Kapitel 12
18. April 1941, Nekropole von Sakkara
Es dämmerte bereits, als der Wachposten zu James und seinem Begleiter zurückkehrte. Die Papiere seien in Ordnung, und sie dürften sich fünf Tage auf dem Gelände der Totenstadt aufhalten. Da es schon spät war, bauten James und Salah ihr Lager auf, wie sie es geplant hatten. Im Wagen führten sie alle notwendigen Stangen, Seile und Tuchplanen für ein großes Zelt mit sich, sowie Lebensmittel und Wasser. Natürlich hatten sie nicht vor, lediglich Fotografien zu machen. Ihre Ausrüstung umfasste weiterhin Klappspaten, Bürsten, Pinsel und Lampen.
Sie warteten auf den Einbruch der Dunkelheit. In der Ferne verliehen die Lichter von Kairo dem Horizont einen Schimmer, aber über ihnen war der Nachthimmel tiefschwarz und ungetrübt. Inmitten einer unermesslichen Zahl von Sternen, wie sie nur an wenigen Abenden auf dem Land in England, weitab der Städte und Dörfer zu sehen waren, zeichnete sich die Milchstraße in einem deutlichen Band ab. Der Mond war noch nicht aufgegangen, und das weitläufige Gelände lag im Dunklen. Es war ein günstiger Augenblick, um ungesehen einen Streifzug zu unternehmen.
James war bisher nur zweimal hier gewesen, um sich die bisherigen Ausgrabungen und den eindrucksvollen Begräbniskomplex des Djoser anzusehen, aber diese beiden Besuche sowie sein jahrelanges Studium der Karten und Grabungsberichte genügten ihm, um jedes Gebäude, nahezu jeden Mauerrest und jeden Trampelpfad zu kennen. Daher wusste er nun genau, welchen Teil des Bezirks sie aufzusuchen hatten.
Er zog den Pullover an, den er bisher lose über den Schultern getragen hatten, nahm seinen Rucksack, und sie gingen los.
Im Schutz der zahlreichen rekonstruierten Bauten erreichten sie einen kleinen vergitterten Zugang in einer niedrigen Mauer.
Salah benötigte nicht lange, um das Vorhängeschloss zu öffnen, das die Kette zusammenhielt. Sie schlüpften hindurch und brachten Kette und Schloss hinter sich wieder in die ursprüngliche Position. Dann folgten sie einer Treppe in die Tiefe.
Als ihre Schritte verklungen waren, trat Wolfgang Morgen hinter der Mauer eines kleinen Tempels hervor.
In einiger Entfernung von ihm und in der Dunkelheit kaum auszumachen, erschienen die Formen von fünf weiteren Männern. Sie waren zwar wie Forscher gekleidet, aber jeder von ihnen trug eine Waffe.
11. Oktober 2006, Guardner Residence, Kairo
»Rotes Licht, sagen Sie?«, fragte Oliver Guardner.
Sie hatten den Alten am Abend zuvor nicht mehr angetroffen, und nun saßen sie gemeinsam auf der Terrasse beim Frühstück. Patrick, der mit einigen Tassen Kaffee an diesem Morgen zufrieden war, zündete sich bereits eine Zigarette an.
»Ja, rotes Licht«, sagte er. »Peter und ich hatten doch diese Höhle in Südfrankreich erforscht, und dort waren wir auch auf so ein Licht gestoßen, allerdings bläulich. Es schien, als könne man es anfassen. Nach unseren Erlebnissen in der Höhle waren Peter und ich auf der Suche nach Archiven des Wissens, und zwar nicht im übertragenen Sinn, sondern ganz konkret. Wir hatten überlegt, ob es möglicherweise weltweit ein Netzwerk von Orten gibt, in denen Wissen gespeichert ist. Und die Tatsache, dass wir hier auf dasselbe Lichtphänomen gestoßen sind, scheint genau darauf hinzudeuten.«
Oliver Guardner hörte interessiert zu. »Dann müssen Sie mir unbedingt mehr über Ihren Fund in Frankreich erzählen. Was hat es damit auf sich?«
»Die Details gäben sicher eine abendfüllende Abenteuergeschichte ab«, warf Peter ein, »aber wenn ich es kurz machen darf: Die Höhle schien aus dem 13. Jahrhundert zu stammen, das ergaben jedenfalls unsere Analysen. Wundersamerweise war sie innen über und über dekoriert in Sprachen und mit Schriftzeichen, die zur damaligen Zeit in Europa gar nicht bekannt waren, also auch mit Keilschrift und sogar mit Mayaglyphen. Die Texte, so fanden wir beim Übersetzen heraus, wiesen auf Gemeinsamkeiten in den Abstammungsmythen der verschiedenen Kulturen hin. Außerdem fanden sich unzählige Graffiti, also nachträglich angebrachte Schriften von Besuchern der Höhle, auf Griechisch und Latein, die allesamt eine gewisse Ehrfurcht auszeichnete und eine Demut vor der Größe der Geschichte und der Welt gegenüber der Unbedeutsamkeit eines Einzelnen. Im hinteren Teil der Höhle befand sich ein unerklärliches blaues Lichtphänomen, und ein Schäfer, der die Höhle entdeckt hatte, war davon wahnsinnig geworden.«
»Dann war das blaue Licht also gefährlich?«, fragte Guardner.
»Das kann man wohl sagen«, bestätigte Patrick. »Ich hatte auch den Kopf kurz hineingesteckt, und das war kein Vergnügen, das kann ich Ihnen sagen. Dagegen war der Stromschock von gestern Abend ein Witz.«
»Wir fanden heraus«, fuhr Peter fort, »dass der hintere Teil der Höhle, der von dem blauen Licht erfüllt war, ein Wissensarchiv darstellte. Darauf wies auch ein zentrales Bodenrelief hin, das wir erst spät entziffern konnten. Wer auch immer das Archiv des Wissens betrat, wurde von den dort gespeicherten Informationen derart überwältigt, dass es einen menschlichen Verstand schlicht überforderte. Ähnlich war es wohl auch anderen unvorsichtigen Entdeckern gegangen; sie hatten die Höhle betreten und kamen geistig verwirrt wieder heraus, einige beschmierten dabei die Wände mit höhnischen oder kläglichen Sinnsprüchen. Zwar irrsinnig aber von überbordendem Wissen, zitierten sie dabei Weltliteratur oder schrieben in längst ausgestorbenen Sprachen. Wie übrigens auch der Schäfer, den Patrick in einem Sanatorium aufsuchte, plötzlich in Latein fantasierte.«
»Das ist außergewöhnlich, Gentlemen!«
»In der Tat«, sagte Peter. »Leider ging die Höhle verloren, aber eine Legende, die sich um sie rankte, ließ uns die Überlegung anstellen, ob es vielleicht noch weitere solche Archive geben könnte.«
»Was war das für eine Legende?«
»Es wurde von einer geheimen Gruppierung gesprochen, die Kreis von Montségur genannt wurde. Angeblich hätten sie dieses und weitere Archive des Wissens vor Urzeiten gebaut, um das verloren gegangene, extrem weit entwickelte Wissen einer untergegangenen Zivilisation zu bewahren und es den Menschen zugänglich zu machen, wenn sie reif dafür seien.«
»Eine faszinierende Idee«, gab der Alte zu. »Aber reichlich fantastisch, finden Sie nicht? Was für eine Zivilisation sollte je so weit entwickelt gewesen sein? Und wer würde solche Archive heute behüten?«
»Im Fall der Höhle in Frankreich gab es tatsächlich eine solche Geheimorganisation, die sich Tempel Salomons nannte und sich dem Schutz der Höhle verschrieben hatte. Die Leute hatten uns auch – wie wir später feststellten – einige Steine in den Weg unserer Untersuchungen gelegt.«
»Nun erklärt das weder«, überlegte Guardner, »von wem das Archiv ursprünglich stammte, noch, ob die Legende stimmt und es tatsächlich weitere solcher Stätten gibt.«
»Ja, richtig«, sagte Patrick. »Wir haben auch bis heute noch keine Ahnung, was da für eine Technologie am Werk war. Aber es war absolut real, es hat funktioniert. Eine wissenschaftliche Sensation. Die Idee, dass es noch mehr von solchen Archiven geben könnte, haben wir erst mal nicht ernst genommen. Aber irgendwie war es dann doch verlockend. Wir hatten schon damals Ägypten ins Auge gefasst, und als Ihre Einladung kam ... «
»Es freut mich, das zu hören«, erwiderte Guardner. »Sonst hätte ich Sie vielleicht nicht so leicht überreden können, hm?« Er lächelte.
»Vermutlich nicht«, stimmte Patrick zu.
»Ich verstehe«, sagte der Alte. »Das Pyramidion hat Ihnen also einen Weg gezeigt, meinen Sie?«
»Ich bin mir absolut sicher«, entgegnete der Franzose. »Ich kann es Ihnen nicht besser erklären. Nicht nur, dass alles, was Peter bisher herausgefunden hatte, ohnehin schon darauf hindeutete. Das Licht gestern war auch eindeutig dasselbe wie in der Höhle, nur von einer anderen Farbe, und es war eine Anleitung.«
»Eine Anleitung? Eine Wegbeschreibung? Als Vision?« Guardner wirkte nicht sehr überzeugt.
»Ja«, sagte Peter. »Glauben Sie mir, ich bin sicher der Letzte, der mit metaphysischem Hokuspokus zu beeindrucken ist. Wie Sie sicher wissen, habe ich das Unsichtbare, das Mystische und die Traditionen der Religionen, der Esoterik und des Okkultismus lange studiert. Ich bin niemand, der an vorhersehende Träume, Visionen oder Wunder glauben würde. Aber das hier, das ist echt.«
»Es hat auch bestimmt nichts mit Mystik zu tun«, warf Patrick ein. »Ich bin mir sicher, dass hier ein Wissen, eine Technologie am Werk ist, die wir nur noch nicht verstehen.«
Guardner zuckte mit den Schultern. »So oder so, das wäre vermutlich einerlei, nicht wahr?«
»In der Tat«, sagte Peter. »Wichtig ist nur, dass es real ist.«
»Dann erklären Sie noch einmal, was Sie gesehen haben, Patrick«, sagte Guardner. »Vielleicht hilft es uns weiter.«
»Das muss es«, sagte Patrick, »denn mehr haben wir nicht!«
Dann beschrieb er im Detail seine Vision, die mit dem Flug über die ägyptische Wüste begann.
»Mir sind zuerst die Ibise und der Mann auf dem Sarkophag aufgefallen«, erklärte Peter. »Die Vögel waren heilige Tiere der alten Ägypter und stellen die Gottheit Thot dar, den Träger des Wissens. Da wir ein Archiv des Wissens suchen, passen also Hunderte von Ibisen als Symbol sehr gut hinein.«
»Und der andere Mann?«
»Ich kann mir vorstellen, dass er den legendären Imhotep darstellt. Er war sozusagen der Schutzheilige der Schreiber und wird selbst kahlköpfig und sitzend als Schreiber dargestellt. Es ist nur logisch, dass er mit Sakkara, der Pyramide Djosers und einem möglichen Wissensarchiv in Verbindung steht.«
»Was könnte also die Vision bedeuten?«, fragte Guardner.
»Nun«, erklärte Peter, »als wir gestern zurückkamen, habe ich mich im Arbeitszimmer Ihres Vaters noch ein wenig umgesehen, denn ich meinte, mich an etwas erinnern zu können. Es gibt ausreichend Unterlagen und Nachschlagewerke dort, insbesondere über Sakkara, denn Ihr Vater schien zu vermuten, dass seine Suche ihn dorthin führen würde, nur, dass ihm der passende Schlüssel fehlte.«
»Was haben Sie herausgefunden?« Der Alte beugte sich neugierig nach vorn.
»Etwas an Patricks Beschreibung der Person, die mit dem Rücken zur Stufenpyramide sitzt und geradeaus sieht, hat mich inspiriert. Ich erinnerte mich an eine gewisse Statue, die man dort gefunden hat ... Sehen Sie hier!« Peter öffnete ein Buch mit Schwarzweißfotografien und deutete auf eines der Bilder. Es zeigte eine steinerne Figur, die auf einem Thron saß. »Das ist eine lebensgroße Statue von Pharao Djoser. Man fand sie an der Nordwand der Stufenpyramide in einem kleinen quadratischen Häuschen. Der steinerne Pharao saß dort und sah durch zwei kleine runde Löcher auf Augenhöhe aus dem Häuschen hinaus nach Norden. Man vermutet, dass es astronomischen Zwecken diente, aber tatsächlich weiß bis heute niemand, was diese Statue dort sollte.«
»Ich kenne diese Statue«, sagte Guardner und nickte. »Aber da sich die meisten Touristen eher mit den Goldfunden und den Mumien beschäftigen, wird sie häufig kaum beachtet.«
»Sie macht nicht viel her«, stimmte Peter zu. »Vor allem, wenn man nicht weiß, welche Bedeutung sie möglicherweise hat. Denn jetzt wird es erst interessant! Wir haben nämlich noch einen Hinweis, mit dem Ihr Vater sicher nichts hätte anfangen können: die Ibise.« Peter machte eine dramatische Pause und sah von Guardner zu Patrick und wieder zurück. »Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, also fast dreißig Jahre, nachdem Ihr Vater verstarb, entdeckte eine Expedition unter Walter Emery in Sakkara ein weitverzweigtes unterirdisches Gewölbe, in dem Hunderttausende von Ibismumien beigesetzt waren. Die Ibise aus der Vision! Damals glaubte Emery, dass er kurz davor sei, das legendäre Grab Imhoteps zu finden. Leider ohne Erfolg. Aber wissen Sie, wo sich dieses Gewölbe befindet? Wenige hundert Meter nördlich der Stufenpyramide, exakt in Blickrichtung der sitzenden Statue des Pharaos Djoser!«
Guardner lächelte. »Das ist ja unglaublich! Ihnen gebührt mein größter Respekt, Professor Lavell. Ich staune, über welches Wissen Sie verfügen und wie geschickt Sie es zusammensetzen. Es klingt, als hätten Sie ein großes Rätsel gelöst.«
»Vielen Dank, Mister Guardner. Ja, ich denke, es fügt sich wirklich hervorragend zusammen. Walter Emery war auf der richtigen Spur. Er suchte kein Archiv des Wissens wie wir, aber er suchte das Grab jenes großen Gelehrten, das noch immer nicht gefunden wurde. Der unterirdische Ibisfriedhof stammt aus ptolemäischer Zeit, also aus der Zeit der griechischen Fremdherrschaft über Ägypten, ab etwa 300 vor Christus. Damals hat man dem gottgleichen Imhotep gehuldigt, der später in Hermes aufging. Aus irgendeinem Grund ahnte man zu diesem Zeitpunkt, dass sich sein Grab dort irgendwo befinden müsste – vielleicht wusste man es sogar genauer. Jedenfalls ist das unser bester Anhaltspunkt, um mit unserer Suche fortzufahren.«
»Dann wollen Sie nun also auch das Grab Imhoteps finden?«
»Mich würde es jedenfalls nicht stören, wenn wir drüberstolpern«, sagte Patrick und grinste.
»Nun, wir sind noch immer auf der Suche nach dem Archiv des Wissens«, erklärte Peter, »von dem uns die Stele des Echnaton berichtet. Aber ich denke, es ist nur schlüssig anzunehmen, dass uns diese Suche auch zum Grab Imhoteps führen wird. Vielleicht sind sein Grab und das Archiv ein und dasselbe? Jedenfalls sollten wir möglichst schnell ans Werk.«
»Ich bewundere Ihre Zielstrebigkeit, Professor Lavell, »und Ihren Enthusiasmus! Aber es haben natürlich schon Generationen von Forschern dieses Grab, das wohl zu einem der sagenhaftesten und berühmtesten der Welt gehört, gesucht. Und keiner ist bisher erfolgreich gewesen ... «
»Ich bin mir dessen wohl bewusst«, sagte Peter. »Ich bin niemand, der sich hoffnungsvollen Erwartungen, Eventualitäten oder losen Versprechungen hingeben würde. Aber zwei Dinge treiben mich in diesem Fall an: Zum einen wissen wir mehr über das, was wir zu suchen haben. Und zum anderen vertraue ich darauf, dass uns Patricks Gespür, sein handwerkliches und technisches Geschick und seine herausragende Kombinationsfähigkeit weiterhelfen werden. Nur ihm ist es zu verdanken, dass wir das Rätsel des Pyramidions lösen konnten!«
»Ohne Ihr Wissen über die Unterweltsbücher wäre ich auch nicht weit gekommen«, warf Patrick ein.
»Wie dem auch sei«, fuhr Peter fort. »Ich denke jedenfalls, dass wir bestens gerüstet sind. Und noch dazu ist dies eines der größten Rätsel! Wer, der mit Verstand und Herz Geschichtsforscher ist, würde es nicht wenigstens versuchen, dieses Rätsel zu lösen?«
»Ich kann Sie gut verstehen«, sagte Oliver Guardner und lächelte. »Glauben Sie mir: Wenn ich jünger wäre, würde ich Sie um alles in der Welt begleiten!« Dann stockte er einen Moment. »Da bliebe aber noch die Frage, wie Sie es schaffen wollen, in den heutzutage gut bewachten und gesicherten Bereich einzudringen? Sicher ist Ihnen klar, dass Sie nicht einfach hineinspazieren und in alten Gewölben herumstöbern dürfen.«
»Das«, setzte Peter an und hob einen Zeigefinger, »ist in der Tat ein Problem.« Dabei grinste er den Franzosen an. »Aber vermutlich keines, mit dem Monsieur Nevreux nicht fertig wird, habe ich recht?«
Patrick schmunzelte und zog an seiner Zigarette. »Ich denke«, sagte er dann, während er den Rauch beiseiteblies, »da fällt mir sicher etwas ein ... «
Ein Besprechungszimmer irgendwo in Kairo
»Meine Herren, erneut muss ich Ihnen innerhalb weniger Tage für Ihre Bereitschaft danken, sich kurzfristig zusammenzufinden. Die Lage ist sehr ernst.«
Der Ägypter mit dem Spitzbart saß am Kopf eines Konferenztisches, um den ein gutes Dutzend weiterer Männer der Gruppe Platz genommen hatte.
»Wie einige von Ihnen bereits wissen, waren die letzten Tage sehr aufregend. Die beiden Forscher, die wir seit ihrer Ankunft in Kairo beobachten, sind trotz unserer Bemühungen, sie von ihren Forschungen abzuhalten, auf die Spur des Pyramidions gekommen. Als wäre das nicht schlimm genug, sind sie gestern Abend bei Dr. Aziz eingebrochen, haben das Pyramidion gefunden und auf irgendeine Art aktiviert!«
Erregtes Stimmengewirr setzte ein, und Fragen wurden laut.
Der Vorsitzende hob eine Hand und gebot den Männern, Ruhe zu bewahren. »Wie sich zeigte, haben unsere Vorgänger vor nunmehr fast fünfzig Jahren richtig entschieden, Oliver Guardner überwachen zu lassen, denn er war es, der die beiden nach Kairo einlud. Die Forscher haben auf überraschende Weise eine Abschrift der Stele des Echnaton gefunden, von der wir dachten, sie sei im Mittelalter verschollen. Diese informierte sie über das Pyramidion, und durch die Unterlagen des Museums – wo sie sich ebenfalls Zutritt verschafften – brachten sie in Erfahrung, dass es im Besitz von Dr. Aziz sein könnte, wo sie es schließlich auch fanden.«
Erneut schwoll die Erregung im Raum an, die Männer riefen durcheinander und wollten wissen, wie das geschehen konnte.
»Ich weiß«, fuhr der Ägypter fort, »dass sich das unwahrscheinlich und unglaublich anhört. So etwas hätte niemals passieren dürfen – aber nur, weil es so unwahrscheinlich war, sind wir uns nicht schneller bewusst geworden, wie nah die beiden dem Ziel waren, und nur deswegen haben wir nicht deutlicher reagiert. Unsere ersten viel zu sanften Versuche, die beiden abzuschrecken, blieben vollkommen erfolglos. Und zugegebenermaßen würden weitere derartige Warnungen sie nur darin bestärken, jetzt nicht mehr aufzugeben.«
Einer der Männer am Tisch beugte sich nach vorn. »Sie sagten, die beiden haben das Pyramidion aktiviert? Wie meinten Sie das?«
»Wir wissen nicht, was genau geschehen ist. Seit der Stein gefunden wurde und von der Altertümerverwaltung behütet wird, ist es niemandem gelungen, ihm sein Geheimnis zu entlocken. Aber wir haben immer gewusst, dass das Pyramidion mit dem Hüter und der Halle in Verbindung steht. Nun, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, ist es den Forschern gelungen, die Kräfte des Pyramidions freizusetzen! Und es hat ihnen einen Weg gewiesen – nach Sakkara. Sie werden innerhalb kürzester Zeit dorthin aufbrechen, und ich habe keine Zweifel, dass sie direkt zur Halle gehen werden!«
»Das ist ungeheuerlich!«, rief jemand im Saal. »Frevel! Sie müssen aufgehalten werden!« Ein Tumult brach los, einzelne Männer standen auf und schimpften heftig gestikulierend, andere schlugen wütend mit der Faust auf den Tisch.
Der Vorsitzende stand nun ebenfalls auf, sah sich in der Runde um und nickte. Er hatte nichts anderes erwartet. Es dauerte, bis sich die Gemüter etwas beruhigt und sich die Lautstärke gesenkt hatte. Dann sprach er weiter.
»Die Lage ist besonders schwierig, meine Freunde, denn ich habe Ihnen noch nicht von der Nachricht erzählt, die ich gestern erhielt.« In gespannter Aufmerksamkeit richteten sich nun die Augen der Männer auf den Vorsitzenden. »Als die beiden Forscher gestern Abend in das Haus von Dr. Aziz eindrangen, erreichte mich eine Botschaft des Hüters.« Er machte eine bedeutungsvolle Pause, und plötzlich war das leise Summen der Klimaanlage das Einzige, was die atemlose Stille durchdrang. Seit Jahrzehnten hatte sich der Hüter nicht gemeldet. Diejenigen, die noch nicht so lange in der Runde waren, kannten ihn nur aus Erzählungen, hatten die mystische Gestalt des Hüters gar im Reich der Fantasie vermutet. Die Männer nahmen schweigend Platz; die jungen ungläubig und die alten voller Ehrfurcht.
»Es wäre ein Leichtes gewesen, die Forscher gestern der Polizei zu melden. Die ausdrückliche Aufforderung des Hüters jedoch war, sie gewähren zu lassen! Wir haben dem Wunsch natürlich entsprochen, aber seitdem wissen die beiden, dass sie in Sakkara suchen müssen, und sie planen bereits ihr Vorgehen!«
Die Männer im Raum sahen sich fragend an, aber niemand begehrte laut auf. Zu ungeheuerlich war das Geschehene.
Der Vorsitzende redete weiter. »Ich habe das gestern mit meinen beiden Stellvertretern besprochen, und wir konnten es uns auch nicht erklären. Ich habe noch am Abend Dr. Aziz aufgesucht und ihm davon erzählt. Er war natürlich außer sich. Meine Herren, dies ist eine ganz und gar außergewöhnliche Situation. Was wir uns geschworen haben zu schützen, steht vor der Entdeckung durch dahergelaufene Fremde, und der, mit dessen Protektion wir handeln, fordert uns auf, nicht einzugreifen! Der Auftrag und die Berechtigung unserer Bruderschaft werden in Frage gestellt, und wir müssen entscheiden, wie wir hierauf reagieren sollen! Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder wir fügen uns dem Hüter, in der Hoffnung, dass dies einen tieferen Sinn hat, den wir nicht verstehen, und mit der Gefahr, dass wir und unsere Arbeit überflüssig werden. Oder aber, wir fühlen uns nicht dem Hüter, sondern der Halle und unserem heiligen Auftrag verantwortlich, misstrauen der zweifelhaften Nachricht und setzen nun alles daran, die ausländischen Forscher endgültig von ihrem lasterhaften Treiben abzuhalten. Unverzüglich und mit Gewalt! Lasst uns dies jetzt besprechen und beschließen.«
Zufrieden beobachtete er, wie sich wilde Entschlossenheit und Tatendrang in der Stimmung der Anwesenden breitmachte. Die Entscheidung würde leicht werden. Blut würde fließen.
Es war bereits Nachmittag, als sich Peter, Patrick und Oliver Guardner zu einer letzten Besprechung im Salon trafen. Während der Franzose wieder einige Besorgungen gemacht hatte, um sie für die Unternehmung auszurüsten, hatte sich Peter in den Büchern über die umfangreiche Anlage von Sakkara informiert, Baupläne, Lagepläne und Karten studiert, und sich so mit den Details des Begräbniskomplexes vertraut gemacht.
»Die Anlage schließt um fünf Uhr für Touristen«, erklärte Oliver Guardner. »Wenn Sie sich unauffällig und einigermaßen unbehelligt von Wachleuten bewegen möchten, sollten Sie vorher in den Besucherströmen untertauchen. Allerdings werden Sie dann kaum Gelegenheit haben, vollkommen unbeobachtet zu bleiben. Dafür ist der Andrang dort zu groß. Meine Empfehlung wäre es, kurz vor der Schließung auf das Gelände zu kommen und sich dann behutsam abzusetzen, wenn die Reisebusse mit der Rückfahrt beginnen und es sich leert.«
»Das hatte ich mir auch schon so gedacht«, sagte Patrick. »Ab diesem Zeitpunkt sollten wir uns als Grabungsteilnehmer ausgeben. Sicherlich sind einige Teams ständig dort, oder?«
»Ja«, bestätigte Guardner, »meines Wissens sind dort ein polnisches und ein japanisches Team. Aber sicher auch andere.«
»So ist es«, stimmte Peter zu. »Und zwar hier.« Er deutete auf einen Punkt der vor ihnen ausgebreiteten Karte. »Wir müssen in den nördlichen Teil der Nekropole. Und etwa an dieser Stelle hier finden seit zwei Jahren Grabungen statt.«
»Solange wir nicht aussehen wie Urlauber, wird uns ein Außenstehender wohl abnehmen, dass wir dort arbeiten«, sagte Patrick. »Die größere Schwierigkeit bleibt aber, in die unterirdischen Gewölbe hineinzukommen. Immerhin können wir keine Spitzhacken und Schaufeln mitschleppen.«
»Den Zugang in die Gewölbe werden wir wohl finden«, sagte Peter und rieb an seiner Schläfe, »aber ich frage mich inzwischen, wie wir dort etwas aufspüren sollten, das Ägyptologen seit Generationen nicht entdeckt haben: den Eingang zum Grab Imhoteps.«
Patrick lächelte. »Keine Sorge, Herr Professor, das sehen wir, wenn wir dort sind. Vertrauen Sie unserem Glück wie bisher auch! Und bevor uns der Mut vollends verlässt, schlage ich vor, dass wir so schnell wie möglich aufbrechen!«
Eine knappe Stunde später erreichten sie Sakkara. Die Anlage tauchte unvermittelt und wenig aufsehenerregend zwischen sandigen Hügeln auf, aus denen lediglich die Spitzen einiger niedriger Pyramiden herausragten. Sie stellten den Leihwagen ab und machten sich auf den Weg.
Patrick hatte den Rucksack mit einigen unauffälligen Accessoires bestückt, die sie zunächst als Touristen ausweisen sollten: zwei Wasserflaschen, Früchte, ein paar Reiseführer, Ansichtskarten, Prospekte und Sonnenmilch. In der Hand trug er einen Fotoapparat. Beide hatten außerdem einen Pullover mitgenommen und um die Hüften geknotet. Patrick bestand darauf, denn er betonte, dass es unter der Erde kalt werden könnte, egal, wie heiß es an der Oberfläche sein mochte.
Nachdem sie die Eintrittsgebühr gezahlt hatten, prüfte ein mit einer Maschinenpistole bewaffneter Wachposten wie erwartet den Inhalt des Rucksacks mit einem flüchtigen Blick, nickte und ließ sie passieren.
Es war noch sehr warm, und Peter kam als Erster ins Schwitzen, als sie nach einem beträchtlichen Fußmarsch die Stufenpyramide erreichten. Aus der Nähe wirkte sie doch weitaus imposanter als aus der Ferne, denn nun wurde deutlich, dass ihre Höhe von sechzig Metern alles andere als eine Kleinigkeit war.
Patrick sah zur Spitze hinauf. »Keine schlechte Leistung, da hochzuklettern«, sagte er. »Muss ein guter Freeclimber gewesen sein, der alte Echnaton.«
»Vielleicht befand sich das Pyramidion ja schon gar nicht mehr oben auf der Spitze«, sagte Peter, der nun ebenfalls zu zweifeln begann, ob überhaupt jemand die fast senkrechten und zehn Meter hohen Wände der einzelnen Stufen hochklettern mochte. Zwar boten die einzelnen Blöcke ausreichend Lücken, aber dennoch wäre es lebensgefährlich. Dies war sie nun, die außergewöhnliche Stufenpyramide, jenes Bauwerk, das eine solche Zäsur in der Geschichte des Landes, seiner Kultur und seiner Bestattungsriten darstellte. Es war ein erhebender und eindrucksvoller Anblick.
»Ist es noch weit von hier?«, fragte Patrick.
»Wir müssen genau auf die andere Seite.«
Patrick sah auf die Uhr. »Halb fünf. Beeilen wir uns.«
Sie folgten dem Weg, vorbei an wiederhergestellten kleinen Tempeln und Mauerresten, zwischen Scharen von Touristen hindurch, die ihnen nun zumeist entgegenkamen, da sie sich auf dem Rückweg zum Eingang befanden. Peter sah sich ausführlich um. Hier befanden sie sich in einer der bedeutendsten Stätten der Archäologie, ebenso aufregend und einzigartig wie das Tal der Könige oder das Plateau von Giseh. In früheren Jahren hätte er alles darum gegeben, hier an einem Forschungsprojekt teilzunehmen. Und nun gingen sie fast achtlos an jahrtausendealten Monumenten vorbei, für die er sich gerne tage- und wochenlang Zeit genommen hätte. Aber er tröstete sich damit, dass sie auf dem Weg zu einer Entdeckung waren, die ungleich größer und wichtiger war als die Grabmale dieser Herrscher und Würdenträger, die in Sakkara bestattet waren. Einen Hauch Wehmut konnte er dennoch nicht unterdrücken. Er stockte, als er in einiger Entfernung zwischen den Menschen eine Frau mit langen blonden Haaren entdeckte. Er sah sie nur von der Seite, als sie mit einer Bewegung, die ihm seltsam vertraut vorkam, die Haare hinter ihr Ohr schob. Nun erhaschte er einen flüchtigen Blick auf ihr Profil, und wenn sie nicht so weit entfernt gewesen wäre, hätte er schwören können, tatsächlich Stefanie zu erkennen. Er zögerte, ob er Patrick darauf hinweisen sollte, doch er wollte die traurigen Erinnerungen und verzweifelten Hoffnungen des Franzosen nicht unnötig wecken, und in diesem Augenblick war die Frau auch schon zwischen den Menschen verschwunden.
So gingen sie weiter, und als Patrick das Gefühl hatte, unbeobachtet zu sein, machte er hinter einem kleinen Gebäude Halt, setzte den Rucksack auf dem Boden ab und öffnete ihn. Er schob eine schwarze Platte beiseite, die vollkommen unauffällig als doppelte Rückwand gedient hatte. Dahinter brachte er nun ein Klemmbrett hervor, Stifte, eine kleine Bürste, einen Spachtel, ein Vergrößerungsglas, eine kleine Taschenlampe und ein Taschenmesser. Er verstaute die Ausrüstungsgegenstände in den Seitentaschen seiner Hose, überreichte Peter das Klemmbrett und die Stifte und holte als Letztes zwei Namensschilder heraus. Auf den Schildchen war jeweils das Emblem der Vereinten Nationen zu sehen.
»Hier«, sagte er zu Peter. »Ich dachte mir, warum behaupten wir nicht einfach, für ein UN-Projekt zu arbeiten? Damit haben wir ja Erfahrung.« Er grinste und deutete auf das Zeichen. »Was halten Sie davon? Nicht übel, oder? Habe ich heute in einem Copyshop gebastelt.«
Peter hob eine Augenbraue und nickte dann anerkennend. »Gut gemacht, Patrick!«
»Danke.« Der Franzose nahm die Wasserflaschen und versteckte den Rucksack mit dem restlichen Inhalt zwischen einigen Steinen. »So, nun sind wir von Touristen zu Forschern geworden. Jetzt auf zum Gewölbe!«
Peter orientierte sich an dem Weg, den er sich eingeprägt hatte. Sie ließen den Bereich des Djoser-Begräbniskomplexes mit den aufwendigen Bauten und der Umfriedung hinter sich und kamen nach einer Weile in einen kaum noch bevölkerten und unwegsamen Bereich des Areals. Hier befanden sich überwiegend flache, Mastabas genannte Grabhügel.
»Hier ist es«, sagte Peter und zeigte auf einen vergitterten Eingang in einem niedrigen Gebäuderest, der nur zur Hälfte aus einem felsigen Hügel hervorragte. Sie gingen auf die Öffnung zu und sahen durch die Gitterstäbe. Ein schmaler Gang mit steinerner Treppe führte in die Tiefe. Das Gitter war mit einem faustgroßen, runden Vorhängeschloss gesichert.
»Monsieur Meisterdieb«, sagte Peter, »bitte übernehmen Sie.«
»Halt! Was machen Sie da?«
Sie zuckten zusammen, drehten sich um und fanden sich einem unformierten Wachposten gegenüber, der einen Arm in die Hüfte gestemmt hatte und mit der anderen Hand den Riemen seiner geschulterten Maschinenpistole festhielt.
Patrick trat ohne zu zögern auf den Mann zu. »Mister Wesson und Mister Smith«, stellte er sich und Peter vor, »wir sind von Mr. Johnson aus dem Lager hierhergeschickt worden.« Er deutete unbestimmt in eine Richtung. »Er sagte, er würde das Gewölbe für uns offen lassen, aber offenbar hat er es wieder verschlossen.«
Der Ägypter mustere den Franzosen von oben bis unten, sah dann Peter ebenso abschätzend an und blieb schließlich mit dem Blick auf ihren Namenschildern hängen. »Ah, Vereinte Nationen, ja?«, stellte er fest. »Können Sie sich ausweisen?«
Patrick nickte. »Aber sicher, einen Moment!«, und dann begann er, seine Taschen zu durchsuchen. Dabei holte er die Utensilien hervor, der er dort verstaut hatte und gab sie Peter, der sie auf dem Klammbrett stapelte. »Es tut mir leid«, sagte Patrick schließlich, »ich muss sie im Lager gelassen haben.« Dabei hielt er dem Mann eine Zigarettenpackung hin. »Möchten Sie eine? Ich hoffe, es bereitet Ihnen keine Umstände, wenn Sie uns ins Lager begleiten? Ich fürchte, wir müssen ohnehin zurück, um Johnson nach dem Schlüssel zu fragen. So ein Arger. Entschuldigen Sie vielmals die Mühe. Tja, ich schätze, da hätte ich mal gleich drandenken sollen ... «
Der Wachposten nahm die Zigarette dankend entgegen und ließ sich von Patrick Feuer geben. Inzwischen war er zu der Überzeugung gelangt, dass es sich bei den beiden Fremden eindeutig um reichlich orientierungslose Akademiker handelte, die von irgendeiner Behörde hergeschickt worden waren und mit einem der zahlreichen Grabungsteams in Sakkara zusammenarbeiteten. Er hatte wenig Interesse, mit den beiden kilometerweit auf dem Gelände herumzulaufen. Stattdessen holte er einen Schlüsselbund heraus.
»Kein Problem«, sagte er, öffnete das Schloss und zog das Gitter auf. »Sie können hinein. Wir lassen das Schloss offen, damit Sie wieder herauskommen, hm?«
»Oh, vielen Dank«, sagte Patrick, ehrlich erstaunt, »das ist überaus zuvorkommend! Danke sehr! Wie sagt man: Shukran!«
»Tafadal!«, erwiderte der Mann lächelnd, hob kurz zwei Finger der Hand zu einem angedeuteten militärischen Gruß an den Kopf, nickte und ging.
Peter blieb etwas perplex zurück. »Das ist ja unglaublich! Wie machen Sie das, Patrick? Sie werden mir unheimlich.«
»Diesmal habe ich mich selbst überrascht, mein Freund!«, gab der Franzose grinsend zu. »Los, kommen Sie!« Damit schlüpfte er in den Eingang; Peter folgte ihm und zog das Gitter hinter sich zu.
Patrick schaltete seine Taschenlampe ein und leuchtete voraus, während sie dem absteigenden, in den Fels gehauenen Weg folgten. Der Gang war kaum mannshoch und unscheinbar.
Die Luft schien sich zu verändern, je tiefer sie kamen. Während sie oben den trockenen Geruch nach sandigen Steinen und Sonne trug, wirkte sie unten dichter. Sie war noch immer trocken, aber kühler und würziger, sie roch nach staubigem Holz und verkrustetem Harz.
Als sie unten angekommen waren, wurde der Gang etwas höher und war beiderseits von Nischen gesäumt, die mit allerlei Unrat gefüllt waren. Im Schein der Lampe wurden Gesteinsbrocken, Tonscherben und undefinierbares Gerümpel sichtbar.
»Das ist es!«, sagte Peter. »Die Ibisgalerien! Sehen Sie die Trümmer? Das ist alles, was Grabräuber zurückgelassen haben. Aber Schätze gab es hier keine zu finden.«
»Nein? Was sonst? Nur Tontöpfe?«
»Hier sind Ibise bestattet worden, zu Hunderttausenden. Man hat sie mumifiziert und die Ibismumien in kleinen Tongefäßen in den Nischen gestapelt.«
»Ziemlich merkwürdig, finden Sie nicht?«
»Jeder, der damals Sakkara besuchte, füllte diesen Ibisfriedhof weiter auf und brachte damit seine Huldigung für den gottgleichen Imhotep zum Ausdruck. Deswegen war Emery ja auch der Überzeugung, dass das Grab hier in der Nähe sein müsse, denn warum sonst sollten die Leute alle ausgerechnet hierherkommen?«
Sie kamen an eine Kreuzung. Die abzweigenden Gänge sahen identisch aus. »Und jetzt?«, fragte Patrick.
Peter zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Karte der Anlage gefunden. Wir müssen im Prinzip alles ablaufen und uns überall umsehen.«
»Dann fangen wir einfach hier an«, sagte Patrick und wandte sich nach rechts.
»Sie denken daran, dass wir auch den Rückweg wiederfinden müssen?«
»Keine Sorge, auf meinen Orientierungssinn können wir uns verlassen. So groß wird das hier unten ja nicht sein.«
Sie gingen an unzähligen Nischen vorbei. Die meisten waren nur noch mit Trümmern gefüllt, häufig war der Inhalt herausgewühlt worden und lag nun auf dem Boden des Ganges verstreut. Überall bot sich ihnen das gleiche Bild der Verwüstung. Was ehemals eine eindrucksvolle und ordentliche Begräbnisstätte gewesen war, war nur noch ein verwahrloster Keller.
Sie kamen an weitere Abzweigungen, und jedes Mal wählte Patrick den Weg. Die Galerien sahen überall gleich aus, und Peter fragte sich, wie sie erkennen konnten, ob sie an einer Stelle schon einmal gewesen waren, und insbesondere, wie sie in diesem immer gleichen Labyrinth je den Ausgang finden sollten.
»Ich gebe zu«, sagte Patrick, als hätte er Peters Gedanken gelesen, »dass ein paar Markierungen sinnvoll gewesen wären. Das scheint hier wesentlich weiter verzweigt zu sein, als ich vermutet hatte.«
»Sie wissen doch wohl noch, wo wir sind?«
»Ich denke schon ... So in etwa jedenfalls.«
»Ich würde es begrüßen«, sagte Peter, »wenn Sie mich nicht nervös machten.«
»War nur ein Scherz«, beschwichtigte Patrick und tippte sich an den Kopf. »Hier oben wird alles kartographiert. Ich achte auf den Weg, und ich hoffe, Sie achten auf das, was wir suchen.«
»Ich versuche es ja! Aber bis jetzt glich ein Weg dem anderen. Es gab keine Auffälligkeiten oder Ansatzpunkte. Sicher, der Zugang zum Grab Imhoteps wird gut versteckt sein, sonst hätte man ihn schon längst entdeckt. Genau genommen könnte er sich hinter jeder dieser Nischen verbergen. Es könnte auch zugemauert hinter einem beliebigen Stück Wand liegen. Oder unter unseren Füßen im Boden. Ich muss darauf hoffen, dass wir Hinweise finden, die irgendwie aussagekräftig sind.«
»Was halten Sie denn zum Beispiel davon?« Patrick zeigte auf eine neuerliche Kreuzung. Diese unterschied sich leicht von den anderen, denn es war zu sehen, dass der Eingang zum weiterführenden Weg sorgfältig freigelegt worden war. Es sah nicht wie das Werk von Grabräubern aus.
»Sehr schön! Es scheint mir«, sagte Peter, als er die behutsam an den Wänden gestapelten Quadersteine und den Schutt begutachtete, »dass dies erst in jüngerer Zeit geöffnet wurde. Vielleicht von Forschern? Erinnern Sie sich: Emery fand diese Galerien vor etwa vierzig Jahren. Er hat sicher das Chaos in den bisherigen Gängen nicht zu verantworten. Das wurde irgendwann in den letzten zweitausend Jahren angerichtet. Aber vielleicht hat er diesen Weg hier entdeckt. Dann besteht die Chance, dass dahinter unberührte Teile des Gewölbes zu finden sind.«
Patrick nickte. »Also dann nichts wie hinein!«
Tatsächlich bot sich ihnen nun ein anderer Anblick. Der Boden war frei von Schutt, die Wände mit farbigem Putz versehen, der nur altersbedingt abbröckelte. Auch hier waren Nischen zu sehen, aber diese waren in einwandfreiem Zustand. Von Hüfthöhe bis unter die Decke waren sie mit flaschenförmigen Tongefäßen gefüllte, sorgfältig gestapelt und sämtlich intakt. Fast hatte es den Anschein, als wandere man durch ein unendliches Weinkellergewölbe. So musste auch der Rest der Anlage einmal ausgesehen haben.
Der Kegel der Taschenlampe streifte Steinmetzarbeiten, denen sie bisher noch nicht begegnet waren: imitierte Säulen schienen die Decke zu stützen, und stuckartige Friese erweckten den Eindruck, als befände man sich im Inneren eines Tempels. Bald waren auch Hieroglyphen zu sehen, die sich in einem farbigen Band an den Wänden entlangzogen.
Die Gänge wurden nun breiter und öffneten sich immer wieder zu rechteckigen Räumen, die teilweise neue Abzweigungen hervorbrachten, zuweilen Zugang zu kleineren Kammern boten und manchmal lediglich das Ende einer Sackgasse bildeten.
Sie gingen nun langsamer als zuvor, sahen sich die Reliefs und Malereien an und suchten nach auffälligen Zeichnungen, etwas, das ihnen bekannt vorkommen würde, nach Hinweisen auf Imhotep oder die Gottheit Thot. Doch da es ohnehin ein Ibisheiligtum war, fiel es Peter nicht leicht, allgemeine von speziellen Texten zu unterscheiden. Einmal identifizierte er die Bezeichnung Imhoteps, aber sie stellte sich als bloße Lobpreisung seines Namens heraus.
»Kein Wunder, dass Emery sich sicher war, kurz vor der Entdeckung des Grabes zu stehen«, sagte Peter. »Eine solche Fülle von Texten und Symbolen, die alle in dieselbe Richtung deuten, ist einmalig. Wenn wir nur ... was?!« Er brach abrupt ab, als Patrick ihn am Arm fasste. Der Franzose richtete das Licht auf sein Gesicht, so dass Peter sehen konnte, wie er den Finger an die Lippen legte, um ihn zum Schweigen zu bringen.
»Dort ist jemand!«, flüsterte er und deutete in die Richtung, aus der er Geräusche wahrnahm.
»Was machen wir jetzt?«, gab Peter halblaut zurück.
»Wir warten! Kommen Sie!« Patrick leuchtete in eine schmale Kammer, trat ein und stellte sich neben dem Durchgang an die Wand. Peter hastete hinterher. Dann schaltete der Franzose die Taschenlampe aus, und vollkommene Dunkelheit umgab sie.
»Was tun Sie da?!«, zischte Peter. Augenblicklich fühlte er das Gewicht des Gesteins, der Felsen und der Wüste auf seinen Schultern, der Wüste, die unendlich fern von hier an der rettenden Oberfläche lag, wo es Luft und Licht gab.
»Wollen Sie, dass wir gesehen werden?«, flüsterte Patrick. »In ein paar Minuten sind wir schlauer.«
Natürlich hatte Patrick recht, Peter wusste das. Aber es fiel ihm außerordentlich schwer, ruhig zu bleiben, während sich die bleischwere Dunkelheit um seinen Kopf legte und in seinen Hals kroch. Er lehnte sich ein bisschen zur Seite, gerade so, dass er Patrick neben sich spüren konnte. Er hoffte, dass es dem Franzosen nicht unangenehm auffiel. Er versuchte, sich abzulenken, und ging in Gedanken die Punkte durch, die Patrick genannt hatte, als er von seiner Vision des Pyramidions erzählt hatte. Der Mann, in dessen Augen er die Ibise gesehen hatte, die sie nun umgaben. Dann die Tür, durch die sie gehen mussten, die sie aber noch nicht gefunden hatten ... Was für eine Tür konnte sich hier unten befinden? War eine wahrhaftige Tür gemeint, oder war es ein Symbol? Peter merkte, wie seine Gedanken abschweiften, denn er konnte sich nur schwer auf irgendwelche Bilder konzentrieren.
»Da! Da kommt ein Licht!«, flüsterte Patrick.
»Ich sehe es«, gab Peter erleichtert zurück.
Man konnte keine eigentliche Lichtquelle erkennen, aber in einiger Entfernung war zweifellos ein schwacher Schein, der die Wände eines Gangs erhellte, mal mehr, mal weniger, ganz so, als werde dort eine Lampe hin und her geschwenkt.
Sie verharrten in ihrem Versteck und beobachteten, wie der Schein heller wurde, bis der leuchtende Kreis eines Taschenlampenkegels erschien, der über die Wände wanderte. Dann tauchte eine einzelne Person aus einem Gang auf. Der Form und den Bewegungen nach zu urteilen war es ein Mann, aber im indirekten Licht der angestrahlten Wände und hinter dem blendenden Licht der Taschenlampe ließ sich seine Silhouette nur schwach ausmachen.
»Er kommt hierher!«, flüsterte Patrick. »Das wird eine Überraschung!«
»Für ihn oder für uns?«, fragte Peter.
Bald war die Figur näher herangekommen und stand in dem Raum direkt vor ihnen. Der Mann trug einen hellblauen Blouson und kurze Hosen. Peter erkannte ihn in dem Augenblick, als Patrick seine Lampe einschaltete und dem Mann direkt ins Gesicht leuchtete.
»Keine Bewegung!«, rief der Franzose. »Hände nach oben!«
Der Mann schrie erschrocken auf und riss seine Arme hoch. »Nicht schießen! Ich bin unbewaffnet!« Es war Jason.
Peter und Patrick verließen die Kammer und traten zu dem Amerikaner. »Was tun Sie hier?!«, fragte Patrick in barschem Tonfall. »Haben Sie uns nachspioniert?«
»Ich ... ich ... «, stammelte Jason, »bitte senken Sie das Licht. Ich möchte keinen Ärger machen!«
Patrick leuchtete an die Decke, so dass sie gemeinsam erhellt wurden. »Können Sie uns verraten, was Sie hier wollen?«
»Ich bin Ihnen gefolgt, ja«, gab Jason zu. »Wissen Sie, es ist mein letzter Tag in Kairo, und ich wollte noch einmal nach Sakkara. Da habe ich Sie vorhin zufällig am Djoser-Komplex gesehen und dachte mir, dass Sie sicher einer interessanten Spur folgen. Ich habe mich versteckt, damit mich die Aufseher nicht bemerken. Und dann sind Sie tatsächlich in die Ibisgalerien hinabgestiegen, die für Besucher seit Jahren schon geschlossen sind. Der berüchtigte Ibisfriedhof! Ich musste Ihnen einfach folgen, verstehen Sie? Sind Sie auf der Suche nach dem Grab Imhoteps, ja?« Jasons Gesicht hellte sich vor Begeisterung auf. »Endlich wird die Forschung an dieser Stelle fortgeführt! So viele warten schon so lange darauf. Jeder weiß, dass es hier unten ein Geheimnis gibt, aber die SCA blockiert natürlich alle Untersuchungen. Sagen Sie: Haben Sie etwas Neues herausgefunden?«
»Mister Miles«, sagte Peter, »bei allem Respekt: Unsere Untersuchungen gehen Sie nichts an. Wir müssen Sie bitten, unverzüglich den Rückweg anzutreten.«
»Mein Kollege hat vollkommen recht. Sie haben hier nichts zu suchen, also sehen Sie zu, dass Sie verschwinden!«
»Ich verstehe, ja natürlich ... « Jason druckste herum. »Es ist nur ... ich habe mich ehrlich gesagt vollkommen verlaufen. Am Anfang konnte ich Ihre Lampe noch sehen, aber dann waren Sie irgendwann in den Gängen verschwunden, und dann wollte ich schon selbst zurückgehen, aber ich habe es nicht geschafft, den Ausgang zu finden. Ich bin reichlich orientierungslos, fürchte ich.«
»Das hat uns gerade noch gefehlt«, stöhnte Patrick. »Was machen wir jetzt mit ihm?«
»Wir könnten ihn gemeinsam zurückbringen«, schlug Peter vor.
»Also, ich bin wenig scharf darauf, den ganzen Weg zurückzulatschen, nur um diesen Blödmann an die Luft zu setzen. Wir verlieren viel zu viel Zeit, und wer sagt uns, dass er nicht noch ein zweites Mal hinter uns hergeschlichen kommt.«
»Dann muss er also bei uns bleiben«, folgerte Peter.
Patrick grummelte etwas vor sich hin, das wie eine wenig begeisterte Zustimmung klang.
»Ich kann Sie begleiten, ja?« Jason drückte seinen Rücken durch. »Vielen Dank, meine Herren. Ich werde Ihnen sicher nicht zur Last fallen. Im Gegenteil, vielleicht kann ich Ihnen ja bei Ihrer Suche helfen. Wenn Sie möchten.«
»Ich zweifle nicht an Ihrem guten Willen«, sagte Peter, »aber Sie helfen uns am besten, wenn Sie sich unauffällig im Hintergrund halten.«
»Aber natürlich. Kein Problem.« Jason nickte eifrig und trat einen halben Schritt zurück.
»Nun, wenigstens haben wir eine zweite Lampe«, sagte Patrick mit sarkastischem Tonfall.
Noch immer säumten Tongefäße die Wege. Aber bald kamen sie in einen Bereich, der deutlich aufwendiger gestaltet war als alles Vorherige. Der Fußboden war mit steinernen Kacheln bedeckt, und hier stützten echte Säulen die Decke eines halbkreisförmigen Raumes, dessen Wände abwechselnd von Nischen, Stuckarbeiten und Statuen gesäumt waren.
»Das erinnert mich an den Kreis der Philosophen«, platzte Jason heraus.
»Jason!« Patrick drehte sich mit verärgerter Miene um. Aber Peter beruhigte ihn.
»Es stimmt. Eine Ähnlichkeit lässt sich nicht abstreiten.« Auf Patricks fragenden Blick hin fuhr er fort: »Es gibt dort oben ein Monument, das Kreis der Philosophen genannt wird. Es ist ein großer Halbkreis, etwa zwei Meter im Boden versenkt, vor Flugsand geschützt, in dem Statuen griechischer Philosophen stehen. Das Ganze ist eine Anlage aus der Zeit der Ptolemäer, ebenso wie dieses Gewölbe hier. Wie es aussieht, hängt das alles zusammen. Nur, dass hier statt Platon und Aristoteles ägyptische Götter stehen. Sehen Sie: Das ist der falkenköpfige Horus, dies hier ist Isis, dort Osiris, und das ist Thot.«
»Der Raum muss eine besondere Bewandtnis gehabt haben«, stellte Patrick fest. Dann deutete er auf die Nischen. »Was ist in den Tontöpfen dort? Ibise wohl kaum, die Töpfe sind alle wesentlich größer!«
»Vermutlich andere heilige Tiere«, meinte Peter. »Westlich von hier befindet sich eine ähnliche Anlage, das Serapeum, dort sind unter anderem ganze Stiere begraben. Da dieser Bau aber Imhotep und implizit auch Thot geweiht war, finden sich hier vermutlich einbalsamierte Paviane.«
»Paviane?!«
»Ja.«
»Okay, ich muss das ja nicht verstehen.« Patrick zuckte mit den Schultern und zeigte dann auf die Steinmetzarbeiten an den Wänden. »Und was sind das für Kästen?« Es waren kunstvoll gearbeitete Nischen, die aus mehreren ineinander verschachtelten und zur Mitte hin kleiner werdenden Rahmen bestanden, die mit zahlreichen farbigen Hieroglyphen und Zeichnungen bedeckt waren. Links und rechts befanden sich zwei säulenförmige Pfosten, und darüber hing eine Art steinerne Rolle.
»Das sind so genannte Scheintüren«, erklärte Peter. »Man findet sie häufig in Grabanlagen. Es sind gemalte oder aus Stein oder Holz konstruierte Imitate, direkt auf der soliden Wand. Sie dienen dem Ka, dem geistigen Teil des Verstorbenen, als Übergang zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten. Die Rolle über dem Türsturz deutet einen aufgerollten Vorhang an. Da das Land der Toten in der Vorstellung der Ägypter im Westen lag, zeigen die Scheintüren in der Regel auch nach Westen.«
»Aber weshalb sind dann hier mehrere davon im Kreis angeordnet?«, fragte Patrick. »Damit die Ibisengel in alle Richtungen davonschwirren konnten?«
»Für die Ibise werden sie wohl nicht gedacht gewesen sein. Aber in der Tat stellt sich die Frage, welchem Zweck sie dienten.«
»Suchen wir nicht nach einer Tür?«, fragte Patrick. »Vielleicht gibt es hier einen Zugang zum Grab vom alten Imhotep?«
Peter antwortete nicht sofort. Dann holte er seine Lesebrille heraus. »Leuchten Sie mal hierher«, bat er den Franzosen, und in dessen Lichtschein untersuchte er eine der Scheintüren und ihre Hieroglyphen genauer. »Häufig sind Scheintüren mit dem Namen des Toten beschriftet und irgendwelchen Bekenntnissen, Anweisungen oder Wünschen für das Leben nach dem Tod. Aber dies hier sind keine Texte, sondern Schmuckelemente. Sie helfen uns nicht weiter.«
Patrick kam hinzu und sah sich die Scheintür ebenfalls näher an. Dann sah er sich die anderen ebenfalls an und blieb vor jeder einige Zeit stehen. Bei der vierten stockte er, sah näher hin, lief dann zur fünften, wieder zurück zur dritten und dann erneut zur vierten. »Kommen Sie mal her«, rief er.
Peter ging zu ihm und beugte sich über die Stelle, auf die Patrick deutete.
»Diese Maserung hier«, sagte der Franzose.
»Ja, das imitiert eine Holzmaserung. Wie die meisten dieser Scheintüren sind auch diese hier aus Stein.«
»In den anderen Fällen stimmt das auch«, bestätigte Patrick. »Aber sehen Sie hier: Eine zweite Maserung drückt sich von unten durch die oberste Struktur. Und wissen Sie auch warum?« Er hob eine Hand und klopfte einige Male mit den Knöcheln an den Stein. Eine feine Farbschicht bröselte herab. Der Klang war weich und dumpf.
»Weil das hier echtes Holz ist!« Patrick sah Peter triumphierend an. »Auf eine Holzoberfläche wurde bemalter Putz aufgetragen, so dass die Tür aussieht, wie die anderen auch, sogar inklusive der künstlichen Holzmaserung auf der Oberfläche. Aber darunter liegt eine echte Struktur, die sich im Laufe der Jahrtausende abgezeichnet hat, weil sich der Putz und das Holz verändert haben!«
»Damit hebt sie sich von den anderen ab«, meinte Peter, »Möglicherweise, weil dies die Tür ist, die wir suchen?«
»Das ist sie bestimmt!«, meinte nun Jason von der Seite her. »Vielleicht ist Ihnen auch aufgefallen, dass Thot diese Scheintür ansieht.«
Peter und Patrick blickten sich um und mussten dem Amerikaner erneut zustimmen. Während die anderen Statuen einen starren und leblosen Eindruck machten, hatte die des Gottes Thot als Einzige einen deutlichen Blick, der sich auf die Tür heftete, die sie gerade untersucht hatten.
»Dann scheint der Fall klar«, sagte Peter. »Das ist die Tür, die wir suchen. Es fragt sich nur noch, wie wir hineinkommen.« Und mit erhobenen Augenbrauen und einem strengen Blick zu Patrick fügte er hinzu: »Ohne sie einzureißen, versteht sich!«
»Ist ja schon gut«, meinte Patrick grinsend. »Bestimmt fällt uns etwas ein. Lassen Sie mal sehen ... eine Klinke oder einen Griff hat sie nicht. Nichts, woran man sie herausziehen könnte. Falls es denn überhaupt eine echte Tür ist, die wie eine Tür funktioniert. Immerhin könnte es auch bloß ein Verschlussblock sein. Falls sich dahinter überhaupt etwas verbirgt, natürlich ... Peter, Jason, sehen Sie hier irgendwo im Raum einen Mechanismus?«
»Einen Mechanismus?«, fragte Peter. »Etwas mit Zahnrädern vielleicht?«
»Nein! Was weiß ich, einen Hebel, einen Stein zum Drücken oder Herausziehen. Irgendetwas, herabrieselnder Sand, der einen Stein aus dem Gleichgewicht bringt, etwas, das rollen oder sich sonst wie bewegen kann.«
»Also Ihre Fantasie möchte ich haben, Patrick«, meinte Peter, sah sich aber trotzdem im Raum um.
»Das haben Sie schon einmal gesagt«, gab Patrick zurück.
»Nein«, korrigierte Peter, »ich sagte das letzte Mal, ich hätte gerne Ihre Zuversicht.«
»Ja, aber meine Fantasie wollten Sie auch schon mal haben, ich bin mir ziemlich sicher.«
»Wenn's nach mir ginge«, mischte sich nun Jason ein, »dann hätte ich gerne Ihre Gelassenheit. Denn ich fürchte, da kommt jemand.«
»Wie bitte?!«, zischte Patrick. »Still!«
Sie verharrten einen Moment reglos und lauschten angestrengt. Dann lief Patrick in einen Seitengang. »Hierher, schnell.
Und Licht aus!«, rief er. Die anderen folgten ihm, stellten sich neben ihn, dann schalteten sie ihre Taschenlampen aus.
Wieder umgab sie Dunkelheit, und wie zuvor machte sich eine Beklemmung in Peter breit. Dieses Mal jedoch war es weniger schlimm, denn er fühlte die Gegenwart der beiden Männer, und was ihn paradoxerweise ebenfalls beruhigte, waren die Schritte, die er in einiger Entfernung hören konnte. Jemand näherte sich.
»Für einen Friedhof ist es ganz schön belebt hier unten«, raunte Patrick.
Sie warteten nicht lange, bis sich der gelbliche Schein einer Lampe an den Wänden zeigte. Kurz darauf tauchte eine Person auf, die eine Öllaterne trug.
Patrick schaltete seine Taschenlampe an und trat hervor.
»Melissa!«, rief er. »Was machst du denn hier?«
Ein trauriges Lächeln huschte über Melissas Gesicht. »Patrick! Oh, es tut mir so leid!«
»Was ... wieso ... ?«
»Bleiben Sie stehen, Monsieur Nevreux!« Eine tiefe Stimme hallte durch das Gewölbe. Dann flammten weitere Taschenlampen auf. »Und Sie dort hinten im Gang, kommen Sie heraus! Wir haben Waffen auf Sie gerichtet.«