Kapitel 15
11. Oktober 2006, Nekropole von Sakkara
Ehrfürchtig und ängstlich zugleich betrachteten sie die Abbildung auf der Säule. Peter kannte die Geschichte nur zu gut, denn das Totengericht war eine der zentralen Legenden der Religion dieser Kultur, und derlei Mythen hatte er lange genug studiert. Auch Melissa kannte das Totengericht, und sie hatte Patrick davon erzählt.
Die Seele des Toten musste durch zahlreiche Höhlen der Unterwelt wandern und gelangte schließlich in die Halle der Wahrheit vor das Totengericht. Der Verstorbene musste ein Bekenntnis ablegen darüber, welche Sünden er in seinem Leben nicht begangen hatte, und schließlich wurde sein Herz unter den wachsamen Augen von Maat, der Göttin der Ordnung und der Gerechtigkeit, von Thot, dem Gott des Wissens, der Wissenschaften und der Schrift, und Osiris, dem obersten der Götter, gegen eine Feder aufgewogen. Wenn das Herz schwerer wog als die Feder, dann war die Seele des Verstorbenen von Sünden befleckt, und das Herz wurde von der Seelenfresserin verschlungen, die unter der Waagschale auf jede kleinste Verfehlung wartete.
»Sie meinen, dass dieser Mann tatsächlich von einem Monster getötet wurde?«, fragte Patrick schließlich.
»Das Monster selbst ist metaphorisch«, lenkte Peter ein, »aber das Totengericht ist es womöglich nicht! Denken Sie daran, welche Kräfte das Licht in der Höhle in Frankreich hatte. War es nicht in der Lage, Wissen zu vermitteln? Ebenso könnte hier eine ähnliche Macht wirken, die einen Menschen zu töten vermag!«
Patrick erschauderte beim Gedanken daran, was ihm in Frankreich widerfahren war.
Und am Pyramidion hatten sie gerade erst erlebt, dass es auch in Ägypten mehr Verborgenes gab als alte Pyramiden und Grabschätze. Ihm lag wenig daran, neuerliche Experimente mit diesem Licht anzustellen. Aber noch bevor er diesen Gedanken aussprach, trat Peter plötzlich vor.
»Probieren wir es aus«, sagte der Professor und ging zwei weitere Schritte auf die Säulen zu, als wolle er sie durchschreiten.
Im selben Augenblick zuckte das rote Polarlicht durch den Raum. Geschmeidig wie eine Schlange schnellte es hervor und nahm einen Platz in der Luft zwischen den Säulen ein. Es verharrte dort, wabernd, scheinbar abwartend.
Peter ging einen weiteren Schritt nach vorn, und sofort bewegte sich das Licht erneut. Es dehnte sich aus, streckte sich nach beiden Seiten und floss dann wie ein Vorhang nach unten, bis es die gesamte Fläche zwischen den beiden Säulen bespannte. Es bildete eine transparente Wand. Schlieren rotgoldenen Lichts flossen in ihr von oben nach unten, täuschend harmlos und doch mit einer ausdrücklichen Botschaft.
Peter stand nur einige Handbreit vor dem Lichtphänomen, das den einzigen Weg versperrte, der in das Zentrum der Halle führte. Dann drehte er sich zu Patrick und Melissa um, die gebannt auf das wesenhafte Licht starrten, das zu derartigem Leben erwacht war.
»Das ist unglaublich!«, rief Patrick. »Wie haben die das gemacht?« Er richtete den Blick an die Decke und suchte sie ab. »Vielleicht gibt es hier irgendeine Art von Projektoren oder Laser? Gesteuert von einer intelligenten Maschine? Von hier stammt sicher auch das merkwürdige Artefakt ... «
»Was auch immer dahintersteckt: Das ist das Gericht aus der Überlieferung«, sagte Peter. »Wer durch diese Wand schreitet, wird geprüft werden.«
»So ist es, Professor Lavell!«
Die Stimme hallte durch die Kaverne und traf die drei so unvorbereitet, dass sie zusammenzuckten. Peter, der zum Höhleneingang sah, entdeckte ihn als Erster, dann wandten sich Patrick und Melissa ebenfalls um.
Dort, wo sie selbst aus dem Gang gekommen waren, am Rand der Höhle, stand eine Person, leicht gebeugt und auf einen Gehstock gestützt. Es war Oliver Guardner.
Der Alte kam langsam auf sie zu. Sein Blick wanderte für einen Augenblick auf die Leiche am Boden, dann sah er wieder auf und lächelte.
»Es freut mich, Sie drei wohlbehalten hier anzutreffen. Ich hatte gehofft, dass Sie es schaffen würden.«
Einen Moment lang schwiegen alle, während sich ihre Gedanken überschlugen. Es war Patrick, der schließlich zuerst sprach: »Ich denke, Sie sind uns eine verdammt gute Erklärung schuldig.«
»Ja, das bin ich wohl, meine Dame, meine Herren.«
18. April 1941, unter der Nekropole von Sakkara
James lehnte sich an eine Wand und holte tief Luft. Er musste sich ausruhen, lange würde er sonst nicht mehr durchhalten. Er hob seine Laterne. Sie war noch zu einem Drittel mit Öl gefüllt. Für den Rückweg würde es knapp werden. Er drehte den Docht so weit herunter, dass die Flamme erlosch. Solange er hier blieb, sollte ihn das Licht nicht verraten. Er war sich sicher, dass sie ihn noch immer verfolgten.
Er dachte mit Schrecken an die Grabkammern zurück, in denen plötzlich die Deutschen aufgetaucht waren. Ohne Zweifel waren es dieselben Männer, die ihm schon auf Rhodos aufgelauert hatten, zumindest den einen von ihnen hatte er wiedererkannt. Dabei lag sein Abenteuer im Großmeisterpalast nun schon fast ein Jahr zurück! Wie hatten sie ihn aufspüren können? Waren sie etwa seit dieser Zeit auf seinen Fersen gewesen? Oder war es ein Zufall? Wie hätten sie auch erfahren können, wer er war und wo sie ihn finden würden?
Sie hatten Salah erschossen. Und nun waren sie hinter ihm her.
Sie suchten nicht einfach irgendwelche Schätze. Sie hatten jedes denkbare Risiko auf sich genommen, waren jetzt, während des Krieges, nach Kairo gekommen, und sie mussten dafür ein ganz besonderes Ziel vor Augen haben: Sie suchten die Halle der Aufzeichnungen! Und sie würden jeden töten, der sich ihnen in den Weg stellte.
Während seiner Flucht durch die Gänge und Höhlen hier tief unter der Totenstadt von Sakkara hatte er nur wenig Zeit gehabt, sich Gedanken zu machen. Immer wieder hatte er sie hinter sich gehört, während er auf den Weg achten und einige Male umkehren musste, immer in der Gefahr, seinen Verfolgern direkt in die Arme zu laufen.
Was für ein Irrsinn es gewesen war, nur zu zweit hier herunterzusteigen, ohne jemandem davon zu erzählen, der sie suchen würde, falls ihnen etwas zustieß, und vor allen Dingen ohne Waffen oder umfangreichere Ausrüstung. Aber niemand hätte die Geschehnisse vorausahnen können.
Seine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit, und so fiel ihm mit einem Mal ein rötliches Schimmern auf, das aus einem Gang zu seiner Linken drang.
Vorsichtig ging er auf das Licht zu, das bald an Intensität zunahm, und als er um eine Biegung des Weges ging, öffnete sich vor ihm eine gewaltige Höhle, die von einem sich bewegenden roten Lichtschein durchflutet wurde.
Es war ein grandioser Anblick, voller Geheimnis und Magie, das Schönste, was er je gesehen hatte. Erregend und erhebend gleichermaßen. Er hatte die sagenumwobene Halle der Aufzeichnungen gefunden! Jenen geheimen Ort unter den Wüsten Ägyptens, der das Wissen der Welt enthielt!
James trat vor und ging in die Höhle hinein.
Vor ihm tat sich ein Weg auf, der zum Zentrum der Höhle führte, zwischen zwei monumentalen Säulen hindurch, eine aus Gold und eine aus Smaragd. Ohne Zweifel waren dies die legendären Säulen, auf denen der Gott Thot vor der großen Flut die Weisheit der alten Zeit festgehalten hatte. Jene Säulen, von denen auch Solon und Herodot berichteten und die die Griechen die Säulen des Hermes nannten. Es gab sie tatsächlich! Und sie waren älter als alles, was Ägypten sonst zu bieten hatte, stellte James fest. Denn die Tropfsteine der Decke hatten den Stein bereits in sich aufgenommen.
Er ging näher an die Säulen heran. Tatsächlich waren auch die darauf befindlichen Schriftzeichen keine Hieroglyphen, sondern Zeichen einer völlig anderen, unbekannten und längst vergessenen Sprache. Doch es gab dort auch eine Zeichnung. Und die war im alten Ägypten noch bekannt gewesen, war über die Jahrtausende überliefert worden: das Totengericht und das Abwägen des Herzens!
Während James die Säulen studierte, bemerkte er, dass sich das Licht verändert hatte. Was vorher ein formloser, wabernder Schein gewesen war, hatte sich zu einem Schemen verdichtet, der näher gekommen war und nun in der Luft zwischen den Säulen hing.
Wie ein intelligentes Wesen schien die Lichtform dort zu lauern.
James streckte einen Arm in Richtung der Säulen aus.
Das Licht bewegte sich erneut. In einer plötzlichen Zuckung dehnte es sich aus und spannte sich wie ein durchscheinender, wehender Vorhang zwischen die Säulen und versperrte auf diese Weise den Weg ins Zentrum.
Das hier war alles andere als ein einfacher Durchgang!
Plötzlich hörte er Schritte hinter sich und fuhr herum. Dort stand einer der Deutschen und hatte eine Waffe auf ihn gerichtet. Es war der Anführer, James erkannte ihn sofort.
»Berühren Sie nicht das Licht!«, rief der Mann auf Englisch. »Kommen Sie her!«
James überlegte fieberhaft, welche Optionen er hatte, aber es schien aussichtslos. Wenn er nur eine falsche Bewegung machte, würde ihn der Mann erschießen. Dass er nicht zimperlich war, hatte er bereits erlebt. James ging in langsamen Schritten auf den Deutschen zu.
»Wir müssen uns um diesen Fund nicht streiten«, begann er, in der Hoffnung, den Mann in ein Gespräch zu verwickeln. »Das hier ist kein einfacher Schatz. Es wird unser Wissen um die Herkunft der Menschheit und unserer Kulturen revolutionieren.«
»Was wissen Sie schon davon?«
»Mehr, als Sie vielleicht ahnen«, gab James zurück. »Ich bin schon jahrelang auf der Suche danach.«
Der Deutsche schmunzelte, hielt seine Pistole aber nach wie vor auf den Engländer gerichtet. »So alt sind Sie gewiss nicht, dass mich das beeindrucken könnte.«
»Aber ich folge den Spuren, die andere vor mir entdeckt haben! Ich setze eine Suche fort.«
»Oh, wirklich?« Er klang weder überrascht noch überzeugt. Doch etwas in der Selbstsicherheit des jungen Mannes ließ ihn zögern. »Wie heißen Sie?«, fragte er daher.
»James.«
»Sehr witzig. Und ich heiße Fritz.«
»Oliver. Oliver Guardner.«
Jetzt stutzte der Deutsche. »Guardner? Etwa verwandt mit Sir John William Guardner?«
Oliver Guardner neigte den Kopf und fragte. »Er war mein Vater. Kannten Sie ihn?«
Ein breites Grinsen erschien auf dem Gesicht des Deutschen. »Ja, das könnte man wohl sagen. Ich lernte ihn vor zehn Jahren kennen. Kurz vor seinem Tod. Sehr kurz vor seinem Tod, genau genommen.«
Oliver Guardner erstarrte. Der Deutsche. Auf derselben Suche wie er selbst. Der Fund der Tabula Smaragdina im Palast von Rhodos. Der Papyrus aus dem Grab Tutanchamuns. Die verschwundene Schatulle seines Vaters ...
»Sie haben ihn umgebracht.« Oliver würgte die Worte förmlich hervor. Der Deutsche grinste ihn an. »Sie haben ihn umgebracht!«, schrie Oliver und warf sich nach vorn. Es geschah so plötzlich, dass er den Mann zu Fall brachte. Sie stürzten auf den schmalen Weg, und während Oliver die Handgelenke des Mörders umfasst hatte, damit dieser mit seiner Waffe nichts ausrichten konnte, versuchte der Mann, ihn mit den Knien zu rammen. Oliver ließ die linke Hand für einen Augenblick los und versetzte dem Deutschen einen Fausthieb ins Gesicht. Aber der Mann war gewandt, nutzte den kurzen Moment, holte seinerseits mit der freien Hand aus und traf Olivers Adamsapfel, so dass der Engländer röchelnd zur Seite kippte.
Der Deutsche rollte herum und stand auf. Ein Blutfaden rann ihm aus dem Mund.
»Verdammter Tommy!«, rief er. »Was fällt dir ein!«
»Sie sind die Halle der Aufzeichnungen nicht wert!«, brachte Oliver mühevoll krächzend hervor, während er sich seine schmerzende Kehle hielt und langsam aufstand. »Das Gericht werden Sie niemals überstehen! Und wo sind überhaupt Ihre Männer? Weggelaufen?«
»Ein deutscher Soldat läuft nicht davon! In diesem Augenblick rücken deutsche Truppen von Tripolitanien aus gegen Ägypten vor. Die Einzigen, die weglaufen werden, werden Engländer sein!«
»Nun, ich schätze, dann haben sie sich wohl verlaufen, was?« Oliver Guardner stand nun wieder, leicht gebeugt, aber er sammelte Kräfte.
Der Deutsche gestikulierte mit seiner Pistole. »Sie wurden allesamt getötet von Ihren heimtückischen Fallen. Aufgespießt, zerquetscht, unter Wasser gesogen oder sind in Spalten gestürzt. Sie haben sechs tapfere Menschen auf dem Gewissen!«
»Ich habe niemanden gebeten, mir zu folgen! Es kann schwerlich meine Schuld sein, wenn Ihre Männer zu einfältig sind, um auf sich aufzupassen. Der Einzige, der Blut an den Händen hat, sind Sie, mein Herr. Sie haben diese Männer in ihr Verderben geführt, und den Mord an meinem Vater werden Sie niemals vergessen!« Mit diesen Worten sprang er erneut nach vorn. Doch dieses Mal war der Deutsche vorbereitet. Er tat einen raschen Schritt zurück und drückte ab.
Oliver Guardner hörte den Knall des Schusses mehrfach an den Wänden der Kaverne zurückhallen und hundertfach verstärkt in seinem Schädel. Dann schlug er hart auf den Boden, und der Lärm nahm kein Ende. Es war sein eigener Schrei, den er hörte. Der Schuss hatte ihn mit unvorstellbarer Wucht getroffen, ihn zur Seite gerissen, Haut, Fleisch und Knochen zerfetzt, und nun bohrte sich ein glühendes Eisen durch seine Hüfte. Der Schmerz hielt ihn vollkommen gefangen, umschloss ihn wie ein Kokon, und er krümmte sich und brüllte, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können.
Wie durch einen Schleier nahm er wahr, dass der Deutsche sich nicht mehr um ihn kümmerte. Stattdessen wandte er sich dem roten Licht zu, das noch immer den Weg zwischen den Säulen versperrte. Oliver wollte ihm etwas zurufen, aber es schien ihm nicht zu gelingen, jedenfalls hörte er sich keine Worte artikulieren. Aber vielleicht hatte er auch schon etwas gesagt? Er wusste nicht mehr, was Wirklichkeit und was Fantasie war, alles verschwamm wie in einem schmerzdurchfluteten Traum.
Der Deutsche streckte einen Arm nach dem Lichtvorhang aus und beobachtete, wie seine Finger in das flüssige Licht eintauchten. Dann machte er einen Schritt nach vorn, und plötzlich klappte die leuchtende Fläche in sich zusammen, stülpte sich um den Mann und umhüllte ihn wie einen leuchtenden Feuerball. Während sich die strahlenden Flammen um ihn drehten, sandten sie Lichtbögen nach allen Seiten in die Höhe, wie Protuberanzen einer gleißenden Sonne. Dann begann die Kugel zu schrumpfen, zog sich immer dichter um den Deutschen, und mit einem plötzlichen Zucken schlüpfte das Licht in ihn hinein. Einen Moment lang blieb es ruhig, auch Oliver, der das unfassbare Geschehen beobachtete, spürte keinen Schmerz, sondern erlebte einen Augenblick absoluter Klarheit, in der die Zeit stehen zu bleiben schien.
Und dann, mit einem unmenschlichen Aufschrei, durchfuhren spastische Krämpfe den Mann. Er begann, durchscheinend zu leuchten, warf die Arme zur Seite, riss seinen Mund auf, und mit explosiver Wucht schoss das feurige Licht aus seiner Kehle, zur Decke hinauf. Dünne Strahlenfäden traten aus seinen Ohren und Augen und wirbelten empor. Das Licht, das er auszuspeien schien, nahm kein Ende, schien das Innere des Mannes herauszureißen. In der Höhe teilte es sich, wand sich in schlangengleichen Bewegungen um die Säulen, zuckte wieder herab, bündelte sich, und traf den Mann mit einer so großen Kraft, dass er nach hinten taumelte. Es durchschlug seine Brust und drang aus seinen Rücken wieder hervor. Der Mann war nur mehr eine hilflose Marionette in den Klauen dieser unirdischen Macht. Er krümmte sich, brüllte vor Schmerz und Verzweiflung, versuchte, das Licht zu ergreifen, fernzuhalten, aber es schlug immer wieder auf ihn ein, schoss von allen Seiten durch seinen Körper und zerstörte seinen Geist, bis er schließlich mit verzerrtem Gesicht, glasigen Augen und verkrampften Gliedmaßen wie eine ausgemergelte Puppe zu Boden fiel.
Oliver sah, wie sich das Licht von der Leiche des Deutschen zurückzog, in die Höhe floss und sich dort oben wieder zu jenem sanft wehenden Polarlicht wandelte, das es auch am Anfang gewesen war.
Dann brandete eine neue Woge des Schmerzes heran und schlug über ihm zusammen. Er schloss die Augen und verlor das Bewusstsein.
11. Oktober 2006, Nekropole von Sakkara
»Sie wussten die ganze Zeit, dass sich die Halle der Aufzeichnungen hier befindet!« Peter sah Guardner durchdringend an, als der Alte seine Erzählung beendet hatte.
»Ja«, antwortete Guardner. Er deutete mit seinem Stock auf die Säulen. »Dieses Licht empfing mich vor fünfundsechzig Jahren und hat seitdem mein Leben bestimmt.«
»Dann kannten Sie den Inhalt des Papyrus«, sagte Patrick, »Sie kannten die Bedeutung des Codex von Guillaume des Baux ... «
»Ja«, gab Guardner zu. »Ich kannte es, ich hatte alles bereits übersetzt. Ich war auch schon lange vor Ihnen auf Rhodos, schlich mich in den vierziger Jahren, während des Zweiten Weltkriegs, durch die italienischen Reihen und in den Palast ... « Sein Blick verlor sich in unbestimmter Ferne, als er sich erinnerte. »Nun, damals war ich noch ein junger Mann, jünger, als Sie es heute sind. Wagemutig, tollkühn geradezu. Aber ich wollte die Suche meines Vaters unbedingt zu Ende bringen. Ich war es, der die Abschrift der Tabula Smaragdina anfertigte, die den Deutschen schließlich dazu diente, ihre Forschungen fortzusetzen, nachdem sie mich erwischt und mir das Dokument abgenommen hatten. Es waren dieselben Barbaren, die die unersetzliche Tabula vernichteten, deren Bruchstücke Sie in den Kellern des Großmeisterpalastes fanden. Sie lauerten mir schließlich in Kairo auf, ich weiß bis heute nicht, wie sie das angestellt haben, und verfolgten mich durch die Gänge.« Dann sammelte sich sein Blick wieder und wanderte zu dem Licht. »Aber niemand vermag das Gericht zu überwinden. Es sieht den Menschen in ihre Herzen. Und hätten die Deutschen an die Wahrheit der alten Überlieferungen geglaubt, hätten sie gewusst, dass schwarze Seelen, wie sie es waren, es niemals hätten passieren können.«
»Aber wie haben Sie Ihre Verletzung überlebt?«, fragte nun Melissa. »Wie konnten Sie aus der Höhle fliehen? Und überhaupt ... wie sind Sie eigentlich heute hierhergekommen?«
Der Alte lächelte sanft und klopfte dann mit dem Griff seines Gehstocks in seine Seite. »Ja, es hatte mich böse erwischt. Der Schuss hatte meine Hüfte zertrümmert. Aber ich wurde gerettet.« Seine Augen bekamen einen leuchtenden Glanz, als er fortfuhr. »Ich weiß nicht, wie lange ich dort lag, vielleicht Stunden oder nur Minuten, aber ich wurde durch den Klang einer Stimme und die Berührung einer Hand an meiner Wange geweckt. Ich schlug die Augen auf. Der Schmerz schien für einen Augenblick ausgesetzt zu haben, und ich sah in das Gesicht einer zauberhaften Gestalt, so unwirklich und unwahrscheinlich hier unten in den Kavernen, dass ich mir einen Moment lang sicher war, tot zu sein. Das musste der Abschied aus dem Körper und der Empfang durch einen Engel sein, dachte ich. Und bei dem Gesicht, das mich anlächelte, wünschte ich mir fast, schon früher gestorben zu sein. Aber ich war nicht tot! Direkt vor mir kniete eine Frau, die sich zu mir herunterbeugte. Sie hatte den Kopf ein wenig geneigt und ihr langes blondes Haar auf der einen Seite hinter ihr Ohr geklemmt. Ich sehe jede Einzelheit vor mir, als wäre es gerade erst geschehen. Hallo Oliver, sagte sie, steh auf, mein Tapferer. Ja, genau das waren ihre Worte.« Tränen leuchteten in seinen Augen, als er weitersprach. »Sie war so wunderschön! Aber nicht einfach nur äußerlich, verstehen Sie? Etwas anderes war an ihr, sie strahlte etwas aus, etwas Überirdisches, Mächtiges. Ich war ihr auf der Stelle verfallen, Hals über Kopf verliebt, könnte man sagen, aber ich hatte auch eine große Ehrfurcht vor ihr. Es war ein unbeschreibliches Gefühl!«
Peter sah zu Patrick hinüber, der die Augen zusammengekniffen hatte, als höre er die Worte des Alten mit ganz besonderer Skepsis.
»Dann stand ich auf«, fuhr Guardner fort, »es ging irgendwie, obwohl meine Hüfte es eigentlich nicht erlaubt hätte. Ich spürte keinen Schmerz. Sie gab mir ihre Hand und führte mich zurück an die Oberfläche. Sie hieß Johanna. Oder jedenfalls nannte sie sich so. Sie pflegte mich gesund, wir führten lange Gespräche, und eines Tages verabschiedete sie sich, und ich sah sie nie wieder. Ich weiß bis heute nicht, wer sie wirklich war, aber ich habe ihre Aufgaben übernommen und bis zum heutigen Tag erfüllt.«
»Welche Aufgaben? Wovon reden Sie?«, fragte Patrick.
»Guten Abend!«
Sie drehten sich erschrocken um. Im Eingang der Höhle waren drei Männer aufgetaucht. Zwei von ihnen trugen Maschinenpistolen. Der dritte, offenbar der Anführer, trat vor. »Mister Guardner«, sagte er, »ich hätte wissen müssen, dass wir Sie hier unten antreffen.«
»Wer sind Sie, und was tun Sie hier?«, forderte der Alte, der sich ihnen selbstsicher entgegenstellte.
»Wir sind Thot Wehem Ankh Neb Seshtau! Und dies ist die heiligste Halle Thots, des Herrn der Weisheit, der Wahrheit und der Geheimnisse. Sie alle haben hier nichts zu suchen!«
Zur Überraschung aller begann Oliver Guardner nun zu lachen. Erst ein wenig verhalten, dann platzte es förmlich aus ihm heraus. »Sie?«, brachte er nach einer Weile hervor, »Sie sind also Thot Wehem Ankh Neb Seshtau? Und Sie wollen diesen Ort für sich beanspruchen, ihn schützen?«
Der Anführer der Männer sah den Alten perplex an. »Ja, aber natürlich!«, sagte er schließlich. »Wissen Sie überhaupt, was diese Halle für eine Bedeutung hat? Sie mögen ein angesehener Mann sein, Mister Guardner, ebenso, wie Ihr Vater es war, aber Sie haben keine Vorstellung davon, was dieser Ort darstellt, welche verborgene Macht in ihm liegt!«
Noch immer lachte Oliver Guardner.
»Seit Generationen schützen wir das Geheimnis um das Pyramidion Imhoteps«, fuhr der Mann fort, »sein Grab und die geheimen Pfade, die zur Halle der Aufzeichnungen führen. Wir haben Sie stets beobachtet, Mister Guardner. Sie schienen immer auf der Seite Ägyptens, auf der Seite der Wahrheit und der Gerechtigkeit zu stehen, und doch ahnten wir, dass Sie etwas verbargen. Und jetzt zeigt sich, dass Sie nichts anderes sind, als ein gewöhnlicher Schatzjäger! Noch dazu haben Sie diese Leute dort hineingezogen .« Er deutete auf Peter und Patrick. »Immer wieder haben wir versucht, sie von ihrem Tun abzubringen, eine Warnung nach der anderen haben sie ausgeschlagen. Aber nun ist Schluss damit!«
»Sie haben recht«, antwortete Oliver Guardner schließlich. »Das reicht in der Tat. Ich weiß jetzt, wen Sie vertreten, und ich kenne Ihre Interessen natürlich. Und ich weiß ebenfalls alles über diese Höhle, und zwar mehr, als Sie sich vorstellen können. Sie haben nämlich bei allem Eifer keine Ahnung, wer ich bin.«
Der Alte drehte sich um und sah zum Licht zwischen den Säulen. In diesem Augenblick trat eine große Gestalt durch den halbtransparenten Vorhang. Es war ein hünenhafter Mann, mit einem weißen Vollbart, elegant gekleidet und von unbestimmbarem, reifem Alter. In der atemlosen Stille aller Umstehenden kam er gemessenen Schrittes hervor, stellte sich neben Guardner und legte eine Hand auf dessen Schulter.
»Gut gemacht, alter Freund«, sagte der Mann mit einer sonoren Stimme, deren Wärme die Kaverne zu erfüllen schien. Dann sah er die Thot-Anhänger an.
»Ihr wisst, wer ich bin.«
Dem Anführer der Männer war alle Farbe aus dem Gesicht gewichen. Er sackte auf die Knie und berührte mit seiner Stirn den Boden. Seine Männer ließen ihre Waffen fallen und sanken ebenfalls nieder.
»Das ist er. Al Haris, der Hüter!«, betonte Guardner, an die Männer gewandt. »In seinem Auftrag habe ich diese Höhle fünfundsechzig Jahre lang behütet. Hier bin ich sein alleiniger Vertreter. Ich habe diese Aufgabe vor fünfundsechzig Jahren übernommen, und nun, am Ende meines Lebens, werde ich sie weitergeben.«
»Steht auf«, sagte Al Haris.
Die Männer gehorchten mit steifen Bewegungen und wagten kaum, dem Mann in die Augen zu sehen.
»Ihr und eure Gemeinschaft habt stets gute Dienste geleistet«, fuhr der Weißbärtige fort. »Aber bedenkt immer, dass auch der ehrenhafte Eifer niemals den Vortritt vor der Wahrheit und der Gerechtigkeit haben darf. Noch mehr als diese Höhle und ihre Zugänge muss das Leben geschützt werden. Ich weiß, dass es nicht immer leichtfällt. Schon viele Male sind Menschen auf Archive des Wissens und der Macht gestoßen, und wann immer die Menschen ihnen nicht gewachsen waren, mussten die Archive wieder in Vergessenheit geraten. Leben wurden ausgelöscht, und viele Archive sind für immer verloren gegangen. Aber bedenkt, dass dies eine immerwährende Prüfung ist, und vielleicht wird sie niemals ihre Bestimmung erfüllen.«
Die Angesprochenen hatten im Laufe der Rede ihre Köpfe in Demut gesenkt. Wie ihre Väter und Großväter hatten sie ihre Leben ganz dem Schutz eines Wissens gewidmet, sich als Arm des legendären und allmächtigen Hüters gewähnt. Und nun wurde ihnen offenbar, dass sie nur eine geringe Rolle in einem Spiel gespielt hatten, das größer war, als sie geahnt hatten. Auch diejenigen, die den Legenden um den obersten Meister, der unsterblichen Inkarnation von Thot, nicht geglaubt, sondern nur einen Feldzug der Wahrung alter Traditionen und des Schutzes eines mystischen Schatzes geführt hatten, erkannten, welches große Geheimnis sich ihnen in diesem Augenblick eröffnete. Sie hatten nur die Peripherie gehütet, während der tatsächliche Vertreter des Hüters der Halle immer unter ihnen gewesen war, unerkannt und zurückgezogen in der Gestalt eines alten Mannes. Wie töricht es gewesen war anzunehmen, dass sie zu Höherem berufen wären, zeigte sich an ihrem Unverständnis, ihrem Mangel an Wissen und ihren fehlgeleiteten Aktivitäten, wie sie keines weisen Hüters würdig gewesen wären. Dies war die Stunde der Wahrheit, und dies war die Stunde, in der Thot Wehem Ankh Neb Seshtau aufhören würde zu existieren.
»Ihr sollt auch in Zukunft eure Aufgaben erfüllen«, fuhr Al Haris stattdessen fort. »Ihr habt ein politisches Anliegen, das gerecht scheint, das zu vertreten jedoch der wahre Hüter dieser Höhle in seiner absoluten Neutralität nur schwerlich Gelegenheit hätte. Daher sollen die Aufgaben auch in Zukunft getrennt bleiben. Wenngleich etwas mehr Austausch und etwas weniger Misstrauen wohl angebracht wären.«
Die drei Männer verneigten sich.
»Und nun zu Ihnen«, sagte Al Haris und wandte sich Peter, Patrick und Melissa zu.
»Wir kennen uns«, sagte Peter.
»Das möchte ich verneinen, Professor Lavell«, entgegnete der Weißbärtige schmunzelnd, »aber wir haben uns sehr wohl schon einmal getroffen.«
»Dann lassen Sie es mich so formulieren«, sagte Peter, »Sie kennen uns jedenfalls deutlich besser als wir Sie.«
»So betrachtet gebe ich Ihnen recht. Wir trafen uns in Morges, am Genfer See, und Sie haben mir von Ihrem Fund der Höhle in Südfrankreich erzählt.«
»Die Sie allerdings bereits kannten«, mischte sich nun Patrick ein. »Wie Sie uns auch damals laufend beobachteten!«
»Es ist gewiss mehr als ungewöhnlich, dass wir uns nun schon wieder begegnen. Und ich wage zu prophezeien, dass es nicht das letzte Mal sein wird.«
»Und unter welchem Namen treffen wir Sie dann?«, fragte Patrick. »Damals hießen Sie noch Steffen van Germain, und hier nennt man Sie Al Haris.«
»Meinem Vater war er bekannt als Lord Thornton«, warf Oliver Guardner ein und lächelte.
»Sicher können Sie sich vorstellen, dass es unabdinglich für mich ist, in dieser Hinsicht flexibel zu sein«, antwortete Al Haris. »Aber Namen sind Schall und Rauch, wie ein deutscher Dichter zurecht feststellte«, und mit einem amüsierten Seitenblick auf Peter fügte er hinzu: »Auch wenn ich mit dieser Bemerkung einigen Kabbalisten und anderen Zirkeln, die Sie in der Vergangenheit studiert haben, zu nahe treten sollte.«
»Tatsächlich«, mischte sich nun Oliver Guardner ein, »geht es hier und jetzt nicht um Namen. Ich erkläre Ihnen nun den wahren Grund, weswegen Sie hier sind.« Er sah Peter, Patrick und Melissa der Reihe nach an, als müsse er sich ihre Gesichter einprägen. »Ich habe Sie beauftragt«, erklärte er dann, »weil ich alt bin. Sehr alt. Wie ich schon erzählte, habe ich von der früheren Bewahrerin der Halle der Aufzeichnungen diese Aufgabe übernommen, aber nun muss ich einen Nachfolger finden. Ich habe lange Zeit gezögert, da ich nicht wusste, wen ich in das Geheimnis dieser Höhlen, ja in das gesamte Mysterium von so ungeheuerlichen Ausmaßen einweihen sollte. Schließlich war es Al Haris, den ich schon seit Kindesbeinen aus dem Haus meines Vaters kannte und der mir in den Jahren immer wieder mit Rat beigestanden hatte, der mich auf Sie beide aufmerksam machte. Er erzählte von Ihrem Abenteuer in Südfrankreich, wie Sie sich geschlagen und wie Sie reagiert hatten. So reifte die Idee, Sie einzuladen.« Er begann, mit langsamen Schritten auf und ab zu laufen, als er weiter erzählte. »Ich wollte Sie natürlich nicht schlicht über alles informieren. Stattdessen wollte ich selbst miterleben, wie Sie den Spuren folgen würden, die auch mir gedient hatten, die Tabula, das Pyramidion und schließlich diese Halle zu finden. Ich wollte Sie testen, wenn Sie so wollen, Ihre Klugheit, Ihre Weisheit, Ihren Mut, Ihre Rechtschaffenheit. Und ich wurde mehr als belohnt!«
»Bei allem Respekt, Mister Guardner«, sagte Peter, »aber Sie haben uns ausgenutzt! Und was hätte uns alles passieren können!«
»Ja, ich verstehe«, sagte der Alte. »Aber es war notwendig, um Ihren Willen zu prüfen. Ich wusste auch, dass die mir nur namentlich bekannte Gesellschaft der Thot-Anhänger sich einmischen würde, wenngleich ich bedaure, dass dies derart massiv geworden ist.«
»Also wirklich«, sagte Patrick, »das hätten Sie uns mal ruhig früher sagen können! So ein Versteckspiel kann ich absolut nicht leiden, und dass wir hier jetzt irgendeinen Job übernehmen, das können Sie sich aus dem Kopf schlagen.«
»In der Tat hatte auch ich mir mehr Ehrlichkeit von unserer Zusammenarbeit erhofft«, erklärte Peter.
Ein trauriges Lächeln zog über Guardners Gesicht. »Ja, das ist mir klar. Nachdem ich Sie beide nun kennengelernt habe, sind mir zweierlei Dinge bewusst geworden. Zum einen, dass mein guter Freund Al Haris recht hatte, als er andeutete, dass Sie beide die Richtigen wären, um meine Aufgabe zu übernehmen. Aber ich habe auch gelernt, dass es ebendiese Eigenschaften sind, die ich jetzt schätze und die Sie hierhergeführt haben, die verhindern, dass Sie diese Aufgabe nun tatsächlich annehmen. Insbesondere, nachdem ich einen so falschen Weg gewählt habe, um Sie anzusprechen.«
Guardner trat auf die beiden zu, sah ihnen in die Augen und legte jedem von ihnen die Hand auf die Schulter. »Es tut mir aufrichtig leid, dass ich Sie in dieser Form behandelt habe, und ich hoffe, dass Sie meine Entschuldigung annehmen werden. Es wird mir eine Ehre und Selbstverständlichkeit sein, Sie für Ihre Mühe und Ihre Enttäuschung ausgiebig zu entschädigen.«
Peter wollte etwas einwenden, aber Guardner brachte ihn mit einer Geste zum Schweigen. »Bitte, ich wünsche keine Diskussion. Ich habe mehr als genug, das ich Ihnen bieten kann – ich werde nichts davon mitnehmen können, und ich bin sicher, dass Sie in Zukunft mehr Verwendung dafür haben werden als ich.«
Dann wandte er sich an Melissa, die bisher schweigend danebengestanden hatte. »Und nun zu Ihnen, Miss Joyce ... Ich habe eine Menge Dinge über Sie gehört und in Erfahrung gebracht. Über Ihre Arbeit am Museum, über Ihre Beschäftigung mit dem Wissen der Welt, über Ihre Mitgliedschaft in einer sehr zwielichtigen Sekte, aber auch über Ihre Abkehr von ihr. Sie haben mich über die Maßen überrascht, und es scheint mir fast eine Fügung des Schicksals, dass Sie hier und jetzt an dieser Stelle stehen, wo ich eine Entscheidung über meine Nachfolge treffen muss.«
»Eine Fügung des Schicksals, Mister Guardner, war es wohl weniger«, sagte Melissa lächelnd. Der Alte sah sie irritiert an, blickte dann zum Weißbärtigen hinüber und dann wieder zurück zu ihr. »Ich bekam im September Post«, erklärte sie. »Ein Päckchen ohne Absender. Darin befand sich ein Buch mit dem Titel Langfristige globale Entwicklungskausalität, ein Werk von einem Professor Peter Lavell, und ebenfalls enthalten war ein Prospekt, der eine Konferenz in Hamburg ankündigte, auf der Professor Lavell als Redner auftreten würde. Nachdem ich beides studiert hatte, wurde mir klar, dass mich irgendjemand auf seine speziellen Fachgebiete aufmerksam machen wollte. Also reiste ich nach Deutschland.« Sie wandte sich an Patrick und Peter, die ihr ungläubig zuhörten. »Es stimmt, ich traf Sie, Peter, nicht halb so blauäugig, wie ich vorgab. Es tut mir leid, dass ich Sie getäuscht habe. Aber schon nach unseren ersten Gesprächen in Hamburg und in Kairo wurde mir klar, dass wir auf einer gemeinsamen Suche waren. Und mit Patrick verband mich schnell eine ganz besondere Nähe, die mich tiefer berührte als die bloßen Diskussionen über die Geschichte Ägyptens und der Weisheit der Welt.« Sie strich Patrick über eine Wange. Dann drehte sie sich zu Al Haris um. »Sie waren es, der mir das Paket schickte, richtig? Sie haben mich auf die Spur dieser beiden ganz besonderen Menschen gesetzt!«
Al Haris nickte, als sich die Augen aller auf ihn richteten.
»Ja«, sagte er dann, »das ist wahr. Ich war es, der Ihnen diese Post schickte. Tatsächlich waren Sie mir schon vor einigen Jahren aufgefallen, aber Ihre Beschäftigung schien in der letzten Zeit orientierungslos geworden zu sein. Ich hoffte, dass Sie Ihre Kraft und Ihre Rechtschaffenheit auf den richtigen Weg zurückführen würden. Und außerdem«, damit wandte er sich an Peter und Patrick, »hatte ich bereits befürchtet, dass Sie beide diese Suche zwar ebenso fabelhaft bewältigen würden wie jene in Südfrankreich, dass Sie jedoch kein Interesse haben würden, sie hier zu beenden.«
»Was soll das heißen?«, fragte Patrick.
»Es bedeutet, dass ich wohl um Ihren Scharfsinn und um Ihren Instinkt weiß – und dass diese Sie sicher schon bald auf eine neuerliche Reise in die Vergangenheit führen werden.«
Patrick schüttelte den Kopf. »Sie haben uns die ganze Zeit etwas vorgelogen!«, rief er aus. »Sie, Mister Guardner, Sie haben uns auf eine Suche geschickt, die Sie schon längst beendet hatten! Und Sie, Al Haris, van Germain oder wie auch immer Sie heißen: Sie haben uns in Frankreich hingehalten, und jetzt haben Sie Melissa als Marionette benutzt. Und Ihrem alten Freund Guardner hatten Sie nicht einmal davon erzählt! Was sind Sie eigentlich für erbärmliche Gestalten?!«
»Es war falsch«, sagte Oliver Guardner und nickte, »und es tut mir leid.«
»Und ich versichere Ihnen«, fügte der Weißbärtige mit fester Stimme hinzu, »dass ich mich in Zukunft zurückhalten werde. Ich pflege üblicherweise nicht, in Geschicke korrigierend einzugreifen, ich öffne nur Türen und ebne Wege. Seien Sie sich jedoch bewusst, dass Sie beide bereits dabei sind, einen Weg zu beschreiten, einen Weg der Erkenntnis, von dem es nur schwerlich ein Zurück gibt. Es ist eine große Ehre, und es liegt noch mehr vor Ihnen, als Sie sich jetzt vorstellen können.«
»Und damit«, fuhr der alte Guardner fort, »wollen wir diese Diskussion beschließen. Es ist an der Zeit, die Bestimmung des Tages und unserer Zusammenkunft nun zu erfüllen. Und nach dem, was ich gerade gehört habe, bin ich mir in meiner Entscheidung nur umso sicherer.« Er sah Melissa an und legte eine Hand auf ihre Schulter. »Miss Joyce, ich bin fünfundsechzig Jahre lang der Hüter dieser Halle der Aufzeichnungen gewesen. Ich übernahm diese Aufgabe von einer Frau, die sie vor mir innehatte, und nun möchte ich Sie fragen, ob Sie an meine Stelle treten möchten. Möchten Sie zur neuen Hüterin werden?«
Es dauerte einen Augenblick, bis Melissa antworten konnte. »Ich weiß es nicht«, war schließlich alles, was sie hervorbrachte. »Ich weiß nicht, ob ich es kann«, fügte sie dann hinzu, »aber ich möchte es gerne versuchen.«
Ein strahlendes Lächeln zog über Oliver Guardners Gesicht. »Das hatte ich gehofft!« Dann wandte er sich an die anderen. »Eine neue Hüterin!«, rief er aus, »Die Halle der Aufzeichnungen hat eine neue Hüterin!«
Die drei Thot-Anhänger, die etwas abseits den Gesprächen gelauscht hatten, fielen nun wieder auf die Knie und zollten Melissa so ihre ehrenvolle Anerkennung.
Melissa sah etwas betreten auf die Männer und dann zu Al Haris, der ihr eine Hand entgegenstreckte.
Zögerlich ging sie auf den Mann zu. Dann stockte sie. Sie wandte sich ab und lief noch einmal zu Patrick. Sie umarmte ihn und küsste ihn auf den Mund. »Geh deinen Weg weiter«, sagte sie, »du wirst alles finden, was du suchst!« In ihren Augen lag ein feuchtes Schimmern. Schließlich ging sie zu Al Haris und ergriff seine Hand.
Gemeinsam schritten die beiden und Oliver Guardner auf den Lichtvorhang zu, der den Weg in die Mitte der kreisförmigen Höhle noch immer versperrte. Kurz davor blieben sie stehen, der große Mann beugte sich ein wenig zu Melissa herab und sagte etwas, das man nicht hören konnte.
Sie streckte eine Hand aus und ließ das Licht über ihre Finger fließen.
Dann machte sie einen großen Schritt nach vorn. Das Licht verschluckte sie. Und als hätte sie eine Kettenreaktion ausgelöst, begann der Vorhang mit einem Mal, irisierend zu pulsieren, leuchtete auf, strahlte, wurde immer heller, und in einer plötzlichen Explosion zerbarst das gleißende Licht in der Höhle und verschluckte alles und jeden in einer unendlichen weißen Leere.