Isabella geht eins nach dem anderen an, denn wenn sie über die unmittelbare Gegenwart hinausdenkt, überkommt sie das Entsetzen. Sie muss ein Obdach suchen, doch jenseits des gewaltigen, verlassenen Strandes sieht sie nur ein dunkles Gewirr aus stacheligen Bäumen, die schwarz und alptraumhaft in der Dunkelheit aufragen. Bei ihrem Anblick verkrampft sich ihr Magen. Sie zerrt das Rettungsboot bis zu einem Felsen, der sich aus dem weißen Sand erhebt. Einmal, zweimal, beim dritten Versuch gelingt es ihr, das Boot mit schmerzenden Armen umzukippen. Eine Seite ruht auf dem Fels, so kann sie darunterkriechen und die Kiste mit dem Amtsstab an ihren Körper drücken.
Der Regen hämmert über ihr auf den Boden des Bootes. Sie rollt sich zu einer Kugel zusammen. Ein Spalt zwischen Boot, Fels und Sand, an der breitesten Stelle nicht mehr als ein Fuß, verhindert, dass sie in vollkommener, luftloser Dunkelheit kauert. Das Meer bricht sich donnernd am Strand. Sie wartet auf die anderen. Ihr Körper zittert unkontrolliert; ihr ist kalt von Regen und Meerwasser, kälter noch vor Angst und Schock. Niemand kommt. Sie hält die Augen aufs Wasser gerichtet. Keine anderen Boote. Keine tapferen Schwimmer. Niemand.
Arthur kommt nicht. Auch Meggy nicht. Oder Captain Whiteaway. Oder Mr. Harrow.
Die schwarze Nacht verblasst nach etwa einer Stunde zu Grau. Die Dämmerung ist nicht fern. Wo sind sie? Sie brauchen lange, um vom Wrack an Land zu gelangen.
Sie wartet unter dem Boot.
Regen und Wind lassen ein wenig nach, aber es ist immer noch zu stürmisch, um sich aus dem Unterschlupf zu wagen. Sie bleibt auf der Seite im Sand liegen, die Augen aufs Meer gerichtet, während sich das schwache Tageslicht durch die Wolken kämpft. Und noch immer kommt niemand.
Gegen Mittag hört der Regen auf. Isabella kriecht unter dem Boot hervor, um die Beine zu strecken, und stellt fest, dass sie sich kaum aufrecht halten kann. Sie setzt sich in den Sand und weint. Die Tränen lassen alles vor ihren Augen verschwimmen. Weiß irgendjemand, dass sie hier ist? Wird ein Rettungsschiff kommen? Isabella weiß nicht, wie solche Dinge ablaufen. Doch sie fürchtet, dass kein Schiff kommen wird. Sie sitzt auf einem gewaltigen Strand und schaut auf eine Bucht, die wie ein Kessel geformt ist. Irgendwo da draußen, im sturmumtosten Wasser, ist ihr Mann. Er ist tot. Sie sind alle tot. Ihr wird eiskalt. Sie steht mühsam auf und zwingt ihre Beine vorwärts, über den Sand, und murmelt: »Sie sind alle tot«, murmelt es wieder und wieder, um zu sehen, ob der Gedanke in ihr Wurzeln schlagen, ob sie sich daran gewöhnen kann.
Sie sind alle tot.
Sie tritt an den Rand des Wassers, hebt die Röcke und watet bis zur Taille hinein. Das Wasser ist wärmer als die Luft. Sie erleichtert sich, wobei ihr die Schamröte in die Wangen steigt, obwohl keine Menschenseele in der Nähe ist. Dann kehrt sie an den Strand zurück, in den Schutz des umgedrehten Bootes. Das reicht für heute. Ihr Magen knurrt; sie ist hungrig, hat aber keinen Appetit. Um Essen wird sie sich morgen kümmern. Den Rest des Tages verbringt sie im Sand unter dem Boot. Neue Regenwolken ziehen heran. Dann überkommt sie die Erschöpfung. In der Dämmerung schläft sie ein.
Isabella erwacht und sieht, dass sich der Regen verzogen hat. Am dämmrigen Himmel sind nur wenige, violett geränderte Wolken zu sehen. Es wird Sonnenschein geben. Das Licht bessert ihre Stimmung, aber nur vorübergehend, denn die Nacht hat etwas an den Strand gebracht.
Körper.
Zuerst macht ihr Herz einen Sprung, weil sie glaubt, dass sie schlafen. Doch dann begreift sie schnell, dass die beiden Männer in einem unnatürlichen Winkel übereinanderliegen. Ihre Beine werden von den Wellen bewegt, die sich am Strand brechen.
Isabella kehrt abrupt um und geht in die andere Richtung; sie will nicht wissen, ob es ihre Freunde oder nur Seeleute sind. Eine große Leere macht sich in ihr breit. Sie kriecht unter ihr Boot und schluchzt stundenlang.
Aber sie weiß, dass es Zeit ist zu gehen.
Außer den Leichen sind auch Trümmer des Wracks an Land gespült worden. Sie sucht nach etwas Nützlichem, findet jedoch nichts. Nur zersplittertes Holz. Keine Flaschen oder Fässer, Kleidungsstücke oder Schuhe. Sie schaut wieder hinüber zu den Leichen, wendet sich aber rasch ab. Sie wird einer Leiche nicht die Kleider stehlen. Isabellas Augen wandern zum Ende der Bucht. Wenn sie bis an die Spitze läuft, wird sie vielleicht besser erkennen können, wo sie sich befindet. Womöglich gibt es sogar eine Stadt. Der Gedanke muntert sie auf. Vielleicht wird sie Häuser sehen.
Oder einen endlosen Strand, gesäumt von einem dornigen Wald.
Isabella holt tief Luft. Zuerst muss sie Daniels Armband aus der Kiste holen.
Um das Boot herum liegen Steine im Sand. Isabella wählt einen aus und zieht die Kiste unter dem Boot hervor. Sie zielt und schlägt mit dem Stein gegen das Schloss. Der Aufprall lässt ihre Arme und Schultern erzittern. Die Schließe aus geprägtem Messing fällt ab, doch das Schloss hält stand. Weil ihr Mann solche Angst vor Dieben hatte, bevorzugte er solide Schlösser, die von innen und außen fest angeschraubt sind.
Isabella überlegt, ob sie wohl eine Diebin ist, während sie ein Stück von ihrem Unterrock abreißt und zu einem Seil dreht, das sie durch einen Messinggriff fädelt. Sie steht auf und zieht die Kiste hinter sich her.
Langsam geht sie über den Sand. Die Sonne ist heiß und steht hoch am Himmel. Sie bleibt stehen, zieht den zerrissenen Unterrock aus und wickelt ihn wie ein Tuch um den Kopf. Sie zupft den weißen Baumwollstoff ein wenig nach vorn, um ihr Gesicht zu schützen. Dann greift sie wieder nach dem Seil und geht weiter. Der Sand knirscht unter ihren Füßen. Der Rhythmus des Meeres begleitet sie: fünf Schritte, wenn es sich zurückzieht, fünf Schritte, wenn es heranbrandet. Sie erreicht das Ende des langen Arms, der die Bucht umfängt, und klettert hinauf, wobei sie die Kiste hinter sich herzieht. Langes, hartes Gras bedeckt den Boden und sticht in ihre Füße. Die Bäume, die den Strand einrahmen, sind grau und oliv. Plötzlich überkommt sie eine ungeheure Sehnsucht nach England, wo die Sonne sanft ist und die Bäume dunkelgrün sind, wo sie Schuhe hatte und wusste, was als Nächstes geschehen würde.
Sie schleppt sich weiter die Landzunge hinauf. Die Sonne erreicht den höchsten Stand und beginnt langsam wieder zu sinken, wodurch sich die Schatten des Grases im Sand verändern. Dann schließlich steht sie an der Spitze der Landzunge. Noch wagt sie nicht, hinüberzuschauen. Sie entdeckt einen Felstümpel. Er ist so hoch gelegen, dass es nur Regenwasser sein kann. Sie trinkt, obwohl Sand zwischen ihren Zähnen knirscht. Sie wünscht sich, sie hätte gestern Regenwasser gesammelt, doch dann fällt ihr ein, dass sie kein Gefäß hat.
Sie stellt die Kiste ab, richtet sich auf und wirft einen tapferen Blick hinüber. Zuerst nach Norden. Nichts. Endloser Sand, in der Ferne eine weitere Landzunge, die im Meeresdunst verschwimmt. Dann blickt sie nach Süden. Auch nichts. Noch mehr Dunst. Noch mehr blaugrüner Ozean, der jenseits der schützenden Bucht wild herandonnert.
Endlos. Endlos.
Sie kommt sich so klein vor, spürt die ungeheure Größe der Welt, die schweigende Gleichgültigkeit Gottes. Sie spürt die Macht des Ozeans und ihre eigene Kraftlosigkeit. Isabellas Knie geben unter ihr nach. Sie setzt sich in das stachelige Gras, das sich durch ihr Kleid bohrt, legt die Stirn auf die Knie und wünscht sich sehnlichst, wie alle anderen zu sterben.
So bleibt sie lange sitzen. Ihr Herz hämmert in den Ohren, das Meer brandet um sie herum, und sie sehnt sich nach einem kleinen, ruhigen Platz und Unterkunft und Essen. Sie hebt den Kopf. Sie kann hier nicht ewig sitzen bleiben, dann wird sie ganz sicher sterben. Im Norden sind Wolken zu sehen, die zu Sturmwolken werden könnten. Das Schiff fuhr nach Süden, also muss es im Süden etwas geben. In schmerzhafter Ferne, vielleicht Hunderte Meilen von hier. Doch irgendetwas ist dort, und dort muss sie hin. Sie kann nicht hierbleiben, wo es gar nichts gibt. Ihr Magen knurrt schon vor Hunger, und die Sonne lässt das Regenwasser verdunsten. Sie fürchtet sich, zwischen den Bäumen hindurchzugehen; allein der Anblick lässt sie zusammenzucken. Also wird sie in Richtung Süden über den Strand gehen.
Sie möchte weinen, doch das wird ihr nichts nützen. Weinen bringt Daniel nicht zurück. Es wird nicht sein Armband retten oder ihr einen Weg nach New York zu ihrer Schwester weisen. Sie steht auf, greift nach dem improvisierten Seil und steigt an der anderen Seite des grasbewachsenen Abhangs hinunter, bis sie auf den glatten, nackten Sand gelangt. Sie geht weiter und zieht die Kiste aus Walnussholz hinter sich her. Es ist besser, in der Abendkühle zu gehen und sich während der heißesten Stunden des Tages auszuruhen. Sie geht, bis die Sterne zu sehen sind, Tausende von ihnen, die in fremden Mustern am schwarzen Himmel glitzern. Sie geht, bis die Nacht die letzte Hitze vom Land verjagt. Sie geht, bis ihre Beine und Füße sich anfühlen, als wären sie flüssig, und steigt hinauf zum Saum des stacheligen Waldes und legt sich zum Schlafen in den Sand.
Isabella erkennt, dass sie nie zuvor wirklichen Hunger verspürt hat. Vielleicht kennt sie das schwache Nagen eines leeren Magens, das man vor dem Frühstück empfindet. Aber Hunger ist viel umfassender als das. Ihre Eingeweide fühlen sich wund an. Die Sonne brennt herab, als sie aufwacht, und sie weiß, dass es Selbstmord wäre, jetzt weiterzulaufen. Sie hat weniger Angst vor dem Wald als zuvor und geht ein kleines Stück, um den kargen Schatten zu nutzen. Hier gibt es noch Pfützen mit Regenwasser, und sie kann immerhin ihren Mund benetzen, damit er sich nicht wie ein Stück Stoff anfühlt. Obwohl ihr Gesicht jetzt im Schatten liegt, ist die Haut schon rissig und trocken vom Salz und dem Wind und dem Meer, das die Sonne reflektiert. Ihre Hände sind sonnenverbrannt und wund, weil sie die schwere Kiste schleppt. Sie hält die Finger vors Gesicht und fragt sich, wo ihr Ehering jetzt sein mag.
Er liegt zusammen mit dem anderen Schmuck in der mit Seide ausgekleideten Schatulle auf dem Meeresgrund. Erst vor wenigen Tagen hat sie den Wert geschätzt, ihre Flucht geplant, das Verzeichnis aufgestellt. Alles weggespült.
Sie setzt sich hin, umfasst die Knie und beugt sich vor, will es sich auf Sand und Laub bequem machen. Aber ihr Magen tut weh, sie muss essen. Egal was. Sie dreht sich um. Die Bäume wachsen dicht. In England würde sie wissen, wo sie wilde Heidelbeeren oder einen Pfirsichbaum suchen kann. Beim Gedanken an Obst läuft ihr das Wasser im Mund zusammen. Sie steht auf und lässt die Kiste allein. Wer sollte sie schon stehlen? Sie geht ein Stück zwischen die Bäume, die Zweige zerkratzen ihre Arme. Sie wird von einem eindringlichen, fremdartigen Geruch überwältigt. Die Bäume und Büsche sehen aus, als würden sie nie und nimmer Früchte tragen. Alles wirkt verdorrt, vertrocknet, verhungert.
Sie erstarrt, als ein gleitendes Geräusch im Gebüsch ertönt, und weicht zurück. Eine Schlange? Oder etwas noch Schlimmeres? Sie kehrt zu der Kiste zurück, setzt sich daneben und versucht, nicht an Essen oder Wasser zu denken.
Isabella weiß natürlich, dass die Winterbournes nach dem Amtsstab suchen werden. Sie will ihn loswerden, damit sie endlich frei ist. Vor allem frei von Percy. Ihr Entsetzen ist groß genug, sie muss sich nicht noch ausmalen, wozu Percy fähig wäre, wenn er wüsste, dass sie den Amtsstab bei sich hat. Während der heißesten Zeit des Tages versucht sie wieder und wieder, die Kiste zu öffnen. Sie benutzt Steine und Stöcke und Muscheln mit scharfen Kanten. Sie quetscht sich eine Fingerspitze, die blau anläuft, doch der Kasten ist immer noch verschlossen. Der Schlüssel steckt in der Westentasche ihres Mannes. Vielleicht ist er inzwischen angespült worden, vielleicht liegt er auch tief im Ozean. Sobald sie die Zivilisation erreicht, kann sie das Ding öffnen. Schließlich ist sie nur aus Holz. Sie muss sich Werkzeuge leihen und die Kiste öffnen und Daniels Armband herausholen. Dann muss sie zu einem Hafen gelangen, von dem aus sie nach New York fahren kann. Die Winterbournes werden sie für tot halten und nicht verfolgen. Sie ist frei, sofern sie überleben und den verfluchten Amtsstab loswerden kann.
Die Schatten werden länger, und sie steht auf und geht weiter. Heute ist sie langsamer: Sie schafft jeweils nur vier Schritte beim Heranbranden und Zurückweichen der Wellen. Der Hunger schwächt sie, doch kurz vor der Dämmerung entdeckt sie eine Furche, die ein brauner Wasserlauf in den Sand gezogen hat. Sie geht den Strand hinauf und in den Wald, bückt sich und schöpft Wasser in ihren Mund. Der starke Regen hat den Bach schnell und reißend gemacht. Das Wasser schmeckt seltsam mineralisch, aber das ist ihr egal. Sie trinkt, bis ihr Bauch schmerzt. Sie beschließt, die Nacht und den nächsten Morgen hier zu verbringen, wo sie das Wasser hören und sicher sein kann, dass sie nicht verdursten wird. Der Boden ist weich. Sie liegt lange da, ohne zu schlafen, und schaut zwischen den stacheligen Blättern hinauf zu den fremden Sternen.
***
Am nächsten Morgen wird Isabella vom Hunger geweckt. Ihre Füße sind wund, die Hände voller Blasen, aber sie spürt nur den Hunger. Sie ist keine Frau mehr, nur ein einziger großer Schmerz. Sie muss etwas zu essen finden. Sie weiß, sie muss tapfer sein und sich tiefer in den Wald wagen.
Mit schwachen, zitternden Fingern umwickelt sie die Kiste mit dem Seil aus dem Unterrock und bindet sie auf den Rücken. Sie hat Zeichnungen von Eingeborenenfrauen gesehen, die ihre Kinder so tragen. Langsam folgt sie dem Bachlauf, steigt über Steine und Zweige und morastiges Laub. Trotz des dichten Blattwerks findet sie einen schmalen, sandigen Weg. Sie hört fremdartige Vogelstimmen und sehnt sich nach Amseln.
Dann sieht sie eine Bewegung aus dem Augenwinkel. Sie zuckt zusammen und dreht sich um, wobei sie eine große grün-braune Eidechse entdeckt, die ihre Beine um einen schmalen Baumstamm geschlungen hat. Sie schaut sie an; Isabella erwidert den Blick.
Trotz der Angst und des Ekels begreift sie, dass sie sie fangen, kochen und essen könnte.
Doch die großen Krallen sehen scharf aus, und sie zögert so lange, bis das Tier den Baum hinaufhuscht und auf einen Ast läuft. Jetzt kann Isabella nur noch den Schwanz sehen und wünscht sich, sie wäre entschlossener vorgegangen, denn ihr Magen dröhnt vor Hunger, und sie fühlt sich schwach und schwindlig.
Sie schaut sich um. Die Bäume versperren die Sicht auf den Strand, aber sie kann noch den Ozean hören und weiß, dass sie den Weg zurückfindet. Weiter in den Wald? Aber wieso? Was hofft sie dort zu finden? Die Verzweiflung überkommt sie, aber sie fällt nicht auf die Knie, schlägt nicht mit dem Kopf gegen einen Baum. Sie schleppt sich weiter, verletzt sich die Fußsohlen an Steinen und Ästen. Ihre Augen suchen die ganze Zeit. Sie weiß nicht, was essbar ist und was nicht. Sie entdeckt einen Busch mit gekräuselten gelben Blüten und eiförmigen Beeren. Einige sind auf den Boden gefallen. Isabella hebt eine auf und dreht sie in den Fingern. Wenn sie nun giftig ist?
Wenn sie giftig ist, stirbt sie immerhin schnell.
Isabella isst die süße grüne Beere. Ein Samenkorn knirscht zwischen ihren Zähnen, und sie spuckt es aus. Sie isst alle abgefallenen Früchte und pflückt weitere vom Busch. Die gepflückten sind noch hart und sauer. Sie geht weiter in den Wald hinein und sucht nach herabgefallenen Früchten. Ihr Magen heult auf. Eine Handvoll Beeren kann sie nicht satt machen, doch immerhin hat sie etwas gegessen.
Die Sonne scheint jetzt warm vom Himmel, und sie kann nicht ertragen, wie der Schweiß unter ihren Brüsten hervorsickert. Ihr Rücken tut weh, also nimmt sie die Kiste herunter und stellt sie zwischen dunklen Baumwurzeln ab. Sie setzt sich darauf und versucht, die sonnenverbrannten Hände in den Schattenflecken zu halten.
Eine Bewegung im Unterholz, etwas Weißes blitzt auf. Isabella schaut misstrauisch hin, steht auf und geht darauf zu. Eine Möwe: verletzt oder alt, sie stützt sich auf einen Flügel, kann weder fliegen noch weglaufen.
Der Instinkt ist stärker als alles andere. Sie hat seit vier Tagen nichts anderes als Beeren gegessen. Rasch greift sie nach einem Stein, kneift die Augen halb zu und lässt ihn auf den zarten Schädel des Vogels niedersausen. Er rührt sich nicht mehr.
Isabellas Magen dreht sich bei dem Gedanken an ihre Tat um. Sie hat noch nie etwas getötet, und in ihrem schwachen, verletzlichen Zustand zerreißt es ihr das Herz, weil sie die Möwe, die so um ihr Leben gekämpft hat, grausam ermordet hat. Sie kauert sich neben die zermalmte Leiche, vergräbt die Hände im Haar und schluchzt. Das Schluchzen klingt laut in der frischen Seeluft, donnert durch den stacheligen Wald, sinkt zu Boden und lässt ihn erzittern.
Der Hunger mahnt sie, mit dem Weinen aufzuhören. Sie muss weitergehen. Sie hebt den Vogel an den Füßen hoch und legt ihn vorsichtig auf die Kiste, ohne ihn näher zu betrachten. Sie hat gesehen, wie die Köchin einen Vogel gerupft und ausgenommen hat, also weiß sie, was zu tun ist. Doch sie hat noch nie Feuer gemacht. Sie konzentriert sich auf diese eine Aufgabe, sucht Steine für eine Feuergrube, Reisig und einige gute, trockene Stöcke, die sie aneinanderreiben kann. Sie hat Blut an den Händen und zwingt sich, nicht zimperlich zu sein, es gehört doch zum Essen. In allen Küchen der Welt wird regelmäßig Blut vergossen. Sie reibt die Stöcke aneinander. Nichts passiert. Sie versucht es noch einmal. Sie hockt sich hin und stößt einen frustrierten Schrei aus, der ihr die Kehle zerreißt. Sie reibt die Stöcke weiter aneinander. Wo bleibt das Feuer? Wo bleibt das verdammte Feuer?
Ein Geräusch. Sie zuckt zusammen und schießt herum.
Ein Hund. Nein, ein Wolf. Eine Mischung aus Hund und Wolf steht auf der anderen Seite der Kiste. Sie sieht das Tier, die tote Möwe und springt vor.
Der wilde Hund macht ebenfalls einen Satz. Er reißt die Kiefer auseinander, um nach der Möwe zu schnappen, als ihre Hand die weichen Federn berührt. Der wilde Hund zögert nicht. Er lässt den Vogel fallen und schließt die starken, scharfen Zähne um ihre Hand. Isabella schreit. Ein heißer, reißender Schmerz. Sie will die Hand zurückziehen, aber der wilde Hund hält sie fest. Sie zieht die andere Hand hervor, ballt sie zur Faust und schlägt auf den Kopf des wilden Tieres ein. Er lässt sie los, sie kippt nach hinten, und der Hund ist verschwunden – mitsamt der toten Möwe.
»Nein!«, schreit sie. »Nein, nein, nein!« Blut quillt aus ihrer verwundeten Hand; die Form des Mauls zeichnet sich naturgetreu auf der sonnenverbrannten Haut ab. Sie nimmt den Unterrock vom Kopf und wickelt ihre Hand darin ein, um das Blut zu stillen. Die Leere in ihrem Inneren, um sie herum. Alles ist leer. Sie fällt schwer auf die Kiste und kann sich nicht mehr bewegen.
Am frühen Abend spielt ihr Verstand ihr Streiche, denn sie riecht gebratenes Fleisch. Sie steht auf und schnuppert. Das Wasser läuft ihr im Mund zusammen, doch sie weiß, dass sie es sich einbildet, wie eine Fata Morgana in der Wüste – nur sehnt sie sich nicht nach Wasser, sondern nach Essen. Sie steht auf und schnallt sich wieder die Kiste auf den Rücken, fest entschlossen, etwas zu essen zu finden, selbst wenn ihr davon schlecht wird. Ohne Nahrung kann sie nicht weitergehen. Sie pflückt rücksichtslos die rosa Beeren von den Bäumen, so hoch sie reichen kann, und saugt an ihnen. Sie kämpft sich zwischen Ästen und wucherndem Unterholz hindurch, ohne auf das Netz aus Kratzern zu achten, das sich unter ihren zerrissenen Ärmeln auf der Haut ausbreitet. Sie bleibt häufig stehen, um aus dem Bach zu trinken. Ihr Kopf hämmert, und ihre Gedanken sind dunkel und wirr. »Sch«, sagt sie zu sich. »Sch, sch.« Nicht daran denken. Sobald du essen kannst, wird alles wieder gut. Alles wird gut. Wenn ihr Magen erst voll ist, kann sie geradewegs nach Süden laufen. Sie wird eine Stadt finden, und dort wird es Essen geben: gebratenes Rindfleisch und neue Kartoffeln. Yorkshire-Pudding und Bratensoße.
Isabella ist zu sehr in ihre Selbstgespräche vertieft, um die Schritte zu hören. Ein dunkler Schatten lässt sie aufblicken, und das Herz schlägt ihr bis zum Hals. Zwei schwarze Männer stehen vor ihr, sie tragen nichts außer Muschelarmbändern. Jeder von ihnen hält einen langen Speer in der Hand.
Sie kreischt. Weicht zurück, will weglaufen, stolpert aber über einen Ast und fällt mitsamt der Kiste auf dem Rücken zu Boden. Der Aufprall ist hart, Schmerz schießt durch ihren Nacken. Sie schreit und streckt die Arme in die Luft. Die Dunkelheit kommt sofort, sie kann ihr nicht entfliehen.