Kapitel 4


6. April 1939, Deutsche Gesandtschaft, Garden Town, Kairo


Wolfgang Morgen wartete in einem Büroraum der Gesandtschaft. Die Gesellschaft war vor einigen Minuten eingetroffen, doch bis zum Abendessen war noch Zeit. Er saß in einem breiten, gepolsterten Stuhl. Neben ihm, auf dem Schreibtisch, ruhte eine silbern glänzende Schatulle. Ihretwegen wollte sich Goebbels mit ihm treffen.

Schritte näherten sich, und dann öffnete sich die Tür. Die schmächtige Gestalt des Reichsministers erschien.

Morgen stand auf und streckte seinen Arm zum Gruß.

»Heil Hitler.«

»Heil Hitler.« Goebbels trat heran. »Ich habe nicht viel Zeit, daher fasse ich mich kurz. Ihre Arbeiten sind beeindruckend, und ich darf Ihnen Grüße von unserem Führer überbringen.«

»Vielen Dank.«

»Sie haben um Unterstützung gebeten.«

»Das ist richtig.«

»Es geht um eine Expedition, die Sie unternehmen möchten.« Goebbels wies auf die Kassette. »Ist dies das fragliche Objekt?«

»Das ist es, Herr Reichsminister.« Morgen beeilte sich, den Behälter zu öffnen. Dann trat er beiseite und ließ den Mann hineinsehen. »Der Papyrus ist mehrere Jahrtausende alt, ich bitte Sie, ihn nicht zu berühren.«

Goebbels schwieg und betrachtete das brüchige Schriftstück eingehend. »Es sieht unscheinbar aus«, sagte er schließlich. »Sind Sie sicher, dass es Sie zu dem Schatz führen wird?«

»Es besteht kein Zweifel. Es ist ein einzigartiges Zeugnis, beachten Sie die Darstellung der Strahlen und des Allsehenden Auges, wie es in der späteren Tradition ... «

»Ersparen Sie mir Details. Was genau benötigen Sie?«

»Ein paar Mitarbeiter, Ausgräber, etwas in dieser Art. Und eine Sondergenehmigung für die italienischen Behörden.«

»Geld?«

»Ehrlich gesagt auch, ja. Ein paar tausend Reichsmark vielleicht.«

»Und das Unternehmen ist diese Anstrengung wert?«

»Ja, Herr Reichsminister. Mehr als das.«

»Gut.« Er machte eine Handbewegung. »Schließen Sie das wieder zu. Unser Führer hält große Stücke auf Sie, daher werde ich sehen, was ich für Sie tun kann. Sicherlich haben Sie von der Studiengesellschaft für Geistesurgeschichte gehört, die vor einigen Jahren gegründet wurde. Von dieser Seite ließe sich Ihr Unternehmen möglicherweise finanzieren.« Goebbels zog einen Brief aus seinem Jackett und überreichte ihn Morgen. »Vielleicht sollten Sie sich inzwischen bemühen, diesen Termin wahrzunehmen.«

Morgen öffnete den Umschlag. »Was ist das?«

»Eine Einladung für den 20. April in Berlin.«

»Der 50. Geburtstag des Führers!«

»Es wird ein unvergessliches Ereignis, glauben Sie mir.«


3. Oktober 2006, Guardner Residence, Kairo


Patrick stand in einem hohen Gewölbe. An den Wänden ragten Regale empor, die sich in der Dunkelheit verloren. Buchrücken ragten ihm in braunschwarzen Schattierungen entgegen, Hunderte, Tausende. Stück für Stück, Reihe für Reihe enthielten sie das Wissen der Welt und schrieben eine Geschichte, die in eine tausendjährige Vergangenheit führte.

Er schritt an den Regalen entlang, die sich scheinbar endlos vor ihm ausstreckten. Das Gewölbe schien kein Ende zu nehmen. Schließlich blieb er stehen und zog eines der Bücher heraus. Schriftzeichen aus unzähligen Sprachen starrten ihm entgegen, überschlugen sich beinahe auf den Seiten, flossen ineinander. Verzweifelt blätterte er durch den schweren Band. Er wusste, dass diese Seiten die Antwort auf alle seine Fragen beinhalteten, doch er konnte nichts verstehen. Immer hastiger blätterte er, während sich die Seiten lösten und um ihn herumflatterten. Hilfesuchend sah er sich nach Peter um, doch das Buch löste sich bereits in seinen Fingern auf, während er schon nach dem nächsten griff. Aber auch dieses löste sich auf, und das nächste ebenso. Bald stand er in einem Sturm aus Blättern. Einem Orkan gleich wehten die Seiten um ihn herum, bedrängten ihn, belagerten ihn. Dann setzten sich die ersten Blätter auf ihm fest. Sie klebten, und sosehr er sich auch anstrengte, sie abzureißen, es gelang ihm nicht. Immer mehr Blätter häuften sich auf ihm, bedeckten ihn, wickelten ihn ein, pressten seine Arme an den Körper, umschlangen seine Beine, fesselten ihn, bis nur noch sein Gesicht unbedeckt war und er keinen Muskel mehr rühren konnte. Bei lebendigem Leib zur Mumie verwandelt stand er in dem dunklen Gewölbe. Er wollte auf sich aufmerksam machen, rufen, schreien, doch sein Mund gehorchte ihm nicht mehr. Aus den Wänden kamen plötzlich Hunde auf ihn zu. Es waren Dobermänner, gespitzte Ohren und schmale Schnauzen zuckten durch das Halbdunkel, knurrend, schnappend. Eine der Bestien richtete sich auf zwei Beinen vor ihm auf und überragte ihn plötzlich um Kopfeslänge. Funkelnde Augen blitzten ihm entgegen, und aus dem mit Reißzähnen besetzten Maul schlug ihm der Gestank verwesenden Fleisches entgegen. Der monströse Hund streckte seine Vorderpfoten nach ihm aus und packte Patricks Mund mit eiserner Kraft. Er begann, ihm den Kiefer aufzubrechen, und Patrick hörte das Knirschen, als die Sehnen und Muskeln von seinem Unterkiefer zerrissen, spürte, wie sich Splitter des zertrümmerten Knochens in seine Zunge bohrten, und bemerkte erstaunt, dass einzelne Zähne wie Spielzeugwürfel aus ihm herauspurzelten.

Aber er spürte keinen Schmerz.

Stattdessen stand er einer Frau gegenüber. Sie trug ein weites Gewand und eine Federkrone. Sanft lächelnd hielt sie ihm ihre Hand auf seine Brust, wie um ihn zu beruhigen. Er ließ es geschehen, doch er wusste, dass sie etwas von ihm wollte, etwas von ihm erwartete.

Mit einem Mal drang ihre Hand in seinen Brustkorb ein, ergriff sein Herz und zog es, noch pulsierend, heraus.

Patrick war überrascht, dass er es nicht nur zuließ, sondern offenbar auch erwartet hatte. Noch immer war kein Schmerz zu spüren. Doch jetzt sah er etwas, das ihn erstarren ließ. Die Frau legte sein Herz in eine Waagschale. Und neben dieser Waagschale saß das abgrundtief Böse. Ein Monster von tödlicher Niedertracht. Reihen nadelspitzer, gebleckter Zähne funkelten ihn aus einem Rachen an, der in die Hölle des Verderbens, der ewigen Verdammnis führte. Diese Ausgeburt des Schreckens war eine Seelenfresserin, das Ende allen Seins und der Anfang niemals endender Qual.

Doch die Frau schien keine Furcht vor der Seelenfresserin zu haben, sie griff zu ihrer Krone und entnahm ihr eine einzelne Feder. Damit würde sie Patricks Herz aufwiegen. Speichel troff der Seelenfresserin aus dem Maul und zog sich in silbernen Fäden bis zum Boden.

Patricks Adern verwandelten sich in glühende Stränge aus dahinrasenden Rasierklingen, seine Augen quollen heraus, sein Kopf dröhnte, Schweiß drang ihm aus allen Poren. Er stand am Abgrund aller Dinge, er wusste, was von ihm erwartet wurde. Aber er hatte die Worte vergessen!

»Wie ist dein Bekenntnis?«, fragte die Frau.

O bitte, bitte, lass dies nicht das Ende sein!

»Bekenne dich«, wiederholte sie.

Die Seelenfresserin veränderte ihre Position, rutschte an sein Herz heran und fuhr mit ihrer schleimtriefenden Zunge darüber.

Patrick sah an sich herunter und entdeckte, dass er etwas in den Händen hielt. Er hob die Arme und sah, dass es ein Auge war. Er hatte es jemandem herausgerissen!

Plötzlich trat Peter neben ihn, und Patrick sah in sein schmerzverzerrtes Gesicht. Eine leere Augenhöhle starrte ihm entgegen, das Oberlid hing lose herab, und Streifen hellroten Blutes quollen darunter hervor.

»Mein Auge! Patrick, hilf mir!«, stöhnte Peter.

Entsetzt drehte sich Patrick zur Seite.

Gleißendes Licht flutete auf, und er blickte in das Gesicht einer jungen Frau. Es war Stefanie.

»Die Aufgabe liegt vor dir. Nun beweise dich.«

Dann öffnete er die Augen. Sein Herz schlug ihm noch immer bis zum Hals. Verwirrt sah er sich um und stellte fest, dass die morgendliche Sonne Kairos durch sein Fenster, auf sein Bett und in sein Gesicht schien.


»Patrick! Sind Sie wach?« Es war Peters Stimme, die durch die Tür drang.

Patrick schlug die Decke zurück und setzte sich auf. »Ja doch.«

»Wir sollten Mister Guardner nicht allzu lange warten lassen.«

»Augenblick!«

Patrick stand auf und suchte die Zigarettenpackung in den Taschen seiner Lederjacke. Er holte eine Zigarette heraus und entzündete sie. Mit dem ersten Zug breitete sich eine vertraute Ruhe in ihm aus. Er ging zum Fenster, durch dessen Vorhänge ein Lichtbalken direkt auf sein Kissen schien, und schob die schweren Stoffbahnen auseinander. Es war kein Fenster, sondern eine Tür, durch die man in den Garten gelangen konnte. Ein Gärtner, der in diesem Augenblick aufsah und ihn splitternackt im Zimmer erblickte, wandte erschrocken den Blick ab und eilte davon. Patrick schüttelte grinsend den Kopf. Dann suchte er seine Kleidungsstücke zusammen und begab sich ins Bad.

Peter wartete in der Halle und betrachtete die Statue des Echnaton. Er konnte sich kaum vorstellen, dass sie echt war, denn Echnaton regierte nur knapp siebzehn Jahre. Nach seinem Tod wurde er geschmäht, und die Amun-Priesterschaft war bemüht, jede Erinnerung an ihn auszulöschen. Während Statuen oder Gemälde anderer Herrscher über Jahrhunderte hinweg gepflegt wurden, war jedes verbliebene Zeugnis von Echnaton ein Relikt aus einem winzigen Zeitraum der knapp dreitausend Jahre umfassenden Epoche der Pharaonen. Das machte diese Objekte äußert selten und kostbar.

Peter erinnerte sich, wie er selbst erst recht spät mit der ägyptischen Kultur in Berührung gekommen war. Vor nunmehr knapp zwanzig Jahren hatte ihn eine Wanderausstellung der Schätze des Tutanchamun beeindruckt. Ihm war der schier unerschöpfliche Reichtum dieser antiken Kultur bewusst geworden, und so hatte er sich in den darauffolgenden Jahren darum bemüht, die Geschichte des Landes und die fantastische Hieroglyphenschrift zu verstehen. Einige Jahre später hatte sich sein Augenmerk jedoch von der archäologischen Betrachtung gelöst. Stattdessen vertiefte er sich in die wechselseitigen Einflüsse und Abhängigkeiten antiker Kulturen, ihre Überlieferungen und Religionen. Er hatte die Verbindung des ägyptischen Pantheons mit der sumerischen Götterwelt untersucht, die Ähnlichkeiten des Aton-Kultes mit der hebräischen Lehre und die mögliche Verbindung zwischen dem historischen Echnaton und dem wahrscheinlich fiktiven Moses. Es war daher kein Zufall, dass ihm dieser Herrscher so vertraut war. Und nun, als er seine Statue berührte, fühlte er ein eigenartiges Kribbeln. Ein Stück Vergangenheit war lebendig geworden. So mussten sich Archäologen im Feld fühlen, wenn sie ein Artefakt zutage förderten. Peter beneidete sie.

»Geht's los?«, fragte Patrick, der noch nicht rasiert war, aber immerhin ein einigermaßen knitterfreies, kurzärmeliges Safarihemd und eine khakifarbene Stoffhose mit Seitentaschen trug.

Peter hatte nicht vor, eine Wüstenexpedition zu unternehmen, und sich daher in eine schwarze Leinenhose und ein schwarzes Hemd mit Stehkragen gekleidet. Er ließ seine Hand vom Bauch der Statue gleiten. »Sicher. Lassen Sie uns gehen.«

Sie betraten einen Salon, der mit Teppichen und dunklen Möbeln ausgestattet war. Die Fensterfront des Saals öffnete sich zu einer großzügigen Terrasse mit einem hellblau glitzernden Pool. Als sie aus den klimatisierten Räumen ins Freie traten, hüllte sie Wärme ein. Neben dem Pool befand sich ein übergroßer Sonnenschirm aus weißem Tuch, und darunter saß Oliver Guardner an einem reichlich gedeckten Tisch.

»Guten Morgen, Gentlemen«, sagte der Alte.

»Guten Morgen, Mister Guardner«, erwiderte Peter. »Entschuldigen Sie unsere Verspätung.«

»Oh, das macht nichts. In Ägypten gehen die Uhren anders, das werden Sie noch feststellen. Ich habe allerdings derweil mit dem Tee begonnen. Bitte, setzen Sie sich, und greifen Sie ungezwungen zu. Hier sind Tee und Kaffee, Brot, Marmelade, Eier, alles, was Sie benötigen. Falls Ihnen etwas fehlt, sagen Sie Bescheid.«

»Großartig, danke.«

»Es ist Ramadan, der muslimische Fastenmonat. Wenn Sie sich heute in Kairo umsehen möchten, sollten Sie jetzt ausführlich essen, denn vor Sonnenuntergang wird es schwer, etwas zu bekommen.«

»Die fasten den ganzen September?«, fragte Patrick, während er sich Kaffee einschenkte.

»Um genau zu sein, ist es dieses Jahr von Ende September bis Ende Oktober«, korrigierte Guardner. »Aha ... «

»Der Ramadan richtet sich nach dem muslimischen Mondkalender«, erklärte nun Peter. »Ein Mondjahr hat zwölf Monate mit dreißig oder neunundzwanzig Tagen. Dadurch ist es zehn oder elf Tage kürzer als unsere Zeitrechnung, und der Monat Ramadan verschiebt sich jedes Jahr um dieses Stück nach vorne.«

»Zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang darf nichts verzehrt werden«, sagte Guardner. »Ausnahmen gibt es lediglich für Schwangere oder Kinder. Die liberalen Muslime sehen es weniger streng und beschränken sich auf Wasser und Datteln.«

»Weniger streng? Einen Monat Wasser und Datteln?« Patrick bestrich sich eine Weißbrotscheibe mit Marmelade. »Unvorstellbar.«

»Einige Strenggläubige schlucken während dieser Zeit nicht einmal ihre Spucke«, erklärte Guardner und beobachtete amüsiert Patricks Reaktion. »Aber das Fastenbrechen ab Sonnenuntergang wird Sie entschädig en, das verspreche ich Ihnen.«

»Was denn? Wird dann jeden Abend gefeiert?«

»Das könnte man so sagen, ja.«

»Das klingt jetzt wieder sympathisch.«

»Vermutlich möchten Sie aber zunächst lieber hierbleiben? Nach dem Frühstück werde ich Ihnen die Sammlung meines Vaters zeigen.«

»Also, ich würde gerne als Erstes wissen, was da gestern am Flughafen los war«, sagte Patrick.

»Ja, sehr unerfreulich«, stimmte Guardner zu. »Aber machen Sie sich deswegen keine weiteren Gedanken. So etwas passiert hier. Behörden, Sie wissen schon.«

Patrick schwieg, war aber nicht überzeugt.

»Habe ich Ihnen schon gesagt, wie sehr ich mich freue, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind? Ich darf daraus schließen, dass Sie das Artefakt, das ich Ihnen überließ, untersucht haben?«

»Ja, habe ich«, sagte Patrick. »Es scheint wirklich sehr alt zu sein. Verdammt alt sogar, wenn man der Massenspektrometeranalyse glauben darf. Noch dazu stammt es aus einer Tropfsteinhöhle. Sind Sie sicher, dass Ihr Vater es aus Ägypten hat?«

»Oh, ganz sicher. Meinem Vater stand damals natürlich kein Massenspektrometer zur Verfügung. Dennoch war er sich des unnatürlichen Alters des Stücks sehr sicher und betonte immer, dass dessen Herkunft irgendwo aus der Wüste südlich von Kairo sogar ein Beweis für sein Alter sei. Was auch immer er damit meinte.«

»Das Metallobjekt war von einem Tropfstein umschlossen«, erklärte Patrick. »Da es in den letzten Jahrtausenden wohl kaum nennenswerte Niederschläge in Ägypten gab, meinte er wohl, dass sich der Tropfstein also in viel früherer Zeit gebildet haben muss.«

»So muss es wohl sein.«

»Sind denn Tropfsteinhöhlen in irgendeiner Form in Ägypten bekannt?«, fragte Peter.

»Nein, nicht dass ich wüsste. Obgleich: Es gibt eine Höhle nahe der Farafra-Oase, weit draußen in der westlichen Wüste. Dort gibt es Tropfsteine, die allerdings, soweit ich gehört habe, mehrere hunderttausend Jahre alt sein sollen. Zudem gibt es dort nur steinzeitliche Felsbilder, aber sicher keine metallene Objekte.«

Peter nickte. Das klang nach einer falschen Fährte. Aber vielleicht würde Howard Goddard etwas mehr über die geologische Beschaffenheit des Landes wissen. Er wechselte das Thema. »Sagen Sie, Mister Guardner, diese Statue Echnatons in der Halle: Ist sie echt?«

»Ich vermute es, ja. Ich bin kein archäologischer Experte, nicht einmal ein passionierter Laie auf diesem Gebiet wie mein Vater. Aber gerade Echnaton hatte es ihm ganz besonders angetan. Eine Replik wäre für ihn sicher nicht in Frage gekommen.«

»Weshalb gerade Echnaton?«

»Es hat mit seiner Suche zu tun. Der Papyrus zeigt den Pharao, mit ihm hing seiner Meinung nach alles zusammen. Soweit ich verstehe, gibt Echnaton der Ägyptologie auch noch immer Rätsel auf.«

»Das ist tatsächlich so«, erklärte Peter, während er sich einen Tee einschenkte.

»Warum das?«, fragte Patrick. »Weil er eine Hühnerbrust, eingefallene Wangen und Schlitzaugen hatte?«

»Sein Aussehen hat nur indirekt damit zu tun«, sagte Peter. »Erlauben Sie, dass ich etwas aushole: Echnaton stammte aus der achtzehnten Dynastie, etwa 1300 vor Christus. Das liegt etwa in der Mitte der Zeit der Pharaonen. Zu diesem Zeitpunkt blühte das Neue Reich. Die Kultur, ihre Überlieferungen, Rituale und Religion waren etabliert und hatten sich bereits seit eintausendfünfhundert Jahren weiterentwickelt. Es gab seit jeher viele Götter in Ägypten: für die verschiedenen Aspekte der Welt, des Lebens und des Sterbens, Lokalgottheiten und sogar Gottkombinationen. Aus scheinbar heiterem Himmel entschied sich nun ein Pharao, Amenophis IV., einen dieser Götter, Aton, hervorzuheben und zum höchsten aller Götter zu machen. Das hatte es bisher nie gegeben. Selbst der Schöpfergott Ptah oder der Staatsgott Ra hatten nie zuvor eine solche Stellung gehabt. Und als sei das nicht genug, änderte Amenophis IV. einige Jahre später seinen Namen in Echnaton, der Aton nützlich ist, und verbot die Anbetung der anderen Götter. Sie können sich vorstellen, dass das ein ziemlicher Schock für die Ägypter war.«

»Merkwürdiger Typ«, stimmte Patrick zu. »Wie kam er auf diese Idee?«

»Das weiß niemand. Echnaton ist nach heutigem Wissen der erste Religionsstifter der Geschichte gewesen. Sein Glaube durchdrang sein ganzes Wesen und Handeln, und er ließ nicht nur Malereien, Statuen und Reliefs der alten Götter vernichten. Er verfügte auch, dass die Kunst ab sofort statt der bisher symbolischen die naturalistische Darstellung bevorzugen solle. Es sollte nicht mehr das Prinzip oder die Idealisierung einer Sache dargestellt werden, sondern die Wirklichkeit. Auf Bildern sah man nun Echnaton im Kreis seiner Familie, intim und privat, und seine Gestalt wurde ebenfalls so naturgetreu wie möglich gemalt. Daher ist Echnaton auch immer eindeutig zu identifizieren: Kein anderer Pharao vor ihm oder nach ihm wurde so gezeigt.«

»Dann sah er wirklich so verunstaltet aus?«

Peter schüttelte den Kopf. »Wahrscheinlich nicht. Auf jeden Fall malte man aber nicht mehr so stilisiert. Hinzu kommt, dass man versuchte, in der Gestalt Echnaton das gleichermaßen männliche wie weibliche Prinzip Atons als Vater und Mutter der Welt unterzubringen, weswegen er manchmal aussieht wie ein Hermaphrodit oder aber völlig geschlechtslos. Da er aber Töchter hatte, kann zumindest dies nicht ganz der Wahrheit entsprechen. Seine Frau war übrigens die berühmte Nofretete. Noch heute ist überliefert, wie schön sie gewesen sein soll, und trotzdem sieht sie auf den Bildern ähnlich verzerrt aus wie ihr Mann.«

»Echnaton war also so eine Art religiöser Revolutionär, hm?«

»Es war mehr als eine Revolution. Er entzog seinem Volk quasi den Boden unter den Füßen. Bisher erfüllten die Götter wichtige Funktionen. So war beispielsweise die Nacht bisher die Zeit, in der die Sonnenbarke durch die Unterwelt fuhr und dort gegen das personifizierte Chaos, die Schlange Apophis, kämpfte, um zu siegen und am Morgen neu geboren zu werden. Nun, indem Aton mit der Sonnenscheibe gleichgesetzt wurde, war die Nacht eine Zeit der Leere, des Entsetzens, bodenlos und ohne Sicherheit. Es war keine Erlösungsreligion, nichts versprach den Menschen ein Seelengericht oder ein ewiges Leben. Noch dazu gab es keine Möglichkeit des Kontakts zu dem neuen Gott, denn er sprach allein durch Echnaton, und dessen Wort wurde Gesetz.« Peter bemerkte, dass Guardner ihn die ganze Zeit aufmerksam beobachtete und dabei nickte, ganz so, als kenne er die Geschichte. Wahrscheinlich war es ja auch so, überlegte Peter. Dann fuhr er fort: »Als Nächstes baute er eine neue Hauptstadt, Achetaton, Horizont des Aton, heute bekannt als Amarna, und entzog den bisherigen wirtschaftlichen Zentren Theben, Memphis und Karnak ihre Bedeutung und der einflussreichen Priesterschicht sämtliche Macht.«

»Tja, das klingt so, als hätte er alles darangesetzt, sich unbeliebt zu machen.«

»Was ihm auch gelungen ist. Nach seinem Tod regierte einer seiner Stiefsöhne, Semenchkare, für einige Jahre, und ihm folgte ein anderer Stiefsohn: Tutanchaton. Man vermutete, dass Tutanchaton von der Amun-Priesterschaft dirigiert wurde, die wieder an die Macht wollte. Jedenfalls änderte er seinen Namen bald in Tutanchamun. Und zwanzig Jahre später, unter Haremhab, wurden die alten Zustände, Götter und Machtverhältnisse vollständig wiederhergestellt. Haremhab ließ den Aton-Tempel in Theben schleifen, und in einem erneuten Bildersturm wurden sämtliche Zeugnisse von Echnaton und der Amarna-Zeit von den Tempelwänden und aus der Geschichte gestrichen. Es blieb nur die Erinnerung an einen bösen Pharao und Ketzer.«

»Ihre Kenntnis ist wirklich hervorragend«, sagte Guardner. »Sind Sie mit allen Aspekten der ägyptischen Geschichte derart vertraut?«

»Nein, beileibe nicht«, sagte Peter. »Aber da ich mich mit Religion und Mystik beschäftigt habe, war Echnaton für mich von besonderem Interesse. Den letzten Stand der Forschung kenne ich allerdings nicht. Meines Wissens ist seine Mumie bisher nicht gefunden worden. Es gibt lediglich Spekulationen.«

»Und der Papyrus hat also mit Echnaton zu tun?«, fragte Patrick.

»Ja«, sagte Guardner, »Und wenn er wirklich aus dem Grab von Tutanchamun stammt, wie mein Vater behauptete, dann ist das auch wahrscheinlich, denn schließlich waren sie verwandt. Aber Sie werden es ja gleich selbst sehen.«


Nach dem ausgiebigen Frühstück führte Guardner seine Gäste zum Arbeitszimmer seines Vaters. Vor der Tür blieb er stehen und kramte mit umständlichen Bewegungen einen Schlüssel aus einer Hosentasche.

»Hier ist es«, sagte er, während er aufschloss. Dann öffnete er die Tür und übergab Peter den Schlüssel. »Behalten Sie ihn, solange Sie hier sind, aber vergessen Sie nicht, den Raum immer wieder abzuschließen.«

Sie traten ein. Patrick schlenderte an den Buchregalen vorbei zum Schreibtisch, während Peter beeindruckt von der Fülle an Büchern und gerahmten Dokumenten stehen blieb. Guardner trat neben ihn.

»Es ist eine beachtliche Menge Material, nicht wahr?«, sagte der Alte. »Ich hoffe, dass Ihnen diese Bücher bei Ihren Nachforschungen helfen werden. Vermutlich finden sich hier alle Hinweise, denen mein Vater nachgegangen war. Auch Nachschlagewerke sind ausreichend vorhanden. Aber wenn Sie dennoch etwas Besonderes benötigen, sagen Sie Bescheid.«

»Das ist eine außergewöhnliche Sammlung!«, sagte Peter. »Die Gemälde und antiken Dokumente an den Wänden scheinen echt zu sein.«

»Höchstwahrscheinlich sind sie es, ja. Mit weniger hätte er sich nicht zufrieden gegeben. Und er konnte es sich leisten.«

»Was ist denn das hier?«, fragte Patrick und deutete auf eine kleine Statuette auf dem Schreibtisch. »Ein Reiher mit Lendenschurz?«

Peter kam zum Schreibtisch und sah sich die steinerne Figur an. »Es ist der Gott Thot«, sagte er dann. »Er wird oft ibisköpfig dargestellt und ist einer der größten und ältesten Gottheiten. Er symbolisiert Weisheit und Wissen und hat der Legende nach den Ägyptern ihre Schrift, ihre Mathematik und letztlich ihre gesamte Wissenschaft und Kultur gebracht.«

»Wie Sie sich erinnern«, erklärte Guardner, »war mein Vater dem Ursprung allen Wissens und aller Kulturen auf der Spur. Daher interessierte er sich ganz besonders für die Gottheit Thot. Er war der festen Überzeugung, dass in den Legenden ein wahrer Kern steckte.«

Patrick hob die Augenbrauen und warf Peter einen skeptischen Blick zu. »Nichts für ungut, Mister Guardner«, sagte er dann, »aber Sie erwarten hoffentlich nicht, dass wir uns mit solchem esoterischen Unsinn abgeben? Und als Nächstes sollen wir ein Stargate suchen?«

»Aber nein«, Guardner lachte, »wo denken Sie hin! Nichts Okkultes, nichts Pseudoarchäologisches. Es geht noch immer um einen ganz konkreten, anfassbaren Papyrus. Und zwar den hier.«

Guardner hatte sich in der Zwischenzeit an einem Schrank zu schaffen gemacht und holte nun eine übergroße Ledermappe hervor, die er auf dem Schreibtisch aufklappte. Mehrere Dutzend Bogen Papier kamen zum Vorschein, alle über und über mit sorgfältig gezeichneten Hieroglyphen, Zeichnungen und Skizzen übersät. Daneben fanden sich in feinen schwarzen Tuschstrichen zahllose Größenangaben und Notizen. Die Papiere bordeten über wie die Skizzenbücher Leonardo da Vincis, jedoch waren sie strukturiert und mit der Präzision eines Architekten ausgeführt, so dass sie wie moderne Konstruktionszeichnungen elektrischer Schaltungen wirkten.

»Nicht übel!«, entfuhr es Patrick.

»In der Tat«, sagte Peter. »Das ist faszinierend!«

»Dieses hier«, erklärte Guardner und schob eines der Blätter nach vorne, »scheint die Gesamtansicht des Papyrus zu sein. Um sich seiner Sache vollkommen sicher zu sein, hat mein Vater auf den anderen Blättern die Texte und Darstellungen akribisch in doppelter Größe rekonstruiert und dort Anmerkungen angebracht. Leider bin ich aus dem Material nicht schlau geworden. Ich hoffe, dass Sie mehr Glück haben werden.«

Peter beugte sich über das erste Blatt. »Das hoffe ich auch. Es sieht jedenfalls sehr vielversprechend aus.«

»Ich lasse Sie jetzt am besten allein, Gentlemen. Wenn Sie mich benötigen, finden Sie mich im Garten. Ich werde mich um meine Rosen kümmern.«

»Oh, wenn Sie dort den Gärtner treffen«, warf Patrick ein, »und der Ihnen komische Sachen erzählt, weil er mich heute morgen nackt gesehen hat, denken Sie sich nichts dabei.«

»Mein Gärtner? Heute Morgen war eigentlich noch niemand im Garten ... Das ist kurios. Nun, ich werde nach dem Rechten sehen. Mittagessen gibt es um dreizehn Uhr.« Er ging zur Tür und deutete mit dem Knauf seines Stocks auf einen Klingelknopf, der sich an der Wand befand. »Und wenn Sie in der Zwischenzeit Wünsche haben, rufen Sie jederzeit Samira. Viel Erfolg, Gentlemen.«

»Also wissen Sie, Peter«, sagte Patrick, als sie allein waren, »ich habe das Gefühl, wir haben uns da auf eine ziemlich merkwürdige Geschichte eingelassen. Die Sache am Flughafen war sicher kein Zufall, egal, was der Alte sagt. Und was gehen uns dieser Echnaton und sein religiöser Eifer an? War er wenigstens reich? Sollen wir sein Grab suchen?«

»Ich bin ebenfalls unschlüssig«, gab Peter zu. »Sicher, Echnaton stellt eines der Rätsel der Ägyptologie dar, aber große Schätze dürfen wir aus seiner Zeit nicht erwarten. Es ist auch gut möglich, dass man seine Mumie bisher deswegen noch nicht gefunden hat, weil seine Leiche zerstückelt und in alle Winde verstreut wurde. Er war nun mal nicht sehr gut gelitten.« Er sah sich um. »Andererseits ist dieser Raum eine wahre Schatzkammer. Was Sir Guardner hier zusammengetragen hat, ist nicht nur historisch sehr wertvoll, sondern zeugt von mehr als einer Suche nach Echnaton oder seinem Aton-Kult. Ganz offenbar steckt wesentlich mehr dahinter, und der Papyrus war nur so etwas wie ein Auslöser, ein Schlüssel. Was auch immer es ist, es geht offenbar um irgendeine Information, die nur hier zu finden war. Vielleicht sollten wir es uns einfach mal ansehen. Schließlich haben wir eine Woche, um uns ein Bild zu machen.«

»Sie haben recht. Warum nicht die Zeit genießen. Das Wetter ist allemal besser als in Frankreich. Und vielleicht können wir uns ja auch ein paar Gedanken am Pool machen – mit einem Cocktail in der Hand.«

Peter ging zum Schreibtisch und zur Abschrift des Papyrus zurück. Aus der Brusttasche seines Hemds holte er seine Lesebrille und setzte sie auf. »Also mal sehen«, sagte er und deutete auf die Zeichnung in der Mitte, die von senkrechten Spalten mit Hieroglyphen umgeben war. »Die Darstellung zeigt Echnaton. Er ist deutlich zu erkennen, nicht wahr? Diese Ovale über ihm nennt man Kartuschen. Auf diese Art hat man damals königliche Titel hervorgehoben, und hier ist die Schreibweise von Echnatons Namen. Hinter ihm steht Thot, offenbar, um anzudeuten, dass der Pharao vom Gott der Weisheit besondere Instruktionen erhält oder dass Thot diesen Akt zumindest beaufsichtigt. Denn Echnaton selbst ist beschäftigt. Er hält das Werkzeug eines Schreibers in den Händen. Damals bestehend aus diesem Holzbrett mit den Vertiefungen für die Farben und diesen zu Pinseln ausgefransten Stäbchen. Erkennen Sie es?«

»Na ja, mit gehörig Fantasie vielleicht ... «

»Es ist die typische Darstellungsform. Man weiß heute aus zahllosen anderen Inschriften, was diese Gegenstände oder Gesten bedeuten.«

»Wenn Sie es sagen.«

»Echnaton schreibt einen Text. Er bemalt anscheinend eine Stele. Es ist ein Dreieck darauf zu erkennen und Aton, oder vielmehr Atons Strahlen, die von der Pyramide ausgehen.« Peter deutete auf die Miniatur.



»Sehen Sie die kleinen Hände am Ende der Strahlen und die kleinen Henkelkreuze, die sie halten? Interessanterweise ist die Sonnenscheibe von einem Dreieck mit dem Horusauge überlagert, das ist äußerst ungewöhnlich ... Nun, jedenfalls berichtet der Papyrus davon, dass Echnaton einen Text auf einer Stele hinterlassen hat. Was es ist, müssen wir herausfinden.«

»Können Sie das alles lesen?«, meinte Patrick mit Blick auf die unzähligen Hieroglyphen.

»Nun, mein Ägyptisch ist ein bisschen eingerostet. Aber Sir Guardner hat ja schon gute Vorarbeit geleistet.« Peter setzte sich auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch und studierte die Bogen. »Sagen Sie, Patrick, könnten Sie mir einen Gefallen tun? Suchen Sie nach einem Wörterbuch, nach Büchern über die Hieroglyphen, vielleicht finden Sie auch die Grammatik von Gardiner.«

»Guardner hat eine Grammatik geschrieben?«

»Sir Alan Gardiner. Egyptian Grammar. Steht hier sicherlich irgendwo.«

»Schön, ich werde mal sehen.«

Während sich Peter mit der Abschrift des Papyrus beschäftigte, untersuchte Patrick die Regale und zog ab und zu eines der Bücher heraus, um es aufzuschlagen. Es waren allesamt Sachbücher, zu einem großen Teil schwere Bildbände mit schwarz-weißen Fotografien, aber es waren auch wissenschaftliche Abhandlungen dabei, deren Buchstabenberge und Fußnotengeröll vor seinen Augen flimmerten. Er entdeckte eine knorrige Ausgabe der Encyclopaedia Britannica, mehrere fremdsprachige Wörterbücher und endlich die »Egyptian Grammar« von 1927, die er sogleich an Peter weitergab.

Neben Büchern aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts fand er auch ältere Exemplare, deren Wert er nur schätzen konnte. Er entdeckte Bücher mit griechischen, deutschen und französischen Titeln und andere, noch ältere Werke, mit so absonderlichen lateinischen Titeln wie »Delarvatio Tincturae Philosophorum« oder »Achidoxa Medicinae«.

Patricks Lateinkenntnisse waren nicht ausgeprägt, aber dass die Ausdrücke »Lapis Philosophorum« oder »Tinctura Philosophorum« mit der alchimistischen Suche nach dem sagenhaften Stein der Weisen zu tun hatten, wusste er. Dergleichen Legenden hatten nicht nur Esoteriker, sondern auch Schatzsucher wie ihn schon immer beschäftigt. War der alte Guardner etwa auf der Suche nach dem Stein der Weisen gewesen? Jenem Gegenstand, jenem Element oder Wissen, das angeblich in der Lage war, ewiges Leben zu verschaffen und Blei in Gold zu verwandeln? Besonders für Letzteres konnte er sich durchaus erwärmen.

»Hier steht«, ertönte bald darauf Peters Stimme vom Schreibtisch her, »dass der Papyrus von Amun-Priestern verfasst wurde, nachdem ihnen ein Mann namens Hatia, der offenbar Schreiber von Echnaton gewesen war, ihnen dies erzählt hatte.«

»Aha.« Patrick betrachtete gerade ein gerahmtes Dokument an der Wand. Es stellte eine Tafel dar, ähnlich wie man sich eine Gesetzestafel von Moses vorgestellt hätte, und darauf befand sich ein Text in archaischen Zeichen. Im Kopf der Tafel war in lateinischer Schrift die Zeile zu lesen: Contextus Tabulae Hermetice Phoenic. In einem anderen Rahmen, der gleich daneben hing, war ein vergilbtes Dokument zu sehen, das offenbar einem Buch entstammte. Der Text war auf Latein, doch er lief um ein zentrales Motiv: Es war eine Pyramide, in deren Mitte ein Auge leuchtete. Strahlen gingen nach allen Seiten von dem Auge aus. Darunter stand Sic Mundus Creatus Est.

»Ich verstehe ja nichts davon«, rief er Peter zu, »aber hier ist auch eine Pyramide mit Strahlen zu sehen. Hat das was damit zu tun?«

»Hm?« Peter sah auf, senkte den Kopf und sah über den Rand seiner Brille in Patricks Richtung. Dann stand er auf und kam zu ihm herüber. Nachdem er das gerahmte Dokument einige Augenblicke studiert hatte, weiteten sich seine Augen.

»Patrick! Wissen Sie, was das ist?«

»Papier?«

»Es ist von Paracelsus! Eines der größten Genies des 16. Jahrhunderts, als es keine Trennung zwischen Wissenschaft, Esoterik, Alchimie und Okkultismus gab. Immer mit einem Bein auf dem Scheiterhaufen, aber einer der Begründer der modernen Medizin ... «

»Ich weiß, wer Paracelsus war.«

»Ach so. Nun, was Sie vielleicht nicht wissen, ist, dass er unter anderem ein mehrbändiges Werk verfasste, das er die Achidoxa Medicinae, die Erzdoktrinen der Medizin nannte, in dem er alle seine Heilmethoden beschrieb. Er erklärte aber, dass der Schlüssel zum wahren Verständnis ein zehntes Buch sein würde, das er nur im Kopf habe und nicht beabsichtige zu veröffentlichen. Nun, der mystischen Tradition zufolge ist dieser zehnte Band angeblich dennoch erschienen, obwohl er selbst weniger ein Schlüssel als ein Schloss sein soll: das berüchtigte Libro X Archidoxorum oder auch das Zehnte Buch der Erzdoktrinen, über die geheimen Mysterien der Natur. Und dies ist eine Seite daraus!«

»Sie wollen mir erklären, dass dieses eine echte, handschriftliche Seite aus einem fünfhundert Jahre alten, verschollenen Buch ist?«

»Ich kann natürlich nicht sagen, ob sie echt oder abgeschrieben ist ... Aber darum geht es auch gar nicht, sondern um das Allsehende Auge!«

»Sie meinen das Auge in der Pyramide?«



»Ja, ganz recht. Es ist eines der ältesten okkulten Symbole, das sich entlang der mystischen Tradition durch die Jahrhunderte und Jahrtausende fortgesetzt hat. Es ist als Auge Gottes und Zeichen der Dreifaltigkeit sogar vom Christentum adaptiert worden und zuletzt mit dem Aufkommen und der Verbreitung der Freimaurerlogen im 18. und 19. Jahrhundert wieder in Mode gekommen, wenn Sie so wollen. Es findet sich ja noch heute im Großen Siegel der Vereinigten Staaten. Wenn Sie einen Dollarschein untersuchen, werden Sie das Allsehende Auge darauf finden.«

»Also, Moment mal! Sie wollen mir jetzt ganz nebenbei unterjubeln, dass die Vereinigten Staaten irgendeiner okkulten Tradition nacheifern? Haben Sie darüber schon mit einem Arzt gesprochen?«

»Nun sagen Sie nicht, dass Sie davon noch nie gehört haben. Über den angeblichen Geist der Freimaurer oder der Illuminaten hinter der Gründung der Vereinigten Staaten sind wahrscheinlich mehr Bücher geschrieben worden als über die Verschwörungstheorien zum elften September.«

Patrick schüttelte unwillig den Kopf und suchte nach seiner Zigarettenpackung. »Tut mir leid, ich gehe jetzt eine rauchen. Für so einen Quatsch bin ich nicht nach Kairo geflogen.«

Er verließ den Raum und machte sich auf den Weg in den Garten. Peter folgte ihm, hielt kurz inne, um den Schlüssel hervorzuholen und die Tür zum Arbeitszimmer zu schließen und fand Patrick einige Augenblicke später am Pool auf der Terrasse. Der Franzose lehnte an einem steinernen Geländer und blies eine Rauchwolke in die Luft.

»Nun hören Sie mal zu«, sagte der Professor. »Sie kennen mich gut genug, um zu wissen, dass ich von derlei Geschichten ebenso wenig halte wie Sie. Als wir gemeinsam in Notre-Dame waren, haben wir uns zuletzt über Freimaurer unterhalten, und Sie erinnern sich vielleicht noch, wie ich damals reagiert habe.«

Patrick grinste. »O ja, Sie meinten, dass sich die Frau ihre mystischen Säulen in den Hintern schieben solle.«

»Das habe ich zwar sicherlich nicht so drastisch ausgedrückt, aber es war mir klar, dass das einen bleibenden Eindruck auf Sie gemacht hat.«

»Zigarette?«

»Immer noch nicht, nein. Aber wenn das ein Versöhnungsangebot sein sollte ... «

»Nun erzählen Sie schon.«

»Also gut. Es geht nicht um irgendwelche Spekulationen über die angeblichen Weltherrschaftspläne etwaiger Geheimbünde in den Katakomben des Weißen Hauses. Aber es geht um das Allsehende Auge. Wie so oft, ist das, was heute durch den Schleier der Geschichte zu uns durchgedrungen ist, nichts anderes als ein verzerrtes Echo seiner Ursprünge. Wir beobachten gleichsam das Kräuseln der Wellen am Ufer, aber wir sehen nicht mehr den Stein, der ursprünglich in den See geworfen wurde.«

»Das haben Sie schön gesagt.«

»Der alte Guardner hat mit seinen Studien ganz offenbar ein Vermögen an Geld und Zeit investiert. Sein Junior hat uns erklärt, er sei auf der Spur der Ursprünge aller Magie gewesen. Zweifelsohne gehört das Allsehende Auge zu einem der lohnenswertesten Symbole, wenn man solche Recherchen betreiben möchte, und das war ihm wohl bewusst, sonst hätte er es sich nicht an die Wand gehängt. Vielleicht findet sich in seiner Bibliothek ja noch mehr Material dazu, das würde mich nicht wundern. Nun, irgendwann geriet durch Zufall der Papyrus in seine Hände, und er hielt ihn für maßgeblich, sogar für den Schlüssel seiner Suche. Und einen Zusammenhang könnte es tatsächlich geben, denn schon auf den ersten Blick haben wir vorhin festgestellt, dass sich darauf dasselbe Symbol findet, wenngleich in einer älteren Form. Statt eines realistischen Auges ist hier das Auge des Horus abgebildet, und statt einfacher Strahlen sind hier die Strahlen des Gottes Aton zu sehen, die in Händen auslaufen und das Ankh, das Symbol des Lebens, halten.«

»Und?«

»Nun, Guardner erforschte die Ursprünge der Mythologie und des okkulten Wissens und kam dabei bis ins alte Ägypten. Und Echnaton, der den Ägyptologen schon immer ein Mysterium war, eine Quelle fremdartiger, neuer Ideen, ist dabei der Schlüssel! Hier geht es um eines der ganz großen Rätsel, und vielleicht muss tatsächlich unsere Kulturgeschichte neu geschrieben werden!«

»Das ist ja alles schön und gut, Peter, aber das reißt mich wirklich nicht vom Hocker.«

»Weil es nicht um Gold geht? Weil wir keine Schatzkarte mit einem großen roten Kreuz gefunden haben? Sind Sie sich eigentlich im Klaren darüber, um was für einen Schatz es sich hier vielleicht handelt?«

»Peter, ich ... «

»Sie haben wohl wieder nur Ihre Goldstadt im Sinn«, unterbrach ihn Peter unwirsch. »Aber hier geht es um viel mehr, Patrick! Wenn wir dies entschlüsseln, dann entdecken wir in unserer Vergangenheit vielleicht eine ganz neue Welt! Wir werden größer als Kolumbus oder Carter! Dies ist eine einmalige Chance.«

»Das mag ja sein, aber ich kann nun mal mit diesem ägyptischen Kram nichts anfangen.« Er machte eine Kreisbewegung mit der Zigarette. »Europa, ja. Mittelalter, ja. Südamerika auch, El Dorado, wenn Sie darauf herumreiten wollen. Aber alles, was Sie mir über dieses Land, die Zeit und die Götter erzählen, das ist einfach eine Nummer zu groß für mich. Ich meine, ich kann nichts von dem lesen, was Sie sich da angucken. Und ich weiß auch nichts von den geschichtlichen Zusammenhängen. Solange es nur um Papier geht, fühle ich mich hier einfach verdammt nutzlos, okay?«

Peter sah seinen Kollegen einen Augenblick schweigsam an. Ein derartiges Eingeständnis hatte er noch nie von ihm gehört. Und er begann, ihn zu verstehen.

»Und hinzu kommt«, fuhr Patrick fort, »dass ich tatsächlich auch nicht einsehe, warum wir uns so viel Mühe machen, bloß um irgendwelche historischen Zusammenhänge aufzudecken. Wenn ich um die Welt fliege und womöglich später noch in Tunneln und Ruinen graben oder mich durch Geröll und Sanddünen quälen soll, dann muss es sich auch lohnen. Und den bemalten Stein von einem Echnaton zu suchen gehört nun mal nicht dazu.«

Peter fasste den Franzosen am Oberarm. »Es ist mehr als ein Stein. Und es ist mehr als Echnaton. Sie wissen das so gut wie ich. Sie wissen, was ich meine!«

Ein fragender Ausdruck zuckte über Patricks Gesicht.

»Sie haben es mir selbst erzählt«, drängte Peter. Als Patrick jedoch keine Reaktion zeigte, klopfte er ihm schließlich auf die Schulter. »Denken Sie darüber nach«, sagte er. »Ich werde bis zum Mittagessen beschäftigt sein. Bis dahin habe ich sicher auch noch mehr übersetzt. Lassen Sie es sich so lange hier draußen gut gehen. Im Augenblick können Sie mir nicht helfen.«

Mit diesen Worten wandte sich Peter ab und ging wieder ins Haus.

Patrick sah ihm nach und kratzte nachdenklich die Glut seiner Zigarette am Steingeländer ab.

Sie wissen, was ich meine!

Ja. Er hatte damals die Pyramiden gesehen.

Und er hatte Peter davon erzählt.

Es war in der Höhle gewesen, die sie gemeinsam in Südfrankreich erforscht hatten. Die Wände des Vorraums waren vollkommen mit Malereien und Schriften in unzähligen Sprachen bedeckt gewesen. Ein Durchgang im hinteren Teil der Höhle war mit einer Form von Strahlung geschützt gewesen, und Menschen, die die Strahlen passiert hatten, waren wahnsinnig geworden. Doch schließlich hatte Patrick die Höhle betreten, zusammen mit Stefanie, und dort war es passiert. Die Höhle, besser gesagt ein unerklärliches, übermächtiges Archiv des Wissens hatte sich seiner Sinne bemächtigt, und nur durch Stefanies Hilfe hatte er diesen Vorfall überlebt. Aber er hatte nicht nur überlebt, sondern einen Teil des Wissens verstanden, ja, noch heute trug er einen Teil davon in sich. Und damals war ihm bewusst geworden, dass ihre Suche im Languedoc nicht zu Ende sein würde und dass sie sie in Ägypten fortführen würden.

Peter hatte recht. Hier ging es weiter. Und er, Patrick, musste sich eingestehen, dass er dieselbe Gewissheit fühlen konnte wie Peter. Aber nicht aus rationaler Erwägung oder durch seinen untrüglichen Schatzsucherinstinkt, sondern weil ein unerreichbares, tieferes Wesen in ihm es einfach wusste. Und das beunruhigte ihn viel mehr.


Das Mittagessen servierte die Haushälterin im klimatisierten Salon. Es war eine Art Eintopf mit Paprika und Reis. Dazu gab es Salat und geschnittenes Fladenbrot.

»Ich hoffe, es schmeckt Ihnen, Gentlemen«, sagte Guardner, der sich lediglich etwas Salat genommen hatte. »Ich hoffe auch, Sie entschuldigen die Einfachheit des Essens. Ich habe in den Jahren in Ägypten eine gewisse Sympathie für die hiesigen Gebräuche entwickelt. Ich habe das Gefühl, dass man während des Ramadans weder Samira nötigen sollte, aufwendig zu kochen, noch dass es angebracht wäre, die ganze Straße in Bratengeruch zu hüllen. Häufig faste ich während dieser Zeit selbst.«

»Es ist wunderbar, vielen Dank«, sagte Patrick, der gerade zum zweiten Mal zugegriffen hatte.

»Haben Sie sich schon einen Eindruck verschaffen können?«, fragte Guardner.

»Ja, in der Tat«, antwortete Peter. »Ihr Vater hat gründliche Vorarbeiten geleistet, und seine Notizen waren sehr hilfreich.«

»Das hatte ich gehofft. Wissen Sie schon, worum es geht?«

»Im Großen und Ganzen, ja.« Peter faltete seine Serviette zusammen und legte sie neben den Teller. »Der Papyrus versetzt uns möglicherweise in die Lage, das Geheimnis Echnatons zu lösen, oder zumindest wirft es ein neues Licht auf ihn.«

»Das klingt ja fantastisch!«

»Darin steht, dass Echnaton durch ein außergewöhnliches Treffen oder Ereignis dazu inspiriert wurde, die Religion seines Volkes zu überdenken und die Kultur neu zu gestalten. Über Details schweigt sich das Dokument aus, doch es berichtet davon, dass Echnaton einen Bericht davon auf einer Stele festhielt.«

»Dann enthielte diese Stele Echnatons also die Erklärung, nach der die Ägyptologen immer suchen?«

»So scheint es zu sein. Aber was noch viel interessanter ist, ist die Zeichnung dieser Stele in dem Papyrus. Der detaillierte Text des Steins ist dort nicht wiedergegeben, wohl aber ein zentrales Symbol: eine Pyramide mit einem Auge, und Arme wie die des Aton, die aus der Pyramide nach allen Seiten hin strahlen. Das Symbol ist beschriftet mit Allsehendes Auge Thots, Quelle aller Weisheit. Hierin sah Ihr Vater eine Verbindung zum noch heute bekannten Symbol des Allsehenden Auges, das eines der zentralen Motive im Bereich Religion, Alchimie, Okkultismus und Esoterik ist.«

»Das Allsehende Auge?«

»Sie kennen es vielleicht aus dem christlichen Kontext. Es wird als das Auge des allsehenden und allgegenwärtigen Gottes bezeichnet. Es ist von einem Dreieck umschlossen, das die göttliche Trinität von Vater, Sohn und Heiligem Geist darstellen soll. Tatsächlich ist es weit älter als das Christentum und hat, wie andere Symbole auch – nehmen Sie nur das Pentagramm oder das Swastika – eine Bedeutungswandlung erfahren. Der tatsächliche Ursprung liegt im Dunklen, stand aber immer in Verbindung mit großer Macht, Allwissenheit und Weisheit. Dieser Zusammenhang wurde Ihrem Vater offenbar bewusst, als er Spuren dieses Symbols aus so früher Vergangenheit fand.«

Guardner nickte. »Ja, das klingt einleuchtend. Aber wenn Sie sagen, in dem Papyrus sei nicht der Wortlaut der Stele des Echnaton wiedergegeben, wie kommen Sie jetzt weiter?«

»Diese Frage hat sich Ihr Vater sicherlich auch gestellt, denn aus diesem Grund hat er den Papyrus eingehend untersucht und nach versteckten Hinweisen gesucht.«

»Wäre es nicht wahrscheinlich, dass die Stele in Echnatons Grab liegt?«, fragte Guardner.

»Aber man hat sein Grab noch nicht gefunden, richtig?«, fragte Patrick.

»Nun, Echnaton hatte in seiner Stadt, Tell el-Amarna, mehrere Grabstätten für sich vorgesehen. In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts sind umfangreiche Ausgrabungen dort vorgenommen worden, besonders von Sir Flinders Petrie, einem der Urväter der Archäologie. Damals schon stellte man fest, dass diese Gräber bereits in der Antike von Gegnern der Aton-Religion verwüstet worden waren. Hätte man dort eine Stele mit einem so bedeutenden Text gefunden, hätte Sir Guardner mit Sicherheit davon erfahren.«

»Wenn die Stele tatsächlich so viel über Echnaton verrät, ist es doch sehr wahrscheinlich, dass sie bisher überhaupt noch nicht gefunden wurde«, sagte Patrick. »Entweder sie ist also noch irgendwo in der Wüste vergraben, oder sie wurde schon vor mehreren tausend Jahren zerstört.«

»Es gibt noch die Möglichkeit«, wandte Peter ein, »dass sie zwar entdeckt wurde, aber schon zu einer Zeit verschollen ist, als noch niemand die Hieroglyphen entziffern konnte.«

»Das hilft uns natürlich auch nicht weiter«, sagte Patrick.

»Nein, in der Tat ... «

»Was haben Sie jetzt vor?«, fragte Guardner.

»Ich bin mir nicht sicher. Ich muss ein bisschen darüber nachdenken. Ich habe das Gefühl, dass die Lösung sehr nahe liegt, aber im Augenblick kann ich sie noch nicht greifen.«

»Vielleicht möchten Sie sich dann ein bisschen ablenken?«, schlug Guardner vor. »Das Museum schließt zwar während des Ramadans früher, aber wenn Ahmad Sie jetzt fährt, hätten Sie noch eineinhalb Stunden Zeit, sich dort umzusehen. Vielleicht bringt sie das auf neue Ideen?«

Peter sah seinen Kollegen an, doch der Franzose zuckte nur mit den Schultern, während er einen letzten Soßenrest auf seinem Teller mit einem Stück Brot aufwischte.

»Also gut, warum nicht«, sagte Peter. »Ich hätte mir zwar etwas mehr Zeit dafür gewünscht, aber ich hoffe, dass es nicht der einzige Besuch bleiben wird.«

»Wunderbar. Das Museum ist nicht weit von hier, in zehn Minuten sind Sie da. Sie werden sicher noch häufiger die Gelegenheit haben, sich dort umzusehen.«

Patrick stand auf. »Dann mal los. Ist vielleicht gar nicht schlecht, mal vor die Tür zu kommen.«

»Vielen Dank für das Essen«, bedankte sich Peter.

»Keine Ursache.« Der Alte stand auf und verließ den Salon durch eine Seitentür. »Ich werde Ahmad Bescheid geben, dass er vor dem Haus auf Sie warten soll.«

Die beiden Forscher gingen in die ägyptische Halle und näherten sich ihren Zimmern, als sie plötzlich stockten. Auf jeder der Türen war deutlich ein dunkler Fleck zu sehen, etwa so groß wie ein Daumennagel und umgeben von einer Art feiner Stäbchen. Als Patrick herantrat, erkannte er, was es war: ein schwarz glänzender Käfer. Er hatte seine Beine von sich gestreckt, und aus den Chitindeckeln seines eingedrückten Rückenpanzers quoll heller Schleim hervor. Der Käfer war mit einem Stahldorn in das Holz genagelt worden.

»Igitt! Was ist das denn für eine Sauerei?«

Peter stand neben ihm und zückte seine Lesebrille. »Goodness, sehen Sie doch Patrick, es sind Skarabäen.«

»Können Sie mir erklären, warum uns jemand Mistkäfer an die Tür zimmert? Ist das irgendeine ägyptische Sitte?«

»Aber nein, ganz und gar nicht!« Peter betrachtete das durchstoßene Insekt genauer. »Das ist faszinierend ... «

»Ich bitte Sie!«

»Ich habe noch nie einen lebenden Skarabäus gesehen.«

»Lebend ist der wohl kaum.«

»Wissen Sie, der Skarabäus ist eines der ältesten Symbole der ägyptischen Tradition. Die Menschen beobachteten, wie der Käfer aus Dung und Kadavern eine Kugel formte, seine Eier hineinlegte und daraus schließlich neue Käfer schlüpften. So wie alles Leben also zu Staub und Unrat zerfiel, so wurde dies gleichzeitig Wiege für neues Leben. Der Käfer symbolisierte bei den Ägyptern die ewige Wiedergeburt, die Sonne, den Sieg des Lebens über den Tod.«

»Na wunderbar! Und was soll dann wohl ein aufgespießter Skarabäus an unserer Tür bedeuten?« Patrick machte eine Pause, während der ihn Peter unschlüssig ansah. »Nicht ganz so faszinierend, oder?«

»Nun, so gesehen ... « erwiderte Peter nach einigen Augenblicken. Er hob eine Augenbraue an und nahm seine Brille ab. »Das ist ... in der Tat ... ich würde sagen: beunruhigend.«

»Oder ein verdammt schlechter Scherz! Bevor wir gleich fahren, sollten wir uns den alten Guardner schnappen und hören, was er dazu zu sagen hat.«

»Glauben Sie, Mister Guardner hat diese Tiere hier befestigt?«

»Wohl kaum, es sei denn, er könnte mit nur einer Hand den Käfer und den Nagel halten und gleichzeitig draufhämmern.

Aber ohne seinen Stock kann er ja nicht einmal aufrecht stehen bleiben.«

»Sie haben recht. Es hat wohl auch wenig Sinn, uns einzuladen und uns schon einen Tag später loswerden zu wollen.«

»Vielleicht war es die Köchin.«

»Oder der Gärtner.«

Patrick hob einen Finger. »Hervorragend kombiniert, Watson! Althergebrachte Klischees können durchaus etwas für sich haben. Ich hole neue Zigaretten, und dann lassen Sie uns Guardner informieren.«


3. Oktober 2006, Bürogebäude in Kairo


Dr. Aziz trat aus dem Fahrstuhl. Es war eine ungenutzte Etage wie die meisten in dieser Gegend. Im Erdgeschoss befanden sich eine heruntergekommene Mietwagenfirma und eine dubiose Pfandleihe, die hier höchstwahrscheinlich ums Überleben kämpften oder zwielichtigen Geschäften nachgingen, der Rest des Hauses war in desolatem Zustand. Der Fahrstuhl funktionierte, aber Aircondition-Geräte gab es nicht und würden aller Voraussicht nach auch nicht mehr installiert werden, bevor der Bau endgültig wieder verfiel. Das Gebäude befand sich in einem jener hektisch erschlossenen Industriegebiete im Nirgendwo, umgeben von verwaisten Baugruben, Schutthügeln und provisorischen Straßen. Vielleicht würde sich im Laufe der Zeit noch mehr Gewerbe ansiedeln, aber wahrscheinlicher war, dass das Gelände eine Totgeburt bleiben und sich irgendwann illegale Siedler ausbreiten und es mit selbst gezimmerten Hütten überziehen würden. Ein weiteres Slumgeschwür.

Er ging durch den langen Flur auf das Zimmer am Ende zu. Als er den Raum betrat, fand er eine Reihe von Tischen vor, um die ein knappes Dutzend Männer saßen. Die meisten erkannte er, wenige waren ihm fremd. Sie waren gut gekleidet, nickten ihm zu und warteten, dass er Platz nahm.

»Wir sind vollzählig«, sagte ein stämmiger Ägypter mit Spitzbart. »Meine Herren, ich danke Ihnen für Ihr kurzfristiges Kommen.«

Die Gruppe traf kaum jemals in dieser Form zusammen, nur einige von ihnen pflegten gelegentlichen Kontakt. Alle notwendigen Abstimmungen und Koordination ihrer Aktivitäten wurden in der Regel telefonisch oder per E-Mail erledigt. Sie wahrten die Anonymität ihrer Gruppe, und daher war es wichtig, keine allzu engen Verbindungen entstehen zu lassen. Ein Treffen wie das heutige bedeutete stets das Risiko, aufzufallen und Spuren zu hinterlassen.

»Wir haben ein Problem«, fuhr der Mann fort, »und wir müssen gemeinsam entscheiden, wie wir vorgehen wollen. Unser Auftrag ist heilig, und nun sind Ungläubige im Land, die uns bedrängen. Leider konnten wir ihre Einreise nicht verhindern. Wie konnte es dazu kommen, Dr. Aziz?«

Der Vorsitzende der Altertümerverwaltung holte Luft. »Sie haben mächtige Verbündete.«

»Was soll das bedeuten?«

»Sie haben einen Protektor. Ihm gelang es, ihre Einreise trotz meiner ausdrücklichen Vorkehrungen genehmigen zu lassen. Es gab nichts, was ich dagegen tun konnte.«

»Oliver Guardner?«

»Ja. Wir hätten wissen müssen, dass er sich über so schlichte Dinge hinwegsetzen kann. Und Oliver Guardner ist unantastbar, das wissen Sie selbst.«

»Nun sind die beiden im Land. Was haben wir für Möglichkeiten?«

Ein Mann mit Schnauzbart ergriff das Wort. »Thot Wehem Ankh muss sehr behutsam in der Wahl der Mittel sein. Wir dürfen keine Aufmerksamkeit erregen.«

Ein weiterer Mann ergriff das Wort. »Es darf nicht sein, dass Fremde in den innersten Geheimnissen unserer Kultur Raubbau betreiben und unsere Sache zunichtemachen! Je schneller wir eingreifen und je energischer, umso eher lässt sich das Übel mit der Wurzel herausreißen!«

»Und wie stellen Sie sich das vor?«, rief ein anderer. »Hier geht es nicht um einfache Touristen, die man in der Wüste verdursten lassen kann!«

»Das ist nicht der richtige Moment, um zimperlich zu sein. Der Hüter würde es nicht anders wollen.«

Der Vorsitzende hob die Arme. »Langsam, Brüder! Vor allen Dingen ist dies nicht der richtige Moment, um die Dinge zu übereilen.«

Dr. Aziz ließ sich auf seinem Stuhl nach hinten sinken und betrachtete die Versammelten der Reihe nach, während eine hitzige Diskussion um ihn herum entbrannte. Momente wie diesen versuchte er zu vermeiden, so gut er konnte. Sie riefen in ihm ein irreales Gefühl hervor und offenbarten eine Welt, in die er hineingeboren war und der er nicht entfliehen konnte, sosehr er es auch verdrängte. Er hatte das Erbe seines Vaters angetreten und damit nicht nur seine Arbeit fortgesetzt, sondern auch dessen Verpflichtungen. Auf diese Weise war er den Anwesenden verbunden. Es waren angesehene Menschen mit wichtigen Positionen in der Wirtschaft und der Politik des Landes. Sie stützten und deckten sich gegenseitig, und ihr unsichtbares, haarfeines Netzwerk verwob ihre Aktivitäten mit stählernen Seilen. Gemeinsam verfolgten sie ein Ziel, das ihnen über ihre Väter, Großväter und Urahnen weitergereicht wurde. Aber der Ursprung, der Sinn dieser Tradition entzog sich ihm umso stärker, je älter er wurde. Er glaubte nicht an einen göttlichen Auftrag, und genauso wenig glaubte er an die Gestalt eines übermächtigen Hüters, der ihre geheime Gesellschaft vor Äonen beauftragt hatte. Und manches Mal zweifelte er sogar, ob die Mitglieder selbst daran glaubten, oder ob sie die Legenden nur dankbar als mystischen Rahmen für ihre eigenen Interessen verwendeten. Und es bestand kein Zweifel daran, dass sich unter den Mitgliedern einige befanden, denen jedes Mittel recht war, um ihre fanatischen Interessen durchzusetzen.

Sie trafen sich an der geöffneten Eingangstür des Hauses. Peter stand bereits auf den Stufen. Er trug einen Stoffhut und hatte sein schwarzes Hemd durch ein helleres ersetzt, das nicht weniger elegant, aber etwas sommerlicher wirkte.

»Ich habe die Viecher abgemacht und ins Zimmer gelegt«, sagte Patrick. »Haben Sie Guardner gefunden?«

»Nein, ich hoffte, Sie hätten mehr Glück gehabt.«

»Verdammt. Sollen wir noch mal das Haus durchsuchen?«

»Vielleicht hat er sich zur Mittagsruhe zurückgezogen«, überlegte Peter. »Wir können ihn auch heute Abend noch darauf ansprechen. Was meinen Sie?«

»Na gut, von mir aus. Die Käfer laufen ja nicht mehr weg.«

Sie setzten sich in den klimatisierten Wagen, und Ahmad fuhr los. Ihr Weg führte sie über die Brücke des 6. Oktober, von wo aus sie einen kurzen Eindruck der Breite des Nils und der Größe Kairos bekamen. Die Stadt erstreckte sich nach allen Seiten hin, bis zum Horizont und bis weit hinunter den Fluss entlang. Der Himmel, der sich über der Millionenstadt spannte, war nicht blau, sondern fahl und bei genauer Betrachtung leicht gelbstichig. Romantische Vorstellungen vom zauberhaften Land der Pyramiden und Pharaonen, Kamele, Oasen und Palmen wurden jäh zerstört.

Nach nur wenigen Kurven und Kreuzungen auf der anderen Seite der Brücke hielt Ahmad vor einem rötlichen Gebäude und ließ sie aussteigen.

Das Gelände des Museums war mit Touristen überfüllt. Der asphaltierte Weg zum Eingang des hundert Jahre alten, zweistöckigen Gebäudes führte um einen großen, gemauerten Seerosenteich herum und wurde von Palmen und eingefassten Rasenflächen flankiert. Die Fassade des Museums schien über die ganze Breite des Geländes zu verlaufen. In der Mitte hob sich das weiß gestrichene, halbrunde Eingangsportal von den rotbraunen Mauern ab. Weitere, verglaste Zugänge links und rechts des Eingangs enthielten Souvenirshops und eine Cafeteria.

Vereinzelte Statuen oder Bruchstücke antiker Konstruktionen links und rechts des Weges fanden kaum Beachtung bei den Passanten. Alles strebte hinein oder heraus oder pausierte auf der Umfassung des Teichs, um sich aus mitgebrachten Getränkeflaschen zu erfrischen.

Peter sah zur Fassade hinauf. Die Kuppel auf dem Dach, von weitem noch sichtbar, war aus diesem steilen Winkel nicht mehr auszumachen. Wohl aber wurde deutlich, dass die zentrale Treppe von einem Metallzaun mit Drehkreuzen umgeben war. Ampelvorrichtungen über den einzelnen Durchgängen regelten den Strom der Besucher.

Als Peter und Patrick den Eintritt bezahlt und die erste Halle betreten hatten, bot sich ihnen ein wenig eindrucksvolles Bild. Der Bereich direkt vor ihnen wurde noch vom einfallenden Licht aus der Kuppel hoch über ihnen erhellt, doch dahinter und zu den Seiten hin verloren sich die Räume und Gänge in schwach beleuchteter Dämmerung. Eine Klimaanlage schien es nicht zu geben, oder sie funktionierte nicht, denn die Luft war lauwarm und abgestanden. Eine unruhige Geräuschkulisse aus Gesprächen, klappernden Schuhen und dem Piepsen digitaler Kameras umfing sie.

Peter sah in den Prospekt, den er bekommen hatte.

»Im Erdgeschoss sind die Funde chronologisch sortiert«, entnahm er dem Faltblatt. »Wenn wir hier links gehen, beginnt es mit dem Alten Reich und dann im Uhrzeigersinn weiter bis in die Ptolemäerzeit. Im Obergeschoss liegen die Funde nach Themengebieten gruppiert: Mumien, Schmuck – und auch der Schatz des Tutanchamun.«

»Also von mir aus können wir dann gleich hochgehen«, sagte Patrick, während er irritiert einer ungeheuer dicken Frau nachsah, die sich schwitzend von Vitrine zu Vitrine schob und überall nur gerade lang genug stehen blieb, um ein Foto zu machen.

»Unseren Freund Echnaton und seine Zeit werden wir allerdings hier unten finden«, sagte Peter und sah geradeaus, wo sich der lange, zentrale Saal vor ihnen öffnete. Sein Boden war etwas abgesenkt und von den Arkaden und seitlichen Kammern des chronologischen Rundwegs umgeben. »Lassen Sie uns durch den Saal gehen. Der Bereich der Amarna-Zeit liegt direkt gegenüber.«

Sie gingen hinter einer vier oder fünf Meter hohen Kolossalstatue entlang und ein paar Stufen hinunter in den Saal. Hier führte sie ihr Weg vorbei an zahllosen holzeingefassten Glasvitrinen, Steinsarkophagen und Statuen.

»Professor Lavell?«

Sie drehten sich um. Eine junge Frau kam eilig auf sie zu.

»Ich bin Melissa, erinnern Sie sich? Wir hatten uns in Hamburg kennengelernt.«

»Selbstverständlich«, entgegnete Peter, während er ihre Hand schüttelte. »Schön, Sie wiederzusehen.«

»Es freut mich so, dass Sie tatsächlich gekommen sind! Hallo Mister ... Ne ... Nevroy, richtig?«

»Fast. Patrick wäre mir aber lieber.«

»Okay ... « Melissa lächelte unbeholfen und verschränkte dann die Hände, während sie auf den Fußspitzen wippte. »Also, wie gefällt Ihnen das Museum?«

»Wir sind gerade erst gekommen«, erklärte Peter, »und wollten uns eben Echnaton angucken.«

»Oh, tatsächlich? Den Ketzerpharao? Da haben Sie sich aber etwas ganz Besonderes ausgesucht. Wussten Sie, dass ... ach, natürlich wussten Sie das, wie dumm von mir. Sie wissen sicherlich alles über diese Sachen hier, oder?«

»Es gibt da bestimmt noch das ein oder andere Neue zu entdecken«, sagte Patrick freundlich, indem er ihre Bluse taxierte.

»Wirklich?«, erwiderte sie lächelnd. »Dann bist du ja vielleicht gar nicht so erfahren, wie ich dich eingeschätzt hatte.«

»Autsch!«

»Vielen Dank für das Angebot, Mrs. Joyce«, sagte Peter, der seinen Blick umherschweifen ließ. »Ein anderes Mal gerne, aber wir wollten uns erst einmal selbst umsehen.«

»Ja, sicher, das verstehe ich. Nun, ich habe noch eine Führung vor mir. Wenn Sie sich nicht anschließen möchten, sehen wir uns vielleicht nachher wieder?«

»Also ich komme gerne mit«, sagte Patrick und fügte mit einem Blick auf Peter hinzu: »Falls das in Ordnung ist?«

Peter nickte. »Warum nicht, dann müssen Sie sich nicht meine Vorträge anhören.«

»Prima«, sagte Melissa. »Dann wird der Rundgang vielleicht nicht ganz so trocken. Wir sind etwa eine Stunde unterwegs. Wir warten danach in der Cafeteria auf Sie, Professor, ja?«

»Gut.«

»Also, dann bis gleich.« Sie wandte sich an Patrick. »Komm mit, wir fangen da vorne an.«

Patrick und Melissa gingen wieder zum Eingang und ließen Peter im Saal zurück.

»Hält er wirklich so viele Vorträge?«, fragte sie den Franzosen.

»Er untertreibt.«

Sie lachte auf. »Tatsächlich? Ja, er ist wohl ein echter Professor, was? So voller Wissen ... Ich habe ein paar seiner Publikationen gelesen und finde ihn großartig.«

»Ja, er erstaunt mich auch immer wieder. Und du? Was hat dich hierherverschlagen? Wie hast du den Job im Museum bekommen?

»Weil ich noch so jung bin?«

»Na ja, ich meine ... «

»Ist schon in Ordnung«, sie winkte ab. »Ich weiß, die Leute halten mich immer für zu jung dafür. Aber ich habe mal Geschichte und Ägyptologie in Oxford studiert.«

»Das klingt, als wäre es eine Ewigkeit her.«

»Ist es auch! Ich bin schon zwei Jahre hier!«

»Ach so! Ja, das ist natürlich eine halbe Ewigkeit.«

»Mach dich nicht lustig. Ich habe mehr über dieses Museum und seine Stücke gelernt, als manch anderer, der hier arbeitet. Weißt du, die meisten plappern bloß das nach, was auch in jedem Reiseführer steht, aber sie kennen kaum Hintergründe. Oh, siehst du: Da stehen schon ein paar Touristen und warten.«

Melissa ging auf die kleine Gruppe zu, die sich versammelt hatte. Plötzlich war ihre jugendliche Vertrautheit einer überraschenden Professionalität gewichen.

»Anybody here for an English tour? I'll be leading a tour in English. Anybody?«

Einige Hände hoben sich sofort, zwei andere Touristen sahen sich fragend an und meldeten sich dann zögerlich.

»Do you understand English, too, Sir? There will be a German tour guide Comingas well. Deutsch? Français?« Die beiden schüttelten den Kopf. »Okay, very well. I will try to speak slowly. lf there is anything you don't understand, just let me know.«

Melissa wartete noch einen Augenblick, ob sich weitere Touristen einfanden. Als sich niemand mehr der Gruppe anschloss, hob sie die Arme und begann.

»Welcome to the Egyptian Museum in Cairo. For the next hour I will be your tour guide. I will be telling you all about the three thousand year old history of ancient Egypt and introduce you to some of the most remarkable archeological artifacts ever found, including the magnificent treasure of Tutankhamen ... «

Patrick hörte ihr nur mit einem Ohr zu und ging im Strom der Gruppe mit. Sie ist außerordentlich hübsch, stellte er fest. Eigentlich hatte er sich nie nach rothaarigen Frauen umgedreht, aber in Melissa mischte sich eine junge, erfrischende Naivität mit einer Ausstrahlung von anzüglicher Offenheit. Sie irritierte ihn auf eine Weise, die er noch nicht ergründen konnte. Sie schien sich ihrer Reize durchaus bewusst zu sein, doch sie ging damit um wie mit einem zufällig gekauften Kleid, an dem sie sich ohne Scheu oder Hintergedanken selbst erfreute. Auf eine gewisse Weise erinnerte sie ihn an Stefanie, die er in Frankreich kennengelernt hatte. Aber anders als sie war Melissa nicht so tiefgründig, nicht so erhaben oder unerreichbar. Zumindest machte es den Eindruck, als sei Melissa tatsächlich einfach so, wie sie sich gab. Und doch ging von dieser Schlichtheit eine gewisse Kraft aus.

»Das stimmt doch gar nicht«, hörte er plötzlich eine halblaute Stimme neben sich. Er drehte sich zur Seite und guckte einem beleibten Mann ins Gesicht, der Melissas Vortrag kommentierte. Sie hatten sich inzwischen einige Schritte vom Eingang entfernt und befanden sich in einem Nebenraum. Melissa stand ein wenig entfernt neben einer unscheinbaren Statuette und hatte die Bemerkung nicht gehört.

Der Mann bemerkte Patricks Blick.

»Na, das ist doch bekannt, dass Cheops die Große Pyramide gar nicht gebaut hat.«

»Wie bitte?«

»Jason Miles«, stellte sich der Mann vor und reichte Patrick seine fleischige Hand. Flüsternd sprach er weiter. »Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht stören. Aber wissen Sie, es gibt inzwischen Belege, dass die Große Pyramide von Giseh gar nicht von Cheops gebaut wurde.«

»Aha?«

»Sie sind kein Amerikaner, oder?«

»Nein.«

»Ich komme aus Boston. Kenne mich ziemlich gut mit dem Geheimnis der Pyramiden und dem ganzen Treiben des SCA aus. Bin jetzt das erste Mal hier und wollte mir das mal angucken. Ist wirklich unglaublich, dass man den Leuten hier immer noch die alten Lügengeschichten erzählt. Fast schlimmer als Roswell, wenn Sie wissen, was ich meine.«

»Hm, nein.«

»Okay, Entschuldigung.«

Der Mann wandte sich ab und hörte weiter Melissa zu. Patrick sah ihn noch eine Weile von der Seite an und beobachtete, wie der Amerikaner ab und zu die Stirn runzelte oder leicht den Kopf schüttelte.

Meine Güte, was gibt es bloß für schräge Typen, dachte Patrick und richtete sein Augenmerk wieder auf Melissa. Ihre Blicke trafen sich, und sie lächelte ihm zu, ohne ihren Vortrag zu unterbrechen.

Die Räume im Erdgeschoss enthielten hauptsächlich Objekte aus Stein. Sie gingen an unzähligen Statuen vorbei, Obelisken, Stelen und Reliefs. Melissa erklärte, dass ein griechischer Geschichtsschreiber namens Manetho etwa 200 v. Chr. eine Liste der mehreren hundert bisherigen Pharaonen erstellt und sie zu Dynastien gruppiert hatte. Die erste dieser Dynastien begann etwa 2800, die einunddreißigste etwa 300 v. Chr. Diese Klassifizierung wurde noch heute verwendet. Inzwischen hatte man festgestellt, dass Manethos Liste sogar präziser war als alle offiziellen Aufstellungen, die die Pharaonen selbst hinterlassen hatten. Allzu oft waren die Herrscher bemüht gewesen, die eigene Abstammungslinie schönzufärben oder unliebsame Vorgänger geschichtlich totzuschweigen.

»Die Geschichte wurde schon immer von den Siegern geschrieben«, kommentierte Jason diesen Teil der Erläuterungen. Patrick versuchte, den Amerikaner zu ignorieren.

Als sie das Erdgeschoss der gesamten Länge nach durchschritten und den hinteren Teil erreicht hatten, trafen sie dort auf Peter, der eine Vitrine der Amarna-Periode studierte. Er sah kurz auf und nickte ihnen zu, ließ sich aber darüber hinaus nicht weiter stören und wandte sich wieder den Ausstellungsstücken zu. Neben ihm standen zwei überlebensgroße Statuen des Echnaton. Mit seinem deformierten Körper und den außerordentlich scharfen und fremdartigen Gesichtszügen sah der Pharao grotesk und beunruhigend zugleich aus.

»Sicherlich haben Sie schon die Theorien gehört, dass er in Wahrheit ein Außerirdischer war?« Diesmal war Jasons Frage direkt an Patrick gerichtet.

Der Franzose verdrehte die Augen. »Also, wissen Sie ... «, entfuhr es ihm entnervt, doch Jason hob nur eine Hand.

»Sch-sch ... Sagen Sie nichts, bevor Sie sich nicht alles angehört haben! Ich weiß, es ist unwahrscheinlich, zumal die meisten Entführungsfälle und Sichtungen aus unserem Land kommen. Warum also Ägypten, nicht wahr?«

»Reden Sie allen Ernstes über UFOs?!«, fragte Patrick.

»Natürlich, was denn sonst?«

»Hören Sie, Mister, ich wollte der Führung zuhören und habe kein Interesse an Ihrem Bullsbit, klar?«

Der Mann sah ihn einen Augenblick perplex an. Dann zuckte er mit den Schultern. »Ist ja gut! In Ordnung ... «, murmelte er und wandte sich ab.

Die Führung ging weiter. Melissa erklärte ihnen etwas über das Neue Reich, die Spätzeit, den Verfall des ägyptischen Reiches, die Eroberung durch Alexander den Großen im Jahr 332 v. Chr., die folgende griechische Periode, die sich Ptolemäerzeit nannte, und schließlich die römische und die byzantinische Zeit. Sie erzählte etwas darüber, wie die ägyptische Religion durch den Islam und das koptische Christentum abgelöst wurde, aber Patrick interessierte sich vor allem dafür, wie sich beim Sprechen manchmal ihre Mundwinkel ganz leicht nach oben kräuselten und sich ab und zu ein Grübchen auf ihrer Wange bildete. Manchmal fielen ihr dabei ihre rotblonden Locken ins Gesicht.

Sie waren inzwischen einmal im Kreis gelaufen und wieder am Eingang angelangt. Von hier führte Melissa sie hinauf in den ersten Stock zur Mumien-Ausstellung. Während sich eine Mischung aus Faszination und Schauder breitmachte und Fotoapparate gezückt wurden, gesellte sich Melissa zu Patrick.

»Und, wie fandest du es bisher?«

»Wunderschön«, sagte Patrick und lächelte sie an.

»Ich meine den Vortrag!«, sagte sie und stieß ihn in die Seite. »Fandest du das interessant?«

»Doch, unbedingt!«

»Na schön. Also, wenn irgendetwas unverständlich ist, oder wenn es etwas gibt, das du gerne wissen möchtest, dann frag einfach, okay?«

»Sicher! Ich frage mich zum Beispiel, ob es möglich ist, dich heute Abend zum Abendessen einzuladen.«

»Oh, du hast es aber eilig!« Sie schmunzelte. »Findest du nicht, dass du übertreibst?«

»Besondere Situationen erfordern besondere Maßnamen.«

»O wirklich? Dann bin ich aber gespannt, ob es auch wirklich so ein besonderer Abend wird.«

»Dann war das ein Ja?«

»Noch mal sage ich es jedenfalls nicht.«

»Na, das war ja unkompliziert.«

»Bitte schön. Und jetzt muss ich mal weitermachen ... Bis gleich!« Damit wandte sie sich wieder an die Gruppe und führte sie in den nächsten Raum.

Sie besahen sich Statuetten altägyptischer Gottheiten, Papyri und bemalte Tonscherben und näherten sich dabei dem Grabschatz des Tutanchamun. Immer mehr Schaukästen leuchteten im Gold der kostbaren Artefakte, die sie enthielten: mit Edelsteinen besetzte Ketten, Amulette und Pektorale, Vasen und Gefäße aus Alabaster, vergoldete Holzpanele, Statuetten aus Fayence, Bronze und Glas, mit Blattgold überzogene Truhen aus Ebenholz und Elfenbein, Einlegearbeiten aus Silber, Quarz, Obsidian und Türkis. Das Tempo der Gruppe verlangsamte sich zusehends. Immer wieder verharrten die Besucher staunend, und mehr als einer ließ die Finger ehrfürchtig über die Scheiben der Vitrinen gleiten.

Melissa führte sie dennoch weiter. Der gewaltige Grabschatz füllte fast die Hälfte des oberen Stockwerks und war auf mehrere Räume und Gänge verteilt. Melissa erläuterte die Vielzahl der kostbaren, kaum einen halben Meter großen Statuen, die Uschebti genannt wurden, den vergoldeten Statuenschrein und zeigte ihnen den prachtvollen, mit Gold und Edelsteinen überzogenen Thron des Pharaos.

Im Anbetracht der unüberschaubaren Kostbarkeiten dachte Patrick an seine eigenen Erfolge auf der Suche nach verborgenen Schätzen. Wie oft waren Funde zwar von wissenschaftlichem Wert, stellten aber keine materielle Sensation dar. Eine unscheinbare bemalte Tonscherbe konnte die Handelsbeziehung zweier Völker belegen und die Geschichte neu schreiben. Einfache Grabbeigaben konnten einen bisher unbekannten Ahnenkult bezeugen, und Knochen enthielten mitunter Hinweise auf eine überraschend fortschrittliche medizinische Versorgung. Aber echte Kostbarkeiten waren verdammt selten, und ein Goldschatz wie dieser hier war geradezu atemberaubend. Patrick überlegte, wie groß die Wahrscheinlichkeit war, dass weitere, ähnliche Reichtümer noch immer im Sand Ägyptens verborgen waren. Es hatte mehrere hundert gottgleicher Pharaonen gegeben, die jeweils in spektakulären Zeremonien und ungeahntem Prunk begraben worden waren, nicht zu vergessen die vielen tausend wohlhabenden Priester, Beamten und Würdenträger, die im Laufe von dreitausend Jahren mit einem Großteil ihres Vermögens unter die Erde gebracht worden waren. Der Gedanke, sich mit der ägyptischen Geschichte – und vor allen Dingen den bisher nicht gefundenen Gräbern – zu beschäftigen, begann ihm sympathisch zu werden.

Melissa kündigte den nahenden Höhepunkt des Rundgangs an, als sie um eine Ecke gingen. Patrick blieb nach einigen Schritten abrupt stehen. Vor ihm stand ein goldener Schrein, einem Altar ähnlich, und darauf lag ein großer, schwarzer Hund mit schmaler Schnauze und gespitzten Ohren. Für einen unwirklichen Moment sah er in ihm eine jener Bestien aus seinem Traum. Fast erwartete er, dass sich das Tier ihm zuwenden und aufstehen würde, um ihm erneut an die Kehle zu springen. Einen Lidschlag später erkannte er erleichtert, dass es lediglich eine Statue war. Doch die Ähnlichkeit war erschreckend.

Er wollte Melissa auf das Objekt ansprechen, aber sie kümmerte sich um die restlichen Touristen, die einige Räume weiter die goldenen Sarkophage und die berühmte Totenmaske des Tutanchamun bewunderten.

Patrick ging langsam an dem Hund vorbei. Aus der Nähe wirkte das Tier wesentlich kleiner und weniger bedrohlich. Die hölzerne Statue war bis auf einige Details vollkommen schwarz: Die Augen waren golden umrandet, die Innenseiten der Ohren mit Gold bedeckt, und um den Hals lag ein goldenes, verknotetes Tuch. Der gebauschte Schwanz fiel auf der Rückseite des goldenen Schreins herab und machte den Hund bei eingehender Betrachtung eher zu einer Art Schakal.

Patrick schloss zu der Gruppe auf. Die Leute belagerten gerade die berühmtesten Teile des Schatzes, und Patrick fragte sich, ob es für einen normalen Touristen wohl überhaupt denkbar war, ohne mindestens ein Foto von Tutanchamuns Maske nach Hause zu kommen.

Melissas Führung kam schließlich zum Ende. Sie verabschiedete sich von den Touristen, einzelne bedankten sich noch bei ihr, dann löste sich die Gruppe auf.

»Fertig«, sagte Melissa lächelnd, während sie auf Patrick zukam, der an einer Säule lehnte. »Lust auf einen Kaffee?«

»Darauf warte ich doch schon seit einer Stunde«, gab er mit einem Schmunzeln zurück.

»Prima, dann komm! Ich hoffe, du hast dich nicht zu sehr gelangweilt.« Sie führte Patrick denselben Weg zurück, den sie gekommen waren.

»Im Gegenteil. Ach übrigens: Was ist das hier eigentlich?« Er deutete auf den schwarzen Hund, den sie gerade passierten.

»Das ist Anubis.«

»Einer der ägyptischen Götter?«

»Ja, sicher! Du kennst dich wirklich nicht so gut mit Ägypten aus, hm?« Als Patrick nicht antwortete, fuhr sie fort. »Also gut, ja, Anubis ist einer der Götter, sogar ein ganz wichtiger. Er wird als Hund oder Schakal dargestellt, oder als Mensch mit Schakalskopf. Anubis ist der Freund und Beschützer der Toten. Daher auch die schwarze Farbe: die Farbe des Todes und zugleich der Fruchtbarkeit, da aus dem Tod neues Leben entspringt. Anubis bewacht den Eingang zum Totenreich, er öffnet den Mund der Mumie und geleitet die Seele zum Gericht der Maat, wo das Herz des Toten gegen eine Feder aufgewogen wird.

Diese Statue hier stand im Grab Tutanchamuns vor dem Eingang der Sargkammer.«

Patrick starrte auf die Figur, aber er sah ins Leere. Teile seines Traums wiederholten sich vor seinem inneren Auge. Die schwarzen Hunde, das Öffnen seines Mundes, das Wiegen seines Herzens ... Er kannte diese Geschichten überhaupt nicht, und doch hatte er davon geträumt!

»Alles in Ordnung?«, fragte Melissa und berührte ihn sanft an der Schulter. Er zuckte zusammen und versuchte, die beunruhigenden Gedanken abzuschütteln. »Ja, sicher«, antwortete er. »Gehen wir!«


»Erzähl mir etwas von dir«, sagte Melissa mit großen Augen über ihren Kaffee hinweg.

»Von mir?« Er blies den Rauch seiner Zigarette nach oben. »Was willst du denn wissen?«

»Na, wo du herkommst, was du beruflich machst und so.«

»Ich bin Ingenieur. Jedenfalls habe ich Maschinenbau und Informatik studiert. Durch Zufall habe ich dann ein paar Mal bei archäologischen Expeditionen geholfen und die Technik betreut. Also Computer, Analysegeräte oder Roboter bedient. Ich habe mich immer mehr für Archäologie interessiert, und später habe ich dann angefangen, auf eigene Rechnung zu arbeiten.

»Als was denn? Als Schatzsucher?«

»Ich habe in Palenque ein paar Schächte untersucht und in den Katakomben unter Rom eine frühchristliche Kapelle gefunden.«

»Tatsächlich? Das ist ja aufregend!«

»Es war okay, denke ich.« Die Tatsache, dass er dafür Forschungsgelder und Roboter der ESA zweckentfremdet hatte, dass er in die Krypta der römischen Kirche eingebrochen war, und dass er für keine der Aktionen eine Genehmigung gehabt hatte, verschwieg er ihr wohlweislich.

»Und wie bist du mit Professor Lavell zusammengekommen?«

»Auch durch Zufall. Wir wurden beide eingeladen, eine Höhle zu untersuchen. Ich weiß, wir sind ziemlich unterschiedlich, aber irgendwie haben wir uns ganz gut verstanden.«

»Und jetzt habt ihr ein neues Projekt hier in Kairo?«

»Ja, so in etwa. Aber lass uns doch lieber von dir reden, hm?«

»Wenn du meinst.« Sie lächelte und breitete die Arme aus. »Was möchtest du wissen?«

Patrick zog an seiner Zigarette und betrachtete sie einen Moment schweigsam. Dann entschied er, es geschickt angehen zu lassen.

»Was trägst du da für einen Anhänger?«, fragte er und zeigte mit seiner Zigarette auf ihre Kette.

Sie hob den Anhänger an und beugte sich über den Tisch, um das Stück besser zu zeigen. Patrick musterte es nur oberflächlich, denn viel wichtiger war ihm, dass ihr Gesicht jetzt ganz nah an seinem war. Es lag etwas Zärtliches in ihrer Bewegung, und als er sich ebenfalls vorbeugte, roch er einen leichten Hauch, ganz schwach süßlich und würzig zugleich, wie eine Mischung aus Harz und Vanille. Er konnte die Wärme spüren, die ihre Haut ausstrahlte, sah winzige Sommersprossen auf ihrer Nase und feuchte Linien auf ihren Lippen, und er wusste, dass der Moment für sie ebenso intim wirkte wie für ihn. Aber so, wie man etwas betonte, indem man es unausgesprochen ließ, so unterstrich er den Augenblick, indem er eine Berührung nicht zustande kommen ließ, sondern den Kopf leicht senkte und seine Hand nach dem Anhänger ausstreckte. Als er ihn in den Fingern hielt, stockte sein Atem zum zweiten Mal.

An Melissas Kette hing ein silbernes Schmuckstück. Es war mandelförmig und wirkte wie ein senkrecht stehendes Auge. In die polierte Oberfläche war eine feine Zeichnung graviert. Im unteren Teil waren ein Kelch zu erkennen sowie eine Rosenblüte, die ihrerseits ein Herz und ein Templerkreuz enthielt. In der Mitte des Anhängers war ein Vogel zu sehen, der von oben nach unten auf den Kelch zuflog. Im oberen Teil der Zeichnung befand sich ein Dreieck, das nach allen Seiten hin Strahlen aussandte. Und in dem Dreieck war deutlich das Auge des Horus zu erkennen – ganz so, wie es Peter in Guardners Papyrus gefunden hatte.

»Was ist das?«, fragte Patrick verblüfft. »Wo hast du es her?«

»Das ist das Zeichen meiner Gemeinde.«

»Du bist religiös?«

»Könnte man sagen, ja. Du nicht?«

»Nein.«

»Kein Stück?«

»Wirklich nicht. Diese ganzen Konzepte von höheren Wesen, die die Welt geschaffen haben, die man anbeten soll und die über einen richten – damit kann ich nichts anfangen.«

»Aber nicht alle Religionen sind so«, erklärte Melissa. »Wir glauben beispielsweise daran, dass alle Kraft im Menschen liegt. Dass wir alle von Grund auf gut sind, wenn wir nur erkennen, was wir wirklich wollen, und wenn wir lernen, unseren wahren Willen und unsere Liebe zu verwirklichen.«

»Klingt ganz vernünftig. Wie ist das mit ›Liebe verwirklichen genau gemeint?« Patrick grinste.

»So ähnlich, wie du es dir vorstellst«, gab sie lächelnd zurück.

»Aha? Von dieser Religion musst du mir unbedingt mehr ... o nein!« Patrick sah an Melissa vorbei, wo er beobachtete, wie Jason durch die Cafeteria ging. Im selben Augenblick hatte der Amerikaner ihn ebenfalls entdeckt und wandte sich ihnen zu.

»Was ist denn?«, fragte Melissa.

»Er schon wieder«, raunte Patrick. »Hat mich vorhin dauernd vollgequatscht.«

»Was für eine Überraschung!«, rief Jason aus, als er neben ihrem Tisch stand. Dann reichte er Melissa die Hand. »Jason Miles. Ich wollte mich noch mal für die tolle Führung bedanken. Ich hätte da aber noch ein paar Fragen. Ich hoffe, ich störe nicht?«

»Nein, es ist schon recht«, gab Melissa zurück. »Setzen Sie sich doch.«

Während Patrick die Augen verdrehte, nahm Jason Platz und stellte seinen Kaffee ab. »Mir ist aufgefallen«, sagte der Amerikaner dann, »dass Sie uns nur nach dem Lehrbuch informiert haben, aber die neueren Theorien haben Sie gar nicht erwähnt.«

»Was wäre denn das zum Beispiel?«

»Das fing schon mit Cheops an. Sie wissen sicherlich, dass man sich inzwischen gar nicht mehr so sicher ist, dass er die Große Pyramide gebaut hat.«

»Ich muss Sie enttäuschen, Mister Miles, aber das hier ist ein Museum und keine Kuriositätenausstellung. Ich kann nur wiedergeben, was erforscht und belegt ist. Spekulationen gehören nicht zur Führung.«

»Aber warum sollte man den Leuten das nicht erzählen? Alle ägyptischen Gräber sind von oben bis unten bemalt und beschriftet, und ausgerechnet in der Großen Pyramide findet sich nicht eine einzige Hieroglyphe, die sie Cheops zuschreibt! Die Ägypter, die alle Aspekte ihres Lebens dokumentierten, haben nicht ein einziges schriftliches Zeugnis darüber hinterlassen, wie die Pyramiden überhaupt gebaut worden sind. Ist das nicht merkwürdig? Viel wahrscheinlicher ist es doch, dass die Pyramiden schon viele tausend Jahre vorher standen. Genauso wie die Sphinx. Der hat Chephren nur einen neuen Kopf aufgesetzt, aber sie stand auch schon viel früher, man hat sogar Verwitterungsspuren von Regen gefunden. Regen! Es ist zehntausend Jahre her, dass es in Ägypten derart regnerisch war.«

»Was hab ich dir gesagt?«, raunte Patrick an Melissa gewandt.

»Das sind alles nur Theorien, Mister Miles«, erwiderte Melissa, »die zum Teil schon widerlegt wurden.«

»Das sehe ich ganz anders. Oder wie erklären Sie die Geheimniskrämerei und die ständigen Verschleierungen durch das SCA?«

»SCA?«, fragte Patrick und ärgerte sich im gleichen Augenblick, dass er auf den Mann eingegangen war.

»SCA ist das Supreme Council of Antiquities«, erklärte Melissa, »die ägyptische Altertümerverwaltung.«

»Ganz recht, und Sie können mir nicht erzählen, dass Dr. Aziz nicht irgendetwas verheimlicht. Wie er Gantenbrink abserviert hat! Und die Öffnung der Luftschächte in der Königinkammer vor einigen Jahren war doch wohl auch alles andere als koscher.«

»Dr. Aziz ist sicher nicht überall beliebt. Aber er hat seine guten Gründe. Und soweit ich informiert bin, sind auch anderen Forschern ihre Lizenzen entzogen worden, und zwar jeweils durchaus berechtigt. Dieses Land ist lange genug geplündert worden, und Dr. Aziz setzt endlich das durch, was schon vor hundert Jahren hätte getan werden müssen.«

»Das mag ja sein, aber dennoch: Er weiß zum Beispiel auch von den Hohlräumen unter der Sphinx – und vom Archiv des Wissens. Und trotzdem lässt er niemanden dort graben. Oder wahrscheinlich gerade deswegen, hm?«

Patrick horchte auf, vermied es diesmal aber, sich einzumischen.

»Mister Miles, dieses Land hat mehr Hohlräume als ein Schweizer Käse, und es gibt so viele Legenden wie Sanddünen. Was erwarten Sie?«

»Die Menschen da draußen erwarten einfach nur Ehrlichkeit und dass ihnen nichts verschwiegen wird. Es gibt so viele Hinweise darauf, dass die Ägypter viel mehr wussten, als wir ahnen. Sie haben nicht nur die Pyramiden in Giseh nach dem Sternbild des Orion ausgerichtet oder astronomische und mathematische Konstanten in den Gebäuden verschlüsselt. Sie kannten wahrscheinlich auch Diamantbohrer und sogar Elektrizität. Das sollte einmal ernsthaft untersucht und nicht immer unter den Tisch gekehrt werden.«

»Ägypten ist kein reiches Land, die Archäologie steht hier nicht an oberster Stelle, wenn es darum geht, Geld zu verteilen.

Sie wären überrascht, wie viel trotzdem für die Instandhaltungen der alten Monumente und für neue Grabungen ausgegeben wird. Ständig sind unzählige internationale Forscherteams im ganzen Land beschäftigt, mehr, als in jedem andern Land der Welt. Und trotzdem kann nicht alles gleichzeitig getan werden. Wenn es irgendwo sensationelle Entdeckungen zu machen gibt, wird es sie früher oder später auch geben, machen Sie sich keine Sorgen.«

»Und ich glaube, dass zu viele Funde unter Verschluss gehalten werden, weil sie nicht in das Wunschbild des alten Ägyptens passen. Und mit einem SCA, das sich wie das FBI aufführt, wird das nur noch schlimmer werden.«

»Patrick? Mrs. Joyce?« Es war die Stimme von Peter, der unbemerkt von hinten an ihren Tisch getreten war.

»Na gut, ich muss dann auch los«, sagte Jason und stand auf. »Ich hätte mich gerne länger mit Ihnen unterhalten. Vielleicht komme ich in den nächsten Tagen noch mal ins Museum, ich bin nämlich noch eine Woche in Kairo. Auf Wiedersehen.«

»Wer war denn das?«, fragte Peter, während er sich setzte und dem Amerikaner nachsah.

»Ein Tourist«, antwortete Melissa.

»Ein Spinner, wenn du mich fragst«, sagte Patrick.

»Lass ihn doch«, gab Melissa lächelnd zurück. »Solche wie ihn treffe ich mindestens einmal die Woche. Es sind immer wieder die gleichen Abenteuergeschichten, mit denen sie ankommen.«

»Dann habe ich wohl nichts verpasst?«, fragte Peter.

»Nein«, sagten Patrick und Melissa gleichzeitig und mussten lachen.

»Übrigens, Professor Lavell«, sagte Melissa. »Nennen Sie mich bitte nicht Mrs. Joyce. Erstens bin ich nicht verheiratet, und zweitens ist mir einfach nur Melissa lieber.«

»Ich werde mich bemühen, daran zu denken.«

»Waren Sie denn erfolgreich beim alten Echnaton?«, fragte Patrick.

»Es war alles höchst interessant«, gab Peter zurück. »Immerhin ist das hier die größte Sammlung ägyptischer Artefakte der Welt. Einzigartig! Aber ich weiß schon, was Sie meinen. Ob ich etwas gefunden habe, was uns weiterhilft? Ich fürchte, nein. Aber ich werde mir heute Abend noch mal die Bibliothek Guardners vornehmen. Es muss einfach einen Hinweis dort geben.«

»Was suchen Sie denn?«, fragte Melissa. »Vielleicht kann ich Ihnen helfen?«

Peter sah sie einen Moment unschlüssig an. »Noch nicht, danke schön«, sagte er dann. »Noch sind zu viele Fragen offen. Aber vielleicht ein anderes Mal.«

»Sagen Sie mir nur Bescheid. Ich weiß so gut wie alles über dieses Museum und habe auch einige ganz gute Kontakte in Kairo.«

»Danke sehr.«

»Da ist aber noch etwas, das Sie sich ansehen sollten, Peter«, sagte Patrick und wandte sich dann an Melissa. »Darf ich?«, fragte er und deutete auf ihre Kette. Bereitwillig strecke sie ihren Hals nach vorn, so dass Patrick den Anhänger ergreifen und ihn leicht hervorziehen konnte. »Haben Sie das schon mal gesehen?«

Peter sah kurz hinüber, setzte dann seine Brille auf und beugte sich näher an das Schmuckstück. »Oh!«, entfuhr es ihm. »Das ist ... ein schönes Stück.«

»Kennen Sie das Zeichen?«

»Nein, ich kenne es nicht.« Er lehnte sich wieder zurück.

»Haben Sie das Auge darauf gesehen? In der Pyramide?«

»Ja, habe ich.«

»Und?«, beharrte Patrick. »Finden Sie das nicht erstaunlich?«

»Nicht sehr, nein. Und um ehrlich zu sein, ich würde jetzt gerne zurück in die Residenz.«

»Oh, wie schade. Wirklich?« Melissa sah vom einen zum anderen.

»Wir werden uns sicher in den nächsten Tagen noch einmal über den Weg laufen«, sagte Peter und stand bereits auf.

Patrick, irritiert von Peters plötzlicher Eile, erhob sich ebenfalls. Er wandte sich noch einmal an Melissa. »Sehen wir uns heute Abend?«

»Ich hole dich um neun hier vor dem Museum ab. Das wird das Einfachste sein.«

»Gut. Bis dann!«

»Auf Wiedersehen, Melissa«, sagte Peter.

»Bis bald!«

Sie verließen das Gebäude und traten hinaus in die drückende Spätnachmittagssonne auf dem Vorplatz des Museums.

»Was sollte das denn?«, fragte Patrick ungehalten, nachdem sie sich ein paar Schritte entfernt hatten. »Wir können sie doch nicht plötzlich so sitzen lassen.«

»Sie sollten sich von ihr fernhalten.«

»Wie bitte?! Was geht Sie das an?«

»Mal abgesehen davon, dass wir nicht zum Vergnügen hier sind ... «

»Ich bin eben eine Stunde lang mit hässlichen Menschen durch das Museum gelatscht, habe versucht, etwas zu lernen, und musste mich dabei von paranoiden UFO-Gläubigen vollquatschen lassen. Das war wirklich kein Vergnügen!«

»Wie paranoid Melissa selbst ist, können Sie vielleicht noch gar nicht absehen.«

»Wie kommen Sie denn darauf? Sie ... « Patrick stockte. »Meinen Sie den Anhänger an ihrer Kette?«

Peter sah ihn nur an.

»Was ist damit?«, fragte Patrick nach.

»Der Anhänger ist nicht irgendein Anhänger. Es ist das Symbol einer Sekte.«

Patrick verstummte.

»Ich zog es vor«, sagte Peter, »mich nicht in der Cafeteria darüber auszubreiten.«

»Also gut ... « Der Franzose kramte kopfschüttelnd eine zerknitterte Zigarettenpackung aus seiner hinteren Hosentasche, bugsierte eine Zigarette heraus, bog sie gerade und zündete sie sich an. Dann setzte er sich auf die Teichumrandung. »Dann schießen Sie mal los, Professor.«

»Die Sekte nennt sich Ordo Templi Mysteriorum Aegyptiorum oder kurz O.T.M.A. Sie wurde irgendwann Ende des neunzehnten Jahrhunderts gegründet. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg wurde Aleister Crowley aufgenommen, und der modellierte den Orden nach seinen Leitsätzen um.«

»Der Aleister Crowley? Dieser Satanist?«

»Selbst Sie haben von ihm gehört.«

»Na ja, eher den Namen.« Er stieß eine Rauchwolke aus. »Aber keine Details.«

»Seien Sie froh.«

»Und was ist jetzt so schlimm an der Sekte?«

»Vermutlich werden Sie statt Schwarzer Messen und Menschenopfern eher Räucherstäbchen und Tantra-Sitzungen vorfinden, aber ich jedenfalls würde von einer Frau, die dort Mitglied ist, die Finger lassen!«

»Tantra? Ist das nicht diese Gruppensex-Meditation?« Patrick grinste.

»So ähnlich«, gab Peter lächelnd zurück. »Vorzugsweise mit bärtigen Sektengurus und voluminösen Damen meines Semesters.«

Die Vorstellung jagte Patrick einen Schauder über den Rücken, und er lachte auf. »Aber das Auge und die Pyramide«, fragte er dann, »was hat das in deren Logo zu suchen? Könnte das nicht interessant für uns sein?«

»Ich hatte doch gesagt, dass das Allsehende Auge eine gewisse mystische Tradition hat. Nicht nur das Christentum oder die Freimaurer verwenden das Symbol, wie Sie sehen. Nur weil es auf diesem Anhänger auftaucht, ist es keine Spur, die wir verfolgen sollten.«

Patrick nickte. Insbesondere nach den Erlebnissen in Südfrankreich, wo sie entführt und in die Hände einer fanatischen Sekte geraten waren, konnte er Peters Haltung verstehen. Aber den Abend mit Melissa wollte er sich dennoch nicht verderben lassen – schließlich wusste er jetzt umso besser, worauf er sich einließ. Und gegen so eine Tantra-Geschichte mit Melissa hätte er auch nicht unbedingt etwas einzuwenden.

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