Kapitel 11


18. April 1941, Nekropole von Sakkara


Obwohl es schon später Nachmittag war, brannte die Sonne noch heiß auf die Ruinen und Grabanlagen von Sakkara herab. James stand neben dem Lastwagen, mit dem sie gekommen waren, und sah auf den markanten Schattenriss der Stufenpyramide des Djoser, die sich vor ihm erhob und dunkel gegen den hellblauen Himmel absetzte. Es war ein eindrucksvolles Bauwerk, deutlich kleiner natürlich als die gewaltigen Pyramiden des Giseh-Plateaus, aber wenn man wusste, dass der Monumentalbau der ägyptischen Grabanlagen hier seinen Ursprung genommen hatte, dann wurde einem die Bedeutung dieses Ortes bewusst.

Während Salah, der Ägypter, der ihm bei den Planungen geholfen hatte, neben ihn trat, kam aus einiger Entfernung ein Mann auf sie zu. Er war in eine Uniform gekleidet und trug ein Gewehr an einem Riemen über der Schulter.

»Es geht los«, sagte James zu seinem Begleiter. »Der erste Wachposten.«

Sie blieben stehen und warteten, bis der Mann herangekommen war. James grüßte ihn, indem er ihm einen Brief entgegenhielt.

»Mein Name ist James McEvoy, ich bin Fotograf und habe eine Genehmigung, hier Aufnahmen zu machen.«

Der Aufseher nahm das Papier entgegen, entfaltete und besah es. Dann steckte er es ein und richtete seine Waffe auf sie. »Sie hierbleiben. Ich werde prüfen.« Er drehte sich um und ging den Weg zurück, den er gekommen war.

James sah Salah fragend an. »Und jetzt? Was soll das heißen? Wann kommt der Bursche zurück?«

Der Ägypter zuckte nur mit den Schultern. »Bukra«, gab er zurück, was so viel hieß wie »morgen«, in Ägypten aber schlicht »irgendwann« bedeuten konnte.

»Na, wunderbar. Gut, dass wir ein bisschen Zeit mitgebracht haben.« James wandte sich ab und spazierte entlang der Geröllpiste, die sie gekommen waren, auf und ab. Es wäre geradezu lächerlich, wenn seine jahrelange Suche, während der er allen möglichen Widrigkeiten getrotzt hatte, nun an der bürokratischen Verstocktheit eines Wachmanns mitten in der Wüste scheitern sollte. Nachdem er den Text übersetzt hatte, war er lange Zeit überzeugt gewesen, dass das Pyramidion die größte Hürde sein würde. Aber wie sich herausgestellt hatte, war es nicht allzu schwierig gewesen, einen Termin mit der Altertümerverwaltung zu vereinbaren. Möglich, dass das unmittelbar damit zusammenhing, dass die Engländer noch immer großen Einfluss auf die Regierung Ägyptens nahmen. James fragte sich häufig, wie lange das noch gutgehen mochte, wo doch der Ruf nach Unabhängigkeit überall in der Luft hing, insbesondere in Afrika. Aber nun, da Krieg war, herrschte auch in den Kolonien hektisches Treiben, und es würde wohl noch ein paar Jahre dauern, bis die Bestrebungen nach Selbstbestimmung wieder die Oberhand gewannen. In diesem Fall aber hatte ihm die politische Lage in die Hände gespielt, denn so hatte er das Pyramidion studieren und dessen Rätsel lösen können.

James blickte die Schotterstraße hinunter, wo sie sich zwischen zwei sandigen Hügeln verlor. Dort parkte ein Auto. Es war dasselbe Modell, das ihnen auch schon in Kairo gefolgt war. Er wusste nicht, wer es war, der sie von dort beobachtete, aber er würde es am ehesten herausfinden, wenn er so tat, als bemerke er es nicht. Also drehte er sich wieder um und schlenderte zurück.


10. Oktober 2006, Guardner Residence, Kairo


»Sie sind sicher, dass Sie mitkommen wollen, Peter?« Patrick sah den Engländer schmunzelnd an. Er hatte es natürlich nicht anders erwartet, aber während er den Tag damit verbracht hatte, die notwendige Ausrüstung zusammenzustellen und fehlende Teile einzukaufen, hatte Peter sich sehr zurückgehalten. Nun war es inzwischen kurz nach neun, das Treffen der Rotarier hatte vor einer halben Stunde begonnen, und Dr. Aziz war beschäftigt. Patrick wollte gerade das Haus verlassen, um loszufahren, als Peter sich zu ihm gesellte. Er trug, wie Patrick auch, nur schwarze Kleidung, damit sie im Dunkeln weniger auffielen.

»Selbstverständlich komme ich mit! Ein Pyramidion werden Sie mit Glück noch erkennen, aber Sie können ja nicht einmal eine altägyptische Dekoration von einer echten Inschrift unterscheiden. Geschweige denn, dass Sie eine Bedienungsanleitung lesen könnten, und wir wollen doch hoffen, dass das Pyramidion eine enthält, nicht wahr? Wie sonst sollen wir die Weisheit der Welt erfahren können?« Sie gingen nach draußen und stiegen in den Mietwagen, den Ahmad besorgt hatte.

Patrick lachte. »Ja, da haben Sie verdammt recht. Ich wusste, dass Sie mitkommen würden!«

»Ich wusste es auch. Und Sie wussten, dass ich es wusste. Deswegen habe ich mich so aufgeregt. Ich bin noch nie irgendwo eingebrochen. Ich bin immer rechtschaffen gewesen, habe weder Anweisungen missachtet noch Gelder veruntreut. Auch wenn es Leute geben soll, die da weniger skrupellos sind ... «

»Autsch«, rief der Franzose mit gespielter Empörung aus. »Das hat aber gesessen!«

»Wenn ich es mir recht überlege, habe ich nur ein einziges Mal etwas gestohlen, es war, glaube ich, ein Karamellbonbon. Da muss ich – lassen Sie mich nachdenken – etwa sieben Jahre alt gewesen sein.«

»Nichts für ungut, alter Freund«, sagte Patrick, »aber das wäre inzwischen sogar verjährt, wenn Sie nur halb so alt wären, wie Sie sind.«

»Na, Ihre Retourkutsche kommt aber zügig!« Peter hob eine Augenbraue und schmunzelte. »Habe ich Sie womöglich härter getroffen, als ich dachte?«

»Wissen Sie: Wenn's nur das ist, dann lasse ich es mir gerne vorwerfen. Ich habe schließlich bitter dafür bezahlen müssen.«

»Tatsächlich? Das wusste ich gar nicht. Waren Sie etwa im Gefängnis deswegen?«

»Nein, das nicht, aber nach dem Schadensersatz war ich so was von pleite, dass ich selbst den katastrophalen Job mit Ihnen in Frankreich annehmen musste.«

Peter lachte auf. »Sie schaffen es immer, noch einen draufzusetzen!«

Patrick stieß seinen älteren Kollegen scherzhaft in die Seite. »Klar doch, Sportsfreund, was wären wir sonst für ein Team? Aber ganz ehrlich: Ich freue mich, dass Sie mitkommen!«

Peter sah den Franzosen an und nickte. »Danke. Ich bin auch froh, dass Sie hier sind. Ohne Sie wäre das Unternehmen schon mehrfach stecken geblieben.«

»Ich denke, wir geben uns da nicht viel. Während Sie alte Papyri und Inschriften entziffern, bin ich der Mann fürs Grobe. Wir gehören zusammen. Wie Scylla und Charybdis.«

»Wohl eher wie Castor und Pollux, meinen Sie?«

»Keine Ahnung. Meine ich das?«

»Vermutlich. Ich erkläre es Ihnen, wenn Sie wollen ... «

»Danke. Nicht heute. Sehen Sie, wir sind fast da!«

Ahmad parkte in einer Seitenstraße und ließ die beiden aussteigen. Patrick nahm einen kleinen Rucksack vom Sitz, hängte ihn sich um und ging voraus, Peter hielt sich dicht hinter ihm. Sie liefen nicht über die Hauptstraße, sondern näherten sich dem Haus von der Rückseite und kamen bald an eine fast drei Meter hohe Mauer, die das Gründstück begrenzte. Im Garten ragten Büsche und Stauden auf, die hier weit über die Mauer hingen. Zusammen mit dem nur spärlichen Licht einer einzelnen Straßenlaterne in einiger Entfernung war man an dieser Stelle recht gut vor Blicken geschützt. Patrick zog ein Paar Fleischerhandschuhe aus dem Rucksack und zog sie an. Es waren kräftige Lederhandschuhe mit weiten Stulpen und einem Netz aus Kettenringen in der Handfläche. Peter fragte sich, wo um alles in der Welt so etwas in Kairo aufzutreiben gewesen war. Patrick holte eine schwere Stabtaschenlampe hervor und klemmte sie hinter seinen Gürtel. Dann sprang er nach oben, ergriff die Kante der Mauer und zog sich hoch. Halb oben zog er die Taschenlampe heraus und schlug mit ihr über die Mauerkante. Peter hörte es klirren und wich einem Regen aus Glassplittern aus. Offenbar waren zum Schutz gegen Einbrecher Glassplitter in die Mauerkante eingelassen. Dafür also die Kettenhandschuhe. Schließlich steckte der Franzose die Taschenlampe wieder weg, packte die Mauer abermals mit beiden Händen und schwang sich in einer eleganten Bewegung ganz nach oben.

»Gehen Sie in fünf Minuten zum Tor«, flüsterte Patrick von der Mauer herab. »Ich sehe zu, dass ich es aufbekomme.«

»Einverstanden!« Peter sah auf seine Uhr. Er würde sich ausreichend Zeit lassen und um den Block schlendern.

Patrick duckte sich unter dem überhängenden Gestrüpp. So geschützt hatte er Zeit, einen geeigneten Ort zu suchen, um in den Garten zu springen. Natürlich waren die Glasscherben nur eine Kleinigkeit gewesen. Eine Zugabe der Bauarbeiter, nicht mehr. Auf der Innenseite offenbarte die Mauer ihren wahren Charakter. In regelmäßigen Abständen waren hier eiserne Winkel angebracht, die mehr als einen Meter weit in den Garten hineinragten. Und zwischen den Winkeln war entlang der ganzen Mauer ein verschlungener Messerdrahtschlauch gezogen mit vielen scharfen, doppelseitigen Klingen. Darüber hinwegzuspringen war nicht nur wegen der Höhe unratsam, sondern auch viel zu riskant. Es genügte, dass ein Schnürsenkel eine der Klingen streifte, um hängen zu bleiben und unkontrolliert nach unten zu stürzen.

Sinnigerweise waren die Winkel nach innen gerichtet, so dass derjenige, der sich trotz Glasscherben und Messerdraht Eintritt verschaffte, so gut wie keine Chance auf eine schnelle Flucht hatte.

Aber Patrick hatte nichts anderes erwartet. Er holte eine kräftige Zange aus seinem Rucksack, und kurz darauf hatte er mit geübten Handgriffen den Draht so aufgeknipst, dass der Schlauch vollkommen durchtrennt war und sich die Enden nach beiden Seiten hin wegdrücken und ein Stück zusammenschieben ließen. Dann glitt er von der Mauer hinab in den Garten.

Er verstaute seine Handschuhe im Rucksack und blieb stehen. Von hier aus betrachtete er die rückwärtige Hauswand, die etwa zwanzig Meter entfernt war. Alles lag im Dunkeln, aber an einer Ecke der Wand machte Patrick einen kräftigen Halogenscheinwerfer aus, der in den Garten gerichtet war. Irgendwo musste es auch einen dazugehörigen Bewegungsmelder geben. Er entdeckte ihn schließlich unter einem Fenstersims in vier Metern Höhe. Sein Erfassungsradius deckte einen breiten Streifen des hinteren Grundstücks ab, so dass es unmöglich war, zu den Fenstern oder zum Hintereingang zu gelangen, ohne von ihm entdeckt zu werden. Patrick spielte mit dem Gedanken, das Gerät mit einen ordentlichen Stein zu zerschmettern oder wenigstens das Gelenk so zu treffen, dass es sich verbog. Er sah sich um, aber auf dem sandigen Boden waren keine brauchbaren Steine zu finden. Außerdem war es waghalsig: Es war nicht gesagt, dass der Melder auf einem leicht beweglichen Gelenk saß. Und außerdem traf er möglicherweise aus Versehen das Fenster.

Er entschied sich für eine andere Variante.

Mit dem Rücken zur Grundstücksmauer lief er in einem weiten Bogen um die Hauswand herum, bis er in einer entfernten Ecke das Gartens angelangt war. Er ging zu einer der alten Ölpalmen und riss mit seinem ganzen Gewicht an einem der grauen, herunterhängenden Palmwedel, bis dieser laut raschelnd auf den Boden fiel.

Patrick fluchte leise wegen des Lärms und wartete einen Moment angespannt, ob die Geräusche irgendeine Reaktion aus den benachbarten Häusern oder Gärten hervorriefen. Aber nichts geschah.

Er holte eine Machete aus dem Rucksack und entfernte mit wenigen Schlägen einen Großteil der unteren Blätter, bis nur noch eine lange Stange mit einem dichten Busch am vorderen Ende übrig war. Wieder lauschte er, ob ihn jemand gehört hatte. Als alles ruhig blieb, zog er den Wedel mit sich und näherte sich der Hauswand. An diese Stelle reichte der Bewegungsmelder nicht. Er lehnte den Wedel senkrecht an die Wand und hob ihn an. Dann ging er in Richtung der Hausecke und näherte sich dem Gerät mit seiner behelfsmäßigen Stange.

Er war noch fünf Meter entfernt, als der Sensor ihn erfasste. Gleißend flammte der Scheinwerfer auf und tauchte den Garten in grelles weißes Licht. Patrick ging hastig weiter, bis er direkt unter dem Bewegungsmelder stand, dann bugsierte er den Palmwedel nach oben und stieß die Spitze zwischen das Gerät und das Fensterbrett. Es klappte! Der Wedel verklemmte sich und blieb hängen. Patrick rannte zurück in den hinteren Teil des Gartens, stellte sich in den Schatten einer Palme und wartete. Dies war der kritischste Moment. Jetzt könnte irgendjemand aus der Nachbarschaft auf das Licht aufmerksam werden und nach dem Rechten sehen.

Einige Minuten später ging der Scheinwerfer aus, und Patrick kam erleichtert wieder hervor. Es war nichts passiert. Nun bedeckten die herabhängenden Blätter des Palmwedels den Sensor, und Patrick konnte frei umherlaufen, ohne dass ihn seine Bewegungen verrieten.

Er eilte zur Hintertür und untersuchte das Schloss. Schließlich nickte er, holte eine kleine Ledermappe mit dünnen Metallstäbchen hervor und führte sie nach und nach behutsam in den Zylinder ein. Wenig später ließ sich der Knauf bewegen, und die Tür schwang nach innen. Er fuhr mit der Hand hastig am Türrahmen und an der Wand entlang. Wie erwartet ertastete er dort einen winzigen Kippschalter, den er umlegte. Mehr als eine einfache, zeitverzögerte Alarmanlage war selten an solchen Hintertüren zu finden. Er lächelte. Das war schon fast zu einfach. Andererseits: Wer wollte in diesen heruntergekommenen Kasten schon einbrechen?

Patrick schlich durch das dunkle Haus und fand schnell die Diele und den dortigen kleinen Kasten an der Wand, den er beim gestrigen Besuch bereits registriert hatte. Es war die Kontrolleinheit für die Alarmanlage der Haustür und für die dämmerungsgesteuerten Bewegungssensoren der Flutlichter rund ums Haus.

Mit wenigen Handgriffen hatte Patrick das Sicherheitssystem ausgeschaltet. Durch eine Scheibe konnte er das Tor und die dahinterliegende Hauptstraße sehen. Er wartete, bis Peter wie zufällig am Tor vorbeischlenderte, dann drückte er den Summer. Peter hörte das Geräusch, öffnete ganz selbstverständlich die Pforte, schloss sie hinter sich und war bald darauf an der Tür.

Patrick öffnete ihm. »Darf ich Sie zu einem Tee einladen?«

»Patrick!« zischte Peter, während er eintrat. »Das Licht ist vorhin im Garten angegangen! Ist was passiert?«

»Es ließ sich leider nicht vermeiden. Ich hoffe, es hat niemanden gestört.«

»Spaziergänger sind jedenfalls keine unterwegs«, erklärte Peter. »Auf der Straße fahren ein paar Autos, aber in den Häusern rundherum ist alles ruhig geblieben.«

»Also keine erschrockenen Nachbarn an den Fenstern?«

»Nein. Es ist ja nicht die einzige Villa hier. Wer sich in solchen Häusern hinter Mauern verschanzt, der kümmert sich wohl hauptsächlich um seine eigenen Belange. Freut mich, dass Sie uns Zutritt verschaffen konnten! Ich frage besser nicht, wo Sie das gelernt haben?«

»Danke.« Patrick grinste. »Und nun: Wo vermuten Sie das Pyramidion?«

»Schwer zu sagen ... wenn ich mich an die Maße erinnere, dann war es fast zweieinhalb Meter breit und anderthalb Meter hoch.«

»Das ist ein ziemlicher Brocken«, überlegte Patrick. »Nichts, was man sich ins Wohnzimmer stellt. Außerdem muss man sich fragen, wie man es dorthin transportiert hätte. Das Ding wiegt bestimmt ein paar Tonnen. Wo könnte es also stehen?«

»Eigentlich nur im Garten.«

»Richtig! Und mit Sicherheit hat man nachträglich noch etwas zum Schutz darum herumgebaut! Einen Anbau! Kommen Sie!«

Sie schlichen durchs Erdgeschoss der Villa, ohne das Licht einzuschalten und ohne die Taschenlampe zu verwenden. Niemand sollte verdächtige Gestalten im Haus sehen. Ab und zu wagte Patrick einen Blick aus einem Fenster, um nach einem Anbau oder einem ungewöhnlichen Gartenhaus zu suchen.

»Nichts«, sagte Patrick schließlich.

»Nein, jedenfalls nicht so, wie wir gedacht haben. Vielleicht sollten wir oben nachsehen.«

»Nein«, Patrick schüttelte den Kopf. »Niemand hievt einen so großen Steinklotz auf die Holzbohlen des ersten Stockwerks ... Aber eine Möglichkeit gibt es noch ... «

»Neben der Möglichkeit, dass es überhaupt nicht in diesem Haus ist?«

»Ja. Aber es ist hier, ganz sicher! Vielleicht geht es nicht um einen Anbau. Immerhin ist es ein überaus wertvolles Artefakt, es ist bestimmt gut gesichert. Und wo hebt man so was auf? Im Keller!«

»Meinen Sie, man hat das ganze Haus drum herumgebaut?«

»Möglich. Aber nicht notwendigerweise. Der Keller könnte ja mit einem unterirdischen Raum verbunden sein, der unter dem Garten liegt.«

»Wir sind vorhin an einer Tür vorbeigegangen, die zum Keller führen könnte«, überlegte Peter. »Sehen wir einfach nach.«

Wenig später war Patrick zum wiederholten Mal damit beschäftigt, ein Schloss zu knacken. Dass sie auf einer besonderen Spur waren, schlossen sie aus der Tatsache, dass die weiße lackierte Tür aus Stahl gefertigt und an die Alarmanlage angeschlossen war. Letztere war zwar ausgeschaltet, aber das Schloss erwies sich als hartnäckig. Patrick fluchte leise vor sich hin, während er länger erfolglos mit seinen Utensilien hantierte. Schließlich sah er zu Peter hinüber.

»Haben Sie ein Feuerzeug dabei?«

Peter stutzte und begann, seine Taschen abzutasten. »Wofür brauchen Sie denn das?«

»Ich wollte mir zur Belohnung eine anstecken.« Patrick grinste und drückte mit einer Hand die Tür auf. »Offen!«

Peter lachte auf. »Gut gemacht!«

Patrick schaltete seine Taschenlampe ein und leuchtete die Stufen hinab, während sie hinabstiegen. Unten angekommen führte sie ein langer, schmuckloser Gang unter dem Haus hindurch und, wie Patrick vermutet hatte, bis unter den Garten. Er endete an einer weiteren Stahltür, die allerdings nur eine Klinke und kein Schloss besaß. Patrick zog sie auf und leuchtete hinein.

»Was sehen Sie?«

»Wunderbare Dinge!«, antwortete Patrick. Dann lachte er.

»Sie haben wohl Ihren Carter aufmerksam gelesen, was?« Peter grinste. Mit diesen Worten hatte Howard Carter seinen ersten Eindruck aus dem Grab Tutanchamuns kommentiert. Jedenfalls stand das in jeder noch so kleinen Broschüre zu dem Thema.

Patrick trat in den Raum, und Peter folgte ihm. Dann griff er zur Wand und betätigte dort einen Lichtschalter.

Die Wände des Raums vor ihnen flammten in roten und blauen Farben auf, prächtige Ornamente aus Pflanzen und Tieren und Hunderte von kunstvoll gezeichneten Hieroglyphen bedeckten alles um sie herum. Für einen Moment fühlte Peter sich in die Höhle der Schriften zurückversetzt, die sie in Frankreich entdeckt hatten. Doch dies hier war keine babylonische Sprachverwirrung, es war rein ägyptisch, eine Zeitreise in einen Tempel oder ein Grab, dessen Wände gerade erst in den wunderbarsten Farben und Formen geschmückt worden waren.

Das größte Wunder aber waren nicht die Wandmalereien. Es war das Pyramidion.

Inmitten des hohen quadratischen Raums stand die steinerne Pyramide, jener Abschlussstein, der einstmals die Spitze der Stufenpyramide des Djoser gekrönt hatte. Es war nicht übermäßig groß. Wie es in den Unterlagen des Archivs vermerkt war, betrug die Seitenlänge etwa zweieinhalb Meter, und der Stein war nicht einmal mannshoch. Aber was ihn neben seinem Alter und seiner Bedeutung auszeichnete, war die Tatsache, dass er mit einer metallenen Schicht überzogen war, deren eingeprägte Muster und Zeichnungen goldene Reflektionen durch den ganzen Raum an die Wände warfen. Das Pyramidion sah aus wie ein funkelnder, goldener Edelstein.

»Das ist fantastisch!«, rief Peter aus. »Wir haben es gefunden! Und wie wunderschön es ist! Sind Sie sich im Klaren, was das für ein sagenhafter Fund ist? Dieses Objekt ist viereinhalbtausend Jahre alt! Der große Pharao Echnaton hat davor gestanden, so wie wir, er hat dasselbe gesehen wie wir jetzt – eine Verbindung zwischen ihm und uns über so viele Jahrtausende hinweg! Dies ist der sagenhafte Schlüssel zum Wissen, der Ursprung der Tabula Smaragdina!«

Sie gingen staunend um den Stein herum.

Peter redete weiter. »Vielleicht hat sogar der große Imhotep diesen Stein anfertigen lassen. Und heute stehen wir ihm gegenüber. Wir überbrücken die Zeit, weit über das Mittelalter hinweg, über die Antike bis an die Grenze dessen, was wir überhaupt als Geschichte bezeichnen!«

Patrick streckte die Hand danach aus.

»Vorsicht!«, rief Peter. »Nicht berühren! Denken Sie daran, was auf der Stele des Echnaton stand und in dem Fundprotokoll.«

Patrick zögerte. »Sie meinen, das Ding steht noch immer unter Strom oder so was?«

»Das Pyramidion scheint jedenfalls besondere Eigenschaften zu haben. Wir sollten jetzt nicht leichtsinnig werden.«

»Meinen Sie, das ist der Grund, warum der Stein mit Metall überzogen ist?«

»Nein, es war durchaus üblich, den Abschlussstein zu verkleiden. Der Überlieferung nach war das bei den Abschlusssteinen der großen Pyramiden in Giseh ebenfalls so. Man sollte das Funkeln und Glänzen der Spitze schon von Weitem sehen. Aber das Metall ist in späteren Jahren natürlich geklaut worden.«

»Und was ist das für ein Metall? Eine Goldlegierung?«

»In den Quellen wird es oft als Elektron bezeichnet.«

»Elektron ist ein alter Name für Bernstein, weil es sich statisch auflädt, aber das kann es ja nicht sein«, überlegte Patrick. »Vielleicht ist ja Elektrum gemeint. Das ist jedenfalls eine Gold-Silber-Legierung. Käme auch von der Farbe her hin.« Er verzog abschätzend den Mund. »Die Schicht ist bestimmt zwei oder drei Millimeter dick. Ziemlich wertvoll.«

Sie gingen gemeinsam um das Pyramidion herum Die Verkleidung war keineswegs makellos, an einigen Stellen war sie herausgebrochen, manchmal fehlten ganze Stücke. Insbesondere der untere Rand schloss nicht ebenmäßig mit dem Boden ab, und der Stein kam darunter zum Vorschein. Dennoch glänzte der größere, intakte Teil, als sei er gerade erst poliert worden.

Drei der Seiten zeigten ein identisches, regelmäßiges Muster, das aus einer Vielzahl kleiner werdender, ineinander verschachtelter Dreiecke bestand.



»Das ist äußert ungewöhnlich«, sagte Peter. »Das ist kein typisch ägyptisches Motiv.«

»Aber vielleicht dieses hier?« Patrick stand an der vierten Seite, die eine bildliche Darstellung enthielt. Sie zeigte ein Boot, auf dem mehrere Gestalten standen, die in Fahrtrichtung blickten. Direkt vor dem Bug endete das Wasser, und hier bäumte sich eine kräftige Schlange auf, die dem Boot drohend entgegensah. Über der Szene schwebten mehre einzelne Symbole in der Luft, ein Auge, ein Skarabäus und mehr.



»Sagt Ihnen das was?«, fragte Patrick.

Peter studierte die Motive eingehend. »Das ist ebenfalls sehr ungewöhnlich«, sagte er dann. »Es handelt sich um eine berühmte Szene, oder jedenfalls ist es ihr sehr ähnlich.«

»Inwiefern berühmte Szene?«

»Nun, wie Sie wissen, habe ich mich viel mit Mythologie und ihrem Ursprung beschäftigt. Wenn ich also auch kein ausgewiesener Ägyptologe bin, kenne ich doch einige der klassischen religiösen Werke. So gibt es zum Beispiel einen Kanon von Erzählungen über das Jenseitsverständnis der Ägypter, die so genannten Unterweltsbücher. Diese Erzählungen wurden in einzelnen Szenen dargestellt und tauchen immer wieder, mal vollständig, mal in Auszügen, auf den Innenwänden von Gräbern oder auf Sarkophagen auf. Diese Szene hier ist eine solche. Sie zeigt die Sonnenbarke, in der der tote Pharao auf einem Fluss durch die Unterwelt fährt. Allerdings, und das ist das Ungewöhnliche daran, tauchen diese Bilder erst im Neuen Reich auf, also etwa ab 1500 vor Christus. Aber dieses Pyramidion soll ja wesentlich älter sein, nämlich von der Pyramide des Djoser, und die wurde bereits eintausend Jahre zuvor gebaut!«

»Das hieße: Entweder das Pyramidion ist gar nicht das, wofür wir es halten«, überlegte Patrick.

» ... oder das hier ist der bisher älteste Beleg für die Unterweltstexte!«, fuhr Peter fort. »Dann wären die Ursprünge des Amduat, des Pfortenbuchs, des Buchs der Höhlen, und wie sie alle genannt werden, tausend Jahre älter!«

»Was nur bedeutet, dass wir uns der Quelle des Wissen nähern«, überlegte Patrick, »wie wir es uns ja auch eigentlich vorgestellt haben.«

»In der Tat, so ist es. Fantastisch!«

»Es bleibt allerdings die Frage, wie es jetzt weitergehen soll. Der alte Echnaton faselte ja etwas davon, dass er die heilige Erleuchtung bekam, als er das Pyramidion berührte. Also müssen wir das irgendwie auch.« Patrick sah auf seine Uhr. »Und wir sollten uns vielleicht etwas beeilen ... «

»Keine Sorge.« Peter setzte seine Lesebrille auf. »Wenn Sie schon einmal auf einer Abendveranstaltung des Rotary Clubs gewesen wären, wüssten Sie, dass dort nach der dritten Zigarre und dem fünften Brandy noch lange nicht Schluss ist. Dr. Aziz wird wohl kaum in den nächsten paar Stunden nach Hause kommen. Und sollte jemand die Polizei gerufen haben, wäre sie vermutlich schon längst hier. Bedenken Sie: Dies ist eine Gelegenheit, die wir nie wieder bekommen werden! Wir sollten daher so sorgfältig wie möglich vorgehen und keine Fehler aus Übereifer begehen.« Er beugte sich näher an die Hieroglyphen im Metall. »Berühren sagten Sie, ja?«

Auch Patrick trat näher und beäugte die Oberfläche aus der Nähe. »Vielleicht gibt es irgendwo eingelassene Schalter?«, überlegte er.

»Einen Schalter? Wofür denn das?«

»Nun, falls das Pyramidion einen Mechanismus enthält, falls es eine Maschine ist.«

»Also wirklich, Patrick!«

»Ich meine es ernst! Erinnern Sie sich an das Artefakt im Tropfstein. Es war Teil einer Maschine, ein Beleg für irgendeine Technologie, die sogar weit älter als dieser Stein hier zu sein schien. Und dieses Muster auf den anderen drei Seiten, das sieht mir auch sehr modern aus. Sind wir nicht auf der Spur eines uralten Wissens, einer Kultur, die vielleicht weit höher entwickelt war, als wir es glauben können? Wer sagt uns, dass das hier nicht wirklich der Beweis für eine Hochtechnologie ist, die wir nur nicht verstehen? Demnach könnte es auch einen Schalter geben.«

»Nun, aber selbst wenn Ihre Theorie der technologischen Hochkultur stimmt: Auch Feuer muss man nicht erst einschalten, um sich daran zu verbrennen. Was ich sagen will, ist: Vielleicht hat das Objekt einfach in sich selbst bestimmte Eigenschaften. Und wenn man es an der falschen Stelle berührt oder falsch handhabt, dann bewirkt das ein bestimmtes Resultat.«

»Also suchen wir erst mal eine Anleitung. Peter, Sie können doch ein paar Hieroglyphen lesen. Können Sie herausfinden, was an den Wänden hier um uns herum geschrieben steht? Vielleicht ist das ja so eine Art übergroßer Waschzettel, eine Gebrauchsanleitung?«

Peter ging zu einer der Wände und betrachtete sie eingehend.

»Es sind Alltagsszenen aus dem Leben im alten Ägypten«, sagte er nach einer Weile. »Wildtiere, die damals hier gelebt haben, Bauern, Fischer, der Nil, Krokodile ... nur Allgemeines. Es gibt keinen fortlaufenden Text, nur kurze Hinweise zu einzelnen Bildern. Sehen Sie diese Zeichen über den Köpfen der Menschen? Es sind Berufsbezeichnungen und Namen, also Erläuterungen zum Verständnis. Aber wenn man sich so umsieht« – er ging zügigen Schrittes an den Wänden entlang – »dann finde ich keinen eigentlichen Text, der eine Geschichte oder eine Anleitung enthalten könnte.«

»Dann ist das bloß ein Comicstrip über das Leben auf dem Land?«

»Wenn Sie es so salopp ausdrücken wollen ... Andererseits ist es aber auch logisch«, überlegte er. »Denken Sie nach: Dieser Raum wurde erst vor etwa achtzig Jahren gebaut, als das Pyramidion in Sakkara gefunden wurde. Zu dieser Zeit war man in der ägyptologischen Forschung lange nicht so weit wie heute, nur sehr wenige Experten wären in der Lage gewesen, umfangreiche Texte in Hieroglyphen zu verfassen. Also hat man die Wände mit allgemeinen, bekannten Szenen geschmückt, wie sie auch in Tempeln und Gräbern gefunden worden sind. Ohne tiefere Bewandtnis. Zudem denke ich nicht, dass diejenigen, die das Pyramidion hier aufbewahrt haben, selbst gewusst haben, wie es zu nutzen ist. Sicher, die Außerordentlichkeit war ihnen bewusst, nicht umsonst ist es konfisziert und hier verwahrt worden. Aber hätte man es bedienen können, müsste man dann nicht heute die Folgen davon spüren?«

»Sie meinen, es hätte inzwischen viele weitere Echnatons geben müssen, die auch einen mystischen Flash bekommen haben?«

»Ja, zum Beispiel. Oder man hätte tatsächlich eine Quelle der Weisheit gefunden, und auch das scheint ja nicht der Fall zu sein, wenn wir uns die Welt ansehen, oder?«

»Tja, dann bleiben uns nur die Zeichen auf dem Pyramidion selbst«, sagte Patrick. »Und eigentlich müssen sie ja auch reichen. Immerhin haben sie Echnaton auch gereicht. Oder er hat nur zufällig das Richtige getan, als er es angefasst hat ... Was können wir denn aus den Zeichen ableiten? Was bedeuten sie? Oder stehen sie in einem bestimmten Zusammenhang oder Muster? Peter, nun sind Sie gefragt. Wenn Sie das Rätsel nicht lösen können, haben wir echt ein Problem ... «

»Also gut, dann überlegen wir mal ... « Peter ging zur beschrifteten Seite des Abschlusssteins. »Das Auge ist allseits bekannt, es ist das Auge des Horus, ein Symbol göttlicher Kraft, ein Schutzsymbol. Der Skarabäus symbolisiert die Wiedergeburt, und das Ankh, das Henkelkreuz, ist das Zeichen für die Lebenskraft oder das ewige Leben. Das Zeichen hier, das aussieht wie ein griechisches Omega, ist ein so genannter Schen-Ring und steht für die Ewigkeit. Der Kreis ganz oben ist die Sonnenscheibe und steht für den Gott Aton oder für den Sonnengott Ra. Es sind allesamt sehr allgemeine Zeichen, Schutzzeichen. In der Regel stehen sie nicht allein, sondern werden in Kombination mit irgendetwas verwendet. Die Szene mit dem Boot erzählt eine Episode: Der Verstorbene ist in Gestalt des Sonnengotts Ra auf der Sonnenbarke auf der nächtlichen Fahrt durch die Unterwelt und wird dabei auf jedem Stück der Reise von verschiedenen Personen begleitet. Hier, sehen Sie die einzige Person, die nach hinten schaut? Das ist der Fährmann. Die anderen Gestalten haben irgendeine Bewandtnis, die ich nicht im Detail kenne, jedenfalls fungieren sie als Leibwächter. Der mit dem Bogen, das ist Ra selbst. Und vorne am Bug steht ebenfalls ein göttlicher Begleiter, wahrscheinlich Isis, denn sie steht sinnbildlich für die schützende göttliche Kraft. Sie streckt die Hand abwehrend nach vorn, denn hier stellt sie sich dem Boot Apophis entgegen. Apophis ist die einzige fast durchweg negative Gottheit, sie steht für das Chaos und wird als Schlange symbolisiert, ganz ähnlich wie die Midgardschlange in der nordischen Mythologie. In dieser Szene muss die Besatzung des Bootes Apophis überwinden.«

»Was ist das für eine Geschichte? So was wie eine Bibel der Ägypter?«

»Ja und nein. Auf der einen Seite beschreiben Episoden wie diese, wie sich die Ägypter den Lauf der Welt vorgestellt haben. So sind die Unterweltsbücher, insbesondere das Amduat, in Stunden unterteilt. Jede Stunde entspricht einer Stunde der Nacht und wird durch eine Episode dargestellt. Während dieser Zeit wandert der Sonnengott durch die Unterwelt, um am Ende wiedergeboren zu werden und erneut aufzugehen. Andererseits war man der Überzeugung, dass der gestorbene Pharao, der ja gottgleich war, denselben Weg durch die Unterwelt zurücklegen würde, um wiedergeboren zu werden. Diese Aufzeichnungen waren also gleichermaßen eine Anleitung, wie die Unterwelt zu überwinden ist. Der Verstorbene sollte wissen, was auf ihn zukommen würde, er sollte die Gefahren und die Namen aller Schrecken kennen, um zu wissen, wie er zu reagieren hatte. Im Übrigen ist das eine der ältesten metaphysischen Symboliken der Welt: dass Höheres dadurch erlangt wird, dass zunächst das Tiefste, die Unterwelt durchstanden werden muss.«

»Ganz prima, aber wie hilft es uns hier weiter?«

»Ich überlege noch ... «

»Dann sollten Sie sich beeilen. Wir können hier schließlich nicht übernachten. Oder vielleicht sollten wir es einfach ausprobieren?« Patrick hob einen Schuh an. »Sehen Sie? Gummisohlen. Ich bin also gut isoliert.« Damit streckte er seine Hand nach dem Pyramidion aus und legte sie auf das Symbol des Skarabäus.

»NICHT!«, rief Peter, doch es war zu spät. Ein roter Lichtblitz schoss aus der Spitze des Pyramidions an die Decke. Patrick schrie auf und wurde nach hinten geschleudert. Er landete auf dem Rücken und krümmte sich vor Schmerzen.


»Entschuldigen Sie mich für einen Augenblick, Mister Guardner?« Dr. Aziz schob seinen Stuhl zurück und erhob sich vom Tisch. Die Nachspeise war abgetragen worden, und bevor es Kaffee und Brandy gab und die Mitglieder des Rotary Clubs sich mit Zigarren ausrüsten und in endlosen Gesprächen selbst auf die Schulter klopfen würden, wollte er noch einmal die Waschräume aufsuchen.

Es würde ein langer Abend werden, und normalerweise hatte er gegen die Treffen auch nichts einzuwenden. Im Gegenteil, es war eine gute Gelegenheit, um einige der einflussreichsten Leute Kairos zu sehen und selbst im Gespräch zu bleiben. Aber heute war er seltsam unruhig. Er hatte mehr Wein als sonst getrunken, aber es war ihm bisher nicht gelungen, sich zu entspannen.

Er erreichte die Herrentoilette und stellte sich an ein Urinal. Kurz darauf stellte sich ein Mann direkt neben ihn. Als Dr. Aziz beiläufig zur Seite blickte, erschrak er.

»Sie?! Was tun Sie hier?« Hektisch schloss er seine Hose.

Der Fremde machte den Eindruck eines seriösen, ägyptischen Geschäftsmanns Ende vierzig. Er trug einen ordentlich geschnitten Spitzbart, und unter seinen vollen Brauen stachen ungewöhnlich helle Augen hervor. Er war der Kopf von Thot Wehem Ankh Neb Seshtau.

»Guten Abend, Dr. Aziz«, antwortete der Mann mit einem unterkühlten Lächeln. »Es läuft nicht sonderlich gut, oder?«

Der Leiter der Altertümerverwaltung wusste sofort, worauf das Gespräch hinauslaufen würde.

»Doch, sicher«, gab er zurück und bemühte sich, den Umständen zum Trotz einen würdevollen Eindruck zu bewahren. Obwohl der andere kleiner war als er selbst, hatte er plötzlich das Gefühl, zu ihm aufsehen zu müssen. »Aber ich hatte keine andere Wahl.«

»Nicht nur, dass Sie sie am Flughafen schon nicht abfangen konnten. Nun laden Sie die beiden sogar zu sich nach Hause ein.«

»Was hätte ich denn tun sollen?«

»Dr. Aziz, Sie haben keine Vorstellung davon, wie sehr wir uns bemühen, die Forscher fernzuhalten. Wir hatten es gerade erst im großen Kreis besprochen, und Sie wissen daher, wie bedeutend die Angelegenheit ist.«

»Es war weder meine Idee noch mein Wunsch, mich mit den beiden zu treffen. Wie Sie wissen, hat mich der von Ihnen so geschätzte Oliver Guardner darum gebeten.«

»Das kann wohl kaum eine Ausrede sein.«

Dr. Aziz runzelte irritiert die Stirn. »Ich dachte, das sei in Ordnung. Immerhin ist er doch Ihr so verehrter Hüter.«

Jetzt grinste der Mann. »Dr. Aziz, ich bitte Sie. Wie kommen Sie auf diese Idee? Oliver Guardner mag ein ehrbarer Geschäftsmann und Freund des Landes sein, aber er ist Engländer!«

Dr. Aziz schüttelte den Kopf. »Ach, lassen Sie mich doch mit Ihrem Quatsch in Ruhe. Meine Aufgabe beschränkt sich auf das Pyramidion, und alles andere, genauso wie Ihr sagenumwobener Hüter, geht mir ehrlich gesagt auf die Nerven.«

»Es steht Ihnen nicht zu, so mit mir zu reden!«

»Also gut, entschuldigen Sie bitte. Dennoch: Ich kann einen Wunsch von Oliver Guardner nicht abschlagen, das wissen Sie so gut, wie ich.«

»Dann ist es Ihnen auch gleichgültig, was die beiden Forscher nun treiben?«

»Wieso, was treiben sie denn?«

»Sie befinden sich in diesem Augenblick im Keller Ihres Hauses und untersuchen das Pyramidion.«

»Wie bitte?! Das sagen Sie mir jetzt?!« Dr. Aziz wollte die Waschräume auf der Stelle verlassen, doch der Mann hielt ihn zurück.

»Warten Sie.«

»Warten? Es sind Einbrecher in meinem Haus! Und auch wenn Ihnen das egal ist, sollte Ihnen wenigstens das Pyramidion mehr wert sein als alles andere auf der Welt!«

»Wir haben eine Botschaft des Hüters erhalten.«

»Was haben Sie? Vom Hüter? Wenn er nicht Oliver Guardner ist, wer soll es denn sonst sein?«

»Wir folgen dem Hüter schon seit Jahrhunderten und länger. Er liegt außerhalb Ihrer Angelegenheiten und im Übrigen auch außerhalb Ihrer Vorstellungskraft.«

»Was soll das denn schon wieder heißen?«

»Der Hüter bittet uns, die Forscher mit dem Pyramidion allein zu lassen. Er sagt, dass sich alles von selbst lösen wird.«

»Jetzt hören Sie mal: Wenn Ihnen irgendjemand geheimnisvolle Botschaften schickt, die einen Einbruch in meinem Haus betreffen, dann ist das sehr wohl meine Angelegenheit, denke ich, oder nicht?«

»Wir sollen nicht eingreifen.«

»Können Sie mir sagen, was hier eigentlich läuft?«

»Wir hatten gehofft, dass Sie uns etwas darüber erzählen könnten.«

Dr. Aziz entzog sich dem Griff des Mannes. »Nein, das kann ich nicht. Und ganz ehrlich: Mich interessiert Ihr mysteriöser Hüter auch nicht. Ich glaube sogar, dass es ihn überhaupt nicht gibt. Was es aber gibt, sind zwei Ausländer, die in mein Haus einbrechen, und genau darum werde ich mich jetzt kümmern, wenn Sie es nicht tun!«

»Das kann ich nicht zulassen«, sagte der Mann. Er schlug sein Jackett zur Seite und entblößte ein Schulterholster. »Sie werden auf dieser Veranstaltung bleiben, bis sie beendet ist.«

Dr. Aziz bebte innerlich und suchte nach Worten. Dann entschied er sich, keine Widerrede zu leisten, drehte sich wütend um und verließ die Waschräume.


»Patrick! Sagen Sie etwas!«

Peter beugte sich über den Franzosen, der stöhnend auf dem Boden lag. Patrick keuchte und stützte sich mit den Händen auf. Dann richtete er sich langsam auf.

»So ein Mist!«, fluchte er, als er mit zittrigen Beinen dastand. Er lehnte sich an eine Wand und sah Peter an. »Also wenigstens wissen wir jetzt, dass das Ding funktioniert.«

»Geht es Ihnen gut? Haben Sie Schmerzen?«

Patrick hob eine Hand und grinste schief. »Ist schon in Ordnung, ich lebe ja noch. Aber ich bin professioneller Stuntman, machen Sie das bloß nicht zu Hause nach.«

»Den Humor hat es Ihnen offensichtlich nicht versengt.«

»Um das klarzustellen: So witzig fand ich das nicht!«

»Nein, natürlich nicht. Nur gut, dass Sie nicht ernsthaft verletzt wurden!«

Patrick knurrte etwas Unverständliches. Dann zeigte er auf das Pyramidion. »Vor uns steht der Beweis für eine unbekannte Hochtechnologie. Und die Antwort steckt irgendwo in diesen Zeichnungen. Wir müssen es herausfinden!«

»Ich tappe leider im Dunkeln ... Es muss etwas mit den Symbolen über der Szene zu tun haben, aber sie stehen so isoliert da ... «

»Isoliert! Das ist es!«

»Isoliert?«

»Ja!« Patrick ging langsam nach vorn. »Wenn wir uns vorstellen, das Ganze wäre eine Maschine, die unter Strom steht ... natürlich wissen wir nicht, ob das wirklich so ist, aber egal, stellen wir uns einfach das Prinzip vor, dann kann man ihre Oberfläche natürlich nicht einfach irgendwo berühren. Man muss ganz bestimmte Stellen berühren und so eine besondere Verbindung herstellen! Es kann nicht alles eine einheitliche Oberfläche sein, sondern die Einzelteile sind quasi isolierte Kontakte!«

»Sie meinen wie bei einer Batterie?«

»Ja, so ungefähr! Vielleicht darf man nur zwei ganz bestimmte Punkte berühren. Dann wird man zum Leiter für den Strom, schließt einen Kontakt und aktiviert die Maschine.«

Peter hob eine Augenbraue. »Also ich weiß nicht ... «

Patrick trat näher heran, so dass er die Struktur des Metalls genau in Augenschein nehmen konnte.

»Woher sollte man aber wissen, welche Stellen miteinander verbunden werden dürfen?«, fragte Peter. »Egal, wie es konstruiert sein mag, die Antwort müsste dennoch das Pyramidion selbst geben können, oder nicht?«

Patrick nickte. »Ja, eigentlich schon ... Verdammt, was wissen wir denn über das Stück? Erinnern Sie sich noch an den Text von der Stele des Echnaton, der Tabula? Vielleicht steckt die Antwort dort?«

»Da stand etwas von Die Hand auf der Spitze des Hauses der Ewigkeit«, überlegte Peter laut. »Weiter, dass er die Wahrheit der Welt sah, sicher und ohne Lüge. Das, was unten ist, ist wie das, was oben ist. So werden die Wunder des Einen zustande gebracht.«

»Stopp!«, rief Patrick. »Wie war das? Das was oben ist, ist wie das, was unten ist?«

»In etwa.«

»Wissen Sie, was es bedeutet?«

»Nun ja, sehen Sie, es ist im übertragenen Sinne gemeint, dass sich im Kleinen das Große widerspiegelt. Es ist ein philosophisches Prinzip, das ... «

» ... das hier beschreibt!«, rief der Franzose und zeigte auf eine der Seitenwände des Pyramidions. Es war das Muster der immer kleiner werdenden Dreiecke. »Sehen Sie, was das ist? Es ist ein perfektes Fraktal!«

»Aha ... Und was wäre das? Ein Fraktal?«

»Sehen Sie, wie sich das Muster im Kleinen wie Großen verhält? Es wiederholt sich kleiner werdend, es iteriert, wie man sagt. Das große Dreieck bildet drei kleine Dreiecke, die drei kleinen Dreiecke bilden, die drei kleine Dreiecke bilden und so weiter! Man könnte es mit einer mathematischen Formel beschreiben und beständig weiterrechnen und würde auf jeder Vergrößerungsstufe, noch im kleinsten Ausschnitt, nur eine Wiederholung des Grundmusters finden. Das was unten ist, ist wie das, was oben ist, verstehen Sie?«

Peter beobachtete das Muster eingehend und stellte fest, dass der Franzose recht hatte. Das Muster war die graphische Darstellung eines selbstähnlichen Prinzips.

»Faszinierend«, gab er zu. »Aber wie hilft es uns weiter?«

Patrick ging wieder zur Front des Pyramidions zurück. »Das weiß ich noch nicht, aber es will uns auf etwas aufmerksam machen ... Das, was oben ist, und das, was unten ist ... Dasselbe muss in dieser Zeichnung auch irgendwie drinstecken ... «

»Nun«, begann Peter, »es beschreibt die Reise des Pharaos beziehungsweise des Sonnengottes durch die Unterwelt. Da haben Sie also etwas, das ganz oben ist, und etwas, das ganz unten ist.«

»Ja!«, rief Patrick und seine Augen glänzten. »Sollte es wirklich so einfach sein? Das, was ganz oben ist, also die Sonnenscheibe, und das, was ganz unten ist, also die Schlange des Chaos ... Ob das die beiden Kontakte sind, die man miteinander verbinden muss?« Er hob die Arme und brachte seine Hände über dem Symbol der Sonnenscheibe und der Darstellung der Schlange in Position.

»Ich würde mir das noch mal überlegen«, warnte Peter. »Bevor Sie sich die Finger verbrennen. Oder Schlimmeres.«

»Wieso? Haben Sie eine Idee?«

»Nun, die Szene, die hier abgebildet ist, beschreibt ausdrücklich eine Episode, in der der im Pharao personifizierte Sonnengott dem furchtbaren Apophis gegenübertritt. Allerdings ist es nicht der Sonnengott, der hier das Gegengewicht bildet, wie man meinen sollte. Er wird stattdessen gerettet durch eine andere göttliche Kraft. Hier sehen wir Isis, die am Bug steht, aber sie repräsentiert lediglich diese Kraft. Tatsächlich berichtet der Unterweltsmythos davon, dass es der Gott Seth ist, der die Sonnenbarke an dieser Stelle verteidigt. Nur er allein ist in diesem Augenblick mächtig genug, um Apophis zu bezwingen. Er ersticht die Schlange, und so rettet Seth den Sonnengott.«

Patrick senkte seine Arme. »Oh! Dann wäre wohl eine Kombination von Seth und der Schlange angebrachter ... aber beschreibt eines der Symbole diesen Seth?«

»Nein, tut mir leid.«

»Warten Sie mal ... Seth haben Sie gesagt?«

»Ja, richtig.«

»Ist das der Typ, der Horus das Auge herausgerissen hat?«

Peter sah den Franzosen verblüfft an. »Ja ... das stimmt! Woher kennen Sie diese Geschichte?«

Patrick winkte ab. »Ach, von Melissa. Aber wissen Sie was? Erinnern Sie sich an unsere Schlafräume. Sie haben sich den Raum mit der Aufschrift ›Horus‹ genommen, ich den mit der Aufschrift ›Seth‹. Und was ich Ihnen noch gar nicht erzählt habe: Ich habe in der ersten Nacht dort einen merkwürdigen Traum gehabt!« Patrick gestikulierte voller Begeisterung. »Und in dem Traum war ich tatsächlich Seth! Verstehen Sie, was das bedeutet?«

Peter zuckte ratlos mit den Schultern.

»Na, derjenige, der das Pyramidion bedient, muss Seth sein! Er muss die höchste Kraft darstellen, die die niedrigste Kraft, Apophis, besiegt.«

»Sie wollen Seth sein? Wie stellen Sie sich das vor?«

»Es mag hier zwar kein Symbol geben, das Seth darstellt«, erklärte Patrick, »aber es gibt ein Symbol, mit dem Seth sich selbst darstellen kann!«

In diesem Moment legte er seine Hand auf das Zeichen des Horusauges, und Peter erwartete einen Aufschrei.

Stattdessen begann die Oberfläche des Pyramidions zu leuchten. Ein Flirren war zu hören, während das Leuchten heller wurde. Patrick wandte seinen Blick ab, behielt allerdings die Hand auf dem Symbol.

»Sehen Sie?«, rief er gegen das lauter werdende Geräusch an, »Ich bin Seth, ich halte das herausgerissene Auge Horus' in den Händen! Und nun werde ich gegen das Unterste antreten!« Mit diesen Worten streckte er seinen anderen Arm aus und legte die Hand auf den Kopf der Schlange Apophis.

Augenblicklich entflammte das Pyramidion zu gleißendem Leben. Die Oberfläche erstrahlte in solcher Helligkeit, dass das Metall glühend und durchscheinend erschien. Mit einem lauten Zischen schossen leuchtend helle, bewegliche Strahlen nach allen Seiten hin aus dem Pyramidion heraus und durchschnitten den gesamten Raum. Als wären es Hunderte von Armen, krallten sie sich an den Wänden fest, die sie erreichten, und dann begannen sie, langsam zu wandern, als sei das Pyramidion ein Lebewesen, das seine suchenden Tentakeln durch den gesamten Raum schickte.

Patrick, der noch immer den Stein berührte, schien an ihm festzukleben. Als hätte er Löcher in eine dünne Hülle gerissen, unter der lodernde Flammen tobten, drangen zwei besonders breite Stränge des Lichts zwischen seinen Fingern hervor, liefen an seinen Armen entlang, tauchten in seine Brust ein und ließen seinen Körper rotgolden aufleuchten.

Peter starrte gebannt auf das Spektakel, ohne sich rühren zu können. Das atemberaubende Phänomen nahm ihn vollständig gefangen. Es war eine unbekannte Technologie oder eine Macht unfassbaren Alters, die sie hier entfesselt hatten, und es gab nichts, das sie dagegen ausrichten konnten. Die durch den Kellerraum streifenden Lichtarme wanderten auch über seinen Körper. Ihre Berührungen lösten ein warmes Kribbeln aus, doch sie fügten ihm keinen Schaden zu. Und auch Patrick schien keine Schmerzen zu haben. Das Licht erfüllte ihn, durchdrang ihn, aber er stand da, gelöst und ruhig, seine Augen waren geschlossen wie in einem friedvollen Traum.


Er schwebte über der Wüste. Die Landschaft unter ihm war grau und sandig, durchbrochen von schwarzen Gesteinsformationen. Dann zeigte sich Grün, und aus großer Höhe sah er, dass sich ein breiter Fluss seinen Weg durch das Land suchte. Beim Näherkommen erkannte er, dass die Ufer von Palmen, Feldern und Plantagen gesäumt waren. Etwas abseits des Flusses, am äußeren Rand des fruchtbaren Streifens, dort, wo die Wüste beharrlich dem Leben Einhalt gebot, tauchten sandfarbene Bauwerke im Blickfeld auf. Die Sonne schien im Zenit zu stehen, denn es waren kaum Schatten zu erkennen. Es war ersichtlich, dass dies große Gebäudekomplexe waren, mit vielen kleinen Bauten, großen, freien Plätzen und – Pyramiden.

Er näherte sich der stufenförmigen Pyramide, die nun ihre beeindruckende Größe offenbarte. Ihre Spitze glänzte golden, aber die Spitze war weniger wichtig als die Person, die sich am Fuß der Pyramide befand. Sie saß mit dem Rücken zum Bauwerk auf einem steinernen Thron und blickte geradeaus.

Die dunkelbraunen Augen der Gestalt offenbarten eine ungewöhnliche Tiefe, die Pupillen waren kaum auszumachen, und dennoch war bei näherem Hinsehen zu bemerken, dass in ihnen etwas verborgen lag: Er tauchte vollständig in das Dunkel ein, und daraus schälte sich die Gestalt eines Ibises, dann eines weiteren, und nach einer Weile waren es Hunderte und Tausende von Ibisen, die in einer unsichtbaren Ordnung umherschritten.

Als er sich den Vögeln näherte, wichen sie zurück, bildeten eine Gasse, wandten sich ihm zu und senkten die Köpfe.

Die Gasse führte durch ein Gewölbe und auf eine steinerne Türöffnung zu. Er trat hindurch und befand sich in einer Grabkammer, in deren Mitte ein Sarkophag stand. Auf dem Sarkophag saß ein kahlköpfiger Mann im Schneidersitz und hob einen Papyrus hoch, den er auf seinem Schoß beschriftet hatte. Der Papyrus zeigte die Abbildung einer Sphinx. Sie begann, rötlich zu leuchten, erst an den Konturen, dann immer stärker, bis die Zeichnung unter dem roten Strahlen nicht mehr zu erkennen war. Doch das Licht wurde noch heller, füllte bald die Grabkammer, bis die Welt nur noch aus rot-goldenem Licht bestand, das in sanften Schleiern dahinzog.

Umhüllt von dem alles überwältigenden Strahlen, drehte er sich, doch es gab nach allen Seiten hin nur noch die sanft wehenden und wabernden Vorhänge aus Licht, das sich in unendlichen Schattierungen von fast reinem Weiß und Gelb bis Orange, Feuerrot und Karmesin zeigte. Während es sich ständig veränderte und verfärbte, wogte es dahin, als erzähle es eine Geschichte, und es füllte ihn mit Wärme und einem Gefühl von Geborgenheit.

Zufrieden schloss er die Augen und ließ die Arme sinken.


Peter zuckte zusammen, als die goldenen Strahlenarme, die von dem Pyramidion ausgegangen waren, mit einem Mal verschwanden.

Das Glänzen des Steines erlosch, und er sah, dass Patrick nun mit gesenkten Armen und gesenktem Kopf vor dem Pyramidion stand. Offenbar hatten die Strahlen ihn nicht verletzt.

»Peter«, sagte er, »Sie werden nicht glauben, was ich gesehen habe!«

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