Ihr Gesichtsfeld ist nur ein schmaler Spalt, ruckartige Bewegungen, hell und dunkel. Sie schließt die Augen wieder, will zurück an den dunklen, weichen Ort. Etwas ist nicht in Ordnung. Sie zwingt sich, die Augen zu öffnen, Schmerz dröhnt in ihrem Kopf. Sie versucht, Arme und Beine zu bewegen, aber sie sind schlaff und schwach. Sie blinzelt rasch, merkt, dass sie von einem der Eingeborenen in den Armen getragen wird wie ein Kind. Sie wehrt sich, und er drückt sie fester an seine nackte Brust. Sie hebt die Hände, um ihm die Augen auszukratzen, aber er fängt sie mühelos ab und hält sie vor ihren Bauch. Er sagt etwas zu seinem Gefährten, und Isabella erkennt, dass sie die Kiste aus Walnussholz nicht mehr hat. Diebe! Entführer! Was werden sie ihr antun? Sie schreit und flucht und kämpft, ist aber schwach und verletzt.
Der Mann, der sie trägt, sagt etwas in schroffem Ton.
Sie schüttelt müde den Kopf. »Ich verstehe nicht.«
Er greift nach ihrer Kehle, und sie zuckt zurück, doch dann spürt sie seine Finger an ihrem Nacken, und als er sie zurückzieht, sind sie blutig. Isabella tastet nach der Stelle und spürt einen brennenden Spalt, aus dem Blut quillt. Der Schmerz zieht sich durch ihr ganzes Rückgrat.
Der nackte schwarze Mann trägt sie tiefer in den Wald, er und sein Begleiter gleiten förmlich über den unebenen Grund. Ihre Fußsohlen müssen wie Leder sein, denn sie bewegen sich flink und mühelos. Sie kommt sich vor wie die Möwe: zu verletzt, um zu kämpfen. Ihr eigenes schreckliches Ende steht bevor.
Dann aber riecht sie das rauchige, gebratene Fleisch. Die Eingeborenen tragen sie hinunter in ein Wäldchen, durch das der Bach fließt, grünes Laub wölbt sich darüber. Auf der anderen Seite hat sich ein weiteres Dutzend Schwarze um ein Feuer versammelt. An einer Seite stehen fünf kleine Hütten. Frauen kümmern sich um dicke Babys oder halten Fleisch an Spießen über das Feuer; die Männer sitzen auf Felsbrocken, reden, schärfen ihre Speere oder reparieren Waffen. Keiner von ihnen trägt Kleidung. Isabella hat noch nie einen nackten Mann gesehen, im Schlafzimmer zusammen mit Arthur war es immer dunkel. Sie weiß nicht, wohin sie ihren Blick richten soll.
»Was habt ihr mit mir vor?« Essen diese Eingeborenen Menschen?
Doch ihr Entführer legt sie behutsam auf den Boden und ruft etwas. Binnen Sekunden taucht eine große Frau mit sanften Augen und pendelnden Brüsten auf, und ihre Begleiter erklären ihr die Lage. Die Frau hilft Isabella, sich aufzusetzen, und führt die Hand zum Mund. Man fordert sie auf zu essen.
»Ja! Ja. Essen. Ja.«
Einige rufen etwas in ihrer Sprache, dann bietet man ihr einen Speer mit einer gebratenen Eidechse an. Sie reißt ein Stück weißes Fleisch ab und schiebt es bedenkenlos in den Mund. Es ist weich, ein bisschen zäh und schmeckt nach Rauch. Doch sie ist so hungrig, dass es für sie die beste Mahlzeit ist, die sie je gegessen hat.
Während sie isst, redet die Frau sanft auf sie ein, säubert die Wunde und bestreicht sie mit einer scharf riechenden Salbe. Dann kümmert sie sich um den Biss an Isabellas Hand und sagt etwas dazu. Isabella erwidert, sie könne sie nicht verstehen, doch die Frau spricht einfach weiter. Ein Kind, das gerade laufen lernt, tapst auf sie zu und ergreift Isabellas freie Hand. Isabella lächelt, wie verzaubert von den runden Wangen und den dunklen Augen. Das Kind schiebt ihren Ärmel hoch und betrachtet ehrfürchtig die weiße Haut. Etwas an der Berührung des Kindes hilft ihr, sich zu entspannen. Das Kleine wirkt gesund und glücklich. Also müssen die Leute, die es aufziehen, gute Menschen sein.
Sie wendet sich zu der Frau und sagt mit einem warmen Lächeln: »Danke.« Die Frau mag die Worte nicht kennen, versteht aber die Bedeutung dahinter.
Sie deutet auf die Hütten und dann zum Himmel. Es wird dunkel. Die Frau bietet ihr eine Unterkunft für die Nacht an.
Isabella schaut zu der Hütte mit der offenen Vorderseite. Am Nachmittag sind Wolken aufgezogen, es könnte regnen. Die Kiste liegt noch da, wo sie hingefallen ist. Aber wer sollte sie stehlen? Es könnte gewiss nicht schaden, über Nacht hierzubleiben. An einem weichen, geschützten Ort zu schlafen, am Morgen vielleicht noch etwas zu essen.
Isabella nickt. »Ja, danke.«
***
Isabella liegt auf weichem Laub und Tierhäuten und schläft wie eine Tote. Als sie aufwacht, bietet die Frau mit den weichen Fingern ihr etwas zu essen an und versorgt die Wunde. Als Isabella aufstehen will, drückt sie sie hinunter und schnalzt mit der Zunge. Die Botschaft ist klar und deutlich. Dir geht es nicht gut. Du musst noch ein bisschen bleiben. Isabella nimmt dankbar an. Sie verbringt den Tag damit, die Eingeborenen bei ihren Tätigkeiten zu beobachten, sie jagen Fische, Eidechsen und wilde Hunde, bringen Körbe voller Beeren und Früchte, die Isabella von ihrer langen Wanderung kennt. Sie ernähren sie gut. Regen zieht auf. Sie fragt sich, ob es die einzigen Menschen im Umkreis von Hunderten Meilen sind, ob sie einfach ihr Schicksal mit ihrem verbinden und Mitglied ihres Stammes werden soll. Dann würde sie jedenfalls nie wieder hungern. Doch der Wunsch, zu der Kiste, zu Daniels Armband zurückzukehren, ist stark. Sie muss zu ihrer eigenen Familie, zu ihrer Schwester. Sie nimmt sich vor, am nächsten Morgen weiterzuziehen.
Sie schläft tief bis kurz vor der Morgendämmerung, als ein verworrener Traum vor ihren Augen vorbeizieht. Sie ist wieder mit Daniel schwanger, Blut strömt zwischen ihren Beinen hervor, doch als sie hinunter in den Sand schaut, sieht sie kein Baby, sondern nur die kalten Leichen ihrer Reisegefährten. Sie gebiert den Tod. Mit einem Ruck wacht Isabella auf und versucht, sich mit der Tatsache zu trösten, dass sie am Leben und in Sicherheit ist. Aber es gibt keinen Trost, nur Elend, das so grau ist wie das Licht vor der Dämmerung.
Isabella steht auf. Noch ist niemand wach. Sie muss weg von hier; dieser Traum hat sich in den Bäumen über ihr gefangen, ist in den sandigen Grund gesickert und würde den ganzen Tag, die ganze Woche über ihr schweben. Ihr Kopf tut nicht mehr weh, und sie ist stark genug, um allein zu gehen. Sie muss die Kiste holen und nach Süden aufbrechen, wo es gewiss Häuser und gekochte Mahlzeiten auf Tellern gibt. Leise schleicht sie im Dämmerlicht an den Eingeborenen vorbei und zwischen die dunklen Bäume. Die Kiste liegt noch unberührt da, wo die Männer sie mitgenommen haben. Sie zieht wieder das Seil durch den Messinggriff und schleppt sie hinter sich her zum leeren Strand.
Wolken klammern sich an den dunklen, tosenden Himmel. Es wird noch mehr Regen geben, immerhin eine Atempause nach der sengenden Sonne.
Isabella spürt einen Stich im Herzen. War das ein Blitz? Sie schaut nach Süden zu den Wolken hinauf. War es ein Blitz? Oder war es …
Da. Schon wieder. Ein Licht, kaum zu sehen in der grauen Morgendämmerung, streicht über die Wolken und verschwindet wieder.
Ein Leuchtturm. Plötzlich ist sie hellwach. Die Hoffnung wird neu geboren.
Denn wo ein Leuchtturm ist, gibt es auch einen Leuchtturmwärter.
Der Strand zieht sich endlos dahin. Das Meer ist heute fast smaragdgrün, die Schaumkronen weißer als frisch gefallener Schnee. Unaufhörlich rauscht und donnert es, und Isabella setzt einen Fuß vor den anderen und zerrt ihre Last über den Sand. Der Rhythmus des Gehens und Stehens verändert sich. Es gibt genügend Bäche, an denen sie ihren Durst stillen kann; sie weiß jetzt, welche Beeren und Früchte essbar sind, selbst wenn sie hart und trocken schmecken. Aber sie ist nur ein Mensch. Ihre Kraft lässt nach. Die Pausen werden länger. Die Strecken dazwischen immer kürzer. Aus dem Gehen wird ein Dahintrotten, Taumeln, Stolpern, ohne auf den Knien zu landen. Sie versucht, jeden Tag ein wenig weiter zu kommen, zwischen dem späten Nachmittag und dem Einbruch der Nacht, langsam, um Kraft zu sparen. Eine gewaltige, schmerzhafte Leere umgibt sie, durchdringt sie, wohnt in ihr. Allein, allein, scheint der Ozean zu sagen. Langsam, nachdenklich, endlos. Wenn sie geht, ist sie still; doch wenn sie stehen bleibt, spricht sie, ohne es selbst zu wissen. Sie hört ihre eigene Stimme und ist erschrocken. Warum spricht sie? Was sagt sie? Sie befiehlt sich aufzuhören, aber wenige Minuten später hört sie wieder ihre Stimme. Isabella lässt es geschehen. Sie ist zu müde, um ihre Gedanken zu kontrollieren. Die Konzentration entgleitet ihr, ihr Geist öffnet sich, und sie kann hinter die Welt blicken, sieht die großen Zahnräder, die sich drehen, sieht das Innere in seiner ganzen strahlend heißen Bedeutungslosigkeit. Nun, da sie es gesehen hat, wird sie es für immer in sich spüren. Sicherheit, Nahrung, selbst das Glück mögen eines Tages wiederkehren, doch es ist zu spät. Sie kennt bereits die Wahrheit über das Leben.
Ihre Arme tun weh. Sie geht weiter.
Immer weiter.
Isabella zählt nicht die Tage. Sie weigert sich, darüber nachzudenken, weil sie dann die pochende Erschöpfung spürt, die verzweifelte Angst, dass es im Süden wirklich nichts geben könnte. Gar nichts. Die Nächte sind wolkenlos. Sie hatte immer eine lebhafte Phantasie; vielleicht war auch der Leuchtturm nur Einbildung. Bevor sie aufbricht, watet sie jeden Tag ins warme Meer, um einen klaren Kopf zu bekommen, ihre Wunden zu waschen, Mut zu sammeln, und lässt sich eine Weile davon tragen. Ihr Kleid, ihr ehemals gutes Kleid für Stadtbesuche, ist zerfetzt, verkrustet mit Blut und Schmutz. Es bläht sich um sie herum wie eine riesige Qualle. Sie schließt die Augen, spürt die Bewegung des Meeres. Dann öffnet sie sie wieder und blickt nach Süden.
Und an diesem Tag kann sie es sehen. Klar und deutlich mit ihren eigenen Augen, nicht halb eingebildet vor den Wolken.
Ein Licht. Den Leuchtturm, der in der nebligen Ferne funkelnd zum Leben erwacht.
Sie schleppt sich aus dem Wasser, dessen Gewicht sie langsam und schwerfällig macht. Sie ist weder hungrig noch müde, noch hat sie Schmerzen. Sie konzentriert sich darauf, zum Leuchtturm zu gelangen. Es sind nur etwa fünfzehn Meilen. Nicht mehr weit, nicht mehr weit. Vielleicht schafft sie es bis morgen, bevor er wieder zum Leben erwacht.
Was danach kommt, weiß sie nicht.
Isabella kann vor Aufregung kaum schlafen. Sie kämpft gegen den Drang, die ganze Nacht zu laufen; sie würde zusammenbrechen, bevor sie dort ist. Schließlich schläft sie ein. Als sie aufwacht, kann sie ihn sehen. Die Landzunge winkt sie durch den zarten Nebelschleier herbei. Sie kann den rot-weißen Leuchtturm jetzt sehen. Nicht mehr weit, nicht mehr weit. Sie sammelt Früchte und trinkt aus einem Bach, ist aber unruhig und will aufbrechen, trotz der unerträglichen Sonne und Hitze. Das Ende ist endlich in Sicht.
Langsam geht sie über den Strand, ruht sich häufig aus, dann noch ein Stück und noch ein Stück.
Aber es ist unmöglich. Sie schafft es nicht an einem Tag. Wenn sie gesund wäre und keine Last mit sich tragen würde und den ganzen Tag im Schatten hoher Eichen gehen könnte, dann vielleicht. Aber sie hat Angst, sich umzubringen, wenn sie sich zu hart antreibt. Am späten Vormittag sucht sie wieder Schutz im Wald. Am späten Nachmittag geht sie weiter. Sie sieht, wie das Licht angeht, und würde am liebsten schluchzen. Eigentlich wollte sie um diese Zeit schon da sein. Sie will nicht kurz vor der sicheren Zuflucht sterben.
Sie schläft lange und tief. Ihr Körper ist an seine Grenzen gelangt. Sie kann es nicht riskieren, in der Hitze weiterzugehen, also wartet sie tagsüber und steht auf, als die Sonne nach Westen gezogen ist. Ihre Beine sind wie Gelee, ihre Füße brennen. Sie rappelt sich auf und zieht an dem verhassten Seil. Fast da, fast da.
Ein Fuß. Der andere Fuß. Der Strand wird zunehmend steinig, als sie sich dem Leuchtturm nähert. Ein Fuß. Der andere Fuß. Jeder Schritt dauert eine Ewigkeit. Lebe, Isabella, befiehlt sie sich selbst. Du darfst jetzt nicht zusammenbrechen.
Der Leuchtturm ist nur nach einem felsigen Aufstieg von etwa zehn Fuß Höhe zu erreichen. Sie überlegt, ob sie einen Umweg durch das Gebüsch nehmen soll, fürchtet aber, sich ohne den Ozean an ihrer Seite zu verirren. Sie bindet sich die hölzerne Kiste wieder auf den Rücken und beginnt zu klettern.
Die Dämmerung bricht herein. Über ihr segeln Möwen dahin, und der Wind frischt auf. Sie geht gebeugt, ertastet sich mit bloßen Händen und Füßen den Weg über die Felsen, stöhnend und keuchend. Sie rutscht aus, stolpert vorwärts und reißt sich die verletzte Hand an einer scharfen Felskante auf. Doch jetzt kann sie nichts mehr halten, nicht einmal frisches Blut. Vorwärts, vorwärts. Höher und höher. Bis sie schließlich oben steht und der Leuchtturm strahlend hell zum Leben erwacht, gerade als sie hinaufschaut. Ihr Licht in der Dunkelheit. Jetzt ist sie hier. Jetzt muss alles gut werden.
Es muss.
In ihrem Kopf verschwimmt alles. Ihre Ohren klingeln.
Sie geht um den Leuchtturm herum, ihre Füße sind bleischwer, und dann entdeckt sie das Häuschen, kaum mehr als ein hölzerner Verschlag, der an die Seite des Leuchtturms gebaut ist. Mit allerletzter Kraft hebt sie die Hand und klopft schwach an die Tür. Sie fürchtet, keine Antwort zu erhalten, und wartet einige Sekunden, bevor sie erneut anklopft. Diesmal ruft sie: »Hilfe!« Ihre Stimme klingt so schwach, dass es ihr Angst macht. »Ich brauche Hilfe.« Sie sieht, dass sie einen Blutfleck an der Tür hinterlassen hat. Sie dreht ihre Handfläche zu sich. Das Blut sieht dunkel aus im Dämmerlicht.
Die Tür schwingt auf. Isabella blickt in die schwarzen Augen eines großen, schlanken Mannes von etwa vierzig Jahren. Seine Augen werden groß, als er sie sieht.
»Bitte, bitte«, sagt sie. Mehr bringt sie nicht heraus. Alle anderen Wörter sind verschwunden, und sie kippt nach vorn, fällt auf die Knie. Er fängt sie in seinen starken Armen auf und zieht sie mühelos hinein. Sie sieht flüchtig einen dämmrigen Raum, flackerndes Licht, dann wird alles grau.
Als sie die Augen öffnet, ist es Nacht. Eine Kerze brennt, und sie liegt in einem schmalen Bett auf einer rauhen Decke.
Sie blinzelt, um sich zu orientieren. Auf einem Hocker neben ihr sitzt ein bärtiger Mann und schaut sie ernst an. Der Leuchtturmwärter. Endlich ist sie da. Sie stöhnt erleichtert.
»Wie heißen Sie?«, fragt er sanft.
Sie öffnet den Mund, um ihren Namen zu nennen, verstummt aber. Wenn die Winterbournes nun doch nach ihr suchen?
»Mary Harrow.«
»Meinen Sie, Sie können aufstehen, Mary Harrow? Ich habe Suppe und frisches Wasser. Sie sollten essen, um wieder zu Kräften zu kommen.«
»Wie lange habe ich geschlafen?«
»Sechs Stunden. Es ist fast Mitternacht.«
Isabella setzt sich auf und stellt vorsichtig die Füße auf den Boden.
»Kommen Sie, ich helfe Ihnen«, sagt er. Er legt ihr den Arm um die Taille und führt sie eine Wendeltreppe hinunter in einen kleinen Raum mit niedriger Decke. Es gibt ein Spülbecken, einen runden Tisch mit einem Stuhl und einen gusseisernen Herd. Es riecht nach gekochtem Fisch und Tabak. Er hilft ihr auf den Stuhl. Sie sieht die Kiste, an der noch das Seil hängt, neben der Tür auf den nackten Dielen stehen.
Isabella sitzt still da. Der Leuchtturmwärter hat die Führung übernommen; sie kann sich ausruhen. Er holt eine Kiste mit Verbandszeug, zündet eine Laterne an und stellt sie neben ihrer ausgestreckten Hand auf den Tisch. Während er die Wunde säubert und verbindet, schaut er sie nicht an. Er hat den Kopf konzentriert gebeugt, so dass Isabella ihn in Ruhe betrachten kann: sein dunkles, lockiges Haar und den gepflegten, graumelierten Bart, die ernsten Augenbrauen, die geschickten Finger.
»Woher kommen Sie?«, fragt er schließlich.
»Das kann ich nicht sagen.«
»Was ist das für eine Kiste, die Sie auf dem Rücken hatten?«
»Eine Last, von der ich mich hoffentlich bald befreien kann.«
Er beugt sich zu der Kiste, doch sie springt auf und wirft sich dazwischen. »Sie dürfen sie nicht anfassen.«
Verblüfft zuckt der Leuchtturmwärter zurück. Er spricht mit ihr wie mit einem verletzten Tier, hebt sanft die Handflächen. »Ruhig«, sagt er. »Ich werde sie nicht anfassen, wenn Sie es nicht möchten.«
Isabella ist verzweifelt und unsicher. Es ist, als würden sich ihre Umrisse auflösen, als wäre sie aus Sand und würde allmählich vom Wind verweht. »Ich bin so hungrig.«
Er nickt, steht auf und geht zum Herd. Sie betrachtet ihre bandagierte Hand und kann sich nicht mehr erinnern, wie sie sie aufgeschnitten hat. Sie denkt angestrengt nach. Erinnerungen blitzen auf. Sie hat Eidechse gegessen. Beeren gesammelt. Sich über den Strand vorwärtsgeschleppt. Dann fällt ihr ein, dass sie sich die Hand erst vor Stunden aufgeschnitten hat, als sie über die Felsen geklettert ist. Die Tatsache, dass sich ein Loch in ihrer Erinnerung auftut, versetzt sie in Panik. Was geht in ihrem Kopf vor? Sie springt wieder auf und läuft ruhelos auf und ab.
Der Leuchtturmwärter kommt mit einem Teller dampfender Suppe zurück. Er beobachtet sie und steht ganz still da, als könnte er seine Ruhe auf sie übertragen. Schließlich bleibt sie stehen und schaut ihn in der tiefer werdenden Dunkelheit an.
»Mein Name ist Matthew Seaward«, sagt er.
»Ich bin so hungrig«, wiederholt sie.
Er nickt zum Tisch, und sie setzt sich. Im Leuchtturm riecht es ölig und heiß; stickige Luft, alter Seetang, schimmelndes Holz. Es ist ihr egal. Sie atmet die Gegenwart ein, die ihre Lungen strahlend ausfüllt. Sie ist sicher, fürs Erste jedenfalls. Die Suppe ist dick und salzig. Ihr Mund und ihr Magen sind im Himmel. Sie isst sich satt und trinkt noch ein Glas sauberes, kaltes Wasser. Allmählich fügen sich ihre Gedanken wieder zusammen, klären sich.
»Ich weiß nicht, wohin. Ich weiß nicht, was ich tun soll.«
Er lehnt sich an das Spülbecken und lässt seinen Blick von ihren Haaren über ihr Kleid zu ihren Händen und dann schließlich zu ihrem Gesicht wandern. »Ihre Augen sehen gequält aus. Was haben Sie gesehen?«
Sie wehrt ab. »Bitte fragen Sie mich nicht.« Sie lässt sich auf den Tisch sinken und legt den Kopf auf die ausgestreckten Arme.
Der Leuchtturmwärter lässt das Schweigen zwischen ihnen verweilen, bis er schließlich weiterspricht. »Die Stadt ist nur eine halbe Meile entfernt. Ich bin mir sicher, dass jemand Sie aufnehmen kann.«
»So kann ich nicht dorthin gehen.«
»Im Schlafzimmer sind noch Kleider von der Frau des früheren Leuchtturmwärters. Und Schuhe. Am Anfang der Hauptstraße steht ein großes Haus aus rosagestrichenem Holz. Mrs. Katherine Fullbright wird Sie aufnehmen.«
Isabellas Magen zieht sich vor Enttäuschung zusammen. Sie will nicht in die Stadt. Sie will hierbleiben, völlig still, auf diesem Hocker. Die Qual sollte eigentlich vorbei sein, aber das ist sie nicht. Und sie begreift, dass sie nie vorbei sein wird. Sie war schon zerbrochen, bevor das Schiff unterging.
Dann spricht er mit unendlich sanfter Stimme, obwohl er so groß und stark ist. »Mary, Sie können heute Nacht hierbleiben. Morgen können Sie baden und sich herrichten. Mrs. Fullbright hält viel auf Anstand, ein zerrissenes Kleid und ein schmutziges Gesicht wird sie nicht dulden. Sie können nicht länger als eine Nacht hierbleiben. Das gehört sich nicht.« Isabella bemüht sich, ihn trotz ihrer Verwirrung zu verstehen. Endlich begreift sie, dass er um ihren Ruf besorgt ist. Der interessiert sie nicht länger, aber sie nickt, weil sie begreift, dass er seine Meinung nicht ändern wird.
»Vielen Dank. Vielen Dank.«
Sie isst und kehrt in das schlichte, rauhe Bett zurück. Die Matratze gibt unter ihr nach. Das Zimmer ist eindeutig männlich: keine hübschen Kissen, keine Vorhänge, keine Tischdecke, keine kristallenen Karaffen oder Blumenvasen. Es riecht nach Tabak, Papier, Öl und Staub. Nach den Sachen von Matthew Seaward. Und sie schläft tief und traumlos in seinem Bett.