Kapitel 10


15. April 1941, Ägyptisches Museum, Kairo


Eine Gruppe von sechs Deutschen stand auf dem Vorplatz des Ägyptischen Museums. Sie befanden sich in der Höhle des Löwen, inmitten der Hauptstadt, im Feindesland. Wenn die Engländer herausfänden, dass sie Deutsche waren, war das Unternehmen auf der Stelle gescheitert. Daher trugen sie unauffällige, zivile Kleidung und führten Schweizer Pässe mit sich, die sie als eidgenössische Forscher auswiesen.

Wolfgang Morgen wies seine Leute mit einem Kopfnicken an, sich um ihn zu sammeln. Die Männer folgten und bemühten sich, dies nicht mit der üblichen militärischen Präzision zu tun, sondern ganz so, wie sich eine Gruppe ehrenwerter Gentlemen zu einer lockeren Gesprächsrunde versammelt.

»Vorgehen wie besprochen«, sagte Morgen, als die Männer nah genug zusammengekommen waren. »Drei Gruppen, unregelmäßige Abstände. Jeder weiß, wonach er Ausschau zu halten hat, also Augen aufhalten, und wenn etwas verdächtig aussieht, so viel wie möglich merken. Wir treffen uns heute Abend und tauschen uns aus.« Dann nickte er einem der Soldaten zu. »Karl, Sie kommen mit mir. Wir gehen als Erste.«

Sie betraten das Museum, vorbei an einem gelangweilten britischen Soldaten, der sie kaum beachtete. Vermutlich hatte der Mann selbst keine Ahnung, warum er hier abgestellt war. Zwar herrschte prinzipiell Krieg, aber die meisten Ausländer waren schon seit zwei Jahren ausgewiesen worden, und die Front lag Tausende Kilometer weiter im Westen. Wer sich jetzt noch in Kairo aufhielt, der konnte eigentlich nur von Rechts wegen hier sein. Es war unsinnig, irgendetwas kontrollieren zu wollen. Und die Anzahl der Menschen, die sich in diesen Tagen ins Museum begaben, war ohnehin verschwindend gering.

Sie standen in der Eingangshalle und orientierten sich. Dann wandten sie sich nach links und folgten dem allgemeinen Rundweg. Morgen ließ seinen Blick über die Ausstellungsstücke wandern. Er hatte sich die Fülle der Artefakte nicht so groß vorgestellt. Es war geradezu atemberaubend, was für eine unsäglich reiche Kultur sich hier unter dem Wüstensand verbarg und welche Schätze und Geheimnisse er noch preisgeben konnte. Die Frage war, ob sie in dem Museum irgendeinen Hinweis auf jenes Pyramidion finden würden, von dem die steinerne Tafel aus dem Großmeisterpalast berichtet hatte.

Morgen schüttelte leicht den Kopf. Es war unglaublich, wenn man sich vergegenwärtigte, dass sie auf der Spur einer der größten Schätze der Menschheit waren, der Quelle allen Wissens, dem Ursprung der Kultur und der Zivilisation, dem Schlüssel zu absoluter Macht, und die Leute, die ihm folgten und sich nun auf seine Anweisung Vitrine für Vitrine ansehen sollten, hatten keine Vorstellung davon, womit sie es wirklich zu tun hatten.

Plötzlich stockte Morgen. Einen Raum weiter konnte er eine Gestalt ausmachen, die ihm bekannt vorkam. Er wies Karl an zurückzubleiben und ging selbst unauffällig weiter, immer so, dass er den anderen Mann zwar sehen, sich aber im Zweifelsfall, falls dieser sich plötzlich umdrehte, hinter einem Schaukasten oder eine Statue seinen Blicken entziehen konnte.

Er bemerkte schnell, dass der Mann nicht allein war. Er unterhielt sich angeregt mit jemand anderem, anscheinend einem Ägypter, denn er trug zu seiner weiten, weißen Kleidung einen roten Fez.

Schließlich war Morgen nahe genug herangekommen, um jeden Zweifel ausschließen zu können: Der Mann war tatsächlich jener Engländer, den er im Keller des Großmeisterpalastes auf Rhodos beim Kopieren der Stele erwischt hatte! Wie zum Teufel war er entkommen, und was suchte er hier? Morgens Gesicht lief heiß an, als er sich darüber klar wurde, dass der Mann noch immer auf derselben Spur war wie er selbst.

Wenige Meter weiter konnte er das Gespräch der beiden belauschen.

» ... nicht einfach anfangen zu graben«, sagte der Ägypter gerade.

»Das ist mir wohl bewusst. Aber ich habe keine Zeit, noch länger zu warten, womöglich, bis der Krieg vorbei ist.«

»Sir, was Sie vorschlagen, ist ... «

»Ich kann nur so viel sagen: Geld spielt keine Rolle. Und ich trage die volle Verantwortung.«

»Ich weiß wirklich nicht ... «

»Hören Sie, es ist mir wirklich außerordentlich wichtig. Sie können sich das vielleicht nicht vorstellen, aber ich suche nun schon seit vielen Jahren, und ich bin jetzt seit fast einem Jahr in Kairo. Ich habe alles studiert, was es zu studieren gibt, ich bin mir absolut sicher. Und ich habe auch alle anderen Möglichkeiten ausführlich untersucht: Es gibt keinen anderen Weg. Wenn Sie mich nicht unterstützen möchten, dann kann ich das nicht ändern. Es wäre schade, Sie sind meine erste und beste Wahl. Aber wenn es nicht anders geht, dann suche ich mir jemand anders.«

Der Ägypter schwieg einen Augenblick und wippte auf den Fußspitzen. Dann fuhr er mit der Hand über seinen Schnurrbart. »Also, das ist mit viel Risiko verbunden ... «, sagte er.

»Dessen bin ich mir bewusst.«

»Wie ich schon sagte, Sie können nicht einfach mit einer Schaufel nach Sakkara fahren und dort anfangen zu graben. Wir müssen es so organisieren, dass wir gar nicht erst gesehen werden. Und für den Fall, dass wir dennoch erwischt werden, benötigen wir eine glaubwürdige Geschichte. Ich muss einen Plan erarbeiten. Wir brauchen eine gute Vorbereitung. Falsche Papiere. Ausrüstung. Und eine Versicherung, falls alles schiefgeht.« Der Ägypter tippte dem Engländer auf die Brust. »Eine Entschädigung für jedes Jahr im Gefängnis. Zusätzlich einen Ausgleich für den verlorenen Ruf. Natürlich nur, wenn etwas schiefgeht.«

»Ich bin sicher, dass wir uns über den Preis einigen können«, sagte der Engländer. »Die Botschaft des Pyramidions war eindeutig, wir können nichts falsch machen.«

Morgen konnte kaum glauben, dass er solches Glück hatte. Tatsächlich schien der Mann dasselbe Ziel zu verfolgen! Er sprach von einem Pyramidion, und das konnte nur das Pyramidion sein, das auf der Stele erwähnt wurde! Morgen erinnerte sich, wie mühsam die Entschlüsselung des Textes gewesen war. An seine Ergriffenheit, die Urform der lange Zeit nur in groben und bruchstückhaften Abschriften und falschen Übersetzungen überlieferten Tabula Smaragdina vor sich zu sehen. Und an seine Erregung, jene Details zu entdecken, die in diesem Text nun zum ersten Mal zu lesen waren und die Hinweise auf den realen Ursprung, auf die Quelle der Weisheit gaben. Ein Pyramidion galt es zu finden, das Pyramidion der Stufenpyramide des Djoser. Und der junge Engländer war zu demselben Schluss gekommen! Etwas Einfacheres, als sich an die Fersen der von ihm geplanten Expedition zu heften, gab es schon fast gar nicht mehr.

Morgen schlenderte den Weg zurück, den er gekommen war, bis er wieder auf Karl traf. Während sie nebeneinander ein Exponat studierten, sagte er: »Der Mann da drüben, der Engländer, lassen Sie ihn nicht aus den Augen. Wir müssen in Erfahrung bringen, wie er heißt, wo er wohnt, und jeden seiner Schritte beobachten. Ich gehe raus und sage den anderen Bescheid.«


9. Oktober 2006, Garden City, Kairo


Es war kurz vor acht, als Guardners Fahrer vor dem hohen, schmiedeeisernen Zaun einer Villa hielt. Sie mochte ein knappes Jahrhundert alt sein. Die kunstvolle, ockerfarbene Sandsteinfassade zeigte traurige Streifen einer schmutzig grauen Patina, die Staub und Abgase im Laufe der Zeit hervorgerufen hatten. Was ehemals eine prächtige Residenz gewesen war, machte nunmehr einen heruntergekommenen Eindruck, was auch der umgebende Garten nicht verhindern konnte. Das Haus stand im Halbschatten hoher Bäume, die ebenfalls bessere Tage gesehen hatten: An den Palmen hingen in zehn Metern Höhe unter der Krone die abgestorbenen Wedel farblos herab, die Benjamini und Gummibäume waren von Würgefeigen oder anderen Schlingpflanzen befallen, und die ehemalige Rasenfläche des Gartens bestand größtenteils aus staubigen, mit vertrockneten Blättern und verschrumpelten Palmfrüchten übersäten Flecken. Ein einziges Flutlicht strahlte von der Hauswand und tauchte einen Teil des Gartens in grelles kaltes Licht und scharfe Schatten.

Peter und Patrick stiegen aus. Peter half Melissa beim Aussteigen.

Patrick hatte vorgeschlagen, sie mitzunehmen, da sie Arabisch sprach. Zudem arbeitete sie am Museum, und vielleicht ließ sich Dr. Aziz davon beeindrucken. Natürlich hatte Oliver Guardner den Termin durch seine hervorragenden Kontakte zuwege bringen können, und alleine, dass Dr. Aziz sie an diesem Abend eingeladen hatte, war ein Zeichen von Vertrauen. Peter kannte den Leiter des SCA aus der Presse, denn es gab kaum eine Veröffentlichung in den letzten Jahren – gleichgültig, ob im Internet, in einer Zeitung oder im Fernsehen –, in der nicht Dr. Aziz zu Wort gebeten wurde und in der ihm nicht als Oberaufseher der Altertumsbehörde und faktischem Wächter über sämtliche ägyptische Monumente und Artfakte gehuldigt wurde. Es war bekannt, dass der Mann eine rigide Einstellung ausländischen Forschern gegenüber sowie einen starren Willen hatte. Das würde ihren Termin nicht einfach machen, und so hatte Peter zugestimmt, Melissa einzubinden. Er fragte sich noch immer, wie weit er ihr vertrauen konnte. Er wusste so gut wie nichts über sie, und auf das, was sein leicht befangener französischer Kollege ihm über sie erzählte, mochte er nicht allzu viel geben. Er musterte sie verstohlen. Einen guten Geschmack hatte Patrick jedenfalls, so viel war sicher. Sie hatte sich für den Anlass sehr passend angezogen, ein langes grünes Kleid, das durch geschickt gesetzte Stickereien ihre Figur betonte, und unter der luftigen schwarzen Strickjacke konnte Peter dünne Träger und ein wunderbar betontes Dekollete erahnen. Ihm fiel auf, dass sie ihren Sekten-Anhänger nicht mehr trug. Das hatte er nicht erwartet.

»Es freut mich, dass es Ihnen gefällt«, sagte Melissa.

Erschrocken riss Peter seinen Blick los und suchte nach Worten. Er hatte einen Moment länger als höflich auf ihre Brust gestarrt, wenngleich aus anderen Gründen, als es vielleicht den Anschein haben mochte. Aber wie sollte er das erklären.

»Ich habe das Kleid aus London«, fuhr Melissa fort. »Eigentlich ist es etwas zu dunkel für Kairo. Hier in der Sonne trägt man sonst kräftige Farben. Aber abends ist es in Ordnung, und es passt zu meinen roten Haaren, finde ich.«

»Ja«, sagte Peter hastig, »in der Tat, das tut es.«

»Danke.« Sie lächelte ihn an.

»Wollt ihr noch eine Weile turteln«, warf Patrick ein, »oder können wir jetzt reingehen?« Er betätigte den Klingelknopf. Wenig später summte es am Tor, und sie konnten eintreten.

Dr. Aziz begrüßte sie auf den Stufen vor dem Eingang. Er trug eine khakifarbene Anzughose, ein schwarzes, in die Hose gestecktes Hemd und einen sandfarbenen Hut mit schwarzem Hutband. Er sah aus wie auf den meisten Fotos, die Peter von ihm gesehen hatte – inklusive Hut.

»Willkommen«, sagte der Ägypter und reichte jedem die Hand. »Bitte, kommen Sie herein.«

Sie betraten Räume, deren Einrichtung aus einer orientalischen Mischung aus rotbraunen gewebten Teppichen, geschnitzten Holzpaneelen und Lampen aus verziertem Messing und Silber bestand. Ohne weitere Worte führte Dr. Aziz sie in ein Wohnzimmer, wo sie sich niederließen.

Patrick entdeckte einen hellen Aschenbecher auf dem Couchtisch und zog eine Zigarette aus seiner Packung.

Als der Ägypter das sah, stand er wortlos auf, holte einen weiteren Aschenbecher aus Glas aus einer Schublade und stellte ihn vor den Franzosen.

Patrick wollte etwas sagen, aber Peter hatte die Situation schneller erfasst und kam ihm zuvor: »Eine wunderbare Alabasterschale ist das«, sagte er und beugte sich über das milchig weiße Objekt auf dem Tisch. »Aus der Zeit des Pharaos Ramses I., wenn ich mich nicht irre?«

Patrick hob nur scheinbar beiläufig die Augenbrauen und lehnte sich mit seiner Zigarette zurück. Das Gespräch wäre verdammt schnell zu Ende gewesen, vermutete er, wenn er da hineingeascht hätte.

»Das stimmt.« Dr. Aziz nickte. »Ich bin informiert worden, dass Sie am Völkerkundemuseum in Hamburg arbeiten, Professor Lavell. Verfügt man dort über eine ägyptische Abteilung und über ägyptische Schätze?« Er lächelte dünn.

Es war eine nur schlecht kaschierte Fangfrage, aber Peter wich ihr aus. »Ich habe vor einiger Zeit eine Ausstellung zum Thema »Fünftausend Jahre Schrift‹ betreut, und Ägypten spielte dabei eine zentrale Rolle.«

»Ich verstehe. Nun, Sie haben um einen Besuch gebeten, und Mister Guardners Bitte kann ich nicht abschlagen. Leider bin ich sehr beschäftigt. Worum geht es also?«

Peter studierte sein Gegenüber. Der Ägypter verschwendete keine Zeit mit Höflichkeiten. Sie wollten etwas von ihm, aber sie hatten ihm nichts zu bieten, und der Mann wusste das. Seine Gestik und Mimik strahlte Selbstgefälligkeit aus. Dies waren sein Land und sein Herrschaftsgebiet. Sein Englisch war ausgezeichnet, wenn auch von einem starken Akzent durchsetzt. Es war naiv gewesen zu glauben, dass sie ihn mit einer arabisch sprechenden jungen Frau beeindrucken könnten. Peter bezweifelte auch, dass sie mit Referenzen oder Schmeicheleien viel erreichen würden. Stattdessen mochte aber Dr. Aziz' Stolz seine Schwäche sein, überlegte er.

Peter spielte die schwächste Karte zuerst aus.

»Ich möchte Ihnen Melissa Joyce vorstellen«, sagte er. »Sie lebt hier in Kairo und arbeitet als Tourguide am Ägyptischen Museum.«

»Assalamu aleikum!«, grüßte sie.

»Wa aleikum assalamu«, gab er zurück. Er schien nicht beeindruckt zu sein. Peter bemerkte allerdings, dass der Blick des Ägypters auf Melissas Dekollete lag, und fragte sich, ob ihre zur Schau getragenen Reize bei aller Eleganz überhaupt vorteilhaft für das Gespräch mit dem sicher muslimischen Mann waren. Er konnte nur hoffen, dass Melissa, die sich mit den Gepflogenheiten im Land auskannte, dies bedacht hatte.

»Sie hat uns viel über die Arbeit des SCA erzählt«, fuhr Peter fort. »Wir waren schockiert zu erfahren, wie viele wertvolle Kulturgüter in den letzten Jahrhunderten außer Landes geschafft wurden. Miss Joyce berichtete von Ihrer Arbeit und Ihren Bestrebungen und Erfolgen, dies einzudämmen.«

Dr. Aziz nickte nur.

»Mein Kollege, Patrick Nevreux, und ich möchten Ihnen unseren Respekt aussprechen, denn auch wir sind bestrebt, kommerzielle Ausbeutung dieser Art zu unterbinden. Stattdessen möchten wir durch behutsame Untersuchungen und Fragestellungen ein tieferes Verständnis für unsere Kulturen und unsere Herkunft erreichen. Wir sind zu der Ansicht gelangt, dass die Wiege unserer modernen westlichen Kulturen hier in Ägypten lag und dass ganz besonders in der Vergangenheit dieses Landes die Quelle des Wissens und unserer Entwicklung zu finden ist.«

Der Leiter der Altertümerverwaltung hörte Peter ohne merkliche Gefühlsregung zu und zog es vor, nichts zu erwidern, so dass eine unterkühlte Pause entstand.

Patrick, der bisher seinen Blick durch das Wohnzimmer hatte schweifen lassen, schüttelte innerlich den Kopf. Leute wie Dr. Aziz hatte er bereits zur Genüge kennengelernt. Er hatte mehr als einmal Verhandlungen geführt, in denen er als Bittsteller aufgetreten war, wenn er Fördergelder oder Genehmigungen benötigt hatte. Eine Verhandlung, in der das Gegenüber merkte, dass man etwas von ihm wollte, hatte man in der Regel schon verloren, bevor sie begann. Und es gab einen Typ Mensch, der das sofort erfasste und sich in diesem Augenblick verschloss, um seinen Vorteil größtmöglich auszuspielen. Was hier wie Arroganz anmutete, war schlichtes Kalkül. Es gab wenig Möglichkeiten, in so einer Situation etwas zu erreichen, wenn man sich nicht gönnerhaft behandeln lassen und eine übergroße Menge an Zugeständnissen machen wollte. Patrick hatte seine Ziele meistens durch Charme oder Dreistigkeit – und ohne Kompromisse – erreicht, oder er war abgeblitzt und hatte dann sein Glück woanders versucht. Leider gab es hier und heute keine Alternative, und so hatten sie beschlossen, dass nicht Patrick dieses Gespräch führen sollte, sondern Peter, der den Ägypter hoffentlich durch sein Fachwissen überzeugen konnte. Bisher schienen sie aber keinen Fuß auf den Boden zu bekommen.

»Dr. Aziz«, fuhr Peter nun fort, »wir scheinen auf der Spur einer außergewöhnlichen Entdeckung zu sein. Wir glauben, nachweisen zu können, dass Ihre Vorfahren über ein weit größeres Wissen verfügten als gemeinhin angenommen.«

»Es ist keine neue Erkenntnis, dass die ägyptische Kultur die damals am weitesten fortgeschrittene war«, sagte Dr. Aziz. »Worauf möchten Sie hinaus?«

»Es geht um die sagenhafte Tabula Smaragdina, eine Tafel, die der Tradition zufolge die Weisheit der Welt und die Geheimnisse des Lebens enthielt. Vielleicht haben Sie davon gehört.«

Der Ägypter nickte.

»Wir haben herausgefunden, dass sich die Geschichten über die sagenhafte Tafel auf eine ägyptische Stele zurückführen lassen, die im Mittelalter in den Besitz eines Ritterordens gelangte und dann im 16. Jahrhundert verloren ging. Diese ägyptische Stele stammte aus der Regierungszeit Pharao Echnatons und berichtet von einer tatsächlichen Quelle des Wissens, einem Pyramidion. Unsere Recherchen haben ergeben, dass ein solches Pyramidion tatsächlich 1926 gefunden wurde. In Sakkara. Wussten Sie das?«

Dr. Aziz atmete tief ein. »Anfang des letzten Jahrhunderts wurde ganz Sakkara umgegraben. Überall im Land wurde gegraben. Wie eine Rattenplage fielen die Ausländer über uns her. Was soll ich dazu sagen? Hunderttausend Objekte sind gefunden worden, und nicht einmal die Hälfte davon ist im Land geblieben.«

»Das Pyramidion, um das es geht, wurde von Cecil Firth entdeckt, nach Kairo transportiert und dann von der SCA beschlagnahmt. Wir würden gerne herausfinden, was es mit dem Objekt auf sich hat.«

»Sicherlich befindet es sich heute in einem Museum«, sagte Dr. Aziz.

»Es gibt leider keine Unterlagen dazu«, meldete sich nun Melissa zu Wort. »Auch im Archiv des Museums hat das Pyramidion keine Spuren hinterlassen.«

Der Ägypter verengte die Augen und neigte den Kopf. »Und wie können Sie so sicher sein, dass es überhaupt existiert hat? Sogar beschlagnahmt wurde?«

»Wir hatten gehofft«, lenkte Peter ein, »dass Sie uns helfen könnten.«

»Wie das?«

»Vielleicht können Sie in den Dokumenten Ihrer Behörde überprüfen, was in jenem Jahr, vorgefallen ist und wo sich das Pyramidion heute befindet.«

Dr. Aziz schloss die Augen, als müsse er zunächst seine Gedanken ordnen. Dann sagte er: »Meine Herren, ich will Ihnen mal etwas erklären. Allein in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts waren in den Wintermonaten jedes Jahr über fünfzig Ausgrabungsteams hier im Land tätig. Jede dieser Kampagnen erzeugte Dokumente und Schriftstücke; Anfragen und Genehmigungen für jeden ihrer zwischen zehn und einhundert Teilnehmer, Protokolle für jeden der dreißig bis hundert Tage, Spezifikationen für jedes Objekt, das aus dem Sand gehoben wurde, Bestellungen und Rechnungen für jedes Kamel und jeden Liter Wasser, der aus Kairo herbeigeschafft wurde, von Briefen, ausführlichen Berichten, Fotografien und Zeichnungen ganz zu schweigen. Mit der vollständigen Dokumentation von zehn Jahren ließe sich dieser ganze Raum hier füllen.« Dr. Aziz machte eine umfassende Bewegung mit dem Arm. »Und in den dreißiger Jahren war es dasselbe, bis der Krieg ausbrach. Dann die vierziger Jahre, zwar nur zur Hälfte, ab Kriegsende, aber dafür umso eifriger. Wieder ein ganzer Raum voll. Und so weiter! Heute haben wir Computer und das Internet und viel mehr Mitarbeiter, und trotzdem kommen wir kaum hinterher, alle Daten zu protokollieren, die jeden Tag anfallen. Alles, was älter ist, muss dort verbleiben, wo es ist, in einem so großen Archiv, wie Sie es sich nicht vorstellen können!« Der Ägypter schüttelte den Kopf mit einem süffisanten Lächeln. »Wir können nicht einfach ein Pyramidion suchen, weil Sie eine lustige Vermutung haben. Wo sollten wir anfangen? Mit den einhundertfünfzig Ordnern des Jahres 1926? Oder vielleicht wurde das Objekt im darauffolgenden Jahr irgendwo anders hingebracht? Dann suchen wir also in den einhundertfünfzig Ordnern von 1927?! Meine Herren, es ist vollkommen ausgeschlossen, dass wir das Archiv nach irgendwelchen diffusen Spuren durchsuchen. Dafür haben weder Sie das Geld, noch hat meine Behörde dafür die Zeit.«

Das Letzte war der eigentlich ausschlaggebende Punkt, das wusste Peter. Egal, ob es nun tausend Ordner pro Jahr oder nur zehn waren, und egal, wie viel sie zu zahlen bereit wären: Dr. Aziz hatte offensichtlich nicht vor, sie zu unterstützen.

»Und ich will ehrlich mit Ihnen sein, Professor Lavell«, fuhr Dr. Aziz fort und schien Peters Gedanken aufzugreifen: »Selbst wenn Sie alles Geld der Welt hätten, wenn Sie bereit wären, mir hundert Mitarbeiter zu bezahlen, die nichts anderes tun, als in meinen Dokumenten nach Ihrem Pyramidion zu suchen, müssten Sie sich doch folgende Frage stellen: Wenn die SCA entschieden hat, das Objekt zu beschlagnahmen und der Öffentlichkeit zu entziehen, weshalb sollte ich es dann heute preisgeben? Noch dazu einem Engländer?« Er hob beschwichtigend die Hand. »Nichts gegen Sie persönlich, Professor Lavell, Sie können ja nichts dafür, dass Sie Engländer sind.«

Ein Moment eisiger Stille trat ein, während Peter um seine Fassung rang. Aber einer derartigen Impertinenz hatte er einfach nichts entgegenzusetzen. Es war Patrick, das schließlich das Wort ergriff.

»Das ist schon in Ordnung, denke ich. Sie können ja schließlich auch nichts dafür, dass Sie Ägypter sind.«

»Was soll das heißen?!«, gab Dr. Aziz zurück.

»Na, Sie führen sich auf wie ein König, und dabei haben Sie selbst doch überhaupt nichts mit der einstigen Größe des Landes zu tun.«

Dr. Aziz erhob sich von seinem Sessel. »Das reicht! Solche Unverschämtheiten muss ich mir in meinem Haus nicht bieten lassen!«

»Ah, Sie weichen aus!« Patrick blieb sitzen. »Weil das Ihr wunder Punkt ist, nicht wahr? Weil Sie ganz genau wissen, dass Sie in Ihrem Leben nichts erreichen werden, das den Leistungen der Pharaonen jemals gleichkommen wird. Und mehr noch: weil Sie wissen, dass sie nichts weiter als bloße Nachahmer waren.«

»Was reden Sie für ein dummes Zeug!«

»Sie wissen ganz genau, dass die Sphinx schon lange stand, bevor es die ersten Pharaonen gab. Und Sie wissen auch, dass dieses alte Bauernvolk hier im Land niemals das Wissen und die notwendige Technik gehabt hätte, um die Pyramiden zu bauen, wenn man ihm nicht geholfen hätte.« Patrick setzte einen herablassenden Gesichtsausdruck auf, um den Ägypter in Rage zu bringen. »Sie sonnen sich hier im Licht einer Kultur, mit der Sie nach fünftausend Jahren nicht mehr zu tun haben als ich oder Professor Lavell. Und dieses Volk war nicht einmal selbst kreativ genug.«

Auf Dr. Aziz' Stirn bildete sich eine Zornesfalte. »Sie haben ja überhaupt keine Ahnung!«, fauchte er Patrick an. »Nicht nur, dass Sie mich in meinem Haus beleidigen, Sie sind auch ein vollkommen ahnungsloser Narr. Nur, weil Sie irgendein Esoterikmagazin gelesen haben, denken Sie, Sie können mir etwas über meine Geschichte erzählen?« Der Mann begann, wild zu gestikulieren. »Ägypten war groß, lange bevor es Griechen und Römer gab, die Völker, von denen ihr Europäer alles gelernt habt! Und es waren die Lehren und Weisheiten Ägyptens, die die Griechen groß gemacht hatten. Natürlich haben wir die Pyramiden erfunden! Und die Sphinx und die Tempelanlagen und die Schrift, die Astronomie, die ganze Kultur! Niemand anderes als Thot war der Urvater dieses Landes, und er hat die Weisen unterrichtet, war der Begründer allen Wissens von Imhotep bis Echnaton, über die Jahrtausende hinweg, bis sie nur noch als Schatten in den gesammelten Schriften der Bibliothek Alexandrias zu finden waren. Ein Pyramidion suchen Sie also? Eine Quelle der Macht und des Wissens? Wer, wenn nicht wir, soll das denn gebaut haben? Natürlich haben wir es gebaut, und näher als heute werden Sie ihm niemals kommen.«

»Dr. Aziz, ich bitte Sie ... «, warf Melissa ein, doch der Mann unterbrach sie. Er hatte sich gerade in Rage geredet.

»Nein, jetzt hören Sie mir zu! Sie kommen von irgendwoher in mein Land, verdienen Ihr Geld, indem Sie Touristen von meinem Land erzählen, indem Sie Bücher über mein Land verkaufen oder nach Schätzen in meinem Land suchen. Und Sie mehren nur Ihren eigenen Ruhm, aber nicht den Ruhm meines Landes! Die Welt muss und wird erfahren, wo die Wiege aller Kulturen stand. Thot wird wiederauferstehen und der ganzen Welt eine neue Kultur bringen. Und diese Geschichte werden wir Ägypter selbst erzählen und nicht Sie und all Ihre ausländischen Freunde mit Ihren Dollars und Euros und Pfund! Und jetzt« – er machte eine strenge Geste aus dem Raum hinaus – »muss ich Sie bitten zu gehen. Ich habe zu tun!«

Patrick, Peter und Melissa erhoben sich und gingen ohne weitere Worte zum Ausgang, gefolgt von Dr. Aziz. Peter blieb am Treppenabsatz stehen, drehte sich noch einmal um und reichte dem Ägypter die Hand: »Ich bedaure, dass wir uns nicht unter anderen Umständen begegnet sind. Ich kann Ihre Position sehr gut verstehen.«

Dr. Aziz zögerte einen Augenblick, dann ergriff er Peters Hand, schüttelte sie kurz und wortlos und schloss anschließend die Tür.

Auf der Rückfahrt durch die Garden City hingen die drei ihren Gedanken nach, aufgewühlt und irritiert von der erregten Ansprache und dem Rauswurf des Ägypters, als Ahmad den Wagen plötzlich mit quietschenden Reifen herumriss. Patrick wurde auf der Rückbank gegen Peter geschleudert, während Melissa auf dem Vordersitz schmerzhaft gegen ihren Gurt gepresst wurde.

Patrick wollte gerade zu einem lautstarken Fluch ansetzen, als Schüsse über die Straße hallten, gefolgt vom ohrenbetäubenden Knallen einschlagender Geschosse. Die Fensterscheiben auf der Beifahrerseite platzten augenblicklich in einem Mosaik kristallener Facetten, aber sie gaben nicht nach.

»Unten bleiben!«, rief Patrick, während der Fahrer hektisch versuchte, die Kontrolle über das schleudernde Fahrzeug wiederzuerlangen, und beständig weitere Kugeln in das Blech des Autos und in die Scheiben schlugen.

Gefangen in einem Sturm aus Bewegung und Lärm, wunderte sich Patrick, einen einzelnen, klaren Gedanken wie in Zeitlupe fassen zu können: War das ihr Schicksal? Würden sie auf offener Straße erschossen werden? Waren sie zufällige Opfer eines islamistischen Anschlags, oder hatten ihnen wieder dieselben Leute aufgelauert? Offensichtlich war das Auto gut gepanzert, aber mussten Attentäter das bei einem solchen Wagen nicht ahnen?

Sie fuhren nun wieder geradeaus, jagten allerdings mit voller Geschwindigkeit über ein Paar Bodenschwellen. Sie wurden nach oben geschleudert, und kurz darauf schrammte irgendeine Stelle des Wagens heftig knirschend über den Asphalt. Noch immer schlugen einzelne Projektile in das Heck des Fahrzeugs, aber sie gewannen weiter an Fahrt, und bald verklangen die Schüsse hinter ihnen.


»Wie konnte das passieren?!«

Oliver Guardner lief sichtlich erschüttert um den Mercedes herum. Ahmad, Peter, Patrick und Melissa standen neben dem Fahrzeug und betrachteten fassungslos die zahllosen Einschusslöcher, die eine ganze Flanke und das Heck buchstäblich durchsiebt hatten.

»Zwei Männer mit Maschinenpistolen kamen aus einem Hauseingang«, erklärte Ahmad mit brüchiger Stimme. »Ich wollte ausweichen, Sir, aber ... « Er hob die Schultern und murmelte etwas Unverständliches.

»Wir müssen die Polizei benachrichtigen«, sagte Peter, während er sich auf den steinernen Rand der Treppe setzte.

»Das ist unglaublich!«, murmelte Oliver Guardner, der noch immer den Wagen anstarrte. »Etwas Derartiges ist mir noch nicht untergekommen!«

»Die Polizei, Mister Guardner!«, wiederholte Peter.

Der Alte schreckte hoch. »Ja, sicher, Professor ... Das ist ... Das war nicht vorherzusehen ... Kommen Sie hinein. Wir brauchen jetzt alle einen Drink. Ich jedenfalls. Und dann sehen wir, was wir tun können. Ahmad, Sie bleiben beim Wagen.« Sie folgten ihm in den Salon. Oliver Guardner schenkte in drei Cognacschwenker ein und wandte sich fragend an Melissa.

»Ich nehme auch einen«, sagte sie.

»Fraglos haben Sie dieses Attentat denselben Leuten zu verdanken, die Sie schon mehrfach bedroht haben«, brachte der Alte schließlich hervor, nachdem er seinen ersten Schluck genommen hatte.

»In der Tat«, sagte Peter, »wir können uns denken, wer hierfür verantwortlich ist. Und daher sollten wir den Anschlag sofort den Behörden melden! Und ich ziehe es nun vor, das Projekt umgehend abzubrechen und nach Hause zu fliegen!«

»Ich kann Sie verstehen, Professor Lavell«, sagte Guardner. »Was für eine Tragödie ... « Er senkte den Blick und sank in sich zusammen. Er wirkte weniger aufgebracht oder schockiert als endlos niedergeschlagen. »Wissen Sie«, sagte er dann, »ich hatte mir sehr viel von Ihren Untersuchungen erhofft. Und Sie waren in so kurzer Zeit so weit gekommen! Und nun wird alles zunichte gemacht von ein paar übereifrigen Idealisten.«

»Mit Verlaub«, warf Peter ein, »das klingt ja fast so, als hätten Sie Verständnis dafür! Das sind keine Idealisten, das sind Terroristen. Und was Sie als übereifrig bezeichnen ist meiner Ansicht nach geisteskrank! Das sind kriminelle Elemente, die vor dem menschlichen Leben keinen Respekt haben. Ich fordere, dass der Vorfall sofort der Polizei gemeldet wird!«

»Also meinetwegen können wir es melden, Peter«, sagte Patrick. »Aber erreichen werden Sie damit nicht viel, vermute ich.«

»Nun, ich werde es doch nicht auf sich beruhen lassen!«

»Das wird aber alles sein, was passiert. Vor allem, wenn Sie jetzt davonlaufen möchten.«

»Nun, verzeihen Sie mir, dass ich kein Interesse habe, mir das nächste Mal eine Kugel in den Kopf schießen zu lassen!«

»Nun dramatisieren Sie doch nicht so, Peter.«

»Ich wüsste ehrlich nicht, wie man das, was da vorhin passiert ist, noch dramatisieren könnte!«

»Sie haben selbst gesagt, dass wir einer der bedeutendsten Entdeckungen auf der Spur sind. Und wir kommen dem Ziel immer näher. Es ist doch kein Wunder, dass man immer deutlicher versucht, uns fernzuhalten. Wie können Sie nun klein beigeben?«

»Weil ich nicht Ihre südländische Gelassenheit habe, deswegen. Man will uns umbringen, ist Ihnen das eigentlich klar?«

Patrick schloss die Augen, trank bedächtig einen Schluck und sah dann betont ruhig auf. »Man will uns nicht umbringen, Peter. Überlegen Sie doch mal: Die Leute wissen die ganze Zeit, was wir tun, sie folgen uns in die Archive des Museums, ja bis nach Rhodos, sie kommen sogar in dieses Haus und nageln Käfer an unsere Türen. Sie könnten uns jederzeit ausschalten. Unkompliziert und ohne großes Aufsehen. Aber darum geht es nicht. Sie wollen nur, dass wir aufgeben. Was bisher passiert ist, diente doch allein dem Zweck, uns einzuschüchtern, es war inszeniert. Aber niemals wirklich gefährlich.«

»Ach nein?!«

»Nein. Die Schlange zum Beispiel. Im Museumsshop habe ich mir einen Bildband über Ägypten angesehen. Dort war eine solche Schlange abgebildet. Es war eine Diademnatter, sehr aggressiv und bissig, aber völlig ungiftig. Und dass man uns im Archiv eingesperrt hat, nun, Melissa hat mir erklärt, dass es stark frequentiert ist, mehrfach am Tag gehen die Mitarbeiter hinein und hinaus. Man hätte uns schnell gefunden, und es hätte Ärger gegeben. Mehr aber nicht. Und nun die Schüsse: Jeder, der sich ein bisschen auskennt, sieht, dass der Wagen gepanzert ist und normale Geschosse ihm nichts anhaben können. Hätte man uns schaden wollen, hätte man entweder andere Munition verwendet oder wenigstens die Reifen zerschossen. So aber ist außer dem Sachschaden nichts passiert.«

»Sie scheint das ja nicht sonderlich zu bekümmern, Patrick.«

»Aber es ist doch ganz offensichtlich! Und Sie reagieren genau so, wie es geplant ist. Dabei sind wir der Lösung näher als jemals zuvor!«

»Sind wir das?«

»Aber natürlich. Wir haben das Pyramidion gefunden.«

Nun nahm Peter einen Schluck und ließ sich dann tief in das Lederpolster sinken. »Jetzt bin ich ehrlich gespannt, Patrick.«

»Dr. Aziz hat es selbst zugegeben, nachdem er sich so wunderbar aufgeregt hat. Nur deswegen hatte ich ihn provoziert. Es war die einzige Chance, denn dieser Typ war so verbohrt, dass Sie weder mit Engelszungen noch mit einem Schweizer Nummernkonto etwas aus ihm herausbekommen hätten. Aber nun hat er von ganz allein die Verbindung von Echnaton zu Imhotep und dem legendären Gott Thot hergestellt – obwohl wir davon gar nichts erwähnt hatten! Und er hat auch zugegeben, das Pyramidion zu kennen, dass die Ägypter es erbaut hätten und dass wir ihm nie näher kommen würden als heute. Das kann nur eins bedeuten: Das Pyramidion wurde nicht nur vom SCA beschlagnahmt, sondern es befindet sich noch heute in seiner Obhut, genau genommen in seinem Haus!«

Peter antwortete nicht sofort, sondern ließ die Worte in seinem Kopf nachklingen. Es stimmte natürlich. Der Ägypter hatte das alles gesagt, und die Schlüsse, die Patrick zog, waren logisch. In Anbetracht der Situation fiel es ihm nur deutlich schwerer als damals in Frankreich, den Überblick zu bewahren. Doch glücklicherweise war es diesmal Patrick, der sich nach dem anfänglichen Schreck nicht beeindrucken ließ.

»Also gut«, sagte Peter schließlich, »nehmen wir einmal an, Sie hätten recht. Und ignorieren wir einfach Schlangen und Maschinengewehre. Was sollten wir dann Ihrer Meinung nach tun?«

»Ja, Monsieur Nevreux«, sagte der Alte, den Patricks Ausführung neu belebt zu haben schienen.

Der Franzose beugte sich nach vorn. »Wir brauchen nur ein paar Dinge. Dietriche, Draht, eine kleine Zange, Schraubendreher und Taschenlampen. Und einen Abend, an dem Dr. Aziz garantiert nicht zu Hause ist.

»Du lieber Himmel, Patrick«, entfuhr es Peter. »Sie können da doch nicht einfach einbrechen!«

»Klar kann ich das. Es sei denn natürlich, Sie haben eine bessere Idee.«

»Morgen ist eine Abendveranstaltung der Rotarier«, überlegte Guardner laut. »Dr. Aziz verpasst solche Gelegenheiten nicht.«

»Sie unterstützen dieses Vorgehen?!« Peter hob die Augenbrauen.

»Natürlich nicht!«, antwortete der Alte mit einem verschmitzten Lächeln. »Aber Monsieur Nevreux macht nicht den Eindruck, als ließe er sich von mir Vorschriften machen. Darüber hinaus vertraue ich darauf, dass bei allem, was Sie tun, niemand und nichts zu Schaden kommt.«

»Es geht um ein höheres Ziel, Peter«, erklärte Patrick. »Wir wollen niemanden verletzen oder bestehlen. Wir sind es auch nicht, die mit scharfer Munition schießen. Es geht nur darum, Informationen zu bekommen, die man uns vorenthalten will! Er wird nicht einmal bemerken, dass wir da waren.«

»Aber deswegen können wir nicht einfach das Gesetz brechen!«

»Sie müssen ja nicht mitkommen.«

Peter schüttelte den Kopf. »Ich glaube das einfach nicht ... Und außerdem: Wenn man uns offenbar überwacht, wie sollen wir dann unbehelligt irgendwo einbrechen? Man wird uns auf frischer Tat ertappen, und dann braucht man keine Waffen mehr, um uns aufzuhalten. Ein anonymer Anruf bei der Polizei genügt!«

Patrick nickte. »Ja, das ist wahr. Aber eine andere Chance haben wir nicht. Wir müssen uns auf unser Glück verlassen, besonders vorsichtig sein und im Falle eines Falles hoffen, dass Mister Guardner uns bei den Behörden herausschlagen kann.«

»Ihre Zuversicht möchte ich haben! Sie machen mich wirklich fertig!«, stöhnte Peter. »Wo bin ich hier nur hineingeraten ... «


Patrick und Melissa gingen durch den Garten, während Oliver Guardner sich mit dem Fahrer über den zerstörten Wagen und Versicherungsfragen unterhielt und Peter sich in das Arbeitszimmer zurückgezogen hatte. Der Abend war noch angenehm warm, und der Garten wurde durch vereinzelte Inseln indirekten Lichts erhellt.

»Ich möchte dich auf keinen Fall da mit reinziehen«, sagte Patrick. »Ich werde alleine gehen. Vielleicht kommt Peter noch mit. So, wie ich ihn einschätze, wird er sich nicht zurückhalten können. Aber du musst dich fernhalten.«

Melissa nickte. »Ich weiß, dass es gefährlich ist, aber wenn ihr das Pyramidion findet, will ich unbedingt dabei sein!«

»Das kann ich ja verstehen, aber je mehr Leute wir sind, umso größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass wir auffallen. Das kann ich nicht zulassen.«

»Ach, nun komm schon!«

»Nein, tut mir leid, wirklich nicht.«

Eine Weile schlenderten sie schweigend nebeneinander her.

»Du hast recht«, sagte sie schließlich. »Es ist zu wichtig, wir dürfen es nicht in Gefahr bringen.«

Patrick nickte.

»Weißt du«, sagte sie dann, »ich muss mich bei dir bedanken.«

»Wofür?«

Melissa hakte sich bei dem Franzosen ein. »Durch dich habe ich in den letzten Tagen viel nachgedacht. Was du mir erzählt hast, hat einiges in mir bewegt. Es waren nur ein paar Sätze von dir, aber es lag eine besondere Kraft in ihnen. Jedenfalls haben sie mich wieder auf den Weg geführt. Ich sehe jetzt klarer, was meine Aufgabe ist, schon immer war ... Ich weiß, das klingt jetzt bestimmt verworren und blöd ... «

»Nein«, sagte Patrick, »das tut es nicht. Ich kenne solche Augenblicke, wenn einem plötzlich Dinge bewusst werden, man sieht sich selbst und seinen Platz in der Welt ... «

»Ja! Genau! Es ist, als ob man sich umsieht und erkennt, wie alles zusammengehört, wie man selbst ein Teil des Ganzen ist und welche Möglichkeiten man hat, Dinge zu ändern.«

»Und was genau ist dir dabei klargeworden?«

»Es ist schwer, das in Worte zu fassen, es ist eher ein Gefühl, ein Verständnis für Zusammenhänge, für Ursachen und Wirkungen. Eine tiefe Zuneigung für die Welt aus einer höheren Einsicht heraus, aber ohne überheblich oder herablassend zu sein ... Ergibt das einen Sinn, was ich sage?«

»Ja«, Patrick lachte, »sehr sogar! Du hast ja sicher gemerkt, dass ich kein Mann blumiger Worte bin, und besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können. Ich verstehe absolut, was du meinst! Ähnlich geht es mir auch ... nicht immer, nicht so umfassend vielleicht, aber es gibt solche Lichtblitze, sozusagen. Ich kann nicht immer etwas damit anfangen oder sie festhalten. Aber so ähnliche Augenblicke kenne ich. Eigentlich, seit ich damals in der merkwürdigen Höhle war.«

»Wie es aussieht, brauchen wir manchmal etwas oder jemanden, der einen Stein in uns ins Rollen bringt, hm?«

»Tja, das sieht wohl so aus. Wie ich das bei dir bewirken konnte, ist mir zwar nicht klar, aber es freut mich! Was ist mit dieser Sekte?«

»Ich habe Mitleid. Es ist der naive Versuch, die Welt von unten, aus der Sicht des Individuums zu verstehen, aber es fehlt vollkommen am Verständnis für Dinge, die größer sind als der Einzelne, dafür, dass wir immerwährende Teile eines Ganzen sind. Es fehlen Liebe, Mitgefühl und Menschlichkeit. Und nur damit das auch einmal ausdrücklich gesagt ist: Ich habe nie bei irgendwelchen merkwürdigen Sexpraktiken mitgemacht! Im Grunde habe ich mich überhaupt nirgendwo beteiligt, sondern nur gelauscht. Aus diesem Grund wollten sie mich ohnehin schon rauswerfen. Aber heute Morgen habe ich per E-Mail meinen Austritt erklärt und meinen Anhänger zusammen mit den anderen Sachen in einem Paket zurückgeschickt.«

»Wenn dich etwas gepackt hat, dann mit Haut und Haaren, hm?« Patrick schmunzelte und legte einen Arm um ihre Hüfte. »Aber pass auf, dass du diese Begeisterung nur für das Richtige einsetzt!«

»Oui, Monsieur«, sagte sie und lachte. Dann küsste sie ihn auf die Wange und sah ihm einen Moment lang in die Augen. »Eines musst du mir noch erzählen.«

»Ja?«

»Als ich dich gestern fragte, ob du mich liebst, da war etwas ... Es gibt bereits eine Frau in deinem Leben. Nicht wahr?«

Patrick zögerte. Nicht, weil er ihr etwas verschweigen wollte, sondern weil er tatsächlich nicht wusste, was er darauf antworten sollte.

»Ich glaube, das könnte man so sagen«, gab er schließlich zu. »Es gibt eine Frau ... Aber sie ist nicht in meinem Leben. Oder, na ja, eigentlich schon, in gewisser Weise.«

»Nun ... ?« Melissa sah ihn lächelnd an und wartete darauf, dass er die richtigen Worte fand.

»Sie heißt Stefanie. Oder hieß. Ich lernte sie in Frankreich kennen, und dort ist sie auch gestorben.«

Melissa schwieg erschrocken.

»Sie war eine außergewöhnliche Frau«, fuhr Patrick fort. »Ich kann es nicht beschreiben, irgendwie erhaben, fast nicht von dieser Welt. Es ging eine weise Ausstrahlung, ein verstecktes Wissen, eine verborgene Kraft von ihr aus. Ich kann es nicht anders erklären, sie hielt sich immer im Hintergrund, aber sie war auf eine unerklärliche Weise größer als wir alle. Wenn ich sie ansah, ergriff mich fast eine Art ›Ehrfurcht‹, auch wenn das jetzt echt komisch klingt.«

»Es klingt nach Liebe«, sagte Melissa halblaut.

»Ja ... und irgendwie auch nein. Einerseits war da ein Gefühl intensivster Zuneigung, mehr, als ich es jemals gespürt habe, auch eine irrsinnige körperliche Erregung, aber gleichzeitig schien sie mir unantastbar.«

»Das ist ... fantastisch!«

»Ja, das war es ... Und leider starb sie ... Seitdem trage ich sie in mir. Ich träume sogar von ihr, und immer wieder meine ich, sie zu sehen.«

Melissa nickte. »Dann verstehe ich umso mehr, wie du zu mir stehst, und warum es nicht anders sein kann«, sagte sie und lächelte. »Es ist ein wunderschöner Gedanke, eine solche Liebe immer bei sich zu haben. Ich wünsche dir, dass du eines Tages auch eine leibliche Stefanie findest oder wiederfindest.«

»Wenn ich sie gefunden habe, werde ich es wissen.« Er sah Melissa in ihre herzlich strahlenden grünen Augen und strich mit einer Hand über ihre Wange. »Danke.«

»Ich habe zu danken, Patrick!« Sie küsste ihn abermals auf die Wange, und dann gingen sie zurück zum Haus.


Es war kurz vor elf, als Melissa ihren Wagen abstellte. Sie musste ein Stück weit zu ihrem Haus gehen und dachte über den Abend nach.

Es war erstaunlich, welch kleine Dinge es waren, die bisweilen Großes in Bewegung setzten. Als sie Patrick in Hamburg das erste Mal gesehen hatte, hätte sie niemals erwartet, dass der Franzose ihr je mehr bedeuten würde. Und doch waren ihre Gespräche in den letzten Tagen von einer besonderen Tiefe gewesen, so dass sie sich auf eine ganz spezielle Weise nähergekommen waren. Dabei hatten sie eine gemeinsame Schwingung entdeckt, und festgestellt, dass sie beide auf ihre Art einem Weg folgten, an dessen Kreuzung sie einander erkannten.

Melissa dachte über die Sekte nach, der sie einige Zeit angehört hatte, und vergegenwärtigte sich, was sie dazu bewogen hatte, ihr beizutreten. Ja, es war Neugier gewesen, aber geblieben war sie schließlich aus einem Gefühl der Überheblichkeit. Es war unwürdig, überlegte sie. Sie hatte es sich bequem gemacht, hatte sich weder darum bemüht, die Welt zu verbessern, noch die einzig andere Konsequenz gezogen und sich von diesen Leuten distanziert.

Aber nun hatte sie ihr Leben und ihre Suche wieder selbst in die Hand genommen. Sie wusste noch nicht, wohin sie die Reise führen würde, aber Kraft und Tatendrang durchfluteten sie, und es würden ihr Weg und ihr Ziel sein.

Sie betrat ihre Wohnung, zog die Schuhe im Flur aus und trat durch den Vorhang in ihr Wohnzimmer, wo sie das Licht anschaltete.

Sie schrak zusammen, als sie die Gestalt sah, die sich in diesem Augenblick von den Kissen auf dem Boden erhob. In seine dunkle Kapuzenrobe gehüllt, kam Frater Apophis auf sie zu.

»Was tun Sie hier?!«, rief Melissa. »Sie haben in meinem Haus nichts zu suchen!«

»Du hast uns verraten, Schwester Lilith.«

»Was habe ich?!«

»Du hast dich in unsere Reihen gefügt und uns ausgenutzt. Du schuldest uns etwas. Findest du nicht?«

»Ich wüsste nicht, was ich Ihnen zu schulden hätte! Verlassen Sie mein Haus!«

Zwei weitere Vermummte tauchten aus dem Flur auf, der zum Schlafzimmer führte. Frater Apophis schüttelte den Kopf. »Melissa, mein Kind, so einfach ist es nicht. Wir werden gehen, ja. Aber du wirst uns begleiten.« Auf einen Wink hin ergriffen die beiden anderen Männer die junge Frau an den Armen. Melissa blieb starr. Sie wusste, dass sie sich gegen die Übermacht nicht zur Wehr setzen könnte. Wut kochte in ihr hoch.

»Was fällt Ihnen ein?! Halten Sie sich für einen Gott? Oder sind Sie ein perverser Krimineller?«

Frater Apophis trat so dicht an Melissa heran, dass sie von seinem Speichel getroffen wurde, als er sprach: »Du solltest dich zusammenreißen, meine Liebe. Wir fahren jetzt ein Stück spazieren, und auf dem Weg kannst du darüber nachdenken, was du falsch gemacht hast.«

»Ich bereue nichts!«

»Das glaube ich dir gern. Du solltest von nun an darauf achten, dass das auch so bleibt.« Dann wandte er sich an seine Männer. »Los, wir gehen!«

Widerwillig ließ sich Melissa zu einem Auto führen. Sie hatte die kriminelle Energie dieser Leute unterschätzt. Und während sie ihre Selbstsicherheit verfluchte, malte sie sich aus, was die Männer mit ihr vorhatten. Zum ersten Mal kroch Angst durch ihre Adern, und sie klammerte sich an die schwindende Hoffnung, an Körper und Geist unversehrt aus der Sache herauszukommen.

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