VIER

Tatsächlich kommt die Gelegenheit zur Verbrüderung mit Thomas schon früher als gedacht. Eine Nacht später liege ich in meinem Körbchen und kann nicht schlafen. Zu viel geht mir durch den Kopf. Thomas. Der kleine Zwischenfall mit Herrn Beck. Das Gespräch zwischen Carolin und Nina. Selbst an Fritz, den Münsterländer aus dem Tierheim, muss ich denken. Unruhig wälze ich mich hin und her.

Plötzlich höre ich ein Geräusch. Es ist ein Murmeln ... oder eher ein ... Wimmern? Ich rapple mich hoch, klettre aus dem Körbchen und trabe aus dem Wohnzimmer in Richtung Flur. Dort kann ich das Geräusch noch viel besser hören. Es ist tatsächlich ein Wimmern, und es kommt aus dem Schlafzimmer! O Schreck - geht es Carolin nicht gut? Die Tür ist nur angelehnt, deswegen kann ich leise hineinhuschen. Leider ist es ist völlig dunkel, ich kann nichts erkennen.

Und wieder das Geräusch. Das Wimmern ist mittlerweile zu einem Stöhnen geworden. Zu meiner großen Erleichterung ist es aber eindeutig Thomas, dem es nicht gut zu gehen scheint. Mein erster Gedanke: Mit Carolin ist wohl alles in Ordnung. Mein zweiter Gedanke: Hier ist sie, meine Chance! Nun heißt es, kühn und unerschrocken zu handeln. Denn ganz offensichtlich liegt Thomas im Bett und windet sich vor Schmerzen. Carolin schläft anscheinend - jedenfalls scheint sie ihn nicht zu hören, denn sonst würde sie ihm ja helfen. Ich werde also dafür sorgen, dass sie aufwacht und Thomas nicht länger leiden muss. Dann wird er erkennen, was für ein toller Hund ich bin und wie gut es ist, dass Carolin mich geholt hat.

Mit einem kühnen und unerschrockenen Satz springe ich ins Bett, genau neben den stöhnenden Thomas. Es ist wirklich erstaunlich, dass Carolin ihn nicht hört, denn sie liegt mehr oder weniger unter ihm. Ich erwähnte es bereits: Menschen haben wirklich grottenschlechte Ohren. Aber keine Sorge, Thomas, du hast ja jetzt einen neuen treuen Freund. In seinen Schmerzen windet er sich regelrecht, das Gesicht nach unten gedreht. Ich schlecke ihm schnell den Nacken ab, er soll wissen, dass Hilfe nah ist. Er zuckt zusammen. Dann beginne ich, möglichst laut zu bellen. Schließlich soll Carolin endlich aufwachen.


Das Nächste, an was ich mich noch erinnern kann, ist, dass ich quer durch den ganzen Raum fliege und sehr unsanft neben der Tür lande. Dann wird es plötzlich ganz hell. Thomas - wie durch ein Wunder spontan genesen - steht über mir und funkelt mich böse an.

»Du Scheißköter! Was fällt dir ein! Dich mach ich platt!«

Er holt aus - will er mich etwa schlagen? Ich versuche, mich wegzuducken. Nur wohin? In Panik jaule ich auf. Zur Hilfe - was ist hier bloß los?

In diesem Moment steht auf einmal Carolin hinter Thomas. Von dem ganzen Lärm ist sie nun doch aufgewacht. Sie packt Thomas von hinten an der Schulter und zerrt ihn zurück.

»Unterstehe dich, Herkules ein Haar zu krümmen! Er hat uns schließlich nicht absichtlich gestört.«

Thomas fährt zu ihr herum. »Bitte? Die Töle springt in unser Bett, als ich gerade richtig in Fahrt bin, und du verteidigst sie? Dem dummen Vieh werde ich gleich mal zeigen, was ich von seiner kleinen Einlage halte.«

»Thomas!«, kommt es jetzt ganz scharf von Carolin. »Du lässt sofort die Finger von Herkules. Sofort!«

Sie bückt sich zu mir herunter und nimmt mich auf den Arm. Mittlerweile zittere ich wie Espenlaub. Das ist einfach zu viel für mein empfindliches Nervenkostüm. Und überhaupt verstehe ich nur noch Bahnhof: Was heißt hier stören? Und in Fahrt? Thomas soll doch froh sein, dass wenigstens ich seinen kritischen Zustand erkannt habe. Stattdessen hatte er ernsthaft vor, mich zu vermöbeln. Und mein Dackelpo tut auch noch weh von dem Tritt, den er mir im Bett verpasst hat. Ich fange an zu winseln. Noch nie bin ich so ungerecht behandelt worden. Gegen diesen Psychopathen ist der alte von Eschersbach ja die Mildtätigkeit in Person!

»Du Armer, du zitterst ja ganz doll!« Carolin drückt mich an sich und presst ihr Gesicht in meinen Nacken. »Keine Angst, ich bin bei dir. Ich passe schon auf dich auf.«

Thomas schnauft verächtlich. »Also echt, Carolin. Hast du jetzt etwa ein erotisches Verhältnis zu einem Hund? Dir scheint die Unterbrechung ja überhaupt nichts auszumachen. Wahrscheinlich war sie dir ganz recht. Musst du wenigstens nicht wieder sagen, dass du Kopfschmerzen hast.«

Halt mal: Thomas stöhnt, und Carolin hat Kopfschmerzen? Unterbrechung wovon? So sehr ich mir auch Mühe gebe, ich kann mir überhaupt keinen Reim darauf machen. Nur eins ist völlig klar: Mein Versuch, bei Thomas gut Wetter respektive Dackel zu machen, ist gründlich danebengegangen. Und ich weiß nicht mal, warum. Ob ich meinen neuen Kauknochen wohl mit ins Tierheim nehmen darf? Wobei es auch egal ist, wahrscheinlich nehmen mir Bozo und Boxer den als Erstes weg.

Die restliche Nacht verbringe ich in meinem Körbchen. Obwohl ich todmüde bin, kann ich nach diesem ganzen Desaster natürlich erst recht nicht schlafen. Ab und zu hebe ich ein Öhrchen an und lausche in die Dunkelheit. Völlige Stille. Aber selbst wenn ich wieder ein Geräusch hören würde - keine zehn Pferde brächten mich noch einmal in einen Raum, in dem sich auch dieser Thomas aufhält.


Die Sonne scheint durch die Werkstattfenster, mehrere einladende Fleckchen bilden sich auf dem alten Dielenboden und rufen »Komm, Carl-Leopold, leg dich auf mich und ruh dich ein bisschen aus!« Diese Aufforderung kommt mir sehr gelegen, die letzte Nacht steckt mir noch ziemlich in den Knochen. Ich schwanke nur, ob ich mir ein Fleckchen in Carolins Raum aussuchen soll, oder ob ich mich neben den Tisch lege, an dem Daniel gerade arbeitet.

Schließlich lege ich mich neben Daniel. Ich fühle mich ziemlich mickrig und habe Angst, dass Carolin mir die ganze Geschichte auch übelnehmen könnte. Hat sie zwar mit keinem Wort gesagt, aber es ist mir doch noch ein bisschen unangenehm. Denn irgendetwas habe ich wohl komplett falsch gemacht. Auch wenn ich nach gründlichem Nachdenken immer noch nicht weiß, was eigentlich. Aber dass mich Carolin nun schon wieder vor Thomas verteidigen musste, das ist mir wirklich peinlich.

»Na, wie war dein Wochenende? Wie lebt es sich mit deinem neuen Hund?«, will Daniel von Carolin wissen.

Ich klappe die Ohren an und senke die Nase zwischen meine Vorderläufe. Die Geschichte, die jetzt unweigerlich kommen wird, will ich gar nicht hören.

»Du - super! Thomas ist auch ganz begeistert von dem kleinen Kerlchen. Na ja, du weißt ja, wie tierlieb er ist.«

Hä? War heute Morgen was im Futter? Offensichtlich halluziniere ich.

»Echt? Ne, wusste ich gar nicht, dass er Tiere so gerne mag. Aber umso besser, dann werden die beiden sich sicher blendend verstehen. Können sie ja mal allein wandern gehen oder ein Überlebenstraining machen oder was man sonst so als richtig harter Kerl mit seinem Hund unternimmt.«

Täusche ich mich, oder höre ich da eine feine Ironie in Daniels Worten? Das ist übrigens für mich als Hund gar nicht so leicht zu unterscheiden - Menschen benutzen oft die gleichen Worte und meinen dann etwas völlig anderes. Erinnere mich noch gut, wie von Eschersbach erst sagte »Feiner Hund, gute Idee!«, als ich mit nassen Pfoten auf das Sofa im Salon gesprungen war, dann aber anschließend mit seinem Gehstock ausholte und mir damit auf die Hinterläufe schlug. Ich konnte mich zwei Stunden überhaupt nicht beruhigen, bis mir Mama erklärte, dass Menschen oft das Gegenteil von dem sagen, was sie meinen, um damit klarzumachen, dass sie das auf keinen Fall meinen. Verrückt, oder? Im Kopf eines Menschen muss es ein paar sehr unpraktische und überflüssige Windungen geben. Wahrscheinlich, weil sie ihn durch ihren aufrechten Gang viel zu hoch über der Erde tragen. Das ist ganz offensichtlich nicht gut für's Gehirn.

Interessant ist in diesem Zusammenhang allerdings auch die Frage, wie Carolin dazu kommt, so etwas zu erzählen? Warum will sie nicht zugeben, dass unser Start in die gemeinsame Zukunft eine totale Pleite war? Ist Tierliebe vielleicht etwas, was den Wert des Menschenmännchens erhöht? So wie etwa Raubwildschärfe, Wachtrieb und Schussfestigkeit den herausragenden Jagdhund auszeichnen? Mit herausragenden Jagdhunden kenne ich mich nämlich bestens aus: Mama war dreimal im Finale des Bundeschampionats, die Regale auf Schloss Eschersbach biegen sich unter ihren Pokalen, und nie bekam sie eine schlechtere Note als »Vorzüglich 1«, kurz V1. Also wenn Tierliebe quasi in den Katalog gehört, und Carolin demonstrieren möchte, dass Thomas ein Kandidat für V1 ist, dann macht ihre Geschichte natürlich Sinn. Aber andererseits sieht sogar ein kleiner Hund wie ich auf den ersten Blick, dass Thomas höchstens ein »Genügend« bekommen würde, selbst mit Tierliebe. Wenn sie denn tatsächlich vorhanden wäre.

Aber zurück zum Thema Ironie: Ehrlicherweise hoffe ich, dass Daniel das gerade nicht so gemeint hat. Denn die Kombination der Worte Thomas mit allein und Überlebenstraining wecken bei mir ganz andere Assoziationen als die von großartiger Freundschaft zwischen Mensch und Hund. Vielmehr sehe ich vor meinem inneren Auge Thomas, wie er mich über einen Felsvorsprung in einen sehr tiefen Abgrund befördert oder mich in einem einsamen Wald an einen Baum bindet und einfach geht. Dann lieber wieder Tierheim. Vielleicht kann ich dort mit Fritz, der leider bestimmt noch da ist, eine Hunde-WG gründen, und wir bekommen einen eigenen kleinen Zwinger? Meinetwegen auch neben dem Katzengehege - rückblickend stelle ich nämlich fest, dass es eigentlich ganz lustig war, Beck in den Schwanz zu beißen.

»Also Daniel, du musst dich gar nicht darüber lustig machen. Ich glaube wirklich, dass Herkules und Thomas gute Freunde werden.«

Ah - Gott sei Dank! Also wirklich Ironie. Keine gefährlichen Alleingänge mit Thomas.

»Ich mache mich nicht lustig. Ich bezweifele nur, dass dein lieber Thomas demnächst mit einem süßen Kerlchen wie Herkules durch den Park joggt. Das geht doch zu sehr gegen sein gern gepflegtes Image als harter Kerl.«

»Was hast du bloß immer gegen Thomas?«

»Gar nichts. Ich frage mich nur manchmal, was er gegen mich hat.«

Carolin lacht laut auf. Klingt ziemlich unecht.

»Ich bitte dich - Thomas hat überhaupt nichts gegen dich. Im Gegenteil, er findet dich sehr nett.«

Carolins sonst so warme Stimme hat einen ganz blechernen Unterton. Ob Daniel das auch hört? Er seufzt.

»Sicher, sicher.«

»Ihr seid nur eben ziemlich verschieden. Aber deswegen könnt ihr doch trotzdem Freunde sein.«

Daraufhin sagt Daniel nichts mehr, sondern atmet nur deutlich hörbar aus. Offenbar will er über dieses Thema nicht mit Carolin reden. Schade, ich hätte gerne mehr von seiner Meinung über Thomas erfahren. Vielleicht habe ich in ihm einen Verbündeten? Das wäre schön, denn mittlerweile könnte ich in diesem Haus noch einen Freund brauchen.


Mittags geht Carolin kurz mit mir in die Wohnung, um mir mein Fresschen zu geben. Sie hat sich tatsächlich ein Buch über Hunde gekauft - ich habe es auf dem Sofa im Wohnzimmer liegen sehen - und möglicherweise als Erstes das Kapitel über gesunde Ernährung gelesen. Jedenfalls ist sie nun vom Dosenfutter ab, sondern hat auf unserem Spaziergang heute früh ein bisschen frisches Herz für mich besorgt. Als sie es kocht, breitet sich ein verführerischer Duft in der Wohnung aus. Lecker! Eine sehr erfreuliche Entwicklung.

»So, mein Kleiner, das muss noch etwas abkühlen, dann kriegst du es. Lass uns noch fünf Minuten warten, ich muss sowieso mal kurz telefonieren, dann gebe ich es dir.«

Sie stellt meinen Napf mit den Herzstücken in den Kühlschrank und geht in das Zimmer neben dem Wohnzimmer. Ich stehe noch ein wenig unschlüssig herum, dann trotte ich in den Flur. Während ich noch überlege, womit ich mich jetzt bis zum Mittagessen beschäftigen könnte, sehe ich, dass die Schlafzimmertüre wieder offen steht. Seit zwei Tagen habe ich einen großen Bogen um diesen Raum gemacht, aber jetzt siegt meine Neugier. Vielleicht finde ich dort irgendetwas, was erklären würde, was in der Schreckensnacht von neulich eigentlich passiert ist? Ich wüsste zwar nicht, was das sein könnte, aber zumindest möchte ich mich dort noch einmal im Hellen umsehen. Aus der anderen Ecke der Wohnung höre ich Carolin mit diesem schwarzen Plastikteil sprechen. Nach allem, was ich mittlerweile über Menschen im Allgemeinen und Frauen im Besonderen weiß, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass sie momentan komplett abgelenkt ist. War bei Emilia auch immer so. Man konnte die tollsten Sachen aus der Küche klauen, wenn sie telefonierte.

Vorsichtig schiebe ich meine Schnauze durch den Türspalt. Tatsache, die Luft ist rein. Schwupps, bin ich auch schon drin. Sieht auf den ersten Blick komplett unspektakulär aus. Aber es ist bekanntlich der zweite Blick, der Sachen interessant macht. Besser gesagt, der Moment, in dem man als Hund genau hinschnüffelt. Und deswegen beschließe ich, hier mal alles einer gründlichen Geruchsinspektion zu unterziehen.

Beim Bett fange ich an: Alles wie gehabt. Rechts riecht es nach Carolin, links mehr nach Thomas. Na gut, was hatte ich erwartet? So schlafen die beiden nun mal. Ich will schon fast wieder herunterhüpfen, da fällt mir noch der Hauch eines anderen Geruchs auf. Nicht direkt auf den Laken, sondern eher darunter, auf der Matratze. Ich schiebe die Laken auseinander und schnüffele noch einmal genauer. Seltsam. Denn während Carolins Seite genau diesen fantastischen Carolin-Geruch an sich hat und bei Thomas selbst seine Bettseite unsympathisch riecht, schwebt noch ein dritter Geruch über diesem Bett. Es ist... hm ... ich bin mir nicht sicher ... irgendwie ... nein, oder vielleicht doch ... Wirklich schwer zu sagen! Deshalb robbe ich noch einmal gründlich mit meiner Nase über das gesamte Bett.

In diesem Moment wird die Tür zum Schlafzimmer weit aufgestoßen. »Herkules, pfui! Was machst du schon wieder in unserem Bett?«

Carolin steht vor mir und wedelt tadelnd mit dem Zeigefinger. Beschämt gucke ich zu Boden. Wie soll ich ihr auch erklären, was genau ich suche? Ich weiß es schließlich selbst nicht. Ich weiß nur, dass ich eben etwas sehr Seltsames entdeckt habe.

»Hunde gehören nicht ins Bett, Herkules. Du hast ein sehr komfortables Körbchen, und da bleibst du bitte, wenn du schlafen möchtest. Auf dem Sofa kannst du ruhig mit mir sitzen, aber ins Bett darfst du nicht. Thomas war neulich schon echt sauer auf dich, und ich habe ihm versprochen, dich ein bisschen besser zu erziehen. Ich will doch, dass ihr Freunde werdet. Und so klappt das nicht!«

Jetzt sieht Carolin richtig traurig aus. Mist. Ich klappe die Ohren an und hüpfe vom Bett. War eine blöde Idee mit dem Schlafzimmer. Und schlauer bin ich jetzt auch nicht.

»Nun guck nicht so traurig. Ab und zu muss eben auch ein so süßer Hund wie du noch etwas lernen. Und jetzt komm - dein Fresschen ist bestimmt schon fertig.«

Das lasse ich mir natürlich nicht zweimal sagen und sause gleich los in die Küche. Carolin nimmt den Napf aus dem Kühlschrank, rührt einmal um und setzt ihn mir dann vor die Nase. Hm, lecker. So eine ordentliche Portion Herz, und der größte Kummer ist schnell vergessen.


Zurück in der Werkstatt schlafe ich erst einmal ein Stündchen. Daniel hat mir aus einer alten Kiste und einem Kissen ein Zweitkörbchen gebastelt - sehr umsichtig, der Mann. Ich werde wach, weil ich das Gefühl habe, dass irgendjemand Herrn Beck foltert. Jedenfalls dringen ganz grauenhafte Töne an mein Ohr. Sehr hoch und schrill, ein elendes Gejaule. Ich springe aus der Kiste und laufe in Richtung des Geräuschs. Dort, in einem der vorderen Räume, steht Carolin und hält etwas auf dem Arm. Allerdings nicht Herrn Beck, sondern einen der kleinen Holzkästen, die überall in der Werkstatt herumzuliegen scheinen. Komisch sehen die aus. Es gibt sie in verschiedenen Größen, sie sind nicht eckig, sondern rund, und zwar so, als ob man zwei Kreise aneinandergeklebt hätte. Außerdem haben sie einen langen Hals. Und auf diesem Hals haut Carolin gerade mit dem Stock mit den Haaren herum. Besser gesagt, sie streicht darauf herum. Was dem Kästchen anscheinend wehtut, denn aus ihm kommt daraufhin das furchtbare Geräusch.

Brrr, da gefriert einem ja das Blut in den Adern! Ich kann nicht anders, ich fange an zu heulen. Erst zaghaft, dann richtig laut. Carolin lässt das Kästchen sinken, Daniel kommt ins Zimmer gelaufen. Er sieht mich, wie ich noch ein letztes Mal kräftig losheule, dann bricht er in schallendes Gelächter aus.

»Ach herrje, sag bloß, Herkules mag keine Musik! Na, da bist du ja bei uns genau an der richtigen Adresse!«

Musik? Das, bitte, soll Musik sein? Das ist doch wohl nicht euer Ernst! Ich kenne Musik schon von Schloss Eschersbach. Im Salon stand nicht nur mein Lieblingssofa, sondern auch ein sogenanntes Klavier. Von Eschersbach spielte dort manchmal, und das war auch nichts, was ich mir persönlich ausgesucht hätte, aber längst nicht so schlimm wie das eben Gehörte. Und wenn ich mit Emilia zum Einkaufen fahren durfte, dann spielte das Auto Musik, natürlich auch viel zu laut, aber ansonsten eigentlich ganz schön - mit einem klaren Rhythmus und ganz schnell. Aber das hier gerade war doch einfach nur furchtbar. Und so schrill. Im Leben war das keine Musik. Ich schüttle energisch den Kopf.

Carolin und Daniel schauen sich etwas ratlos an.

»Vielleicht sind ihm die Töne zu hoch? Hol doch mal das Cello, passt ihm vielleicht besser als die Violine?«

Daniel trabt los und kommt mit einem der größeren Kästchen wieder. Aha, dieses Ding trägt also den schönen Namen. Na, Hoffentlich klingt es auch ein bisschen danach. Daniel setzt sich auf einen Stuhl und klemmt sich das Cello zwischen die Beine. Auch er nimmt den Stock zur Hand. Dann bewegt er ihn langsam hin und her. Tatsächlich, auch hier kommen Töne heraus. Und sie klingen wirklich deutlich besser. Ich grunze zufrieden und lege mich vor Daniel, den Kopf auf meine Vorderläufe.

»Okay, Herkules ist nicht der Typ für Geige. Aber generell scheint er nichts gegen Musik zu haben«, stellt Carolin fest. »Dann muss er wohl immer einen kleinen Spaziergang im Garten machen, wenn wir hier die Geigen stimmen. Schade, dabei ist Violine so ein tolles Instrument.«

»Wer weiß, wie das für Hundeohren klingt. Wahrscheinlich hört er noch irgendwelche Schwingungen, die wir gar nicht mitbekommen. Es gibt doch auch diese lautlosen Hundepfeifen, die können wir schon nicht mehr hören, Hunde aber sehr wohl.«

»Hey, hast du dir heimlich mein Hundebuch geklaut?«

»Nein, aber wir hatten zu Hause immer einen Hund. Ziemlich viele Terrier, aber einmal sogar auch einen Dackel. Du kannst mich also Fachmann nennen.«

»Gut zu wissen. Ich werde dich bestimmt bald mit einer Fachfrage behelligen. Jetzt muss ich aber weiterarbeiten. Also, Herkules, wenn dir deine Ohren lieb sind, dann gehst du wohl besser in den Garten.«

Auch gut, kann ich noch ein bisschen Pinkeln üben.


Загрузка...