Zwanzig

1901


Vor der Morgendämmerung ist das Licht weich und blau. Isabella hat sich noch nicht an die eindringlichen Gerüche der australischen Landschaft gewöhnt: feuchte Erde, scharf prickelndes Laub und der herbe Geruch des Meeres. In der feuchten Luft hängt ein salziger Nebel. Von der Plattform des Leuchtturms aus konnte sie am Morgen das verlassene Meer und den Strand sehen; Orte, an die sich weder Mensch noch Tier je zu verirren schienen. Doch hier unten im Wald herrscht reges Leben: Die Vögel erwachen, Tiere kriechen aus ihren Höhlen. Es ist tröstlich zu wissen, dass auch andere Lebewesen beschäftigt sind. So beschäftigt wie sie und Matthew. Kühle Feuchtigkeit liegt auf ihren Wangen.

Matthew stößt den Spaten in die Erde. Hier im Boden liegt der Amtsstab. Die Vorstellung, dass es ihn noch gibt, ist schrecklich und wunderbar zugleich. Schrecklich, weil sie sich vor Arthurs Familie fürchten muss, solange sie den Stab bei sich hat. Wunderbar, weil er ihr die Flucht von diesem schrecklichen Ort und ein neues Leben ermöglichen kann, wenn sie geschickt und behutsam vorgeht.

Ja, sie muss geschickt und behutsam sein.

Sie steht daneben und sieht Matthew bei der Arbeit zu. Seine körperliche Nähe fasziniert sie. Seine rauhen Hände am Spaten, wie sich seine Schultern heben und senken, die starken, ruhigen Beine. Noch vor wenigen Stunden waren diese Hände und Schultern und Beine sanft, aber unablässig damit beschäftigt, ihr körperlichen Genuss zu bereiten. Sie kann es noch immer kaum glauben. Früher schien ihr Körper nur geliehen; er gehörte ihrem Mann, ihrem Kind, ihrer Familie. Doch Matthew hat ihr bewiesen, dass sie in ihren Gliedmaßen und Organen und ihrer Haut zu Hause ist. Das Begehren erwacht aufs Neue in ihr.

Er blickt hoch, als würde er spüren, dass sie an ihn denkt. Er lächelt, und ihr Herz macht einen Sprung.

»Was denkst du, hübscher Vogel?«

Sie lächelt, antwortet aber nicht. Durch die Bäume schiebt sich der erste Finger der orangegoldenen Dämmerung. Der Gesang der Vögel wird lauter. Er gräbt weiter. Dann endlich ertönt ein dumpfer Laut, als sein Spaten auf die Kiste trifft.

Matthew wirft den Spaten beiseite und fällt auf die Knie. Gräbt mit den Händen in der Erde. Isabella kniet sich neben ihn und wischt den Schmutz vom Deckel. Matthew hat ein Ende der Kiste ergriffen und zieht sie keuchend nach oben.

Dann hebt er sie hoch und sagt: »Komm mit, Isabella.«

Sie kehren in den Leuchtturm zurück. Matthew trägt die Kiste die Treppe hinauf und stellt sie neben dem Werkzeugschrank auf den Boden. Am Tisch im Telegrafenraum könnte man besser arbeiten, doch Isabella weiß, dass er fürchtet, jemand könne wegen eines Telegramms hereinkommen und den Amtsstab entdecken.

Er öffnet die Kiste und tritt zurück.

Isabella kniet sich auf den Boden und streicht mit den Fingern über die Edelsteine. Acht Rubine, vier Saphire, vier Smaragde und ein Diamant. Siebzehn Edelsteine, jeder einzelne gehalten von einer handgefertigten Kralle.

»Ich brauche eine Zange«, sagt Isabella. »Die kleinste, die du hast.«

»Das findest du alles in diesem Schrank.« Er setzt sich zu ihr auf den Boden. »Tut mir leid, dass du hier arbeiten musst.«

»Ich möchte ebenso wenig wie du, dass wir entdeckt werden.«

»Allein der Diamant dürfte genug einbringen, um die Fahrkarte nach New York zu bezahlen.«

Zwei Fahrkarten. Sie braucht zwei. »Es ist eine lange Reise. Ich möchte bequem untergebracht sein, in einer Kabine. Außerdem brauche ich Kleidung, Schuhe und Geld für drüben. Ich habe Victoria noch nicht einmal gefunden. Irgendwo muss ich wohnen. Nein, ich werde sie alle verkaufen.«

»Aber es ist doch sicher verdächtig, wenn du plötzlich mit diesen Edelsteinen auftauchst. Ich weiß nicht, wie das gehen soll, Isabella.«

Der Plan nimmt nur langsam Gestalt an, und sie spürt Matthews Bedenken wie einen dumpfen Schmerz im Kopf. Es stimmt, dass sie, Mary Harrow, zuletzt noch ein einfaches Kindermädchen, viel Aufmerksamkeit erregen würde, wenn sie plötzlich Edelsteine zum Kauf anböte. Vor allem diese siebzehn Edelsteine, die genau zu denen des verschwundenen Amtsstabs passen. Sie muss sie irgendwie tarnen und kann sie auf keinen Fall hier in Lighthouse Bay verkaufen. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass es verdächtig wäre, gibt es hier auch nicht genügend Leute, die das nötige Geld hätten.

»Lass mich überlegen«, sagt sie, will sich nicht entmutigen lassen.

Matthew geht seinen morgendlichen Pflichten nach. Isabella findet eine Zange mit kleinen Spitzen und löst vorsichtig den ersten Saphir aus der Fassung. Gold ist ein weiches Material, aber ihre Hände schmerzen trotzdem. Sie spürt Matthews Gegenwart, während der Morgen heller wird. Sie ist müde, so müde. Sie hat kaum geschlafen, leidet unter der Trennung von Xavier und ist schockiert über die Tatsache, dass sie sich von Matthew hat lieben lassen. Schließlich aber hält sie alle Saphire in der Hand.

Matthew hockt sich neben sie. »Läuft es gut?«

»Ich werde Schmuckstücke daraus machen. Das habe ich schon immer gern getan und durch die Ehe mit einem Winterbourne viel dazugelernt. Kein Mann würde einen Saphir kaufen, wohl aber eine Saphirbrosche für seine Frau.«

»Aber wo willst du sie verkaufen?«

»Das muss ich mir noch überlegen. Ich bin noch nicht fertig mit Nachdenken.« Ihre Stimme verblasst zu einem Murmeln.

Matthew betrachtet sie aufmerksam. »Geht es dir gut?«

Sie schüttelt den Kopf. »Nein. Ich bin müde und kann nicht glauben, was mir das Leben beschert hat. Aber ich weiß, was ich zu tun habe, und das macht mir Mut.«

Er berührt ihre Hand, und der Funke zündet erneut. Sie schaut ihm in die Augen. Seine Pupillen weiten sich, dann presst er seine Lippen auf ihre. Isabella verliert sich in Instinkt und Vergnügen. Sie ist des Nachdenkens müde. Nachdenken macht ihr Angst.

***

Matthew kommt aus der Stadt zurück. Er trägt einen Beutel mit Kartoffeln und Bohnen. Seltsam, wie bedeutungsvoll der Heimweg von der Stadt geworden ist, voller Verheißung und Sorge. Früher hat er sich nichts dabei gedacht. Da war er in Gedanken versunken und nahm seine Umgebung kaum wahr. Jetzt aber kehrt er zu Isabella zurück. Der Weg ist nicht länger neutral; er ist ein glücklicher Ort, umgeben von der Musik der Vögel und des wild brandenden Ozeans.

Sein Herz ist froh. So froh.

Sicher, es gibt diese dunklen Zweifel. Aber sie sind tief vergraben. Isabella ist entschlossen, so viele Edelsteine wie möglich zu verkaufen, indem sie sie zu Schmuck verarbeitet. Das wird eine Weile dauern. Also wird sie nicht morgen oder übermorgen weggehen. Er weiß, er kann sie nicht für sich behalten – das wusste er vom ersten Moment an –, doch er kann sich glücklich schätzen, eine Weile sein Leben mit ihr zu teilen. Er hat nicht damit gerechnet, das noch einmal zu erleben.

Sie ist seit einer Woche bei der Arbeit. Es gibt viele Fehlversuche. Manchmal ist sie so frustriert, dass sie einen kostbaren Edelstein einfach auf den Boden wirft. Dann hebt sie ihn auf und beginnt ruhig und still von neuem.

Matthew öffnet die Haustür. Diesmal begrüßt ihn keine leere Stille, so wie es all die Jahre gewesen ist; diesmal spürt er einen anderen warmen Körper. Bei dem Gedanken wird er rot. Ihre Weichheit macht ihn hart.

»Isabella?«

»Komm und sieh dir das an!« Ihre Stimme klingt hell vor Aufregung.

Er steigt die Treppe hinauf. Sie hat auf dem Boden neben dem Werkzeugschrank weitergearbeitet. Die ganzen Utensilien sind um sie herum ausgebreitet. Jeden Morgen nach dem Frühstück kehrt sie an ihren Platz zurück, arbeitet mit jener verzweifelten Konzentration, die sie auch den langen Marsch zum Leuchtturm hat durchstehen lassen. Diesmal jedoch steht sie da und wartet auf ihn, als er durch die Luke steigt. Sie hält ihm strahlend die Hand entgegen.

Auf ihrer Handfläche liegt eine Brosche. Ihr Einfallsreichtum ist wunderbar. Eine Muschel vom Strand, ein Satinband von ihrem Kleid, die feine Goldkette, mit der der Deckel der Kiste befestigt war. In der Mitte des Schmuckstücks glitzert ein dunkelblauer Saphir. Die Brosche ist hübsch, ungewöhnlich. Genau wie Isabella.

»Sehr gut gemacht.«

»Nicht wahr? Victoria und ich haben als Mädchen oft Broschen aus Muscheln gebastelt. Obwohl wir nie mit Saphiren arbeiten konnten.« Sie runzelt die Stirn. »Ich brauche mehr Zubehör. Silberdraht, aus dem ich Schließen und Ketten machen kann. Ich möchte diese hier gerne verkaufen und davon das Material für das nächste Stück bezahlen.«

Er hört sie kaum. Ihre Wangen sind leicht gerötet, das Haar fällt ihr lose ins Gesicht. Das Begehren wirft ihn beinahe um. Er zwingt sich, bei der Sache zu bleiben. »Wo kannst du das bekommen? Jedenfalls nicht hier in Lighthouse Bay. Nicht einmal in Tewantin. Holz und Zucker schon, aber Silberdraht …«

»Brisbane.«

»Du willst nach Brisbane?« Dazu müsste sie mit dem Schaufelraddampfer fahren und über Nacht bleiben. Seine Eingeweide ziehen sich zusammen, als er sich vorstellt, dass sie allein und weit von ihm entfernt ist.

Doch sie schüttelt bereits den Kopf. »Nein. Ich kenne jemanden, der oft dorthin fährt, der reiche Leute kennt, die vielleicht Schmuck kaufen wollen.«

»Wen denn?«

»Abel Barrett.«

Matthew ist verwundert. »Du kennst Abel Barrett?«

»Ja, und ich weiß mehr über ihn als die meisten Leute. Ich habe einen Plan.«

»Bring dich nicht in Gefahr. Es wäre am besten, wenn niemand in Lighthouse Bay erfährt, dass du noch hier bist. Mrs. Fullbright wird zweifellos schlimme Dinge über dich verbreitet haben, und …« Er verstummt, schämt sich plötzlich. Dass Isabella hier bei ihm im Leuchtturm schläft, muss auch ein Geheimnis bleiben. Er fühlt sich hin- und hergerissen zwischen dem heftigen Beschützerinstinkt und der Scham darüber, dass er sie in diese Lage gebracht hat.

Doch sie winkt schon ab. »Keine Sorge, ich bin nicht leichtsinnig.«

Er zögert. Er will nicht, dass sie in die Nähe von Abel Barrett geht. Dann aber sagt er: »Geh nicht zu ihm nach Hause. Seine Frau ist mit Mrs. Fullbright befreundet. Er trinkt jeden Nachmittag im Exchange, meist mit Ernest Fullbright, aber der ist zurzeit verreist. Am besten erwischst du ihn allein und unbemerkt auf der Shore Road, kurz nach Sonnenuntergang.«

Sie strahlt ihn an. »Wir sind ein gutes Paar, wir beide, nicht wahr?«

Obwohl er weiß, dass sie etwas anderes meint – dass sie Komplizen sind –, kommt ihm der Gedanke an ein Ehepaar. Doch es wird keine Heirat geben. Isabella kann nicht ewig in Lighthouse Bay bleiben, und er … er kann nicht weg. Dafür ist es zu spät. Die Traurigkeit droht ihn zu überwältigen. »Ja, wir sind ein gutes Paar«, erwidert er düster. »Ein gutes Paar, das schlechte Dinge tut.«

Isabella macht eine wegwerfende Handbewegung. »Wir begehen kein Verbrechen. Ich habe den Winterbournes nur Gold und Edelsteine genommen. Sie hingegen haben mir meine Freiheit und mein Glück genommen, ohne auch nur einmal darüber nachzudenken. Arthur hätte mit Freuden mein Leben auf dem Meer hingegeben, um sein eigenes zu retten. Er hat so fest an dem Ruder gezerrt, dass ich geglaubt habe, er will mich zu sich ins Wasser holen.« Als sie das sagt, mischt sich ein kalter Ton in ihre Stimme, und Matthew ist besorgt. »Du solltest dich nicht mit Schuldgefühlen quälen«, fährt sie fort und streicht mit weichen Fingern sanft über seine Hand. »Der Zweck heiligt die Mittel.«


Der Wind vom Meer ist kalt und schwer vom Salz. Isabella drückt sich mit dem Rücken gegen den kräftigen Stamm eines Mangobaums. Sie wartet im Schatten und beobachtet die Eingangstür des Exchange Hotels. Sie trägt Matthews dunklen Mantel und hat die Haare unter einem Tuch verborgen. Die Sonne ist untergegangen. Das Herz schlägt dumpf in ihrer Kehle. Zwischendurch erscheint ihr der Plan unmöglich, doch sie mahnt sich, einen Schritt nach dem anderen zu tun. Sie hat das erste Schmuckstück fertig: Der erste Edelstein der Winterbournes ist bereit, wieder das Licht der Welt zu erblicken. Ein Anfang ist gemacht.

Sie schaut zum Himmel empor. Sterne blinken zwischen dahinjagenden Wolken. Sie war so damit beschäftigt, die Edelsteine vom Amtsstab zu lösen und die Brosche anzufertigen, dass sie nicht nachgedacht hat. Jetzt aber kommen die Gedanken. Gedanken an Daniel und Xavier und Arthur und Matthew. Gedanken an Victoria, nach der Matthew in Amerika sucht. Isabella würde sagen, dass sie Heimweh hat, aber sie weiß nicht, nach welchem Heim. Sie treibt in der Welt dahin. Vielleicht ist es ihr bestimmt, eine Frau zu sein, die nur zu bestimmten Zeiten bestimmte Orte flüchtig berührt. In diesem Augenblick ist der Leuchtturm ihr Zuhause, aber sie weiß, dass es nicht von Dauer ist. Matthew weiß es auch.

Sie möchte so gern eine andere Frau sein: eine Frau mit Familie und Wurzeln und Ziegelsteinen unter den Füßen, die noch da sein werden, wenn sie stirbt. Die Melancholie überkommt sie, aber sie sagt sich, dass jetzt keine Zeit dafür ist. Sie muss den Schmuck verkaufen und genügend Geld für eine bequeme, sichere Überfahrt in ihr neues Leben zusammentragen.

Die Tür schwingt auf, dann steht er da. Aber er ist nicht allein. Isabella verlässt der Mut. Sie muss mit Abel Barrett allein sprechen, sonst ist es unmöglich. Er zündet sich eine Zigarre an und plaudert mit einem anderen Mann. Sie lässt sich gegen den Baumstamm sinken.

Dann verabschiedet sich Abel Barrett und kommt in ihre Richtung. Sie strafft den Rücken, zieht den Mantel um sich und wartet, bis er mit ihr auf einer Höhe ist.

»Mr. Barrett«, ruft sie leise.

Er bleibt stehen, dreht sich um und späht in die Dunkelheit. »Wer ist da?«

Sie tritt ein wenig aus dem Schatten des Baumes. »Reden Sie mit mir.«

»Mary Harrow? Warum sollte ich? Was machst du überhaupt noch in der Stadt?«

»Reden Sie mit mir«, wiederholt sie, »denn ich weiß Dinge über Sie, die Ihre Frau nicht weiß.«

Er eilt zu ihr, der Zorn steht ihm ins Gesicht geschrieben. Sie wappnet sich. Er könnte gewalttätig werden. Er ist ein reicher, arroganter Mann, der es gewohnt ist, seinen Willen durchzusetzen. Aber er schlägt sie nicht. Immerhin ist er auch ein Mann, dessen Frau seinen Reichtum sichert. »Jetzt hör mal zu«, zischt er. »Du bist nichts. Gar nichts. Niemand wird dir glauben, wenn du so etwas sagst …«

»Sie hören mir zu.«

Er steckt sich die Zigarre in den Mund, verschränkt die Arme und funkelt sie an. Der üppige Rauch fängt sich in ihrer Kehle. Erinnert sie auf unerklärliche Weise an ihre Kindheit. Vielleicht hat ihr Vater Zigarren geraucht. Sie atmet den Geruch tief ein.

»Na los. Ich höre.«

»Ich brauche Ihre Hilfe.«

Er zieht eine Augenbraue hoch.

»Ich brauche Dinge aus Brisbane. Sie fahren ständig dorthin.«

Sein Gesicht verzieht sich zu einem Grinsen. »Du willst mich also erpressen? Ich habe kein eigenes Geld, wie du weißt. Sie achtet auf jeden Penny, der mein Konto verlässt.«

»Nein, ich will kein Geld von Ihnen. Ich brauche nur Ihre Zeit.« Sie holt die Brosche aus der Manteltasche. »Sehen Sie her.«

Er schaut auf ihre Hand, holt ein Streichholz aus der Westentasche und zündet es an. Es erwacht flackernd zum Leben, lässt den dunklen Saphir funkeln und ihre Handfläche bernsteinfarben erglühen.

»Sie ist einer der wenigen Wertgegenstände, die ich besitze. Ich möchte, dass Sie sie für mich verkaufen und mir dafür einige Dinge mitbringen.«

Er wirkt verwirrt und erleichtert.

»Das ist ganz und gar unkorrekt«, knurrt er.

»Ich verlange nicht viel. Und ich werde mit meinem Schweigen bezahlen.«

»Also doch Erpressung.«

»Bestechung. Das klingt hübscher.«

Er pafft seine Zigarre, die leuchtenden Augen auf ihr Gesicht gerichtet. Dann nimmt er ihr die Brosche aus der Hand. »Ich fahre am Freitag. In einer Woche bin ich zurück. Das wird das Einzige sein, was ich für dich tue. Keine weiteren ›Bestechungen‹.«

»Einverstanden.« Sie gibt ihm die Liste mit den Dingen, die sie braucht. »Ich hoffe, es bleibt Geld übrig. Das bringen Sie bitte in bar mit.«

Rasch überfliegt er die Liste und verkneift sich die Frage, wozu sie Silberdraht und eine Juwelierlupe braucht. Er will dieses Geschäft schnell und mit möglichst wenig Aufwand hinter sich bringen. Er schaut ihr ins Gesicht. »Wer bist du?«

»Mary Harrow« antwortet sie, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Du bist mehr als das. Das hat Katarina immer geahnt.«

»Ich bin nur das, was Sie vor sich sehen.«

»Es ist dunkel. Du stehst im Schatten. Ich kann dich kaum erkennen.«

Isabella neigt den Kopf. »Wann können wir uns wieder treffen?«

»Freitag in einer Woche. Hier, zur selben Zeit. Dann werde ich deine Sachen haben. Damit ist jegliche Beziehung zwischen uns beendet.«

Sie hebt den Kopf. »Eins noch. Dürfte ich eine Zigarre haben?«

Er klopft auf seine Taschen, holt eine heraus und beugt sich vor, um ihr Feuer zu geben. Sie hustet und würgt, während er sie belustigt beobachtet.

»Du solltest wissen, dass Katarina herumerzählt, du hättest sie bestohlen.«

»Ach ja?«

»Es war die einzige Möglichkeit, dein plötzliches Verschwinden zu erklären. Ich an deiner Stelle wäre vorsichtig in der Stadt.«

»Das werde ich. Vielen Dank.«

Später sitzt Isabella am Strand und raucht die Zigarre zu Ende. Der Husten und das Würgen sind vorbei, Kehle und Lunge haben sich daran gewöhnt. Sie spürt ein warmes, angenehm distanziertes Gefühl im Kopf. Sie hofft, dass Matthew zu beschäftigt ist, um sich Sorgen zu machen. Sie genießt es, hier draußen zu sein, statt sich im Leuchtturm vor den Augen und Meinungen anderer zu verbergen. Sie raucht ihre Zigarre und schaut auf den Ozean und träumt von den Dingen, die vielleicht kommen werden.


Sie teilen ein Bett, schlafen aber nicht zur selben Zeit darin. Matthew schläft nachmittags, dann verbringen sie einige Stunden gemeinsam und essen zu Abend, danach geht sie schlafen. Sie arbeitet, während er schläft; er arbeitet, während sie schläft. Sie lieben sich nachmittags, wenn sie wach ist und er seine lange Schicht beendet hat und den Trost ihres Körpers braucht.

Sie macht sich allein im Leuchtturm zu schaffen, wenn er ruht, versucht, leise zu sein, langweilt sich, ist einsam und der Verzweiflung nahe. Nun, da sie nichts tun kann, außer abzuwarten, bis Abel Barrett mit ihrem Material zurückkommt, sind die Nachmittage lang und leer. Matthew hat ihr Bücher gegeben, aber sie war nie eine große Leserin. Stundenlanges Stillsitzen macht sie ungeduldig. Sie denkt zu viel nach; ausschweifende, entfesselte Phantasien darüber, wie das Leben jenseits des Ozeans sein mag. Manchmal sind die Phantasien angenehm, dann wieder machen sie ihr Angst. Die Winterbournes tauchen auf und werfen sie ins Gefängnis; sie wird gezwungen, Percy zu heiraten; Xavier stirbt während der langen Überfahrt am Fieber.

An diesem Nachmittag jedoch ist sie weder mit Lesen noch Nachdenken beschäftigt. Sie steht auf der oberen Plattform und betrachtet die Welt von hier oben: Meile um Meile weißer Sand, der grüne Küstenwald und der funkelnde, blaugrüne Ozean. Der Wind weht heftig, verknotet ihr Haar und raubt ihr den Atem, doch es ist so erhebend, hier zu stehen. Als wäre sie ein Teil der Natur, ein Vogel vielleicht. Sie breitet im warmen Sonnenschein die Arme aus und lässt den Wind über sich hinwegdonnern.

Irgendwann wird es zu viel, und sie sucht sich eine geschützte Stelle auf der anderen Seite des Leuchtturms. Jetzt schaut sie auf den Strand hinunter und bemerkt zwei Gestalten im Sand, eine große und eine kleine. Sie erinnert sich an ihre Strandbesuche mit Xavier, seine niedliche Hand in ihrer. Sie spürt, wie sich eine Falte zwischen ihre Augenbrauen gräbt. Vielleicht ist das da unten Xavier. Mit Katarina? Nein, Katarina würde sich dem Strand nie auch nur nähern.

Ein neues Kindermädchen? Schon?

Isabellas Herz wird heiß. Wenn das neue Kindermädchen nun freundlich und sanft ist? Wenn er sie bald genauso liebt, wie er Isabella geliebt hat? Sicher nicht. Sicher spürt er die besondere Verbindung, die zwischen ihnen besteht.

Sie läuft auf und ab. Bleibt stehen und hält sich am hölzernen Geländer fest, späht durch den feuchten Dunst zum Strand hinunter. Ein Erwachsener und ein Kind, kein Zweifel. Natürlich gibt es noch andere Kinder in Lighthouse Bay, es muss ja nicht Xavier sein. Doch Isabella will es unbedingt erfahren.

Im Leuchtturm ist es still. Da Matthew nur wenige Stunden am Tag schläft, schläft er besonders tief. Sie schleicht auf Zehenspitzen die Treppe hinunter und zur Tür hinaus.

Der Wald zwischen Leuchtturm und Strand ist dicht und überwuchert, der Boden uneben unter ihren Füßen. Sie geht vorsichtig und gelangt schließlich auf eine Düne, die mit langem, stacheligem Gras bewachsen ist. Hier hält sie inne und schaut über den Strand. Da sind sie, vielleicht eine Viertelmeile entfernt, und es ist eindeutig Xavier. Er hat den Daumen im Mund, eine vertraute Haltung. Die Frau hat ihr den Rücken zugewandt, es ist nicht Katarina. Eine rundlichere Frau, die sich bückt, um eine Sandburg zu bauen, während Xavier zuschaut.

Isabella sehnt sich danach, ihn im Arm zu halten. Die andere Frau, das neue Kindermädchen, berührt ihn nicht. Sie zieht ihn nicht auf ihren Schoß und streichelt ihm nicht das Haar und flüstert ihm nichts ins Ohr. Gewiss braucht er all das, um glücklich zu sein.

Dann ein dunkler Gedanke: Vielleicht ist er glücklich. Vielleicht ist er ohne Isabella glücklich. Das neue Kindermädchen mag zwar nicht liebevoll sein, aber sie ist ruhig und praktisch und zuverlässig – all das ist Isabella nicht. Einerseits ist sie erleichtert, weil Xavier nicht zu leiden scheint. Andererseits betrübt sie der Gedanke. Wenn er nicht gerettet werden muss, welchen Sinn hat ihr Leben dann noch? Sie will nicht allein die lange Reise nach Amerika antreten, diese leeren Meilen hinter sich bringen. Bei dem Gedanken würde sie am liebsten schluchzen.

Isabella schleicht am Waldrand entlang und hofft, einen besseren Blick zu erhaschen. Etwas an den Schultern der Frau kommt ihr vertraut vor. Sie schaut näher hin und erkennt, dass es die Köchin ist. Die Köchin kümmert sich um Xavier. Natürlich. Katarina kann nicht so schnell ein neues Kindermädchen gefunden haben. Sie ist erleichtert, weil sie weiß, dass die Köchin freundlich zu ihm sein und trotzdem Distanz wahren wird. Die andere Frau konzentriert sich ganz auf die Sandburg. Xavier schaut zum Horizont.

Isabella verharrt still und wünscht sich, er möge herübersehen. Doch er tut es nicht.

Sie nähert sich im Schutz der Bäume. Die Köchin darf sie nicht bemerken. Wenn Abel Barrett die Wahrheit gesagt hat und man sie in der Stadt für eine Diebin hält, kann sie es nicht riskieren, mit jemandem zu sprechen.

Jetzt spielen die Köchin und Xavier Verstecken. Sie steht im Sand, den Blick aufs Meer gerichtet, und hält sich die Augen zu. Xavier läuft über den Strand und in den Wald. Weit wird er nicht gehen, er fürchtet sich vor Schlangen. Doch die Köchin dreht sich um und tut, als könnte sie ihn nicht finden, sucht ihn am Waldrand, bis sie ihn gefunden hat. Dann kehrt sie zum Strand zurück, und es geht von neuem los.

Isabellas Herz schlägt aufgeregt. Kann sie es wagen, ihn vor der Köchin zu finden?

Sie läuft zwischen den Bäumen hindurch, stolpert über Wurzeln, klettert durch eine Rinne. Ein tiefhängender Ast peitscht ihr ins Gesicht. Die Köchin hat Xavier wiedergefunden, vielleicht spielen sie noch eine Runde. Bitte, spielt noch eine Runde.

Diesmal trägt der Wind die Stimme der Köchin herbei. Sie zählt bis zwanzig.

»Eins … zwei … drei …«

Jetzt ist Isabella in Rufweite des Jungen. Aber sie wagt nicht, sich bemerkbar zu machen. Sie nähert sich ihm so rasch wie möglich. Er hört ihre Schritte und blickt auf.

Isabella legt den Finger auf den Mund, damit er schweigt. Sie ergreift seine Hand und drückt seine Finger so fest, dass sie sich um ihre biegen.

»Komm schnell mit«, flüstert sie und zieht ihn mit sich in den Wald hinein. Sie führt ihn zu der Rinne und duckt sich darin, setzt ihn auf ihren Schoß.

»Es tut mir leid«, sagt sie unter Tränen. »Es tut mir so leid. Aber du darfst niemandem sagen, dass du mich gesehen hast.«

Als Antwort schüttelt er den Kopf. Hat er wieder aufgehört zu sprechen?

Sie stellt ihn vor sich hin und betrachtet ihn, tastet seine Gliedmaßen ab, als könnte sie nicht glauben, dass er real ist. »Du fehlst mir so sehr. Bist du glücklich?«

Er neigt den Kopf, als horche er auf eine Antwort, und schüttelt ihn dann langsam.

»Ist die Köchin nett zu dir?«

Er nickt.

Sie nickt zurück. »Du musst jetzt gehen. Ich will nicht, dass du Ärger bekommst. Und du darfst nicht verraten, dass du mich gesehen hast. Aber ich passe auf dich auf, Xavier. Und ich liebe dich noch immer.«

Er nickt erneut. Die Stimme der Köchin im Wald: »Kind, wo bist du?«

Er berührt einmal Isabellas Gesicht, die Augen riesig und feucht, dann rennt er davon.

Isabella hockt zwischen dem Laub und atmet tief durch. Alles wird gut. Gewiss wird alles gut. Sobald sie Lighthouse Bay verlassen hat.


An dem Freitag, an dem sie sich mit Abel Barrett treffen soll, hat sie den ganzen Tag Magenschmerzen. Ihre Phantasie, die ihr schon immer gern Angst eingejagt hat, lässt Abel mit der Polizei auftauchen oder abstreiten, dass sie ihm jemals einen Saphir anvertraut hat, oder gar nicht erst erscheinen. Falls irgendetwas davon geschieht, würde sie dann wirklich zu seiner Frau gehen und ihr verraten, dass er eine Affäre hat? Und würde seine Frau ihr glauben?

Sie hätte sich keine Sorgen machen müssen. Abel erwartet sie nach Einbruch der Dämmerung unter dem Mangobaum. Es ist ein klarer, milder Abend, und seine Zigarre riecht stark und aromatisch. Er sieht sie kommen und tritt tiefer in den Schatten.

»Hier«, sagt er und hält ihr eine braune Papiertüte hin. »Da ist alles drin. Dein Material, das restliche Geld und die Adresse des Juweliers.«

»Die Adresse des Juweliers?«

»Aufgrund deines Einkaufs hat er vermutet, dass du die Brosche gemacht hast. Er möchte mehr davon sehen.« Er hält die Hände in die Höhe. »Ich will gar nichts darüber wissen.«

Isabella späht in die Tüte, kann in der Dunkelheit aber nichts erkennen.

»Bitte mich bloß nicht, noch etwas für dich zu erledigen. Das war‘s. Wir sind quitt.«

»Ja. Wir sind quitt.«

Er ist sichtlich erleichtert. »Ich kann nicht länger bleiben. Man darf mich nicht mit einer anderen Frau sehen.«

»Wie geht es Katarina? Und dem Jungen?«, fragt Isabella rasch. »Gibt es Neuigkeiten?«

»Das weiß ich nicht. Sie sind beide weg.«

»Weg?«

»Für zwei oder drei Monate in Sydney. Sie will mit dem Jungen zu einem Spezialisten, damit er ihn zum Sprechen bringt.« Er drückt seine Zigarre am Baumstamm aus.

Widerstreitende Gefühle machen sich in ihrem Herzen breit. Es wird lange dauern, bevor sie ihren Plan verwirklichen kann. Und Katarina ist mit ihm gefahren. Macht sie das zu einer liebenden Mutter, die nur das Beste für ihr Kind will? Oder will sie ihn einfach nur in Ordnung bringen lassen, weil ihr sein Anderssein peinlich ist? Vermutlich kann sich Isabella einreden, dass es Letzteres ist, aber die Zweifel haben ihre Phantasie beschmutzt.

Abel Barrett stößt die Hände in die Hosentaschen. »Also auf Wiedersehen. Ich kenne dich nicht mehr.«

»Keine Sorge, Sie haben mich nie gekannt.«

Sie schaut ihm nach, als er entschlossen zurück ins Hotel stapft. Sie umklammert die braune Papiertüte und kehrt zum Leuchtturm zurück. Ihr bleiben mindestens zwei Monate, also wird sie diesmal nicht nur ein Schmuckstück anfertigen und verkaufen. Sie wird ein halbes Dutzend machen oder noch mehr. Sie wird mit allem Komfort nach New York reisen und als reiche Frau dort eintreffen.

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