Sechsundzwanzig

2011


Schon bevor Libby aufwachte, spürte sie das warme Glück in ihrem Herzen. Dann öffnete sie die Augen. Was war los? Ach ja. Gestern mit Tristan. Sie drehte sich um und tastete nach der leeren Seite des Bettes. Er hatte sich gegen ein Uhr morgens davongestohlen, nachdem sie einen Tag und eine Nacht in einem zerwühlten Bett verbracht hatten. Sie hatten geredet, gegessen, eine Flasche Wein getrunken. Natürlich hatten sie sich auch geliebt, seine Hände hatten ständig die Kurven ihres Körpers abgetastet, ihre Finger wurden wieder und wieder von seinem stoppeligen Kinn angezogen. Er hatte seine Termine abgesagt und das Handy ausgeschaltet und auf dem Nachttisch liegen lassen, ein stummer Zeuge ihres Vergnügens. Sie hatte sich danach gesehnt, sich an ihn zu kuscheln und die ganze Nacht neben ihm zu schlafen. Sie hatte ihn gebeten, bei ihr zu bleiben, doch er hatte gesagt, er habe einen frühen Termin und wolle sie nicht stören, wenn er aufstand.

Libby schaute auf die Uhr, die auf dem Nachttisch stand. Halb zehn. Er dürfte jetzt schon bei seiner Besprechung sein. Ob er wohl das gleiche selige Grinsen im Gesicht hatte wie sie?

Sie drehte sich auf den Rücken und legte die Arme über die Augen. Ihr Herz war zum Zerreißen gespannt. Wie wunderbar, wieder Leidenschaft für einen Mann zu empfinden. Bei der Vorstellung, Mark zu vergessen, spürte sie einen kleinen Stich im Herzen, aber sie hatte ihn ja nicht vergessen. Sie hatte nicht einmal aufgehört, ihn zu lieben. Vielleicht hatte sie nur endlich akzeptiert, dass er nie mehr wiederkommen würde.

Sie blieb lange so liegen, döste vor sich hin, erinnerte sich an die pure Freude von gestern und sagte sich schließlich, dass sie viel Arbeit am Katalog hatte und es sich nicht leisten konnte, noch länger im Bett zu bleiben. Die Mail mit den Fotos war vermutlich schon angekommen, und sie musste den letzten Entwurf überarbeiten. Sie stand auf, ging ins Bad und wollte gerade in die Dusche steigen, als es klopfte.

Tristan. Wer sonst? Seine Besprechung war erledigt, und er war zurückgekommen. Sie zog rasch ihren Bademantel über und lief zur Tür.

Nicht Tristan. Graeme Beers. Die Enttäuschung tat weh. Er hatte auf der Straße geparkt, sein Sohn saß am Steuer.

»Tut mir leid, dass ich nicht vorher angerufen habe. Aber ich hatte Ihre Nummer nicht, und es war … hm … dringend.«

»Dringend?« Sie zog den Bademantel enger um sich und war sich ihrer Nacktheit darunter nur zu bewusst.

Er hielt ihr einige Papiere hin. »Ja, es sieht aus, als … als hätte ich was übersehen. Sie müssen die hier unterzeichnen, bevor Sie tauchen.«

Libby nahm die Unterlagen stirnrunzelnd entgegen. Es war eine Art Vertrag, der Graeme und seine Firma vor möglichen Schadenersatzansprüchen schützte, falls seinen Tauchern etwas zustieß. Fast hätte sie gelacht. Er hatte Angst, sie könnte ihn wegen des Vorfalls verklagen.

»Kommen Sie herein. Ich suche nur einen Stift.«

»Ich begreife nicht, warum ich nicht daran gedacht habe, Ihnen die zu zeigen. Ich …«

»Schon gut. Ich werde Sie nicht verklagen. Oder anzeigen.« Sie fand einen Stift auf dem Schreibtisch, hakte die zutreffenden Kästchen ab und unterzeichnete. »Hier.«

»Danke. Es …«

Vielleicht wollte er sagen, es täte ihm leid, doch damit hätte er einen Fehler eingestanden. Sie machte eine wegwerfende Geste. »Alles in Ordnung. Mir geht es gut.«

Er nickte und ging rückwärts aus der Tür. Sie schloss sie hinter ihm und wandte sich zum Schreibtisch.

Dann hörte sie es.

Das Motorengeräusch. Dasselbe, das sie nachts vor dem Haus gehört hatte. Sie rannte zur Tür und sah gerade noch, wie Graeme und sein Sohn davonfuhren. Falls sie noch irgendeinen Zweifel gehabt hatte, verschwand er, als der Wagen am Fuß des Hügels eine Fehlzündung hatte.

Nein, es bestand kein Zweifel: Graeme Beers und sein Sohn waren nachts um ihr Haus geschlichen. Bei dem Gedanken bekam sie eine Gänsehaut. Was hatten sie vor?

Noch im Bademantel marschierte sie geradewegs zum Leuchtturm und hämmerte an die Tür. Niemand öffnete. »Damien!« Er war nicht da.

Sie kehrte zum Cottage zurück. Was sollte sie machen? Graeme anrufen und zur Rede stellen? Zur Polizei gehen und es Sergeant Lacey melden? Sie sah auf die Uhr. Ob Tristan mit seiner Besprechung fertig war und mit ihr darüber reden konnte?

Sie rief ihn auf dem Handy an, doch es meldete sich nur die Mailbox. Sie notierte rasch seine Büro- und Privatnummer, die am Ende der Ansage genannt wurden, und rief im Büro an.

»Tut mir leid, Mr. Catherwood ist heute nicht da.«

»Nicht da?« Vielleicht hatte er die Besprechung irgendwo anders.

»Er hat den Rest der Woche Urlaub genommen.«

Sie legte auf und schaute lange auf die Privatnummer, die auf ihrem Zettel stand. Nach ihrem intimen Zusammensein wäre es sicherlich möglich, ihn zu Hause anzurufen.

Urlaub. Ein früher Termin. Libby durfte sich keinen Kopf deswegen machen. Tristan war ehrgeizig, durchaus denkbar, dass er auch im Urlaub einen Termin wahrnahm. Sie griff nach dem Telefon, bevor sie es sich anders überlegen konnte, und wählte die Privatnummer.

Es klingelte einmal. Zweimal. Ihr Herz schlug langsamer. Er war nicht da. Beim fünften Klingeln meldete sich eine Frauenstimme. »Hallo?«

Libby brauchte zwei Sekunden, bis sie sich gefasst hatte. »Hallo. Ich wollte mit Tristan sprechen.«

»Wer ist denn am Apparat?« Die Stimme klang hart.

»Elizabeth Slater.«

»Einen Moment.« Das Telefon wurde unsanft abgelegt. Kurz darauf meldete sich Tristan.

»Hi, Libby.«

»Ich brauche deine Hilfe, Tristan …«

»Kann ich dich gleich zurückrufen? In fünf … in fünf Minuten, okay?«

»Okay.«

Er legte auf. Libby schleuderte das Telefon quer durchs Zimmer. Es landete scheppernd neben dem Sofa. Sie war nicht dumm. Sie kannte die Anzeichen. Er war verheiratet.

Genau wie Mark.

Sie ging unter die Dusche und stellte das Wasser so heiß wie möglich. Das Telefon klingelte, aber sie ignorierte es, setzte sich auf den Boden und ließ das Wasser durch ihre dunklen Haare und über ihren Rücken fließen. Sie atmete tief durch. Nach dem Hochgefühl vom Morgen, dem Glück und der Hoffnung, war dieser Absturz umso schmerzlicher.

Doch dann begriff sie, dass alles gut würde. Sie würde das verfluchte Haus verkaufen und nach Frankreich zurückkehren. All ihre Probleme wären damit gelöst: Tristan, Juliet, Graeme. Sie würde in eine luxuriöse Wohnung ziehen, die Türen abschließen und ihr Herz niemals wieder öffnen.

Irgendwann ging das heiße Wasser aus. Sie stieg aus der Dusche und wickelte sich in ein Handtuch. Das Telefon klingelte erneut. Diesmal meldete sie sich.

»Hier ist Tristan.«

»Bist du verheiratet?«

Pause. »Nein.«

»Wer war das vorhin am Telefon?«

»Können wir das persönlich besprechen? Bitte, sei nicht eifersüchtig. Eifersüchtige Frauen machen sich das Leben selbst schwer. Wir sind doch noch ganz am Anfang unserer Beziehung.«

Sein Tadel schmerzte, und sie wurde rot vor Scham. Welches Recht hatte sie, ihm diese Fragen zu stellen? Vermutlich hielt er sie jetzt für verrückt. »Tut mir leid«, seufzte sie. Dann kam ihr ein anderer Gedanken, verbunden mit einem Kribbeln. »Wie war deine Besprechung heute Morgen?«

»Gut. Es war nichts Berufliches. Eine juristische Sache. Ich habe einige Immobilienangelegenheiten zu regeln.«

Ja, sie benahm sich tatsächlich wie eine Verrückte. Machte sich Gedanken über seine Besprechung, zog irgendwelche Schlussfolgerungen wegen einer Frauenstimme am Telefon. Schwester, Mitbewohnerin, Putzfrau. Aber nicht seine Ehefrau. Das hatte er selbst gesagt. Nicht verheiratet. Das waren nur die Nachwirkungen ihrer Beziehung zu Mark.

»Lass uns Freitagabend essen gehen. Ich möchte dich so gerne wiedersehen. Ich habe diese Woche viel zu tun wegen dieser juristischen Sache, aber Freitagabend wäre ich bereit für ein schönes Glas Shiraz und ein gutes Essen.«

»Klingt wunderbar.« Es war ihr ernst damit.

»Du hast gesagt, du brauchst meine Hilfe. Ich habe mir Sorgen gemacht, als du nicht ans Telefon gegangen bist.«

»Ach so. Ich glaube, ein Problem hat sich gelöst. Ich weiß jetzt, wer sich nachts an meinem Haus herumgetrieben hat, aber wenn ich erst umgezogen bin, spielt das keine Rolle mehr.«

»Wer denn?« Sie hörte den Argwohn in seiner Stimme.

»Graeme Beers. Der Tauchlehrer aus Winterbourne Beach. Ich habe sein Motorengeräusch erkannt.«

»Warum sollte er sich an deinem Haus herumtreiben?«

»Keine Ahnung.«

Kurzes Schweigen. »Ich weiß nicht, Libby, das klingt ein bisschen … unwahrscheinlich. Sicher hören sich viele Autos gleich an.«

»Ich bin mir absolut sicher.«

»Na schön. Ich glaube dir. Und es gefällt mir nicht, also ruf die Polizei an und sag Bescheid. Du solltest ihn nicht allein zur Rede stellen.«

Sein Beschützerinstinkt rührte sie, und sie hoffte schon, er werde anbieten, an diesem Abend vorbeizukommen, doch das erwies sich als Trugschluss.

»Tut mir leid, Libby, ich muss los. Ich habe heute noch ein paar Termine und bin spät dran.«

»Kein Problem. Bis Freitag.«

»Ich kann‘s kaum erwarten.«

Sie legte das Telefon weg, zog sich an und beschloss, Scott Lacey anzurufen. Ihr Magen knurrte, und ihr wurde klar, dass sie seit dem vergangenen Nachmittag nichts mehr gegessen hatte. Sie schaltete den Wasserkocher ein.

»Sergeant Lacey.«

»Scott, ich bin‘s, Libby Slater.«

»Ach, guten Morgen.« Ziemlich kühl.

Sie erklärte rasch die Situation, spürte aber seine Zweifel, noch bevor er ein Wort gesagt hatte.

»Tut mir leid, aber das reicht nicht aus, um etwas zu unternehmen.«

»Wirklich, ich habe dieses Motorengeräusch sofort wiedererkannt.«

»Vielleicht ist es das gleiche Modell, aber das ist noch lange kein Grund, bei ihm aufzutauchen und um eine Erklärung zu bitten.«

Libby schwieg einen Augenblick. »Liegt es daran, dass ich Juliet durcheinandergebracht habe?«

»Was? Nein. Das ist doch lächerlich. Ich bin durchaus in der Lage, meine Gefühle dir gegenüber und meine Arbeit auseinanderzuhalten.«

Libby unterdrückte eine scharfe Erwiderung. »Tut mir leid«, sagte sie gezwungen.

»Schon gut. Es geht ja um deine Sicherheit. Das kann ich verstehen. Dein Haus steht immer noch auf der Liste für unsere Streife. Wir haben dich nicht vergessen.«

Libby bedankte sich und hängte ein. Das Wasser kochte, und sie schaltete es aus, stand aber lange da und sah hinaus aufs Meer, fühlte sich ängstlich und unzufrieden und wusste nicht, was sie als Nächstes tun sollte.


Damien arbeitete jeden Nachmittag zwischen dem Mittagessen und dem Tee in der Küche und verschwand zwischen drei und halb fünf. Wenn es in der Teestube wieder leer war, arbeitete er weiter. Manchmal blieb er bis sieben und achtete immer darauf, dass Juliets Geschäft nicht darunter litt. Statt die ganze Küche auf einmal auseinanderzunehmen, ging er schrittweise vor.

Die Schranktüren waren schlichte Eichenbretter, die er draußen neben dem Eimer mit dem Biomüll beizte. Als Juliet an diesem Nachmittag die Scones in den Ofen geschoben hatte, schaute sie aus dem Küchenfenster und erlaubte sich einen Blick auf den im Sonnenschein arbeitenden Damien: starke Arme, gebräunte Haut, schimmerndes Haar.

Cheryl trat neben sie. »Eine Augenweide, was?«

Sie fuhr zusammen. Wurde verlegen. »Oh. Nein, ich … ich wollte nur sehen, wie er mit dem Beizen vorankommt. Er hat einen hübschen Farbton ausgewählt, was?«

Cheryl krümmte sich vor Lachen, und Juliet wurde flammend rot.

»Schon gut, Juliet. Ich habe ihn auch angestarrt. Er sieht wirklich zum Anbeißen aus. Schade, dass er keinen Blick für alte Schachteln wie uns hat, was?«

Juliets Herz zog sich zusammen. Alte Schachteln wie uns. Sie war sieben Jahre jünger als Cheryl, aber immer noch zehn Jahre älter als Damien.

Cheryl schaute sie prüfend an und runzelte die Stirn. »Mach keine Witze. Du schwärmst doch nicht für ihn, oder?«

»Nein, nein. Natürlich nicht.«

Cheryl zog misstrauisch eine Augenbraue hoch. »Das möchte ich auch nicht hoffen. Du solltest dir einen wunderbaren, soliden Mann suchen, der dich auch noch liebt, wenn du alt und runzelig bist. Jemanden mit einem anständigen Bankkonto, das wäre ein guter Anfang.«

»Seine Ex hat die gemeinsamen Konten eingefroren.«

Sie tat die Bemerkung ab. »Vertrau ihm nicht zu sehr. Und verliere dein Herz nicht an einen jungen Hengst.« Dann verschwand Cheryl mit einer Flasche Desinfektionsspray und einem Lappen, um das Speisezimmer zu reinigen.

Juliet ließ sich mit dem Rücken zum Fenster gegen das Spülbecken sinken. Sie kam sich dumm vor. Natürlich fühlte sie sich von Damien angezogen, aber nicht weil er jung war und gut aussah. Er war freundlich. Sprach mit sanfter Stimme. Hatte starke moralische Grundsätze. Das alles waren wichtige Eigenschaften bei einem Mann.

Doch Cheryl hatte recht, auf ihn musste sie alt wirken. Sie war früher seine Babysitterin gewesen; vermutlich betrachtete er sie als Mutterfigur, höchstens als ältere Schwester. Bei der Vorstellung zog sich alles in ihr zusammen. Sie erinnerte sich, wie er ihre Hände gehalten hatte. Seine Hände waren jung und gebräunt, an ihren wurde die Haut dünn, und die Adern schimmerten durch. Ganz zu schweigen von den Falten um ihre Augen. Und sie hatte sich nicht vor der Sonne geschützt wie Libby, daher war ihre Haut an Armen und Dekolleté fleckig geworden. Plötzlich kam sie sich vor wie eine Hexe, eine Hexe mittleren Alters. Die Vorstellung, einen jüngeren Mann zu lieben und sich ein gemeinsames Leben aufzubauen und Babys zu bekommen, war lächerlich, ein idiotischer Traum. Dafür war es viel zu spät.

An diesem Abend suchte sie bei Datemate nach Profilen von Männern, die so alt waren wie Damien: Alle wünschten sich Frauen zwischen zwanzig und dreißig, keine, die sich der vierzig näherten. Halbherzig schaute sie sich nach Männern in ihrem Alter oder älter um, doch keiner weckte ihr Interesse. So war es immer, und sie hatte lange Zeit geglaubt, sie werde einfach keinen Mann mehr finden, der ihr so gut gefiel wie Andy.

Doch jetzt, nach zwanzig Jahren, hatte sie vielleicht einen gefunden. Und es bedrückte sie, dass er in ihr nicht das sehen konnte, was sie in ihm sah.


In den folgenden Tagen arbeitete Libby lange und konzentriert. Sie gewöhnte sich daran, gelegentlich mit Emily zu telefonieren. Sie wagte sogar zu fragen, ob diese irgendetwas über den Schiffbruch der Aurora wusste. Emily war begeistert, dass Libby zum Wrack getaucht war, und versprach, alles Wissenswerte für sie zusammenzutragen.

Die Fotos, die aus Paris zurückkamen, waren ausgezeichnet. Nur drei mussten neu gemacht werden, und sie wartete auf eine E-Mail ihres Fotografen Roman Deleuze, der ihr die Bilder schicken wollte. In der Zwischenzeit überarbeitete sie weiter die Katalogseiten, verschob Bilder und Texte. Obwohl sie den Winterbourne-Katalog seit Jahren gestaltete, war es diesmal besonders aufregend. In diesem Jahr wollte Emily etwas anderes, Moderneres. Libby genoss jeden Augenblick. Sie wünschte sich, Mark könnte das Ergebnis sehen, und überlegte, was er wohl davon halten und ob er seine Meinung über Emily ändern würde, wenn er sähe, wozu sie fähig war.

Als sie das Motorrad des Postboten hörte, stand sie auf, reckte und streckte sich. Zeit für eine Pause und eine Tasse Tee. Sie ging nach draußen zum Briefkasten. Zum ersten Mal spürte sie, dass der Herbst in der Luft lag. Es schien kaum möglich: Lighthouse Bay war ein Ort, an dem immer die Sommersonne schien und die warme Luft vom Meer aufstieg. Sie atmete tief die ungewohnte Frische ein und holte einen großen Umschlag von Ashley-Harris Holdings aus dem Briefkasten.

Sie riss ihn auf. Seitenweise juristisches Kleingedrucktes, das mussten die Verträge über den Verkauf des Hauses sein. Vermutlich war es ein Standardvertrag, doch es hätte ebenso gut eine fremde Sprache sein können.

Sie brauchte eine juristische Beratung.

Libby seufzte. Sie wollte die Sache schnell hinter sich bringen, doch einige tausend Dollar für einen Rechtsanwalt waren vermutlich gut angelegt, wenn es um ein derart großes Immobiliengeschäft ging. Sie kehrte ins Haus zurück und suchte das örtliche Telefonbuch heraus. Dann rief sie in der erstbesten Kanzlei an und vereinbarte für den nächsten Montag einen Termin.

Sie kochte Tee und kehrte an den Schreibtisch zurück, wo sie Bossy von ihrem Bürostuhl vertreiben musste. Die Mail von Roman Deleuze mit den neuen Fotos war angekommen. Libby schickte rasch eine Antwort, in der sie sich bedankte und sagte, alles sei wunderbar.

Er antwortete sofort.

Mieses Wetter in Paris. Ich beneide Sie.

Sie scrollte hinunter und sah, dass er ein Foto angehängt hatte: Feierabendverkehr vor seinem Fenster. Regen. Leute mit gesenkten Köpfen unter Regenschirmen, Regenmantel an Regenmantel, dicht gedrängt. Es sah wirklich mies aus, und sie musste lachen. Aus einer Laune heraus griff sie nach ihrem Handy und ging nach draußen an den Strand: die unendliche Weite des Sandes, der tiefblaue Himmel, das türkisblaue Meer. Sie machte ein Foto, verband das Handy mit ihrem Computer und schickte es ihm.

So sieht es hier im Herbst aus.

Sie schrieben eine Weile hin und her, wobei sie ihn mit dem Stadtleben und dem schlechten Wetter aufzog und er sich darüber lustig machte, dass sie ihr ganzes Leben im Urlaub verbrachte. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, dass sie in einem Paradies lebte. Weil sie hier aufgewachsen war, hatte sie es immer als selbstverständlich betrachtet. Doch der Strand und der Himmel und die Sonne waren ein richtiges Wunder. Irgendwann wurde jeder frustriert, der inmitten stickiger Auspuffgase und feuchter Menschenmengen in Regenmänteln lebte, und begann vom warmen Ozean zu träumen.

Würde es ihr auch so gehen? Würde auch ihr die Luxuswohnung in Paris eines Tages nicht mehr reichen? Würde sich die Sehnsucht umkehren und die Küste von Queensland sie wieder zu sich locken? War es ihr bestimmt, immer und überall unzufrieden zu sein?

Roman ging offline, weil er eine Besprechung hatte, und Libby überlegte, ob sie vor ihrer Abendschicht etwas essen sollte. Sie wollte den Katalog unbedingt fertigstellen und sich mit der Arbeit von anderen Gedanken ablenken.


Als Libby zehn Minuten zu spät ins Azzurro kam und Tristan nicht sofort entdeckte, geriet sie einen Moment in Panik. Hatte er keine Lust mehr gehabt zu warten und war nach Hause gefahren? Oder schlimmer noch, hatte er sie einfach versetzt?

Der Oberkellner sah sie einsam und verloren dastehen und erkundigte sich, ob er helfen könne.

»Ich bin hier mit Tristan Catherwood verabredet. Ist er schon da?«

»Ja, er ist oben. Kommen Sie bitte mit.«

Libby folgte dem Oberkellner durchs Restaurant, an der Küche vorbei und eine Treppe hinauf. Sie gelangten auf einen gewaltigen Balkon mit Blick auf den Fluss. An einem einzelnen, mit Kerzen beleuchteten Tisch saß Tristan.

Sie lachte. »Du lieber Himmel.«

Der Oberkellner zwinkerte ihr zu. »Mr. Catherwood hat auf etwas Besonderem bestanden.«

Tristan stand auf, zog ihren Stuhl zurück und küsste sie leicht auf die Wange.

»Tut mir leid, dass ich zu spät komme.« Sie setzte sich.

»Kein Problem. Ich habe die Aussicht genossen.«

Libby schaute zum Fluss, auf dem sich die Yachten wiegten. »Das ist wirklich besonders.«

»Genau wie du.«

Sie drehte sich zu ihm um und konnte ihr Lächeln nicht verbergen. »Nun, jedenfalls hast du keine Kosten und Mühen gescheut. Weißt du denn nicht, dass du mich schon herumgekriegt hast?«

Er griff nach ihrer Hand und streichelte sie sanft. »Du bist wunderschön, Libby. Ich habe dich die ganze Woche vermisst.«

»Gleichfalls.«

»Sind die Verträge gekommen?«

Der plötzliche Themenwechsel überraschte sie. »Ja. Ich habe für nächste Woche einen Termin mit einem Anwalt vereinbart.«

»Kluges Mädchen.« Er goss ihr ein Glas Wein ein, und sie setzten ihre Unterhaltung fort, als wären sie nie getrennt gewesen. Ihr wurde erneut klar, was sie an ihm mochte. Er war interessant, hatte viel erlebt, wirkte aber nicht arrogant oder egoistisch. Er hatte etwas Frisches an sich, das sie förmlich berauschte. Sie lachten und redeten während des Hauptgangs, doch als er die Weinflasche hob, um ihr nachzuschenken, legte sie die Hand über ihr Glas.

»Ich muss noch fahren.« Sie hoffte, er werde sie einladen, die Nacht bei ihm zu verbringen.

»Ach so, stimmt.« Er sah auf die Uhr. »Ein halbes Glas? Wir können danach noch am Strand spazieren gehen.«

»Sicher.« Dann wagte sie sich vor. »Oder ich könnte mit zu dir kommen.«

Er lächelte. Schaute ihr in die Augen. Doch dann sagte er: »Nicht heute Abend.«

»In Ordnung.« Sie versuchte, ihre Enttäuschung zu verbergen. Ihr wurde klar, dass sie eine halbe Stunde lang miteinander gesprochen und er noch nicht einmal die Frau erwähnt hatte, die ans Telefon gegangen war. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch er hob sanft die Hand.

»Meine Mitbewohnerin. Sie steht auf mich. Es ist ein bisschen kompliziert. Am besten rufst du mich nicht an und kommst nicht vorbei, bis ich das geklärt habe.«

»In Ordnung«, wiederholte Libby und schaute in die Kerzenflamme. Doch sie wusste – wusste genau –, dass das gelogen war. Oder zumindest nur die halbe Wahrheit. Reiche Männer um die vierzig hatten nicht einfach weibliche Mitbewohnerinnen.

»Alles in Ordnung mit dir?«

Sie lächelte strahlend. »Natürlich. Warum nicht? Wolltest du mir nicht noch etwas Wein einschenken?«

Er füllte lachend ihr Glas nach. Sie bewahrte ihr Strahlen, doch ihr Verstand arbeitete fieberhaft. Tristan gehörte einer anderen. Der Gedanke war einerseits enttäuschend, doch suchte man nur dann etwas Neues, wenn die eigene Beziehung nicht mehr intakt war. Das hatte Mark immer gesagt.

Beim Gedanken an Mark wurde ihr klar, dass sie das alles kannte. Sie hatte schon einmal nach Entschuldigungen gesucht. Und aus diesem Grund war sie die Letzte, die Tristan verurteilen würde.

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