Kapitel 2


27. September 2006, Congress Centrum Hamburg


»Wissen ist Macht«, tönte die Stimme durch die Lautsprecher. Es war ein kleiner Saal des CCH, und er war bis auf den letzten Platz gefüllt. In den Reihen saßen Menschen aller Altersgruppen und Bevölkerungsschichten. Studentinnen mit Umhängetaschen aus Jute auf dem Schoß neben Herren mit Jackett, Hausfrauen mit Universitätsabschluss neben scheinbar ungepflegten Männern in Jeans und Turnschuhen.

Neben dem Rednerpult stand ein hochgewachsener Mann Ende fünfzig, in einem vornehmen Anzug und mit einer Lesebrille auf der Nase. Er lehnte mit einem angewinkelten Arm auf dem Pult und ließ seinen Blick über die Anwesenden gleiten. Er machte den selbstsicheren Eindruck eines Hochschullehrers vor dem Auditorium.

»Die wenigsten von uns wissen, was Francis Bacon mit diesem Ausspruch eigentlich meinte. Sind wir deswegen machtlos?

Gestatten Sie, dass ich mich Ihnen kurz vorstelle. Mein Name ist Peter Lavell. Ich bin Professor für Geschichte und arbeite im wissenschaftlichen Beirat des Museums für Völkerkunde sowie als Gastdozent an der Universität Hamburg. Ich bin außerdem Anthropologe, und ich beschäftige mich mit den Zusammenhängen und der Entwicklungsgeschichte unseres kulturellen Erbes, insbesondere in Bezug auf Aberglauben und – nennen wir es ›Religiosität‹ Ein Zyniker mag sich fragen, was ich auf einer Fachtagung zu suchen habe, auf der es im Foyer T-Shirts mit dem Aufdruck ›I Want To Believe‹ oder ›Die Wahrheit ist da draußen‹ zu kaufen gibt.«

Ein kurzes Auflachen kam aus dem Publikum.

»Ich will es Ihnen verraten. Heute möchte ich – für diejenigen von Ihnen, die meine Aufsätze kennen, sicherlich etwas unerwartet – darüber reden, was jenseits unseres Wissens liegt. Über das, was wir nicht wissen, und über unsere Suche nach Wissen. Denn das ist es, was uns alle verbindet. Was uns Menschen seit Anbeginn antreibt und uns zu Errungenschaften geführt hat, die über die Leistungen eines einzelnen Individuums weit hinausgehen.«

Professor Lavell trat hinter das Pult und blickte kurz in seine Notizen. Dann nahm er die Brille ab und sah wieder auf.

»›Wissen ist Macht‹, sagte Francis Bacon. Seine Sicht war dabei eigentlich viel begrenzter als die heutige Verwendung dieses geflügelten Wortes. Ihm ging es darum, dass die Beobachtung und Erforschung der Natur nicht allein empirisch und ohne philosophische Vorbereitung vonstatten gehen sollte. Denn ohne die exakte Kenntnis und Anerkennung einer Ursache wäre eine Wirkung weder vorhersehbar noch reproduzierbar – und daher wertlos. Doch es wäre kein so verbreitetes Motto geworden, wenn nicht die Übertragung seiner Einsicht in einen größeren Kontext möglich wäre. Bacon sagt uns hier nicht nur: »Entwickelt besser vorher eine Theorie über atomare Teilchen, bevor ihr zwei Uranklumpen aufeinanderschießt.‹ Er sagt ganz grundsätzlich: »Wisst, was ihr tut, bevor ihr es tut.‹ Ein scheinbar naheliegender Rat, und Benjamin Franklin wusste glücklicherweise, was er tat, als er seine Drachen steigen ließ. Aber denken Sie an Adam und Eva: Waren sie vielleicht etwas unbedachter?

Wir sind damit bei unserem ewigen Dilemma. Die Suche nach Wissen treibt uns an. Aber wer sagt uns, wie weit wir gehen dürfen? Denken Sie an die ethischen Fragen, die die Genforschung aufwirft. Gibt es Wissen, das unentdeckt bleiben sollte? Und wie lässt sich das entscheiden, noch bevor es so weit ist? Und falls es zu spät ist: Kann Wissen widerrufen werden?

Einstein soll gesagt haben, das Universum und die menschliche Dummheit hätten eines gemeinsam: Sie seien unendlich. Nur sei er sich beim Universum nicht ganz sicher.«

Verhaltenes Lachen im Publikum quittierte das Bonmot.

»Hat Dummheit etwas mit fehlendem Wissen zu tun?«, fuhr er fort. »Müssten wir nicht weniger dumm sein, wenn wir doch heute mehr wissen als früher? Wie weit müssen wir in unserer Suche nach Wissen gehen? Wie weit können wir gehen? Stoßen wir jemals an ein Ende?

Wir sind heute hier versammelt in einer Gemeinschaft der Suchenden, und unsere Suche ist vielleicht unsere einzige Gemeinsamkeit. Aber bei aller Suche werden Sie mir sicherlich zustimmen, wenn ich behaupte, dass die Menge dessen, was wir wissen, zwar größer ist als jemals zuvor. Aber auch, dass uns dies zugleich nur schmerzlich vor Augen geführt hat, dass die Menge desjenigen, was wir nicht wissen, dabei um ein Vielfaches angewachsen ist.

Anders, als noch vor einigen hundert Jahren, ist es heute nicht mehr möglich, alles gelesen zu haben, was es zu lesen gibt. Universalgenies wie Archimedes, Aristoteles, Da Vinci, Paracelsus, Newton oder Humboldt wären heute undenkbar. Überall wird geforscht, entdeckt und publiziert. Dabei produzieren wir täglich mehr Daten als alle Kulturen aller Zeitalter zusammengenommen. Doch produzieren wir dabei auch Wissen?

John Naisbitt, Zukunftsforscher und selbst ernannter Philosoph, hat es wunderbar in Worte gefasst, als er den Ausspruch prägte: ›We drown in information but we are thirsty for knowledge‹. Wir ertrinken in Informationen, aber wir dürsten nach Wissen.

Er weist hier auf eine bedeutende Unterscheidung hin: ›Wissen‹ ist nicht gleich ›Information‹. Und Hand aufs Herz: Was wissen wir denn wirklich? Wissen definiert sich streng genommen als Information, die auf einer eigenen Erfahrung beruht oder durch eine logische Ableitung begründet ist. Ich weiß zum Beispiel, dass es heute geregnet hat. Schließlich war ich dabei – mein Regenschirm hat dieses Wissen übrigens nicht.«

Wieder ein Lachen im Publikum.

»Aber dass Julius Cäsar vierundvierzig vor Christus ermordet wurde? Also da war ich nicht dabei. Wahrscheinlich auch keiner von Ihnen. Aber kann man es trotzdem wissen? Nun, wir können es aufgrund einer Vielzahl von Quellen, deren Vertrauenswürdigkeit durch ein komplexes Netzwerk von gegenseitigen Abhängigkeiten allgemein akzeptiert ist, als begründete, als belegte Tatsache ableiten und hinnehmen. Aber wirklich wissen?

Wenn wir eine Wirkung verstehen wollen, müssen wir die Ursachen verstehen, sagt uns Bacon. Aus der Sicht der menschlichen Entwicklung heißt das, unsere Vergangenheit zu verstehen. Doch das Problem mit dem Wissen über unsere Vergangenheit ist eben dieses: Niemand von uns war dabei, als es passierte.«

Unter den Zuhörern saß Patrick Nevreux und grinste. Der Franzose war auf Einladung des Professors zu dieser Tagung gekommen und hörte nun zum ersten Mal einen seiner berüchtigten Vorträge, die häufig für zynisch gehalten wurden. Wenn sie auch intelligent und durchdacht waren und neue Zusammenhänge aufzeigten, ging deren Aussage doch oft in der Empörung über die Arroganz des Professors unter. Bei der heutigen Rede schien das aber nicht der Fall zu sein, im Gegenteil.

Patrick hatte den Professor vor zwei Jahren kennengelernt. So unterschiedlich sie auch waren, hatte man sie dennoch für ein gemeinsames Projekt in Südfrankreich ausgewählt. Es stellte sich heraus, dass sie sich hervorragend ergänzten. Er, Patrick, war Ingenieur, kein gelernter Historiker, aber mit untrüglichem Instinkt, Improvisationstalent und einiger Erfahrung im Feld. Insbesondere, wenn es darum ging, neue Technologien, Sonden oder Computer einzusetzen, war er in seinem Element. Peter, der Professor, hingegen, war ein Theoretiker und kaum praktisch veranlagt. Aber er war äußerst belesen und kritisch. Dass er dabei erstaunlicherweise ausgerechnet über Themen der Religion, des Aberglaubens und des Okkultismus so viel wusste, schien überhaupt nicht zu ihm zu passen, hatte sich aber in ihrer Arbeit als außerordentlich nützlich erwiesen.

Patrick erinnerte sich insbesondere an ein Erlebnis, an das er nicht zurückdenken konnte, ohne sich zu fragen, ob er es nicht vielleicht geträumt hatte. Die Höhle, der Durchgang, das blaue Licht, und Stefanie ... Mehr als alles andere hatte sie eine Spur in seiner Erinnerung hinterlassen. Er war der letzte Mensch, der in irgendeiner Form an höhere Mächte glaubte. An versunkene Goldstädte, ja. Aber nicht an esoterischen Hokuspokus. Dennoch blitzten an manchen Tagen merkwürdige Funken in ihm auf, wie Erinnerungsfetzen, plötzliche Erkenntnisse. Manchmal wusste er, dass etwas richtig oder falsch war, konnte Antworten fast greifen, ohne sie tatsächlich zu kennen. Es hatte angefangen, als er das erste Mal seinen Kopf in den Lichtkorridor der Höhle gesteckt hatte. Aber sein Erlebnis mit Stefanie, die zusammen mit ihm die geheimnisvolle Kaverne betreten hatte, hatte noch etwas ganz anderes bewirkt. Er war sich sicher, dass sie ihm nicht nur auf irgendeine Weise das Leben gerettet, sondern ihn verändert hatte. Danach hatte er sie mit anderen Augen gesehen, nicht mehr als normale Frau, sondern strahlender, größer, unwirklicher. Er vermisste sie, und trotzdem hatte er ab und zu das sichere Gefühl, dass sie noch da war.

Patrick schüttelte leicht den Kopf. Allein, dass er sich über solche Sachen Gedanken machte, zeigte ihm, dass sich etwas an ihm geändert hatte. Sei's drum, wahrscheinlich ging es auch irgendwann vorüber.

Unterdessen referierte Peter über die Bibliothek von Alexandria. Patrick versuchte nicht, den Anschluss an die Rede wieder zu finden, und sah sich stattdessen im Publikum um. Es erstaunte ihn immer wieder, wie unterschiedlich die Leute waren, und vor allen Dingen, wie viele es waren, die sich für die Pseudowissenschaften interessierten. Das hier war eine Paläo-SETI-Konferenz. Die Popularität dieses Themas war wohl hauptsächlich Däniken zu verdanken, der vor dreißig Jahren hiermit seine ersten großen Bucherfolge gefeiert hatte. Es ging um die Idee, dass die Menschheit von einer außerirdischen Macht geschaffen oder gezeugt worden sei und dass alle Berichte über Götter des Altertums in Wirklichkeit auf außerirdische Astronauten und Raumschiffe zurückzuführen seien. Paläo-SETI sollte nichts anderes bedeuten als die Suche nach außerirdischer Intelligenz in der Erdvergangenheit. Mittlerweile standen in solchen Konferenzen aber längst nicht nur die viel zitierten Astronautengötter im Mittelpunkt. Es wurde gleichermaßen über die Numerologie der Großen Pyramide diskutiert, über den Bibel-Code und neue UFO-Sichtungen in der Wüste von Nevada, über die letzte Sommersonnwendfeier in Stonehenge und die Linien von Nazca, den Fund aus Burrow's Cave und die Fußspuren, die beweisen sollten, dass Menschen und Dinosaurier gleichzeitig gelebt haben. Es gab Verkaufsstände mit Duftlampen und Räucherstäbchen, Henna-Tattoos, Edelsteine, Indianerschmuck, Traumfänger, Pendel, Salzkristalllampen, Zimbeln, Tarot-Karten, goldene Buddhastatuen, unechte tibetische Tankhas, Feng-Shui-Brunnen, Kupfer- und Magnetarmbänder, Takyonen-Kapseln, Bausätze für Drahtpyramiden, levitiertes Wasser, Videos über Wünschelruten, DVDs über Rückführungssitzungen und Bücher über tantrische Sexpraktiken.

Und mitten drin er, Patrick Nevreux, der amüsiert den Kopf schüttelte und Peter Lavell, der Geschichtsprofessor, der soeben versuchte, den Zuhörern den Wert von Wissen und die Nichtigkeit der Magie nahezubringen. Wahrscheinlich vollkommen vergeblich, aber das Publikum war wohlgesonnen. Vielleicht war das ein positiver Aspekt dieser Leute: Indem sie nach einer anderen Wahrheit suchten als die Anhänger der großen Religionen, waren sie zwangsläufig offen, akzeptierten zumindest die Möglichkeit, dass es eine oder vielleicht sogar mehrere andere Wahrheiten geben konnte. Daher hörten sie sich diese Meinungen zumindest an.

Patrick wusste, dass es nicht Peters Idee war, den Vortrag zu halten. Man hatte ihn eingeladen mit der Auflage, seinen Teil beizutragen. Er sollte zum Thema »Wissen« referieren, und er machte das Beste daraus.

Als sich Patrick und Peter das letzte Mal gesehen hatten, lagen die Ereignisse in Südfrankreich gerade hinter ihnen, und die Erinnerung und der Antrieb waren noch frisch gewesen. Sie hatten vereinbart, so schnell wie möglich gemeinsam eine Expedition zu planen. Etwas zog sie nach Ägypten, darin waren sie sich einig gewesen, obwohl sie nicht über ihre jeweiligen Beweggründe geredet hatten. Doch die Zeit war schnell vergangen, und ihre Pläne nahmen erst Gestalt an, als Peter diese Einladung bekommen hatte. Man bot ihnen ein Projekt in Ägypten an, und heute, nach dem vereinbarten Vortrag, sollte das erste Treffen stattfinden.

»Die Existenz der Rosenkreuzer«, erklärte Peter, »war zu Beginn des 17. Jahrhunderts nicht weniger zweifelhaft als heute. Während sich einige bedeutende Wissenschaftler und Intellektuelle auf die Seite der mystischen Bruderschaft schlugen und den Wunsch äußerten, in den Kreis der Eingeweihten aufgenommen zu werden, wurden die Rosenkreuzer von den meisten als groß angelegter Studentenwitz aufgefasst. Auch lehnten all jene, die man bezichtigte, Verfasser der mysteriösen Publikationen zu sein, jegliche Beteiligung ab. Paradoxerweise nährte ausgerechnet das den Glauben der Anhänger. Denn, so argumentierten sie, es sei ein Statut, dass jeder Rosenkreuzer seine Identität geheim halten sollte, so dass das Abstreiten jeglicher Kollaboration nur natürlich und sogar ein Hinweis auf die wirkliche Existenz sei.« Peter sah in die Runde und hob eine Hand. »Mir ist klar, dass in diesem Saal Leute mit unumstößlicher Meinung zu diesem Thema sind, aber ich möchte hier kein Forum für diese Diskussion bieten. Dieses Thema übernehmen andere Redner besser, als ich es könnte. Aber der Punkt dabei ist wieder einmal: Wahrheit und Unwahrheit, eine Erklärung und ihr Gegenteil liegen manchmal sehr nah beieinander. Wenn wir also die Geschichte studieren, müssen wir uns fragen, ob wir nicht durch einen anderen Blickwinkel auch zur gegenteiligen Überzeugung gelangen könnten.

Das Denken in starren, vorgefertigten Bahnen ist der ärgste Feind des Suchenden, denn wir sind geneigt, das zu registrieren, was unseren Erwartungen entspricht, während wir Unpassendes als geringfügig ausblenden und bald vergessen. So kann sich ein fanatischer Glaube an eine vermeintliche Wahrheit entwickeln, und jegliche Forschung ist nur noch darauf bedacht, ihre Behauptung zu bestätigen, statt – wie es richtig wäre – ihre These zu überprüfen.

Sie alle, die Sie Suchende sind – auf die eine oder andere Weise –, seien Sie also stets auf der Hut vor sich selbst. Beobachten Sie sich selbst, und überprüfen Sie, ob Sie vermuten, ob Sie glauben oder ob Sie meinen zu wissen. Vermuten und suchen ist ehrenvoll und entspricht unserer Natur. Doch sowohl für den Glauben als auch für das Wissen sind schon zu allen Zeiten Menschen umgebracht worden.«


»Ein guter Vortrag«, sagte Patrick, als der Professor nach der Vorlesung durch das Foyer auf ihn zukam. »Aber vermutlich eine Verschwendung für das Publikum hier.« Er nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und aschte dann in eine leere Kaffeetasse.

Peter trat an den Stehtisch heran und stellte sein Mineralwasser darauf ab.

»Das glaube ich ehrlich gesagt auch. Aber man soll die Hoffnung nicht aufgeben, nicht wahr?«

»Ich hoffe, unser Kontaktmann kommt bald und lässt uns hier nicht versauern. Hat Sie schon irgendjemand angesprochen?«

Seine Aussprache ließ sie aufhorchen. »Wo kommen Sie her? Sind Sie Franzose?«

»Ja.«

»Oh, tut mir leid.«

»Es muss Ihnen nicht leidtun. Ich bin gerne Franzose.«

Sie lachte auf. »Nein, das meine ich nicht. Ach, wie ungeschickt. Was ich sagen wollte ... Ist es Ihnen recht, wenn wir uns weiter auf Englisch unterhalten?«

Patrick, der belustigt zur Kenntnis genommen hatte, wie sie eine Spur errötet war, zog betont beiläufig an seiner Zigarette. »Nur zu. Ich bin vom Professor auch nichts anderes gewohnt.«

»Dann kennen Sie sich schon länger? Arbeiten Sie zusammen? Ich würde so gerne etwas mehr über Ihre Arbeit erfahren, Professor Lavell. Sie kennen sich ziemlich gut aus.«

»Nun ja«, antwortete Peter, »ich gebe mir Mühe. Aber es kann niemals genug sein.«

»Das sage ich auch immer. Es gibt so viel da draußen, was wir nicht verstehen, richtig? Gibt es eigentlich noch mehr von Ihnen? Ich meine, andere Vorträge oder Bücher, oder so?«

»Nichts Aktuelles. Das ist seit drei Jahren mein erster Vortrag. Ich habe einige Zeit pausiert, um mein letztes Projekt zu verarbeiten. Aber es gibt ein Buch von mir: Langfristige globale Entwicklungskausalität. Ich weiß nicht, ob es Sie interessiert. Das sind immerhin Inhalte, die naturgemäß nicht so schnell veralten.«

»Um was geht es denn in dem Buch?«

»Es versucht zu erläutern, wie sich verschiedene Entwicklungen in der Geschichte gegenseitig bedingten und was möglicherweise passiert wäre, wenn bestimmte Ereignisse nicht oder anders eingetreten wären. Was, wenn die chinesische Mauer nicht gebaut worden wäre, hätte es dann eine Völkerwanderung gegeben? Was, wenn das Christentum nicht die Staatsreligion des Römischen Reiches geworden wäre, hätte es jemals ein Papsttum gegeben? Was, wenn die Kreuzzüge erfolgreich gewesen, die westlichen Kulturen sich über den ganzen Nahen Osten ausgebreitet und die orientalischen Kulturen vernichtet hätten: Türkei, Israel, Ägypten, Saudi-Arabien, Iran, Irak ... «

Melissa las Peter die Worte förmlich von den Lippen ab.

»Es ist schließlich so«, fuhr Peter fort, »jeden Tag entscheidet sich das Schicksal der Menschheit neu. Wir sehen stets nur die großen Scheidewege, an denen wir vorbeigegangen sind. Was wäre, wenn eines der Attentate auf Hitler erfolgreich gewesen wäre? Wäre der Welt dann nicht unendliches Leid erspart geblieben? Diese Gedanken sind uns allen vertraut. Aber tatsächlich formt auch jedes andere noch so kleine Geschehnis den Werdegang der Welt. Und ob es zum Guten oder zum Schlechten war oder sein wird, ist völlig unmöglich zu bestimmen. Tatsächlich könnte man sagen: Es ist weder zum Guten noch zum Schlechten, denn die Geschehnisse sind nicht in sich selbst gut oder böse, sondern es sind die Menschen, wie sie darauf reagieren und was sie daraus machen.«

»Peter, ich glaube, mit Ihrer Interpretation der Chaostheorie langweilen Sie unseren Gast«, sagte Patrick.

»O nein, ganz sicher nicht«, erklärte Melissa. »Ich finde es äußerst interessant. Ehrlich!« Dann stupste sie Patrick an die Schulter. »Also wirklich, wie können Sie so was sagen?« Dabei lächelte sie.

»Ich habe wohl wieder von mir auf andere geschlossen.«

Melissa sah den Franzosen an, einen Augenblick zu lang, um desinteressiert zu sein, wie Patrick fand. »Soll das etwas über Sie sagen oder über mich?«, fragte sie.

»Suchen Sie es sich aus«, antwortete Patrick. »Zigarette?«

»Ich rauche normalerweise nicht.«

»Vielleicht fehlen Ihnen die außergewöhnlichen Gelegenheiten?«

Sie betrachtete ihn eindringlich, unschlüssig, was sie erwidern sollte, und errötete erneut. Dann lächelte sie leicht verschmitzt, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder dem Professor zu. »Was war das für ein Projekt, von dem Sie eben gesprochen haben? Womit Sie zuletzt beschäftigt waren?«

»Eine Untersuchung in Südfrankreich. Leider ohne greifbare Ergebnisse, und nichts, was sich hinterher verarbeiten ließ.«

»Das tut mir leid. Und jetzt? Sind Sie wieder an einem neuen Projekt?«

»Nein. Das heißt, ja, vielleicht. Aber es ist noch nicht sicher.«

»Auch wieder in Südfrankreich?«

»Nein, möglicherweise in Ägypten.«

»Ägypten? Das ist ja toll! Tatsächlich? Wissen Sie, ich arbeite nämlich in Kairo. Sie müssen mich unbedingt besuchen, dann zeige ich Ihnen die Stadt ... «

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber ... «

»Ramadan hat gerade begonnen, das ist ein Erlebnis! Und ich kann Ihnen auch Zutritt zu einigen besonderen Friedhöfen verschaffen, das interessiert Sie doch sicherlich auch. Und dann natürlich das Museum, wo ich arbeite.«

»Sie arbeiten an einem Museum?« Peter horchte auf.

»Am Ägyptischen Museum in Kairo. Waren Sie schon einmal dort?«

»Nein, leider nicht. Aber vielleicht ergibt es sich ja ... «

»Da kommt noch ein Fan«, unterbrach Patrick das Gespräch und deutete mit seiner Zigarette zur Seite. Ein alter Herr, gebeugt und auf einen Gehstock gestützt, kam auf sie zu. Er war in einen vornehmen Anzug gekleidet, ein Seidenschal lag über den Schultern seines Jacketts.

»Dann möchte ich Sie nicht länger aufhalten«, erklärte Melissa. »Besuchen Sie das Museum, und fragen Sie nach mir, ich würde mich sehr freuen! Ich bin ab Montag wieder dort. Auf Wiedersehen!«

Patrick nickte ihr hinterher, doch Peters Aufmerksamkeit war bereits auf den Neuankömmling gerichtet. Der Aufzug und die Zielstrebigkeit des Alten ließen ahnen, dass er nicht zufällig auf sie zukam.

Der Mann sprach mit kratziger Stimme und ausgeprägtem britischen Akzent. »Professor Lavell? Monsieur Nevreux? Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Er reichte beiden die Hand. »Mein Name ist Oliver Guardner. Ich hatte Sie zu diesem Abend eingeladen.«

Peter schüttelte ihm behutsam die Hand. »Die Freude ist ganz meinerseits.«

»Guten Abend«, sagte Patrick, als er an der Reihe war, die dürre Hand vorsichtig zu schütteln, und den Alten taxierte. Das Gesicht war sonnengegerbt, eingefallen und von Falten übersät. Trotzdem strahlte ein jugendlicher Scharfsinn aus ihm.

»Sie brauchen gar nicht so zimperlich mit mir umzugehen«, erklärte Guardner. »Ich kann zwar keine Löwen mehr erwürgen, aber meine Hand wird schon nicht auseinanderbrechen. Sie haben einen jüngeren Mann erwartet, nicht wahr?«

»Nun ... «, hob Peter an.

»Ich für meinen Teil wusste nicht, dass man überhaupt so alt werden kann«, sagte Patrick grinsend. »Zigarette?«

Guardner lachte und bediente sich. »Sie, mein Freund, sollten erst einmal so alt werden, wie ich aussehe. Um Ihre Neugier zu befriedigen: Ich bin gerade achtundachtzig, habe also das Beste noch vor mir.«

»Das scheint mir auch so«, meinte Patrick und reichte ihm sein Feuerzeug.

»Ich möchte mich noch mal für Ihre Einladung bedanken, Mister Guardner«, sagte Peter.

»Oh, nicht der Rede wert. Sehen Sie: Ich bin es ja, der etwas von Ihnen möchte.«

»Ich dachte, Sie lebten in Kairo«, sagte Peter. »Was führt Sie nach Deutschland?«

»Sie. Ob Sie es glauben oder nicht. Ich bin allein Ihretwegen hier. Und ich habe Ihnen ein ganz besonderes Angebot zu machen. Sie können es unmöglich ausschlagen. Und Kosten spielen keine Rolle.«

»Das habe ich doch schon mal gehört«, sagte Patrick.

»Sie machen uns neugierig«, antwortete Peter.

»Natürlich. So ist es dramatischer, nicht wahr? Was halten Sie davon, wenn wir uns in ein ruhiges Restaurant begeben, und ich erzähle Ihnen alles, was Sie wissen möchten?«

»Mister Guardner«, sagte Patrick, »you just made my day.«

»Vorzüglich!«, erwiderte Guardner. »Wenn Sie sich als Franzose derart elegant in den anglophonen Idiomen zurechtfinden, wird meine ägyptische Schatzsuche sicherlich ein Kinderspiel für Sie werden.«

»Schatzsuche?«


»Ich muss sagen«, erklärte der Alte, während er seine Serviette auf dem Schoß zusammenfaltete und neben den Teller legte, »das Essen war vortrefflich. Und Ihre Weinauswahl, Monsieur Nevreux, exzellent. Ich danke Ihnen.«

»Ich bin gespannt, was Sie uns über Ihr Angebot erzählen werden«, antwortete Peter.

»Ja, natürlich«, sagte Guardner. »Es hat mir Freude gemacht, Sie auf die Folter zu spannen«. Er lächelte, griff zu seinem Kaffee und nippte daran. »Aber nun werde ich Ihnen endlich die Geschichte erzählen, wegen der Sie hier sind. Mein Vater, Sir John William Guardner, war ein erfolgreicher Geschäftsmann. Ein Importeur, der Anfang des letzten Jahrhunderts mit orientalischen Waren handelte, hauptsächlich Möbeln, Tropenholz und so genannten Antiquitäten aus den Kolonien.« Er machte eine kreisende Handbewegung. »Sie wissen schon, Tische, Stühle, Truhen, Kommoden, Spiegel, alles, was irgendwie exotisch und gebraucht aussah. Statuen aus Polynesien, Papierschirme aus China, Bambuswände aus Japan, aber auch Zebrafelle und ausgehöhlte Elefantenfüße aus Afrika und so weiter.« Er leerte seinen Kaffee. »Den Ersten Weltkrieg verbrachte er in Ägypten, eine zwangsweise ruhige Zeit für ihn, da er mit dem Kriegsgeschäft nichts zu tun haben wollte. Er etablierte sich in Kairo, und 1919 stieg er in einer Reederei ein und arbeitete weiter als Handelsmann. Schließlich fuhren zwei Schiffe unter seinem Namen. Die Route London, Lissabon, Konstantinopel, Alexandria. Zu diesem Zeitpunkt war seine eigene Sammelleidenschaft für Antiquitäten erwacht, und insbesondere Ägypten hatte es ihm angetan. Angesichts der Entdeckungen zu dieser Zeit wohl auch verständlich. Ich ging damals in Brighton zur Schule. Sie müssen wissen, dass er seit meiner Geburt keinerlei Kontakt zu meiner Mutter pflegte. Sie hatten sich einmal zufällig kennengelernt, und mehr als eine Liebesnacht in London war es auch nicht gewesen. Aber sie verbot mir nie den Kontakt zu ihm und gestattete mir, ihn in den Winterferien zu besuchen. Er zeigte mir dann die Stücke seiner Sammlung und erzählte mir ihre Geschichten. Das letzte Mal sah ich ihn im Januar 1930. Ich war damals zwölf Jahre alt, und er saß mit einer Wasserpfeife auf der Terrasse und erzählte mir von seiner Suche. Damals eröffnete er mir zum ersten Mal, dass er keineswegs wahllos antike Einzelstücke sammelte, sondern, dass er einem bestimmten Ziel folgte: Er wollte einen Schatz finden. Nicht irgendeinen profanen Goldschatz, wohlgemerkt, sondern etwas unendlich Größeres, wie er sagte. Er nannte es immer ›Das Wissen der Welt‹ oder ›Den okkulten Ursprung aller Magie‹.«

Peter hob eine Augenbraue. Von derartigen Formulierungen und Anspielungen hatte er sich zuletzt vehement distanziert, nachdem sie nur um Haaresbreite einer satanischen Zeremonie entkommen waren.

Er verdrängte die Erinnerung daran so gut es ging und begann, sich eine Pfeife zu stopfen, argwöhnisch, wohin die Erzählung Guardners führen würde.

»Ich konnte und kann mit solchen Sachen nichts anfangen«, fuhr der Alte fort. »Dafür habe ich nichts übrig. Aber mir war dennoch klar, dass seine Suche ernsthaft und seine Artefakte und Manuskripte selten und wertvoll waren. In jenem Winter zeigte er mir nun zum ersten Mal sein kostbarstes Stück, einen ägyptischen Papyrus mit einem Haufen Schriftzeichen und seltsamen Zeichnungen. Er sagte nicht, wie er in seinen Besitz gekommen war, nur, dass er aus dem Grab Tutanchamuns stammte und eine Anleitung sei, die ihn direkt zum Schatz führen würde. Der Papyrus lag in einer luftdichten Metallschatulle, die in mehreren Kammern Säckchen mit irgendeiner Chemikalie enthielt, um Feuchtigkeit zu absorbieren. Nun, jedenfalls ließ er mich den Papyrus nur kurz sehen, verschloss und verstaute die Schatulle dann wieder, um mir eine vollständige Kopie des Schriftstücks zu zeigen. Mit Fadenzähler, Zirkel und Lineal hatte er die Zeichnungen dupliziert, ihre Strichstärke, Proportionen und Abstände aufs Genaueste vermessen und Hieroglyphe für Hieroglyphe, Symbol für Symbol, Strich für Strich übertragen. Er war zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage, den Text zu übersetzen oder die Zeichnungen vollständig zu deuten, aber er war sich seiner Sache sicher. Es sei die wichtigste Entdeckung der Geschichte, sagte er, und sobald er den Papyrus entschlüsselt habe, würde er die Geschichte der Menschheit neu schreiben. Es war leider das letzte Mal, dass ich meinen Vater sah.«

»Ist er verschwunden?«, fragte Patrick.

»Nein, er starb in jenem Jahr.«

»Mein Beileid ... « sagte Peter. »Was ist aus seiner Suche geworden? Und aus dem Papyrus?«

»Da mein Vater schon zuvor Probleme mit seinem schwachen Herzen gehabt hatte, hatte er bereits eine testamentarische Verfügung vorbereitet. Als er plötzlich verstarb, war also bereits geregelt, dass ich seine Sammlung, seine Notizen und seine Arbeit erben würde.«

»Und die Schatulle mit dem Papyrus?«

»Sie fehlte. Jahrlang hat mich das beschäftigt. Ich wusste, dass es seine größte Kostbarkeit war und dass er niemandem von dem Papyrus erzählt hatte. Nicht nur, weil die Herkunft möglicherweise problematisch war, sondern auch, weil er fürchtete, dass jemand ihm bei der Suche zuvorkommen würde. Nicht zuletzt deswegen kam er auch ohne Hilfe mit der Übersetzung nur schleppend voran. Andererseits wusste ich, dass ihm das auch zu schaffen machte. Er erzählte mir – einem immerhin nur zwölf Jahre alten Kind – auch deswegen davon, weil er sich sonst niemandem mitteilen konnte oder wollte. Er war so stolz auf seine Entdeckung, aber dennoch blieb er damit allein.«

»Vielleicht hat er sich in den Monaten nach Ihrem letzten Treffen jemandem anvertraut«, überlegte Peter, »um seine Begeisterung teilen zu können, um Hilfe bei der Entzifferung zu bekommen?«

»Das ist möglich, ja. Diese Vorstellung wiederum legt aber den Gedanken nahe, ob er nicht vielleicht sogar deswegen Opfer eines Raubmords wurde. Zumindest wäre es ja denkbar. Doch diese Möglichkeit habe ich jahrelang verdrängt. Er war ein so intelligenter, gutherziger Mann, mit vielen Freunden und ein gern gesehener Gast in großen Gesellschaften. Es wäre einfach unvorstellbar, dass so etwas passiert und dann auch noch ungesühnt geblieben wäre.«

»Fehlten noch andere Teile aus dem Nachlass Ihres Vaters?«

»Ich kann das nicht mit ganzer Sicherheit sagen, da die Sammlung nicht katalogisiert war. Aber alle die Stücke, an die ich mich aus meiner Kindheit erinnerte, waren und sind noch da.«

»Und seine Kopie des Papyrus?«, fragte Patrick.

»Auch sie ist noch da.« Guardner machte eine bedeutungsvolle Pause und lächelte.

Peter blies bedächtig eine Rauchwolke an die Decke und sah dann zu Patrick hinüber. Er stellte sich vor, was im Kopf des Franzosen vor sich ging. Er war kein Archäologe oder gar Historiker, er war ein Schatzsucher. Peter zweifelte nicht, dass Patrick sich bereits ausmalte, wie sie nach verborgenen Türen in den Pyramiden oder geheimen Schächten unter den Mastabas suchten.

»Ich möchte Sie einladen«, sagte Guardner nun, »nach Kairo zu kommen und die Suche meines Vaters fortzusetzen.«

»Was bieten Sie uns an?«, fragte Patrick. Er zog eine Zigarette hervor und entzündete sie an der Kerze auf dem Tisch. Die missbilligenden Blicke von den Nachbartischen ignorierte er.

»Ich biete Ihnen zehn Prozent des Gewinns.«

»Kommen Sie, Peter, wir verschwenden unsere Zeit.«

Guardner lächelte. »Gut! Das war sehr gut! Sie enttäuschen mich nicht, Monsieur Nevreux. Wie wäre es also mit elf Prozent?«

Patrick grinste und schüttelte den Kopf.

Peter beugte sich vor und unterbrach die Verhandlung. »Bevor wir uns über diese Details unterhalten, interessiert mich, weshalb Sie gerade auf uns gekommen sind. Und was ist in den vergangenen siebzig Jahren passiert?«

»Ich habe natürlich selbst versucht, aus den Unterlagen meines Vaters schlau zu werden. Aber ich habe es nie geschafft, mich ausreichend mit Hieroglyphen zu beschäftigen. Zudem fehlt es mir offenbar am nötigen Hintergrundwissen über die Geschichten und Mythen, die mein Vater mit dem Fund in Verbindung brachte. Ich habe mein Leben lang geschwankt, ob ich mir diese Kenntnisse selbst aneignen sollte, oder ob ich eine vertrauenswürdige Person finden würde, der ich diese Arbeit übertragen könnte. Nun, man wird nicht jünger. Und ein alter Hund lernt keine neuen Tricks mehr. Sie können sich vorstellen, dass ich nun einfach keine Zeit mehr habe, lange zu zögern.«

»Das heißt, die Suche ruht seit damals?«

»Es lag so viele tausend Jahre verborgen, da fallen siebzig Jahre wohl kaum ins Gewicht.«

»Und weshalb wir?«, fragte Patrick. »Woher kennen Sie uns?«

»Ich habe jahrelang die Augen offen gehalten nach möglichen Kandidaten für diese Suche. Sie, Monsieur Nevreux, sind mir insbesondere durch Ihre unkonventionelle Art, sich über Bestimmungen und Autoritäten notfalls hinwegzusetzen, aufgefallen. Sie sind ehrgeizig und hartnäckig, aber nicht gewissenlos oder gierig, was Sie mir sympathisch macht. Sie lassen sich nicht durch Drohungen einschüchtern und sorgen sich auch nicht, Ihren Ruf zu verlieren. Daher können Sie Ihre Ziele besser verfolgen. Und was Sie angeht, Professor Lavell, Ihre Publikationen und Ihre Vorlesungsreihe sind mir selbstverständlich bekannt. ›Der Siegeszug der Vernunft – Aberglaube und Rationalität im Wandel der Jahrtausende‹ ... damit sind Sie vielen aufgefallen. Es gibt wohl kaum jemanden, der sich wie Sie mit der Entwicklung von Mystik und Religion auskennt, der einen so umfassenden Überblick über die Entwicklungsgeschichte unserer Kulturen und ihre Verknüpfungen hat. Hinzu kommt, dass Sie sich gut mit der ägyptischen Schrift auskennen. Sie mögen kein spezialisierter Linguist oder Ägyptologe sein, aber Sie sind der perfekte Allrounder für die bevorstehende Aufgabe. Und nach Ihrem gemeinsamen Projekt in Südfrankreich war es klar, dass Sie beide in Kombination die perfekten Voraussetzungen für meine Suche mitbringen.«

»Unser Projekt?« Peter stutzte. »Das war höchst geheim. Wie können Sie etwas davon wissen?«

Guardner winkte ab. »Ach, das tut nichts zur Sache. Sehen Sie, in meinem Alter hat man mitunter gute Verbindungen und viele Informationsquellen.«

»Was wissen Sie über das Projekt?«

»Oh, keine Details. Offenbar war Ihr Auftraggeber mit dem amerikanischen Militär verbunden. Es ging um eine Höhle, unerklärliche Inschriften aus vielerlei Kulturen und eine Kammer, die auf irgendeine Weise vor Strahlen geschützt war. Sie haben im Zuge Ihrer Untersuchungen einigen Staub aufgewirbelt, dabei das Rätsel wohl erfolgreich gelöst und einen Zugang zu der Kammer gefunden. Leider sind die Höhle und die Kammer schließlich verloren gegangen, aber wie man sieht, sind Sie dennoch wohlbehalten aus der Affäre herausgekommen.«

»Sie wissen mir zu viel«, bemerkte Patrick stirnrunzelnd.

»Sie wollen den Preis höher schrauben«, erwiderte Guardner.

»Ist es mir gelungen?«

»Elfeinhalb.«

»Elfeinhalb von nichts ist immer noch nichts.«

»Also gut«, sagte Guardner und lächelte. »Ich sehe, wie Sie dazu stehen. Und was ist mit Ihnen, Professor?«

»Ohne respektlos erscheinen zu wollen, aber Sie haben mich ebenfalls noch nicht überzeugt. Insbesondere in Anbetracht der durchaus schlechten Erfahrungen, die wir bei dem eben erwähnten Projekt machen mussten.« Peter drückte den Tabak seiner Pfeife mit einem Stopfer zusammen, begutachtete das Ergebnis und sah dann wieder auf. »Die finanzielle Seite ist natürlich wichtig, und ich bin sicher, dass wir in dieser Hinsicht zu einer Einigung kommen würden. Jedoch wüsste ich dieses Mal gerne vorher, worauf ich mich einlasse. Außerdem möchte ich nicht wieder völlig anonym arbeiten müssen. Wäre uns damals in Frankreich etwas zugestoßen – und es hat nicht viel dazu gefehlt –, hätte uns lange Zeit niemand vermisst und sicher niemand gefunden.«

»Ich verstehe Sie vollkommen, Professor. Und ich kann Ihnen versichern, dass Sie jede gewünschte Unterstützung und alle finanziellen Freiheiten bei Ihrer Arbeit haben werden. Aber eines muss ich mir von Ihnen zusichern lassen: Ihre Untersuchungen müssen so diskret wie möglich verlaufen.«

Patrick stöhnte auf und schüttelte den Kopf, aber Guardner hob eine Hand. »Es ist in Ihrem eigenen Interesse, meine Herren«, sagte der Alte. »Es geht um weit mehr, als um einen verschwundenen Papyrus. Es geht um eine Suche, die zu den Wurzeln aller uns bekannten Kulturen führt. Ja sogar darüber hinaus! Eine Suche, die alles revolutionieren wird, was wir über unsere Herkunft zu wissen glauben, sie führt in eine Vergangenheit, die jenseits von Ägypten liegt. Bei einem Rätsel dieses Ausmaßes werden Sie sicher unbehelligt arbeiten wollen.«

Peter sah seinen Kollegen an. Patrick gab sich ablehnend.

»Sie machen große Versprechungen, Mister Guardner«, sagte Peter. »Können Sie uns etwas Substanzielleres bieten als Ihr sicher unzweifelhaftes Wort?«

»Aber ja, das kann ich«. Guardner öffnete eine Tasche und holte eine Schachtel heraus, die er vor dem Engländer auf den Tisch stellte. »Öffnen Sie sie.«

Peter hob den Deckel ab. In Seidenpapier eingeschlagen kam ein faustgroßes Objekt zutage.

Es schien ein Teil eines Geräts zu sein, etwas aus poliertem Metall, mit präzisen, fast nahtlosen Verbindungen, kreisrunden Einkerbungen und parallel verlaufenden Längsrillen. Welchem Zweck es diente, war nicht ersichtlich, aber die hintere Hälfte des Objekts war von einem solidem Gesteinsbrocken umschlossen. Peter drehte das Artefakt in den Händen, untersuchte es von allen Seiten und reichte es dann an Patrick weiter.

»Was ist es?«, fragte er.

»Es stammt ebenfalls aus dem Nachlass meines Vaters. Es war einer seiner kostbarsten Funde, und er brachte es in direkte Verbindung mit dem Papyrus und dem, was er am Ende der Suche zu finden hoffte. Eine Hochkultur vor der unseren, ja sogar noch vor jener der Ägypter!«

Patrick wog das Objekt in den Händen. »Könnte Chrom sein«, meinte er. »Und der Stein hier, das ist eine Art Kalkstein. Sehen Sie diese Spuren an der Bruchkante? Es ist ein gewachsenes Stück. Wahrscheinlich künstlich erzeugt. Anders wäre es nicht zu erklären, wie es das Gerät umschlossen hat.«

»Sie halten es für eine Fälschung?«, fragte Peter.

»Das lässt sich herausfinden. Ich wüsste aber nicht, was es sonst sein sollte.«

»Nun«, sagte Guardner, »es ist mir unangenehm, Ihre Zeit zu stehlen und Sie über Gebühr zu bedrängen. Ich mache Ihnen daher einen Vorschlag. Betrachten Sie das Objekt als Leihgabe. Untersuchen Sie es. Und ich lade Sie ein, eine Woche bei mir zu wohnen. Es gibt ausreichend Platz, einen ganzen Flügel der Villa können Sie belegen. Ein Swimmingpool, voll klimatisierte Räume und Personal stehen Ihnen zur Verfügung. Flug, Mietwagen und eine großzügige Aufwandsentschädigung für jeden von Ihnen gehen auf meine Kosten. Sie können sich ein ausreichendes Bild der Aufgabe machen, und dann entscheiden Sie frei, ob Sie den Auftrag annehmen, oder nicht. Eine Woche. Was halten Sie davon?«

»Fünftausend Euro«, antwortete Patrick.

»Ich gebe jedem von Ihnen zehntausend, wenn Sie aufhören, mit mir um Kleingeld zu feilschen«, gab Guardner zurück, und Patrick hob unwillkürlich die Augenbrauen.

»Diese Summe für nur eine Woche?«, fragte Peter. »Es muss Ihnen sehr wichtig sein.«

»Professor Lavell, es geht um das Rätsel meines Lebens und das meines Vaters. Mehr noch, es geht um die Vergangenheit der Welt. Es kann nichts Wichtigeres geben.«

»Und ab wann dürfen wir Sie besuchen?«, fragte Patrick.

»Wie wäre es gleich Montag?«

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