Kapitel 5


23. Juli 1940, Fischerboot, östliches Mittelmeer


Noch etwa eine Stunde sollte die Fahrt dauern. Das hatte ihm jedenfalls der alte Türke versichert. Der Rest seiner Ausführungen war nur schwer zu verstehen gewesen, da das Englisch des Fischers leidlich war. Ausladende Armbewegungen, etwas über das Boot, den Himmel und mal wütende und mal beruhigende Gesten hatten sich abgewechselt. Und immer wieder »Mister James«. So hatte er sich dem Alten vorgestellt, worauf dieser seinen Mund zu einem herzlichen, wenngleich nahezu zahnlosen Grinsen verzogen hatte – wohl ahnend, dass dies nicht der wirkliche Name des jungen Engländers war.

James stand am Bug und sah zum Horizont. Auf diese Weise war das Auf und Ab der Wellen besser für ihn zu ertragen. In der winzigen, offenen Kabine, in der der Alte auf einem Hocker saß und den Kahn lenkte, war es ihm vorhin fast schlecht geworden. Die pendelnde Blechlaterne, die unter der Decke hing, erzeugte ein wankendes Schattenspiel und schien das Schaukeln noch zu verstärken, während man gleichzeitig aus dem Kämmerchen nur schwer in die Dunkelheit sehen und sich dem Wellengang anpassen konnte. Also stand er nun hier vorne im Wind. Während die Gischt einen salzigen Film auf sein Gesicht legte, ging er im Geiste den Weg durch, den er vom Hafen zum Palast nehmen würde. Sicherlich kontrollierten die Italiener seit Kriegsbeginn alle Häfen und Straßen der Insel. Weiter im Süden, in den kleineren Fischerhäfen, war es vermutlich einfacher, ungesehen zu passieren, aber dann musste er sich über Land schlagen und konnte an jedem anderen Checkpoint auffliegen. Er wollte das Risiko lieber dadurch verringern, dass er eine möglichst kurze Strecke zurücklegte, und daher musste er in einem der größeren Häfen in der Nähe der Stadt von Bord gehen. Einem Fischerboot würde ohnehin nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt werden. Eine einzelne Person stellte kaum eine Bedrohung dar und konnte im Zwielicht der Hafenbeleuchtung leicht untertauchen.

Als es ihm im Fahrtwind zu kalt wurde, ging er zum Heck und beobachtete die helle Schaumspur, die sie in den Wellen hinter sich herzogen wie ein Papierdrache seinen Schwanz. Es war ein sonderbarer Weg, der ihn hierhergeführt hatte. Gestern war er in Izmir gewesen, noch vor einer Woche in Istanbul, vor einem Monat in Kairo, und vor einem Jahr in London. Hatte er nicht gerade noch studiert, seinen zweiundzwanzigsten Geburtstag in London gefeiert? Und nun war er ein winziger Punkt irgendwo auf dem Meer. Und trotz aller scheinbaren Verlorenheit war dies hier von so großer Bedeutung. Die zahllosen Wege, die die Vergangenheit in den letzten Hunderten und Tausenden von Jahren eingeschlagen hatte, sie alle konzentrierten sich nun auf ihn und seine Fahrt zur Insel, zum Palast. Wenn er die Stele tatsächlich fand, dann war es, als ob er einen Knoten löste. Dann stellte er die Sanduhr der Geschichte wieder auf den Kopf, und alles würde sich erneut entfalten und seinen Lauf nehmen.

Nach einer Weile ging er zurück in die Kabine und setzte sich hinter dem Alten auf einen Stuhl. Das dunkle, endlose Wasser machte ihn nervös, und hier fühlte er sich irgendwie etwas sicherer. Zumindest, bis die Übelkeit wieder einsetzte.

»Drink, Mister James?«, fragte der Türke und drehte sich zu ihm um. Dabei nickte er mit einem faltigen Grinsen und reichte ihm eine bauchige Trinkflasche. James nahm sie zögernd entgegen. Das glänzende Gefäß war arg zerbeult, Emaille war abgeplatzt, und schwarzes Blech kam darunter zum Vorschein. Er mochte nicht daran denken, wie verrostet ihr Inneres war, und was sich darin befand, wollte er ebenfalls nicht wissen.

»Makes you strong!«, munterte der Alte ihn auf, und deutete erst auf seine Arme, dann auf seinen Brustkorb und schließlich auf seinen Schritt. Dabei lachte er und entblößte sein Zahnfleisch.

James nickte freundlich und schraubte die Flasche auf. Ein intensiver Geruch stach ihm in die Nase, zweifelsohne ein destillierter, hochprozentiger Schnaps. Wahrscheinlich einer der Sorte, wie man ihn auf der ganzen Welt aus allem brannte, was dafür geeignet war. Oder auch ungeeignet. In den Weiten Sibiriens brannte man sich sogar Holzschnaps, hatte er sich erzählen lassen. Und wenn man danach pinkeln ging, scherzten die Veteranen gern, musste man aufpassen, dass man sich mit dem Urin keine Löcher in die Schuhe brannte. Derart zerstörerische Kräfte mutete er dem Gebräu in seinen Händen zwar nicht zu, aber selbst ein nur leicht benebelter Verstand war das Letzte, was er für sein Vorhaben gebrauchen konnte. Daher setzte er die Flasche nur an und tat so, als tränke er. Er spürte das Brennen des Alkohols auf seinen Lippen, aber er ließ nichts von der Flüssigkeit in seinen Mund gelangen. Stattdessen setzte er die Flasche ab und belohnte den Fischer mit einem erschrockenen Einatmen und einem abschließenden Hustenanfall, so dass sich der Alte zufrieden lächelnd wieder nach vorne wandte.

Eine Stunde später legten sie an. Sie hatten einen Anlegeplatz im Fischerhafen der Hauptstadt gewählt. Wie er erwartet hatte, erregte das kleine Boot zwischen der Vielzahl anderer, zum Teil schrottreifer Kähne keinerlei Aufsehen. So konnte er unerkannt vom Pier, an dem es nach Motoröl und verdorbenem Fisch stank, durch einige schlecht beleuchtete Gassen bis zu einem der kleineren Tore der Innenstadt gelangen. Ein italienischer Soldat stand dort, rauchte und unterhielt sich mit zwei Frauen, die einige Meter von ihm entfernt im Licht einer Laterne warteten.

James blieb mit einigem Abstand stehen und beobachtete das Tor. Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass der Mann ihn gar nicht beachten würde, aber das Risiko, nach einem Ausweis gefragt zu werden, durfte er nicht eingehen. Während er über alternative Wege in die Stadt nachdachte, näherte sich eine Gruppe junger Männer, die sich auf Türkisch unterhielten. Sie waren sicher nicht gut auf die Besatzer zu sprechen und konnten ihm vielleicht helfen.

Noch während sie außer Sichtweite des Tors waren, gesellte James sich zu ihnen. Er verständigte sich mit Händen und Füßen, und nachdem ihnen klar wurde, dass er Engländer war, verstanden sie sein Anliegen schnell. Sie zogen eine Flasche Rotwein hervor und integrierten ihn in die Gruppe, als hätte er schon immer dazugehört.

In scheinbar weinseliger Laune und ohne die Wache eines Blicks zu würdigen, ganz so, als sei es das Alltäglichste der Welt, täglich an ihr vorbeizuspazieren, gingen sie mit James in ihrer Mitte durch das Tor. Die Wache drehte sich kurz um, erkannte die Gruppe der Männer und wandte sich wieder ab.

Einige Straßen weiter lachten sie laut auf, klopften sich und ihm auf die Schulter, drangen darauf, dass er die Flasche behalten und trinken solle, verabschiedeten sich dann und waren bald in den Gassen verschwunden.

James hatte es geschafft! Nur wenige hundert Meter von ihm entfernt befand sich der Palast, und er konnte sich in aller Ruhe überlegen, wie er hineingelangen würde.


3. Oktober 2006, Guardner Residence, Kairo


Als Peter und Patrick am späten Nachmittag zur Villa zurückkehrten, fanden sie Oliver Guardner auf der Terrasse vor, wo er einen Tee trank und eine Zeitung mit arabischen Schriftzeichen las. Als er die beiden bemerkte, sah er auf.

»Gentlemen! Hatten Sie Erfolg?«

»Leider nur wenig«, entgegnete Peter. »Das Museum ist allerdings herausragend.«

»Das ist es tatsächlich. Umso mehr tut es mir leid, dass es Ihnen nicht geholfen hat.«

»Ich werde mich noch intensiver mit den Unterlagen Ihres Vaters auseinandersetzen«, sagte Peter. »Vielleicht finde ich dort den Schlüssel. Irgendwelche Dokumente oder Aufzeichnungen, die ich bisher nicht beachtet hatte.«

»Nun«, überlegte Guardner, »da ist auch noch ein gerahmtes Manuskript in seinem Schlafzimmer. Vielleicht sagt Ihnen das etwas? Es schien ihm recht wichtig gewesen zu sein. Es ist allerdings auf Latein, aus dem Mittelalter, nicht aus dem Altertum.«

»Das wäre sicherlich einen Blick wert. Würden Sie es uns zeigen?«

»Aber natürlich«, sagte Guardner, während er nach seinem Gehstock griff, sich darauf stützte und sich langsam erhob. »Ich hätte schon eher darauf kommen sollen. Folgen Sie mir.«

»Was haben Sie da eigentlich gelesen?«, fragte Patrick.

»Das ist die Al-Ahram. Sie können gerne auch einen Blick hineinwerfen. Ich überfliege eigentlich nur noch das Feuilleton. Die Politik macht mich zu wütend.«

Patrick überlegte, dass es nur wahrscheinlich war, dass der Alte im Laufe der Jahre Arabisch gelernt hatte. »Sie haben uns nie erzählt«, fragte er dann, »was Sie nach dem Tod Ihres Vaters nach Ägypten geführt hat. Was haben Sie hier gearbeitet?«

»Sagte ich das nicht?« Guardner führte sie zu einer Treppe, die in den ersten Stock führte. »Das muss ich wohl ausgelassen haben ... Was hat mich hergeführt? Es war wohl eine Art Heimweh, auch wenn das merkwürdig klingt. Ich fühlte mich hier wohl, die wenigen Wochen, die ich in den Jahren meiner Schulzeit hier verbrachte, waren die schönsten meiner Kindheit. Ich habe dann Politikwissenschaft und Betriebswirtschaft studiert und kam so schnell es ging wieder nach Kairo, um den Nachlass meines Vaters zu übernehmen und auch seine Geschäfte wieder aufzubauen.«

Inzwischen gingen sie über einen langen Flur, der im Gegensatz zu den Räumen im Erdgeschoss frei von Exponaten oder Antiquitäten war. Lediglich einige alte Fotografien hingen an den Wänden.

»Was waren das für Geschäfte?«

»Import, Export. Immer noch viele Möbel, aber auch Maschinenteile. Was gerade Konjunktur hatte. Aber auch damit habe ich natürlich schon vor langer Zeit aufgehört. Jetzt genieße ich den Ruhestand, wenn Sie so wollen. So, da sind wir.« Er öffnete eine Tür. »Bitte sehr. Das Zimmer ist nahezu unverändert. Samira lüftet es ab und zu oder wischt Staub, aber eigentlich bewohnt es niemand.«

Sie betraten einen schlicht eingerichteten Raum. Abgesehen von dem Bett, einem Schrank und einer Kommode war er unmöbliert. Es sah aus wie das Schlafzimmer eines Mannes, der nicht viel Zeit mit Schlafen verbrachte und daher auch keine Notwendigkeit sah, es gemütlich auszustatten. Über dem Bett hing ein gläserner Rahmen mit zwei großformatigen Manuskriptseiten, die vollständig mit Buchstaben aus schwarzer Tusche bedeckt waren. Peter setzte seine Brille auf und beugte sich vom Bettrand aus zu dem Dokument hinüber. Der Text war auf Latein verfasst, begann mit einer aufwendigen Initiale und endete auf dem zweiten Blatt in einer Art Unterschrift. Die restlichen Lettern standen so eng beieinander, dass beim Aufeinanderfolgen von m, n, i oder u die einzelnen Buchstaben kaum auszumachen waren. Entsprechend des mittelalterlichen Stils waren die senkrechten Balken breit und die waagerechten Verbindungen oft nur angedeutet. Einige der Zeichen liefen in schwungvollen Bögen nach oben und unten aus und woben ein zartes Spinnwebgeflecht zwischen die dunklen Bahnen der einzelnen Zeilen.

»Schätzungsweise zwölftes oder dreizehntes Jahrhundert«, sagte Peter.

»Nehmen Sie es ruhig ab«, sagte Guardner. »Wenn Sie mögen, nehmen Sie es mit in das Arbeitszimmer, dort können Sie es sicherlich besser untersuchen.«

Peter hob den schweren Glasrahmen vorsichtig von der Wand. »Was wissen Sie über dieses Dokument?«, fragte Peter, während sie sich wieder auf den Weg ins Erdgeschoss machten. »Ist es ein Vertrag oder eine Urkunde?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Guardner. »Mein Vater hat es nur ein paar Mal erwähnt, und nannte es ›den Codex‹.«

Als sie wenig später im Arbeitszimmer angelangt waren, verabschiedete sich der Alte.

»Ich lasse Sie jetzt am besten allein. Nach Sonnenuntergang beginnt das Fastenbrechen, daher werden wir früh und umso ausgiebiger zu Abend essen. Es bleibt Ihnen nicht viel Zeit, wenn Sie sich vorher noch in Ihren Zimmern etwas frischmachen möchten.«

»Apropos Zimmer«, sagte Patrick, »da gibt es noch etwas, was wir gerne mit Ihnen besprechen möchten.«

»Sind Sie mit irgendetwas unzufrieden?«

»So könnte man das auch sagen. Kurz bevor wir heute ins Museum gefahren sind, waren an unsere Türen zwei Mistkäfer genagelt worden. Können Sie das erklären?«

»Wie bitte? Ich verstehe nicht richtig. Mistkäfer?«

»Skarabäen. An jede Tür war ein Skarabäus genagelt worden«, erklärte Peter.

»Echte, wohlgemerkt«, sagte Patrick. »Außen noch knusprig, und die Soße lief an der Tür herunter.«

»Da der Skarabäus eigentlich ein Symbol der Wiedergeburt und des Lebens ist, machen wir uns Sorgen, was das zu bedeuten hat.«

»Das ist mir unerklärlich!« Guardner zeigte sich sichtlich irritiert. »Ich versichere Ihnen, dass ich diesen Vorfall untersuchen und Samira zur Rechenschaft ziehen werde. Das ist ungeheuerlich!«

»Vielleicht hatte auch der Typ damit zu tun, den ich heute Morgen im Garten gesehen habe. Vielleicht war es ein Einbrecher.«

»Ich muss Ihnen gestehen, Gentlemen: Das ist mir äußerst peinlich! Wenn Sie es vorziehen, werde ich Ihnen auf der Stelle zwei Zimmer im Marriott besorgen, bis diese Vorfälle aufgeklärt sind!«

»Vielen Dank, Mister Guardner«, sagte Peter. »Wir wissen Ihre Gastfreundschaft und Umsicht sehr zu schätzen. Sicherlich klärt sich die Sache schnell auf. Fürs Erste reicht es vielleicht, wenn wir alle in der nächsten Zeit die Augen ein bisschen besser offen halten.«

»Ich danke Ihnen. Ich werde alles Notwendige in die Wege leiten, damit Sie sich sicher fühlen können. Bitte entschuldigen Sie mich.«

Als der Alte das Arbeitszimmer verlassen hatte und Peter sich über den Codex beugte, fragte Patrick: »Meinen Sie, er hat etwas damit zu tun?«

Peter sah auf. »Was sollte er damit zu tun haben?«

»Vielleicht will er uns ja loswerden? Sucht eine Möglichkeit, uns jetzt doch lieber im Hotel unterzubringen?«

»Aber das ergibt keinen Sinn. Wo wäre das Motiv? Oder glauben Sie, er möchte abends rauschende Feste feiern, ohne uns dabeizuhaben?«

»Seine Überraschung schien allerdings echt zu sein«, überlegte Patrick.

»Ja, das finde ich auch. Wir sollten ihm vertrauen.« Damit wandte sich Peter wieder dem Manuskript zu. Bald suchte er Schreibutensilien, setzte sich an den Tisch und begann, den Text zu entziffern und abzuschreiben. Patrick, der ihm bei dieser Arbeit nicht helfen konnte, sah sich noch einmal die Regale an. Die vielen Andeutungen des Amerikaners im Museum hatten ihn nachdenklich gemacht. Natürlich klang vieles schon im Ansatz fantastisch: Dass Echnaton ein Außerirdischer gewesen sein soll, war bestenfalls Material für einen billigen Videofilm. Aber eine geheime Kammer unter der Sphinx und eine Altertumsbehörde, die Untersuchungen absichtlich verhinderte – das traf einen gewissen Nerv. Sein Instinkt sagte ihm, dass es hier mehr Geheimnisse und Spekulationen gab, als es den Anschein hatte. Vielleicht war tatsächlich längst nicht so viel über das alte Ägypten erforscht, wie man gemeinhin annahm. Dass aus politischen oder religiösen Gründen Untersuchungsergebnisse unterschlagen wurden, war nicht neu. Er erinnerte sich an die Intrigen und Verwirrspiele um die Rollen von Qumran, die in den fünfziger Jahren am Toten Meer gefunden worden waren. Lange Zeit war ein Großteil davon der Öffentlichkeit vorenthalten worden, unter anderem, da die Kirche befürchtete, dass die Geschichte des Urchristentums umgeschrieben werden musste. Es war vorstellbar, dass auch das SCA ein ähnlich undurchsichtiges Spiel trieb. Vielleicht war es an der Zeit, sich mit den Mythen und abwegig scheinenden Theorien über die Pharaonen und die Pyramiden näher auseinanderzusetzen. Eventuell konnte Melissa ihm heute Abend ein paar Hinweise geben.

Er blieb vor einer Buchreihe stehen. ›lllustrated Encyclopedia of Egyptian Gods‹, ›Tbe Book of the Dead, Pyramid Texts, Amduad‹, ›Plutarch on the Myth of lsis and Osiris‹ und ähnlich lautende Titel sprangen ihm ins Auge. Leider war keines der Bücher jünger als das Todesjahr des alten Sir Guardner, neuere Erkenntnisse oder Thesen aus den letzten siebzig Jahren waren also nicht zu finden.

»Wissen Sie was, Peter? Ich lasse Sie am besten allein. Bei der Übersetzung kann ich Ihnen nicht viel helfen, und ich war ohnehin für heute Abend mit Howard verabredet.«

»Dem Klimatologen? Aber wollten Sie nicht auch Ihre Melissa treffen?«

»Es ist noch früh genug, schätze ich. Wenn er nicht zu weit weg wohnt, kann ich ihn für eine Stunde besuchen und noch immer rechtzeitig am Museum sein.«

»Gut, einverstanden. Mister Guardner wird Ihnen sicherlich den Fahrer zur Verfügung stellen. Aber passen Sie mit der Frau auf. Denken Sie daran, was ich Ihnen über den Anhänger erzählt habe!«

Patrick schlug dem Professor auf die Schulter. »Keine Sorge, sie wird mich schon nicht auffressen. Und Sie wissen ja, was ich von esoterischen Spinnereien halte.«


Eine Dreiviertelstunde später hielt Ahmad vor einem dreistöckigen Wohnhaus, und Patrick stieg aus.

»Ich werde auf Sie warten«, sagte Ahmad.

Es war noch immer warm, wie an einem heißen Sommerabend in Südfrankreich. Patrick studierte das Klingelbrett des Wohnblocks und wollte gerade einen Knopf drücken, als jemand aus dem Haus kam und ihm die Tür aufhielt. Howard Goddards Wohnung lag im zweiten Stock.

Oben angekommen öffnete ihm eine Frau mit Schürze.

»Guten Tag, mein Name ist Patrick Nevreux. Ist Mister Goddard da? Ich bin mit ihm verabredet.«

»Mister Goddard nicht hier«, erwiderte die Frau in gebrochenem Englisch und wollte die Tür schon wieder schließen.

Patrick ließ sich jedoch nicht beirren. »Er ist nicht hier? Wann kommt er wieder? Ich möchte ihn treffen.«

Die Frau winkte ungehalten ab. »Mister Goddard sehr krank, nicht hier«, wiederholte die Frau.

»Krank? Das ist ja furchtbar! Was ist passiert, kann man ihm helfen?«

»Nein, nicht helfen. Mister Goddard Hospital. Sehr, sehr krank!« Die Frau senkte den Blick.

»Der arme Howard«, seufzte Patrick. »Kann ich ihn besuchen? Was hat er denn?«

»Nicht weiß. Mister Goddard bestellt Pizza nach Hause – und fällt um. Krank. Doktor hier und mitgenommen Mister Goddard und schlechte Pizza.« Die Stimme der Frau wurde brüchig.

»Wo ist er jetzt? Welches Krankenhaus?«

»Anglo-American Hospital.«

»Vielen Dank, Madam! Sie haben mir sehr geholfen! Ich werde ihn sofort besuchen. Hoffen wir, dass es ihm bald wieder besser geht!«

»Insha'Allah!« Sie schloss die Tür mit gesenktem Blick, und Patrick meinte, ein leises Schluchzen zu hören.

Sie fuhren denselben Weg zurück, den sie gekommen waren, und nach einiger Zeit wurde ihm klar, weshalb. Das Krankenhaus befand sich auf Zamalek, der Insel im Nil, auf der auch Guardners Villa stand.

Inzwischen war es spät geworden. In einer knappen Stunde war er mit Melissa am Museum verabredet. Aber er wollte wenigstens noch in Erfahrung bringen, wie es Goddard ging.

Als er an der Rezeption des Krankenhauses nach ihm fragte, konnte die Dame ihm nicht sofort helfen. Sie tippte mehrfach etwas in ihren Computer, prüfte Einträge, griff dann zum Telefon, führte ein kurzes Gespräch und bat ihn schließlich, sich zu setzen und zu warten.

Nach zehn Minuten kam ein Arzt auf ihn zu.

»Sie möchten Mister Goddard besuchen?«

»Ja, richtig. Mein Name ist Patrick Nevreux, ich war eigentlich heute Abend mit ihm verabredet. Kann ich mit ihm sprechen? Oder ihm eine Nachricht hinterlassen?«

»Können Sie mir Ihren Ausweis zeigen, Mister Nevreux?«

Patrick stutzte und reichte dem Arzt dann seinen Ausweis. Der Mann studierte ihn eine Weile und gab ihn dann zurück.

»Nun, Mister Nevreux. Ich habe leider schlechte Nachrichten. Mister Goddard ist gestorben.«

»Wie bitte?!«, entfuhr es Patrick.

»Er wurde bereits mit Herzstillstand eingeliefert. Wir konnten ihn kurzzeitig reanimieren, aber Herz und Lungenaktivität ließen sich nicht mehr stabilisieren. Es tut mir leid.«

»Er ist an einem Herzstillstand gestorben? Einfach so?« Und gerade jetzt?, wollte er hinzufügen.

»Technisch gesehen ja. Wir vermuten aber, dass es die Folgen einer Vergiftung waren. Das wird sich allerdings erst bei einer Autops ... entschuldigen Sie. Ich hoffe, ich habe Ihre Gefühle nicht verletzt.«

»Nein, nein, schon gut.«

»Kann ich noch etwas für Sie tun?«

»Ist in Ordnung, nein. Alles okay. Ich muss das nur verdauen. Danke sehr.«

»Mein Beileid, Mister Nevreux.« Der Arzt nickte noch einmal und entfernte sich dann.

Patrick stand auf und ging ins Freie, wo er sich eine Zigarette anzündete. Er kannte Goddard nicht, und täglich starben Menschen. Dennoch traf ihn der Vorfall ins Mark. Er wollte es für einen bloßen Zufall halten, aber nach dem Erlebnis am Flughafen und den Skarabäen an der Tür war es ein Zufall zuviel. Konnte es sein, dass hier Kräfte am Werk waren, die sie um jeden Preis von etwas abhalten wollten, noch bevor sie richtig angefangen hatten? Welches kostbare Rätsel verbarg sich hinter der Suche des alten Sir Guardner? Der ja vielleicht – das kam ihm nun in den Sinn – ebenfalls keines natürlichen Todes gestorben war.

Ihr Projekt in Frankreich hatte sie bereits einmal in Teufels Küche gebracht, und damals hatte er sich geschworen, dass er solchen Scherereien in Zukunft aus dem Weg gehen würde. Und nun waren sie möglicherweise geradewegs in den nächsten Haufen getreten.

Er konnte nur hoffen, dass ihn sein Pessimismus trog.

Verärgert schnippte er die Zigarette auf den Gehweg, trat sie aus und ging zurück zum Wagen. Vielleicht konnte das Abendessen mit Melissa ihn auf andere Gedanken bringen, und morgen würde er sich mit Peter besprechen.

Melissa holte ihn vor dem Museum in einem weißen Ford ab.

»Wir fahren in den arabischen Teil der Stadt«, verkündete sie. »Damit du etwas lernst.« Dabei grinste sie.

»Da bin ich aber gespannt.«

»Zum Beispiel stand dort einmal eine mittelalterliche Festung, die Al-Qahirah genannt wurde. Daraus ist der Name der Stadt Kairo entstanden, die sich später darum herum entwickelt hat.«

Patrick antwortete nicht. Er hoffte, dass sie nicht ein ebenso großes Bedürfnis entwickeln würde, Vorträge zu halten, wie Peter.

»Na gut, ich will dich nicht langweilen, keine Angst«, sagte Melissa, als sie Patricks Zurückhaltung bemerkte. »Hast du denn schon Hunger?«

»Es geht so.« Tatsächlich hatte ihm der Besuch im Krankenhaus den Appetit verdorben.

»Na, wir sind ja auch noch nicht da. Wo wohnt ihr eigentlich?«

»Auf dieser Insel, Zamalek, oder wie sie heißt. Bei einem alten Engländer, der uns eingeladen hat.«

»Ach, ist er euer neuer Auftraggeber? Um was geht es denn?«

»Wir sollen einen Papyrus übersetzen«, erklärte Patrick knapp. Er hielt es für besser, keine Details zu verraten.

»Klingt nicht sonderlich aufregend für dich, oder?«

»Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, stimmt. Aber dafür habe ich ja heute Abend eine zauberhafte Abwechslung.«

»Ach?« Sie lachte auf. »Du kennst mich doch noch gar nicht.«

»Ich arbeite gerade daran.«

Sie blinzelte zu ihm herüber. »Vielleicht bin ich ja in Wahrheit eine Psychopatin und entführe dich jetzt?«

»Oder ein Männer jagendes Sexmonster«, schlug Patrick vor.

»Ha, das würde dir wohl gefallen, was?« Sie lachte. »Nein, ich weiß etwas Besseres: Ich werde dich zwingen, den ganzen Abend höflich und galant zu sein und mir jeden Wunsch von den Lippen abzulesen.«

»Ich könnte mir Schlimmeres vorstellen.«

Melissa schmunzelte.

Sie kamen in ein belebtes Stadtviertel. Die Häuser waren zwar grau und wirkten heruntergekommen, doch überall waren sie mit Neonröhren erleuchtet, bunte Lichterketten hingen an Wänden, Mauern und Markisen, Türen standen offen, Menschen bevölkerten die Straße und die angedeuteten Bürgersteige. An vielen Stellen waren Buden aufgebaut, die Getränke, Popcorn oder Plastikspielzeug verkauften. Es gab kleine Imbissstände, und ins Wageninnere drangen honigsüße und rauchig würzige Gerüche. Fast schien es, als führe man durch einen nächtlichen Basar oder ein Straßenfest.

»Was ist denn hier los?«, fragte Patrick, der aus dem Fenster beobachtete, dass die Leute sich draußen vergnügten, plauderten und lachten. Kinder liefen aufgeregt zwischen den Häusern und Buden herum, überall wurde gefeiert und gegessen. Er sah sogar einige Menschen, die trommelten und tanzten.

»Es ist doch Ramadan«, erklärte Melissa. »Da wird ab Sonnenuntergang das Fastenbrechen gefeiert. Du müsstest erst einmal sehen, was hier los ist, wenn Ramadan Bairam ist, das Ende der Fastenzeit. Dann ist hier drei Tage lang der Teufel los. Oder beim Geburtstag des Propheten.«

Irgendwo zwischen den Ständen fand Melissa einen Platz, an dem sie den Wagen abstellen konnte. Anschließend führte sie Patrick in ein unscheinbares Lokal, in dem sich auch ein paar Ausländer aufhielten.

»Ein Geheimtipp, deswegen kommen auch immer wieder Europäer her, die hier leben«, erklärte Melissa. »Das Essen ist gut, günstig und reichlich.«

Als sie saßen, überflog Patrick die Speisekarte.

»Was isst man denn hier so? Was wäre typisch ägyptisch?«, fragte er.

»So was gibt es eigentlich gar nicht. Das sind im Prinzip alles Gerichte, die es überall im Nahen Osten gibt, in Jordanien, Syrien oder in der Türkei. Eine eigene Küche haben die Ägypter nicht. Na ja, wenn man vielleicht mal vom Bohneneintopf absieht. Was magst du denn so? Fleisch?«

»Fleisch klingt gut. Irgendwas Schlichtes, Gebratenes. Aber nichts Parfümiertes, in Rosenwasser mariniert oder so.«

»Ich suche dir einfach was raus. Und dazu? Bier? Willst du mal ein ägyptisches Lager testen?«

»Taugt es was?«

»Nein.« Sie lachte.

»Dann muss ich es wohl probieren.«

Melissa bestellte, und kurze Zeit später stießen sie an. Sie hatte sich ebenfalls ein Bier bringen lassen.

»So«, sagte sie, »jetzt sind wir also hier, beim gemeinsamen Abendessen, wie du es dir heute gewünscht hast. Gefällt es dir?«

»Ja, doch, wunderbar.« Dabei schmunzelte er.

»Du bist sehr offen und freizügig«, bemerkte sie. »Holst du so auf allen deinen Reisen die Frauen ins Bett?«

Patrick fühlte sich mit einem Mal wie vor den Kopf gestoßen. In der mittelalterlichen Kriegsführung hätte man so was wohl einen berittenen Ausfall genannt. Sollte er sich jetzt zurückziehen? Verteidigen?

»Leider treffe ich nur selten so tolle Frauen«, gab er zurück und biss sich auf die Zunge, kaum dass er es ausgesprochen hatte. So tolle Frauen! Was für ein selten dümmlicher Spruch!

»Na, wenn du meinst ... «, erwiderte sie. »Ich nehme das einfach mal als Kompliment. So war es doch gemeint, oder?«

»Ja sicher!« Er holte seinen Zigaretten hervor und hoffte, dass es nicht zu unsicher wirkte.

»Du bist süß, weißt du das?«, sagte sie.

Bei dem Wort süß verzog er das Gesicht, aber sie lachte nur. Dann wurde sie wieder etwas ernster und legte eine Hand auf seinen Arm. »Aber du solltest deswegen jetzt nicht rauchen.«

»Deswegen? Ich rauche einfach so.«

»Du solltest auch nicht einfach so rauchen.«

»Was?« Ihre Art begann, ihn sehr zu irritieren. Es schien, als hätte sie gerade die Kontrolle über den Abend übernommen.

»Rauchen ist Gift für den Körper. Und es entspricht ja nicht deinem Willen, dich selbst zu töten.«

Er entzündete die Zigarette, schon allein aus Protest, aber auch, um seine Selbstsicherheit wiederzugewinnen. »Es ist aber mein Wille, jetzt eine zu rauchen«, sagte er.

»Das denkst du, ja. Aber es ist nicht dein wahrer Wille.« Als sie sah, dass Patricks Blick verständnislos blieb, fuhr sie fort. »Na ja, das ist auch nicht so einfach zu lernen. Ich lebe jedenfalls danach: ›Tu, was du willst. Das sei das einzige Gesetz.‹ Das ist ein sehr wichtiger Lehrsatz.«

»Das klingt ziemlich egoistisch, finde ich. Außerdem, ich tue doch gerade, was ich will. Oder nicht?«

»Genau da liegt ja die eigentliche Weisheit. Es geht nicht darum, einfach nur zu tun, was einem gerade in den Sinn kommt. Sondern es geht darum zu erkennen, was man wirklich will. Was der wahre Antrieb des eigenen Lebens ist. Es geht darum, sich selbst zu erkennen, die eigene Stärke, die eigene Bestimmung, und sich nicht irgendwelchen Beschränkungen unterzuordnen, die den eigenen Geist zerstören.«

Patrick hob die Augenbrauen. Das Gespräch entwickelte sich in eine merkwürdig esoterische Richtung, auf die er überhaupt keine Lust hatte. Vielleicht hatte Peter mit seiner Warnung vor ihr recht gehabt.

»Zum Beispiel ist es der wahre Willen jedes Lebewesens zu leben, glücklich zu sein und Liebe zu empfangen«, fuhr sie fort. »Kein Lebewesen wünscht sich oder anderen Lebewesen den Tod. Wenn also alle Menschen ihren wahren Willen erkennen und danach leben würden, gäbe es keine Kriege. Es würde auch niemand Drogen nehmen oder rauchen, weil es selbstzerstörerisch ist. Das meinte ich vorhin.«

»Aber du trinkst doch auch ein Bier«, wandte Patrick ein.

»Ja, das stimmt. In vollem Bewusstsein dessen, was man tut, in kleinen Mengen und zu besonderen Gelegenheiten ist das auch mal erlaubt. Es gibt ja auch Wein bei unseren Messen.«

Eher aus Höflichkeit als aus echtem Interesse fragte er nach. »Ihr habt richtige Messen? Und Kirchen und so was?«

»Ja, natürlich.«

»Und was macht ihr da so? Wird da gesungen und gebetet?« Er grinste und schüttelte innerlich den Kopf. Der Abend war so gut wie gelaufen.

»Nicht in dem Sinn, wie du es vielleicht kennst. Natürlich gibt es bei uns auch Zeremonien und Rituale. Aber dabei geht es immer um Liebe und den freien Willen, nicht darum, eine Gottheit anzubeten.«

Patrick drückte seine Zigarette aus. »Rituale über Liebe?«, fragte er. »Wie muss man sich das vorstellen? Erzählt ihr euch da Geschichten, oder geht es um Sex?«

»Körperlichkeit ist ein völlig natürlicher Teil von Liebe«, gab sie unbestimmt lächelnd zurück.

Patrick sah sie mit großen Augen an und ärgerte sich, dass er die Zigarette gerade ausgemacht machte. Er könnte jetzt einen tiefen Zug vertragen. Eine merkwürdige Mischung aus Erregung und Widerwillen ergriff ihn. Zögerlich hakte er nach: »Du meinst, ihr habt da wirklich zusammen Sex?«

Sie kniff die Augen zusammen und grinste. »Du bist aber ganz schön neugierig, was?« Dann leuchteten ihre Augen auf, und sie zeigte auf einen Mann, der mit Tellern auf ihren Tisch zukam. »Prima, unser Essen!«

Patrick war froh, dass sich eine Gelegenheit ergab, das Thema zu wechseln. Er konnte nicht recht glauben, was ihr unverblümtes Wesen und ihre Woodstock-Erzählungen gerade nahelegten. War sie nur eine gute Schauspielerin, oder war sie tatsächlich so drauf?

»Heute im Museum«, sagte Melissa unvermittelt, »hast du die Anubis-Statue so merkwürdig angesehen. Was war da los?«

Er überlegte einen Moment, was er ihr erzählen sollte, und entschied sich dann dafür, darauf einzugehen. Schließlich hatte er auch noch ein paar andere Fragen, und irgendwo musste er ja anfangen.

»Ich hatte in der Nacht zuvor gerade erst davon geträumt. Nicht von der Statue, aber von solchen schwarzen Hunden. Ich dachte, es seien Dobermänner, aber tatsächlich sahen sie aus wie Anubis.«

»Tatsächlich? Nun, vielleicht hattest du vorher solche Bilder gesehen?«

»Nein, hatte ich nicht. Und es waren ja auch nicht nur die Hunde. Der ganze Traum war sehr realistisch.« Und dann erzählte er ihr, wie er von Papierblättern, die er nicht lesen konnte, eingewickelt worden war, wie die Hunde erschienen waren und einer ihm den Kiefer aufgebrochen hatte. Dann schilderte er, wie ihm sein Herz herausgerissen worden war und gewogen werden sollte, und wie er plötzlich ein Auge in den Händen gehalten hatte, das er offenbar Peter ausgerissen hatte. Nur von Stefanie sagte er nichts.

Melissa hörte ihm aufmerksam zu und nickte dann. »Das ist wirklich ungewöhnlich«, sagte sie. »Du scheinst eine Sehergabe zu haben.«

»Wie bitte?!« Beinahe hätte er sich verschluckt.

»Du hast mir doch gesagt, dass du dich mit Ägyptologie überhaupt nicht auskennst. Aber trotzdem hast du Szenen aus der ägyptischen Mythologie geträumt!«

Patrick sah sie nur an und wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Melissa war belesen, studiert, und trotzdem schien sie ernsthaft so etwas wie eine Sehergabe für möglich zu halten. Eine reichlich merkwürdige Kombination.

»Oder kanntest du die Pyramidentexte und die Sargtexte schon vorher? Die Bedeutung von Anubis, dem Wächter der Totenstädte ? Kanntest du Maat, die Richterin, Göttin der Wahrheit und der Gerechtigkeit? Vor ihr müssen die Toten ihre Geständnisse ablegen, und ihre Herzen werden gegen eine Feder aufgewogen.«

»Also wirklich ... «

»Und so wie du es beschreibst, Maat mit einer Federkrone auf dem Kopf, und die Seelenfresserin, die neben der Waage steht, das ist doch unglaublich detailliert. Wenn du all das nicht schon vorher einmal irgendwo gesehen oder gelesen hast, dann bleibt doch nur die Möglichkeit, dass du Dinge sehen kannst.«

Patrick dachte darüber nach, wie er in den letzten Monaten häufiger plötzlich Eingebungen gehabt hatte. Eigentlich hatte das mit seinem Eintreten in die Höhle in Südfrankreich begonnen. Seitdem erschien ihm sein Instinkt, auf den er sich früher schon hatte verlassen können, auf seltsame Art geschärft. Nur hatte er noch nie derartig realistische Träume gehabt. Oder vielleicht hatte er sie nur nicht beachtet.

»Und diese Sache mit dem Auge?«, fragte er dann argwöhnisch. »Was sollte das zu bedeuten haben?«

»Ich überlege gerade«, gab sie zurück. »Augen gibt es natürlich überall in der altägyptischen Mystik ... Mir fällt dazu die Legende von Horus und Seth ein.«

Patrick horchte auf. Horus und Seth – das waren die beiden Namen, die an den Schlafzimmertüren im Haus des alten Guardner standen.

»Horus und Seth sind Brüder«, erklärte Melissa weiter. »Zumindest in einigen Fassungen. Manchmal auch Onkel und Neffe, aber meistens Brüder. Sie geraten in Streit, da Horus bevorzugt behandelt wird. Osiris, einer der obersten Götter, will ihn als Erben und Herrscher über das Land einsetzen. Aus Zorn darüber reißt Seth Horus ein Auge aus. Daher nennt man das ägyptische Auge auch oft Horusauge.«

»Seth reißt ihm ein Auge aus? Einfach so?« Der Name Seth hatte an seiner Tür gestanden, überlegte Patrick.

»Erst, nachdem ihm Horus den Hoden abgerissen hat.«

»Sag mal, was sind das denn für Geschichten?!«

»In deinem Traum hast du dich anscheinend mit Seth identifiziert. Er ist üblicherweise die Personifikation des Bösen.«

»Na wunderbar. Das sollte mir jetzt wohl zu denken geben, nehme ich an?«

»Nicht unbedingt.« Melissa beugte sich vor. »Denn was die wenigsten wissen: Er ist einer der ältesten und stärksten Götter!«

»Tatsächlich?«

»Ja. Denn er beschützt Re, den Gott der Sonne, der Widergeburt, Vater aller Götter und der Pharaonen. Der Überlieferung nach wandert Re auf der Sonnenbarke jede Nacht durch die Unterwelt, ebenso wie es die gestorbenen Pharaonen tun. Dieser Weg ist im Amduat beschrieben. Nun, jedenfalls trifft die Sonnenbarke mit Re auf die Personifikation des Urchaos, den Schlangengott Apophis. Apophis ist die einzige Macht, die Re gefährlich werden kann. Aber Seth, der am Bug der Sonnenbarke steht, besiegt die Schlange. Man könnte also sagen: Nur durch die Kraft Seths ist das sichere Geleit Res und der alltägliche Sonnenaufgang gewährleistet.«

»Okay, klingt ja doch nicht so übel.«

»Ganz genau.« Sie lehnte sich so weit zu ihm, dass sie nur noch halblaut sprechen musste. »Ich glaube auch, dass du eine ganz besondere Kraft hast. Du bist mehr, als du ahnst, Patrick.« Sie streckte eine Hand aus und strich behutsam über seine Wange. Für einen Augenblick schien alles um ihn herum zu verblassen. Geräusche, Farben, sogar das Licht verlor an Kraft. Er spürte ein heißes Prickeln dort, wo ihre Hand ihn berührte, roch wieder diesen Hauch von süßem, würzigem Holz, der ihr entströmte, der auf eine Weise rührselig altmodisch war und zugleich ein Versprechen zügelloser Leidenschaft malte. Er meinte, sich in ihren leuchtenden Augen spiegeln zu können, die ihn groß und offen ansahen. Es war ein inniger Blick, der ihn in eine ungeahnte Tiefe sog. Er spürte, wie er errötete. Ein hitziger Schauer lief ihm über die Kopfhaut, den Nacken und den Rücken hinunter.

Dann lehnte sie sich zurück, und die Zeit nahm ihren Takt wieder auf.

»Dein Essen wird kalt«, sagte sie lachend und nahm ihr eigenes Besteck ebenfalls in die Hand.

Patrick bemühte sich, seine Gedanken zu sortieren. Was in aller Welt lief hier schief? Egal welches Thema sie hatten, es gelang ihr, ihn jedes Mal nach kurzer Zeit in Verlegenheit zu bringen. Und es war mit Sicherheit nicht seine Art, sich so leicht aus der Fassung bringen zu lassen. Schon gar nicht von einer Frau, auf die eigentlich er zuerst ein Auge geworfen hatte, und die sich nun als schräge Esoterikerin herausstellte. Die Rollenverteilung am heutigen Abend entsprach ganz und gar nicht seinen Plänen. Er musste das Heft wieder in die Hand nehmen.

»Ich habe mich mit Peter über diesen Amerikaner unterhalten«, setzte er daher neu an. »Er hat da so ein paar Sachen angesprochen ... «

»Ja?«

»Diese Verschwörungsgeschichten, dass Funde verschwiegen werden, dass es geheime Kammern gibt und so weiter. Du hast gesagt, dass du diese Geschichten immer wieder hörst. Wie sehr kennst du dich damit aus?«

»Nur am Rande, ehrlich gesagt. Ich habe mit dem Studium dessen, was wir wirklich über Ägypten wissen, schon genug zu tun. Es ist so unsagbar viel, immerhin ist es eine Kultur, die eine fast zehnmal längere Geschichte hat als beispielsweise das Römische Reich. Ich arbeite für das Museum, und letzten Endes auch für Dr. Aziz ... «

»Den Chef der Altertümerverwaltung?«

»Richtig. Und deswegen muss ich solchen Spekulationen natürlich widersprechen. Aber diese ganzen verworrenen Ideen und Theorien sind so unüberschaubar, dass ich mich im Einzelnen gar nicht damit beschäftigen kann. Meistens bekommen wir am Museum dazu eine Art offizielle Stellungnahme, in der steht, wie wir auf solche Anfragen reagieren und welche Argumente wir verwenden sollen. Das ist dann aber meistens auch alles, was ich darüber weiß.«

»Ach so ... Schade.«

»Gibt es denn etwas, was euch besonders interessiert? Hat es mit eurem Projekt zu tun? Du hast mir nicht viel darüber erzählt.«

»Du hast recht. Es gibt aber auch noch nicht viel dazu zu sagen. Es geht um diesen Papyrus, den wir übersetzt haben. Peter ist der Meinung, dass er etwas mit Echnaton zu tun hat und mit dem Ursprung seiner ungewöhnlichen Gesinnung. In dem Dokument ist offenbar beschrieben, dass Echnaton in Berührung mit irgendeiner Quelle der Weisheit gekommen sei. Darüber soll er einen Bericht verfasst haben – und den suchen wir zurzeit.«

»Und ihr vermutet, dass man diesen Bericht vielleicht schon längst gefunden hat und der Öffentlichkeit unterschlägt?«

»Vielleicht, aber nicht unbedingt. Es wäre nur nützlich zu wissen, worüber so spekuliert wird. Manchmal steckt ja doch ein Körnchen Wahrheit drin. Wie in den Legenden um Troja. Wie sich herausstellte, gab es die Stadt tatsächlich.«

»Also könnte es auch die geheimen Gänge oder die berühmte »Kammer des Wissens‹ geben?«

»Keine Ahnung, aber zumindest sollten wir uns die Geschichten einmal anhören, oder?«

»Dann wäre es wohl am einfachsten, wenn du dich noch einmal mit dem Amerikaner triffst.«

Patrick verdrehte die Augen. »O nein! Außerdem: So wie ich den angepflaumt habe, ist das wohl keine gute Idee.«

Melissa lachte. »Ohne Fleiß kein Preis. Er hat doch gesagt, er würde noch einmal ins Museum kommen. Ich sehe ihn bestimmt. Dann sage ich ihm einfach, dass er sich bei dir melden soll. Oder ich rufe dich dann einfach an, gut?«

Patrick verzog die Mundwinkel. Auf den Typen hätte er gut verzichten können. Aber Melissa hatte recht, überlegte er. Wenn sie ihm keine Anhaltpunkte geben konnte, kam er am schnellsten voran, wenn er sich tatsächlich mit ihm traf und sich dabei Notizen machte. Wer konnte wissen, auf welche Fährte in der Mann bringen würde. Außerdem konnte er so in Kontakt mit Melissa bleiben. Er gab ihr eine Visitenkarte von Oliver Guardner mit der Telefonnummer der Residenz.

»Danke«, sagte sie und fügte mit einem verschmitzen Grinden hinzu: »Dann weiß ich immer, wo ich dich finden kann.«

Patrick wollte etwas Geistreiches erwidern, zögerte aber einen Moment zu lange, denn sie wies bereits freudig hinter ihn und rief: »Prima, der Nachtisch!«

Patrick schüttelte innerlich den Kopf. Erneut überrumpelt, verärgert und verzückt gleichermaßen. Er fragte sich, wo der Abend noch hinführen würde, wenn er ihr das Ruder überließ. Aber dann zuckte er innerlich mit den Schultern, lächelte, lehnte sich zurück und ließ sich treiben.

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