Einundzwanzig



Isabella hat den Leuchtturm seit drei Wochen nicht verlassen. Wozu auch? In der Stadt wäre sie nur in Gefahr; Xavier ist verreist und wird nicht an den Strand kommen; und außerdem hat sie so furchtbar viel damit zu tun, aus dem Schatz ihres toten Ehemannes Broschen und Armbänder zu fertigen. Sie arbeitet, um nicht über die Zukunft, die Vergangenheit oder die Gegenwart nachzudenken. Der gemeinsame Geburtstag von Daniel und Xavier kommt und geht, und sie ist viel zu weit von beiden entfernt. Sie arbeitet so angestrengt, dass selbst der Schlaf keine Ruhe bringt. Die Geister von Bändern, Muscheln und Edelsteinen fügen sich auf der Innenseite ihrer Augenlider zusammen. Ihre Hände tun jeden Abend so weh, dass sie sie in der Eiskiste kühlen muss.

Doch sie hat wunderschöne Dinge erschaffen. Sie schämt sich beinahe für die erste Brosche, die sie verkauft hat. Die neuen sind viel geschmackvoller und hübscher. Einzigartig, ohne sonderbar zu sein. Luxuriös, aber nicht aufdringlich. Matthew fragt seit Wochen, wie sie sie verkaufen will, und nun sagt sie ihm endlich, dass sie von der Anlegestelle am Noosa River aus mit dem Schaufelraddampfer nach Brisbane fahren will. Er wird blass.

»Allein?«

»Ja.«

Er hat Angst, lässt sie aber fahren.

Und so steht sie nun an der Anlegestelle in Tewantin, in der Hand die Fahrkarte, die ein Pfund gekostet hat, in einem selbstgenähten Kleid, das nicht besonders gelungen ist. Sie drückt einen kleinen Koffer an sich, der kostbare Schmuckstücke und ein Ersatzkleid enthält. Sie wartet darauf, an Bord der Plover zu gehen, eines Schaufelraddampfers von neunzig Fuß Länge. Die Dämmerung ist feucht und kühl. Es riecht nach Sägemehl und Dung. Pferdewagen und Männer transportieren Fässer hin und her. Sie versucht, nicht aufzufallen, ist aber als einzige Frau allein unterwegs. Sie hört Frauenstimmen aus dem Salon, der sich schon gefüllt hat, doch mit ihr warten nur Männer in verblichener Kleidung, die zwischen gescheiterten Träumen von den Goldfeldern und einer sicheren Anstellung in der Stadt ihren Weg suchen.

Sie müssen lange in der Spätnachmittagssonne warten, doch schließlich drängt man sie über den Landungssteg an Bord. Das Deck wird von einer großen, gestreiften Markise überspannt, doch die Seiten sind offen, und es ist ein kühler Tag. Manche Männer klappen Stühle aus und setzen sich hin, um beim letzten Tageslicht Zeitung zu lesen. Einige rauh aussehende Gestalten versammeln sich achtern, um Zigaretten zu rauchen. Isabella ist unschlüssig, was sie machen, wo sie sich hinsetzen oder hinstellen soll, und so sucht sie sich einen Platz an der Reling und schaut zu, wie der Fluss unter dem großen Schaufelrad, dem Geruch nach Kohle und dem Zischen des Dampfers verschwindet. Langsam entfernen sie sich von der Anlegestelle. Die Abendluft ist frisch, der Wind schmerzt in den Ohren.

Sie werden nicht vor morgen früh in Brisbane eintreffen. Isabella wird in einer Pension übernachten, das Zimmer hat Matthew telegrafisch gebucht. Er war besorgt um sie, als er sie am Morgen in den gemieteten Wagen gesetzt hat – er sagte, sie solle die Haube tief ins Gesicht ziehen und sich immer umschauen, ob auch niemand sie erkannt habe. Als er sich an der Anlegestelle von ihr verabschiedete, hat er gesagt, sie habe sicher Angst, allein zu reisen, doch das stimmt nicht. Sicher, sie spürt ein leises Kribbeln der Furcht, vor allem aber ist sie aufgeregt. Ihr Plan nimmt Gestalt an. Eine kleiner Funke Eitelkeit brennt in ihr, weil sie es genießt, Schmuck herzustellen und zu verkaufen. Sie kann das gut. Man hat ihr nie erlaubt, etwas gut zu können.

Die Plover bewegt sich langsam durch das ruhige Wasser des Flusses und durch die Mündung hinaus aufs Meer. Sie erinnert sich an den Tag, an dem sie England verlassen hat – es scheint eine Million Jahre her zu sein. Gewiss war sie damals ein anderer Mensch. Die Nacht bricht herein, und die Küste ist zu dunkel, um etwas zu erkennen. Sie nimmt sich einen Klappstuhl und lehnt sich zurück. Ein Steward bringt ihr das Abendessen in einer braunen Papiertüte: einen verschrumpelten Apfel, Brot und Käse. Sie legt es unter ihren Stuhl und zieht die Beine an sich.

Die rauchenden Arbeiter lassen Flachmänner kreisen und werden allmählich ungehobelt. Zuerst fällt es Isabella leicht, sie zu ignorieren, doch dann beginnen sie mit rauher Stimme zu singen. Schmutzige Lieder. Sie ist sich schmerzlich bewusst, dass sie die einzige Frau ohne Begleitung ist. Sie stellt die Füße wieder aufs Deck, den Koffer dazwischen.

Sie legt den Kopf zurück und schließt die Augen, will sich von dem ruhigen Wasser wiegen lassen, doch die Männerstimmen sind hart und laut, und sie begreift, dass es eine sehr lange Nacht werden wird.

Dann dringt eine Frauenstimme durch den Lärm. »Ihr erlaubt doch?«

Isabella öffnet die Augen und sieht eine wunderschön gekleidete Frau von Ende dreißig an der Treppe zwischen Deck und Salon stehen. Sie ist angenehm gerundet, wie es nur reiche, wohlgenährte Frauen sind, hat kastanienbraunes Haar und einen hübschen Mund. Sie trägt ein gut geschnittenes Blusenkleid mit großem Kragen und weiten Ärmeln und hält einen Stock mit silberner Spitze in der Hand. Die Autorität in ihrer Stimme reicht aus, dass sich die Männer mit offenem Mund zu ihr umdrehen.

»Ich kann jedes schmutzige Wort hören, das ihr hier singt, und bin davon gar nicht angetan«, sagt sie und deutet mit dem Stock auf die Männer. »Was würden eure Mütter denken, wenn sie euch so sehen könnten?«

Dümmliche Blicke, gemurmelte Entschuldigungen. Die Frau schaut sich an Deck um und entdeckt Isabella, worauf sie neugierig eine Augenbraue hochzieht und herüberkommt. »Warum sind Sie allein hier? Haben Sie keinen Vater oder Ehemann?«

Verblüfft sucht Isabella nach Worten. »Keins von beidem.«

»Warum sind Sie allein unterwegs?«

Sie will nicht verraten, dass sie einen Koffer voller Schmuck bei sich hat. »Ich reise nach Brisbane. Zu einer … geschäftlichen Verabredung.«

»Geschäft? Welches Geschäft?«

»Es ist privat … persönlich«, sagt Isabella rasch.

Trotz der knappen Antwort wird die Frau nachgiebiger. »Eine Geschäftsfrau, was? Und Sie können sich nur einen Platz an Deck bei diesen Grobianen leisten?«

Isabella nickt.

Die Frau streckt ihr eine weiche Hand entgegen, die sie neugierig ergreift. Dann wird sie auf die Füße gezogen.

»Kommen Sie. Sie können sich zu mir und meinen Freunden in den Salon setzen.«

»Dafür habe ich keine Fahrkarte.«

»Das ist nebensächlich. Ich kümmere mich darum. Ich bin Berenice. Eigentlich Lady McAuliffe, aber Sie können mich Berenice nennen.«

»Mary Harrow«, sagt sie und folgt ihr mitsamt dem Koffer.

»Mary Harrow, ich hoffe, Sie haben Ihre Lektion gelernt. Die fünfundzwanzig Shilling für eine Karte im Salon lohnen sich immer

Isabella wird die Treppe hinunter in den Salon geführt, der von Dutzenden Kerzen erleuchtet wird. An beiden Enden befindet sich eine halbrunde, mit Leder bezogene Sitzbank. Dazwischen steht ein großer Tisch, der mit Essen beladen ist: gebratener Truthahn und Kartoffeln, Porzellanschüsseln voller Erbsen und Soße. Gutgekleidete Menschen sitzen an kleinen, runden Tischen und spielen Karten. Die Atmosphäre ist ruhig und angenehm.

Der Steward stürzt sich auf sie, sowie sie den Fuß auf den Teppich setzt. »Sie dürfen hier nicht rein.«

Berenice winkt ihn mit einer Handbewegung weg. »Unsinn. Ich weiß, dass es noch eine freie Koje gibt, darin wird Miss Harrow schlafen. Sie wird essen, wofür meine Freunde und ich bezahlt haben, und Sie werden kein Wort darüber verlieren.«

»Aber sie hat eine Fahrkarte fürs Deck.«

Nun ist Berenice’ Leichtigkeit verschwunden. Ihre Stimme klingt stählern. »Ja, und da oben ist ein Haufen monströser lärmender Männer, die ich schon zum Schweigen bringen musste, weil Sie Ihre Arbeit nicht tun.«

Es sieht aus, als wolle er noch etwas sagen, doch Berenice drückt ihm entschlossen den Finger auf den Mund. »Diese junge Frau reist allein nach Brisbane. Ich werde nicht dulden, dass sie zwischen diesen Grobianen sitzen muss. Kein Wort mehr darüber, sonst betrachte ich Sie nicht mehr als Gentleman.«

Der Steward fügt sich wütend in sein Schicksal. Berenice lächelt Isabella augenzwinkernd zu. »Ich bekomme immer meinen Willen. Nun, möchten Sie etwas essen?«

Isabella füllt einen kleinen Teller, während Berenice sie mit ihren Freunden bekannt macht: zwei Frauen und ein stämmiger Mann mit einem schelmischen Grinsen. Sie begrüßen sie zwanglos und reden und lachen weiter, als wären sie schon ein Leben lang miteinander befreundet. Aus dem Gespräch schließt Isabella, dass Lady McAuliffe eine reiche Witwe ist, deren Mann, der Sohn eines Londoner Abgeordneten, einen lukrativen Goldclaim in Gympie besessen hat. Jetzt leitet Berenice die Geschäfte und führt in Brisbane ein Luxusleben. Sie ist eine ungewöhnliche Frau, energisch und strahlend wie die Sonne. Ihre Freunde hängen an ihren Lippen, wenn sie etwas sagt, philosophiert und Witze erzählt, die weitaus schmutziger sind als die Lieder der Männer an Deck. Isabella ist fasziniert.

Und Berenice ist fasziniert von Isabella. Isabella hat ein schlechtes Gewissen, weil sie ihr nicht die Wahrheit gesagt hat, und weicht daher den Fragen aus. Irgendwie aber entschlüpft ihr, dass ihr Mann tot ist, dass sie eine Schwester in New York hat, die sie bald zu besuchen hofft, und dass sie nur zwei Kleider besitzt, von denen sie eins gerade trägt.

»Wie lange bleiben Sie in Brisbane?«, fragt Berenice nachdenklich, nachdem sie sich von dem Schock erholt hat, dass ein Mensch nur zwei Kleider besitzen kann.

»Drei Tage.«

»Und wo werden Sie übernachten?«

»In einer Pension in New Farm. Man hat mir gesagt, sie sei sauber und nehme Frauen und Kinder auf.«

Doch Berenice macht schon eine wegwerfende Handbewegung. »New Farm ist meilenweit von der Eagle Street entfernt, wo der Dampfer anlegt. Da dürfen Sie nicht wohnen. Sie müssen zu mir kommen.«

»Wirklich? Das kann ich nicht annehmen.«

»Doch, doch, das müssen Sie. Dann können Sie in meiner Kutsche zu Ihrer geschäftlichen Verabredung fahren. Ein hübsches Mädchen aus gutem Hause sollte es nicht so schwer haben.«

Isabella begreift, dass sie nicht nein sagen kann. Zu einer Frau wie Berenice sagt man nicht nein. »Ich nehme Ihr Angebot mit der Übernachtung gerne an, aber Sie müssen mir die Freiheit gestatten, meinen Tagesablauf allein zu gestalten.«

Einen Moment lang verschwindet Berenice’ zauberhaftes Lächeln. Ihre Freunde beobachten aufmerksam, wie sie auf diesen Widerstand reagieren wird – sie wirken geradezu ängstlich –, doch dann lächelt sie wieder und reibt Isabellas Handgelenk. »Sie erinnern mich an mich selbst in diesem Alter. Sie wissen, was Sie wollen. Ein unabhängiger Geist.«

Der Steward nähert sich und reicht Isabella ein Kissen und eine Decke. »Für die Koje. Es ist die letzte auf der Steuerbordseite.«

»Vielen Dank.«

Er schaut von Berenice zu Isabella. Nickt einmal und geht davon. Plötzlich ist sie sehr müde.

»Es tut mir leid, aber ich bin erschöpft.«

»Natürlich, Sie Ärmste. Wir sehen uns beim Frühstück.« Berenice küsst sie auf die Wange. »Träumen Sie schön.«

Isabella begibt sich in ihre Koje, ein Bett zum Herunterklappen in einer niedrigen Nische, die nur durch einen dünnen Vorhang abgetrennt wird. Sie legt sich hinein und rollt sich unter der Decke auf die Seite. Träumen Sie schön. Sie versucht es, versucht es wirklich, doch sowie sie allein ist, kehrt die Melancholie zurück, und ihre Träume sind nur ein wirres Durcheinander von Bildern: Wasser und Dampf, Kohle und Donner und ein kleiner Junge, der ihr in einem dunklen Wald für immer entgleitet.


Isabella hält die Adresse des Juweliers Maximillian Hardwick in der linken Hand und ihren kleinen Koffer in der rechten. Sie ist körperlich und geistig erschöpft. Beim Frühstück hat Berenice sie mit weiteren Fragen gelöchert. Je mehr Isabella ihr auswich, desto unbarmherziger fragte sie nach. Vielleicht wäre sie doch besser in der Pension abgestiegen. Nun aber hat sie an diesem Tag erst einmal Ruhe.

Ein gutgekleideter Mann fährt auf einem Fahrrad an ihr vorbei und reißt Isabella mit seiner warnenden Glocke aus ihren Gedanken. Brisbane ist eine geschäftige Stadt, mit breiten Straßen und neuen Gebäuden. Eine von Pferden gezogene Straßenbahn rattert mitten über die gepflasterte Straße. Sie bemerkt, dass alle Frauen Sonnenschirme bei sich tragen. Kein Wunder, selbst in dieser kühlen Jahreszeit scheint ihr die Sonne grell ins Gesicht. Sie versucht, im Schatten zu bleiben, während sie sich in die Queen Street begibt und nach dem Ladenschild des Juweliers Ausschau hält. Dann endlich entdeckt sie es in einem Fenster im oberen Stockwerk eines Hauses. Isabella klopft abergläubisch auf den kleinen Koffer und steigt eine steinerne Treppe hinauf, die sie ins Juweliergeschäft führt.

Es ist ein kleiner Laden, in dem es stark nach Wachs und Politur riecht. Das einzige Licht fällt durch ein schmales Fenster, auf dem der Name des Juweliers steht. Von innen liest sie ihn verkehrt herum. Es gibt Vitrinen mit Schmuck und den unterschiedlichsten Uhren. Ein älterer Mann mit dichtem Schnurrbart sitzt hinter der Theke an einem Tisch und reinigt Schmuck. Er blickt auf, als sie eintritt, und kneift beim Lächeln die Augen zu.

»Guten Morgen, Madam«, sagt er mit tiefer Stimme. »Womit kann ich dienen?«

»Ich bin Mary Harrow«, sagt sie und streckt ihm die Hand entgegen.

»Max Hardwick.« Er ergreift ihre Hand und drückt sie kurz. »Ich kenne Ihren Namen. Abel Barrett war vor einigen Wochen hier und hat mir eine Brosche verkauft, die Sie vermutlich angefertigt haben.«

»Sie haben ein gutes Gedächtnis, Sir.«

»Habe ich recht? Es war kein Familienerbstück. Viel zu modern.«

»Ja, ich habe es selbst gemacht. Und habe weitere Stücke mitgebracht, die Sie mir hoffentlich abnehmen.« Sie legt den Koffer auf die Theke. »Möchten Sie sie sehen?«

Er wischt sich die Hände an der Schürze ab. »Zeigen Sie mir, was Sie haben.«

Sie öffnet den Koffer und nimmt drei Broschen und drei Armbänder heraus. Es ist eine geschmackvolle Zusammenstellung atemberaubender Edelsteine und natürlicher Materialien, die durch lackierte Bänder und Spitze weiblicher wirken. Er inspiziert sie mit seiner Juwelierlupe.

»Der gewickelte Draht ist sehr ungewöhnlich.«

»Mein Vater hat mir diese Technik beigebracht, als ich noch ein Kind war.«

»Woher haben Sie die Rubine und Saphire?«

Sie lässt sich nicht anmerken, dass ihr Puls schneller geht. »Ich habe sie von der kleinen Erbschaft gekauft, die mir mein verstorbener Mann hinterlassen hat.« Die Lüge geht ihr glatt über die Lippen. »Ich wollte immer Schmuck herstellen, und er hat mich dazu ermutigt. Ich denke an ihn, wenn ich diese Stücke fertige, und fühle mich ihm immer noch nahe.«

Der Juwelier nickt betrübt. Während er die Schmuckstücke betrachtet, schaut sich Isabella im Laden um. Sie bemerkt eine ganze Vitrine voller Winterbourne-Schmuck.

»Sie sind wunderbar, und ich möchte sie gerne nehmen«, sagt er schließlich. »Allerdings habe ich nicht genügend Geld für alle. Ich habe das erste Stück noch nicht verkauft. Aber wenn Sie sie hierlassen möchten, werde ich sie für Sie verkaufen und eine kleine Provision dafür nehmen.«

Isabellas Herz zieht sich enttäuscht zusammen. »Kein Geld?«

»Irgendwann wird es Geld geben, meine Liebe. Wo kann ich Sie erreichen, um Ihnen mitzuteilen, wenn etwas verkauft ist?«

So war es nicht geplant. Sie hat angenommen, dass er ihr alle abnehmen und in etwa so viel bezahlen würde wie für das erste Stück; dass sie Brisbane als reiche Frau verlassen kann und nur noch auf ihren Schützling warten muss, um nach New York aufzubrechen. Wer kann denn schon sagen, wann er den Schmuck verkaufen wird? Kann sie es riskieren, ihm die Stücke zu überlassen? Wenn er nun unehrlich ist? Oder jemand die Edelsteine wiedererkennt?

Sie überlegt fieberhaft, kann sich nicht entscheiden. Die Niedergeschlagenheit, die unter einem dünnen Schleier verborgen war, kehrt zurück. Was soll nun aus ihr werden?

Sie stellt sich vor, Matthew wäre hier. Welchen Rat würde er ihr geben? Eine warme Ruhe überkommt sie.

»Ich überlasse Ihnen die Hälfte der Stücke«, sagt sie und schiebt ihm zwei Armbänder und eine Brosche hin. »Sie können mich über das Telegrafenbüro in Lighthouse Bay erreichen.«

Er zögert. Sie weiß, dass er sich fragt, was sie mit den anderen Stücken anfangen wird, doch dann entspannt er sich wieder. »Wie Sie wünschen. Darf ich sie unter Ihrem Namen verkaufen? Sie werden sicher besser gehen, wenn ich sie als exklusiv und handgefertigt präsentiere.«

»Ich vertraue auf Ihre Erfahrung«, sagt sie und genießt das leise Kribbeln, das sie überkommt, als sie sich vorstellt, wie ihr Schmuck mit dem der Winterbournes konkurriert.

Ihr Schmuck, gefertigt mit deren Edelsteinen, die sie gestohlen hat. Und sie bringt sie hier und jetzt unter die Leute.

Es gibt kein Zurück. Die Maschinerie hat sich in Gang gesetzt. Sie verabschiedet sich und tritt wieder auf die sonnige Straße. Jetzt ist sie aufgeregt und freut sich darauf, mehr Zeit mit Lady McAuliffe zu verbringen.


»Ich habe gedacht, Sie kommen gar nicht mehr zurück, meine Liebe«, ruft Berenice, ergreift Isabellas Arm und zieht sie ins Wohnzimmer. »Ich habe eine Überraschung für Sie. Darf ich Ihnen Adelaide vorstellen? Meine Schneiderin.«

»Guten Tag«, sagt Isabella neugierig und streift die Handschuhe ab. Sie hat sich eine halbe Stunde lang in der Stadt verlaufen, weil sie nicht mit der hastig gezeichneten Wegbeschreibung zurechtkam, die Berenice ihr mitgegeben hatte. Sie bemerkt die vielen Kleider auf dem langen, straff gepolsterten Sofa.

»Das sind lauter alte Kleider von mir, die nicht mehr passen. Adelaide wird Ihre Maße nehmen und alle für Sie ändern.«

Isabella schüttelt den Kopf. »Das kann ich unmöglich …«

»Ach, Unsinn. Natürlich können Sie das. Ich werde sie nie wieder tragen, sie verstauben nur im Kleiderschrank.«

Isabella schaut sie verblüfft an. Es muss ein ganzes Dutzend Kleider sein. »Das kann ich nicht annehmen. Dann würde ich mich Ihnen zu sehr verpflichtet fühlen.« Aber sie möchte sie haben, unbedingt. Sie trägt seit Monaten dieselben alten Kleider, und das Stadtkleid fällt schon an den Nähten auseinander. Sie hat nie richtig Nähen gelernt. »Ich wäre allerdings sehr dankbar für ein neues Kleid.«

»Suchen Sie sich drei oder vier aus«, drängt Berenice. »Ich möchte nicht, dass Sie sich unwohl fühlen, aber eine schöne junge Frau braucht mehr als zwei schlechtsitzende Kleider.«

Isabella kann ein Lächeln nicht unterdrücken, als sie die Stücke betrachtet. Sie sieht sich schon in einigen davon auf dem Schiff nach Amerika: aufwendig verzierte Teekleider, Hemdblusenkleider mit langer Schleppe, hauchdünne weiße Sommerkleider mit fließenden Ärmeln und weißer Stickerei. Dann schließt Berenice die Tür ab, und Isabella zieht sich aus, damit Adelaide ihre Maße nehmen kann. Berenice plaudert drauflos, während Isabella nacheinander vier Kleider anprobiert, in denen sie sich drehen und wenden muss, während sie mit Nadeln abgesteckt werden. Dann zieht Adelaide mit einem Berg teurer Stoffe von dannen.

»Wir brauchen sie morgen früh«, sagt Berenice in warnendem Ton.

»Ja, Ma‘am. Sie können sich auf mich verlassen.«

Berenice dreht sich zu Isabella. »Morgen trinken wir mit einigen Freundinnen Tee. Sie sind natürlich eingeladen. Ich möchte, dass Sie sie kennenlernen.«

»Es wäre mir ein Vergnügen.« Ein Plan keimt in ihr. Berenice’ Freundinnen sind allesamt reich und tun, was sie sagt. Wenn sie ein Armband und eine Brosche von Mary Harrow trägt, könnte sie vielleicht jemanden überreden, eins der verbliebenen Stücke zu kaufen.

Berenice legt den Kopf schief und lächelt. »Sie haben so etwas Liebreizendes, Mary Harrow. Ich kann es gar nicht richtig erklären.«

Isabella lächelt.

»Kommen Sie. Ich zeige Ihnen das Haus.« Sie hakt Isabella unter und führt sie aus dem Wohnzimmer in den mit Parkett ausgelegten Flur. »Mein Mann hat Bilder gesammelt.« Sie deutet auf eine Reihe aufwendig gerahmter Porträts. »Ich selbst verstehe die Faszination nicht so ganz. Gemalte Leute sind nie so interessant wie echte.«

»Kennen Sie sie alle?«

»Es waren Freunde und Verwandte meines Mannes. Die meisten Namen habe ich vergessen. Aber kommen Sie mit, ich zeige Ihnen das Beste.« Sie führt Isabella durch eine zweiflügelige Tür in eine Bibliothek. Eine Wand wird vom gewaltigen Porträt eines freundlich aussehenden Mannes beherrscht, um dessen Lippen ein Lächeln spielt. »Das ist er. Mein lieber verstorbener Ehemann.«

»Er sieht freundlich aus.«

»Oh, er war ein Schurke. Keine Spur von Freundlichkeit. Kinder hatten Angst vor ihm. Aber ich habe ihn geliebt und trauere noch immer um ihn. Wie ist es mit Ihnen? Trauern Sie noch um Ihren Ehemann?« Berenice fixiert Isabella. »Nein, sagen Sie nichts. Ich erkenne es auch so.«

Isabellas Gesicht brennt vor Scham. »Jeder trauert auf seine Weise«, murmelt sie.

»In der Tat. Ich vermisse meinen Mann jeden Tag, bin aber im Grunde ohne ihn besser dran. Er konnte überhaupt nicht mit Geld umgehen.« Berenice wird still, als sie das Porträt betrachtet. »Ich glaube nicht, dass ich noch einmal heirate. Allein geht es mir besser.«

»Sie sind doch nicht allein. Sie haben so viele Freunde.«

»Meinen Sie, Sie heiraten noch einmal?«

Isabella denkt an Matthew.

Ein Funkeln tritt in Berenice’ Augen. »Es gibt jemanden, nicht wahr? Das sehe ich Ihnen an.«

»Ich bin mir nicht sicher, was die Zukunft bringt.«

»Wieder so eine rätselhafte Bemerkung.«

»Ich wollte nicht rätselhaft sein.«

»Wer immer er ist, er wird auch seine Fehler haben. Und Sie als Frau werden darüber hinwegsehen. Er wird zornig sein oder eitel oder Ihren Körper behandeln, als gehöre er ihm allein. Die Männer sind alle gleich, meine Liebe. Alle.«

Isabella denkt über die Worte nach und weiß, dass Berenice unrecht hat. Matthew ist anders. Er ist gut, zu gut. Er ist so gut, dass sie ihn eines Tages heimlich verlassen muss, weil sie ihm ihren Plan nicht verraten kann. Die Vorstellung macht sie traurig, doch dann plaudert Berenice weiter, und Isabella ist so abgelenkt, dass sie die ganze Sache eine Zeitlang vergisst.

***

Der Leuchtturm ist leer ohne Isabella. Erst jetzt erkennt Matthew, wie leer er ist und wie einsam sein Leben war, bevor er ihr begegnet ist. Schlafen, arbeiten, essen. Einfach und behaglich, aber leer. Matthew bläst Trübsal, was er noch nie getan hat. Ihr Geruch auf dem Kopfkissen reicht aus – schon drückt er zehn Minuten lang sein Gesicht hinein und atmet tief durch.

Er sitzt auf der Terrasse, schaut zum Mond hinauf und raucht seine Pfeife. Er ist verliebt. Er gibt es zu und weiß, dass er ein Narr ist. Man kann Isabella nicht an einem Ort halten. Er hat vom ersten Augenblick an gewusst, dass sie ihn verlassen wird. Dennoch hat er sich in sie verliebt. Die Vorstellung, dass sie allein in Brisbane ist, tut ihm weh. Es ist so weit entfernt, eine so große Stadt. Sie kann dort nicht sicher sein.

Und doch tut sie, was ihr gefällt. Er versucht wohlweislich nicht, sie zu beherrschen. Damit würde er eine Katastrophe heraufbeschwören. Wie bei Clara. Er zieht an seiner Pfeife, als er sich erinnert, wie sie ihn angebrüllt hat und weggelaufen ist. Er weiß nicht einmal mehr genau, wie es zu dem Streit gekommen ist: Sie waren bei Nachbarn eingeladen, und er verlangte von Clara, sie solle ihre Verachtung nicht so offen zeigen. Daraufhin versteckte sie sich vier Tage lang im Wald draußen vor der Stadt und kehrte schmutzig und tropfnass zurück. Sie bekam einen Husten, der sich tiefer und tiefer in ihre Lungen grub, bis sie schließlich sechs Wochen später daran starb. Er hatte sich lange Zeit die Schuld an ihrem Tod gegeben. Den ersten Posten als Leuchtturmwärter hatte er angenommen, um sich selbst zu bestrafen. Er hatte keine menschliche Gesellschaft verdient. Aber die lange Einsamkeit erlaubte ihm auch, nachzudenken und mit seinen Schuldgefühlen fertig zu werden. Bevor sie starb, hatte Clara selbst gesagt, er solle nicht traurig sein. Traurigkeit sei sinnlos, solange die Sonne schien und der Himmel jeden Morgen hell wurde.

Matthew atmet geräuschvoll aus und lehnt den Kopf an die Außenmauer des Leuchtturms. Dort draußen, jenseits des Ozeans, wartet Isabellas neues Leben. Und er wird lange, nachdem sie dorthin aufgebrochen ist, noch hier sein, still und dauerhaft wie eine Statue, und sich wünschen, er hätte sie niemals gehen lassen.

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