Isabella entdeckt die Romantik harter Arbeit. Sie empfindet eine köstliche Freude, wenn sie schon vor Anbruch der Dämmerung fleißig ist. Das Licht der Lampe malt einen Teich auf ihre Hände und die Dielenbretter, auf denen sie ihr Material ausbreitet und mit geschickten Fingern zusammensetzt. Sie fügt es zusammen und nimmt es wieder auseinander und fügt es erneut zusammen, während Matthew einen weiten Bogen um sie macht, wenn er im Leuchtturm hinauf- und hinuntersteigt. Sie wird süchtig nach Arbeit. Sie vergisst dabei die unklugen Versprechen, die sie sich selbst gegeben hat; sie vergisst, dass sie Matthew liebt und ihn in einem Monat verlassen muss. Es gibt nur die filigrane, detaillierte Arbeit, die frühmorgendliche Stille und das beruhigende Licht der Lampe.
Wochen vergehen. Ihre Finger werden geschickter darin, die silbernen Drähte, die die Edelsteine halten, zu wickeln, die gleichmäßigen Kreise, aus denen sie Ketten und Schließen formt. Sie treibt sich an, will alles rechtzeitig für den Ball fertig haben. An manchen Tagen, wenn ihre Finger schmerzen und ihr Kopf vor lauter Konzentration dröhnt, fragt sie sich entsetzt, ob Lady McAuliffe sie vergessen hat. Sie hat noch immer nichts von ihr gehört. Eines Morgens bei der Arbeit bringt Matthew ihr ein Telegramm, und ihr Herz macht einen Sprung, denn sie weiß, dass Berenice ihr nun endlich das Datum und den Ort für den Ball nennen wird. Aber es ist nicht von Berenice, sondern von Max Hardwick, dem Juwelier.
Habe alle Stücke verkauft. Bitte kommen Sie bald nach Brisbane, um 120 £ abzuholen.
Matthew, der das Telegramm übertragen und den Betrag gelesen hat, schaut sie ernst an.
»Du hast jetzt genug. Mehr als genug. Wirst du bald aufbrechen?«
Isabella sieht, dass er sich ein Ja und ein Nein zugleich wünscht.
»Ich habe so viel Arbeit hineingesteckt«, sagt sie und deutet auf das Durcheinander aus Edelsteinen und Silberdraht. »Ich werde es zu Ende bringen.«
»Du könntest die Sachen mit nach Amerika nehmen.«
»Berenice verlässt sich auf mich.«
Matthew nickt, verbirgt sein Lächeln und lässt sie allein. Sie liest das Telegramm noch einmal und träumt ein bisschen. Sie könnte mit dem Geld weitere Edelsteine kaufen. Muscheln sammeln, vielleicht einmal mit Gold statt mit Silber arbeiten. Sie würde gerne einen Anhänger machen: Für die Kette würde sie Tage brauchen, aber er würde wunderschön aussehen. Sie malt sich aus, welche Dinge sie erschaffen, welche Preise sie dafür verlangen könnte. Ihr Name – oder besser gesagt, Mary Harrows Name – würde weltbekannt. Sie könnte ihr Leben damit verbringen, Schmuck herzustellen, und andere Frauen beschäftigen. Sie könnte sich ein Haus wie Lady McAuliffe leisten, wunderschöne Kleider, Einladungen zum Tee. Isabella lässt sich eine Weile vom Fluss der Phantasie tragen. Sie ist es gewohnt, in ihrer Vorstellung zu leben, auch wenn diese sie manchmal zu Tode ängstigt.
Dann fügt sie der Phantasie ein neues Element hinzu: Matthew. Matthew ist ihr Ehemann, und sie kuscheln sich jeden Abend aneinander und schlafen so die ganze Nacht. Er geht nicht zur Arbeit, während sie schläft. Sein Körper bleibt an ihrer Seite.
Isabella merkt, wie sie lächelt. Dann sagt sie sich, dass diese Ideen zu viel Energie beanspruchen, und macht sich wieder an die Arbeit.
Matthew hat einen kalten Tag draußen auf der windgepeitschten Plattform verbracht, weil er ein Fenster abdichten musste, durch das Wind und Regen eindrangen. Um drei Uhr verspürt er das Bedürfnis, einen Brandy zu trinken. Nur ein Glas, aber er hat keinen im Leuchtturm. Er hat ein schlechtes Gewissen dabei, Isabella allein zu lassen und im Exchange etwas zu trinken, doch sie scheint nicht eifersüchtig zu sein, wenn er ein bisschen Zeit ohne sie verbringt. Sie steht gerade in der Küche und rührt in einem Tropf Graupensuppe mit Schweinefleisch.
»Bist du zum Essen wieder da?«
»Natürlich. Zur Dämmerung bin ich wieder da, um das Licht anzuzünden.«
»Gut, ich möchte mir die ganze Mühe nicht umsonst machen.«
Er lächelt und berührt ihr Haar. Sie findet Kochen anstrengend und zeitraubend, kann aber jeden Tag Stunden mit ihrer Schmuckherstellung verbringen. »Es ist nicht umsonst, Liebste. Ich bin mir sicher, das wird die beste Suppe, die ich je gegessen habe.« Es ist eine Lüge. Ihre Mahlzeiten schmecken allesamt fade.
Sie küsst ihn auf die Wange, und er geht den Hügel hinunter, wobei ihm der Wind in den Ohren pfeift. Er spürt noch ihre warmen Lippen auf der Haut. Im Kamin des Exchange, der an dreihundertfünfzig Tagen im Jahr kalt und unbenutzt ist, prasselt ein munteres Feuer. An der Theke grüßt man ihn, und wenn er an seinem Platz sitzt, fragen ihn die Leute im Vorbeigehen nach Schiffen und dem Wetter, während sie doch eigentlich nur wissen wollen, ob pikante Telegramme angekommen sind.
Er erzählt nie von seinen Telegrammen. Natürlich kennt er die Angelegenheiten der ganzen Stadt. Aber er ist nicht in der Stimmung, sie mit jemandem zu teilen. Manchmal denkt er, er sei der geborene Telegrafenbeamte: Er hat nie Vergnügen an den Geheimnissen anderer Leute gefunden. Falls überhaupt, ist es ihm ein bisschen peinlich, als Erster zu erfahren, wer Großmutter geworden ist oder ein Vermögen verloren hat oder ungeliebte Verwandte zu Besuch erwartet. Er hat längst gelernt, diese Dinge rasch wieder zu vergessen.
Matthew setzt sich an einen Tisch am Fenster, wo ein anderer Gast eine Zeitung liegengelassen hat. Er blättert müßig im Nambour Chronicle und bemerkt, dass die Zeitung schon eine Woche alt ist.
Dann entdeckt er es. Zwischen den Kleinanzeigen, den Lokalnachrichten und dem Klatsch liest er die Überschrift: »Familie des Ehemannes sucht vermisste Frau.« Seine Ohren klingeln leise, während er weiterliest: »Mrs. Georgiana Winterbourne, die Mutter des verstorbenen Juweliers Arthur Winterbourne aus Maystowe in Somerset, erbittet Nachricht über ihre Schwiegertochter Mrs. Isabella Winterbourne, die vermutlich im Küstengebiet zwischen Townsville und Brisbane lebt. Sie ist einen Meter siebzig groß, von schlanker Gestalt, mit blondem Haar und blauen Augen. Sie ist dreiundzwanzig Jahre alt und lebt vermutlich unter falschem Namen. Für Hinweise, die zu ihrer Entdeckung führen, wird eine Belohnung ausgesetzt.« Dann folgt die Adresse von Percy Winterbourne in Maryborough, einer großen, weiter nördlich gelegenen Stadt im Landesinneren.
Sie suchen nach ihr. Gewiss haben sie kein Bild, nicht einmal eine nähere Beschreibung – wohl weil sie sich, wie Isabella so oft betont hat, nie sehr für sie interessiert haben –, aber sie suchen dennoch nach ihr. Er lässt seinen halb getrunkenen Brandy stehen, geht an die Theke und fragt Eunice Hand bemüht ruhig, ob sie den Chronicle von dieser Woche habe. Sie lächelt und wühlt unter der Theke danach.
»Danke schön«, sagt er und kehrt an seinen Tisch zurück, wo er die Zeitung rasch durchblättert. Sein Herz entspannt sich, als er nichts findet. Also war es nur eine einzige Anzeige. Eine bloße Erinnerung, ein Fidibus für den Kamin.
Dann entdeckt er sie doch. Percy Winterbourne schaltet sie jede Woche. Seit wie vielen Wochen schon? In wie vielen Zeitungen? In allen zwischen Townsville und Brisbane? Isabella hat gesagt, die Familie sei reich und rücksichtslos.
Er steht auf, kippt den Brandy in einem Zug hinunter und klemmt sich die Zeitung unter den Arm. Er winkt Eunice und allen anderen zum Abschied und eilt in der Kälte den Hügel zum Leuchtturm hinauf.
Isabella ist nicht mehr in der Küche. Er läuft die Treppe hinauf und findet sie auf dem Boden, wo sie ihr Material durchsieht. Sie blickt auf. »Ich glaube, ich habe eine Schließe verloren.«
Er reicht ihr die Zeitung, die so gefaltet ist, dass sie die Anzeige lesen kann. Sie ist nur zwei Zoll hoch, eine schmale Spalte breit. Doch sie entdeckt sie sofort, und ihre Pupillen werden klein wie Stecknadelköpfe.
»In einem Monat bin ich weg.«
»Du solltest heute gehen. Sofort.« Bei dem Gedanken regt sich heftiger Widerstand in seinem Herzen.
»Er wird mich nicht finden. Noch nicht. Die Beschreibung könnte auf jede Frau passen. Überleg doch mal, wie viele blonde Frauen es an diesem Teil der Küste geben muss. Es sind viele Meilen. Das weiß er genau. Er ist verzweifelt und befürchtet, mich nie zu finden. Angesichts der ganzen Häfen an der Küste weiß er, dass ich überall auf der Welt sein kann.«
»Und wenn Katherine Fullbright es liest? Oder Abel Barrett? Er ist dir gegenüber sicher misstrauisch.«
»Abel Barrett wird nichts sagen«, erklärt sie mit zuversichtlicher Stimme. »Katarina kann nicht gut lesen, und die Anzeigen wird sie gar nicht beachten.«
»Wenn er nun beim nächsten Mal ein Bild veröffentlicht?«
»Das einzige Foto, das es von mir gibt, ist mein Hochzeitsfoto, das in England auf dem Kaminsims unseres Hauses steht. Er wird kaum danach schicken und Monate auf seine Ankunft warten.« Sie klingt nicht mehr ganz so zuversichtlich und will seine Ängste vertreiben, um sich selbst zu überzeugen.
»Du könntest am Ende der Woche schon weg sein«, sagt er. »Du könntest unterwegs zu deiner Schwester sein, nach Amerika.«
»Ich habe mich verpflichtet, Berenice’ Freundinnen diese Schmuckstücke zu liefern. Außerdem muss ich noch einmal nach Brisbane reisen, um mein Geld abzuholen.« Sie schaut ihm nicht in die Augen, und er spürt zum wiederholten Mal einen leisen Argwohn.
»Matthew, mein Liebster, selbst wenn Abel Barrett oder irgendjemand anders aus der Stadt Percy ein Telegramm schickt: Was sollte darin stehen? Dass ich hier war, aber etwas gestohlen habe und gezwungen war, die Stadt zu verlassen? Niemand weiß, dass ich noch hier wohne. Ich bin unsichtbar.«
Er lässt sich fürs Erste überzeugen. »Wir werden vorsichtig sein. Und du brichst auf, sobald du dein Geld hast.«
Sie schüttelt den Kopf. »Nach dem Ball. Ich habe so viel Arbeit hineingesteckt. In weniger als einem Monat reise ich ab. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Wir werden vorsichtig sein, wie du sagst. Ich werde vorsichtig sein.« Sie betrachtet noch einmal die Anzeige, und er bemerkt einen Funken Angst in ihren Augen, bei dem sofort sein Beschützerinstinkt erwacht. Ja, selbst wenn Percy Winterbourne an der Tür des Leuchtturms auftauchte und fragte, ob Matthew sie gesehen habe, würde er alles in seiner Macht Stehende tun, um sie zu retten: lügen, kämpfen, ihn auf eine falsche Spur ans andere Ende des Landes schicken.
Tief in seinem Inneren weiß er, dass er nachgegeben hat, weil er diese letzten Wochen mit ihr verbringen will. Es passt nicht zu ihm, die praktischste Lösung zu ignorieren, aber er ist verliebt, das kann man ihm nicht vorwerfen. Er hofft, dass er es nicht bereuen wird.
***
Isabella fragt sich, wann Xavier zurückkommt. Sie wagt es nicht, jemanden in der Stadt zu fragen oder auch nur unter dem Mangobaum vor dem Exchange auf Abel Barrett zu warten. Er hat von zwei oder drei Monaten gesprochen, und das ist zwei Monate her, also kann es nicht mehr lange dauern. Sie steht oft auf der oberen Plattform des Leuchtturms und hält am Strand Ausschau nach Xavier und der Köchin. Nur kein neues Kindermädchen. Aber er ist nie da. Es ist ohnehin egal. Sie sagt sich, dass sie verpflichtet ist, den Schmuck zu verkaufen, sobald sie wieder in Brisbane ist. In Wahrheit aber will sie gar nicht weggehen, bevor Xavier zurück ist und sie entscheiden kann, was sie tun wird. Besser gesagt, wie sie es tun wird.
An einem strahlend hellen Morgen sitzt sie auf der Plattform, die Knie unters Kinn gezogen, die Füße nackt im Sonnenschein, als Matthew zu ihr tritt.
»Du hast ein Päckchen bekommen.« Er runzelt die Stirn.
»Was ist los?«
»Es ist an Mary Harrow im Leuchtturm adressiert. Du hättest niemandem deine Adresse geben dürfen, Isabella.«
Sie nimmt das Päckchen und dreht es um. Es ist von Berenice McAuliffe. »Sie wird mich nicht verraten«, sagt sie unsicher. Was hat Berenice ihr geschickt? Von der Größe her muss es mehr als eine Einladung sein, die sie auch ohne weiteres als Telegramm hätte senden können. Es ist in braunem Papier verpackt und mit einer Kordel verschnürt. Sie steht auf und geht an ihm vorbei, steigt die Treppe hinunter in den Wohnraum, wo sie am Nachmittag weiterarbeiten wird. Sie setzt sich auf den Boden in ihre übliche Position und löst die Kordel. Sie schlägt das Papier auseinander und entdeckt ein Kleid in einem dunklen Rosaton. Als sie es entfaltet, fällt eine Karte heraus.
Meine liebe Mary,
Sie sind natürlich zu meinem jährlichen Frühlingsball eingeladen, der am 15. September um sieben Uhr abends im Ballsaal des Bellevue Hotels in der George Street beginnt. Ich bestehe darauf, dass Sie Ihren Freund mitbringen. Ich habe ein Kleid beigefügt (eins von meinen, das Adelaide für Sie abgeändert hat), das Sie gerne tragen können, falls Sie nichts anderes besitzen.
Mary, ich habe für Sie und Ihren Freund eine Suite mit zwei Zimmern im Bellevue Hotel angemietet, dem besten Hotel in Brisbane. Wenn Sie so freundlich wären, mein Gast zu sein, werde ich dafür sorgen, dass man Ihnen um vier Uhr nachmittags am Tag vor dem Ball den Tee in Ihrem privaten Speisezimmer serviert. Bei dieser Gelegenheit werden mehr als ein Dutzend meiner Freundinnen nur zu gern Ihren Schmuck in Augenschein nehmen.
Mit den herzlichsten Grüßen,
Berenice
»Du fährst also wieder dorthin?«, fragt Matthew in leichtem Ton, obwohl Isabella weiß, dass er sich bei dem Gedanken alles andere als leicht fühlt.
»Wir fahren dorthin.« Sie zeigt ihm die Einladung.
Matthew schüttelt sofort den Kopf. »Nein, nein. Ich kann den Leuchtturm nicht verlassen.«
»Unsinn. Selbst Leuchtturmwärter haben mal Urlaub, oder? Kann nicht jemand anderes für ein paar Nächte das Licht bewachen?«
»Nein. Doch, schon. Wenn ich es bei der Regierung beantrage, schicken sie einen Vertreter, aber uns bleiben nur zwei Wochen und … es ist zu gefährlich, Isabella. Ich eigne mich nicht für solche Gesellschaft. Wir als Paar eignen uns schon gar nicht.«
»In Brisbane kennt dich niemand«, sagt sie und versucht, nicht hitzig zu klingen.
»Aber wir sind nicht verheiratet. Wir sollten nicht zusammen reisen, als ob …«
»Berenice hat mehrere Zimmer gemietet. Wir werden auf dem Dampfer getrennte Kojen haben. Menschen werben umeinander. Darauf folgt eine Verlobungszeit, und währenddessen dürfen sie einander treffen. Vergiss nicht, wir leben im 20. Jahrhundert. Frauen werden bald das Wahlrecht bekommen, und dann wagt es niemand mehr, eine Frau zu verurteilen, nur weil sie mit irgendjemandem zusammen reist. Außerdem«, sie senkt die Stimme, »leben wir hier ohnehin unverheiratet zusammen. Das weißt du doch. Weshalb befürchtest du, dass man dir genau das vorwerfen könnte?«
Sie ist zu weit gegangen, und Matthew errötet bis in die Haarwurzeln vor Scham und Zorn. Er wendet sich ab, knurrt etwas und steigt die Treppe hinunter. Dann schlägt er die Tür des Telegrafenraums zu. Ihr Herz hämmert, und sie holt tief Luft und versucht, sich zu beruhigen. Es ist nicht schlimm, wenn Matthew nicht mit ihr reisen will. Sie wird es überleben. Sie wird nach vorn blicken.
Doch irgendetwas in ihr sehnt sich so sehr nach seiner Gesellschaft, mit ihm zu tanzen, als wären sie ineinander verliebt und ein richtiges Paar. Sie möchte mit ihm vor Berenice angeben, der seine ruhige, praktische Art und vor allem seine attraktive Männlichkeit gefallen würden.
Nein, das ist eine alberne Phantasie. Er wird nicht mitkommen. Sie steht auf und schüttelt das Kleid auseinander, hält es vor sich und bewundert die Seide und die teure Spitze. Doch die Vorstellung, es auf dem Ball zu tragen, ist schal geworden. Sie möchte für Matthew schön aussehen, nicht für irgendwelche Fremden.
Sie zieht ihr Kleid aus, steigt in das Ballkleid und schnürt es fest zu. Dann löst sie die Haare, bis sie auf die Schultern fallen, dreht sich einmal um sich selbst und versucht, in der Vitrine ihr Spiegelbild zu sehen. Sie erhascht einen Blick auf ihre Taille, den Kontrast zwischen weißer Haut und der auffallenden Farbe des Stoffes. Dann geht sie nach unten zu Matthew.
Die Tür zum Telegrafenraum steht offen, aber er ist nicht da. Neugierig begibt sie sich ins Schlafzimmer. Er steht mit dem Rücken zu ihr vor der Kiste mit den alten Kleidern.
»Matthew?«
Er dreht sich zu ihr um und lächelt. »Du bist wunderschön.«
Sie bemerkt, dass er ein Jackett in Händen hält. »Was ist das?«
»Das Jackett, in dem ich geheiratet habe.«
Ihre Haut fühlt sich kühl und heiß zugleich an. »Du bist verheiratet?«
»Ich war verheiratet. Vor vielen Jahren. Meine Frau starb, als sie erst zwanzig war. Sie hieß …«
Isabella legt ihm rasch die Finger auf die Lippen. »Nein. Irgendwann sollst du mir von ihr erzählen, aber nicht heute. Sage mir nicht ihren Namen, ich könnte es dir sonst übelnehmen.« Sie hat natürlich geahnt, dass er schon einmal geliebt hat. Ein Mann wird nicht so alt wie er, ohne zu lieben. Dennoch ist sie überrascht, wie sehr die Eifersucht schmerzt.
Er presst die Lippen aufeinander, unglücklich, aber gehorsam.
Sie berührt den Ärmel seines Jacketts. »Passt es noch?«
»Ich denke schon. Ich habe keinen großen Appetit, daher hat sich mein Körper kaum verändert. Wenn es dir gefällt, kann ich es beim Ball tragen.«
Isabella lächelt. »Ja. Es würde mir sehr gefallen.«
Er schaut traurig auf das Jackett. »Es wäre Verschwendung, es nur einmal zu tragen.« Dann schaut er sie wieder an. »Ich habe schon das Telegrafenamt verständigt. Wir werden gemeinsam zu Lady McAuliffes Frühlingsball nach Brisbane fahren. Du kannst nicht ohne meinen Schutz reisen. Nur für den Fall …« Er verstummt und fasst sich wieder. »Isabella, ich weiß nicht, wie lange ich dich noch bei mir habe, und ich möchte eine Erinnerung, an der ich mich festhalten kann.«
Sie fällt ihm in die Arme, drückt ihr Gesicht an seine Schulter und atmet den vertrauten Geruch ein. »Ich bin so froh, mein Liebster.«
Sie halten einander fest, erfüllt von der schrecklichen Gewissheit, dass ihre Zeit fast abgelaufen ist.