Epilog


12. Oktober 2006, Guardner Residence, Kairo


Patrick sah sich umgeben von Licht. Er schien in einem zeitlosen Zustand zu schweben, und obwohl er sich an das Vergangene deutlich erinnerte, konnte er nicht sagen, wie lange es bereits vorbei war.

Dann formte sich eine Gestalt vor seinem inneren Auge. Er erkannte sie sofort. Es war eine Frau, nur wenig kleiner als er selbst, sie hatte einige Strähnen ihres blondes Haares hinter ein Ohr geklemmt und sah ihn aus Augen an, in deren Tiefe ein unbestimmbares Alter lag.

Es war Stefanie.

Gut gemacht, mein Tapferer, sagte sie lächelnd.

Du warst es!, brachte er stockend hervor. Du warst die vorherige Hüterin.

Ja. Überrascht es dich?

Nein. Ich hätte es ahnen können.

Du hast deine Aufgabe hervorragend gelöst, sagte sie. Du hast einen neuen Hüter gefunden und die Halle der Aufzeichnungen für die Zukunft bewahrt.

Aber was ist in der Halle?, fragte Patrick. Was ist dort aufgezeichnet? Was wäre passiert, wenn wir selbst durch das Licht gegangen wären?

Die Halle, erklärte sie, birgt das Wissen über die wahre Vergangenheit der Kulturen, über ihre Quelle, ihre Wurzeln. Sie birgt auch alles Wissen, das bereits einmal vorhanden war und wieder vergessen wurde. Und sie offenbart das Wissen der Zukunft. Nur der Hüter der Halle vermag das Licht zu durchqueren, denn der Mensch muss noch geboren werden, der so rein wäre, dass er das Abwägen des Herzens überstehen würde.

Also stimmten die Legenden über die Halle der Aufzeichnungen, die von unbekannten Völkern angelegt worden war, lange vor den Ägyptern, aber eine Erinnerung in der Geschichte hinterlassen hatte. Sie hatten sie tatsächlich gefunden und zugleich wieder verloren.

Du hast uns die ganze Zeit begleitet!, sagte er. Ich habe dich gesehen, in Rhodos und im Museum.

Wenn du mich gesehen hast, dann muss es wohl so gewesen sein ... kam die Antwort.

Wie geht es jetzt weiter?, fragte er.

Auch wenn sie euren Weg kreuzten, waren diese Archive des Wissens nie für euch bestimmt. Hier gibt es nichts mehr für euch zu tun. Dann streckte sie einen Arm nach ihm aus, und Patrick spürte, wie ihn eine elektrisierende Welle überrollte. Aber ich bin sehr sicher, fügte sie dann hinzu, dass du einen neuen Weg finden wirst.

Dann entfernte sich die Gestalt, wurde kleiner, begann, zu verblassen und mit dem Licht eins zu werden.

Werde ich dich wiedersehen?, rief er.

Vielleicht, klang ihre Stimme wie aus weiter Ferne, und dann meinte er, ein leises Lachen zu hören.


Patrick schlug die Augen auf.

Es war heller Tag, er lag in seinem Bett im Haus des alten Guardner. Einen Moment lang rekapitulierte er seine Erinnerungen. Die Höhle, die Gespräche, das Licht, der Traum. Aber er hatte keine Ahnung, wie er hierhergekommen war.

Er stand auf und stellte fest, dass er wie üblich nackt war. Entweder er hatte sich am Abend zuvor selbst ausgezogen, oder jemand, der seine Gewohnheiten kannte, hatte es für ihn getan.

Kopfschüttelnd zog er sich an und hastete aus dem Zimmer, durch den Flur, den Salon und auf die Terrasse.

Dort saß Peter bei einer Tasse Tee. Allein.

»Da sind Sie ja«, grüßte ihn der Engländer.

»Nun ... ich ... ja, ich schätze schon. Und Sie auch. Wie sind wir gestern hierhergekommen?«

Peter hob die Augenbrauen. »Ich hatte befürchtet, dass Sie das fragen würden. Ich weiß es nämlich auch nicht.«

Patrick zog eine Zigarettenpackung aus der Hosentasche, hatte sich bald darauf eine Filterlose angesteckt und setzte sich. »Das ist doch nicht zu fassen, was? Erst in Frankreich und jetzt hier: Wir machen einen sensationellen Fund, und am Ende stehen wir mit leeren Händen da. Alles für nichts!«

»Ich habe auch darüber nachgedacht«, sagte Peter. »Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass man es so eigentlich nicht sehen kann.«

»Sie meinen die Kohle? Die uns der alte Guardner noch geben wollte? Wo ist er überhaupt?«

»Er ist nicht hier«, erwiderte Peter. »Und wenn ich das hier richtig interpretiere, werden wir ihn wohl auch nicht wiedersehen.« Er reichte Patrick einen Brief. »Er lag auf meinem Nachttisch.«

Patrick faltete das Schriftstück auseinander. Es war handschriftlich.


Sehr geehrter Professor Lavell, sehr geehrter Monsieur Nevreux,

wenn Sie beide diesen Brief wohlbehalten lesen, dann hat sich alles so gefügt, wie ich es gehofft hatte. Ich bin Ihnen, wie ich Ihnen versicherte, zu größerem Dank verpflichtet, als Sie sich vorstellen können, und Sie werden feststellen, dass ich Ihnen nach meinen besten Möglichkeiten eine kleine Entschädigung für Ihre Mühe hinterlassen habe. Ich muss mich leider in dieser Form von Ihnen verabschieden und bedaure, dies nicht persönlich tun zu können. Doch nach getaner Arbeit liegt vor mir nun ein neues Abenteuer, das ich zu unternehmen gedenke, und bei diesem sind wir alle allein.

Verweilen Sie in meinem Haus noch, so lange es Ihnen genehm ist. Ich habe mir die Freiheit genommen, bereits alle Vorbereitungen für Ihre Rückreise zu treffen, so dass Sie Samira und Ahmad nur Bescheid geben müssen.

Ich verbleibe meinerseits und wünsche Ihnen für Ihre Zukunft alles erdenklich Gute, Erfolg und Weisheit.

Hochachtungsvoll, Ihr Oliver Guardner


Patrick legte den Brief beiseite. »Er hat sich dünngemacht, würde ich sagen.« Er stieß eine Rauchwolke aus. »War ihm vielleicht auch peinlich, uns nach dieser Aktion noch mal gegenüberzutreten.«

»Seien Sie nicht so streng mit ihm«, entgegnete Peter. »Ich habe über ihn nachgedacht, und vielleicht hatte er tatsächlich keine andere Möglichkeit, um einen Nachfolger zu finden. Er musste in Erfahrung bringen, ob dieser das notwendige Wissen hat, um den Spuren zu folgen, und die notwendige Reife und Rechtschaffenheit, um stets die richtigen Entscheidungen zu treffen.«

Patrick schwieg. Er dachte an Stefanie und daran, dass auch sie ihm erklärt hatte, dass diese Aufgabe für sie bestimmt gewesen war. Sie hätten nicht anders handeln sollen und können. Es war genau so richtig, wie es sich ergeben hatte.

»Haben Sie sich Gedanken darüber gemacht, wer die Höhle gebaut haben könnte?«, fragte er. »Ägyptisch war sie ja wohl kaum.«

Peter schüttelte den Kopf. »Die Inschriften auf den Säulen glichen keiner mir bekannten Kultur. Und Sie haben es selbst gesagt: Die Tropfsteine müssen vor mehreren zehntausend Jahren gewachsen sein. Was wir gesehen haben, mein Freund, war das Zeugnis einer uralten Hochkultur, höher entwickelt, als wir es heute sind. Möglicherweise war das der Ursprung der ägyptischen Kultur und Religion. Eine wissenschaftliche Sensation!«

»Und wieder haben wir alles verloren!«

»In materieller Hinsicht, ja. Was aber unsere Suche angeht«, fuhr Peter fort, »bin ich inzwischen der Auffassung, dass wir mitnichten mit leeren Händen dastehen. Wir haben bereits so viel gesehen, mehr, als sich irgendjemand vorstellen kann, wir haben eine Ahnung davon bekommen, dass die Geschichte tatsächlich viel größer ist, als wir es uns bisher erträumt haben. Wir wissen nun, dass mehr dort draußen ist, wir beginnen zu verstehen. Und wie uns der mysteriöse Al Haris sagte: Wir sind bereits auf einem Weg, und dieser sollte nicht in Frankreich enden und ebensowenig in Ägypten. Indem wir voranschreiten, lernen wir.«

»Der Weg ist das Ziel? Ist es das, was Sie meinen?«

»Ja«, sagte Peter, »in gewisser Weise. Es geht nicht um ein Archiv des Wissens, das noch aus alter Zeit überdauert hat, sondern wir betreten einen viel größeren Kosmos. Halten Sie mich für verschroben, aber ich denke, uns ist es bestimmt, in die Vergangenheit selbst vorzudringen.«

Patrick ließ sie Worte nachklingen und nickte schließlich. »Wissen Sie was, Peter? So merkwürdig es klingt, vor allem aus meinem Mund: Ich glaube, Sie haben recht.« Dann lachte er. »Aber abgesehen davon halte ich Sie trotzdem für verschroben.«

Nun lachte auch Peter. »Und damit komme ich gut zurecht!«


16. Oktober 2006, Museum für Völkerkunde, Hamburg


Peter Lavell betrat sein Büro und blieb einen Augenblick stehen. Er ließ seinen Blick über die Bücherregale streifen und über die gerahmten Manuskripte an den Wänden. Es wurde Zeit, vieles in einem anderen Licht zu betrachten. War das Wissen in diesen Büchern überhaupt der Rede wert? War es überhaupt wahr? Er schmunzelte, ging um seinen Schreibtisch herum und setzte sich. Wieder verharrte er in Gedanken. So viele Jahre hatte er hier gesessen und aus der örtlichen und zeitlichen Ferne die Geschichte studiert. Und so wagemutig viele seiner Theorien auch stets gewesen sein mochten, war er doch niemals auch nur annähernd mutig und verrückt genug gewesen, jene Dinge in Frage zu stellen, die sich nun in der Wahrheit der neuen Erkenntnisse auflösten und den Blick auf eine völlig andere Geschichte, ein unbekanntes Kapitel der Menschheit lenkten. Nie wieder würde er arbeiten können wie zuvor – und er würde recht bald schon mit dem Franzosen erneut in Kontakt treten. Es verband sie eine gemeinsame Erfahrung und ein Wissen, das sie näher aneinanderband, als je einer der beiden sich noch vor nicht allzu langer Zeit hätte vorstellen können.

Peter lächelte beim Gedanken an den unverschämten Franzosen.

Dann fiel sein Blick auf die Post, die sich in den zwei Wochen seiner Abwesenheit aufgetürmt hatte. Seufzend setzte er seine Lesebrille auf, als ihm ein Brief aus Kairo auffiel. Er war von Melissa.


Lieber Peter, lieber Patrick,

leider kann ich Sie nicht mehr persönlich sehen, weder jetzt noch in Zukunft, denn ich habe eine große Aufgabe übernommen. Der Schutz der Halle der Aufzeichnung erfüllt mich mit unbeschreiblicher Ehrfurcht und mit Stolz, aber damit ist auch viel Arbeit verbunden und die Notwendigkeit, mich künftig behutsam, weise und zurückhaltend zu verhalten. Melissa Joyce existiert nicht mehr, nur noch eine neue Hüterin.

Sie beide haben mir geholfen und nicht nur mir, sondern auch den Archiven, der Wahrheit und der Welt. Peter, Ihr Wissen und Ihr Scharfsinn werden mich immer anspornen, und Patrick, Dein Wesen hat mein Leben erleuchtet, und Du wirst immer ein Teil von mir bleiben.

Ich danke Euch, meine Freunde, und sende Euch alle guten Wünsche. Es soll sich für Euch alles stets so fügen, wie es für Eure Entwicklung das Beste ist. Möget Ihr weiterhin in interessanten Zeiten leben.

Eure »Melissa«


Aus dem Umschlag fiel ein weiteres gefaltetes Blatt. Es war eine Seite der Al Ahram Weekly, die englische Wochenzeitung der ägyptischen Al Ahram. Auf der Seite war ein Nachruf abgedruckt. Er galt Oliver Guardner.

Unter seinem Namen und dem Datum 11. io. 2006 stand ein kurzer Text, dreisprachig, wie auf dem Stein von Rosetta, allerdings in Hieroglyphen, auf Arabisch und auf Englisch:


Du erhebst dich des Morgens am Horizont

Du leuchtest als Sonne des Tages

Du vertreibst die Finsternis

Du verbreitest deine Strahlen

Die zwei Länder feiern dir zu Ehren


Peter kannte diese Zeilen. Es war ein Teil des berühmten Sonnenhymnus, jener Ode an den über alles stehenden Gott Aton, die der mysteriöse Ketzerpharao Echnaton selbst verfasst hatte.

Unterschrieben war der Nachruf mit einer Zeile Hieroglyphen, die Peter las, ohne sie übersetzen zu müssen:



Thot Wehem Ankh Neb Seshtau


Peter lächelte erfreut. So fügte sich alles am Ende ineinander. Dann lehnte er sich zurück und stopfte seine Pfeife. Ja, es würden interessante Zeiten werden.

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