Der Ozean
Libby stockte der Atem, als sie vom Highway auf die Straße zur Küste abbog, um einen ersten Blick auf den weiten Pazifik zu werfen. Es war ein perfekter Februartag. Der blaue Himmel war wolkenlos, und die Sonne schien weiß-gelb aufs Wasser. Der Ozean funkelte in Blau- und Grüntönen, die mit Gold unterlegt waren. Die Nachmittagsbrise frischte auf, setzte dem Wasser weiße Schaumkronen auf und zerzauste die Flügel der Möwen. Hoch oben auf einer Klippe hielt Libby an. Sie überquerte die Straße und blieb auf dem Grasstreifen stehen, um alles auf sich wirken zu lassen.
Der Geruch. Er war vertraut und weckte tief vergrabene Gefühle in ihr. Algen. Salz. Ein Geruch, der gleichzeitig belebend und überwältigend war. Sie nahm ihn tief in ihre Lungen auf. Von hier aus konnte sie nach Norden bis zu der felsigen Landzunge sehen, die sich um die Nordspitze der Lighthouse Bay schmiegte, wo sie als Kind gelebt hatte. Die Sonne fiel auf die getünchten Ziegel des alten Leuchtturms. Ihr stockte der Atem.
Libby drehte sich um und kehrte zum Auto zurück. Sie hatte es erst vor zwei Tagen gekauft und litt noch unter dem Jetlag. Sie war seit Jahren nicht Auto gefahren. In Paris war das nicht nötig gewesen, und wenn sie die Ferien mit Mark verbracht hatte, war er gefahren. Sein Mercedes war ihm heilig gewesen, und er hatte jeden Vorstoß ihrerseits, einmal das Steuer zu übernehmen, sanft, aber entschieden abgelehnt. Es war eine interessante Erfahrung gewesen, mit dem kleinen Subaru vom Parkplatz zu fahren. Sie hatte die Kupplung zu schnell kommen lassen und war förmlich in die Ausfahrt gehüpft. Dann musste sie sich in Erinnerung rufen, wie man am Berg anfuhr, bevor sie sich an der Steigung in den Verkehr einfädeln konnte. Bald aber kehrte das Gefühl dafür zurück, und das machte ihr Mut.
Libby ließ den Motor an und fuhr wieder auf die Straße, die sich am Rand der Klippen nach Norden zog. Als die Gegend flacher wurde, kam der weiß-goldene Strand in Sicht. Er war verlassen, nur einige Fischer und verrückte Sonnenanbeter trotzten der Mittagshitze. Lighthouse Bay lag zu weit im Norden, um sich der gleichen Beliebtheit zu erfreuen wie die berühmten Strände von Noosa und Peregian. Als Libby Ende der achtziger Jahre die Stadt verlassen hatte, war sie provinziell gewesen, ein Ort, aus dem die jungen Leute nach Brisbane oder Sydney flohen. Als sie die Straße in die Stadt hinauffuhr, bemerkte sie, dass sich auch hier einiges verändert hatte. Die Hauptstraße war zu einer Einkaufsmeile geworden. Geschäfte mit Strandartikeln, Straßenrestaurants, ein edles Eiscafé, schicke Imbisse, ein großer Getränkemarkt. Der langsame, aber unaufhaltsame Fortschritt zeigte sich auch in einem kleinen Einkaufszentrum mit weiß verputzten Mauern und vielen Fenstern und einer Smoothie-Kette in bester Lage.
Dann sah sie es, fast wie früher, nur frisch gestrichen: das Bed & Breakfast ihres Vaters. In ihrer Kindheit waren im Sommer alle vier Gästezimmer belegt gewesen, während sie und Juliet im Winter darin spielen und sich vorstellen konnten, es sei ihre Burg. Heute führte ihre Schwester die Pension. Auf dem Fenster zur Straße, auf dem einmal Reggie‘s gestanden hatte, war heute Juliet‘s zu lesen. Libby fuhr langsamer, hielt aber nicht an. Sie würde noch genügend Zeit haben, ihre Schwester zu besuchen. Aber nicht jetzt. Nicht solange sie noch mit dem Gefühl der Fremdheit zu kämpfen hatte. An dem Ort, an den sie nie zurückkehren wollte. Niemals.
Die Straße gabelte sich. Eine Abzweigung führte zum Strand und dem Cottage, die andere weiter ins Landesinnere, durch den Vorort, in dem sie aufgewachsen war, und vorbei am Friedhof, auf dem ihr Vater begraben lag.
Libby setzte den Blinker und bog zum Friedhof ab.
Der Lighthouse Bay Lawn Cemetery war klein und schattig. Sie parkte an der Straße und ging den niedrigen eisernen Zaun entlang bis zum Tor. Es öffnete sich quietschend und fiel scheppernd hinter ihr ins Schloss. Einen Moment lang war sie verwirrt. Er war irgendwo hier, aber wo? Sie ging zwischen den Grabsteinen entlang und suchte nach dem vertrauten Namen. Um den Fischteich herum und den schmalen Pfad zum hinteren Zaun entlang. Dann endlich fand sie das Grab.
Reginald Robert Slater. 1938 – 1996. Ruhe in Frieden.
Wieder und wieder las Libby die schlichte Inschrift. Er war erst achtundfünfzig gewesen, als er starb, genauso alt wie Mark. Doch bei ihm hatte sie es als normales Alter empfunden, ein Alter, in dem man sterben konnte, hatte sie damals gedacht. Er war nicht lange krank gewesen, so dass sie gar nicht erst in Versuchung geriet, nach Hause zu fliegen und sich von ihm zu verabschieden. Sie war nicht einmal zur Beerdigung gekommen, es war einfach zu weit von Paris entfernt.
Auf einem Baum in der Nähe begann ein Metzgervogel zu singen und riss sie aus ihrer schuldbewussten Grübelei. Sie wünschte, sie hätte ein paar Blumen für das Grab mitgebracht, wusste aber, dass es eine leere Geste gewesen wäre. Sie schaute sich auf dem Friedhof um. Ihre Mutter lag auch hier, aber sie war vor Libbys zweitem Geburtstag gestorben, nur drei Tage nach Juliets Geburt. Libby konnte sich nicht an sie erinnern und hatte sie nie vermisst. Ihren Vater hingegen vermisste sie auf einmal sehr.
In der Ferne konnte sie das Meer hören. Plötzlich überkamen sie so starke und überwältigende Gefühle, dass sie fast in die Knie gesunken wäre: Trauer, Reue, schmerzhafte Liebe, kaltes Schuldgefühl. In den Tagen nach Marks Tod hatte sich Libby manchmal gefragt, weshalb sie noch am Leben war. Warum hatte der Schmerz sie nicht getötet? Es schien unmöglich, dass man sich so fühlen und dennoch nicht daran sterben konnte.
Doch sie ging weiter. Innerlich zerbrochen, aber immer noch atmend, bewegte sie ihren Körper vorwärts. Sie ging durch die Reihen der Gräber zum Auto und las dabei flüchtig die Inschriften. Die meisten Namen waren unbekannt. Doch unter den ausladenden Ästen eines Baumes fand sie einen, den sie gut kannte. Andrew Nicholson. Sie fragte sich, ob Juliet noch immer sein Grab besuchte.
Libby stieg ins Auto. Heute konnte sie es nicht ertragen, ihr gegenüberzutreten. Sie würde sich nur der einfachen und doch überwältigenden Aufgabe stellen, sich das Cottage anzusehen, das Mark für sie – sie beide – gekauft hatte.
Sie erkannte das Cottage auf den ersten Blick wieder. Es stand allein am Ende des Kiesweges, der zum Leuchtturm führte. Mark hatte ihr nicht nur Fotos gezeigt, sie erinnerte sich auch aus ihrer Kindheit daran. Das Cottage war in den 1940er Jahren für den Leuchtturmwärter erbaut worden. Als sie in Lighthouse Bay gelebt hatte, stand das Cottage leer. Pirate Pete wollte lieber im Leuchtturm selbst leben, der noch aus dem 19. Jahrhundert stammte. Der Gedanke an ihn weckte weitere Erinnerungen. Für sie und ihre Freundinnen war es eine Mutprobe gewesen, zum Leuchtturm zu laufen und kichernd an die Tür zu klopfen. Pirate Pete mit dem langen grauen Bart und den eiskalten Augen riss dann die Tür auf und brüllte: »Zum Teufel noch mal, lasst mich in Ruhe!« Sie hatten sich bei ihren Übernachtungspartys gerne Gruselgeschichten über ihn erzählt. Natürlich war er kein Pirat. Er war nur der Leuchtturmwärter und vermutlich ein einsamer alter Mann.
Sie hielt in der überwucherten Einfahrt und stellte den Motor ab. Dann blieb sie ein paar Minuten einfach sitzen, die Hände am Lenkrad, und überließ sich ganz ihren Gedanken und Erinnerungen. Sie hatte die Schlüssel in der Handtasche – Schlüssel, die sie nie hatte benutzen wollen. Libby seufzte. Sie hatte sich diese Woche ihres Lebens anders vorgestellt. Sie hatte nicht damit gerechnet, in Trauer nach Hause zurückzukehren, ohne Arbeit, in ein Cottage, das ihr zwar gehörte, das sie aber noch nie betreten hatte.
Mark war einmal im Jahr nach Queensland gereist, um Opale zu kaufen. Vor sechs Jahren hatte er einen Abstecher zum nahe gelegenen Winterbourne Beach gemacht, der nach seiner Familie benannt und bei Tauchern beliebt war, weil seine Vorfahren bei einem Schiffbruch Anfang des 20. Jahrhunderts dort einen legendären Schatz verloren hatten. »Wie hätte ich nicht dorthin fahren und mir den Ort ansehen können, an dem mein kleines Mädchen geboren und aufgewachsen ist?«, hatte er gesagt. »Das Cottage stand zum Verkauf, und ich wollte dir zeigen, wie sehr ich dich liebe.«
Sie kämpfte mit den Tränen, griff nach ihrer Handtasche und stieg aus. Der erste Schlüssel passte gleich an der Tür, und schon stand sie im Haus.
Muffig. Alter Kram. Juckender Staub. Die Fensterscheiben waren mit einer dünnen Salzkruste überzogen, die den Blick nach draußen verschleierte. Erste Aufgabe: putzen. Sie ging durchs Wohnzimmer – braune Fliesen, fadenscheiniger brauner Teppich, alter quadratischer Holztisch, keine Stühle – und entriegelte die Fenster. Dann schob sie sie mit einem heftigen Ruck auf, um die Meeresluft hereinzulassen. Das Haus mochte in den 1940ern gebaut worden sein, doch die Einrichtung stammte komplett aus den siebziger Jahren. Die Sitzbank in der Küche war mit leuchtend grünem Laminat überzogen, der Spritzschutz hinter der Spüle bestand aus winzigen Kacheln, die aussahen wie der schmutzige Schaum auf einem Teich. Der Gasherd war mit Spinnweben überzogen und mit dem Kot von Küchenschaben übersät. Zweite Aufgabe: alles mit Industriereiniger säubern.
Ein kleiner Flur führte zu einem altmodischen Badezimmer, einer Waschküche mit Hintertür und zwei Schlafzimmern. Das erste war größer und in einem blassen Rosa gestrichen. Darin stand ein schmiedeeisernes Doppelbett, dessen Matratze noch in Folie verpackt war. Ein rascher Blick in die Schränke enthüllte blassgrüne Bettwäsche, ebenfalls originalverpackt. Sie hielt inne und holte tief Luft.
Einmal wären sie fast hergeflogen. Mark hatte sich freigenommen, und Libby hatte die Farben für das Schlafzimmer ausgesucht. Genau diese Farben. Doch eine Woche vor dem Flug hatte sie kalte Füße bekommen. »Gib mir noch sechs Monate«, hatte sie gesagt. »Ich schreibe Juliet und frage nach, was sie davon hält. Es hat viel böses Blut zwischen uns gegeben.«
»Wieso böses Blut?«
Doch sie hatte es ihm nie erzählen können. Ihre Bindung war so zerbrechlich: Sie hatte Angst gehabt, ihn zu verlieren, wenn sie ihre Scham und ihre Schuldgefühle eingestand. Aus sechs Monaten wurde ein Jahr. Aus einem Jahr wurden zwei. Sie hatte Juliet nicht geschrieben, und er hatte nicht mehr gefragt: Vielleicht glaubte er, er könne sie allmählich überzeugen. Doch ihnen war die Zeit davongelaufen.
Das zweite Schlafzimmer war sehr klein; eher ein Hinterzimmer, dessen eine Wand komplett aus Schiebefenstern bestand. Es war als Atelier eingerichtet. Zwei leere Leinwände auf Staffeleien, mit Spinnweben überzogen. Plötzlich überwältigte sie die Trauer, und sie musste sich weinend auf den Boden setzen.
Als Mark das Cottage gekauft hatte, hatte sie sich gefragt, weshalb sie an einen Ort zurückkehren sollte, den sie unter gar keinen Umständen wiedersehen wollte. Doch in Wirklichkeit hatte er sich nur gewünscht, dass sie den Job bei Pierre-Louis aufgab und das Leben ein bisschen leichter nahm, sich entspannte und malte, wovon sie schon als Kind geträumt hatte. Und hier war nun alles: ein kleines Cottage, der Blick aufs Meer, ein Anfang. Doch Mark konnte nicht sehen, wie dankbar sie war, wie sehr sie diese Geste der Liebe zu schätzen wusste.
Libby weinte eine halbe Ewigkeit, bevor sie sich aufrappelte und die Tränen abwischte. Sie betätigte den Lichtschalter: nichts. Kein Strom. Sie ging in die Küche. Der leere Kühlschrank stand offen. Auch der Vorratsschrank war leer. Keine Reinigungsmittel oder Spültücher vorhanden. Sie brauchte eine Grundausstattung. Mit anderen Worten, sie musste einkaufen gehen. Je länger sie sich in der Stadt aufhielt, desto größer war die Gefahr, ihrer Schwester zufällig über den Weg zu laufen. Aber sie konnte sich noch nicht überwinden, zu ihr zu fahren. Noch eine Nacht darüber schlafen, dann wäre sie so weit. Definitiv.
Die klebrige Hitze machte sie müde. Libby wollte sich einfach nur zusammenrollen und schlafen, musste aber zuerst das Haus in Ordnung bringen. Sie zog ein ärmelloses Top und Shorts an, band das lange, dunkle Haar nach hinten und nahm ihre ganze Energie zusammen. Bei Sonnenuntergang war sie mit einer dünnen Schicht aus Schweiß und Spinnweben bedeckt. Sie spielte mit dem Gedanken, unter die Dusche zu gehen, doch dann fiel ihr ein, dass sie ja am Meer war. Also holte sie ihren Badeanzug und ging zum Strand hinunter.
Sie hatte viele Jahre in der Stadt gelebt, weit weg vom Meer, und war misstrauisch geworden. Wenn es nun Quallen gab? Oder Haie? Doch das blaugrüne Wasser war warm und klar und umspülte sie sanft. Sie watete bis zur Taille hinein und stürzte sich in eine Welle. Das Geräusch der Brandung wurde von dem Wasser verdrängt, das in ihren Ohren plätscherte. Dann tauchte sie auf und rang lachend nach Luft. Die Vorstellung, um diese Tageszeit im Meer zu schwimmen, war einfach unglaublich. In Paris würde sie jetzt Handschuhe und Schal anziehen, zur Metro gehen und sich zwischen die anderen Pendler zwängen. Hier am Strand war niemand außer ihr und einem Fischer, der einen halben Kilometer entfernt bis zu den Knöcheln im Wasser stand.
Sie ließ sich eine Weile auf dem Rücken treiben und von den Wellen tragen. Salzwasser auf den Lippen, ihr Haar breitete sich fächerförmig hinter ihr aus. Dann setzte sie sich in den Sand, um an der Luft zu trocknen. Die Dämmerung färbte den Himmel; grelles Rosa und Gold wichen allmählich einem dezenteren Violett und Zinngrau. Sie war wie in Samt gehüllt: der weiche Sand, der Dunst über dem Festland, die milde Brise und ihre eigene menschliche Weichheit, ihr Fleisch, ihre Muskeln und ihr schmerzendes Herz. Libby schloss die Augen.
Als sie sie wieder öffnete, war der Fischer verschwunden, und es war Abend geworden. Sie stand auf und klopfte sich den Sand ab, bevor sie zum Cottage zurückschlenderte. Der Strand war durch einen Grünstreifen von der Zivilisation getrennt: Banksien, Schraubenbäume, Mangroven. Geisterkrabben huschten davon, als sie den Sandweg zur Straße hinaufging. Im Cottage stellte sie erfreut fest, dass der muffige Geruch verschwunden war. Die Meeresbrise strömte durch die Fenster herein und ließ die zarten Spitzengardinen flattern. Sie machte sich ein Sandwich mit Erdnussbutter, spülte das Salz unter kaltem Wasser ab und spielte mit dem Gedanken, eine Leinwand vorzubereiten und einige Farbtuben zu öffnen. Doch ihre Müdigkeit war größer, und sie legte sich stattdessen ins Bett.
Gegen elf wachte sie auf und fragte sich, was sie aus dem Schlaf gerissen hatte. Ein Automotor. Sie lag im Dunkeln und horchte. Der Wagen schien im Leerlauf zu warten.
Sie stand auf und zog den Vorhang beiseite. Tatsächlich, auf der Straße vor ihrem Haus stand ein Auto mit eingeschalteten Scheinwerfern und laufendem Motor. Bewegungslos. Libby schaute neugierig hinaus. Spürte ein ängstliches Kribbeln. Es war zu dunkel, um den Wagen zu erkennen, geschweige denn das Nummernschild. Fünf Minuten vergingen. Zehn. Dann schließlich fuhr er los, wendete und schoss dröhnend davon, dass der Kies am Straßenrand nur so spritzte.