Fünfundzwanzig



Nach Isabellas Rückkehr in den Leuchtturm werden die Tage zunehmend warm und feucht. Matthew erklärt, so gehe es jedes Jahr: ein paar heiße Tage im Frühling, donnernde Gewitter am Abend, dann eine Abkühlung bis Weihnachten. Isabella findet die warme, feuchte Luft enervierend. Die Müdigkeit steckt ihr in den Knochen.

Jeden Nachmittag, während Matthew schläft, geht sie hinunter an den Strand, um sich vom Meereswind abkühlen zu lassen. Sie sammelt Muscheln und Steine und denkt müßig über Schmuckstücke nach, die sie daraus machen könnte, setzt ihre Vorstellungen aber nie in die Tat um. Matthew fragt sie täglich, wann sie aufbrechen will, doch sie sagt, sie wolle noch eine Woche abwarten, bis die Hitzeperiode vorbei sei, sie habe Angst, ein Gewitter auf See zu erleben. Vielleicht denkt er, ihr Zögern hänge mit dem Abschied von ihm zusammen, was zum Teil auch stimmt. Aber sie weiß, dass sie ihn verlassen kann und muss, wenn sie das Leben führen möchte, das sie sich vorstellt.

Bei dem Gedanken daran ist ihr oft übel, weil sich ihr schlechtes Gewissen regt.

Als sie an diesem Nachmittag die grasbewachsenen Dünen hinuntergeht und auf den festen Sand tritt, weiß sie, dass es ein kurzer Besuch wird. Schon ballen sich Wolken wie graue Ambosse am Horizont zusammen. Sie spielt mit dem Gedanken, sofort zum Leuchtturm zurückzukehren, doch dann erregt etwas in der Ferne ihre Aufmerksamkeit: ein dunkelhaariger Junge, begleitet von einer großen, dünnen Frau.

Ihr Herz macht einen Sprung. Kann er es sein? Ist Xavier zurückgekehrt? Und wer ist die Frau? Sie sieht weder wie die Köchin noch wie Katarina aus. Vielleicht hat sich Isabella auch geirrt. Vielleicht ist der Junge gar nicht Xavier.

Sie steigt wieder die Düne hinauf und nähert sich im Schatten der Bäume. Doch, es ist Xavier, und sie spürt, wie Wärme ihren Körper durchflutet, als ihr klarwird, dass ihr Augenblick bald gekommen ist. Nicht heute, denn er ist in Begleitung, und sie ist noch nicht bereit. Aber das wird sie bald sein und einen Weg finden.

Wie sehr hat sie sich danach gesehnt, ihn in den Armen zu halten.

Er sucht Muscheln, während sein Kindermädchen ein wachsames Auge auf die Gewitterwolken hat. Isabella schleicht sich näher und näher heran, weil sie fürchtet, dass sie davoneilen werden, bevor sie ihn richtig gesehen hat. Doch dann wird ihr klar, dass sie nichts zu befürchten hat. Dieses neue Kindermädchen kennt sie nicht. Und Xavier spricht nicht. Sie kann zu ihnen gehen und sie begrüßen und vielleicht herausfinden, seit wann sie wieder zu Hause sind und wie lange sie bleiben werden. Sie tritt aus dem Schutz der Bäume und geht über den Sand auf sie zu.

Das Kindermädchen blickt hoch. Eine junge Frau mit hartem Gesicht und großen, eckigen Händen. Sie schaut verwirrt, als ihr klarwird, dass Isabella mit ihr sprechen will.

Isabella lächelt. »Hallo!«

Das Kind blickt auf. Seine Stirn zuckt und entspannt sich wieder. Er ergreift die Hand seines Kindermädchens und tritt hinter sie.

Isabellas Blut wird kalt. Hat er Angst vor ihr? Hat Katarina ihn gelehrt, sich vor ihr zu fürchten?

»Kann ich Ihnen helfen?«

Isabella bleibt vor ihnen stehen, die Augen auf Xaviers Gesicht gerichtet. Er weicht ihrem Blick aus. »Ich bin eine alte Freundin seiner Mutter«, lügt sie und kniet sich vor ihn hin. »Du hast doch keine Angst vor mir, Kleiner.«

Er schüttelt den Kopf und sagt klar und deutlich: »Ich kenne dich nicht.«

»Du kennst …?« Donnergrollen. Der Wind dreht plötzlich auf Süd, weht kalt, ist schwer vom Geruch des Regens.

»Sie müssen dem kleinen Master verzeihen, Ma‘am«, sagt das Kindermädchen. »Wir sind gerade heute aus Sydney zurückgekehrt, wo er ständig in Gesellschaft war. Er musste sich viele Namen und Gesichter merken.«

Isabella kann nicht sprechen. Hat er sie vergessen? Nach nur drei Monaten? Sie hat jeden Tag an ihn gedacht, und er hat sie vergessen? Ein reißender Schmerz überfällt sie. Sie will ihn mit ihren Armen erdrücken. Sie sehnt sich nach den Nächten, in denen sie im schmalen Bett im Haus der Fullbrights seinen Duft eingeatmet hat.

Als sie so lange schweigt, wird das Kindermädchen misstrauisch. »Ma‘am?«

»Ich …« Sie macht den Mund auf und schließt ihn wieder wie ein sterbender Fisch im Sand.

»Wie heißen Sie, Ma‘am? Vielleicht erinnert er sich, wenn er Ihren Namen hört.«

Aber sie kann ihren Namen nicht nennen, keinen von beiden. Sie dürfte eigentlich nicht einmal mit ihnen reden. Falls das Kindermädchen Katarina davon erzählt und diese die Verbindung herstellt, falls sie dazu noch die Anzeige in der Zeitung gelesen hat … Isabella erhebt sich. »Verzeihen Sie, dass ich Sie belästigt habe. Vielleicht ist es das falsche Kind.«

Das falsche Kind. Oh, ja. Er ist immer das falsche Kind gewesen.

»Sehr wohl, Ma‘am. Ich muss den Kleinen jetzt vor dem Gewitter in Sicherheit bringen.« Das Kindermädchen zieht Xavier an sich, und er geht bereitwillig und glücklich mit ihr. Isabella schaut ihnen nach und versucht, den Strand hinaufzugehen. Ihre Knie sind wie Gummi. Ein Schritt. Noch einer. Dann kann sie nicht weiter und lässt sich fallen, sinkt seitlich in den Sand. Ihr Haar breitet sich um sie aus und fällt ihr ins Gesicht. Sie rollt sich zu einer Kugel ein und schluchzt, den Mund voller Sand und Haare. Die ersten kalten, dicken Regentropfen fallen auf ihren Handrücken. Sie rührt sich nicht. Die Bäume im Wald peitschen wild hin und her. Der Wind lässt Sandkörner auf sie niederprasseln. In der Ferne kracht der Donner. Sie rührt sich nicht. Der Regen geht nieder, schlägt runde Löcher in den Sand, durchweicht ihre Kleidung. Sie rührt sich nicht. Sie kann sich nicht bewegen. Ihr Traum ist zerbrochen, und darin findet sie nun den harten, schwärzesten Kern der Wahrheit: Daniel ist gestorben, und es gibt keinen Trost. Es wird niemals einen Trost geben. Sie liegt im peitschenden Regen und wünscht sich, der Ozean möge sich erheben und sie verschlingen, wie er es schon vor Monaten hätte tun sollen.


Matthew erwacht vom Krachen des Donners. Er dreht sich auf die Seite und fächelt sich mit der Bettdecke etwas Kühlung zu. Dann schließt er die Augen und versucht, den Schlaf zu vertreiben. Es regnet stark. Wieder öffnet er ein Auge. Es ist sehr dunkel. Das Meer ist stürmisch. Er muss das Signalfeuer anzünden.

Erschöpft steht er auf; vielleicht kann er nach dem Gewitter noch ein oder zwei Stunden schlafen. Er zieht Hemd und Schuhe an und steigt die Treppe hinauf. Er pumpt Luft in den Druckbehälter, zündet das Signalfeuer an, justiert die Gewichte und steigt wieder hinunter. Isabellas Schmuckutensilien sind alle verstaut, und er muss sich eingestehen, dass er es vermisst, sie bei der Arbeit zu sehen. Damals wirkte sie glücklich, beschäftigt und konzentriert.

Erst da wird ihm klar, dass er Isabella seit längerem nicht im Leuchtturm gehört hat. Stirnrunzelnd sucht er sie in der Küche und im Telegrafenraum, doch sie ist nirgendwo zu sehen.

Sie ist nicht hier. Also ist sie draußen. Im Gewitter.

Matthew will sich selbst beruhigen. Sie geht jeden Nachmittag an den Strand. Vielleicht wurde sie vom Gewitter überrascht und hat im Wald Schutz gesucht. Weiß sie, dass man sich bei einem Gewitter von hohen Bäumen fernhalten muss?

Ein heftiger Blitz zuckt über den Himmel, als wolle er diesen Gedanken unterstreichen, und gleichzeitig kracht der Donner, dass Matthew zusammenzuckt. Soll er nach ihr suchen? Isabella ist aus hartem Holz geschnitzt; sie hat einen Schiffbruch überlebt und ist meilenweit bis zu seinem Leuchtturm gewandert. Doch er hat auch dunklere Gedanken: Er hat immer befürchtet, dass die Familie ihres Ehemanns sie finden könnte, wenn er nicht da ist, um sie zu beschützen. Er geht zur Tür, zieht Regenmantel und Gummistiefel an und tritt hinaus ins Gewitter.

Der Wald steht unter Wasser, der Boden ist schlammig, Blätter und Äste wurden von den Bäumen gerissen. Der Regen geht als wahre Sintflut nieder und sickert in Kragen und Stiefel. Sein Bart tropft, bevor er auch nur den Strand erreicht hat. Er schaut in die graue Ferne und kann sie zuerst nicht sehen, aber er sucht ja auch nach jemandem, der aufrecht steht. Dabei liegt sie auf der Seite, zusammengerollt, in einem blassblauen Kleid. Was um Himmels willen macht sie da? Sein Herz verkrampft sich. Ist sie tot? Er rennt zu ihr, stolpert in seinen durchnässten Stiefeln über den Sand. »Isabella!« Sie hebt nicht den Kopf. Er fällt neben ihr auf die Knie. Sie hat die Augen geschlossen und nimmt ihn nicht zur Kenntnis. Er legt eine Hand auf ihren Brustkorb und hält sie so still wie möglich.

Sie atmet. Sie lebt.

»Was ist los, Isabella? Kannst du mich hören?«

Sie schüttelt den Kopf. »Lass mich«, sagt sie über den Wind und den Regen und den weiten Ozean hinweg. »Wenn die Flut kommt, nimmt sie mich mit.«

Doch er wird sie nicht hierlassen, was immer sie auch sagt. Er hebt sie hoch und geht zurück in Richtung Leuchtturm. Sie ist schlaff und hält noch immer die Augen geschlossen. Was ist geschehen, dass sie hier sterben möchte? In letzter Zeit wirkte sie doch glücklich, interessierte sich für die Welt um sie herum. Er trägt sie nach Hause und legt sie im Leuchtturm behutsam aufs Bett. Dann zieht er seine Sachen aus und kehrt zu ihr zurück. Sie zittert, ihre Lippen sind blau. Eine Erinnerung blitzt in ihm auf: Clara, wie sie aus dem Wald zurückkehrt, kalt und mit gehetztem Blick. Matthew knöpft Isabellas Bluse und Rock auf und lässt sie in einer Lache auf den Boden fallen. Er entkleidet sie völlig. Sie bewegt sich noch immer nicht. Hält die Augen geschlossen. Es ist, als könnte sie sich aus ihrem Leben hinauszwingen, indem sie sich tot stellt. Er trocknet sie ab und breitet die Decke über ihren nackten Körper, dann setzt er sich neben sie und wartet. Sie kann sich nicht ewig tot stellen.

Nach der ersten Stunde, in der sie weder die Augen öffnet noch spricht, beschließt er, weiterzuarbeiten. Er sieht regelmäßig nach ihr, doch sie bewegt sich nicht. Abends bietet er ihr Essen an, sie reagiert nicht. Er verlangt von ihr, dass sie Wasser trinkt, doch sie tut, als hätte sie ihn nicht gehört. Dann und wann fragt er sich, ob sie schläft, doch ihr Atem bleibt flach, ihr Gesicht unruhig.

Dann, viel später, als er die Gewichte nach oben in den Turm kurbelt, hört er, wie sich unten die Tür öffnet. Er eilt die Leiter hinunter und entdeckt Isabella, die wieder ihre nassen Kleider angezogen hat und zur Tür hinauswill.

»Was hast du vor?«

»Ich gehe zurück an den Strand.«

»Wieso?« Aber die Frage ist sinnlos. Sie ist unfähig, rational zu denken. Ihre Pupillen verschlingen beinahe die Iris. Also vertritt er ihr den Weg, statt weiterzureden, schlägt die Tür zu und hält ihre Handgelenke fest. »Du wirst nicht hinausgehen. Du gehst nicht an den Strand, und du stürzt dich schon gar nicht in den Ozean.«

»Und warum nicht?«, faucht sie und wehrt sich. »Was gibt es denn auf dieser Welt außer Elend?«

Er greift fester zu, hat Angst, ihr weh zu tun, aber noch mehr, dass sie flieht und nie wieder zurückkommt. »Hör auf damit. Du musst mir sagen, was passiert ist, warum du dich so fühlst.«

»Mein Sohn ist gestorben. Reicht das nicht?«

»Dein Sohn ist vor drei Jahren gestorben. Du hast die ganze Zeit weitergelebt. Warum willst du es jetzt nicht mehr?«

Isabella hört auf, sich zu wehren. Sie fällt schwer in seine Hände. Er ist sich ihrer Weichheit, ihrer Zerbrechlichkeit unglaublich bewusst.

»Komm. Zieh die nassen Sachen aus und geh wieder ins Bett.«

Sie lässt sich zurück ins Schlafzimmer führen und die Kleider erneut in einem feuchten Haufen auf den Boden fallen. Er entzündet die Lampe und setzt sich aufs Bett, während sie sich auf die Seite dreht und die Decke über ihre Brüste zieht. Ihre Augen sind riesengroß im gelben Lampenschein. Das Gewitter draußen hat sich längst verzogen, doch der Regen trommelt noch gegen die Fenster und auf das Blechdach des Schuppens.

Ihre Hand stiehlt sich unter der Decke hervor und greift nach seiner. Er streichelt sie eine Weile mit dem Daumen. »Erzählst du mir, was passiert ist?«

»Ich habe Xavier am Strand gesehen«, platzt es aus ihr heraus. »Und er konnte sich nicht an mich erinnern.«

»Es ist lange her, und er ist noch klein. Warum verletzt dich das so?«

Sie zieht die Hand weg und legt sie auf ihre Stirn, dreht sich auf den Rücken. Er beobachtet sie eine Weile.

»Isabella?«

»Du wirst mich dafür hassen.«

»Es ist unmöglich, dich zu hassen.«

»Das sagst du jetzt.«

Erneutes Schweigen. Er spürt seinen Herzschlag, der das Blut durch die immer gleichen Bahnen pumpt. Weshalb ist es ihr so wichtig, dass Xavier sich an sie erinnert, wenn sie ihn wahrscheinlich ohnehin nie wiedergesehen hätte? Dann dämmert es ihm. Er mahnt sich, nicht wie ein Leuchtturmwärter mittleren Alters zu denken, sondern wie eine junge Frau, die ihr Baby verloren hat, das heute so alt wäre wie Xavier.

»Isabella«, sagt er ganz leise und sanft, »hattest du vor, das Kind zu stehlen?«

»Nicht stehlen, nein«, sagt sie rasch. »Ich hatte daran gedacht … ihn zu überreden, mit mir zu kommen.«

Matthew beherrscht sich. Sie zu verurteilen, würde nicht helfen.

Sie schluchzt los. »Ich sehe jetzt ein, dass es sinnlos gewesen wäre. Ich sehe jetzt …«

»Du hattest gehofft, er könnte dir Daniel ersetzen.«

Sie setzt sich auf und schüttelt den Kopf. »Ich weiß nicht! Habe ich versucht, Daniel zu ersetzen? Wenn ich jetzt an Xavier denke, ist er nur ein kleiner Fremder, der Sohn einer anderen. Aber Daniel ist auch ein Fremder geworden. Ich habe ihn nie gut genug gekannt, um ihn zu vermissen, Matthew.« Ihre Stimme bricht, und sie braucht einen Augenblick, um sich zu fassen. »Aber ich vermisse ihn dennoch.« Sie ballt die Hand zur Faust und schlägt damit zwischen ihre Brüste. »Ich vermisse ihn.«

Matthew schließt Isabella in die Arme.

»Sie ist leer«, schreit sie. »Die Welt ist so leer.«

»Sch«, sagt er beruhigend.

Sie weint und weint und bebt in seinen Armen. Doch irgendwann ebbt ihr Weinen ab wie das Gewitter und vergeht, und er merkt, dass sie eingeschlafen ist.

Er bettet ihren Kopf aufs Kissen und deckt sie zu. Eine Weile bleibt er neben ihr sitzen und streichelt ihr leicht über Haar und Rücken. Was hat sie sich nur gedacht? Dass Xavier Daniel wäre, nur weil sie einander ein bisschen ähnlich sind?

Und dann ist es plötzlich, als würde das Licht im Zimmer heller scheinen. Denn er begreift, wie er gedacht hat, nur weil Clara und Isabella einander etwas ähnlich sind. Er schaut in Isabellas Gesicht. Es ist weicher als Claras. Alles an ihr ist weicher. Sie stellt keine Forderungen. Sie ist jung und verängstigt, aber nicht wild oder grausam; sie ist einfach nur verletzt worden. Denn obwohl Clara stets protestiert und dramatischen Widerstand geleistet hat, ist ihr nie etwas Schlimmes zugestoßen. Isabella hingegen hat ein Kind verloren und durfte nie darum trauern.

Als er darüber nachdenkt, wird ihm klar, dass sie einander überhaupt nicht ähnlich sind. Nicht im Geringsten.


Nach der Nachtschicht legt sich Matthew ins Bett. Isabella schläft noch. Er schmiegt sich an sie und hält sie fest, döst ein. Keine Stunde später wacht er auf und sieht, wie sie sich aus dem Fenster erbricht. Er steht auf und reibt ihren Rücken. Sie sagt, ihr sei schlecht, und er antwortet, sie solle zurück ins Bett kommen, er werde ihr Tee machen. Als er zurückkommt, zittert sie und hält sich den Magen. Die Angst durchzuckt ihn wie einen Stromstoß.

»Ruh dich aus, hübsches Vögelchen. Du musst dich ausruhen.«

»Du auch. Ich habe dich geweckt.«

»Es geht schon. Aber du bist krank.«

Sie trinkt ihren Tee und legt sich wieder hin. »Ich bin so müde, Matthew.«

Er schaut zu, wie sie einschlummert, und schläft dann neben ihr ein. Der Tag wird hell und warm.

Als er wieder aufwacht, liegt sie neben ihm und schaut an die Decke. Er dreht sich auf die Seite und streichelt ihr Haar. »Geht es dir besser?«

»Nein. Mein Körper fühlt sich an, als hätte man ihn in einem Schraubstock zerdrückt.«

Er befühlt ihre Stirn, doch sie ist nicht heiß. »Bleib im Bett, bis es dir bessergeht.«

Ein Tag vergeht, dann zwei, und es geht ihr nicht besser. Sie erbricht sich regelmäßig und klagt über extreme Müdigkeit. Die ganze Zeit über ist sie wie gelähmt vor schwerer Trauer. Er hilft ihr, so gut er kann, wenn er nicht gerade arbeiten muss, aber allmählich wird auch er müde. Müde, weil er ständig aus dem Schlaf gerissen wird und weil er die furchtbare Sorge nicht abschütteln kann. Er will nicht, dass sie noch kränker wird. Er will nicht, dass sie stirbt. Als er sich erkundigt, wie sie sich fühle, was ihr denn weh tue, sagt sie einfach nur, ihr Herz sei krank. Ihr Herz hat entschieden, dass sie nie mehr aufstehen wird. Er drängt sie nicht, erinnert sie nicht an New York oder die Bedrohung durch die Winterbournes. Er wartet und bringt ihr Essen und führt sein Leben fort, doch die Angst presst ihm die Luft ab.

Am dritten Tag wagt er, sie eine Stunde allein zu lassen, während er in die Stadt geht. Er fürchtet noch immer, sie könne sich von der oberen Plattform stürzen, wenn er nicht da ist, aber sie haben nichts mehr zu essen. Außerdem muss er die Post abholen.

Es ist ein kleines Bündel, das mit einer Kordel verschnürt ist, und erst zu Hause entdeckt er den Brief an Isabella. Abgesendet von einer Adresse in New York. Sein Herz schlägt schneller. Victoria. Sie haben Victoria endlich gefunden.

Er will ihn Isabella bringen, zögert aber. Wenn es nun schlechte Neuigkeiten sind? Wenn sie nun schreibt: »Komm nicht her?« Eine solche Nachricht könnte Isabella endgültig zerbrechen.

Voller Angst und Schuldgefühl öffnet er den Umschlag, entfaltet den Brief und überfliegt ihn. Eine Mischung aus Furcht und Hoffnung. Was wird dieser Brief in Isabella auslösen? Kann er es wagen, ihn ihr zu zeigen?

Dann hört er, wie sie sich im Nebenzimmer erneut erbricht. Er schiebt den Brief unter einen Stapel Papier und sagt sich, dass er ihn ihr an einem anderen Tag geben wird, wenn sie sich kräftiger fühlt.


Isabella ist unter einer grauen Wolke versunken. Sie dringt in ihre Ohren und Augen und Lungen und Knochen, und sie empfindet eine müde Übelkeit, die nie verschwinden will. Sie bleibt im Bett und weint und schläft und weigert sich, an die Zukunft zu denken. Matthew kümmert sich um sie, und sie lässt es zu, obwohl sie weiß, dass sie ihm zur Last fällt. Sie gestattet sich, eine Last zu sein, und sinkt immer tiefer hinab. Doch wo sie einen festen Boden erwartet, gibt es nur weitere Wolken. Immer und immer tiefer.

Nach einer Woche fühlt sie sich gut genug, um sich aufzusetzen, Suppe zu essen und ihn zu bitten, den Vorhang zu öffnen, damit sie aus dem Fenster sehen kann. Der Himmel ist sehr blau, und die Seeluft scheint die Übelkeit ein wenig wegzuwaschen. Matthew stellt einen Hocker neben das Bett und schaut sie prüfend an, ohne etwas zu sagen.

Dann endlich fragt sie: »Was ist los?«

»Geht es dir besser?«

»Vielleicht.« Sie will nichts versprechen, das sie nicht halten kann.

Er nickt und scheint eine Entscheidung zu treffen. »Vor vier Tagen habe ich einen Brief von deiner Schwester Victoria abgeholt.«

Victoria. Als sie den Namen ihrer Schwester hört, wird es Isabella leichter ums Herz. Ihr fällt ein, was alles möglich ist. »Warum hast du mir das nicht gesagt?«

»Im Brief stehen auch schlechte Neuigkeiten.«

Sie beginnt wieder zu sinken. »Und sie will nicht, dass ich komme?«

»Das ist es nicht.«

»Warum hast du ihn gelesen?«

»Weil ich dich immer und überall beschützen will, Isabella.« Er reicht ihr den Brief. »Es tut mir leid, dass ich ihn schon gelesen habe. Aber wenn du ihn selbst liest, wirst du verstehen, weshalb ich es nicht bereue.«

Isabella merkt, dass ihre Hände zittern, als sie das Blatt entfaltet.


Meine liebe Isabella,

du kannst dir gar nicht vorstellen, wie willkommen mir deine Zeilen sind, obwohl sie durch so viele Hände gegangen sind, bis sie mich endlich erreicht haben. Wir sind im März umgezogen, und ich habe dir an deine alte Adresse in Somerset geschrieben, aber du warst natürlich schon auf Reisen. Schwester, ich habe geglaubt, du seist bei dem Schiffbruch ums Leben gekommen! Ein Freund meines Ehemannes hat es in der Zeitung gelesen. Die Winterbournes haben es nicht für nötig gehalten, mich selbst über dein Schicksal in Kenntnis zu setzen. Ich bin erstaunt und erleichtert, dass du am Leben bist, aber auch neugierig, wo du bist und was du machst. Ich werde, wie du mich in deinem ursprünglichen Telegramm dringend ersucht hast, dein Geheimnis bewahren und hoffe, dass du bald bei mir bist und mir alles erzählen kannst. Du bist willkommen, so lange zu bleiben, wie du möchtest. Ich schreibe meine Adresse auf die Rückseite des Umschlags, und du kannst jederzeit, bei Tag oder Nacht, zu mir kommen. Ich vermute, du bist weit weg, aber ich werde warten und hoffen. Zu wissen, dass du am Leben bist, reicht mir.

Nun, Schwester, habe ich dir auch unglückliche Neuigkeiten mitzuteilen. Du wirst dich erinnern, dass ich bei unserem letzten Briefwechsel mein erstes Kind erwartete. Zweifellos hast du mich in Gedanken oft mit einem Säugling gesehen, aber dies ist leider nicht der Fall. Die Schwangerschaft verlief nicht gut, und nach wenigen Monaten wurde ich sehr krank und verlor das Kind. Noch trauriger, ich verlor auch das nächste Kind unter ähnlichen Umständen. Ein Arzt hat mir geraten, nicht mehr schwanger zu werden, weil mein Leben dann in Gefahr sei, und so werde ich kinderlos bleiben. Bitte sei nicht traurig wegen mir. Ich habe meinen Frieden damit geschlossen, und mein Mann hat mir zwei Zwergspitz-Welpen gekauft, die mir die Babys ersetzen werden. Sie sind wunderbar, und ich weiß, du wirst sie lieben und sie dich.

Nun rede ich über Babys, die nicht einmal geboren wurden, während du den Tod deines Daniels ertragen musstest und erst kürzlich den deines Ehemannes Arthur. Ich habe keine Vorstellung, was du durchgemacht hast, liebe Isabella, aber ich bitte dich, bald zu kommen, so dass wir gemeinsam weinen und einander trösten können.

Mit großer schwesterlicher Zuneigung,

Victoria


Isabella liest den Brief wieder und wieder. In ihren Augen brennen Tränen der Erleichterung und der Traurigkeit. Sie faltet ihn und legt ihn beiseite, und nun weiß sie auch, was sie tun muss. Es ist so klar wie der helle Tag. Es ist die einzige Möglichkeit, frei zu sein.

»Geht es dir gut, Isabella?«

Sie unterdrückt die Tränen, begegnet seinem Blick und hebt ihr Handgelenk. »Das haben meine Schwester und ich gemacht, als wir Mädchen waren«, sagt sie. »Die von uns als Erste ein Kind bekam, sollte es behalten. Das war ich. Ich hatte gehofft, es ihr für ihr eigenes Kind mitzunehmen. Doch es wird kein Kind geben. Es gibt keine Babys, die dieses Armband tragen können.«

Matthew schweigt. Sie kann sehen, dass er ihre Worte verstehen will.

»Ich habe Daniel nie begraben. Ich habe nie an einem Grab getrauert. Ich habe nie ein schwarzes Kleid getragen und mich von jemandem halten lassen, während ich eine Handvoll Erde auf seinen winzigen Sarg warf. Die Familie meines Mannes hat dafür gesorgt, dass ich nicht dabei war, weil ich zu wild getrauert habe und sie eine Blamage fürchteten.«

Er umfasst ihr Handgelenk und reibt es sanft. »Es tut mir leid.«

»Ich möchte es begraben, Matthew. Ich möchte ihn begraben. Ich möchte mich richtig verabschieden. Hilfst du mir dabei?«

Er nimmt sie in die Arme. Schon kommen ihr Zweifel. Schon hat sie Angst. Wie kann sie Daniels Armband in die kalte, lieblose Erde legen? Wenn er sich nun fürchtet? Wenn er sie vermisst? Doch diese irrationalen Gedanken blitzen nur flüchtig auf und verschwinden wieder. Daniel ist tot. Er ist seit drei Jahren tot. Er weiß und fühlt nichts mehr.

»Natürlich werde ich das, meine Liebste. Wenn du es wirklich möchtest.«

»Sicher bin ich mir nicht. Ich weiß nur, dass ich erst dann eine Zukunft habe, wenn ich es tue.«


Percy Winterbourne ist unglücklich mit der Zubereitung seines Tees, doch das Mädchen ist schon gegangen. Er kann sie nicht zurückrufen und ausschelten. Seit seiner Ankunft in Maryborough hat er schon ein Dutzend Mal das Hotel gewechselt, doch in keinem scheint man zu wissen, wie man den Tee richtig zubereitet. Er hat alle anständigen Unterkünfte in der Stadt durchprobiert, also muss er jetzt den Tee im Oxford Hotel ertragen. Er will sich nicht zu weit vom Wrack der Aurora entfernen, will aber auch nicht in einem winzigen Dorf bleiben, wo der knirschende Sand und die allgegenwärtigen Fliegen ihn verrückt machen. In dieser hektischen Kolonialstadt lässt es sich vorerst aushalten. Er nippt an der bitteren Flüssigkeit und überfliegt die Zeitungen, die gerade eingetroffen sind. Er verlangt, dass man ihm von jeder Zeitung, in der er eine Anzeige aufgegeben hat, eine Ausgabe schickt, damit er sieht, dass man ihn nicht betrogen hat. Dann geht er sie nacheinander durch.

Die Anzeige war bisher erfolglos. Ein paar Verrückte haben sich gemeldet, ohne Ergebnis. Er fragt sich oft, ob er seine Zeit verschwendet. Mutter hat ihm schon telegrafiert, er solle aufgeben und nach Hause kommen, weil seine Frau und seine Kinder ihn brauchen, aber da Arthur tot ist, zieht ihn nichts mehr nach Hause. Er kann seinen Bruder nicht ersetzen und will es auch nicht. Seine Frau und die Kinder vermisst er nicht sonderlich. Er kann es gar nicht abwarten, bis er mit seinem ältesten Sohn ein richtiges Gespräch führen kann, doch bis dahin ist es besser, wenn das Kindermädchen sie aufzieht. Er grinst, als ihm klarwird, dass er eigentlich auch mit seiner Frau kein richtiges Gespräch führen kann. Sie sind ihm alle ein Klotz am Bein, warum also sollte er nicht seine Zeit hier in Maryborough verbringen, ein Hotel nach dem anderen bewohnen und das Vergnügen und die Freiheiten genießen, die einem Mann von beträchtlichem Reichtum offenstehen?

Doch als er im Queenslander blättert, verändert sich mit einem Schlag die Lage. Eine auffällige Überschrift weckt seine Aufmerksamkeit: »Der Frauenteil«. Zunächst grinst er höhnisch. Frauen drängen heutzutage überall hinein. Sie wollen wählen und rennen herum wie wilde Katzen. Warum brauchen sie einen ganzen Teil in der Zeitung? Doch dann sieht er das Foto.

Oh, das Foto.

Nicht die Damen mit dem Doppelkinn im Vordergrund erregen seine Aufmerksamkeit, sondern das vertraute Profil dahinter. Sie ist es. Es ist Isabella. Er liest die Unterschrift. Gäste von Lady McAuliffe bei ihrem jährlichen Frühlingsball im Bellevue Hotel.

Er hat sie. Endlich hat er sie.



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