Kapitel 9


12. Februar 1941, im Anflug auf Tripolis, Libyen


Wolfgang Morgen beugte sich nach vorn und sah aus dem Fenster der Maschine hinaus auf die Küste von Tripolitanien. Er hatte keine genaue Vorstellung davon, was ihn erwartete, nur, dass es nicht einfach werden würde.

Erst vor wenigen Tagen war er in Berlin gewesen und hatte dort eine Unterredung mit Goebbels gehabt.

»Morgen, sehen Sie sich das an«, hatte ihn der Mann mit stakkatoartigem Tonfall angewiesen. Auf Goebbels' Schreibtisch lag eine großformatige Karte des Mittelmeerraums. Er deutete auf Ägypten. »Dort wollen Sie hin?«

»So ist es. Die Hinweise auf der Stele d ... «

Goebbels unterbrach ihn. »Ihnen ist bewusst, dass wir im Krieg sind, Morgen.«

»Ja, natürlich, Herr Reichsminister.«

»Ganz Ägypten ist unter englischer Knechtschaft. Unter jedem Stein und hinter jeder Düne werden Sie einen Engländer finden. Und Sie möchten dort hin.«

»Nun, es ist so ... Im Moment haben wir den Vorteil, dass wir wissen, wo wir suchen können. Wir sollten das so schnell wie möglich ausnutzen, bevor man uns zuvorkommt.«

»Ich bewundere Ihre Hartnäckigkeit, Morgen. Aber es ist selbstmörderisch, jetzt eine Expedition nach Ägypten zu schicken. Das sollte Ihnen klar sein.«

Morgen schwieg.

»Aber ich kann Ihr Interesse für das Artefakt nachvollziehen«, fuhr Goebbels fort. »Wenn es stimmt, was Sie herausgefunden haben, und Ihre Kompetenz auf diesem Gebiet steht nicht zur Debatte, besteht die Möglichkeit einer hochinteressanten Entdeckung. Ich habe mir also Gedanken darüber gemacht, wie Sie Ihr Unternehmen durchführen können. Ich warne Sie allerdings. Ich lege das Leben von tapferen Soldaten in Ihre Hände. Es ist eine große Herausforderung, und Sie haben die einmalige Chance zu beweisen, zu welchen Leistungen Sie im Dienste Ihres Vaterlandes fähig sind. Aber es bleibt eine einmalige Chance, Morgen. Und warum einmalig? Weil Sie, sollten Sie versagen, nicht lebendig nach Deutschland zurückkehren werden. Haben Sie das verstanden?«

»Ja, Herr Reichsminister!«

»Schön. Dann hören Sie jetzt zu ... «

Das Flugzeug hatte das Mittelmeer nun hinter sich gelassen. Morgen sah, wie unter ihm die graugelbe Wüstenlandschaft der Küste dahinglitt, während der Pilot eine Schleife flog.

Goebbels hatte die Situation in Libyen erläutert. Im Herbst letzten Jahres hatte Mussolini begonnen, von der italienischen Kolonie Libyen aus in Richtung Ägypten vorzustoßen. Das war eine Weile gutgegangen, aber seit Dezember befanden sich die italienischen Truppen wieder auf dem Rückzug, denn die Engländer trieben sie immer weiter zurück. Inzwischen war die Front der Engländer weit nach Libyen eingedrungen und stand bereits an der Ostgrenze der Provinz Tripolitanien. Der englische Generalleutnant Richard O'Connor hatte bereits über hundertdreißigtausend Italiener gefangen genommen, und es stand zu befürchten, dass er Mussolinis Truppen sogar noch bis nach Tripolis zurücktreiben würde. Daher hatte der Führer einen Sperrverband der Wehrmacht zur Unterstützung der Italiener nach Libyen geschickt.

Morgen hatte eine Sondervollmacht von Goebbels erhalten. Er sollte sich dem Sperrverband anschließen und sich bei sich bietender Gelegenheit mit einem kleinen Trupp Soldaten, den man ihm vor Ort zur Verfügung stellen würde, in den Süden des Landes absetzen. Das würde er noch heute mit dem designierten Kommandant des Sperrverbandes, Generalleutnant Erwin Rommel, besprechen, der nur wenige Plätze vor ihm in der Maschine saß und sich mit einem anderen Offizier unterhielt.

Morgen wollte von Tripolis aus nach Osten vorstoßen, weit unterhalb des Frontverlaufs in Libyen, und dann von Süden in Ägypten eindringen. Als Schweizer Forscher getarnt, würden sie dann versuchen, die Nekropole von Sakkara zu untersuchen.

Es war ein mehr als waghalsiges Kommando. Und mit einer Vielzahl unkalkulierbarer Risiken behaftet. Aber er hatte es sich selbst vorzuwerfen. Sich und seinem Ehrgeiz.

Als das Flugzeug mit einem Rumpeln auf der Landebahn aufsetzte, schüttelte Morgen den Gedanken ab. Er würde es schaffen, wie er bisher noch alles geschafft hatte, was er sich vorgenommen hatte.


8. Oktober 2006, Ägyptisches Museum, Kairo


Sie trafen sich in der Cafeteria des Museums.

»Guten Morgen, Patrick«, grüßte Peter seinen Kollegen. »Ich vermute, Sie hatten eine angenehme Nacht?«

»Man kann nicht behaupten, dass wir uns gelangweilt hätten. Und Sie?«

»Nun, ich habe den Abend mit Oliver Guardner, einer ägyptischen Wasserpfeife und äußerst ungewöhnlichem Erdbeertabak verbracht. Zwar habe ich nichts in Erfahrung bringen können, was uns weiterführen würde, aber Oliver Guardner beschwor mich noch einmal, die Untersuchung auf alle Fälle fortzuführen.« Peter setzte sich und stellte den Tee ab, den er sich geholt hatte. »Der Gedanke, dass wir uns von den Vorfällen beeinflussen lassen und das Projekt abbrechen würden, hat ihm offenbar arg zu schaffen gemacht. Er hat mir angeboten, das Entgelt zu verdoppeln.«

»Was Sie hoffentlich angenommen haben?«

»An Ihnen ist ein Krämer verloren gegangen, Patrick.«

»Denken Sie, ich hätte jemals Geld für meine Expeditionen bekommen, wenn es nicht so wäre?« Der Franzose grinste und trank von seinem Kaffee. »Ich hätte es ja nicht für möglich gehalten, aber das Land und die Leute beginnen, mir außerordentlich gut zu gefallen.«

»Was ganz und gar nichts mit Ihrer neuen Bekanntschaft zu tun hat, vermute ich?«

»Ich weiß gar nicht, was Sie meinen. Sie denken hoffentlich nicht, dass ich untätig war.«

»Untätig sicher nicht ... «

»Ich meinte im Sinne des Projekts.«

»Nun?«

»Ich habe einen guten Rat mitgebracht: Melissa meint ebenfalls, dass wir uns noch einmal mit dem Amerikaner, Jason Sowieso, unterhalten sollten. Er war in den letzten Tagen jeden Vormittag hier. Mit etwas Glück kommt er auch heute.«

»Wozu sollte das gut sein? Sie haben mir selbst erzählt, dass er ein Anhänger von UFO-Theorien und derlei Unfug ist. Wollen Sie sich wirklich immer noch mit ihm unterhalten?«

»Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher. Vielleicht bringt es wirklich nichts. Aber die Idee hat etwas für sich. Sie predigen doch auch immer, dass sich bestimmte Mysterien oder esoterische Ideen im Laufe von Jahrhunderten fortentwickeln und tatsächlich auf einem wahren Kern beruhen. Wenn wir Jason einfach mal erzählen lassen, quatscht er uns zwar mit allem möglichen Unsinn voll, aber vielleicht finden wir darin das ein oder andere Goldkorn. Schaden kann es sicher nicht, oder?«

Peter nickte bedächtig. »Nein, das wohl nicht. Das meiste wird man schon mal in irgendeiner pseudowissenschaftlichen Publikation gelesen haben, aber sicher, vielleicht ist ja etwas Interessantes dabei. Und mehr haben Sie nicht?«

»Erwarten Sie Wunder? Ich bin ja kein Großinquisitor. Außerdem ... Moment mal!«

Patrick sprang auf und lief durch die Cafeteria. Peter sah ihm überrascht nach. Der Franzose hatte jemanden gesehen. Aber gerade drängte eine Reisegruppe durch die Türen, und Patrick blieb unvermittelt stehen, als die Menschen ihm jede Möglichkeit nahmen, an ihnen vorbeizukommen.

»Verdammt noch mal!«, hörte er Patrick fluchen. Dann kam er zurück und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. »Es war Stefanie.«

»Patrick ... «

»Wenn ich es Ihnen sage! Sie war es. Und sie hat wieder etwas liegen lassen.« Er warf einen dünnen Reiseführer auf den Tisch.

Peter nahm das Taschenbuch und blätterte es an einer Stelle auf, aus der ein Lesezeichen ragte. Eine Textpassage war markiert. Er setzte seine Brille auf.

»Pläne, weitere Museen in Kairo und an den touristischen Zentren wie in Giseh und Memphis zu bauen, gibt es seit mehreren Jahren«, las Peter vor, »denn zehntausende Fundstücke sind im Archiv des Ägyptischen Museums in Kairo untergebracht und konnten aus reinem Platzmangel bisher nicht ausgestellt werden.«

Peter sah auf.

»Ein Hinweis!«, rief Patrick.

»Ein mit Fundstücken gefülltes Archiv, das wäre eine Suche wert«, stimmte Peter zu.

»Geben Sie zu, dass es kein Zufall sein kann!«

»So verführerisch dieser Gedanke für Sie sein mag, mein Freund, sollten Sie doch wirklich von Stefanie Abschied nehmen. Sie sind Realist genug, um zu wissen, dass sie auf keinen Fall überleben konnte.«

Patrick winkte ab. »Lassen wir das meine Sorge sein. Jedenfalls werde ich Melissa in einer ruhigen Minute fragen, ob sie uns in die Archive bringen kann.«

»Wenn man von Teufel spricht, da kommt sie gerade.« Peter deutete mit einem Kopfnicken zum Eingang der Cafeteria, wo Melissa in Begleitung des Amerikaners stand. Sie sah sich um, und als sie Peter und Patrick entdeckte, winkte sie und kam auf die beiden zu.

»Guten Morgen, Professor Lavell, Patrick. Ich habe Mister Miles eben gefunden und ihm gesagt, dass Sie sich gerne mit ihm unterhalten möchten. Ich hoffe, das war Ihnen recht?«

»Aber sicher, ja«, sagte Peter. »Guten Morgen, Mister Miles. Setzen Sie sich doch.«

Jason Miles nahm die Einladung dankend entgegen, während Melissa sich bereits wieder verabschiedete, um zu ihrer Reisegruppe zurückzukehren. Patrick sah ihr hinterher, hätte sie am liebten direkt auf das Archiv angesprochen, entschied sich dann aber, es später zu versuchen, wenn er mehr Zeit haben würde, sie zu überreden.

»Guten Morgen, meine Herren. Miss Joyce hat mir gesagt, dass Sie Fragen haben, ist das richtig?« Skeptisch schaute er Patrick an. »Sie habe ich doch neulich schon einmal gesehen.«

»Ja, das stimmt. Mein Name ist Patrick Nevreux. Mein Kollege, Professor Lavell, und ich interessieren uns für einige Mythen der ägyptischen Geschichte. Sie schienen ein paar Ansichten zu haben, die wir uns gerne noch einmal anhören wollten.«

»Das klang das letzte Mal aber deutlich anders!« Er wandte sich an Peter. »Sie sind ein echter Professor? Darf man fragen, was Ihr Fachgebiet ist?«

»Geschichte und Anthropologie. Ich arbeite am Museum für Völkerkunde in Hamburg, in Deutschland.«

»Oh, wie interessant! Aber Ihr Akzent ... Sie sind kein Deutscher, nicht wahr?«

»Ich bin Engländer.«

»Sehr schön! Wirklich! Erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Was kann ich für Sie tun? Sicher wissen Sie doch schon alles über Ägypten. Besonders als Professor für Geschichte.«

»Es geht uns weniger um die historischen Daten«, erklärte Patrick. »Vielmehr hatten wir gehofft, dass Sie uns ein wenig über die Rätsel der Pyramiden und die neuen Spekulationen erzählen können. Sie schienen sich auf dem Gebiet gut auszukennen.«

Jason lächelte. Es tat ihm sichtlich gut, Anerkennung zu bekommen. Aber er zögerte. »Vor ein paar Tagen wollten Sie davon nichts hören. Sind Sie wirklich ernsthaft interessiert? Oder wollen Sie sich über mich lustig machen?«

Peter hob abwehrend eine Hand. »Auf keinen Fall, Mister Miles. Vielleicht wirkte mein Kollege zunächst nur etwas ablehnend. Tatsächlich möchte ich gerne einige der Theorien und Legenden hören, die außerhalb der allgemeinen Beachtung durch die Wissenschaft liegen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass allzu viel einfach ignoriert wird, weil es sich nicht in die gängige Lehrmeinung fügt. Auf diese Weise gehen aber viele wertvolle Entdeckungen und Ideen verloren und werden mitunter erst viele Jahre später mühsam wiederentdeckt.«

»Da haben Sie vollkommen recht, Professor Lavell! Ich freue mich zu hören, dass Sie sich darüber Gedanken machen. Nun, was kann ich Ihnen erzählen?«

»Sie erwähnten, dass die Pyramiden viel älter seien, als gemeinhin angenommen«, schlug Patrick vor. »Vielleicht fangen Sie damit an?«

»Tja, es wird vermutet, dass die Pyramiden gar nicht von den Ägyptern gebaut worden sind. Sondern dass sie mehrere tausend Jahre älter sind, und dass sie schon standen, als die ersten Pharaonen auftauchten.«

»Was spricht denn Ihrer Auffassung nach für diese Theorie?«, fragte Peter.

»Im Zentrum steht die Frage, wie die Ägypter es überhaupt geschafft haben sollen, die Pyramiden zu bauen. Wenn Sie schon in Giseh gewesen sind, dann haben Sie mit eigenen Augen gesehen, wie groß so ein einzelner Block ist. Die Steine wiegen im Schnitt zweieinhalb, einige sogar bis zu fünfzehn Tonnen. Es hat noch niemand eine vollkommen plausible Erklärung dafür gefunden, wie diese Klötze transportiert und bis zur Spitze der Pyramide bewegt wurden. Und zwar nicht nur ein paar hundert oder tausend, sondern schätzungsweise über zwei Millionen Stück. Es müsste ein phänomenaler Aufwand betrieben worden sein – und zugleich gibt es keine einzige Urkunde der Ägypter, die wir kennen, in der der Bau der Pyramiden beschrieben wird. Das alleine sollte reichen, um einen stutzig werden zu lassen, finden Sie nicht? Aber es geht noch weiter. Die zentimetergenaue Präzision, mit der das gesamte Bauwerk errichtet wurde! Und man hat Bohrungen gefunden, wie sie nur mit modernen Diamantkernbohrern erzeugt werden können. Niemand kann erklären, wie man das zweitausend Jahre vor Christus fertiggebracht hat. In Abydos finden sich Hieroglyphen, die moderne Geräte zeigen, sogar ein Hubschrauber ist zu erkennen.« Jason sah die beiden an. »Ja, ich weiß, das alles sind für die moderne Wissenschaft keine Beweise. Aber Indizien sind es allemal. Hinweise darauf, dass die Ägypter über weit mehr Wissen verfügten, als wir heute ahnen. Oder aber – was viel wahrscheinlicher ist – über Technologie, die sie selbst nur geerbt hatten und nicht selbst erklären und fortführen konnten.«

»Sie meinen, es hat ein fortschrittliches Volk gegeben, aus dem die Ägypter hervorgegangen sind?«

»Nun, vielleicht nicht direkt hervorgegangen. Aber ich bin sicher, dass es so etwas wie eine intellektuelle Hinterlassenschaft gab. Bedenken Sie: Als die komplexe Hieroglyphenschrift irgendwann 3000 vor Christus aus dem Nichts auftauchte, war sie bereits mehr oder weniger voll entwickelt. Aber wo kam sie her, wer hat sie erfunden? In den sehr ausführlichen Legenden wird von der Gottheit Thot berichtet, dem Kulturbringer, der den Ägyptern die Sprache, das Wissen und die Schrift brachte. Klingt das nicht nach einer Art ›Übergabe‹ von Wissen? Und genauso war es wohl mit den Pyramiden. Sie standen bereits, als die Ägypter kamen. Oder aber, das Wissen der Götter – in welcher Form auch immer – half ihnen, sie zu bauen. Die allgemeine Vermutung ist, dass es der sagenumwobene Imhotep war, der im direkten Kontakt mit der Gottheit Thot die Idee und die Kenntnis zum Bau der Pyramiden erhielt. Manche Leute setzen Imhotep sogar mit Thot gleich.«

»Anders als Thot hat es Imhotep allerdings tatsächlich gegeben«, warf Peter ein.

»Soweit wir heute wissen, ja. Es gibt viele zeitgenössische Dokumente, die ihn ausdrücklich erwähnen und seine Existenz zu belegen scheinen. Aber man hat das Grab dieses berühmten ersten Gelehrten, des Priesters Imhotep, bis heute nicht gefunden. Dieser Mann, der unter Djoser den Bau der ersten Pyramide initiierte, dieser Mann, der so viele Ämter innehatte und über den so viel berichtet wird, dem so viel Weisheit, so viele Taten zugesprochen wurden, dass man ihn später selbst wie eine Gottheit verehrte, den die Griechen mit Hermes gleichsetzten – dieser Mann soll kein Grab gehabt haben? Meine Vermutung ist, dass es existiert, und wenn wir es eines Tages finden, werden das umwälzende Neuigkeiten sein. Wir werden Dinge erfahren und sehen, die wir uns nicht vorstellen können. Die Geschichte der Welt wird neu geschrieben werden müssen!«

»Sie scheinen sich da sehr sicher zu sein.«

»Absolut. Und nun denken Sie darüber nach: Warum halten wir Thot für weniger real? Weil er mythischer Urvater der Kultur ist? Nur, weil wir von ihm ebenfalls noch kein Grab gefunden haben? Vielleicht liegt es noch verborgen im Sand der Wüste. Aber vielleicht war Thot ja auch gar kein Ägypter. Vielleicht kam er aus dem fernen Osten. Oder aber – was ebenso wahrscheinlich ist – aus Amerika.«

Jetzt lachte Patrick auf. »Wie bitte? Das wird ja immer besser! Nur, weil Sie selbst Amerikaner sind und die Geschichte Ihres Landes kaum dreihundert Jahre alt ist und sich hauptsächlich um die wenig ruhmhafte Ausrottung sämtlicher einheimischer Indianerstämme verdient gemacht hat, suchen Sie irgendeinen prähistorischen Ausgleich?«

Jason hielt einen Augenblick die Luft an. Dann antwortete er, bemüht darum, ruhig zu bleiben: »Ich habe nichts mit der Vergangenheit meines Landes zu tun. Und Sie können mir kein schlechtes Gewissen einreden. Natürlich sind in der Vergangenheit Fehler gemacht worden, aber wo ist das nicht so? Wichtig ist, was wir daraus gemacht haben. Und welches andere Land ist heute noch eine Weltmacht außer Amerika?« Patrick setzte zu einer Antwort an, aber Jason sprach weiter. »Es hat nichts mit Wünschen oder Stolz zu tun. Es gibt Hinweise, die dafür sprechen.«

»Sie meinen Hinweise, die nahelegen, dass der oder die Begründer Ägyptens aus dem Westen, von jenseits des Atlantiks gekommen sind?«, fragte Peter.

»Es hat Verbindungen zwischen Ägypten und Amerika gegeben, das ist inzwischen fast sicher. Und diese Vermutungen sind ja auch nicht neu. Bestimmt haben Sie von dem Norweger Thor Heyerdahl und seiner Expedition Ra gehört. Ihm gelang es vor fast vierzig Jahren, mit einem Boot, das nach ägyptischen Vorlagen und ganz aus den in Ägypten verfügbaren Materialen erbaut war, quer über den Atlantik zu segeln.«

»Was noch lange nicht beweist, dass die Ägypter oder meinetwegen auch die Ur-Amerikaner genauso lebensmüde waren.« Patrick gähnte. »Haben Sie nicht ein paar aktuellere Storys auf Lager?«

»Sie wollten neulich schon nichts von mir hören«, erwiderte Jason gereizt. »Warum sitzen Sie dann jetzt hier, wenn es Sie nicht interessiert?«

»Weil es mich interessiert«, sagte Peter und gab seinem Kollegen mit einem Blick zu verstehen, dass er sich zusammenreißen solle. »Gibt es noch andere Hinweise auf eine Kultur vor den Ägyptern? Oder deren ungewöhnliches Wissen?«

»Es ist zu viel, als dass ich es jetzt alles aufführen könnte. Und aus dem Kopf belegen schon gar nicht. Ich bin schließlich kein Sachbuchautor. Aber zur Amerika-Verbindung lassen Sie mich nur kurz erwähnen, dass die mittelamerikanischen Pyramidenkulturen, die Olmeken, die Azteken und die Mayas natürlich in direkte Verbindung mit den Ägyptern gebracht werden. Die amerikanischen Überlieferungen dokumentierten bärtige Männer, lange vor der Zeit der Wikinger, von denen man inzwischen weiß, dass sie Nordamerika entdeckten. Es gibt bärtige Statuen und Reliefs, und das, obwohl die eingeborenen Völker Mittelamerikas über keine Bärte oder sonstige Körperhaare verfügen, nun, außer dem Kopfhaar natürlich. Beiderseits des Atlantiks hat man Pyramiden gebaut und Tote einbalsamiert, und in den Mumien der Ägypter fanden sich Spuren von Nikotin und Kokain, beides Stoffe, die aus den Tabak- und Kokapflanzen stammen, die aber nur auf dem amerikanischen Kontinent wuchsen. Und derlei Hinweise gibt es unzählige, die, wenn man sie zusammennimmt, ein stimmiges Bild davon zeichnen, dass der Atlantik lange vor Christus bereits überquert wurde.«

Patrick schmunzelte. »Ihnen ist klar, dass Sie da gerade ein ziemlich großes Fass aufgemacht haben?«

»Haben Sie davon tatsächlich noch nie etwas gehört? Aber Sie doch sicher, Professor Lavell?«

»Als Nächstes fangen Sie mit Atlantis an«, setzte Patrick nach.

»Jetzt ganz bestimmt nicht mehr.«

»Aber Sie hatten es vor!«

Peter sah seinen Kollegen eindringlich an. »Patrick, hatten Sie nicht einen Termin mit Melissa? jetzt?«

Patrick schob seinen Stuhl zurück und stand kopfschüttelnd auf. »Ist ja schon gut, ich verziehe mich. Viel Spaß noch.«

Als der Franzose gegangen war, wandte sich Peter an Jason. »Ich muss mich für meinen Kollegen entschuldigen, er ist ... Nun, Sie haben ja erlebt, wie er ist.«

»Ein wenig arrogant. Sie kennen ihn gut? Arbeiten Sie zusammen?«

Peter überlegte, wie viel er dem Mann erzählen sollte. Sicher war es klug, ihm wenigstens ein paar Brocken vorzuwerfen.

»Wir arbeiten an einem gemeinsamen Auftrag und sind gerade auf der Suche nach Hinweisen auf ein Artefakt aus der Zeit des Alten Reiches. Es steht möglicherweise mit Imhotep in Verbindung, und daher sind wir an Legenden und Erkenntnissen über diesen Mann und die Rätsel über dessen Herkunft und Weisheit interessiert.«

»Mit Imhotep, was Sie nicht sagen! Darf man fragen, um was es dabei geht?«

»Es ist natürlich geheim ... «

»Natürlich ist es das. Aber ich bin verschwiegen, das können Sie mir glauben. Bei all den Verschwörungen muss man aufpassen, wem man sich anvertraut, und wenn man keinen Ärger haben will, hält man wie ich am besten immer den Mund.«

Der Mann mochte ja verborgene Talente haben, dachte Peter, aber ausgerechnet Verschwiegenheit gehörte mit Sicherheit nicht dazu. Umso eher schien es allerdings, als ließe sich auf diese Weise sein Vertrauen wiedergewinnen. »Gut, Ihnen kann ich vielleicht ein bisschen mehr verraten. Wir sind auf der Suche nach einer Quelle des Wissens.«

»Das ist ja fantastisch!« Jason beugte sich vor. »Endlich wieder einmal eine Expedition, die auf der richtigen Fährte ist. Wo graben Sie denn?«

»Wir graben nicht. Zumindest noch nicht. Unsere Suche konzentriert sich auf Sakkara.«

»Sakkara? Aber was wollen Sie denn dort? Die Halle der Aufzeichnung befindet sich doch unter der Sphinx!«

Peter wusste nicht, wovon der Amerikaner sprach, aber das war die Gelegenheit, ihn auszuhorchen. »Ich muss zugeben, diese Version der Geschichte ist mir nicht bekannt. Was wissen Sie darüber?«

»Sie haben noch nie von der Halle der Aufzeichnungen gehört? Der zweiten Sphinx? Dem schlafenden Propheten? Edgar Cayce?«

»Doch, sicher«, gab Peter vor, »aber offenbar bin ich nicht ganz auf dem neuesten Stand. Sie wissen ja, wie es ist, wie viel publiziert wird ... «

»Gut, fangen wir also mit Edgar Cayce an. Er war auch Amerikaner, ich glaube aus Kentucky, irgendwann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geboren. Er hatte seherische Fähigkeiten, wenn er sich hypnotisieren ließ. Er redete dann, ließ das von Assistenten mitschreiben und war so in der Lage, Ursachen von Krankheiten und deren Behandlung bei sich und anderen Menschen zu erkennen. Er half vielen tausend Menschen und heilte sie. Bei diesen Hypnose-Sitzungen stellte er fest, dass viele Patienten aus früheren Leben berichteten, und Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts kam er auf diese Weise in Kontakt mit Wesen, die so alt waren, dass sie von den Ursprüngen der Menschheit berichteten, von Zivilisationen, die mehrfach zerstört wurden und wieder von Neuem begannen, vor vielen zehntausend und hunderttausend Jahren. Lange, bevor es Sumerer und Ägypter gab. Diese Urvölker waren es, die ihr Wissen an spätere Zivilisationen, unter anderem die Ägypter weitergaben. Sie bauten auch die Pyramiden und Sphingen. Und Cayce berichtete auch von einer Halle der Aufzeichnungen, die sich unter den Pfoten der Sphinx befinden solle. Diese Halle der Aufzeichnungen ist so etwas wie eine Zeitkapsel, in der das Wissen für spätere Zeiten aufbewahrt wird.«

Peter erinnerte sich, von diesen Theorien schon einmal gehört zu haben, aber das war nur am Rande seiner Recherchen gewesen, die er vor einigen Jahren für seine Studien über Aberglauben und Okkultismus betrieben hatte. Aber damals war er auf einer anderen Spur gewesen und hatte diese Überlegungen ignoriert. Aber jetzt waren sie auf der Suche nach einem Ursprung des Wissens, und so wie sie in Südfrankreich ein Archiv des Wissens gefunden hatten, wurde nun über eine Halle der Aufzeichnungen gesprochen, die es in Ägypten geben sollte. Natürlich hatte er nicht vor, den Visionen eines fragwürdigen Esoterikers Glauben zu schenken, aber wenn solche Geschichten oft das schwache Echo einer viel älteren Idee waren, dann lohnte es sich, ihnen auf den Grund zu gehen.

»Was wissen Sie über diese Halle der Aufzeichnungen?«, fragte er daher.

»Es gilt als wahrscheinlich, dass der Eingang zu Füßen oder unter den Pranken der Sphinx liegt, angeblich auf Höhe der rechten Schulter.«

»Aber es gibt meines Wissens keine Höhlen oder Gänge unter der Sphinx.«

»Es sind schon einige Versuche unternommen worden, Hohlräume dort zu finden«, erklärte Jason, »aber diese Untersuchungen sind noch lange nicht abgeschlossen, und oft genug wurden sie auf Betreiben des SCA eingestellt und die bisherigen Ergebnisse verschwiegen. Und außerdem: Vielleicht ist es auch die falsche Sphinx!«

»Wie meinen Sie das?«

»Sicher ist Ihnen bekannt, dass Sphingen in der Regel mindestens in Paaren auftreten, so flankieren sie zum Beispiel Eingänge. Nur die Sphinx in Giseh steht allein da. Ist das nicht merkwürdig? Es stellt sich nämlich die Frage, ob es nicht eine zweite Sphinx gegeben hat. Und wenn ja, wo sie sich befand. Vielleicht ist sie noch immer unter dem Sand verborgen.«

»Dann denken Sie nicht, dass sich unter der Sphinx in Giseh ein geheimer Zugang befindet?«

»Wer kann das schon sagen? Jedenfalls bin ich sicher, dass es hier im Land noch weit mehr zu entdecken gibt, als wir ahnen. Und es wird mit dem übernatürlich hohen Wissensstand der Ägypter zu tun haben. Es ist nur wahrscheinlich, dass es Archive gibt, in denen dies für die Nachwelt dokumentiert und aufbewahrt wurde.«

»Sie sagten gerade, es habe schon Untersuchungen an der Sphinx gegeben, aber das SCA habe das unterbunden. Was hat es damit auf sich?«

»In den letzten dreißig Jahren hat es viele Versuche gegeben, in den Pyramiden, in der Sphinx oder unter den Bauwerken Räume oder Gänge aufzuspüren. Engländer, Japaner, Amerikaner, Deutsche, alle haben es versucht. Dabei wurden tatsächlich rätselhafte Hohlräume entdeckt, und einmal wurden sogar Messungen gemacht, die sich physikalisch nicht erklären ließen. Doch so interessant diese Ergebnisse jeweils waren, wurden die Projekte doch nie weiter hinterfragt oder fortgeführt. Und seit einigen Jahren hat das SCA sein Regime noch weiter ausgebaut und genehmigt nun so gut wie gar keine Untersuchungen im Land mehr. Die Auflagen wurden verschärft, und jetzt dürfen keine Untersuchungsergebnisse mehr veröffentlicht werden, ohne dass das SCA diese vorher freigibt. Jeder Blinde sieht, dass hier etwas verheimlicht wird!«

»Was soll sich denn angeblich in der Halle der Aufzeichnungen befinden?«

»Nun, wie gesagt, es sollen zum einen die Archive der vorangegangenen Völker sein, in denen beschrieben wird, wann und wie diese nach Ägypten kamen. Es soll dort auch Artefakte und Gräber berühmter Anführer aus diesen Zeiten geben sowie prophetische Aufzeichnungen bis zum Ende der Menschheit.«

»Eine Art Apokalypse?«

»Nein, das nicht. Sehen Sie, in den Visionen von Edgar Cayce, er nannte sie ›Readings‹, wird davon erzählt, dass die menschliche Zivilisation bereits mehrfach vernichtet und wieder aufgebaut wurde. Häufig waren außergewöhnliche Ereignisse die Ursache, Naturphänomene, Erdbeben, eine Verschiebung der Polarkappen, und so weiter. Weiter wird gesagt, dass die Archive auftauchen werden, sobald sich wieder solche Ereignisse anbahnen, dass sich dann aber auch die Menschen weiterentwickelt hätten und die Archive von uns zu verstehen wären.«

Peter schloss für einen Augenblick die Augen. Das war nun wirklich nicht die Art von archäologischer Information, die er suchte. Jason schien mehr und mehr entflammt. Überall auf der Welt gab es Legenden über den Ursprung eines Volkes, über die Altvorderen und deren geheimes Wissen. Andererseits hatten ihn die Erlebnisse in Südfrankreich gelehrt, dass es solche Quellen tatsächlich geben konnte – wenngleich sie nicht hatten herausfinden können, wer sie errichtet hatte. Konnte es sein, dass es ein ähnliches Archiv des Wissens im Sand von Ägypten gab? Er öffnete die Augen und wandte sich wieder dem Amerikaner zu.

»Wenn Sie von diesen Zivilisationen sprechen, die die Halle der Aufzeichnungen geschaffen und ihre Archive hinterlassen haben, was sind das Ihrer Meinung nach für Völker gewesen? Wann haben sie gelebt?«

»Wie ich schon sagte, sie sind mehrfach nahezu vernichtet worden und haben sich jeweils wieder emporgeschwungen. Die letzte diese Perioden endete etwa 10000 vor Christus, als das Land versank und die Verbliebenen sich auf der Welt verstreuten, einige nach Mittelamerika, nach Yukatan, andere auf die Iberische Halbinsel, von wo aus sie nach Osten bis nach Ägypten wanderten. Dort ließen sie sich nieder und erbauten unter anderem die Halle der Aufzeichnungen und die Sphinx.«

»Und daher nehmen Sie auch an, dass die Sphinx schon lange vor den Ägyptern stand? Die restlichen Bauwerke des Plateaus von Giseh, die drei Pyramiden, die Tempel und Gräber, stammen aus der Zeit ab 2500 vor Christus.«

»Das ist die Lehrmeinung, ja. Wie Sie sicher wissen, ist man im Allgemeinen der Ansicht, die Sphinx sei von Pharao Chephren erbaut worden, demjenigen, der auch die zweitgrößte, die mittlere Pyramide errichten ließ. Tatsächlich gibt es aber keinen historischen Beleg dafür. Es gibt lediglich eine Stele, die man zwischen den Pfoten der Sphinx fand, die so genannte ›Traumstele‹, auf der etwas darüber steht. Aber erstens sind sich viele Wissenschaftler nicht einig, ob dort davon berichtet wird, dass sie erbaut oder nur restauriert wurde. Und der Name ›Chephren‹ taucht dort auch nicht auf, sondern nur der Rest einer Zeile mit dem Zeichen ›Chaef‹, und dies wurde als Anfang des Pharaonennamens interpretiert. Aber Königsnamen wurden stets mit Kartuschen umgeben, und dort ist keine solche Kartusche erkennbar, es ist also sehr unwahrscheinlich, dass dort tatsächlich einmal ›Chephren‹ stand. Fraglos ist der Kopf neuer als der Rest der Figur, er könnte also bei Restaurationsarbeiten durch Chephren gebaut worden sein. Aber auch das haben Wissenschaftler analysiert und festgestellt, dass die Proportionen des Kopfes und der Gesichtszüge keinerlei Ähnlichkeit mit einer einzigen anderen Darstellung von Pharao Chephren haben. Und das, obwohl insbesondere die Bildhauerkunst sehr weit fortgeschritten war. Fakt ist: In Wahrheit weiß niemand, wer die Sphinx erbaute oder wann das war.«

»Das ist mir neu.«

»Das kann ich mir vorstellen. Das SCA ist natürlich auch wenig interessiert daran, dass Horden ausländischer Forscher und Goldsucher über das Plateau herfallen und alles auf den Kopf stellen – insbesondere nicht die ägyptische Geschichte, auf die man hier so stolz ist. Stellen Sie sich vor: Es käme heraus, dass die Ägypter gar nicht so furchtbar schlau waren, sondern alles nur imitiert haben, was ihnen ein anderes, ein viel höher entwickeltes Volk beigebracht hat! Daher gilt hier im Land immer: Keine schlafenden Hunde wecken. Nichts in Frage stellen, nirgendwo rütteln, nicht einmal klopfen. Dabei ist der angeblich gesicherte Wissensstand oft nicht mehr als eine notdürftig verputzte Fassade.«

»Nun kann die Abwesenheit von Belegen für eine Theorie kein Fundament für eine beliebige andere sein.«

»Aber es gibt mehr also bloß andere Theorien! Bleiben wir bei der Sphinx. Wie Sie feststellen werden, wenn Sie sie besichtigen, liegt sie etwas tiefer als das sie umgebende Gelände. Tatsächlich wurde ihr Sockel direkt aus dem Kalkstein geformt, indem man um sie herum den Fels abtrug. So blieb nur die Figur stehen. Dadurch, dass sie in einer Senke steht, wird sie leicht vom Sand überweht, und tatsächlich war sie auch bis ins 19. Jahrhundert von Sand bedeckt, so dass nur der Kopf herausschaute. Heute steht sie frei, und wenn Sie sich den Sockel ansehen und die Steinwände der Senke, werden Sie Erosionsspuren sehen, wie sie nur über viele Jahrtausende entstehen, wenn zum Beispiel Wind und Wasser das Gestein langsam abschleifen. Sicherlich kennen Sie die Felsformationen im Monument Valley bei uns in den Staaten. Das wird durch Erosion erschaffen. Wenn wir also annehmen, dass die Sphinx erst in den letzten tausend Jahren unter dem Sand verschwand und sie von 2500 vor Christus an dreitausend Jahre lang den Sandstürmen ausgesetzt war, könnte sie durchaus Schaden genommen haben. Mit einer Ausnahme: Wind erzeugt horizontale Erosionsspuren. Die Spuren am Gestein der Sphinx allerdings sind vertikal! Es sind Spuren, wie sie nur Regen und Rinnsale erzeugen! Und diese Spuren finden sich darüber hinaus nur am Sockel und an der Senke, aber nicht an den Pfoten oder dem Kopf! Das bedeutet nichts anderes, als dass zu den Zeiten, als man die Sphinx restaurierte, vermutlich irgendwann im Alten Reich, der Körper bereits einige tausend Jahre hier gestanden hatte. Zu Zeiten, als es noch regelmäßig und viel in Ägypten geregnet hat – und wir wissen, dass die letzte dieser besonders feuchten Perioden von 8000 bis 4000 vor Christus andauerte.«

Wieder schwieg Peter einen Moment lang. Natürlich hatte er von den Diskussionen der Pseudo-Archäologen gehört, die insbesondere in Ägypten nach Spuren vorgeschichtlicher Technologie suchten. Aber er hatte dies nie verfolgt und musste nun erkennen, dass die Ausführungen weiter gingen, als er angenommen hatte. Es stand außer Frage, dass die seriösen Wissenschaftler jedes dieser Argumente wiederum auf andere Weise zu entkräften wussten. Aber so war es immer, für einen Außenstehenden nahezu undurchdringlich, wessen Aussagen echte Belege waren und was bloße Behauptungen blieben.

»Aber wenn ich ehrlich drüber nachdenke«, unterbrach Jason Peters Gedanken, »halte ich Ihr Unterfangen nun doch für wesentlich vielversprechender.«

»Tatsächlich?«

»Ja. Bedenken Sie: Wenn es stimmt, dass eine hoch entwickelte Zivilisation viele tausend Jahre vor den Ägyptern ihr Wissen versteckte, dann wahrscheinlich auf eine sehr ausgetüftelte Art und Weise. Da reicht es bestimmt nicht, einfach einen Spaten in die Hand zu nehmen und zu graben. Andererseits: Wir wissen mit großer Sicherheit, dass Imhotep Zugang zu besonderem Wissen hatte, und er lebte im Alten Reich, zu Zeiten Djosers. Er war ein ganz normaler Mensch mit hohem gesellschaftlichem Rang und wird ein standes- und zeitgemäßes Grab gehabt haben. Dort finden sich mit Sicherheit viele Informationen über den Ursprung seiner Weisheit, vielleicht kannte er sogar den Zugang zu jenem Archiv des Wissens, der Halle der Aufzeichnungen, von der Edgar Cayce sprach. Und finden werden Sie das Grab nicht in Giseh, sondern in Sakkara.«

»Es wäre ein indirekter, aber einfacherer Zugang, meinen Sie?«

»Ganz genau. In Sakkara sind Sie näher dran als in Giseh. Mal ganz abgesehen davon, dass die Sphinx derart mit Aufmerksamkeit und Grabungsgesuchen belagert wird, dass es nahezu unmöglich sein wird, dort Untersuchungen anzustellen. Natürlich weiß ich nicht, was Sie für Verbindungen haben ... «

»Peter!«

Patrick war ins Bistro gekommen. Rasch kam er näher und beugte sich ein wenig zu seinem Kollegen herunter.

»Wir haben ihn«, raunte er, »den Zugang zum Keller!«

Peter sah auf. Das waren in der Tat freudige Neuigkeiten. Und eine gute Gelegenheit, das Gespräch mit dem reichlich redseligen Amerikaner zu beenden.

»Mister Miles«, sagte er, als er aufstand, »vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch, aber ich muss mich nun leider von Ihnen verabschieden. Wie Sie hören: Die Arbeit ruft.«

»Oh, wie schade!« Jason stand ebenfalls auf und reichte Peter die Hand. »Es hat mich sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen! Wann werden Sie mit Ihren Grabungen beginnen?«

»Wir werden nicht notwendigerweise eine Ausgrabung initiieren ... «

»Aber sicher wollen Sie sich in Sakkara umsehen?«

»Vermutlich ja ... «

»Wissen Sie, ich würde Sie gerne begleiten. Ich würde Ihnen nicht zur Last fallen. Aber ich bin in den letzten Tagen mehrfach dort gewesen und habe viel darüber gelesen, ich könnte Ihnen alles zeigen, alles, was Sie über Djoser und Imhotep wissen müssen.«

»Das ist nett von Ihnen, aber nein danke. Zudem wissen wir noch gar nicht, ob und wann wir uns dort umsehen werden.«

»Ich habe meinen Aufenthalt verlängert und werde noch eine weitere Woche in Kairo sein«, sagte Jason, während er seine Brieftasche herausholte und eine Visitenkarte hervorzog. »Hier bitte«, sagte er und überreichte sie Peter. »Rufen Sie mich unbedingt an, wenn Sie hinfahren oder wenn Sie etwas wissen müssen! Sie können mich jederzeit über meine Mobilfunknummer erreichen.«

Peter steckte die Karte ein. »Ich muss nun wirklich gehen. Auf Wiedersehen!«

Kurz darauf hatten Peter und Patrick das Bistro verlassen. »Und? Wie war es?«, fragte Patrick grinsend. »Hat er noch von Atlantis und Außerirdischen angefangen?«

»So ungefähr, ja. Sie hätten Ihre helle Freude gehabt.«

»Verschonen Sie mich mit Details, Peter. Haben Sie irgendetwas erfahren, das uns weiterhelfen könnte?«

»Ich bin mir nicht sicher. Er hat so viel erzählt! Im Augenblick würde ich sagen nein. Aber wenn ich ein bisschen darüber nachdenke, kommt vielleicht etwas dabei heraus. Jedenfalls habe ich ihm erzählt, dass wir auf der Spur von Imhotep und der Quelle seines Wissens sind und uns Sakkara interessiert. Und diesen Ansatz hielt er für sehr vielversprechend.«

»Na, wenn das nichts ist!«

»Im Augenblick scheint mir der Zugang zum Keller, den Sie besorgt haben, mehr Erfolg zu versprechen.«

Wenige Augenblicke später hatte Patrick sie einen Gang entlang zu einer Tür geführt, vor der Melissa auf sie wartete.

»Das ging ja schnell«, sagte sie. »Prima. Hören Sie, eine Genehmigung über den offiziellen Weg zu bekommen hätte viel zu lang gedauert. Aber ich habe mit Essam gesprochen, dem Verwalter. Wir kennen uns gut, und er war mir einen Gefallen schuldig.« Sie schloss die Tür auf. »Von hier aus kommen Sie in einen kleinen Bürobereich und von dort in die Archive im Keller. Bis heute Nachmittag ist niemand da, so dass Sie ungestört sein werden. Ich konnte Essam überzeugen, dass Sie Akademiker und professionelle Archäologen sind und selbstverständlich nichts anfassen oder gar mitnehmen würden. Ich kann mich doch auf Sie verlassen, nicht wahr?«

»Aber natürlich, Miss Joyce!«, sagte Peter. »Wir sind Ihnen außerordentlich dankbar, dass Sie uns das hier ermöglichen konnten.«

»Sie müssen verstehen, dass die Archive streng gehütet werden und sehr wertvoll sind. Unter normalen Umständen ... «

»Sie haben mein Wort!«, versicherte Peter. »Begleiten Sie uns nicht?«

»Nein, ich muss zurück zu meiner nächsten Führung. Eines noch: Sie können nicht einfach aus dieser Tür herauskommen, damit Sie nicht aus Versehen jemandem vom Museum in die Arme laufen, der zufällig hier entlanggeht. Ich werde in einer Stunde wieder hier sein. Warten Sie hinter der Tür darauf, dass ich zweimal klopfe, dann wissen Sie, dass Sie herauskommen können. Einverstanden? Reicht Ihnen eine Stunde?«

»Ja, das ist wunderbar. Ich hoffe, wir können das wieder gutmachen!«

Melissa sah zu Patrick und schmunzelte. »Darüber können wir ja später noch reden. Und nun viel Glück!«

Sie öffnete die Tür, Peter und Patrick traten hindurch, und dann hörten Sie, wie Melissa sie hinter ihnen verschloss.

»Ob das so eine gute Idee war?«, sagte Patrick. »Jetzt sind wir hier eingeschlossen!«

»Nun, sie hätte die Tür ja wohl kaum offen lassen können. Wer weiß, wer sonst noch alles hier hereinspaziert wäre.«

»Ja, aber ich hätte den Schlüssel gerne selbst gehabt. Was, wenn wir ganz plötzlich verschwinden müssen?«

»Sicherlich muss sie ihn zurückgeben. Vertrauen wir ihr einfach. Und lassen Sie uns den Keller suchen, eine Stunde ist nicht viel Zeit!«

Die Räumlichkeiten waren staubig und karg. Das durch die Scheiben einfallende Licht schaffte es nicht, den Raum mit Wärme und Helligkeit zu füllen. Boden und Wände waren weiß gestrichen, das Mobiliar bestand aus zwei Schreibtischen, die gut vierzig Jahre alt sein mochten, und zwei ebenso altertümlich anmutenden, stoffbezogenen Stühlen. In einem Holzregal standen arabisch beschriftete Ordner und Bücher, und einige der Fächer waren mit Papierstapeln beladen, aus denen lose Zettel heraushingen.

Patrick öffnete eine Tür, suchte an der Innenwand des dahinterliegenden Gangs nach einem Schalter, und kurz darauf flammten einige Leuchtstoffröhren auf.

Sie stiegen eine steinerne Treppe hinab. Hier hatte man sich nicht einmal mehr die Mühe gegeben, die Wände anzumalen, sie zeigten sich im trostlosen Grau des Betons. Über ihnen waren einfache Stromkabel an der Decke befestigt, die in unregelmäßigen Abständen Neonröhren speisten. Unten angekommen, fanden sie sich in einer gigantischen Rumpelkammer wieder. Was jedoch für einen Außenstehenden wie eine Schutthalde übergroßen Ausmaßes, ein labyrinthisches Schlachtfeld voller Ruinen und Artefakte aussah, versetzte Peter in atemloses Erstaunen.

»Sehen Sie nur!«, entfuhr es ihm. »Was für Schätze!«

Beiderseits des breiten Gangs befanden sich hohe Metallregale, die überquollen von beschrifteten Kisten und Steinfragmenten. Hier lagen und standen in Tücher gewickelte Objekte, hölzerne Figuren, marmorne Statuetten, Tonvasen und gläserne Schaukästen. Der Boden war ebenfalls übersät mit Gegenständen, jenen, die ganz offenbar zu groß für die Regale waren. Stelen, Sarkophage, Säulen, bemalte Truhen, Bruchstücke von überlebensgroßen Statuen und gerahmte Rekonstruktionen von Wandmalereien. Der Gang war derart vollgestellt, dass sich nur ein schmaler Weg zwischen den Stücken hindurchschlängelte.

Als sie einige Schritte gegangen waren, stellten sie fest, dass sich der Fundus mitnichten in den Objekten dieses Gangs erschöpfte, sondern links und rechts zahllose weitere Gänge abzweigten, die ebenso überfrachtet waren.

»Meine Güte«, sagte Patrick. »War für ein Haufen Zeug! Kein Wunder, dass die so dringend neue Museen bauen wollen. Wo sollen sie auch sonst hin mit dem ganzen Kram! Und was suchen wir hier nun eigentlich, Peter?«

»Ich weiß es auch nicht so genau. Wenn ich es sehe, dann weiß ich es ... Irgendwie hatte ich gehofft, dass mir hier unten eine zündende Idee kommen würde, aber wie es aussieht, wird die Verwirrung nun nur umso größer. Und eine Ordnung konnte ich auch noch nicht feststellen, nach der wir uns richten könnten.«

»Aber irgendeine Vorstellung werden Sie doch haben.«

»Nun, etwas, das mit der Pyramide des Djoser in Verbindung steht. Das Beste wäre natürlich, wenn wir hier unten ein Pyramidion fänden, eines, von dem wir vermuten, dass es einmal auf der Spitze der Stufenpyramide gestanden haben könnte. Irgendetwas, das dem entspricht, was Echnaton auf seiner Stele beschrieben hat.«

»Ich habe darüber nachgedacht«, sagte Patrick. »Sie sagten, die Stufenpyramide sei etwa sechzig Meter hoch. Und da sie aus sechs Stufen besteht, misst jede der Stufen zehn Meter. Entsprechend der Zeichnung könnte die Spitze, die da oben fehlt, ebenfalls fast zehn Meter hoch sein. So was geht ja wohl kaum verloren, oder? Und außerdem würde es hier auch nicht hineinpassen.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Nun, ich zweifle, ob eine solche Spitze – wenn es sie jemals gegeben hat und sie bereits gefunden wurde – hier ganz vergessen im Keller herumsteht.«

»Vielleicht saß ja ganz oben auf der Spitze ein kleiner Abschlussstein. Das war nicht unüblich, vielleicht nur einen Meter hoch, vielleicht zwei. So etwas könnte man hier durchaus finden.«

»Gut, meinetwegen. Dann halten wir mal die Augen offen. Wollen wir uns aufteilen?«

»Sicher, warum nicht. Rufen Sie, wenn Sie etwas gefunden haben, das irgendwie nach Echnaton, Djoser, Imhotep, Thot oder einem Pyramidion aussieht, ja?«

»Also ein Pyramidion werde ich ja noch erkennen, aber wie um Himmels willen soll ich wissen, nach welchem verflixten Pharao irgendetwas aussieht?«

»Na, dann suchen Sie eben nur nach einem Stein. Ich bin ja auch kein Ägyptologe. Ich vertraue darauf, dass Ihnen Ihr Instinkt genauso hilfreich sein wird wie mir mein bescheidenes Vorwissen.«

Patrick grinste schief und hob einen Zeigefinger. »Ich habe sehr wohl gemerkt, dass das ein kleiner Seitenhieb war.«

»Nicht doch.« Peter lachte, und kurz darauf war er in einem Gang verschwunden.

Als Patrick weiterging, wurde ihm klar, dass ihr Vorhaben dem Versuch glich, allein mit einem Streichholz ausgerüstet den Petersdom auszuleuchten oder mit einem Fingernagel einen Tunnel nach Japan zu graben. Er verstand sich weit besser auf die mittelamerikanischen Kulturen und hatte sich bisher nicht mit Ägypten beschäftigt. Aber nun erwachten in ihm die Neugier und jenes kribbelnde Gefühl, etwas Großem auf der Spur zu sein. Die Werte in diesem Keller waren unermesslich. Nicht nur materiell – er war sich wohl bewusst, welche Unsummen auf dem Schwarzmarkt für alle diese Stücke bezahlt wurden, sondern auch hinsichtlich der kulturellen Bedeutung und der Erkenntnisse, die man aus ihnen über die Vergangenheit der Menschheit ziehen konnte.

Er hielt einen Augenblick inne und wiederholte den letzten Gedanken. Noch vor wenigen Jahren wäre ihm so etwas nicht in den Sinn gekommen. Er hatte Forschungsgelder veruntreut, war in eine Krypta eingebrochen und hatte ein antikes Fresko eingerissen, um seinen Weg zu gehen. Zwar erfolgreich, aber nicht eines höhere Ziels wegen, sondern allein, um sich durchzusetzen und um recht zu behalten. Nun musste er sich eingestehen, dass etwas seine Sicht auf die Dinge verändert hatte. Es gab etwas dort draußen, etwas, das größer war als eine weitere Ruine oder ein weiteres Grab. Etwas, das älter war, als die Kulturen, zu denen die Forschung bisher vorgedrungen war. Etwas, das wertvoller war als alle Goldschätze Ägyptens. Es hatte mit Wissen zu tun, mit einer Erkenntnis, und es lag ganz nah und zugleich jenseits einer unsichtbaren Schwelle. Er fühlte, dass er und Peter auf dem richtigen Weg waren, aber er konnte noch nicht sehen, wo es sie hinführen würde.

»Patrick? Kommen Sie mal!«

Peters Stimme schallte von irgendwoher aus den verwinkelten Gängen.

»Wo sind Sie?«

»Hier drüben!«

Patrick ging dem Geräusch nach und benötigte eine Weile, bis er den Engländer in einer Nische am Ende eines Gangs ausfindig gemacht hatte. Peter stand neben einem Schreibtisch und begutachtete ein Buch, das aufgeschlagen vor ihm lag.

»Sehen Sie, was ich gefunden habe! Es ist so etwas wie ein Katalog des Fundus, und zwar aus den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts.« Peter deutete auf eine Regalwand neben sich. »Hier stehen noch mehr davon, aus späteren Jahren. Die meisten sind natürlich auf Arabisch, aber wie Sie vielleicht wissen, war Ägypten vor dem Zweiten Weltkrieg quasi noch britisches Protektorat. Und das Museum wurde damals auch noch von Ausländern geleitet. Daher sind diese alten Dokumente auf Englisch oder Französisch verfasst.«

Patrick betrachtete das Buch. Es war eine einfach gebundene Sammlung diverser Papiere, Blätter unterschiedlicher Farben, und sie trugen Texte und Tabellen, zum Teil handschriftlich, zum Teil mit einer Schreibmaschine verfasst. Nummerierte Register am Rand schienen auf Monate hinzuweisen. »Wollen Sie etwa diese ganzen Loseblattsammlungen hier im Keller studieren?«

Peter setzte seine Lesebrille auf. »Wenn es sein muss, ja. Jedenfalls, solange wir Zeit haben. Aber ich habe eine gewisse Idee. Sehen Sie, wenn das Pyramidion in der neueren Zeit gefunden worden wäre, hätte man es fraglos schnell identifizieren können, und das Echo in der Presse wäre groß gewesen. Daher vermute ich, dass man es – wenn überhaupt – dann zu einer Zeit fand, als man es nicht recht einordnen konnte. Die umfangreichsten Ausgrabungen in Sakkara, wo der Djoser-Komplex steht, fanden Ende der zwanziger Jahre statt. Cecil Firth, ein Brite, war Oberaufseher der Ausgrabungen in Sakkara. Und ein Landsmann von Ihnen, einer der ganz großen Archäologen und Ägyptologen, Dr. Jean-Philippe Lauer, leitete später die Ausgrabungen in Sakkara über zehn Jahre lang. Die Wahrscheinlichkeit ist besonders groß, dass während dieser Zeit etwas gefunden wurde, und wenn es auch nicht an die Öffentlichkeit kam, so finden wir die Spuren jedenfalls hoffentlich in diesen Büchern hier!«

»Das klingt gut. Aber auch nach viel Arbeit. Wie kann ich Ihnen am besten helfen?«

»Wir nehmen uns eines nach dem anderen dieser Bücher vor und suchen nach Bestandslisten aus Sakkara. Vielleicht taucht ein Pyramidion dabei auf. Mehr Anhaltspunkte haben wir nicht. Wir müssen uns beeilen und dürfen uns nicht festlesen – nun, das gilt vielleicht noch eher für mich als für Sie.«

Eine halbe Stunde war vergangen, als Patrick auf seine Uhr sah. Sie hatten festgestellt, dass die Papiere in den Büchern mitnichten nur Bestandslisten waren. Die Unterlagen waren zwar weitestgehend chronologisch sortiert, aber es fanden sich darunter auch zahllose Lieferscheine, Rechnungen, Protokolle, Briefe und scheinbar zusammenhanglose Notizen. Zudem stammten die Unterlagen nicht nur von den Grabungsteams aus Sakkara, sondern ebenso aus Giseh und dem Tal der Könige sowie diversen anderen Stätten im Land. Es war eine ermüdende Arbeit, das Material zu sichten, und die Zeit verging schneller, als ihnen lieb war. Unzählige weitere Bücher und Ordner warteten noch in den Regalen. Jährlich waren mehrere tausend Dokumente archiviert worden, so dass sie je ein halbes Dutzend und mehr der Wälzer füllten. Und dabei waren dies lediglich die administrativen Unterlagen; die offiziellen Grabungsdokumentationen, die ausführlichen Berichte, Rekonstruktionen, Aufsätze und die darauf aufbauenden Publikationen dieser Zeit waren gar nicht dabei.

»Wir haben nicht mehr viel Zeit«, sagte Patrick kopfschüttelnd. »Ich habe das dumme Gefühl, dass wir hier nicht weiterkommen ... «

»Nicht so voreilig«, gab Peter zurück, ohne aufzusehen. »Ich habe hier gerade etwas sehr Interessantes gefunden! Hören Sie sich das an:



Und hier ist ein Stempel vom Egyptian Antiquitiy Service, Cairo, Eingangsdatum 5. November 1926, eine Unterschrift und der Vermerk seized, also beschlagnahmt oder sichergestellt!«

»Tatsächlich! Meinen Sie, das könnte unser Pyramidion sein?«

»Zeit, Ort und Beschreibung scheinen zu passen. Und beachten Sie den Hinweis darauf, dass es einen Unfall – welcher Art auch immer – gab! Da man es damit erklärt, dass das Metall vielleicht statisch aufgeladen war, hat möglicherweise jemand beim Berühren einen Schlag bekommen oder etwas Ähnliches. Ist das nicht fantastisch?«

»Und wenn man das Pyramidion danach beschlagnahmt hat, ist es auch kein Wunder, dass man es heute in keinem Museum findet. Möglicherweise steht das Ding noch immer in irgendeiner Abstellkammer, vielleicht sogar hier unten!«

»Im Grunde gibt es nur einen vernünftigen Weg, das herauszufinden, wenn wir nicht alle diese Dokumente lesen und nach weiteren Spuren dieses Objekts in den letzten achtzig Jahren suchen wollen. Wir müssen uns direkt mit dem SCA in Verbindung setzen.«

Patrick verzog den Mund. »Ihr Enthusiasmus in allen Ehren, Peter, aber ich kann Ihnen jetzt schon sagen, wo uns das hinführen wird!«

»Haben Sie etwa einen besseren Vorschlag?«, versetzte Peter.

»Ehrlich gesagt ... «

Weiter kam er nicht, als ein plötzlicher Knall durch den Keller hallte und die gesamte Beleuchtung schlagartig ausfiel. Sie waren von vollkommener Dunkelheit umgeben.

»Verdammt!«, fluchte Patrick.

»Was ist los?« Peters Stimme klang unsicher.

»Ich würde mich nicht wundern, wenn in diesem maroden Kasten eine Sicherung durchgebrannt ist. Wenn wir Glück haben.«

»Wieso Glück?«

»Genauso gut könnte jemand am oberen Treppenabsatz entdeckt haben, dass das Licht brennt, es gewissenhaft ausgeschaltet und uns dann genauso gewissenhaft hier unten eingeschlossen haben.«

»Himmel, Patrick, wir müssen sofort hier raus!«

»Na, gehen wir mal nicht vom schlimmsten Fall aus. Warten Sie hier, ich taste mich den Weg zurück und suche den Lichtschalter!«

Peter zögerte. »Wollen wir nicht lieber zusammen gehen?«

»Keine Sorge«, kam Patricks Antwort, der offenbar schon ein paar Schritte gegangen war. »Ich glaube, ich habe den Weg noch im Kopf.«

Peter blieb allein in der Finsternis zurück. Er hatte selten eine so vollkommene Abwesenheit von Licht erlebt. Das letzte Mal, so erinnerte er sich, war das in jener Höhle in Südfrankreich gewesen. Dort war es jedoch nur eine Fläche gewesen, hier aber umgab es ihn von allen Seiten. Er konnte die Dunkelheit fühlen, sie lastete wie eine dichte, schwere Masse auf ihm, drückte ihn nieder und stachelte ihn zugleich auf. Er verspürte den Zwang, seine Augen aufzureißen, wollte sich freikämpfen, die Decke wegreißen, nach oben schwimmen, aber es gab keinen Ausweg. Ihm brach kalter Schweiß aus. Langsam streckte er seine Arme seitlich aus, um etwas zu ertasten, einen Anker in der Leere zu finden, und zugleich fürchtete er, was er berühren könnte.

»Patrick? Hören Sie?« Seine Stimme erschien ihm dünn und wurde von den unzähligen, vollbeladenen Regalen um ihn herum verschluckt, so dass er nicht das Gefühl hatte, in einem großen Keller zu stehen, sondern vielmehr in einem luftdicht abgeschlossenen, kleinen Raum, einem staubigen, uralten Grab, umgeben von modrigem Holz, verfallenden Stoffballen und mumifizierten Leichen.

»Patrick! Sind Sie noch da?!«

Keine Antwort.

Er strengte seine Augen an, um etwas zu erkennen, hoffte, dass er sich an die Schwärze gewöhnen würde, aber es entstanden dabei lediglich schemenhafte Geisterbilder, die auch nicht verschwanden, wenn er die Augen schloss. Der Gedanke, zu lange gebannt in eine undefinierbare Richtung zu starren, erfüllte ihn zunehmend mit Unwohlsein. Er erinnerte sich der bedrohlichen Worte eines Okkultisten, mit dem Patrick und er während ihres letzten Projekts in Kontakt gekommen waren: »Wenn Sie lange genug in den Abgrund sehen, blickt der Abgrund zurück in Sie!«

Peter merkte, dass sein Atem schneller ging. Zu schnell. Und in seinem Hals bildete sich ein Kloß, der im Takt seines rasenden Herzens zuckte.

»Peter? Hören Sie mich?«

Es war die Stimme des Franzosen, die wie das schwache Blitzen eines Leuchtfeuers aus irgendeinem Teil des Kellergewölbes zu ihm gelangte. Es war nicht zu erkennen, aus welcher Richtung.

»Ich bin hier!«, gab Peter zurück und bemühte sich, seiner Antwort einen festen Klang zu geben.

»Hier hinten ist die Treppe. Finden Sie den Weg hierher?«

»Ich versuche es!«

»Folgen Sie meiner Stimme! Sie müssen eine Weile geradeaus gehen und an der zweiten Abzweigung rechts.«

»Ja, in Ordnung!« Im Gespräch mit Patrick schrumpfte Peters Angst auf ein erträgliches Maß. Zudem beobachtete er nun, dass über ihm blasse Streifen zu erkennen waren. Nachdem sich seine Augen an die Schwärze gewöhnt hatten, war er in der Lage, das schwache Nachglühen der Neonröhren auszumachen. Das Licht reichte nicht aus, um irgendetwas zu erhellen, aber es gab zum ersten Mal einen festen Orientierungspunkt und verwandelte die unendliche Finsternis in einen Raum von definierter Höhe.

Peter bewegte sich vorsichtig zur Seite, bis er zu seiner Rechten ein Regal berührte. Er glitt mit seiner Hand darüber, während er geradeaus ging. Nach einigen Schritten endete das Regal, er schien an eine Abzweigung gekommen zu sein. Unbeholfen machte er zwei weitere Schritte. Er fühlte sich wie ein Nichtschwimmer, der den Beckenrand losgelassen hat, um nun mit zwei verzweifelten Stößen die Tiefe zu überwinden und den gegenüberliegenden Rand zu erreichen. Er atmete erleichtert auf, als er hinter der Abzweigung ein weiteres Regal berührte. Nun ging er wieder sicherer, bis er den nächsten Gang erreichte.

»Ich bin an der zweiten Abzweigung!«, rief er.

»Gut«, kam die Antwort aus der Dunkelheit. »Gehen Sie nun rechts entlang. Ich bin dann im dritten oder vierten Gang links von Ihnen.«

»In Ordnung!«

Peter wandte sich nach rechts. Doch kaum hatte er einen Schritt gemacht, als er gegen ein massives Objekt stieß, das auf dem Boden stand und ihm bis zu den Knien reichte. Er verlor das Gleichgewicht, stolperte und versuchte, sich noch im Fallen irgendwo abzustützen. Seine Hand berührte eine steinerne Oberfläche, und er wollte sich daran festhalten. Aber das Objekt beugte sich schwerfällig zur Seite, und er rutschte ab. Mit einem Aufschrei schlug er mit dem Kopf auf den Boden.

»Peter! Alles klar bei Ihnen?«

Ein stechender Schmerz durchfuhr den Professor. Aber was viel schlimmer war: Er spürte, dass er von einem Gegenstand eingeklemmt und wie in einem Schraubstock zu Boden gepresst wurde. Im Fallen musste er eine große Statue oder Säule ins Wanken gebracht haben, die nun an ihm lehnte und jeden Augenblick mit einem Gewicht von vielleicht einigen hundert Kilo auf ihn sacken konnte.

»Patrick! Helfen Sie mir!«, stöhnte er.

»Halten Sie durch!«

Peter hörte hastige Schritte in der Ferne, und hoffte, dass der Franzose ihn schnell finden würde. Der Brocken, der auf ihm lag, quetschte seine Beine ein, er konnte sie keinen Millimeter bewegen. Sein Oberkörper lag quer, so dass das Gewicht noch auf seinen Schultern ruhte. Aber schon begannen seine Knochen, unter dem Druck zu ächzen, und er wusste, dass er nicht lange so liegen bleiben konnte. Aber sobald er sich auch nur ein wenig zur Seite drehte, würde der Stein nachrutschen und ihm die Luft aus den Lungen pressen.

»Wo sind Sie?«, hörte er Patricks Stimme nun in der Nähe.

»Hier!«, brachte er mühsam heraus. »Auf dem Boden! Eingeklemmt!«

Kurz darauf war Patrick heran. Er tastete am Boden entlang, befühlte den Stein und seinen Kollegen.

»Mon dieu, da haben Sie sich einen verdammt großen Brocken ausgesucht, Peter! Ich werde versuchen, ihn anzuheben. Sie müssen sich dann schnell herausziehen. Schaffen Sie das?«

»Ich werde es versuchen!«

»Hören Sie: Der Stein liegt hier hinten irgendwo auf. Er kann also nicht viel tiefer rutschen. Ich weiß nicht, wie lange ich das Ding halten kann. Schieben Sie sich zur Seite, hier zu mir herüber. Eine Handbreit reicht vielleicht schon, dann sind Sie erst mal frei, und ich kann loslassen. Danach haben Sie Zeit, herauszukrabbeln. Alles klar?«

»Verstanden.«

»Also dann ... « Patrick ging in die Knie und ergriff eine Kante. »JETZT!« Patrick gelang es, den Stein ein paar Zentimeter anzuheben. Peter rutschte zur Seite und befreite sich aus der eingeklemmten Position, gerade rechtzeitig, bevor der Brocken dem Franzosen aus den Fingern glitt. Mit lautem Knirschen sackte der Stein wieder in seine Ursprungslage. »Alles klar bei Ihnen?«, fragte Patrick.

»Ja, es geht schon. Einen Moment.«

Kurz darauf hatte Peter sich unter Stöhnen und mit einiger Mühe unter den Gesteinstrümmern hervorgearbeitet. Und trotz der Gefahr war die Panik, die die Dunkelheit in ihm ausgelöst hatte, für einen Augenblick gewichen.

»Lassen Sie uns gehen«, sagte Patrick. »Ich werde vorausgehen. Bleiben Sie dicht hinter mir, am besten, Sie legen Ihre Hand auf meine Schulter.« Dann lachte er auf. »Ein Blinder führt einen anderen Blinden.«

Peter folgte Patricks Vorschlag. »Danke, dass Sie mir geholfen haben«, sagte er dann. »Ohne Sie hätte ich mich niemals befreien können.«

»Keine Ursache«, antwortete Patrick. »Ich war sowieso gerade hier unten.« Erneut lachte er, und seine Unbekümmertheit übertrug sich auf Peter, der nun ebenfalls zu grinsen anfing. Er erinnerte sich daran, wie er den jungen Ingenieur kennengelernt hatte, unrasiert, flegelhaft und immer mit einer Zigarette im Mund. Geschichtlich nahezu ungebildet, ohne solides humanistisches Grundwissen, von Etikette ganz zu schweigen, und jederzeit zu einem derben Witz oder einer Unverschämtheit bereit. Dennoch mochte er die Gesellschaft des Mannes inzwischen nicht mehr missen. Zu viel hatten sie in der Zwischenzeit gemeinsam erlebt, und zu sehr erinnerte er ihn an den Mann, der er selbst gerne gewesen wäre.

Es dauerte nicht lange, bis sie den Ausgang erreichten.

»Hier sind die Stufen«, warnte Patrick. Behutsam stiegen sie die Treppe hinauf, bis sie an die Tür kamen. Patrick drückte die Klinke herunter. Dann rüttelte er kräftig daran.

»Verdammt!«

»Abgeschlossen?«

»Ich hatte es geahnt. Ich hätte es wohl nicht laut sagen sollen. So ein Mist! Warten Sie mal ... «

Dann hörte Peter ein Klicken. Patrick betätigte den Lichtschalter, der sich hier oben befand. Aber nichts geschah. Der Franzose versuchte es noch zweimal, dann gab er auf. »Die Sicherung ist durchgebrannt!«

»Was machen wir jetzt?«, fragte Peter. »Sollen wir laut rufen? Vielleicht hört uns jemand.«

»Lassen Sie mich nachdenken. Vielleicht fällt mir noch etwas Besseres ein ... « Patrick befühlte das Schloss. Es war ein einfaches Loch für einen Bartschlüssel. Wenigstens das war eine gute Nachricht. »Peter, haben Sie dieses kleine Dings dabei, mit dem Sie immer Ihre Pfeife stopfen?«

»Sie meinen den Tschechen?«

»Wie bitte?«

Peter durchsuchte seine Taschen, holte ein kleines, dreiteiliges Metallwerkzeug heraus und reicht es dem Franzosen. »Das hier?«

Patrick tastete nach Peters Hand. »Ja, das ist es! Sie verzeihen sicherlich, wenn ich es zweckentfremde?« Er klappte den daran befindlichen dünnen Stab heraus, verkeilte ihn im Schloss, bog ihn zurecht und begann dann, mit der Spitze im Schloss herumzustochern. Wenige Augenblicke später schnappte der Riegel zurück.

»Nennen Sie mich einen Meisterdieb, Herr Professor. Es ist geschafft!« Mit diesen Worten öffnete Patrick die Tür, und helles Licht schlug ihnen entgegen. Geblendet traten sie in das Büro und verharrten einen Moment.

»Ich wüsste nicht, was ich ohne Sie täte«, sagte Peter.

»Nochmals nichts zu danken. Vermutlich muss ich Ihnen aber einen neuen Rumänen kaufen.«

»Tschechen.« Peter nahm den Pfeifenstopfer entgegen, untersuchte den vollkommen verbogenen Dorn und steckte ihn kopfschüttelnd weg. »Wir verrechnen diese fünfzig Cent mit Ihrem Anteil.« Dann lachte er auf und klopfte dem Franzosen auf die Schulter. »Was für eine Rettung!«

»Ja. Und ich habe das Gefühl, was uns passiert ist, war kein dummer Zufall.«

»Wie meinen Sie das?«

»Drehen sie sich mal um!« Patrick zeigte auf die Kellertür hinter ihnen. Sie war beschriftet. Jemand hatte sie mit einer Reihe von Hieroglyphen beschmiert, die eine Stunde zuvor noch nicht dort gewesen waren.

»Thot!«, entfuhr es Peter erschrocken.

»Ja. Dieselben Zeichen wie auf der Schlangenbox! Es sind diese Thot-Anhänger, von denen der alte Guardner uns erzählt hat. Sie verfolgen uns!«

»Ich habe den Eindruck, dass diese Leute nicht so harmlos sind, wie Mister Guardner uns glauben machen wollte.«

»Das sehe ich auch so. Und sie beobachten uns, wissen, was wir tun!«

»Aber wie kann das sein? Die einzige Person, die wusste, dass wir im Keller waren, ist Melissa ... «

»Sie glauben doch wohl nicht, dass sie etwas damit zu tun hat?!«

»Sie ist mir von Anfang an suspekt gewesen, Patrick.«

»Das haben Sie ja nun oft genug gesagt. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie uns da unten einsperren lässt!«

»Und weshalb nicht?«

»Weil sie ... « Patrick verdrehte die Augen. »Weil sie so was einfach nicht macht.«

»Das nennt man wohl Befangenheit, würde ich sagen.«

»Nennen Sie es, wie Sie wollen. Aber sie hat damit nichts zu tun!«

»Nun, wir können nur hoffen, dass Sie recht haben.«

»Ich bin mir sicher. Und wobei ich mir auch sicher bin: Wir sollten uns dringend den alten Guardner vorknöpfen und alles aus ihm herausquetschen, was er über diese Leute weiß!«

»Ich bin untröstlich, Gentlemen!« Oliver Guardner saß im Schatten einer Palme und sah die beiden besorgt an. »Sie hätten in große Schwierigkeiten kommen können, wenn man Sie dort unten erwischt hätte.«

»Wir waren bereits in großen Schwierigkeiten, Mister Guardner!« Patrick zündete sich eine Zigarette an, sog daran und blies den Rauch zur Seite. »Mal abgesehen davon, dass Peter fast erschlagen worden wäre, hätten wir da unten in den nächsten Wochen auch vergammeln können. Wer weiß, wann das nächste Mal jemand in den Keller gegangen wäre?«

»Sie haben vollkommen recht. Ein schrecklicher Gedanke! Und Sie sind sicher, dass die Schrift auf der Tür dieselbe war wie auf der Schachtel mit der Schlange, die man Ihnen in Rhodos zugespielt hat?«

»Vollkommen«, bestätigte Peter.

»Es wäre aber denkbar, dass irgendjemand den Namen der Gruppe nur missbraucht«, überlegte Guardner.

»Das würde das Ganze ja nur umso merkwürdiger machen«, sagte Patrick. »Ich schlage vor, Sie überlegen sich erst einmal, ob Sie nicht doch noch etwas vergessen haben, was wir über diese Thot-Leute wissen sollten!«

»Wie ich Ihnen bereits erklärte, Monsieur, sind die Anhänger von Thot Wehem Ankh bisher nicht in diesem Maße aufgefallen. Sie mögen Fundamentalisten sein, aber sie sind auch Intellektuelle und Geschäftleute. Ich habe noch nie gehört, dass sie einzelne Personen bedrohen würden. Warum sollten sie das auch tun?«

»Vielleicht, weil sie befürchten, dass diese Personen ihrer Sache schaden könnten«, überlegte Peter.

»Wie könnte das geschehen sein?«, fragte Guardner.

»Wenn die Gruppierung bestrebt ist, traditionelle ägyptische Werte zu fördern oder wiederherzustellen, dann bekämpfen sie alles, was diese Kultur in ihren Augen bedrohen könnte. Sie erwähnten bereits, dass sie sich gegen die muslimische Einstellung zur Position der Frau einsetzen. Ebenso wenden sie sich gegen moderne, westliche Einflüsse und die Ausbeutung der ägyptischen Kulturschätze. Es ist nur verständlich, dass sie kein Interesse daran haben, dass jemand die Ursprünge ihrer Kultur so kritisch hinterfragt.«

»Wie meinen Sie das, Professor?«

»Nun, wenn wir versuchen, zu verstehen, welche ursprüngliche Kultur die ägyptische hervorgebracht hat, wer die Lehrmeister der Ägypter waren, wem die Ägypter nacheiferten, dann zieht das den Thot-Anhängern den Boden unter den Füßen weg. Plötzlich ist das hier keine eigenständige, kreative und grandiose Kultur mehr, sondern lediglich ein Volk der Schüler und Nachahmer. So kann es jedenfalls in deren Augen aussehen.«

»Solche Ideen sind aber nicht neu«, sagte Patrick und kniff die Augen zusammen. »Wenn nun ausgerechnet wir aus diesen Gründen behindert werden, dann würde das bedeuten, dass die Thot-Anhänger uns als Gefahr ansehen. Als wüssten sie, dass wir auf dem richtigen Weg sind!«

»In der Tat«, sagte Peter, »das würde es bedeuten.«

»Ich frage mich nur, wie sie ständig wissen können, was wir tun. Sie wissen, dass wir hier wohnen, kennen unsere Schlafzimmer, sie sind uns nach Rhodos gefolgt, und sie wussten, dass wir heimlich in das Archiv des Museums eindringen würden. Dabei haben wir das erst heute Morgen spontan entschieden. Melissa scheidet als Spitzel schon allein deswegen aus, weil wir sie erst getroffen haben, nachdem man uns die toten Käfer an die Tür genagelt hat.«

»Sie vergessen«, warf Peter ein, »dass wir sie sehr wohl schon länger kennen. Wir haben sie schließlich in Hamburg zum ersten Mal getroffen.«

»Trotzdem! Von Rhodos wusste sie auch nichts.«

»Ich sehe schon, ich stoße hier auf Ihr taubes Ohr ... «

»Ganz richtig, Herr Professor.«

»Nun, wie dem auch sei. Wir können wohl davon ausgehen, dass wir auch weiterhin beobachtet werden, und es stellt sich die Frage, wie weit man gehen wird, um uns weiter zu behindern.«

»Weiß man, wer diese Leute sind? Wer steckt hinter Thot Wehem Ankh?«

»Meines Wissens ist das nicht bekannt«, erklärte Guardner. »Aber es ist möglich, dass man sich bisher nicht ausreichend Mühe gegeben hat, es herauszufinden. Schließlich hat die Gruppe bisher keine außergewöhnliche Bedrohung dargestellt. Ich werde mich umgehend darum kümmern, dass das untersucht wird.«

»Ja, das wäre wohl mal an der Zeit!«, sagte Patrick. »Wer weiß, wozu die fähig sind. Und ich für meinen Teil weiß gerne, mit wem ich es zu tun habe.«

»Sie müssen uns außerdem einen weiteren Gefallen tun, Mister Guardner«, sagte Peter.

»Aber natürlich«, erwiderte der Alte. »Alles, was ich tun kann, um Ihr Vorhaben zu unterstützen. Sie dürfen nicht vergessen, dass ich an der Auflösung des Rätsels ebenso interessiert bin wie Sie selbst!«

»Gut. Wir benötigen einen Termin mit dem Leiter des Supreme Council of Antiquities.«

»Einen Termin mit Dr. Hisham Abdel Aziz?«

»So ist es. Und zwar möglichst nicht zwischen Tür und Angel in seinem Büro.«

»Das wird außerordentlich schwierig sein! Wissen Sie, was Sie da verlangen? Dr. Aziz ist nicht nur ein extrem vielbeschäftigter Mann, er ist die wichtigste Persönlichkeit für Altertumsfragen in ganz Ägypten, er hat mehr Einfluss als viele Politiker. Ohne einen triftigen Grund werden Sie nicht einmal in das Vorzimmer des SCA kommen. Dr. Aziz verfügt über mehrere Ehrendoktortitel und ist Mitglied des Vorstands des Ägyptischen Museums. Diesen Mann kann man nicht einfach zum Tee einladen.«

»Ich hatte gehofft, dass Sie besondere Kontakte haben, die es uns ermöglichen. Es ist außerordentlich wichtig.«

»Um was geht es denn? Muss er selbst Ihnen weiterhelfen?«

»Wir haben Hinweise darauf gefunden, dass das Artefakt, das wir suchen, das Pyramidion des Djoser, tatsächlich existiert hat.«

»Wirklich?! Erzählen Sie!«

»Während der Ausgrabungen von Cecil Firth wurde 1926 in Sakkara ein mit Metall verkleidetes Pyramidion gefunden. Interessanterweise gab es im Zusammenhang mit dem Fund einen Unfall, der damals auf »statische Aufladung‹ des Objekts zurückgeführt wurde. Wir vermuten, dass jemand beim Berühren einen Schlag bekommen hat oder etwas in dieser Art. Jedenfalls wurde das Pyramidion abgedeckt, um es zu isolieren, und nach Kairo versendet. Dort traf es ein und wurde von der Altertümerverwaltung beschlagnahmt. Nähere Erklärungen haben wir nicht gefunden, aber wir vermuten, dass das Objekt aus ebendiesem Grund verschollen ist. Nur der Leiter des SCA ist wahrscheinlich in der Lage und befugt zu erklären, wo sich dieses Fundstück heute befindet.«

»Das ist eine außerordentliche Entdeckung, meine Herren! Es klingt ja fast so, als könne es tatsächlich jene Pyramidenspitze sein, von der Echnaton auf seiner Stele berichtet!«

»Und daher müssen wir mit Dr. Aziz sprechen.«

»Ich verstehe ... Nun, ich werde sehen, was sich machen lässt!«

Der Abend war bereits fortgeschritten, als Oliver Guardner auf der Terrasse saß. Der Franzose hatte sich noch vor dem Abendessen entschuldigt und sich zu einem neuerlichen Treffen mit Melissa verabschiedet. Und Professor Lavell hatte sich entschieden, sich frühzeitig zurückzuziehen, nachdem es am Abend zuvor so spät geworden war.

Er wartete noch nicht lange, als Al Haris im Garten erschien. Es bestand eine eigentümliche Verbindung zwischen ihnen. Oliver Guardner wusste stets, wann der Mann kommen würde, ganz so, als hätten sie sich ausdrücklich verabredet.

»Es freut mich, Sie zu sehen«, grüßte Guardner.

»Die Freude ist ganz meinerseits, alter Freund! Dass Sie nicht müde werden, mich so freundlich zu empfangen ... «

Guardner schenkte Wein ein. »Ich wünschte, wir hätten uns in den letzten Jahren so häufig sehen können wie in den letzten Tagen. Es gibt nicht viele Menschen, mit denen man auch in meinem Alter noch gute Gespräche führen kann.« Er reichte das Glas seinem Gast und lächelte. »Vermutlich wissen Sie das allerdings besser als jeder andere.«

Al Haris prostete Guardner zu. »Lassen Sie uns nicht vom Alter sprechen. Auf Ihr Wohl.«

»Die Lage spitzt sich zu«, sagte Guardner, nachdem er einen Schluck genommen hatte. »Ich werde ein Treffen mit Dr. Aziz vereinbaren.«

»Die beiden sind offenbar weit gekommen. Glauben Sie, sie werden an Dr. Aziz scheitern?«

»Wer kann das sagen?« Er trank einen Schluck, bevor er fortfuhr. »Und Thot ist aktiv geworden, massiver als jemals zuvor.«

»Das sollte Sie nicht übermäßig überraschen.«

»Nein, wirklich nicht. Aber es bereitet mir Sorge.«

»Ich verstehe, was Sie meinen. Es ist wohl weniger eine Gefahr für Leib und Seele als für das Unternehmen als solches.«

»Ja. Die beiden haben bereits einiges durchgemacht. Weitere Drohungen könnten sie von ihrem Vorhaben abhalten.«

»Nun, ich habe die Erfahrung gemacht, dass Gefahr stets relativ wahrgenommen wird. Relativ in Bezug auf das Ziel. Der höchste Preis verdient die größte Anstrengung und rechtfertigt oft das höchste Risiko. Denken Sie an Ihre eigene Vergangenheit.«

»Ja, da haben Sie wohl recht.«

»Tatsächlich mag das Aufbegehren von Thot sie sogar stärken, sie bestätigen, dass sie auf dem richtigen Weg sind.«

»Dem ist in der Tat auch so! Aber wir fragen uns, wie weit Thot gehen wird.«

»Nun, Oliver, Sie kennen diese Leute so gut wie ich. Tatsächlich denke ich, dass es größere Unwägbarkeiten gibt.«

»Denken Sie dabei noch immer an die Frau?«

»Ja, die junge Dame aus dem Museum. Sie ist nach wie vor ein unbekannter Faktor. Und sie birgt eine große Kraft. Aber es ist auch mir nicht ersichtlich, in welcher Form dies einen Einfluss auf die Forscher und ihre Untersuchungen haben wird.«

»Eine Kraft? Wie meinen Sie das? Ich welcher Hinsicht? Zerstörerisch? Sollten wir sie fernhalten?«

»Das ist schwer zu beurteilen. Ich sehe nur, dass sie in der Lage ist, große Dinge zu bewegen. Hier tritt etwas auf den Plan, das wir nicht vorhersehen konnten.« Al Haris lächelte Guardner an. »Aber was wäre das für eine Welt, wenn alles vorherbestimmt wäre? Ein ausgezeichneter Wein übrigens! Ein Cabernet Sauvignon?«

»Ja, sehr intensiv, nicht wahr? Es ist ein chilenischer Casablanca.«

»Die Neue Welt ... Etwas sagt mir, dass auch sie bald noch eine Rolle spielen wird.«

»Wir müssen uns unterhalten.« Patrick stellte sein Glas auf dem kleinen Tisch in Melissas Wohnzimmer ab und sah sie eindringlich an.

»Aber das tun wir doch schon die ganze Zeit.«

»Nicht, dass du es falsch verstehst: Ich mag dich wirklich gern, und ich vertraue dir. Aber es gibt ein paar Dinge, die wir besprechen müssen.«

Melissa rutschte auf ihrem Kissen herum und setzte sich aufrecht hin. »Okay ... Um was geht es? Die Sache heute im Museum?«

»Ja. Nicht nur. Aber fangen wir damit an. Es ist nicht das erste Mal, dass wir bedroht wurden, seit wir an diesem Projekt arbeiten. Jemand scheint uns zu beobachten und hat ganz offensichtlich etwas dagegen, dass wir uns umsehen. Aber niemand außer dir wusste, dass wir im Keller waren!«

»Darüber haben wir doch schon gesprochen. Es könnte höchstens sein, dass Essam, der mir den Schlüssel gegeben hat, etwas weitererzählt hat. Aber das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Das meine ich gar nicht. Aber vielleicht hat dich jemand verfolgt oder beobachtet. Ist dir etwas aufgefallen?«

»Viel wahrscheinlicher ist es doch, dass man euch beobachtet hat, findest du nicht?«

»Das mit Sicherheit. Aber vielleicht ist dir auch etwas aufgefallen? Wenn du genau nachdenkst?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, wirklich nicht. Und ich achte immer darauf, wer sich in meiner Nähe herumschleicht. Du ahnst gar nicht, wie viele Touristen versuchen, sich heimlich einer Führung anzuschließen, nur, um nichts zu bezahlen.«

Patrick nickte nachdenklich. »Dann kannst du mir vielleicht etwas über diese Gesellschaft erzählen, die sich Thot-Wehem-Ankh-Irgendwas nennen. Schon mal von denen gehört?«

»Thot Wehem Ankh Neb Seshtau heißt sie. Ja, natürlich.«

»Man hat uns gesagt, dass sie harmlos sind. Wollen alte ägyptische Traditionen wiederbeleben. Eher politisch orientiert.«

»Na ja, nur politisch würde ich nicht sagen. Es geht schon darüber hinaus, ihre Texte und Ansichten haben auch etwas Religiöses an sich. Sie nennen sich ja nicht umsonst Der Wiedergeborene Thot, Herr der Geheimnisse. Sie verehren den altägyptischen Gott Thot als den Begründer der Wissenschaften und der Kultur. Sie sind der Ansicht, dass die Geheimnisse Thots noch immer darauf warten, zur rechten Zeit offenbart zu werden, und sie behaupten, dass es eine jahrtausendealte Quelle des Wissens gibt, die erschlossen werden kann und wird, wenn sie nur den Weg bereitet haben. Sie sehen sich als Diener und Helfer des übermächtigen Al Haris, jenes mystischen Hüters, der diese Quelle bewachen soll ... Wenn man es sich überlegt, ist es nur logisch, dass ihr den Thot-Anhängern in die Quere gekommen seid. Ihr seid ja schließlich auch auf der Suche nach einer Quelle des Wissens, richtig?«

»Ja, das könnte man so sagen ... Denkst du, die Thot-Leute könnten uns gefährlich werden? Wie schätzt du sie ein?«

Melissa zuckte mit den Schultern. »Puh, keine Ahnung. Wer weiß? Wenn sie etwas beschützen wollen und es ihnen wichtig genug ist ... «

»Weißt du, wer sie sind, wie man sie kontaktieren kann? Vielleicht sollten wir mal ein Auge auf die Jungs werfen.«

»Tut mir leid, die halten sich vollkommen anonym. Ich meine, klar, irgendjemand muss es wissen, aber ich wüsste nicht, wo man anfangen sollte. Ich kann mich ja mal umhören.«

»Ich weiß nicht ... vielleicht ist das doch keine gute Idee.« Patrick dachte an sein Erlebnis in Albi. Damals hatte er sich einmal Hilfe suchend an die Polizei gewandt, nur um festzustellen, dass diese mit den Entführern unter eine Decke steckte. »Je nachdem, wen wir fragen, haben wir dann vielleicht mehr Ärger als vorher.«

»Dann hilft nur, besonders wachsam zu bleiben.«

»Sieht so aus, ja.« Patrick stand auf und trat auf das Bildnis von Aleister Crowley zu. »Der Bursche hier«, sagte er dann, »darüber müssen wir auch reden.«

»Okay ... « Melissa sah fragend zu ihm auf.

»Ich habe mir ein paar Gedanken gemacht. Was du mir gestern erzählt hast. Und ich halte überhaupt nichts davon.« Er erwartete eine besondere Reaktion, aber sie schwieg, sah ihn nur an und wartete, dass er fortfuhr. »Du bist so klug, gewitzt und selbstständig. Ich kann nicht verstehen, dass du dich so einer Gruppe von Spinnern anschließt. Ich kann nicht mit einer Frau ins Bett gehen, die einen Typ anhimmelt, der von sich behauptet, der Teufel zu sein, das Tier mit der Zahl 666 ... «

Melissa hob abwehrend die Hände. »Erstens hat er das nie von sich selbst behauptet ... «

»Moment«, unterbrach Patrick sie, »ich will erst zu Ende reden. Also, ich habe nicht viel Ahnung über die Details von eurem Kram. Ich weiß nur das, was so allgemein bekannt ist, und mehr interessiert mich ehrlich gesagt auch nicht. Was du mir bisher erzählt hast, war schon merkwürdig genug, und damit kann und will ich nichts anfangen. Ich weiß aber auch, dass du eine Menge Ahnung von Geschichte und Philosophie hast, dass du dich für Hintergründe interessierst. Du bist nicht so naiv, wie es manchmal scheint. Ich denke, du weißt viel mehr, als du zugibst, und du suchst nach mehr, nach einer größeren Wahrheit. Und bei dieser Sekte bist du nicht fündig geworden.« Patrick leerte sein Glas und redete dann weiter. »Deswegen warst du auch so fasziniert von Peter, weil ihr beide euch sehr ähnlich seid. Ich möchte dir gern noch mehr davon erzählen, was wir gefunden haben, und was wir suchen. Ich weiß einfach, dass es das Größte ist, was auch du dir vorstellen kannst! Aber die Tatsache, dass du bei solchen Idioten mitmachst, passt einfach nicht ins Bild. Stört mich massiv!« Er setzte sich wieder und legte eine Hand auf ihr Bein. »Weißt du, vor einiger Zeit, während unseres Projekts in Südfrankreich, da hatte ich ein Erlebnis. Es klingt vielleicht merkwürdig ... «

»Gut ... «

»Also, ich hatte das ja schon mal erwähnt, dass wir damals eine Höhle untersucht haben. So etwas habe ich vorher noch nie erlebt. Die Wände waren über und über mit Schriftzeichen bedeckt, zum Teil mit Schriften und in Sprachen, die man im Mittelalter eigentlich gar nicht kennen konnte. Und immerhin war die Höhle aus dem 13. Jahrhundert!«

»Klingt spannend!«

»Ja, aber das Merkwürdigste war der hintere Teil. Wir haben lange gebraucht, bis wir herausgefunden haben, wie man hineinkommt, aber dann war es einfach nur fantastisch! Die ganze Höhle war wie ein gigantisches Wissensarchiv. Wir wissen nicht, wer sie gebaut hat oder wie sie funktionierte. Aber man musste nur seine Gedanken auf eine bestimmte Sache konzentrieren und konnte so in die Zukunft und in die Vergangenheit sehen. Es war einfach unfassbar!«

»Was habt ihr mit der Höhle gemacht?«

»Wir konnten uns leider nicht lange mit ihr beschäftigen – aber das ist es auch gerade, worauf ich hinausmöchte. Weißt du, ich bin wirklich kein Typ, der sich für solchen metaphysischen Unfug interessiert, aber der Besuch in der Höhle hat etwas in mir verändert. Seitdem sehe ich manchmal merkwürdige Dinge. Erinnerst du dich, dass ich dir beim Abendessen von meinem Traum mit den Hunden oder vielmehr mit Anubis erzählt habe?«

Melissa nickte.

»Also solche Träume habe ich häufiger. Dass ich Sachen sehe oder weiß, von denen ich eigentlich keine Ahnung habe oder die erst später eintreffen. Das war vor der Höhle noch nicht so, und damals hätte ich jeden ausgelacht, der mir so einen Quatsch erzählt ... Sag mal, kann ich hier eine rauchen?«

Melissa zögerte. Dann stand sie auf und öffnete eine schmale Terrassentür. »Ausnahmsweise.«

»Danke!« Patrick suchte seine Taschen nach der Packung ab, und als er schließlich eine Zigarette gefunden, angezündet und den ersten Zug genommen hatte, lehnte er sich zurück und sah an die Decke, während er weitersprach. »Also diese Höhle, die hat einiges verändert. Nicht nur, dass ich komisches Zeug träume, sondern auch, dass ich mir oft Gedanken um Dinge mache, die mich vorher nicht interessiert haben, und dass ich manchmal Sachen aus einer Perspektive sehe, die ich vorher nicht bedacht habe. Ich weiß, es klingt dämlich, aber ich habe das Gefühl, dass ich seitdem einen Auftrag habe ... Nicht, dass du mich jetzt für irgendeinen Klapsmühlenfall hältst, ja?«

Melissa nickte lächelnd. »Nein, keine Sorge. Erzähl weiter.«

Patrick nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. »Also, da sind die Träume. Aber da ist noch mehr, irgendein größeres Verständnis, wenn man so will. Ich weiß heute, weshalb wir damals die Höhle nicht behalten durften. Und zwar, weil sie einfach zu mächtig war. Es gibt eine Macht, uralt, ganz gleich welchen Ursprungs, aber diese Macht hat die Kulturen geschaffen und über die Jahrtausende gefördert und behütet. Diese Macht schlummert einerseits in uns allen, unendlich verdünnt, wie ein sehr stark verdünntes Medikament, das selbst schon gar nicht mehr nachweisbar ist, das aber eine Art Erinnerung im Körper auslöst, so dass sich alles danach ausrichtet, ganz so, als sei es noch da ... «

»Das Prinzip der Homöopathie, meinst du?«

»Genau.«

»Klingt spannend!«

»So in der Art jedenfalls durchdringt uns etwas. Der Schatten eines ehemaligen Wissens. Jeden Einzelnen von uns, aber auch unsere Kulturen, alles, was als Kunst, als Politik, als Philosophie, als Religion und als Überlieferungen und Legenden weitergegeben wurde. Ich bin inzwischen der Überzeugung, dass dieses ursprüngliche Wissen gefunden werden kann. Und ich denke, dass es sogar ganz konkret, anfassbar ist. Wer auch immer die Menschen auf den Weg geschickt hat, hat Archive des Wissens hinterlassen. So, wie in Südfrankreich. Archive, die gefunden und genutzt werden können, wenn wir uns so weit entwickelt haben, dass wir sie verstehen und nutzen können.«

»Es wundert mich, so was von dir zu hören«, sagte Melissa. »Normalerweise hört man nur Esoteriker so reden.«

»Das weiß ich ja selbst! Deswegen erzähle ich dir das doch alles. Ich halte auch nichts von solchem esoterischem Quark und New-Age-Geschwafel. Aber das Erlebnis in der Höhle hat etwas in mir ausgelöst. Ich spüre und verstehe, dass es etwas gibt, das größer und älter ist als diese ganzen Glaubenskonstrukte. Du glaubst ja gar nicht, was man uns schon für einen Unsinn erzählt hat, von semitischen Abstammungslinien, den Erbauern des Turms von Babylon, von Rosenkreuzern, ketzerischen Tempelrittern, Archiven von Martin Luther und was nicht noch alles. Und dann kommst du mit Aleister Crowley und seinem lächerlichen Satans-Orden. Nicht nur, dass ich es für falsch und vielleicht sogar gefährlich halte. Es verblasst auch zu absoluter Bedeutungslosigkeit vor dem, auf dessen Spur wir jetzt sind.«

Patrick stand auf und stellte sich an die Terrassentür, wo er einen letzten Zug nahm und die Kippe nach draußen schnippte. »Jedenfalls, und jetzt komme ich auf den Punkt, jedenfalls liegt etwas vor uns, das ich nicht mit dir teilen kann, solange du nicht auf der selben Stufe stehst wie ich.« Er verdrehte die Augen. »Meine Güte, was rede ich für einen Scheiß! Aber so in etwa meine ich es. Verstehst du? Ach, ich weiß auch nicht, wie ich es sagen soll!«

Melissa trat auf ihn zu und legte ihre Hand auf seine Schulter. »Nein, ich weiß schon, was du meinst.« Ihre Stimme war ruhig, fast behutsam. »Es klingt wertend, und das möchtest du vermeiden. Aber das sind Themen, über die sich nur schlecht mit anderen Begriffen reden lässt. Ich wundere und freue mich, das von dir zu hören ... Komm, setz dich, jetzt möchte ich dir etwas erzählen.«

Sie ließen sich nieder, und Melissa trank ihren Wein aus. Dann sagte sie. »Als ich dich kennengelernt habe, warst du gradlinig, direkt und forsch. Du machtest einen oberflächlichen Eindruck, aber was mich an dir faszinierte, war nicht der unverschämte, selbstsichere Patrick, sondern etwas, was dahinterlag. Das konnte ich von Anfang an spüren. Du warst fast schüchtern, wenn wir uns unterhalten haben, und ich habe versucht, dich aus der Reserve zu locken. Schon gestern Abend kamen dann plötzlich tiefe Weisheiten aus dir heraus wie funkelnde Kostbarkeiten. Wahrheiten, die ich ebenfalls so sehe, aber noch nie mit solcher Selbstverständlichkeit und in so klaren Worten ausgesprochen gehört habe. Ich habe über das nachgedacht, was du gesagt hast, darüber, was unsere Aufgabe im Leben ist, und dass nicht wir selbst und unser Wille, sondern unser Handeln im Zentrum stehen soll und muss. Und zwar das Handeln im Dienst der uns Umgebenden und uns Folgenden. Ich glaube sogar, wenn man den Gedanken weiterspinnt, dass es keine Trennung zwischen dir und mir und den anderen Menschen gibt. Tatsächlich sind wir ein großes, gemeinsames Gefüge.«

Patrick wusste für einen Augenblick nicht, was er sagen sollte. Melissas Einsicht überraschte ihn, wenngleich er in gewisser Weise gehofft hatte, dass sie verstehen und auf diese Weise reagieren würde.

»Tatsächlich«, sprach Melissa weiter, »mache ich mir nicht erst seit heute Gedanken darüber. Das ist ein philosophisches Gefüge von großer Tragweite, und du kannst dir vorstellen, dass man auf Teile davon überall trifft, wenn man sich mit den religiösen Fragen und dem Ursprung unseres Wissens beschäftigt. Darin sind wir uns sehr ähnlich.«

»Daher wundert es mich ja auch so – nein, es macht mich richtiggehend wütend, dass du in dieser Sekte mitmischst. Ich bin auf einem anderen Weg, und ich kann dich nicht mitnehmen. Verstehst du das?«

»Du musst dir keine Gedanken machen. Ich habe mich den Leuten nicht angeschlossen, weil ich an ihren Lippen hängen, ihnen gehorchen, mich ihnen unterordnen will. Diese Leute sind verwirrt und haben selbst die geringste Ahnung davon, wie die Dinge sind. Die Hälfte von dem Zeug, das sie glauben, ist bedeutungsvoll scheinender Wirrwarr, die andere Hälfte ist hausgemachter Unsinn. Aber dazwischen stecken ein paar gute Gedanken. Deswegen habe ich mich ihnen angeschlossen, um einen Zugang zu haben, um ihre Wege und ihre Lehren zu recherchieren und mir das herauszuziehen, was ich für sinnvoll erachte. Mein Interesse an ihnen geht nicht darüber hinaus.« Sie deutete auf das Bild. »Er hier, Aleister Crowley, war nichts weiter als ein selbstverliebter Guru, einer, der nicht entscheiden konnte, ob er Dandy, Macho, Enfant terrible, Diktator oder Schamane sein wollte. Schillernd, aber vollkommen bedeutungslos. Das Bild habe ich beim Eintritt in den Verein geschenkt bekommen, wie ich schon sagte. Es hängt dort für mich als Erinnerung an die Verwirrung und Selbstüberschätzung um uns herum, und daran, wie leicht es ist, auf den falschen Weg zu geraten.«

Patrick hob die Augenbrauen, als er ihre Erläuterungen hörte. Bei jeder anderen Person hätte es wie eine Ausflucht geklungen, aber es fügte sich in das Bild, das er von Melissa als intelligenter und willensstarker Frau hatte. »Warum bist du dann immer noch dabei?«, fragte er. »Im Grunde brauchst du diese Leute doch nicht mehr.«

»Du hast recht. Ich brauche sie nicht mehr. Ich warte nur auf den richtigen Augenblick, um mich Neuem zuzuwenden.«

»Und dieses Neue ... Soll ich das etwa sein?«

»Vielleicht ... « Sie sah ihn mit großen Augen an. Nach einer Weile fragte sie halblaut: »Liebst du mich?«

Patrick sah sie lange schweigend an, bevor er antwortete. »Ich schätze dich. Als Seelenverwandte, als Mensch, als Frau, als Freundin, als Begleiterin auf einem Weg. Als jemand, bei dem ich gerne bin, der mir Wärme, Freude und Zärtlichkeit gibt. Jemand, dem man immer alles Gute wünscht, den man nicht zurücklassen möchte. Aber« – wieder machte er eine Pause, zögerte, ob er sagen sollte, was ihm auf dem Herzen brannte – » ... ich liebe dich nicht in einem ausschließlichen und alles überstrahlendem Sinn. Verstehst du, wie ich das meine?

Du bist einzigartig, mir einzigartig, und du hast einen festen Platz in mir, aber es ist nicht dieser eine Platz, den man vielleicht meint, wenn man von der großen Liebe des Lebens spricht ... Verstehst du?«

Sie nickte, langsam, aber zustimmend. »Ja, ich weiß, was du meinst.« Dann lächelte sie. »Und es ist mir mehr als recht, dass du es so siehst.«

»Tatsächlich?«

»Ja!« Sie legte ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn auf den Mund. Dann sah sie ihn an und grinste. »Du bist nämlich gar nicht mein Typ.« Sie küsste ihn erneut, warf ihr ganzes Gewicht auf ihn, und sie versanken innig umschlungen in einem Meer aus Kissen.


Patrick schlief schon einige Zeit, als Melissa noch immer wach lag. Eine Kerze neben dem Bett war inzwischen auf ein Drittel heruntergebrannt und erzeugte mit ihrer kleinen Flamme bewegliche Schatten an den Wänden. Melissa hatte Schwierigkeiten, einen Punkt an der Decke zu fixieren, immer wieder verschwamm alles vor ihren Augen. Zu viele Gedanken schwirrten durch ihren Kopf, immer wieder meinte sie, dieselben Worte zu hören, verfolgte mögliche Antworten und Reaktionen und kam wieder zum Ausgangspunkt zurück. Der Schlaf wollte sich nicht einstellen.

Wie schon am Abend zuvor entschied sie sich irgendwann aufzustehen. Sie zog sich nicht an, sondern setzte sich nackt an ihren Laptop und verharrte dort mehrere Minuten, starrte die geschlossene Klappe an, unfähig, eine Entscheidung zu treffen. Ein Frösteln ließ sie schließlich erschaudern. Sie atmete tief ein, öffnete den Rechner und startete ihr E-Mail-Programm. Sie beobachtete, wie ihre Brüste vom kalten Blau des Displays beleuchtet wurden. Dies war die reale Welt, die moderne Welt. Welchen Platz hatten darin Gedanken über arkanes Wissen und eine uralte Geschichte der Menschheit?

Ohne besonderes Ziel, einfach, um etwas zu tun, begann sie zu schreiben. Sie schilderte den Abend, wiederholte Patricks Worte und ihre eigenen Gedanken. Dann schrieb sie von ihrem eigenen Weg der Suche, erzählte von ihrer Arbeit, ihren Studien, den Büchern, die sie gelesen hatte, ihren Schlussfolgerungen, ihrer Schulzeit, ihrer Kindheit. Irgendwann hatte sie drei Seiten mit Text gefüllt und merkte, dass sie mit allem, was sie schrieb, eigentlich eine genaue Beobachtung verfasste, wie sich das, was sie heute gehört hatte, durch ihr eigenes Leben zog. Sie las den Text noch einmal von vorn und kam zu keinem anderen Ergebnis.

Unwillkürlich wollte sie die Mail versenden und hielt inne, als sie den Empfänger eintippte.

Bruder Morgenstern.

Aber der Abend hatte etwas verändert. Die Schwelle war erreicht, an der aus Gedanken Worte wurden, und aus Worten Taten. Sie entfernte den Namen, und statt den Text zu verschicken, klickte sie auf »Speichern«.

Anschließend klappte sie den Rechner zu und tauchte wieder in die Wärme des Kerzenlichtes ein. Ein weiches Gefühl umgab sie. Sie lächelte, legte sich hin, kuschelte sich eng an den Franzosen und blies die Kerze aus.

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