hier in Kairo kennengelernt. Zuerst hatte ich eine Internetseite gefunden und mir deren Texte durchgelesen. Das hat mich fasziniert, und dann habe ich herausgefunden, dass sie eine Kirche hier in der Stadt haben, da bin ich ein paar Mal hingegangen, habe mich mit den Leuten unterhalten, und schließlich bin ich eingetreten. So lange bin ich aber noch gar nicht dabei. Weißt du, sie glauben daran, dass die ganze Kraft des Menschen in ihm selbst steckt und in seinem Willen. Wichtig dabei ist aber, dass man wissen muss, was man will. Was das wirkliche Ziel ist, das in jedem von uns steckt. Und wenn man das erkennt und nur danach handelt, was man wirklich will, dann kann man alles erreichen.«

»Ja, so was in der Art hast du schon einmal erzählt. Für mich klingt das aber reichlich egozentrisch.«

»In gewisser Weise ist das auch so: Jeder Mensch ist doch der Mittelpunkt seiner eigenen Welt. Du siehst alles aus deiner Perspektive, alles dreht sich um dich. Oder etwa nicht?«

»Na ja, wenn man es philosophisch betrachtet, vielleicht. Aber den Menschen macht doch der Umgang mit anderen Menschen aus. Ohne den Rest der Welt wären wir nichts.« Patrick wunderte sich ein wenig, wie ihm dieser Gedanke gekommen war, aber etwas an Melissas Art zu denken kam ihm merkwürdig falsch vor, und er hatte unmittelbar das Gefühl, widersprechen zu müssen.

»Meinst du?« Sie nahm einen weiteren Schluck und sah ihn nachdenklich an.

»Ja, sicher. Wenn man es recht überlegt, dann liegt doch der höhere Wert darin, eben nicht alles nach dem eigenen Willen zu entscheiden. Sondern darin, sich als Teil eines Ganzen zu verstehen und in Übereinstimmung mit dem Ganzen und allen um einen herum zu handeln.« Melissa schwieg, und Patrick fasste es als Aufforderung auf, seine Gedanken zu vertiefen. Es waren Gedanken, denen er bisher noch nie nachgegangen war. Dennoch sprudelte es aus ihm heraus, als sei plötzlich eine bisher unbekannte Quelle angezapft worden. Er hörte sich selbst erstaunt zu, als er fortfuhr: »Es ist wie in einer Partnerschaft. Sie funktioniert nur, wenn man den anderen respektiert und liebt, und zwar mehr als sich selbst. Und dass, wenn man es zulässt, das Zusammensein von zwei Menschen mehr ergibt, als die Summe von beiden. Wir bekommen doch nur dadurch eine Bedeutung, dass wir gemeinsam etwas erschaffen, das über die Fähigkeiten eines Einzelnen hinausgeht. Dadurch entsteht Neues, es ist eine Fortpflanzung. Nicht im biologischen Sinn. Wer sind wir, wenn wir nicht die Welt um uns verbessern und denen, die nach uns kommen, mehr hinterlassen, als wir vorgefunden haben? Das alles ist meiner Meinung nach das höchste Ziel. Und das schließt alles um uns herum ein. Es kann nicht alleine in seinem selbst gefunden und ausgelebt werden.«

Melissa blickte ihn ganz gebannt an, und zum ersten Mal bemerkte er das intensive Grün ihrer Augen. Vielleicht war es eine merkwürdige Spiegelung des Lichts, aber sie schienen zu funkeln und besaßen zugleich wieder jene Tiefe, die er für einen Herzschlag bei ihrem letzten Treffen gespürt hatte.

»Das war sehr schön«, sagte sie halblaut, ohne den Blick von ihm zu lösen. »Was du gerade gesagt hast.«

»Hm ... Danke.«

»Willst du mich etwa bekehren?«

»Bekehren? Wie soll das denn gehen? Wozu denn?«

»Ich weiß nicht ... sag du es mir. Woran glaubst du?«

»Woran ich glaube? Puh ... « Er schenkte sich etwas Wein nach, während er überlegte. Es war ein reichlich merkwürdiges Gespräch, das er hier gerade führte. Aber nun hatte er damit angefangen. »Ich glaube nicht, dass ein höheres Wesen die Welt und die Menschen geschaffen hat. Keine Gottheit und keine Außerirdischen. Aber ich glaube, dass in vielen lange überlieferten Glaubensinhalten die eine oder andere Wahrheit steckt. Ich denke, dass vieles, was wir heute nicht verstehen, lediglich jenseits unseres Wissens liegt. Und dass wir einiges einfach bisher noch nicht erforscht haben – oder wieder vergessen.«

»Wieder vergessen? Dann glaubst du, früher war man schlauer als heute?«

»So pauschal würde ich das nicht sagen. Aber ich bin sicher, dass vieles bereits einmal entdeckt war und im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende wieder untergegangen ist. Ich denke, es wäre auch möglich, dass es eine frühere Kultur gegeben hat, die uns in einiger Hinsicht bereits voraus war, bevor sie wieder aus der Weltgeschichte verschwand.«

»Ehrlich? Wie kommst du denn darauf?«

»Ich denke außerdem, dass du ganz schön neugierig bist. Du willst dich um unser Spiel drücken.«

»Ach komm schon. Erzähl mir ein bisschen mehr! Wir sind beide auf der Suche nach Wissen, jeder auf seine Weise. Ich kenne doch den Professor, seine Thesen und seine Auseinandersetzung mit der Kulturgeschichte. Immer wieder hat er sich damit beschäftigt, wie verschiedene Episoden in der Geschichte die Zukunft auf einen bestimmen Weg gebracht haben. Er untersucht die Zusammenhänge, die größer sind als die Historie einer einzelnen Region oder eines einzelnen Volkes. Er hat sich auch ausführlich mit Mythen und Überlieferungen beschäftigt, also dem, was vielleicht einmal Wissen gewesen ist, und wie es sich im Laufe der Zeit verändert hat, um schließlich eine neue Religion zu begründen oder sich zu Esoterik oder Magie zu wandeln und schließlich wieder in Vergessenheit zu geraten. Er ist auf der Suche nach dem Ursprung der Menschheit, dem Quell der Weisheit, des Wissens. Und dass du mit ihm zusammenarbeitest, bedeutet, dass du auf der selben Spur bist.«

»Nun, in gewisser Weise ... «

»Na siehst du. Und eben hast du noch erzählt, dass ihr einen Papyrus entdeckt habt, der die Existenz eines Gegenstands belegt, der möglicherweise zur Zeit der Templer, also dreitausend Jahre später, noch im Umlauf war und von ihnen als Quelle der Weisheit angesehen wurde. Das ist doch irrsinnig spannend! Was war es, verrätst du es mir?«

»Also gut. Es geht um eine ägyptische Stele.«

»Die Stele der Offenbarung!« Melissa rutschte aufgeregt auf dem Kissen herum.

»Wie bitte?«

»Die Stele der Offenbarung«, wiederholte sie. »Weißt du, als Crowley Anfang des letzten Jahrhunderts das Ägyptische Museum besuchte, hier in Kairo, da sah er auch eine Stele. Sie trug die Archivnummer 666. Und sie war der Auslöser für Crowleys Visionen. Sie war es, die dazu führte, dass er sein Gesetz verfasste und den Orden gründete.«

»Tatsächlich?« Patrick runzelte die Stirn. Konnte es sein, dass es hier eine Verbindung gab? Das hätte ihm gerade noch gefehlt, wenn ihre Suche sie wieder einmal ungewollt in die Nähe irgendwelcher okkulten Sekten und deren mehr als dubiosen Lehren und Lehrmeister führte. Er verwarf den Gedanken. »Nun, was auch immer das für eine Stele war, ich denke nicht, dass sie etwas mit dem Stein zu tun hat, den wir gefunden haben. Der war nämlich im Mittelalter im Besitz der Templer, ist dann vor der Zerschlagung des Ordens an die Johanniter übergeben worden und war jahrhundertelang im Großmeisterpalast auf Rhodos verschollen. Er war nie in irgendeinem Museum, und dieser Stein wäre auch mit Sicherheit aufgefallen. Es ist nämlich ein ganz besonderer Stein, und der Text war aufsehenerregend.«

»Nun machst du es aber spannend. Was war es denn?«

Patrick überlegte einen Augenblick, ob er Melissa weitere Details verraten sollte. Ob er ihr trauen konnte. Wenn er wollte, dass sie ihm half, dann durfte er nicht zu sehr auf Konfrontationskurs gehen. Und bei der Suche nach dem eigentlichen Kern, dem Pyramidion, würde er ihre Hilfe sicher gebrauchen können. Ganz abgesehen davon, dass der Abend einen äußerst angenehmen Verlauf nahm.

»Also schön. Hast du schon einmal etwas von der Tabula Smaragdina gehört?«

Melissa fasste Patrick am Arm. »Ihr habt die Tabula Smaragdina gefunden? Ist das wahr?!«

»Du kennst sie, hm?«

»Ich bitte dich, selbstverständlich kenne ich sie! Neben den Tafeln mit den Zehn Geboten, der Bundeslade und dem Heiligen Gral ist die Tabula eines der bedeutendsten mystischen Objekte. Selbstverständlich kenne ich sie – und sämtliche Versionen ihrer Geschichte. Die Tabula ist also ein ägyptischer Text? Ja, natürlich ... das passt ... Hermes Trismegistos, der Dreifach Große Hermes ... von Alexander dem Großen in Ägypten gefunden, während der Ptolemäerzeit ... Ein ägyptisches Artefakt! Aber wer hat ihn verfasst? Habt ihr das herausgefunden? Was steht drauf?«

Patrick schmunzelte über Melissas Begeisterung. Auf eine gewisse Weise war sie Peter sehr ähnlich. Nur merkte man ihr auch an, dass sie einer anderen Generation angehörte. Sie war offener, ihre Begeisterung nicht lehrmeisterlich, sondern mitreißend. Und außerdem sah sie deutlich besser aus.

»Die Tabula Smaragdina«, erklärte Patrick, »war zwar nicht aus Smaragd, aber aus poliertem grünem Marmor. Das hat ihr sicherlich den Namen gegeben. Aber was durch die Jahrtausende als Text großer Weisheit und Schlüssel für die Rätsel des Lebens überliefert wurde, ist bei genauer Betrachtung einerseits viel schlichter, und gleichzeitig führt es noch viel weiter.« Er machte eine bedeutungsvolle Pause und lächelte sie an.

Ihre Augen strahlten erwartungsvoll zurück. »Nun?«

Patrick streckte eine Hand aus und fuhr mit dem Zeigefinger behutsam über ihren Nasenrücken. »Darf ich es dir morgen sagen?«

Melissa lachte auf. »Du bist mir vielleicht einer!« Sie rückte näher an ihn heran. »Ich weiß, was du vorhast ... Aber weißt du was? Ich halte nichts davon, mich für irgendetwas bezahlen zu lassen.«

Patrick wollte überrascht etwas erwidern. Aber noch bevor er einen Ton herausbringen konnte, legte sie einen Finger auf seine Lippen. »Wir machen es anders. Du behältst euer Geheimnis einfach für dich. Und morgen möchte ich es auch nicht hören. Und stattdessen möchte ich viel lieber ... dich!« Und mit diesen Worten küsste sie Patrick lang und leidenschaftlich.

Für einen Moment schwirrten Patricks Sinne. Wieder hatte sie ihn überrumpelt. Sie war so schwer einzuschätzen, mal scheinbar naiv, verspielt, dann aber auch intelligent, belesen und forsch. Trieb sie ein Spiel mit ihm? Verführte sie ihn? Auf jeden Fall küsste sie außergewöhnlich gut, zärtlich und fordernd. Ihr Duft umfing ihn, er spürte, wie sich ihr Körper an ihn schmiegte, und es dauerte nur wenige Lidschläge, bis es ihm egal war, wer wen verführte.

Melissa lag noch wach, als Patrick bereits eingeschlafen war. Mit der rechten Hand spielte sie mit dem Anhänger ihrer Kette, während ihr Blick nachdenklich zur Decke gerichtet war. Mit Hilfe des Franzosen hatte sie einen neuen Weg beschritten. Er hatte eine Saite in ihr berührt, die sie mehr als nur körperlich erregte. In ihm verbarg sich mehr, als der erste Anschein verriet, und sie fragte sich ernsthaft, welche Macht oder Fügung des Schicksals sie zusammengeführt hatte. Aber sie wusste auch nicht, wie sehr sie ihm vertrauen konnte. War er wirklich auf demselben Weg wie sie? Brachte sie ihn weiter, war das ihre Aufgabe, oder war er es, der sie in eine neue Richtung führen würde? Wer würde den anderen befruchten, dem anderen als Katalysator dienen? Sollten sie ein Stück gemeinsam gehen, oder war es bloß ein reiner Zufall? Ihre Erfahrung sagte ihr, dass es für den, der offenen Auges durch die Welt ging und jede Begebenheit als Chance sah und sie ergriff, keine Zufälle gab. Schicksal war in der Regel das, was man daraus machte. Allein, sie wusste nicht, was sie hieraus machen sollte. Sie sah Patrick von der Seite an. Er lag auf dem Bauch, das Gesicht in ihre Richtung gedreht und mit einer Hand auf ihrer Schulter. Unter der rauen Schale steckte ein herzlicher Mensch und einfühlsamer Liebhaber. Es fiel ihr allzu leicht, ihm zu verfallen, und das war es, was sie unsicher machte. Sie durfte sich nicht zu früh ihren Gefühlen hingeben, bevor sie sich nicht sicher war, was daraus erwachsen würde. Er schien ein Quell von Weisheit zu sein, vielleicht noch mehr, als er es selbst ahnte. Aber auf die Tiefe dieser Verbindung durfte sie sich noch nicht verlassen. Sie musste in kleinen Schritten vorgehen.

Schließlich fasste sie einen Entschluss. Behutsam glitt sie aus dem Bett, schlüpfte in ein weites T-Shirt und ging auf leisen Sohlen in ihr Arbeitszimmer. Dort setzte sie sich an ihren Laptop und begann, eine E-Mail zu schreiben. Sie war an Bruder Morgenstern adressiert, ihren Meister und einen der Oberen des O.T.M.A. Sie berichtete darin vom heutigen Abend, ihren Gesprächen und den Entdeckungen des Franzosen. Und sie unterschrieb mit ihrem Ordensnamen, Schwester Lilith.

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