Kapitel 14


18. April 1941, Nekropole von Sakkara


Wolfgang Morgen wartete im Dunkeln. Der Engländer war vor wenigen Augenblicken mit seinem Helfer durch einen geheimen Durchgang verschwunden. Ohne Zweifel befand sich dahinter der Schatz. Aber nun musste Morgen Geduld beweisen, bis seine Männer durch die Gänge des unterirdischen Labyrinths zu ihm fanden, damit sie gemeinsam folgen konnten.

Die Minuten zogen sich dahin, krochen förmlich voran, als würden sie durch den Geist der Totenstadt gelähmt. Dunkelheit umgab ihn, und er hatte keine Laterne dabei.

Nach schier unerträglich langer Zeit nahm er endlich einen Lichtschein wahr, und bald hatten die Soldaten zu ihm aufgeschlossen.

Er hielt einen Finger an seine Lippen und deutete auf eine Wand.

»Sie sind dort hineingegangen«, flüsterte er. »Es ist eine Tür, die kräftig eingedrückt werden muss. Los, hinterher!«

»Werden sie uns auf der anderen Seite nicht erwarten?«, gab Rosner zu bedenken.

»Und wenn schon«, erwiderte Morgen. »Wir haben die Waffen. Also auf, wir haben keine Zeit zu verlieren! Wer weiß, wie weit sie sich dahinter bereits entfernt haben!«

Drei der Männer gingen daraufhin zu dem Mauerabschnitt, den Morgen ihnen gezeigt hatte. Es war eine altägyptische Scheintür, wie es mehrere von ihnen in diesem Raum gab. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie einzudrücken, aber als sie Morgens Anweisungen folgten, gab der vermeintliche Stein tatsächlich nach. Mit einigem Drücken gelang es ihnen, den Durchgang zu öffnen, und sie drängten mit gezückten Pistolen hindurch. Morgen folgte ihnen als Letzter.

Der Raum, den sie betraten, war überraschend groß. Und leer. In der Mitte befand sich ein steinerner Sarkophag, aber keine Personen.

»Sie sind nicht hier«, erklärte Rosner.

»Das entscheide ich!«, erwiderte Morgen. »Los, ausschwärmen!«

Die Männer verteilten sich, das Licht ihrer Laternen füllte schließlich den ganzen Raum.

»Hier hinten geht es weiter!«, rief einer der Soldaten, der an einem weiteren Durchgang stand.

Morgen eilte zu ihm und blieb abrupt stehen, als sich ihm ein erstaunlicher Anblick bot. Hinter dem Durchgang befand sich eine weite Halle, deren zahlreiche Säulen bis in gewaltige Höhe ragten und dort in der Dunkelheit verschwanden. Der Boden wies große schwarze Flächen auf, breite Löcher oder vielmehr Schächte, die in regelmäßiger Anordnung im Raum verteilt waren.

»Rein dort und ausleuchten!«, befahl Morgen, und drei der Männer traten an ihm vorbei in den Raum. Morgen folgte ihnen in einigem Abstand, während sie langsam zwischen den Schächten hindurchgingen. Nach und nach brachten ihre Laternen die Tiefe des Saals zum Vorschein, und auf unheimliche Weise schälte sich mit einem Mal der übergroße Schädel einer Sphinx aus der Finsternis, die vom gegenüberliegenden Ende der Halle zu ihnen herübersah.

Plötzlich fiel der Lichtschein auf eine auf dem Boden stehende, verloschene Laterne.

»Stehen bleiben!«, befahl Morgen. Dann suchte er den Raum nach allen Seiten hin mit den Augen ab. Die Säulen und ihre Schatten erzeugten den Eindruck eines steinernen Waldes, der unzählige Verstecke bot.

»Wir wissen, dass Sie hier drin sind!«, rief er auf Englisch. »Kommen Sie heraus, dann wird Ihnen nichts geschehen!«

Seine Stimme hallte trocken von den Wänden und der Decke wider, wie in einer Kathedrale. Aber nichts rührte sich.

»Wir werden den Raum jetzt absuchen!«, rief Morgen. »Schritt für Schritt, und wir werden Sie finden! Kommen Sie also lieber sofort heraus!«

Niemand antwortete ihm. Vielleicht waren die beiden schon gar nicht mehr hier? Gab es noch andere Ausgänge?

»Weiter!«, befahl Morgen seinen Männern.

Kaum setzten sie sich in Bewegung, als sich ein Schatten zwischen den Säulen rührte.

»Dort drüben!«, rief einer der Männer, und im selben Augenblick huschte eine Person hinter die nächste Säule.

Ein Schuss bellte durch den Saal, als einer der Soldaten versuchte, den Mann zu treffen. Die Kugel schlug geräuschvoll in eine Säule.

»Stopp!«, rief Morgen, aber da huschte der Schatten bereits weiter, und ein weiterer Schuss fiel.

Dieser traf sein Ziel mit einer Wucht, die den Kopf der Gestalt zur Seite riss und sie rückwärts taumeln ließ. Dann kippte sie zur Seite, stürzte zu Boden und verschwand in einem der Schächte.

»Sie blödes Arschloch!«, brüllte Morgen den Schützen an. »Mitkommen!« Dann rannten sie los zu dem Schacht.

Eine blutige Spur zeigte sich an der Innenseite einer Schräge, die nach unten führte. Morgen beugte sich hinab und hielt eine Lampe hinein. In mehreren Metern Tiefe sahen sie die Leiche liegen. Es war ein tödlicher Kopfschuss gewesen.

»Was sind Sie bloß für Idioten!«, rief Morgen wütend aus. »Sie schießen gefälligst nur, wenn ich es sage, ist das klar?!«

Die Männer bemühten sich um Haltung. »Jawohl!«, ließen sie etwas betreten vernehmen.

Morgen richtete sich auf. »Sie können von Glück sagen, dass Sie nicht den Engländer, sondern bloß seinen Helfer erwischt haben, sonst würde ich jeden Einzelnen von Ihnen auf der Stelle zur Hölle jagen! Rosner, ich mache Sie dafür verantwortlich, wenn so etwas noch mal passiert. Haben Sie mich verstanden?«

»Ja.«

»Wie bitte?!«

»Jawohl, Herr Doktor Morgen!«

»So, und nun suchen Sie den Engländer. Er muss hier irgendwo sein, also strengen Sie sich verdammt noch mal an!«


11. Oktober 2006, Nekropole von Sakkara


»Treten Sie ganz langsam beiseite, Mister Nevreux«, sagte der Anführer der Sektenmitglieder, der selbst keine Waffe trug, »und rufen Sie Ihre Freunde!«

Patrick machte sich wenig Illusionen über seine Situation, streckte die Hände seitlich von sich und ging vom Durchgang weg. Dann drehte er sich halb nach hinten und rief in die Halle: »Melissa, Jason, Peter, wir haben hier ein Problem! Schätze, Sie sollten herkommen!«

»So, und nun stellen Sie sich an die Wand dort«, zischte der Anführer.

Die anderen kamen nacheinander aus dem Durchgang und erkannten die Lage.

»Ich weiß nicht, was Sie hiermit bezwecken«, sagte Peter, als sie sich an die Wand stellten.

»Stellen Sie sich nicht dümmer an, als Sie sind, Professor! Wir wollen das Archiv des Wissens, das Sie suchen. Die Weisheit, von der die Tabula Smaragdina erzählt, das Wissen des Allsehenden Auges. Und Sie werden uns dorthin führen! Wir sind kurz davor, eine ... «

Weiter kam er nicht, als ein lauter Knall ertönte.

Alle zuckten erschrocken zusammen, die Sektenmitglieder erkannten, dass ihre vier Gefangenen mit großen Augen etwas anstarrten und drehten sich hektisch um.

Hinter ihnen stand ein halbes Dutzend Männer, keine Sektenbrüder, keine Uniformierten oder Soldaten. Sie sahen eher aus wie moderne Geschäftsleute auf Abenteuerfahrt. Weniger harmlos als ihr Aussehen waren allerdings die Maschinenpistolen, die einige von ihnen auf sie gerichtet hatten. Einer hatte offenbar in die Luft geschossen, um auf sich aufmerksam zu machen.

Die Sektierer waren vollkommen verunsichert, einer wies mit seiner Pistole nervös von einem Eindringling zum nächsten, ein anderer senkte seine Waffe unentschlossen.

Patrick beobachtete, dass hinter den Männern ein Stück der Wand geöffnet war. Ein anderes als das, durch das sie selbst diesen Raum gefunden hatten. Ganz offensichtlich bargen das Labyrinth und diese Grabanlage noch einige Überraschungen. In diesem Augenblick beugte sich Jason zu ihm.

»Zu den Säulen!«, flüsterte er, »die Halle der Aufzeichnungen liegt unter der Sphinx!«

»Was ist hier los?«, verlangte nun der Anführer der Sektenmitglieder zu wissen, der sich von seinen Kollegen gelöst hatte und einen Schritt vorgetreten war.

Einer der Fremden, leicht dunkelhäutig und mit einem dichten Schnurrbart, antwortete: »Wir sind Thot Wehem Ankh Neb Seshtau! Dies ist das Gebiet von Thot, dem wiedergeborenen Herrn der Geheimnisse. Wir schützen das Grab Imhoteps und sein verborgenes Wissen. Fremde haben hier nichts zu suchen!«

»Es ist Thot!«, wiederholte einer der Robenträger ehrfürchtig.

Patrick beugte sich derweil leicht zu Jason.

»Auf mein Zeichen«, zischte er, »hinter die Säulen. Sag es weiter!«

Jason nickte fast unmerklich, und während die Sektierer mit den Thot-Anhängern bedeutungsvolle Warnungen austauschten, sah Patrick, dass seine Anweisungen bei Peter und Melissa angekommen waren.

»Ihr habt kein Recht, uns von diesem Ort fernzuhalten!«, erklärte der Sektenanführer gerade. »Dieses Wissen ist für uns ebenso gedacht wie für alle anderen Menschen!«

»Nein, das ist es nicht!«, donnerte der Ägypter. »Wie könnt ihr es wagen, unser Erbe zu beanspruchen!«

Während sich die Auseinandersetzung zuspitzte, gewannen die Robenträger deutlich an Entschlossenheit. Die anfängliche Überraschung war einem trotzigen Beharren gewichen.

Patrick ergriff die Chance und gab Jason das Signal. Peter und Melissa, die ihre Augen auf den Franzosen gerichtet hatten, reagierten, noch bevor Jason ihnen Bescheid geben konnte. Fast gleichzeitig rannten die vier los und stürmten zurück in die Halle.

»Stehen bleiben!«, rief einer der Thot-Anhänger, und augenblicklich feuerte er eine kurze Salve von Schüssen durch den Raum. Einige Kugeln fanden ihren Weg in die Halle und pfiffen als Querschläger zwischen den Säulen umher.

Nun reagierten auch die Robenträger, wandten sich um und wollten ebenfalls in die Halle laufen. Nach wenigen Metern wurde einer von ihnen von einem Schuss niedergestreckt und schlug der Länge nach auf den Boden.

Peter, Melissa, Jason und Patrick hörten das Feuern hinter sich und hasteten durch die Halle, bemüht, im Sichtschutz der Säulen zu bleiben und dabei nicht in die Schächte zu stürzen. »Wohin?«, fragte Patrick gehetzt.

»Die Sphinx!«, rief Jason.

Gemeinsam liefen sie weiter, als hinter ihnen die Menschen in die Halle strömten. Wieder ertönten Schüsse, dieses Mal aus verschiedenen Waffen, denn die übrigen Robenträger hatten sich nun ebenfalls hinter Säulen versteckt und erwiderten das Feuer auf die Thot-Anhänger.

Peter und Melissa waren bis zur letzten Säule vor der Sphinx vorgedrungen und hielten sich dort versteckt. Patrick war noch ein Stück entfernt und bemühte sich, zu Jason aufzuschließen, den er vor sich gesehen hatte.

Das Licht in der Halle war mehr als spärlich. Die Robenträger in der Nähe des Eingangs hatten ihre Lampen auf den Boden fallen lassen, die nun dort entlangrollten und nur noch flache Lichtkegel erzeugten, die auf Knöchelhöhe an die Wände strahlten. Jason und Patrick hatten ihre Lampen wohlweislich ausgeschaltet, so dass sie im hinteren Teil der Halle nicht auszumachen waren. Einzig die Thot-Anhänger bemühten sich, die Dunkelheit auszuleuchten. Durch das Mündungsfeuer gaben sie ihre Position ohnehin preis, also verwendeten sie die Lampen, um die Sektierer immer wieder anzustrahlen und zu blenden.

Patrick erreichte Jason hinter einer Säule.

»Was jetzt?!«, fragte er. »Wir kommen hier nicht raus!«

»Doch«, erwiderte Jason atemlos. »Es ist überliefert, dass der Zugang zur Halle des Wissens unter den Pfoten der Sphinx liegt. Und es muss diese Sphinx gemeint sein! Wir müssen in einen der Schä ... «

Sein Kopf machte eine unnatürlich ruckartige Bewegung zur Seite. Eine Kugel hatte ihn direkt in den Hals getroffen. Eine große Menge Blut quoll hervor.

Jason griff sich röchelnd an die Kehle und sackte auf die Knie.

Patrick beugte sich über ihn, zerrte ihn ein Stück beiseite, so dass sie im Schutz der Säule waren.

»Jason! Es wird alles gut! Wir helfen Ihnen hier raus!«

Der Amerikaner sank weiter in sich zusammen und gab unartikulierte Laute von sich. Als er am Boden lag, kniete Patrick sich hin, um seinen Kopf zu halten.

»Es wird gut, keine Sorge ... «, sagte der Franzose, und versuchte, seine Hand fest auf die glitschige und pulsierende Wunde zu pressen. Ihm war klar, dass der Mann keine Überlebenschance hatte. Eine Seite seines Halses war vollkommen aufgerissen, und aus der Halsschlagader schoss das Blut in heftigen Stößen heraus.

»Pfote ... «, brachte Jason hervor.

»Nicht sprechen«, beruhigte Patrick ihn, und ein ohnmächtiger Zorn brannte in ihm auf.

»Rechte ... Pfote ... «, wiederholte Jason und bäumte sich auf, als sei es das Wichtigste, was er zu sagen hätte. Dann entwich sämtliche Kraft aus ihm, und er sackte in sich zusammen.

»Verdammter Mist ... « Patrick ließ Jasons Kopf auf den Boden gleiten und richtete sich wieder auf. »So eine Scheiße!«, schrie er und schlug mit der Hand gegen eine Säule. Dann sah er sich um. Noch immer wurde geschossen, inzwischen in größeren Abständen, die Kontrahenten schienen sich in ihren Stellungen zu belagern. Auf ihn und die anderen wurde gar nicht geachtet, und auch Jason war offensichtlich zufällig getroffen worden – was seinen Tod nur umso tragischer machte. Peter und Melissa mussten sich etwa zwei Säulen von ihm entfernt befinden, wenn sie in der Zwischenzeit ihre Deckung nicht verlassen hatten. Patrick lief los, und unmittelbar darauf hallten wieder Schüsse durch den Saal. Mit einem großen Satz erreichte er die nächste Säule und fand Deckung.

Er wartete einen Augenblick, dann rannte er weiter zur Säule, hinter der Melissa und Peter sich verbargen.

»Peter! Melissa!«, keuchte Patrick. »Wir müssen durch einen der Schächte fliehen!«

»Wo ist Jason?«, fragte Melissa.

»Er ist getroffen worden. Hatte keine Chance mehr.«

»O nein!« Melissas Augen weiteten sich. »Das kann nicht sein!«

»Leider doch. Wir müssen ihn liegen lassen. Und jetzt weg hier!«

»Sind Sie sicher, dass die Schächte eine gute Idee sind?«, fragte Peter.

»Ich habe keine bessere. Da unten sind Höhlen, und man kann Wasser hören. Jason sagte, die Halle der Aufzeichnungen, was auch immer das ist, befände sich unter der rechten Pfote der Sphinx!«

»Ja«, sagte Peter nachdenklich, »das hat er mir auch schon mal erzählt. Scheint eine dieser Legenden zu sein, wie die Tabula Smaragdina ... «

» ... die ja auch existiert hat!«, vollendete Patrick die Überlegung. »Wir müssen es versuchen, und zwar schnell!« Er deutete in Richtung der Sphinx. »Den dort. Es ist der einzige Schacht, auf den die Beschreibung zutreffen würde!«

»Wer geht zuerst?«, fragte Melissa.

»Ich!«, erklärte Patrick. »Und wenn es sicher ist, rufe ich. Falls nicht, müsst ihr euch den Spinnern dahinten ergeben. Möglichst vorsichtig, so dass sie euch nicht auch noch aus Versehen über den Haufen schießen.«

Und mit diesen Worten verließ er die Deckung der Säule, eilte zu dem Loch im Boden, setzte sich auf den Rand, so dass seine Beine auf die schräge Wand stießen, und dann ließ er sich hinuntergleiten.

Peter und Melissa beobachteten, wie Patricks dunkle Silhouette im Boden verschwand. Sie befanden sich hier so weit von den Lichtern der Sektenmitglieder und den Thot-Anhängern entfernt, dass kaum etwas zu erkennen war.

Sie warteten etwa eine halbe Minute, dann eilten sie ebenfalls zu dem Schacht und beugten sich darüber. Gerade peitschten wieder Schüsse durch das steinerne Gewölbe, und ein etwaiges Rauschen wie von Wasser, das Patrick erwähnt hatte, war nicht auszumachen. Aber eine Stimme.

» ... unten! ... ihr da?«

»Es ist Patrick!«, rief Melissa. »Es hat geklappt!«

» ... kommen! Hört ihr? ... klar hier unten!«

»Los, Peter«, sagte Melissa jetzt und legte ihre Hand auf die Schulter des Professors. »Jetzt Sie. Vorsichtig!«

Peter nickte, setzte sich zögerlich auf den Rand und rutschte dann die Schräge hinab. Als er in der Dunkelheit verschwunden war, folgte ihm Melissa.

Es war ein Sturz in den Abgrund.

Die Schräge, die der Schacht bildete, war glatt poliert und so geneigt, dass Melissa nicht ins Bodenlose fiel, sondern wie auf einer Rutsche nach unten glitt. Es ging schnell, zu schnell, ohne eine Möglichkeit abzubremsen. Wenn eine Kurve käme, würde sie hilflos gegen die Seite geschleudert werden. Jederzeit könnte eine Wand oder ein Vorsprung vor ihr auftauchen, etwas, das ihr ins Gesicht schlug.

Aber es kam keine Wand. Stattdessen rutschte sie immer tiefer, bis die Rutsche flacher zu werden schien und aus der Dunkelheit so etwas wie ein Lichtfleck auf sie zukam. Sekunden später endete die Rutsche abrupt, Melissa stolperte nach vorn und landete in den Armen von Patrick.

»Willkommen!«, sagte er und grinste.

Neben ihm stand Peter und sah sich um. Sie folgte seinem Blick, und als Patrick sich ebenfalls umwandte und den Strahl seiner Taschenlampe herumwandern ließ, staunte sie.

Sie befanden sich in einer Kaverne tief unter Sakkara. Es war ein natürliches Gewölbe, eine gewaltige, längliche Blase im Gestein, die sich hier vor ihnen ausdehnte und in der völligen Dunkelheit verschwand. Direkt vor ihnen verlief, glitzernd und unwirklich im Licht der Lampe, das schwarze Band eines Wasserkanals. Er war einige Meter breit und führte der Länge nach durch die Höhle.

Sie standen auf einem schmalen Sims. Direkt vor ihren Füßen drang das Wasser in einem steten und rauschenden Strom aus dem Stein. Wenige Schritte hinter ihnen lag eine solide Felswand, aus der die Tunnelrutsche hervorkam, durch die sie gekommen waren. Etwas weiter entfernt, ebenfalls in der Wand, aber in mehreren Metern Höhe, erkannten sie drei weitere Öffnungen, die vielleicht ebenfalls mit der Säulenhalle über ihnen verbunden waren. Doch wer auch immer einen dieser Wege genommen hätte, wäre von dort in die Tiefe gestürzt und hätte unweigerlich den Tod gefunden, denn unterhalb der anderen Röhren ragten steinerne Spieße auf, armdick, einen Meter lang und spitz zulaufend. Die skelettierte Leiche eines Mannes stak dort, von den Pfählen durchbohrt und mit ausgestreckten Gliedmaßen.

»Meine Güte!«, stieß Melissa hervor. »Wie viele Menschen waren vor uns schon hier?!«

Patrick ging näher an die Leiche heran und beleuchtete sie. Durch die Feuchtigkeit in der Kaverne war sie nicht mumifiziert, sondern weitestgehend verfault. Es schien ein Mann gewesen zu sein, Reste westlicher Kleidung waren zu erkennen, wie sie vor mindestens fünfzig Jahren modern gewesen sein mochten.

»Vielleicht war er ein Tourist«, sagte Peter. »Oder ein Archäologe? Jemand, der irgendwie die Grabkammer gefunden hat und aus Versehen durch einen der Schächte gefallen ist.«

»Ganz offensichtlich gab es ja mehr als nur einen Zugang zu der Grabkammer, wie wir gemerkt haben«, sagte Patrick. »Aber an einen Touristen glaube ich nicht. Und ein harmloser Archäologe war das auch nicht.«

»Wie kommen Sie darauf?«, fragte Peter. »Oder meinen Sie, wegen des Erschossenen, den wir oben schon gefunden hatten?«

»Nicht nur deswegen ... « Der Strahl der Taschenlampe zuckte zur Seite, so dass eine Waffe sichtbar wurde, die neben dem Toten auf dem Boden lag. »Sondern deswegen! Wissen Sie, was das ist?«, sagte er an Peter gewandt.

»Eine Pistole?«

»Nicht irgendeine, Peter. Das hier ist eine Walther P38. Eine Waffe der Nazis aus dem Zweiten Weltkrieg!«

»Nazis? Sind Sie sicher? Dann läge dieser Mann schon seit über sechzig Jahren hier!« Peter runzelte die Stirn. »Das scheint mir kaum möglich, wie sollte er hierhergekommen sein? Ägypten befand sich damals quasi unter britischem Protektorat! Nun ja, inoffiziell jedenfalls, und Montgomery hat Rommel damals zurückgedrängt. Die Deutschen sind nie bis nach Alexandria oder Kairo vorgedrungen.«

»Nun, mindestens einer scheint es geschafft zu haben«, bemerkte Patrick.

»Andererseits«, überlegte Peter, »ist bekannt, dass die Nazis überall auf der Welt nach Relikten und historischen Wurzeln suchten. Sie nannten das Projekt ›Ahnenerbe‹ und versuchten, die Abstammung und die angebliche Überlegenheit der arischen Rasse archäologisch und anthropologisch zu beweisen. Größenwahnsinniger Unfug, aber gut denkbar, dass sie aus ebensolchen Gründen auch auf der Spur der Ägypter waren. Immerhin war auch die Tabula Smaragdina mit einem Hakenkreuz versehen!«

»Was aber nicht erklärt, wie er es hierhergeschafft hat, durch die Truppenlinien hindurch, mitten im Krieg«, meinte Patrick.

»Und wenn es so war«, fügte Melissa hinzu, »dann wäre er dabei sicher nicht allein gewesen.«

»In der Tat«, sagte Peter, »da haben Sie wohl recht.«

»Vielleicht stoßen wir ja noch auf weitere Überraschungen hier unten!«, meinte Patrick.

»Nun, das möchte ich nicht hoffen!«, entgegnete Peter. »Und da wir schon bei Überraschungen sind, sollten wir uns vermutlich beeilen, diesen Ort zu verlassen, bevor uns von dort oben jemand folgt.«

Patrick leuchtete nun wieder in das Gewölbe. »Es stellt sich nur die Frage, wie wir hier wieder herauskommen.«

»Meinen Sie, die Leute folgen uns?«, fragte Peter.

»Schwer zu sagen«, meinte Patrick. »Eine Weile sind die wohl noch beschäftigt, aber sie machten mir alle nicht den Eindruck, als würden sie leicht aufgeben. Wer auch immer übrig bleibt, wird sich sicher Gedanken darüber machen, wo wir abgeblieben sind.«

»Was waren das für Leute, die sich da als Thot-Anhänger ausgegeben haben?«, fragte Peter. »Melissa, haben Sie einen davon irgendwoher wiedererkannt?«

»Nein«, sagte Melissa. »Ich habe es Patrick schon einmal erzählt: Über diese Gruppierung ist so gut wie nichts bekannt, niemand weiß, wer dahintersteckt. Es könnten irgendwelche Geschäftsleute sein oder Mitglieder einflussreicher ägyptischer Familien. Und die Leute vorhin habe ich noch nie gesehen. Aber nach allem, war Patrick mir erzählt hat, waren sie ja bisher wenig zimperlich. Wenn sie tatsächlich irgendetwas hier unten beschützen, dann werden sie uns wohl kaum laufen lassen.«

»Es sei denn«, warf Peter ein, »sie wüssten, dass es keinen Ausweg mehr für uns gibt.«

»Nun malen Sie mal nicht den Teufel an die Wand!«, sagte Patrick. »Wir finden schon einen Weg, keine Sorge.«

»Ich muss Ihnen übrigens wieder einmal recht geben«, sagte Peter. »Es ist überraschend kalt hier unten.« Er knotete seinen Pullover los. Dann bot er ihn Melissa an. »Melissa, frieren Sie nicht? Sie können meinen Pullover haben.«

»Vielen Dank, Professor«, antwortete sie und deutete auf ihre Jacke. »Aber das hier ist vollkommen ausreichend.«

Also zog Peter ihn sich selbst über, und Patrick tat es ihm gleich. Dann leuchtete er den Kanal entlang und durch das Gewölbe vor ihnen. Es zeigte sich, dass der Vorsprung, auf dem sie standen, rechts von ihnen am Rand des Wasser entlang weiterführte, und sie entschieden sich, diesen Weg zu nehmen. Patrick ging voraus und erhellte den Weg. Die anderen folgten ihm.

»Verdammt, ich hätte daran denken sollen, Jason die zweite Taschenlampe abzunehmen«, sagte Patrick. »Dann könnten wir deutlich mehr sehen.«

»Was glauben Sie, wie dieser Kanal entstanden ist?«, fragte Peter.

»Keine Ahnung. Aber so wie es aussieht, ist er künstlich angelegt worden. Das Wasser kommt sicher vom Nil, vielleicht fließt es durch ganz Sakkara. Möglich, dass es einmal als Trinkwasser gedient hat.«

»Als Trinkwasser?«, fragte Melissa. »Für eine Totenstadt?«

»So ungewöhnlich ist der Gedanke nicht«, überlegte Peter. »Die Jenseitsvorstellungen der Ägypter beruhten schließlich darauf, dass die Gestorbenen weiterleben würden. Daher wurden sie für das Leben im Jenseits konserviert und mit allen weltlichen Dingen, die sie benötigen, beerdigt. Die Totenbücher, mit denen die Grabkammern beschriftet wurden, geben ja auch ausdrückliche Anleitungen für das Überwinden der Unterwelt. Und dort spielt der Fluss durch die Unterwelt eine besondere Rolle.«

»Dann könnte der Kanal genau genommen diesen Fluss symbolisieren«, sagte Melissa.

»Ja, das könnte er. Eine interessante Idee!«

»Ich störe euch ungern«, sagte Patrick, »aber ich fürchte, hier gibt es ein Problem.« Sie waren dem Weg ein gutes Stück gefolgt, als er nun stehen blieb und mit der Lampe auf eine gewaltige Steinplatte leuchtete, die direkt vor ihnen lag. Sie war einen halben Meter dick, wog sicherlich eine Tonne und war offensichtlich aus der Wand zu ihrer Rechten gekippt und quer über den schmalen Sims gefallen, dem sie folgten. Aber es war kein bloßer Steinschlag, kein natürlicher Einsturz. In der Wand war eine Nische zu sehen, in der die Platte einmal gestanden hatte. Etwas hatte sie aus ihrer Verankerung gelöst. Unter dem Stein ragte der skelettierte Unterleib eines Menschen hervor, der von der Wucht erschlagen worden war.

»Das sieht mir nicht nach einem Zufall aus«, bemerkte Peter.

»Nein, wohl kaum«, sagte Patrick. »Es war eine Falle!«

»Wieder ein Deutscher?«, fragte Melissa.

»Der Kleidung nach zu urteilen, könnte er zu dem aufgespießten Kameraden von vorhin gehört haben«, sagte Patrick und beleuchtete erst die Leiche und dann die nähere Umgebung des Steins. »Sehen Sie, dort: eine Art primitiver Mechanismus! Das Wasser hat anscheinend noch eine andere Funktion. Es fließt auch unter diesem Sims entlang und hält bestimmte Teile des Bodens im Gleichgewicht. Bei der kleinsten Störung gerät die Konstruktion in Schwingung, der Impuls pflanzt sich fort, und der Fels kippt aus der Nische. Sehen Sie die Schräge dort in der Wand? Der Klotz hatte mit Sicherheit von Anfang an ein so großes Übergewicht, dass eine Kleinigkeit ausreichte, um ihn kippen zu lassen! Eine teuflisch gute Falle.«

»Ich möchte ja nicht schon wieder schwarzmalen«, sagte Peter mit einem unruhigen Blick auf den Boden unter ihnen, »aber sollten wir uns dann nicht lieber von diesem Sims fernhalten?«

»Tja, sieht wohl ganz so aus«, überlegte Patrick.

»Vielleicht sollten wir durch das Wasser gehen«, sagte Melissa.

»Durch das Wasser?«

»Nun ja, schließlich berichten die Unterweltsbücher von der Reise über den Fluss der Unterwelt«, erklärte sie. »Ich meine, wenn wir schon eine Unterwelt und einen Fluss finden, dann sollten wir uns vielleicht auch an die Anweisungen halten. Wir haben zwar keine Sonnenbarke, aber ... na ja, was meinen Sie, Peter?«

»Es klingt logisch«, sagte er. »Und eine bessere Idee habe ich auch nicht. Wir sollten es versuchen, denke ich. Vorausgesetzt, das Wasser ist nicht zu tief.«

Patrick leuchtete in den Kanal. Das Wasser floss verhältnismäßig schnell, und die Oberfläche erzeugte glitzernde Spiegelungen, aber wenn er den Lichtstrahl fast senkrecht hineinlenkte, war der darunterliegende Steinboden zu sehen.

»Knietief, würde ich schätzen«, meinte Patrick. »Und da wollen Sie jetzt wirklich hinein, Peter?«

»Schlimmer, als von einem Menhir erschlagen zu werden, kann es wohl kaum sein. Ich fürchte allerdings, dass ich meine Schuhe danach wegwerfen kann.« Mit diesen Worten setzte er sich auf den Rand des Simses und ließ dann seine Beine in das Wasser gleiten. Tatsächlich reichte ihm das Wasser bis zum Oberschenkel. »Kalt«, sagte er. »Aber es geht. Los, kommen Sie.«

Patrick und Melissa folgten ihm.

Sie gingen in Fließrichtung weiter, Patrick vorneweg, Melissa und Peter hinterher. Der Boden war sehr glatt, und durch die Strömung bestand ständig die Gefahr auszurutschen. Der unterirdische Fluss beschrieb sanfte Biegungen, und die Umgebung änderte sich kaum merklich. Die Wände schienen etwas näher zu rücken, der Weg zu ihrer Rechten wurde schmaler, und die Decke senkte sich allmählich herab. Als sie etwa einen Kilometer vorangekommen waren, fiel ihnen auf, dass sich der Wasserspiegel um einige Zentimeter gehoben hatte.

»Eine dumme Sache«, sagte Patrick, »der Kanal ist hier weniger breit und dafür tiefer. Ich hoffe, das geht so nicht weiter, sonst müssen wir irgendwann schwimmen.«

»Ich möchte ohnehin bald wieder hier raus«, sagte Peter. »Meinen Sie, dass es wieder sicher wäre, auf dem Sims zu laufen?«

»Also, ich würde nicht meinen Arsch darauf verwetten«, gab Patrick zurück. »Aber wenn Sie es ausprobieren möchten, dann gern.«

Sie folgten dem Fluss weitere zehn Minuten, während das Wasser immer weiter anstieg. Nun war es fast hüfthoch, und es wurde zunehmend schwieriger, vorwärtszukommen. Ein Fehltritt wäre folgenschwer gewesen, denn zugleich hatte die Strömung zugenommen und drohte, sie mitzureißen.

Plötzlich erreichten sie das Ende des Gewölbes. Wie schon in der Säulenhalle zuvor, schälte sich eine Form aus der Dunkelheit, als das Licht der Taschenlampe auf eine steinerne Skulptur traf, die sich aus der Wand direkt vor ihnen erhob. Aber dieses Mal war es keine Sphinx, sondern der überdimensionale Kopf einer gewaltigen Schlange.

»Apophis!«, rief Peter aus, und im selben Augenblick, rutschte eines seiner Beine weg. Er versuchte, sich an Melissa festzuhalten, glitt aber ab und stürzte. Das Wasser schlug über ihm zusammen. Er richtete sich schnell wieder auf, und brachte seinen Kopf an die Oberfläche, aber während er verzweifelt versuchte, Halt auf der glatten Fläche des Bodens zu finden, schob ihn die Strömung bereits weiter, auf die Wand zu, die vor ihnen das Gewölbe abschloss.

»Peter!« Patrick schrie auf und hastete hinter ihm her. Da die Strömung immer stärker wurde, und das Wasser nicht einfach an der Wand Halt machte, gab es nur eine Erklärung: Es musste dort unter dem Fels hindurchfließen oder in eine tiefer gelegene Höhle stürzen.

Patrick stapfte so schnell es ging durch das hohe Wasser, bei jedem Schritt wurde er ein Stück geschoben, und er hoffte, dass nicht auch er noch den Boden unter den Füßen verlor.

Peter trieb weiter den Kanal hinab, und Patrick erkannte, dass den Professor allmählich die Kräfte verließen und er unweigerlich fortgerissen werden würde, wenn es ihm nicht gelang, zu ihm aufzuschließen.

Wenige Meter vor der Schlange erreichte Patrick seinen Kollegen, packte seine Hand und hielt ihn fest, indem er sich nach hinten lehnte und gegen das Wasser stemmte.

Peter gelang es, seine Beine anzuziehen, die Füße auf den Boden zu setzen und prustend aufzustehen.

»Danke!«, sagte er schließlich mit einem erschöpften Seufzen und strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht. »Wie oft wollen Sie mir eigentlich noch das Leben retten?«

»So oft wie nötig, alter Freund!«, sagte Patrick und lächelte erleichtert. Dann drehte er sich zu Melissa um. »Hier geht es nicht weiter! Wir müssen zum Sims hinüber.« Er ging auf das Ufer zu.

»Und die Fallen?«, fragte Peter, der ihm vorsichtig folgte, um nicht noch einmal auszurutschen.

Patrick hatte das Ufer erreicht und ließ den Lichtkegel seiner Taschenlampe langsam über die Steine gleiten, während er sie mit kritischen Blicken untersuchte. »Der Fels hier scheint stabil zu sein. Keine Höhlungen, keine Nähte oder einzelne Platten.« Dann stützte er sich auf die Kante und stieg aus dem Wasser. Er reichte Peter eine Hand und half ihm ebenfalls hinauf. Melissa folgte ihnen.

Peter schlang zitternd die Arme um seinen Oberkörper.

»Sie müssen unbedingt die nassen Sachen ausziehen, Professor«, sagte Melissa besorgt.

Patrick zog seinen Pullover aus und reichte ihn an den Engländer. »Hier, bitte. Wäre ja ärgerlich, wenn wir hier lebend rauskommen und Sie stattdessen an einer Lungenentzündung sterben.«

»Ja, sehr ärgerlich«, stimmte Peter zu und zog sich um. Seinen eigenen Pullover und sein Hemd betrachtete er eine Weile unentschlossen, dann ließ er beides auf den Boden fallen. Gegen die nassen Schuhe und Hosen, die sich kalt an ihren Beinen festsaugten, ließ sich vorerst jedoch nichts tun.

»Tja«, sagte Patrick schließlich, »das mit der Fahrt über den Fluss der Unterwelt hat sich jetzt wohl erledigt.«

»Nicht unbedingt«, sagte Melissa. »Sehen Sie, die Unterweltsbücher raten einem nicht dazu, sich vom Fluss oder von Apophis verschlingen zu lassen.« Sie deutete zu dem steinernen Schlangenkopf hinauf, der sich grimmig über ihnen erhob. »Vielmehr geht es ja darum, Apophis zu überwinden. Patrick, leuchte mal den Felsen ab, ich vermute, dass es dort einen Weg gibt. Jedenfalls wäre das logisch.«

»Logisch?«, gab Patrick amüsiert zurück. »Jetzt klingst du ja schon wie Peter!« Er lenkte den Strahl der Taschenlampe zum Schädel der Schlange und tatsächlich: der Kragen des abgeflachten Kopfes war so ausgearbeitet, dass man ihn, einer Treppe gleich, hinaufsteigen konnte. Was dort oben lag, war von unten nicht auszumachen, da der Kopf der Schlange sich zu weit nach vorn neigte.

»Heißer Tipp, Melissa!«, sagte Patrick. »Einen Versuch ist es wert, würde ich sagen. Wartet ihr hier unten, ich klettere rauf und sehe nach. Peter, nehmen Sie die Lampe, und leuchten Sie mir den Weg.«

Kurz darauf war er auch schon unterwegs. Peter bemühte sich, den Schein der Lampe so zu lenken, dass Patrick sehen konnte, wohin er trat. Allerdings gelang es ihm nicht, den Bereich oberhalb des Schlangenkopfes auszuleuchten. Patrick verschwand dort für einen Moment und tauchte dann wieder auf und winkte.

»Volltreffer! Hier ist ein Gang! Los, kommt rauf!«

Nun kletterte Melissa ebenfalls nach oben, gefolgt von Peter. Die Stufen waren sehr schmal und führten direkt an der Mauer entlang nach oben. Mit Unbehagen schweifte Peters Blick in die bodenlose Schwärze, die sie unter sich ließen. Er hielt sich so eng es ging an die Wand und bemühte sich, jeden Gedanken an einen Sturz zu verdrängen. Mit der Lampe in der linken Hand erhellte er Melissas und seinen Weg.

Auf dem Hinterkopf der riesenhaften Statue angekommen, verbreiterten sich die Stufen, bildeten eine kleine Plattform und endeten vor einem Tunneleingang, etwas mehr als mannshoch, der in die Wand führte.

Patrick wandte sich gerade an Peter, um ihn um die Taschenlampe zu bitten, als er stutzte.

»Machen Sie sie aus, schnell!«, forderte er dann, und als Peter seinem Wunsch folgte und sie in Dunkelheit versanken, blieb er einen Moment lang still. Schließlich sagte er: »Sehen Sie dort, in der Ferne!«

Peter und Melissa wandten ihren Blick in die Richtung, aus der sie gekommen waren, in jenen Teil der Finsternis, in dem sie den Kanal vermuteten. Und tatsächlich: Dort war ein Schimmer auszumachen, das Wasser glitzerte ganz schwach, als befänden sich hinter der nächsten Biegung Lichter.

»Verdammt!«, zischte Patrick. »Sie kommen. Jetzt aber nichts wie weg hier! Los, Peter, leuchten Sie uns den Weg durch den Tunnel.«

Peter schaltete die Lampe ein und ging in den Gang. Melissa und Patrick folgten unmittelbar darauf.

Es war ein grob behauener und schmuckloser Tunnel, der sich durch die Dunkelheit zog. Sie folgten seinen Windungen und Absätzen, unsicher, wo er sie hinführen würde. Einmal kamen sie an eine Abzweigung, nur um festzustellen, dass es lediglich eine kleine Gabelung war, die wenige Meter dahinter wieder zusammenlief. Der Gang wirkte mehr und mehr wie ein natürlicher Stollen. Der Boden bekam eine glänzende, fast rutschig-glatte Beschaffenheit. Als Peter die Wände berührte, merkte er, dass sie nicht nur kalt, sondern feucht waren. Längst schon machte der Weg nicht mehr den Eindruck eines ägyptischen Grabkomplexes in der Wüste, sondern vielmehr ...

Er konnte den Gedanken nicht zu Ende führen, als sie um eine Biegung des Tunnels traten und unvermittelt am Rand einer riesigen Kaverne standen, die sich um viele Meter nach oben und nach unten hin erweiterte. Es war eine gigantische Tropfsteinhöhle.

Atemlos blieben sie stehen. Melissa ergriff Patricks Hand.

»Unfassbar!«, entfuhr es Peter. »Das ist überwältigend!«

Der Schein der Lampe wanderte an marmorweißen Stalagmiten empor, glatt und mit polierten Rillen versehen. Von der Decke hingen versteinerte, goldene Vorhänge, die im Wind zu wehen schienen, doch für alle Ewigkeit erstarrt waren. Daneben befanden sich hauchfeine weiße Fäden, die wie ein Gespinst von der Decke hingen. Rostrote und fast schwarze Stalaktiten bildeten organisch anmutende Säulen, die sich von der Decke bis auf den zehn Meter tiefer liegenden Boden erstreckten. Und dort unten wuchs ein weißgelb glänzender Berg aus zahllosen Tropfsteinen empor, einer monumentalen Orgel gleich, die einen unhörbar langsamen Choral für eine andere Wirklichkeit spielte.

»Das muss ja über viele Jahrtausende in einem völlig anderen Klima entstanden sein«, sagte Peter ergriffen. »Und noch immer hält sich hier Feuchtigkeit ... Was für eine Sensation! Patrick, wir haben eine wahrhaftige Tropfsteinhöhle in der Wüste gefunden. Dann stammt das Artefakt, das uns Oliver Guardner in Hamburg gab, tatsächlich aus Sakkara! Wir sind auf der richtigen Spur.«

»Ja, so sieht's aus«, sagte Patrick, »aber wir werden immer noch verfolgt und sollten uns beeilen, dass wir unser Ziel auch erreichen.«

»Ja, natürlich!« Peter nickte und suchte mit dem Schein der Lampe die nähere Umgebung ab. Sie entdeckten eine Passage, die sie weiterführte, an der kathedralenartigen Halle vorbei und in einen neuerlichen Tunnel.

Der Gang wand sich eher zufällig durch ein Labyrinth von Grotten, immer wieder versperrten mächtige Stalaktiten den Weg, so dass sie sich durch schmale Spalten zwängen mussten, ein anderes Mal wurde der Tunnel so niedrig, dass sie nur gebückt vorwärtskamen. Lediglich der verhältnismäßig ebene Boden ließ vermuten, dass sie sich tatsächlich auf einem Pfad mit unbekanntem Ziel befanden.

Sie folgten ihrem Weg, bis sie an eine erste Abzweigung gelangten. Der Gang war hier etwas breiter, und im Schein der Lampe entdeckte Melissa eine Höhlung zu ihrer Linken. Der Fußboden dort war auf dieselbe Weise geebnet wie vor ihnen. Es war der einzige Hinweis, dass auch dies ein gangbarer Weg sein könnte. Sie entschieden sich dennoch, weiter geradeaus zu gehen, und versuchten, sich die Stelle einzuprägen, falls sie hierher zurückkommen mussten, um sich dann anders zu entscheiden.

Ihre Reise wurde immer beschwerlicher. Sie befanden sich nun schon mehrere Stunden unter der Erde. Es war spät, die Kälte ihrer nassen Kleidung zehrte an ihnen, und ihre Kräfte wichen einer körperlichen Mattigkeit. Bald schon hatten sie keine bewundernden Blicke für die wundersame Umgebung mehr übrig, sondern konzentrierten sich einzig auf ihre Schritte. Immer öfter mussten sie rutschige Tropfsteinkissen überwinden, sich an Stalaktiten vorbeidrängen, oder dicht an überhängende Wände gepresst, schmale Simse überqueren. Mehrfach fanden sie ähnlich geartete Gabelungen wie zuvor, doch jedes Mal entschieden sie sich, auf dem Hauptweg zu bleiben. Wenngleich sie sich mutmaßlich immer weiter von ihrem Einstieg in die Gewölbe der Totenstadt entfernten, hofften sie doch darauf, dass es am Ende des breitesten Weges einen anderen Ausgang gab. Dabei setzten sie die ganze Zeit voraus, dass es sich tatsächlich um einen Weg handelte, während es prinzipiell ebenso gut möglich war, dass die natürlichen Formen der Tropfsteinkavernen ihnen lediglich einen Streich spielten. Aber niemand sprach diesen Gedanken aus.

Schließlich erweiterte sich der Gang zu einer geräumigen Höhle, größer als jede andere, die sie passiert hatten, seit sie an der Kathedrale zu Beginn ihres Weges vorbeigekommen waren.

»Ich würde mich gerne einen Moment ausruhen«, sagte Peter und setzte sich auf einen abgerundeten Felsbrocken, der vielleicht der Beginn eines Stalagmits war.

»Wir können wohl alle eine Pause vertragen«, stimmte Melissa zu und setzte sich ebenfalls auf einen Stein.

»Ja, ich denke, wir haben unsere Verfolger längst abgehängt.« Patrick, der die Taschenlampe vor einiger Zeit wieder übernommen hatte, leuchtete die Wände um sie herum ab. »Diese Höhle scheint kein Ende zu nehmen«, sagte er dann. »Ich bin ja schon in einigen Tropfsteinhöhlen gewesen, aber die passierbaren Bereiche waren nie so endlos! Das Ausmaß dieser Gänge ist gewaltig. Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir bereits die ganze Zeit durch die Reste einer uralten Anlage laufen und dies einmal künstliche Gänge und Räume waren, die durch die Tropfsteine zur Unkenntlichkeit verformt wurden.«

»Also, ich meine mich zu erinnern«, warf Peter ein, »dass Tropfsteine nur sehr langsam wachsen ... «

»Das ist mir klar«, sagte Patrick, »etwa einen Millimeter pro zehn Jahre sagt man, also rund einen Meter pro zehntausend Jahre. Aber irgendetwas könnte vielleicht den natürlichen Prozess so sehr beschleunigt haben, dass ... « Dann schüttelte er den Kopf. »Denken Sie daran, wie alt die Probe mit dem eingeschlossenen Artefakt war! Auch wenn es unmöglich scheint, aber ich denke, diese Tropfsteine sind tatsächlich so alt, wie sie aussehen, und was immer sie inzwischen bedeckt und eingeschlossen haben, ist mindestens genauso alt. Reste einer verloren gegangenen Kultur. Lange, bevor es Ägypter gab.«

Patrick leuchtete weiter umher. Dabei entdeckte er mehrere Gänge, die von der Kammer abzweigten. Anders als bisher war die Entscheidung, wo sie nun weitergehen sollten, nicht mehr so offensichtlich.

»Wollt ihr hier eine Weile sitzen bleiben?«, fragte Patrick. »Ich würde in der Zwischenzeit ein paar der Gänge auskundschaften, damit wir wissen, wo es weitergeht. Ich nehme aber die Lampe mit. Zehn Minuten, ist das in Ordnung? Ihr könnt euch ja unterhalten.«

Peter missfiel der Gedanke, ohne jegliches Licht in der Höhle sitzen bleiben zu müssen, aber da antwortete Melissa schon: »Klar, warum nicht. Wir finden schon ein Gesprächsthema, nicht wahr, Professor?«

»Nun ... ja, sicher, warum nicht«, stimmte Peter widerwillig zu.

Einen Augenblick später war Patrick mit der Lampe in einem der Gänge verschwunden, und Finsternis senkte sich über sie.

»Tja, jetzt sitzen wir hier, was, Professor?«, ertönte Melissas Stimme aus der Dunkelheit. »Haben Sie sich schon ausgemalt, was wir wohl finden werden?«

»Im Augenblick hoffe ich zunächst einmal, dass wir einen Ausgang finden«, antwortete Peter. »Ich muss ehrlich sagen, dass mir bei diesem Abenteuer außerordentlich unwohl ist. Wir sind in diesem gigantischen Labyrinth völlig rettungslos und ohne Ahnung, ob und wie wir hier herauskommen sollen.«

»Ja, unheimlich ist es schon. Aber im Grunde sind wir bisher nur Spuren und Wegen gefolgt, und die müssen ja irgendwo hinführen, oder? Ich meine, niemand baut einen Kanal ohne Zweck. Oder den Schlangenschädel oder den Eingang über dem Kopf von Apophis. Und außerdem waren da die Thot-Anhänger, die uns gefolgt sind. Die waren ja offenbar auch der Meinung, dass es hier etwas Schützenswertes gibt.«

»Ihre Zuversicht erinnert mich an Patrick«, sagte Peter. »Es tut gut, Sie so reden zu hören, Melissa, denn ich muss zugeben, dass ich eher ein Mann der Bücher bin. Ich bin unerfahren hier draußen, und diesen Glauben an ein gutes Ende wünschte ich mir auch oft.«

»Aber Sie haben schon so oft die richtigen Schlüsse gezogen, haben Manuskripte entziffert und die Tabula Smaragdina auf Rhodos gefunden. War das nicht Ihr Verdienst?«

»Patrick und ich ergänzen uns sehr gut.«

»Ach, Sie machen sich kleiner, als Sie sind, Peter. Darf ich Peter zu Ihnen sagen, Professor?«

»Sehr gerne, Melissa.« Peter lächelte. Sie konnte es nicht sehen, aber er war froh, dass sie in seiner Nähe war und seine bedrückenden Gedanken fernhielt.

»Und nun sagen Sie mal, Peter, was Sie am Ende dieser Höhle erwarten. Haben Sie gar keine Vorstellung?«

»Ehrlich gesagt, nein. Wir suchen zwar irgendwie nach dem Ursprung der Weisheit, des Wissens, aber unschärfer könnte die Definition ja fast nicht sein. Auch die Tabula Smaragdina wurde so bezeichnet, und tatsächlich war es eine Stele, die einen erzählenden und in Teilen philosophisch angehauchten Text enthielt. In sich war sie nichts weiter als ein Wegweiser, aber sie enthielt nicht die eigentliche Weisheit. Es ist möglicherweise eine sehr metaphorische Umschreibung, wenn man von einem Archiv des Wissens berichtet. Der eine meint damit ein Buch, der andere vielleicht eine Person, und wieder jemand anders meint damit einen Ort.«

»Patrick hat mir erzählt, dass Sie in Südfrankreich ein solches Archiv bereits einmal gefunden hatten.«

»Ja, das stimmt. In jenem Fall war es eine Höhle. Was hier auf uns wartet, ist aber ungewiss. Der arme Jason beispielsweise erzählte von einer Halle der Aufzeichnungen, die es der Überlieferung nach gibt. In welcher Form auch immer diese Halle sich darstellt, und welcher Art auch immer diese Aufzeichnungen sind. Vieles, was in Vergessenheit gerät, erreicht uns nach Hunderten und Tausenden von Jahren nur noch als fremdes Echo, wir sehen nur noch verzerrte Schatten an einer Wand, aber wir sehen nicht die Welt, die diese Schatten wirft. Was ich sagen will: Falls diese sagenhafte Halle der Aufzeichnungen existiert und tatsächlich weit mehr als zehntausend Jahre alt ist, wie es heißt, von einer fremden Kultur, aus einer Zeit vor den Ägyptern, dann könnte es im Grunde eine schlichte steinzeitliche Höhle sein, die nur damals kultische Bedeutung hatte und deren Erinnerung die Zeit überdauert hat. Auf diese Weise könnte man auch die Höhlen von Altamira, Lascaux oder Chauvet als Hallen der Aufzeichnung betrachten.«

»Dann glauben Sie nicht daran, dass es hier ein solches Archiv gibt wie jenes, das Sie in Frankreich fanden?«

»Ich weiß es nicht. Ich wünschte es, aber zugleich fürchte ich es. Denn es wäre eine unaussprechliche Macht.«

»Das wäre auch meine nächste Frage gewesen«, sagte Melissa. »Was würde man mit einem solchen Archiv des Wissens machen, wenn man tatsächlich eine Quelle unendlichen Wissens fände, eine Lösung für alle Probleme, Antworten auf alle Fragen? Was für eine vernichtende Waffe wäre dies in den Händen der falschen Menschen! Wer könnte mit einem solchem Archiv gerecht umgehen, wem stünde die Entscheidung darüber zu? Und müsste eine solche Macht nicht für immer verborgen und beschützt bleiben?«

»Wir haben uns in Frankreich dieselbe Frage gestellt«, antwortete Peter. »Damals wurde uns die Entscheidung abgenommen. Aber in der Tat ist dies der Kern.«

»Zugleich frage ich mich, ob nicht der Weg dieser Suche bereits ein Teil dessen ist, was man zu erreichen hofft. Nämlich die Erkenntnis über den Wert des Wissens, über Macht und Verantwortung. Nicht ohne Grund gibt es keine Erleuchtung ohne eigene Erkenntnis. Und ich denke dabei auch an die östliche Lehre ›Der Weg ist das Zieh.«

»Aus Ihren Worten spricht eine größere Weisheit, als ich es Ihrem Alter zugetraut hätte. Ich bin beeindruckt. Und darüber hinaus ist es vielleicht gut, dass Sie mich jetzt nicht sehen, wenn ich betreten erröte, denn es scheint mir an der Zeit, mich ausdrücklich bei Ihnen zu entschuldigen.«

»Nanu? Weshalb das?«

»Seit wir uns das erste Mal trafen in Hamburg, und insbesondere nachdem ich den Anhänger Ihrer Sekte im Museum sah, hatte ich eine schlechte Meinung von Ihnen. Ich habe sogar Patrick vom Umgang mit Ihnen abgeraten. Inzwischen bin ich mehr als erfreut, mein Bild von Ihnen revidieren zu können. Ich beginne zu ahnen, was Patrick in Ihnen erkannt hat, und ich entschuldige mich in aller Form.«

Es trat ein Moment der Stille ein. Dann lachte Melissa leise.

»Aber Peter!«, sagte sie schließlich. »Das ist ja süß von Ihnen! Aber Sie müssen sich darum keine Gedanken machen. Ich hätte sicher ebenso gedacht wie Sie. Meine Mitgliedschaft in dieser Sekte war schlicht eigennützig. Ich hatte mich auf meinem Weg zu lange ausgeruht. Es waren Patricks Worte, seine Aufrichtigkeit und seine Ernsthaftigkeit, die mich ergriffen haben.« Dann rief sie plötzlich aus: »Sehen Sie da drüben!«

»Wo?«

»In der Richtung, in der Patrick verschwunden ist! Sehen Sie das Licht?«

Tatsächlich konnte Peter einen diffusen Schein zwischen den Felsen wahrnehmen, und er fühlte, wie er sich entspannte, beim Gedanken, dass der Franzose endlich zurückkam.

Aber plötzlich hörten sie einen Schrei, dann verschwand der Schein, und sie hörten einen wütenden Fluch.

»Patrick?!«, rief Melissa erschrocken.

Ihr Ruf hallte durch die Dunkelheit, dann herrschte einen Moment lang Stille.

»Ich bin okay!«, ertönte es schließlich aus der Ferne. »Bleibt, wo ihr seid, ich komme zu euch!«

»Etwas muss passiert sein«, sagte Peter. »Wo ist das Licht?«

»Hoffentlich findet er her«, sagte Melissa. Ihre Stimme klang besorgt.

Sie warteten in der Finsternis, unfähig, Patrick helfen zu können. Und über ihnen türmten sich Tonnen von Gestein, die ihr Grab werden konnten.

»Ich bin gleich da!«, hörten sie Patricks Stimme nun aus größerer Nähe.

»Wir sind hier!«, rief Melissa. »Kannst du dich an meiner Stimme orientieren?«

»Ja«, kam die Antwort, »rede weiter!«

»Hast du dich verletzt?«

»Nein.« Patricks Stimme wurde mehrfach von den Felswänden abgelenkt und zurückgeworfen. Es ließ sich nicht ausmachen, wo genau er sich befand oder wie weit er entfernt war. »Ich bin ausgerutscht, und die Taschenlampe ist mir in einen Schacht gefallen.«

»Was sollen wir denn jetzt tun?«, fragte Melissa.

»Ich habe sie gefunden!«, sagte Patrick, ohne auf ihre Frage einzugehen. »Die Halle der Aufzeichnungen! Sie existiert!«

»Tatsächlich?!« Peters Stimme kam wie aus dem Nichts.

»Ja«, antwortete Patrick. »Und Sie werden Ihren Augen nicht trauen, Peter!« Plötzlich spürte Peter eine Hand auf seinem Arm. »Kommen Sie mit! Ich zeige es Ihnen. Und dir, Melissa.«

»Oh, Patrick!«, entfuhr es Melissa. »Wie schön, dass du wieder da bist!«

»Aber wie sollen wir das bewerkstelligen?«, fragte Peter unsicher. »Ich weiß zwar nicht, wie Sie es anstellen, aber ich kann in dieser Finsternis nichts sehen. Ist das nicht viel zu gefährlich?«

»Machen Sie sich keine Sorgen, Peter. Ich führe Sie. Der Weg ist ohne große Hürden.«

»Also, ich weiß nicht ... «

»Ich gehe voraus, Peter. Lassen Sie mich Ihr Auge sein, vertrauen Sie mir. Sie reichen mir eine Hand, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist. Und Melissa, du nimmst die andere Hand vom Professor und gehst als Letzte. Einverstanden?«

»Klar«, sagte Melissa. »Wir nehmen Peter in die Mitte, dann kann nichts passieren.«

Etwas zögerlich stand Peter auf. Beim Herumtasten berührte er Melissas Brüste und entschuldigte sich verlegen, aber sie lachte nur. Dann fühlte er ihre Hand in seiner und wurde von Patrick an der anderen Hand genommen.

»Es wird nur sehr langsam gehen«, erklärte Patrick, »aber wir schaffen es. An zwei Stellen müssen wir uns bücken, und an einer anderen müssen wir eng an der Wand bleiben, da es rechts steil abfällt. Aber ich warne euch vorher.«

So suchten sie ihren Weg durch die Dunkelheit. Peters Beklemmung wuchs, aber durch die Berührung der Hände fühlte er sich halbwegs behütet. Immer wieder wanderten seine Blicke umher, aus Furcht vor dem, was er sehen könnte oder was plötzlich hervorspringen mochte. Aber da war nichts. Schließlich schloss er die Augen, um die nervenaufreibende Anspannung abzulegen. Er musste sich nicht darum kümmern, was vor ihnen lag, er lenkte seine ganze Konzentration auf seine Füße und darauf, was sie erspürten. Auf diese Weise, Schritt für Schritt, bewegte er sich vorwärts, von vorne und hinten geschützt, und nach einer Weile ging er wie in einer wolkigen Trance.

Patrick sollte recht behalten, denn sie kamen besser voran, als Peter befürchtet hatte. Einige Male stockte der Franzose, tastete umher, gab kurze Anweisungen, dann ging es weiter. Selbst in dieser Finsternis funktionierte Patricks Orientierungssinn hervorragend.

»Aber was nützt uns denn die Halle, die du gefunden hast«, fragte Melissa, »wenn wir kein Licht haben?«

»Warte nur ab«, sagte Patrick.

Mehr wollte er nicht verraten, aber das musste er auch nicht, denn schon hinter der nächsten Biegung sahen sie es selbst.

Ein schwaches rötliches Leuchten erfüllte den Gang.

Es war ein Hauch, fast nicht wahrnehmbar, doch ihre Augen hatten sich so sehr an die Dunkelheit gewöhnt, dass ihnen sofort auffiel, dass sich die Wände plötzlich in einem leichten Schimmer abzeichneten. Eine Lichtquelle war nicht erkennbar, vielmehr schien es, als würde die Luft selbst leuchten.

»Was ist das?«, fragte Melissa und streckte den Arm aus, als könne sie das Phänomen betasten. Sie bewegte ihre Finger in der Luft und staunte, dass sie überhaupt sichtbar waren.

»Es ist die Nähe eines Archivs des Wissens«, sagte Peter tonlos. Er kannte dieses Leuchten. Es war ihm ebenso vertraut wie unerklärlich, und es war ebenso machtvoll wie gefährlich.

»Das ist noch längst nicht alles«, sagte nun Patrick. »Wartet, bis ihr den Rest gesehen habt.«

Er führte sie weiter, und hinter einer weiteren Biegung blieben sie stehen.

Der Anblick, der sich ihnen bot, war von so majestätischer Schönheit, dass sie lange Zeit schweigend nebeneinander stehen blieben.

Rotes Funkeln spiegelte sich in ihren Augen.

Vor ihnen öffnete sich eine gewaltige Kaverne, die vollkommen von orangerotem Licht erfüllt war. Es verlief wie ein gefangenes Nordlicht in Bändern von Gold, Orange, Karmesin und Bordeauxrot durch das Gewölbe der Halle, wehte, waberte und bewegte sich wie ein lebendiges Wesen, es strahlte nach allen Seiten und erfüllte die riesenhafte Höhle mit einem prachtvollen, sich ständig ändernden Glanz.

Neben dem wandernden Schleier füllte ein allgemeines Leuchten die gesamte Höhle, das allerdings, einem farbigen Nebel gleich, immer nur Teile der Kaverne erkennen ließ. Es erhellte und verbarg zu gleichen Teilen.

Zahlreiche Säulen, zehn oder fünfzehn Meter hoch, führten vom Boden in die Höhe und verschwanden im dahinwandernden Licht. Kunstvoll gearbeitete Muster, Figuren und Schriftzeichen bedeckten die steinernen Träger, doch in der Höhe war zu erkennen, dass sich Stalaktiten von der Decke einen Weg nach unten gesucht hatten und einige davon waren mit den Säulen verwachsen, gleichsam an ihnen heruntergekrochen.

Der Boden der Kaverne folgte einem riesenhaften, kreisförmigen Grundriss. Ein mehrere Meter breiter Weg verlief einmal am inneren Rand der Höhle entlang, und direkt vor ihnen führte er geradeaus in das Zentrum der Höhle. Allerdings war der Weg von einem tiefen Graben umgeben. Auch dieser beschrieb einen Kreis, dann folgte ein neuerlicher, weiter innen liegender Weg, der ebenfalls im Kreis verlief, dann wieder ein Graben, und so fort. Wie es schien, zweigten von dem Weg, der geradezu in die Mitte führte, drei Wege ab, die drei konzentrische Kreise beschrieben.

»Diese Höhle ... «, hob Peter an, » ... diese Kreise!«

»Ja«, sagte Patrick, »Es ist ein nahezu identisches Abbild der Höhle, die wir in Frankreich gefunden hatten.«

»Aber wie kann das sein?«, brachte Peter hervor. »Es liegen viele tausend Jahre dazwischen! Die Höhle im Languedoc, sie war aus dem Mittelalter. Aber diese hier ... «

»Diese hier, mein Freund«, sagte Patrick, »ist nicht nur ein paar tausend Jahre älter. Sie ist sogar sehr viel älter! Sehen Sie, wie die Tropfsteine in die Säulen hineingewachsen sind? Diese Säulen haben schon existiert, bevor die Steine zwanzig- oder dreißigtausend Jahre lang Zeit hatten zu wachsen!«

»So eine Höhle habt ihr in Frankreich untersucht?«, fragte Melissa nun. »Das hier ist ein Archiv des Wissens?!«

»In der Tat«, erklärte Peter und ging einen zögerlichen Schritt vor. »So sah das Archiv des Wissens aus, das wir gefunden haben. Der Boden der Kaverne beschreibt ein eigenartiges Muster aus kreisförmigen Wegen und Gräben, die konzentrisch angelegt sind. Allerdings gibt es einen Pfad, der schnurgerade in die Mitte führt. Wir haben nicht herausgefunden, was das zu bedeuten hat. Es gibt aber auch deutliche Unterscheide zwischen beiden Höhlen, abgesehen vom Alter. Die in Frankreich verfügte über eine Art Lichtsäule in ihrem Zentrum, und ihr Licht war blau, während sich hier dieser rote Lichtschleier zwischen den Säulen bewegt. Irgendeine uns unbekannte Technologie ist hier am Werk, etwas, das älter ist als Ägypten ... und der andere große Unterschied war, dass man die Höhle in Frankreich nicht betreten konnte.«

»Weshalb nicht betreten?«

»Sobald einen das Licht berührte«, erklärte Patrick, »drang es einem irgendwie in den Kopf, und man wurde auf der Stelle irrsinnig.«

»Weil das Licht Wissen vermittelte?«, fragte Melissa. »Mehr Wissen, als man aufnehmen konnte?«

»Ja, ganz genau, so war es«, antwortete Peter. »Sie haben eine außergewöhnliche Kombinationsgabe, Melissa. Es hat eine Weile gedauert, bis wir damals daraufkamen.«

»Ich kann mir nur schwerlich etwas Mächtigeres und Gefährlicheres als ein Übermaß an Wissen vorstellen«, antwortete sie, »daher lag die Vermutung nahe. Aber warum können wir dann hier einfach so herumstehen, immerhin ist es hier überall hell, und nichts passiert.«

»Ich wäre nicht so sicher, ob einem wirklich nichts passiert«, sagte Peter und deutete auf einen Fleck einige Meter vor ihm.

Patrick und Melissa traten näher. Dort lag eine weitere Leiche, ähnlich gekleidet wie die anderen, die sie gefunden hatten. Die Haut war verfault, Reste einer schmierigen Substanz überzogen den Kopf, der Schädelknochen schimmerte an vielen Stellen hervor. Der lippenlose Mund war in einem grauenvollen, endlosen Schrei aufgerissen und ermöglichte einen Blick in die zerfallenen Reste der Mundhöhle. Der Tote hatte die Arme über der Brust in einer abwehrenden Haltung verkrampft, die Fingerknochen stachen wie Krallen hervor. So plötzlich dieser Mensch auch gestorben sein mochte, so entsetzlich musste sein letzter Atemzug gewesen sein.

»Verflucht!«, brachte Patrick hervor. »Das sieht überhaupt nicht gut aus!«

»Nein, ganz und gar nicht«, sagte Peter. »Und ich ahne auch, was hier passiert ist.«

Melissa und Patrick sahen ihn an, und der Professor deutete auf die beiden Säulen, die sich einige Schritte vor ihnen links und rechts des Weges erhoben. Sie waren in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Nicht nur, weil sie einem Portal gleich den Weg zur Mitte flankierten, sondern weil sie nicht aus Stein gefertigt waren wie die anderen. Die linke der beiden Säulen glänzte in einem unwirklich kräftigen, gelben Farbton, der keinen Zweifel daran ließ, dass sie aus Gold sein musste. Und die Säule zu ihrer Rechten war ganz aus grünem Stein gefertigt, der auf den ersten Blick wie grüner Marmor oder Malachit ausgesehen hatte, der aber bei näherer Betrachtung durchscheinend war, fast wie Jade, und in einem Farbton, der auf nichts anderes als Smaragd hindeutete.

Diese beiden Säulen, deren Eigenheiten nun erst so deutlich aus dem wechselnden Licht der Höhle hervortraten, waren für sich genommen wertvoller als alle Schätze Ägyptens zusammengenommen.

Aber was Peter meinte, war nicht das Material, aus dem sie gefertigt waren, sondern die darauf befindlichen Zeichen. Es war eine Schrift, die bis auf die Tatsache, dass sie aus einer Vielzahl fast bildlich scheinender Zeichen bestand, keine Ähnlichkeit mit den ägyptischen Hieroglyphen hatte. Genau genommen sah sie nicht wie eine Schrift aus, die einer von ihnen schon mal gesehen hatte. Daneben waren auch szenische Darstellungen auf den Säulen zu sehen, und eine stach dabei ganz besonders hervor.

Zwei Säulen waren darauf abgebildet, zwischen denen eine Waage mit zwei Waagschalen zu sehen war. Eine der Schalen war leer, die andere war ein wenig nach unten gesenkt, und auf ihr lag eine Feder.

»Sehen Sie dort?«, sagte Peter. »Das ist eine ganz zentrale Szene, die die ägyptische Glaubenswelt durchdringt. Der Tote kommt im Jenseits vor ein Gericht. Dort wird sein Herz, das als Sitz der Seele verstanden wurde, gegen eine Feder aufgewogen. Eine ähnliche Prüfung eines lauteren Lebens vor dem Eingang in das Jenseits finden wir in fast allen Religionen.«

»Von dieser Szene habe ich geträumt!«, entfuhr es Patrick.

»Und du hattest es mir erzählt«, sagte Melissa. »Das ist unglaublich!«

»Ich fürchte jedoch«, sagte Peter, »dass anders als bei den religiösen Legenden dieses hier wesentlich konkreter gemeint ist.« Er wies auf eine weitere Zeichnung. »Sehen Sie das Wesen, das dort neben den Säulen sitzt?« Sie betrachteten die Abbildung eines albtraumhaften Monsters, das fast behäbig auf dem Boden saß, dessen Maul allerdings mit einer Unzahl langer Reißzähne bestückt war, von denen in zähen Fäden Geifer auf den Boden troff. »Das ist eine Seelenfresserin«, fuhr Peter fort. Dann deutete er auf die Leiche. »Und das dort ist eines ihrer Opfer.«

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