Vierzehn



Matthew bekommt ein schlechtes Gewissen, als er den Einspänner von Clovis McCarthy vor dem Exchange Hotel in der Shore Road entdeckt. Er hat sich verspätet. Um sich heute Nachmittag mit Clovis zu treffen, hätte er zwischen zehn und drei Uhr schlafen müssen, war aber zu angespannt. Und als er endlich einschlummerte, schlief er zu tief und zu lange. Er war eine halbe Stunde zu spät aufgewacht, hatte sich schlaftrunken aufgerappelt, schnell angezogen und war zur Kneipe gelaufen, wobei er einen hoffnungsvollen Blick auf das Haus der Fullbrights geworfen hatte.

Er öffnet die grüngestrichene Tür mit der Glasscheibe, worauf ihm der Geruch von Holztäfelung, Bier und Tabakrauch entgegenschlägt. Er schaut sich in dem dämmrigen Raum um. Ernest Fullbright steht mit Abel Barrett, dem Zuckerfabrikanten, an der Theke. Die beiden sind enge Freunde. In der hintersten Ecke, unter dem Porträt der Königin, sitzt eine lärmende Gruppe von fünf Wanderarbeitern, die schmutzige Mützen und Stiefel mit Bindfaden statt Schnürsenkeln tragen. Hinter der Theke trocknet die hübsche Eunice Hand Gläser mit einem Tuch ab, das an ihrem Rockbund befestigt ist. Eunice hat schon immer für Matthew geschwärmt und wäre ihm eine gute Frau geworden, doch trotz ihres guten Herzens findet er sie ein bisschen dümmlich; Clara hat ihn für alle anderen Frauen verdorben. Clovis sitzt am Fenster, zwei große Gläser Bier warten schon.

Matthew tritt lächelnd näher. Clovis steht auf, steif in den Gelenken, er ist ein alter Mann geworden, seit Matthew ihn vor drei Jahren zuletzt gesehen hat.

»Alter Freund«, sagt Clovis.

»Ich bin spät dran.«

»Ich habe alle Zeit der Welt.« Clovis war sechzehn Jahre lang Leuchtturmwärter in Cape Franklin. Jetzt ist er auf dem Weg nach Süden, nach Brisbane, in den Ruhestand.

Nach einem festen Handschlag setzt sich Matthew und trinkt von seinem Bier, während Clovis den Gehstock an die Wand lehnt und ebenfalls Platz nimmt.

»Die Treppe hat mich geschafft, Seaward.«

»Wie ist der Neue?«

»Jung. Schlau. Hat Familie, eine mollige Frau und drei kleine Jungs. Redet schon darüber, das Öl durch Azetylen-Behälter zu ersetzen. Ich selbst habe mich geweigert. Hatte immer Angst, die verdammten Dinger könnten in die Luft fliegen.«

»Geht mir genauso. Bei der letzten Lieferung haben sie mir Azetylen statt Kerosin geschickt. Der Behälter steht noch immer da, aber ich fürchte, selbst der Lieferant traut sich nicht, ihn wieder mitzunehmen.«

Clovis zieht die Augenbrauen hoch. »Es kommt noch schlimmer. Seine Frau kennt den Code. Sie wird den Telegrafen betätigen.«

Matthew lächelt. Er weiß, was Clovis von Frauen hält. »Wirklich?«

»Das sollte keine Frau erledigen. Die klatschen zu gern. Sie wird genau wissen, was in der Stadt vorgeht, und sich einmischen. Denk an meine Worte.« Clovis schüttelt den Kopf. »Die Zeiten ändern sich zu schnell für mich, Seaward.«

Sie trinken, während die Nachmittagsschatten länger werden. Ein Bier. Dann noch eins. Clovis will ihm noch ein drittes ausgeben, doch er lehnt ab. In weniger als einer Stunde muss er das Leuchtfeuer entzünden. Er kennt seine Grenzen und überschreitet sie nie.

Matthew hat es peinlich vermieden, über die Aurora zu sprechen, weil er niemanden direkt anlügen will, vor allem nicht Clovis. Doch es ist unvermeidlich.

»Die Polizei war bei mir, um über das verschollene Schiff zu reden«, sagt Clovis und macht sich an sein drittes Bier. »Die werden mir nun wirklich nicht fehlen. Der örtliche Constable ist ein armseliger Idiot. Der könnte seine eigenen Füße nicht finden, geschweige denn ein Schiff.«

»Meinst du die Aurora? Haben sie mit der Suche begonnen?«

»Es war voll beladen, wertvolle Fracht. Und es hatte einen wichtigen Adeligen an Bord. Arthur Winterbourne und seine Frau.«

»Seine Frau?« Matthews Ohren klingeln leise. »Weißt du, wie sie heißt?«

Clovis schüttelt den Kopf. »Keine Ahnung. Sie sind ohnehin alle tot. Der Kapitän muss ein Schwachkopf gewesen sein. Warum er nicht weiter nördlich Schutz gesucht hat, ist nicht zu begreifen. Das Wetter war furchtbar.«

»Hat die Polizei etwas gefunden?«

Clovis zuckt mit den Schultern. »Zwischen unseren Leuchttürmen liegen mehr als hundert Meilen Küste. Der Constable meint, sie hätten unmittelbar südlich einige Trümmer gefunden, aber ich hätte das Schiff gesehen, wenn es so nah gewesen wäre. Vermutlich hat irgendjemand alten Kram ins Meer geworfen, um Ballast loszuwerden, weil sein Kahn volllief.« Clovis senkt die Stimme. »Ich habe etwas gehört, das nicht für mich bestimmt war.«

»Nur zu.« Matthew wünscht sich, er hätte doch das dritte Bier genommen.

»Sie hatten ein Geschenk von Königin Victoria für das australische Parlament an Bord.« Er deutet auf das Porträt. »Unschätzbar wertvoll.«

Matthews Herz schlägt schneller. »Und was war das?«

»Ein Amtsstab. Kannst du dir das vorstellen? Gold und Edelsteine, irgendwo da draußen im Meer, wo die Fische draufscheißen.«

Gold und Edelsteine. Guter Gott, Isabella hatte ihm eine Kiste voller Probleme dagelassen.

»Die Juweliere, die ihn angefertigt haben, also diese Winterbournes, sind sehr darauf erpicht, ihn zurückzubekommen.«

»Das wundert mich nicht.«

Clovis redet weiter und spekuliert und wechselt das Thema, doch Matthews Fröhlichkeit ist verflogen. Der Amtsstab hat nicht Isabella gehört. Man hätte ihn der Polizei aushändigen müssen. Aber wie soll er das tun, ohne sie zu verraten? Jetzt ist ihm klar, dass es töricht war, den Amtsstab zu vergraben. Illegal.

»Es dämmert gleich, mein Freund«, sagt Clovis schließlich und deutet auf die langen Schatten und das goldene Licht draußen.

»Zeit für die Arbeit.«

»Ich beneide dich. Ich wünschte, ich wäre wieder jung.«

Doch in diesem Augenblick fühlt sich Matthew sehr alt und müde. Er sagt seinem Freund Lebewohl und geht den Hügel hinauf nach Hause. Er macht einen kleinen Umweg zu der Stelle, an der er die Kiste vergraben hat, und schaut auf seine Stiefel. Unter ihm liegt ein Gegenstand von unschätzbarem Wert, der einer adeligen Familie oder der Königin oder dem Parlament oder allen dreien gehört. Menschen, die viel wichtiger sind als er selbst. Hätte er nur nie in die Kiste hineingesehen. Hätte Isabella sie nie mitgebracht. Wäre sie nie gekommen.

Doch dafür ist es zu spät. Passiert ist passiert. Und was geschehen wird, geschieht.


Isabella ist seit einer Woche und zwei Tagen bei den Fullbrights und weiß noch immer nicht, wie sie bezahlt wird. Wöchentlich? Monatlich? Am Ende ihrer Dienstzeit? Wie soll sie den Fullbrights vertrauen? Sie hat nicht einmal mit ihnen über die Bezahlung gesprochen. Sie geben ihr Kost und Logis, also wird sie nicht sonderlich viel verdienen, aber sie braucht das Geld. Matthew hat einen elektrischen Telegrafen in seinem Häuschen; sie möchte ihrer Schwester ein Telegramm schicken, um ihren Besuch anzukündigen. Sie hofft insgeheim, dass ihre Schwester ihren Ehemann davon überzeugen kann, Isabella Geld zu schicken, damit die Schufterei nicht ganz so lange dauert.

Obwohl sie den kleinen Xavier vermissen wird.

Er sitzt ihr gegenüber in der Küche und hilft, Wolle zu sortieren. Das Kind ist überaus intelligent, auch wenn es nicht spricht. Sie hat gesehen, wie er ihr mit den Augen folgt, wenn sie ihm abends vorliest, und gebieterisch den Zeigefinger hebt, wenn sie ein Wort überspringt oder zu früh umblättert. Er trennt mühelos das Dreifach-Garn vom Vierfach-Garn, die dunklen Augen konzentriert auf die Wolle gerichtet, den Daumen fest zwischen den Lippen. Sie horcht auf Katarina, die das Daumenlutschen entschieden ablehnt, weil es angeblich daran schuld ist, dass er nicht spricht.

»Gut gemacht, Xavier.«

Er schaut sie nicht an, doch sie sieht das Lächeln in seinen Mundwinkeln. Vermutlich beginnt er sie zu mögen.

Schritte. Isabella zieht ihm rasch, aber sanft den Daumen aus dem Mund. Er scheint zu verstehen, dass sie Komplizen sind, und wischt den Speichel an der Hose ab.

»Mary?«, fragt Katarina und bleibt auf der Schwelle zur Küche stehen. »Mr. Fullbright hat heute Mittag Gäste und möchte Xavier ohne sein Kindermädchen dabeihaben. Du kannst der Köchin helfen.«

»Ich bin seit über einer Woche hier, Mrs. Fullbright. Die Köchin hat einen Nachmittag in der Woche frei. Kann ich das nicht auch haben?«

Katarina schaut sie an. »Vermutlich schon. Die Köchin wird auch alleine zurechtkommen. Es ist ja nur ein Gast.«

»Und wann werde ich bezahlt, Mrs. Fullbright?«

»Du bist ganz schön geradeheraus.«

Isabella ist sich nicht sicher, ob es ein Tadel oder ein Kompliment ist, also schweigt sie. Sie hat zum ersten Mal in ihrem Leben nach Geld fragen müssen.

»Diese Woche ist es etwas knapp. Ich kann dir jetzt zwei Shilling geben. Den Rest bekommst du von Mr. Fullbright am Ende des Monats, wenn seine Gläubiger bezahlt haben.« Katarina wendet sich ab, als wäre ihr das Gespräch über Geld peinlich. »Künftig solltest du nur mit ihm über deinen Lohn sprechen.«

Das Haus steht kopf, als die Köchin angewiesen wird, einen Braten für den Gast, einen sehr reichen Freund von Ernest namens Abel Barrett, zuzubereiten. Isabella hilft ihr mit dem Gemüse und dem Teig für den Yorkshire-Pudding, während sie zwischendurch mit Xavier und seinen Holzpferden im Kinderzimmer spielt.

Kurz vor dem Mittag sucht Ernest sie dort auf.

»Du brauchst Geld?« Er hat die Mundwinkel missbilligend herabgezogen.

Sie würde gerne sagen: »Nein, Sie schulden mir Geld«, aber das würde ihn nur erzürnen. Sie muss sich als Bittstellerin geben, was sie im Grunde auch ist. »Ja, Sir. Und Mrs. Fullbright sagt, ich könne den Nachmittag freihaben.«

»Ha. Es ist gefährlich, eine Frau mit Geld in der Tasche und ohne Beschäftigung in die Stadt zu schicken. Dennoch, wenn Katherine es dir versprochen hat …« Er holt einige Münzen heraus.

»Danke, Sir.« Sie nimmt sie entgegen.

Er faltet die Hände hinter dem Rücken und beugt sich zu Xavier, der nicht von seinen Holzpferden aufgeblickt hat. »Komm mit, junger Mann. Wir haben Besuch.«

Xavier schaut sehnsüchtig zu seinen Pferden und dann zu Isabella, die ihm aufmunternd zulächelt. »Geh nur, Xavier. Ich mache den Teig nur für dich. Wir sehen uns heute Abend.«

Dann sind sie weg, und Isabella begibt sich ins Badezimmer, um sich zu waschen, bevor sie sich auf den Weg zum Leuchtturm macht. Sie wird Matthew zum ersten Mal sehen, seit sie von dort weggegangen ist. Es scheint ewig her, obwohl es kaum mehr als eine Woche zurückliegt, und sie versteht auch nicht ganz, weshalb sie sich unbedingt für ihn waschen und kämmen will. Sie war nie eitel, doch Matthew hat sie nur zerlumpt und sonnenverbrannt gesehen. Dabei galt sie einmal als schön.

Um das Haus zu verlassen, muss sie durchs Wohnzimmer gehen. Sie hält an der Haustür inne und wirft einen Blick ins Esszimmer, wo Abel Barrett mit Ernest ins Gespräch vertieft ist. Abel blickt auf, ihre Augen begegnen sich. Er wendet sich an Ernest, und sie weiß, dass er nach ihr fragt. Sie zögert: Soll sie warten und sehen, ob man sie holt, um ihn zu begrüßen? Doch dann kommt Katarina dazu und verscheucht sie mit einer theatralischen Geste. Isabella schlüpft aus dem Haus und läuft die Stufen hinunter.

Der Himmel ist grau, eine bleierne Decke zwischen Erde und Sonne. Trotz seines Gewichts fühlt sie sich leicht, weil sie frei von allen Pflichten ist. Früher hat sie immer so gelebt, ohne zu wissen, wie süß es ist, unbelastet zu sein. Sie ist versucht, in die Stadt zu gehen und sich die Schaufenster anzusehen. Doch sie wird sich ohnehin nichts leisten können. Also nimmt sie den zugewucherten Weg, der bergauf zum Leuchtturm führt.

Sie klopft entschlossen und wartet. Einige Augenblicke vergehen, und ihr fällt ein, dass Matthew nachmittags schläft. Es ist ihr furchtbar peinlich, dass sie ihn womöglich aufgeweckt hat; zugleich wäre sie enttäuscht, wenn er weiterschliefe und sie nicht mit ihm sprechen könnte.

Schritte ertönen im Inneren. Die Tür geht auf. »Isabella?« Er streicht sich mit der Hand über den Bart.

»Es tut mir leid. Habe ich Sie geweckt?«

»Nein. Ich habe nur Büroarbeit erledigt.«

»Ich muss meiner Schwester ein Telegramm schicken.«

»Dann kommen Sie herein. Kommen Sie herein.«

Der Geruch überwältigt sie: Sie assoziiert ihn mit der sicheren Zuflucht, die sie nach Tagen des Leidens gefunden hat. Sie fühlt sich sofort sicher und ist auch ein bisschen traurig, als sie sich an die Zeit im Leuchtturm erinnert. Sie setzt sich an den Tisch.

Matthew bringt ihr ein Formular und einen Füllfederhalter. »Hier. Schreiben Sie die Adresse und die Nachricht hinein.«

»Wie viel kostet das?«

Matthew schüttelt den Kopf. »Ich berechne Ihnen nichts.«

Isabella trägt die Adresse ein und zögert. Was soll sie schreiben? Dann setzt ihr Herz eine Sekunde lang aus: Wenn ihre Schwester nun die Winterbournes verständigt?

Matthew bemerkt ihr Zögern. »Was ist los?«

»Vielleicht ist es nicht sicher, ihr zu sagen, wo ich bin.«

»Vertrauen Sie ihr?«

Isabella überlegt und nickt dann.

»Vertrauen Sie ihrem Mann?«

»Ich bin ihm nur einmal begegnet. Aber er schien ein reizender Mensch zu sein.«

Matthew zuckt mit den Schultern. »Das können nur Sie entscheiden.«

Isabella schüttelt sich. »Ich bin dumm. Wenn ich bei ihr Zuflucht suchen will, muss ich ihr vertrauen.« Immerhin vertraut sie auch Matthew. Dann beginnt es zu regnen, die Tropfen prasseln auf das Blechdach des Häuschens, und sie schreibt: Komme so bald wie möglich zu dir. Kann noch einige Monate dauern. Habe Arthur verlassen und kein Geld. Schreibe mir an den Leuchtturm von Lighthouse Bay, Australien, aber verrate keiner Seele etwas. Dann legt sie den Füllfederhalter hin und reicht Matthew das Formular. Er geht damit in den Telegrafenraum. Sie folgt ihm und bleibt abwartend auf der Schwelle stehen. Sie fragt sich, ob er von dem Schiffbruch der Aurora gehört hat, sich aber an sein Versprechen hält, keine Fragen zu stellen. Die Morsetaste klappert, als er die Nachricht übermittelt. Isabella versteht nicht, wie es funktioniert oder wohin ihre Botschaft jetzt gegangen ist, doch als Matthew fertig ist, dreht er sich um und hält ihr das Blatt hin.

»Ich kann es nicht mitnehmen.«

Matthew zerreißt es und wirft es in den Papierkorb.

»Wie lange dauert es, bis es ankommt? Kann ich warten?«

»Oh, nein. Es kann eine Weile dauern, bis Ihre Nachricht dort eintrifft. Das geht nicht in Sekunden. Obwohl das alles sehr modern ist, bleibt es im Grunde eine primitive Art der Kommunikation. Ähnlich wie im Mittelalter, als man von Hügel zu Hügel Fackeln entzündete. Wenn ein Posten das Signal nicht bemerkt, kann die Nachricht tagelang ungelesen auf einem Schreibtisch liegen.«

Sie kämpft gegen ihre Enttäuschung. »Lassen Sie es mich wissen, wenn sie antwortet?«

»Ich werde Ihnen die Nachricht bei Mrs. Fullbright überbringen.«

»Aber nur mir. Keiner darf davon erfahren. Mrs. Fullbright glaubt, ich heiße Mary.«

»Ich werde diskret sein.« Er lächelt. »Geht es Ihnen gut?«

»Ich war zu beschäftigt, um mich unwohl zu fühlen.« Sie möchte noch ein bisschen bleiben, sich tief in die Behaglichkeit des Leuchtturms sinken lassen. Draußen fällt kalter, schwerer Regen. »Dürfte ich um eine Tasse Tee bitten? Es ist noch zu nass, um nach Hause zu gehen.«

Er zögert.

»Es tut mir leid«, sagt sie, als ihr klarwird, dass sie seinen Tagesablauf gestört hat. »Sie brauchen Schlaf.«

»Das ist es nicht …« Sie weiß genau, was er denkt. Es geht nicht. Wenn jemand merkt, dass sie sich länger als nötig hier aufhält, wird es Gerede geben. Doch Isabella teilt diese Angst nicht. Niemand hat sie kommen sehen, und es ist unwahrscheinlich, dass man sie auf dem Heimweg beobachtet. Sie hat keinen Regenschirm dabei, also kann er sie nicht hinausschicken. Sie findet seine Sorge liebenswert. Offenbar ist er ein verantwortungsvoller Mann und will sie schützen.

»Bitte. Ich trinke ihn auch rasch aus und gehe, sobald es aufhört zu regnen.«

Er muss lachen, dabei kräuseln sich reizende Falten in seinen Augenwinkeln. »Eine Kanne also. Bitte, machen Sie es sich bequem.«

Er entzündet den Herd und setzt den Kessel auf. »Wie gefällt es Ihnen bei den Fullbrights?«

»Es ist ein bisschen anstrengend. Ich bin nicht an diese Arbeit gewöhnt. Aber der kleine Junge ist reizend.« Sie zögert und wagt sich dann vor. »Er ist am selben Tag wie Daniel geboren.«

Matthew dreht sich halb zu ihr um und zieht eine Augenbraue hoch. »Das muss …«

»Ich dachte, es sei schwierig. Ich dachte, ich würde immerzu an Daniel denken, wenn ich ihn ansehe. Doch er ist eine eigene Persönlichkeit. Aber finden Sie es nicht seltsam? So ein Zufall. Sogar ihre Namen sind ähnlich, nur die Konsonanten sind unterschiedlich. Von allen Menschen, denen ich begegnet bin, nachdem ich so viele Meilen gereist bin …« Sie verstummt. Sie hört sich wohl ein bisschen verrückt an, aber daran ist sie gewöhnt.

»Er ist eine eigene Persönlichkeit. Wie Sie schon sagten«, beendet er den Satz für sie. »Er ist nicht Daniel.«

»Natürlich nicht.« Eine unerwartete Traurigkeit überwältigt sie, als hätte man in einem warmen Zimmer das Fenster geöffnet und einen bitterkalten Wind hereingelassen.

Das Wasser kocht, und Matthew bereitet wortlos den Tee zu. Isabella sitzt da und wartet und wünscht sich etwas, das sie nicht in Worte fassen kann. Noch vor einer Stunde hat sie sich angenehm leicht gefühlt. Jetzt schließt sich das dunkle Netz der Erinnerungen um sie, so wie die dunklen Wolken draußen das Licht verdrängen.

Doch der Tee hilft. Er ist heiß und süß.

»Erzählen Sie mir von Ihrer Schwester«, sagt er sanft. »Stehen Sie einander nahe?«

Isabella lächelt, als sie an Victoria denkt, sie ist so dunkel, wie sie selbst blond ist. »Als Kinder standen wir einander sehr nahe. Wir sind an der Nordküste von Cornwall aufgewachsen, obwohl Papa und Mama aus London stammen. Papa ist der Sohn eines Abgeordneten. Also haben wir anders gesprochen als die Leute dort. Vater war Juwelier. Er war ziemlich verrückt. Hat bis spät in die Nacht gearbeitet, dabei standen ihm die Haare zu Berge.« Sie deutet auf ihre eigenen Haare. »Er hatte seltsame Kunden: Barone und solche Leute aus europäischen Städten, von denen er noch nie gehört hatte. Er war äußerst beliebt. Alle seine Schmuckstücke wurden ohne Löten hergestellt. Wissen Sie, was das bedeutet? Jede Schließe wurde von Hand gebogen und umhüllt. Seine Hände waren so stark, dass er eine Teebüchse mit den Fingerspitzen zerdrücken konnte. Nach Mamas Tod ließ er uns alle Freiheiten. Wir verbrachten den ganzen Tag am Strand und sammelten Muscheln und Steine und bastelten zu Hause Broschen und Armbänder daraus.« Isabella senkt die Augen, als sie an Arthur denkt. Früher einmal hat sie irrtümlich geglaubt, sie und er hätten viel gemeinsam. Aber Arthur hatte nie Spaß daran, Schmuck herzustellen, nicht so wie Papa. Alles, was er tat, war leidenschaftslos. Blutleer.

»Finden Sie es nicht seltsam«, fragt sie, nachdem sie schweigend von ihrem Tee getrunken hat, »dass ich meinen Mann überhaupt nicht vermisse?«

»Nein. Ich nehme an, Sie haben ihn verlassen, weil er Sie nicht gut behandelt hat.«

»Manchmal mache ich mir Sorgen, dass etwas mit meinem Herzen nicht stimmt.«

Matthew antwortet nicht. Er scheint sich wohl zu fühlen, wenn er einfach nur dasitzt und wartet, dass sie weiterspricht.

»Vielleicht ist es gebrochen. Nicht im üblichen Sinn, kein Riss in der Mitte. Aber zerbrochen wie eine Uhr, die man vom Kaminsims genommen und mit grober Hand zerlegt und in Einzelteilen auf dem Boden liegengelassen hat. Zerbrochen, so dass sie nicht mehr richtig funktioniert.« Sie reißt sich zusammen. Sie redet zu viel Unsinn. Wenn Arthur hier wäre, würde er sie tadeln, weil sie mit ihren wilden Ideen die Aufmerksamkeit auf sich lenkt.

Doch Arthur ist nicht hier, er liegt tot auf dem Meeresgrund.

»Mein Mann ist tot, Matthew«, sagt sie leise.

»Wovor laufen Sie dann fort?«

»Vor seiner Familie.«

Er nickt und scheint etwas sagen zu wollen, besinnt sich aber. »Sie brauchen mir gar nichts zu sagen. Vielleicht ist es sogar besser, wenn Sie es nicht tun.«

Sie gibt sich fröhlich. »Aber dann halten Sie mich für mysteriös. Für eine Frau mit einem Geheimnis. Vielleicht sogar für eine Lügnerin.«

Er hält ihren Blick in diesem Moment gefangen, noch einen Moment, die Zeit verrinnt. Sie ist sich seiner männlichen Gegenwart nur zu bewusst, des Geruchs von Öl und Meer, der Dunkelheit in seinen Augen.

»Ich könnte nicht schlecht von Ihnen denken«, sagt er schließlich. »Nie und nimmer.«

Etwas in ihr erwacht lodernd zum Leben, etwas, das sie noch nie so empfunden hat, es ist zuerst verwirrend. Eine Wärme, tief unten. Eine ungeheure Sehnsucht überkommt sie, sie will sich am liebsten mit ihrem ganzen Körper an ihn schmiegen. Das ist Begehren. Sie begehrt Matthew, den Leuchtturmwärter. Es überrascht sie, ist aber nicht unangenehm. Sie weiß nicht, was sie machen soll, also bleibt sie, wo sie ist. Er wird wohl kaum genauso empfinden und würde es für unanständig halten, wenn sie ihre Gefühle zeigte. Sie trinkt ihren Tee aus. Es hat aufgehört zu regnen. Zeit zu gehen.

»Ich bin schon zu lange geblieben. Das war sehr selbstsüchtig von mir.«

»Ich habe Ihre Gesellschaft genossen«, sagt er, und sie meint, ein leichtes Unbehagen zu erkennen. Zweifellos hat er ihr Begehren bemerkt und ist deshalb verlegen.

Sie schiebt den Hocker zurück und steht auf. »Ruhen Sie sich aus.«

»Sie hören von mir, sobald sich Ihre Schwester meldet.«

Sie stehen einen Augenblick da und schauen einander an. Dann geht Isabella zur Tür hinaus und den regennassen Weg hinunter in die Stadt.


Eine Woche vergeht, ohne dass sie von ihrer Schwester hört. Sie versucht, es zu verstehen. Vielleicht wird sie einen Brief statt eines Telegramms schicken und Geld beifügen. Vielleicht ist ihre Schwester verreist und hat die Nachricht noch nicht erhalten. Vielleicht ist sie auch mit ihrem kleinen Baby beschäftigt und hat es vergessen. Oder vielleicht … vielleicht will ihre Schwester gar nicht, dass sie kommt. Isabella hofft Tag um Tag. Es wird ohnehin etwas dauern, bis sie genügend Geld gespart hat. Sie arbeitet fleißig und versucht, für Xavier fröhlich zu bleiben, und dabei wartet sie.

Katarina und Ernest streiten jeden Abend. Isabella bringt Xavier um sechs Uhr ins Bett, hilft der Köchin bis sieben beim Saubermachen, begibt sich ins Kinderzimmer und fällt erschöpft ins Bett. Eine Stunde später, wenn die beiden glauben, dass sie schläft und sie nicht hören kann, geht es los. Sie kann die Worte nicht verstehen, hört nur die Stimmen, also weiß sie auch nicht, wieso sie damit anfangen. Doch es kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Die meiste Zeit schreien sie nur ein bisschen. Manchmal werden Türen geschlagen. Dann wieder kreischt Katarina, als müsste ihre Kehle bluten. Isabella hat gelernt, sich nicht einzumischen. Sie muss Xavier beschützen. Sie ist froh, nachts in dem verschlossenen Flur zu sein.

An diesem Abend liegt sie in ihrem Bett in Lighthouse Bay, doch in Gedanken ist sie weit weg in Amerika bei ihrer Schwester. Sie trinken zusammen Tee. Victorias Baby gurrt leise auf Isabellas Schoß. Sie malt sich die Szene in allen Einzelheiten aus, so dass sie sich fragt, ob sie es ertragen kann, die Augen zu öffnen und zu sehen, wo sie sich wirklich befindet. Dann aber dringt langsam der Lärm in ihre heimlichen Phantasien. Stimmen im Haus. Der Streit beginnt, zunächst bemerkt sie es kaum. Dann aber eskaliert die Situation, und nach wenigen Minuten wird Glas oder Geschirr zerschlagen. Jeder Knall wird von Katarinas teuflischen Schreien begleitet, daher weiß Isabella, dass Ernest Ziel der Anschuldigungen ist. Xavier regt sich, und Isabella springt aus dem Bett, um ihm über das Haar zu streichen.

Diesmal aber schläft er nicht wieder ein. Er setzt sich auf, und sein innerer Kampf zeichnet sich auf dem kleinen Gesicht ab. Ernest brüllt Katarina so laut an, dass man die Worte verstehen kann. »Hure! Höllenkatze!«

Xavier sucht Isabella mit den Augen und beginnt zu weinen.

»Sch«, sagt sie und streicht ihm wieder über den Kopf.

Xavier wirft sich in ihre Arme, und sie drückt seinen warmen Körper an sich und hält ihn ganz fest. Der Streit geht weiter. Es hört sich an, als würden alle Gegenstände im Haus herumgeworfen. Isabella drückt eins seiner Ohren an ihre Brust und bedeckt das andere mit der Hand. Er schluchzt eine Weile und scheint sich dann zu beruhigen.

Das Geschrei hat sich gelegt. Man hört, wie Scherben aufgesammelt werden, wütende Stimmen, aber nicht mehr den mörderischen Zorn. Isabella trägt Xavier behutsam zu ihrem Bett. Katarina würde das niemals dulden, aber sie erschreckt das Kind auch mit ihrem Zorn und berührt ihren Sohn fast nie. Ein Kind braucht Trost, und Isabella hat so viel Trost zu geben.

Sie rollen sich auf der Seite zusammen, sein fester Körper in der Kurve des ihren. Sie legt den Arm um ihn, riecht an seinem Haar, spürt die weiche Hitze und den Schlag seines kleinen Herzens. »Keine Sorge, ich passe auf dich auf.«

Sein Puls beruhigt sich, er drückt sich an sie. Sie hört, wie er rhythmisch am Daumen lutscht. Kurz darauf ist er eingeschlafen.

Doch Isabella liegt noch länger wach. In der Dunkelheit kann sie sich vorstellen, er wäre Daniel. Ihr eigenes Kind. Er würde auch Trost bei ihr suchen, und den würde sie ihm geben. Sie würde nur dafür leben, ihm Trost zu spenden. Sie würde ihn so sehr lieben und dafür sorgen, dass er sich sicher und geschätzt fühlt …

Sie döst ein, und der Schleier zwischen Wirklichkeit und Phantasie hebt sich. Sie ist bei Daniel, zusammengerollt im Bett, während es gegen Mitternacht dunkelt und alles gut ist.


Percy fürchtet sich vor seiner Mutter. Viele Männer fürchten sich vor seiner Mutter. Die einzige Ausnahme war sein Vater, und der ist seit mehreren Jahren tot.

Mutter glaubt noch immer, Arthur könne am Leben sein. Sie will einfach nicht hinnehmen, dass das Schiff nicht nur verspätet, sondern gesunken ist. Sie glaubt, selbst wenn es gesunken sei, habe Arthur sich irgendwie an ein Stück Holz geklammert und eine Hütte am Strand errichtet und würde Kokosnüsse essen und auf seine Rettung warten.

»Das sind unfähige Narren«, tobt sie, als Percy ihr berichtet, dass die Polizei von Cape Franklin nicht mit Sicherheit sagen kann, welche Trümmer von der Aurora stammen. »Ein guter britischer Marineoffizier könnte das im Nu erkennen. Arthur wäre inzwischen gefunden worden! Der Amtsstab wäre geborgen! Ich will nicht, dass unser Familienname auf immer durch die Tatsache beschmutzt wird, dass wir ein Geschenk der Königin verloren haben!«

Es ist Sonntag, spät am Abend. Die Sonntage ermüden Mutter furchtbar, sie muss in die Kirche, und dann gibt es das große Sonntagsessen mit Braten. Percy sitzt ihr im Wintergarten gegenüber und lässt sie gegen die Marinebehörden von Queensland wüten. Er weiß, sein Augenblick wird kommen. Letzte Woche hat er einen schrecklichen Fehler begangen. Er hat die falschen Zahlen an die Bank geschickt, das hat die Firma fünfhundert Pfund gekostet. Mutter hat es noch nicht entdeckt, aber er weiß, wenn er es heute Abend richtig anstellt, wird er weit weg sein, bevor sie es herausfindet.

»Weißt du, was am besten wäre?«, wirft er rasch ein, als sie in ihrer Tirade innehält. »Wenn ein Vertreter der Familie nach ihm suchen würde.«

»Wer denn bitte? Charles Simmons? Er könnte auf einem Schiff keine Sekunde überleben, geschweige denn auf einer einsamen Insel.« Sie hält Australien für einen kleinen Ort mit einer einzigen Palme und einer Lagune.

Percy wartet einen Augenblick. »Ich bin bereit. Simmons kann meine Aufgaben übernehmen. Ich werde Arthur und den Amtsstab finden und beide sicher nach Hause bringen.«

Percy glaubt nicht, dass Arthur noch lebt, will aber den Amtsstab unbedingt finden, bevor ihm jemand zuvorkommt. Jemand, der meint, er sei so weit von Gesetz und Zivilisation entfernt, dass er ihn stehlen kann. Er kann die Vorstellung, ein behaarter Wilder könnte mit dem Amtsstab in seiner Hütte leben und seinen Lendenschurz mit den Juwelen schmücken, nicht ertragen. Oder dass ein einfacher Matrose ihn aus dem Schiffswrack birgt, mit nach Hause nimmt und einschmilzt und die Winterbournes auslacht.

»Wir können nicht auf dich verzichten, und deine Frau und die Kinder auch nicht«, sagt Mutter, doch Percy hört den Zweifel in ihrer Stimme. Arthur bedeutet ihr viel; Percy nicht. »Es wird zu lange dauern.«

»Ein Dampfer bringt mich in sieben oder acht Wochen hin, Mutter«, er spricht so leise, dass sie sich vorbeugen muss, um ihn zu hören. »Wer sonst sollte die Sorgfalt und Umsicht aufwenden, die nötig sind, um einen verschollenen Bruder zu finden? Wem sonst können wir vertrauen? Niemandem. Ich bin Arthurs Fleisch und Blut.«

Mutter überlegt und knetet ihre dicklichen Finger. Schließlich sagt sie: »Du hast recht. Du solltest hinfahren.«

Percy seufzt erleichtert. Auf und davon. Kein Büro mehr, keine Zahlen. »Sehr gut. Ich werde es gleich morgen veranlassen.«

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