Zehn



Libby hatte seit zwölf Jahren keine Geldsorgen mehr gehabt. Obwohl die Miete den größten Teil ihres Gehalts verschlang, hatte Mark dafür gesorgt, dass es ihr an nichts fehlte. Er hatte immer bezahlt, wenn sie zusammen essen gingen, ebenso den heimlichen Urlaub, ihre Schuhe, Handtaschen und Kleider. Seine Großzügigkeit hatte es ihr ermöglicht, einen gewissen Betrag zu sparen, doch sie war nicht sorgsam damit umgegangen. Hatte nicht investiert. Wie die meisten Geliebten hatte sie von einem Tag zum nächsten gelebt. Sie konnte nicht für die Zukunft planen, solange sie den Gedanken an eine Zukunft verdrängte. Ihre lange Beziehung mit Mark war eine Reihe von Momenten gewesen. Er selbst hatte es wieder und wieder gesagt: »Lass uns im Augenblick leben, ihn genießen.«

Doch dieser Augenblick war vorbei. Das Auto war teuer gewesen, ebenso der Computer und die Software, die sie brauchte, um den Winterbourne-Katalog zu erstellen. Ohne festes Einkommen wären ihre Ersparnisse bis Weihnachten aufgebraucht.

Libby saß auf ihrem neuen Drehstuhl und schwang langsam hin und her. Sie hatte den Tag damit verbracht, die Software zu installieren, die Internetverbindung und einen E-Mail-Account einzurichten und Sicherheits- und Back-up-Programme herunterzuladen. Sie war sehr mit sich zufrieden. Jahrelang hatte sie sich darauf verlassen, dass Mark den Computerkram für sie erledigte.

Beim Gedanken an ihn kamen ihr die Tränen. Sie musste weiterarbeiten, damit es nicht so weh tat.

Der alte Esstisch wackelte, wenn sie sich darauf stützte. Sie faltete ein Stück Papier und klemmte es unter das zu kurze Bein. Zum Glück würden ihre Klienten nie erfahren, dass sie an einem wackligen Tisch in der Ecke eines hässlichen Wohnzimmers arbeitete. Sie lehnte sich auf dem Stuhl zurück und legte die Füße auf den Tisch, bevor sie Cathy in London anrief.

»Juwelier Winterbourne, Cathy am Apparat.«

»Hallo aus Australien, hier spricht Libby Slater.«

»Schön, dass Sie sich melden. Ich verbinde Sie mit Emily, dann können Sie alles besprechen.«

»Ich …« Doch es klickte schon in der Leitung, und die Warteschleifenmusik, ein Walzer von Chopin, erklang. Jeden Moment würde sie mit Marks Frau sprechen. Marks Frau.

»Hallo, Libby?« Sie klang kultiviert, aber auch ein bisschen unsicher.

»Hallo, Emily. Es ist schön … hm … Sie kennenzulernen.«

»Gleichfalls. Ich habe so viel von Ihnen gehört.«

»Tatsächlich?«

»Oh, ja. Mark war ganz begeistert von Ihrer Arbeit für uns. Als ich hörte, dass Sie bei Pierre-Louis aufgehört haben, musste Cathy Sie unbedingt für mich aufspüren. Die Dinge … gerade verändert sich einiges, und ich …« Sie verstummte. Libby spürte einen Stich im Herzen. »Ich möchte, dass so viel wie möglich beim Alten bleibt. Dazu gehört auch, dass Sie unseren Katalog entwerfen.«

»Verstehe«, sagte Libby, obwohl es ihr vorkam, als betrachtete sie sich selbst aus großer Entfernung. Das ist Marks Frau. Die Rivalin. Der Feind. Der Mensch, den Libby sich um jeden Preis kalt oder schrill oder eitel gewünscht hatte. Doch schon nach wenigen Sekunden war ihr klargeworden, dass Emily nichts davon war. Plötzlich fielen ihr die angemessenen Worte ein: »Mein aufrichtiges Beileid. Mark war ein wunderbarer Mann.« Oder klang das zu vertraulich? »Jedenfalls kam es mir so vor, wenn ich mit ihm zusammengearbeitet habe.«

»Er war nur ein Mann, Libby. Manchmal war er wunderbar, dann wieder eine Nervensäge.« Sie lachte leicht. »Mit seinem Perfektionismus komme ich einfach nicht zurecht.«

Na bitte. Emily hatte in der Gegenwart von ihm gesprochen. Das empfand Libby als seltsam tröstlich, denn auch sie dachte noch so an Mark.

»Aber ich habe ihn trotz seiner Fehler sehr geliebt und vermisse ihn mehr, als ich sagen kann.«

Libby kämpfte mit den Tränen. »Geht es Ihren Töchtern gut?«

»Oh, ja. Sie führen ihr eigenes Leben. Und ich freue mich darauf, im Juli Großmutter zu werden. Ich lebe von Tag zu Tag. Aber Schluss jetzt! Als wenn Sie an diesem ganzen Unsinn interessiert wären. Seit er gestorben ist, jammere ich Fremden und Leuten, denen er völlig egal war, etwas vor.«

Libby fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und legte sich die nächsten Worte sorgfältig zurecht. »Ich bin keine Fremde, und er war mir nicht egal.«

Sie hörte, wie die Frau am anderen Ende mit den Tränen kämpfte. Dann hatte Emily sich wieder in der Gewalt. »Trotzdem. Das Geschäft geht vor. Das Geschäft hält mich am Leben. Wie funktioniert das jetzt? Schicken wir Ihnen die Bilder?«

»Mark hat den Fotografen beauftragt und mir die Dateien geschickt. Dann haben wir uns zusammengesetzt und das Thema der Saison besprochen, wie der Katalog aussehen soll, welche Stücke präsentiert werden und so weiter.«

»Das hat er alles gemacht? Kein Wunder, dass er so oft in Paris war. Libby, Sie haben zwölf Jahre mit Mark zusammengearbeitet. Schaffen Sie das auch allein?«

»Natürlich.«

»Ich bezahle extra.«

»Nicht nötig.« Im nächsten Moment hätte sich Libby ohrfeigen können. Winterbourne war eine große Firma. Doch sie brachte es nicht über sich, Emily mehr Geld als gewöhnlich abzunehmen, denn Emily war Marks Frau. Die Frau, von der sie sich zwölf Jahre gewünscht hatte, sie möge nicht existieren.

»Können Sie auch den Fotografen auswählen?«

Jetzt wurde es heikel. »Ich kenne einige gute Leute in London und Paris, aber zuerst müsste ich die neue Kollektion sehen. Könnten Sie mir ein paar Fotos schicken? Die Qualität muss nicht hervorragend sein. Nehmen Sie sie ruhig mit dem Handy auf, dann sehe ich sie mir an und maile Ihnen ein paar Ideen.«

»Ja, das müsste gehen. Dann habe ich wenigstens etwas zu tun. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn ich mich von jetzt an direkt an Sie wende. Bei dieser Sache bin ich ganz auf Sie angewiesen.«

»Jederzeit.« Sie gab Emily ihre Telefonnummer und die neue E-Mail-Adresse und verabschiedete sich. Dann zog sie Flip-Flops an und ging an den Strand.

Es war dunkel und kühl, aber nicht kalt. Sie ließ die Wellen ihre Knöchel umspielen. Was war das nur für ein unangenehmes, lauerndes Gefühl, das sie aus dem Haus getrieben hatte? Trauer, das auf jeden Fall. Angst: ganz normal, aber sie würde den Job problemlos bewältigen, sofern sie den richtigen Fotografen fand.

Schuld.

Die hatte sie auch früher schon verspürt. Zwölf Jahre lang, verschwommen, von Zeit zu Zeit, wie eine leise, unterschwellige Übelkeit. Doch dies war eine andere Art von Schuld. Mark hatte eine Frau. Ihr Name war Emily. Sie hatte Mark geliebt. Wenn sie von Libby erfahren hätte, hätte das ihr Glück zerstört.

Libby hätte ihr Glück zerstört.

Das konnte sie noch immer. Und plötzlich wünschte sie sich verzweifelt, dass dieses Geheimnis niemals, niemals ans Licht käme. In der Vergangenheit hatte sie es manchmal gehofft, weil Mark sich dann hätte entscheiden müssen. Verlass sie, bleib bei mir! Auf einmal erschien es ihr unmöglich, dass sie es für immer geheim halten könnte. Cathy war bereits misstrauisch geworden. Die Briefe waren zusätzliche Beweise. Wer sonst hatte Verdacht geschöpft? Wer sonst würde reden, nun, da Mark nicht mehr da war, um die Leute zum Schweigen zu bringen? Lass es bitte nie herauskommen. Lass nie jemanden erfahren, was für ein selbstsüchtiger Mensch ich bin. Libby blieb fast eine Stunde am Strand, während die Flut ihre Beine umspülte und das Meer ihr beschämtes Schluchzen übertönte.


Am nächsten Nachmittag um vier parkte Libby wieder vor Graeme Beers‘ Haus. Sie hatte den Tag mit Zeichnen verbracht und Spaß daran gefunden, die Einzelheiten der Taue und Segel richtig zu treffen: das komplexe Zickzackmuster, Struktur und Schatten. Bisher hatte sie meist Bilder aus Büchern abgezeichnet, war aber fest entschlossen, die Aurora zu malen. Das einzige Bild, das im Internet zu finden war, war zu klein, und sie hoffte, dass Graeme ihr sein eigenes kopieren könnte. Daher war sie spontan nach Winterbourne Beach gefahren.

Kein Boot zu sehen. Trotzdem stieg sie aus und klopfte an die Tür. Nichts.

Libby seufzte. Vielleicht hätte sie zuerst anrufen sollen. Dann kam ihr der Gedanke, dass er mit einer Tauchgruppe unterwegs war. Es war schon spät, also musste er bald zurückkommen. Sie stieg ins Auto und fuhr zum Strand hinunter.

Ein Schild leitete sie zur Bootsrampe und dem Parkplatz. Dort entdeckte sie Graeme, der das Boot gerade auf dem Anhänger befestigte.

»Hallo!« Sie winkte ihm zu.

Er blickte auf. Offenbar erkannte er sie nicht wieder, wartete aber, dass sie näher kam.

»Graeme, ich bin‘s, Libby. Wir sind uns …«

»Ja, ich erinnere mich. Haben Sie es sich mit dem Tauchen doch überlegt?«

»Nein, es geht um etwas anderes. Sie hatten in Ihrer Mappe ein Bild von der Aurora. Ich wollte fragen, ob Sie mir eine Kopie machen können, da ich das Schiff gerne malen möchte.«

»Verstehe«, sagte er, zog einen Riemen fest und ging zur anderen Seite des Bootes hinüber. »Sind Sie Künstlerin?«

»Das wäre ich gern.«

»Wir treffen uns in zehn Minuten bei mir. Ich habe etwas für Sie.«

Libby wartete neugierig vor dem Haus, als er mit dem klappernden Boot auf dem Anhänger vorfuhr und den Wagen abstellte. Sie gingen zusammen hinein.

»Warten Sie hier«, sagte er und deutete auf das Sofa.

Mit leisem Unbehagen setzte sie sich. Sie war allein im Haus eines fremden Mannes, und niemand wusste, wo sie steckte. Dann aber kehrte er mit einem so großzügigen Geschenk zurück, dass sie sich schämte, weil sie an ihm gezweifelt hatte.

Er setzte sich neben sie und gab ihr eine Fotokopie des Fotos. Dann entrollte er auf dem Couchtisch mehrere alte, muffige Blätter.

»Was ist das?«

»Schiffspläne.«

Libby machte große Augen. »Von der Aurora?«

»Yep.«

Ihr Blick wanderte über die Seite. Alle Abmessungen und Details waren genau wiedergegeben. »Wie sind Sie daran gekommen?«

»Mit List und Tücke«, erwiderte er grinsend. »Sie haben früher Percy Winterbourne gehört. Er brachte sie aus England mit, zweifellos, um sich im Wrack zurechtzufinden. Soweit ich weiß, hat ein Zimmermädchen aus dem Hotel, in dem er starb, alle seine Papiere mitgehen lassen. Dann bekam sie vermutlich ein schlechtes Gewissen und stopfte sie ganz hinten in ihren Kleiderschrank. Vor ein paar Monaten habe ich das alles auf einem privaten Flohmarkt entdeckt. Das alte Mädchen, das dieses Zeug verkauft hat, hatte keine Ahnung, worum es sich handelt. Also habe ich es ziemlich billig bekommen.«

»Und Sie haben sie benutzt, um nach dem Amtsstab zu suchen?«

»Natürlich.«

»Aber Ihren Tauchern haben Sie sie nicht gezeigt?«

»Damit würde ich mir selbst schaden. Sobald jemand den Amtsstab findet, ist das da draußen nur noch irgendein Wrack. Bis dahin aber birgt es einen potentiellen Schatz.«

»Und Sie würden mir die Pläne ausleihen?«

»Ich kann sie Ihnen für fünfzig Dollar leihen, solange Sie keine Kopien machen und sie zurückgeben, sobald Sie fertig sind. Sie müssen mir Ihre Adresse geben, damit ich weiß, wo ich Sie im Notfall finde.«

Libby musste ein Lachen unterdrücken. Trotzdem, er würde sie nur herausrücken, wenn sie dafür bezahlte. »Na schön, Graeme, abgemacht.«

Er verabschiedete sich an der Haustür von ihr und sagte in letzter Minute: »Hätten Sie nicht doch Lust, mal zu tauchen, wenn Sie die Pläne zurückbringen? Für den Dritten hat jemand abgesagt.«

»Ich bin noch nie getaucht.«

»Macht nichts. Ich habe viele Anfänger dabei. Es ist wunderschön da unten. Eine Künstlerin wie Sie würde die Farben lieben. Sie brauchen auch keine Miete für die Ausrüstung zu bezahlen. Einmal runter und wieder rauf für zweihundert.«

Seine Geschäftstüchtigkeit war bewundernswert. Sie wollte schon nein sagen, als ihr ein anderer Gedanke kam: Wieso? Wieso sage ich nein? Mark hätte nicht nein gesagt. In diesem Augenblick vermisste sie ihn so heftig und mit jeder Faser ihres Körpers, dass es keine andere Antwort als »Ja, in Ordnung« geben konnte.

Er zwinkerte ihr zu. »Sie werden es nicht bereuen, Schätzchen. Wir sehen uns dann am Dritten. Seien Sie um neun hier. Und denken Sie an die Pläne.«


Als Libby am späten Mittwochnachmittag vom Strand zurückkam, sah sie ihn. Einen Mann, der in der Nähe ihres Hauses herumlungerte. Sie erstarrte, doch dann gewann ihr Zorn die Oberhand.

Sie hatte einen furchtbaren Tag gehabt, weil die Nacht furchtbar gewesen war. Motorlärm um ein Uhr morgens, dann konnte sie nicht mehr einschlafen. War halb eingedöst und hatte Alpträume von Mark gehabt und von Leuten, die bei ihr einbrechen wollten. Sie war den ganzen Tag müde und nervös gewesen. Und da stand er nun groß und breit vor ihrem Haus.

Es war noch hell genug, um tapfer zu sein. Sie konnte einfach hingehen und ihn wegschicken, statt sich nachts in ihrem eigenen Haus zu verkriechen. Sie vergaß, dass sie nur einen nassen Badeanzug und ein gestreiftes Handtuch trug, und eilte den Hang hinauf. Doch er ging schon in Richtung Leuchtturm. Also hatte sie es sich nicht eingebildet: Jemand wohnte dort. Und es war vermutlich dieselbe Person, die sie nachts mit dem Auto weckte. Libby rannte los. Der Mann machte sich am Schloss zu schaffen und wollte gerade im Leuchtturm verschwinden, als sie rief: »Hey! Sie da!«

Er schaute sich erschrocken um und wollte schnell hineinlaufen, ließ aber den Schlüssel fallen und musste sich bücken.

Libby stand keuchend vor ihm, mit tropfnassem Haar, die Füße mit feuchtem Sand bedeckt, und ergriff seinen Unterarm. »Stop«, sagte sie. »Wer zum Teufel sind Sie?«

Der Mann schaute sie aufmerksam an, seine Augenbrauen zuckten. Er hatte grüne Augen, sein rötlich blondes Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden, und er trug einen gepflegten Spitzbart. Libbys Herz hämmerte, als sie versuchte, seinen Gesichtsausdruck zu deuten.

Dann lächelte er und fragte: »Elizabeth Slater?«

Libby ließ seinen Arm los und schaute ihn prüfend an.

»Ihre Schwester Juliet war meine Babysitterin.« Er streckte ihr die Hand entgegen. »Damien Allbright. Erinnern Sie sich an mich?«

Ja, natürlich. Als sie Damien das letzte Mal gesehen hatte, war er acht gewesen. Jetzt also achtundzwanzig. Aber sie konnte das magere Kind nicht mit dem hochgewachsenen Mann in Verbindung bringen, der vor ihr stand. Und es erklärte auch nicht, weshalb er um ihr Haus geschlichen war. »Was geht hier vor? Was haben Sie nachts an meinem Haus zu suchen?«

»Sie wohnen im Cottage?«

Sie nickte.

»Ich war nur in der Nähe, wenn ich nachts gekommen oder gegangen bin.«

»Da war auch ein Auto. Ein Mann …«

»Das Auto habe ich auch gehört, aber es gehört mir nicht. Ich habe kein Auto. Ich habe kein … Hören Sie, Elizabeth, Sie sind gerade erst vom Strand gekommen. Sollen wir uns später ein bisschen bei mir unterhalten? Ihnen ist sicher kalt.«

Ihr wurde unangenehm bewusst, dass sie kaum etwas anhatte, und sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Alle nennen mich Libby. Wohnst du im Leuchtturm?«

»Das ist eine lange Geschichte.«

Libbys Neugier wuchs. Der Wind fuhr über ihre Arme, sie bekam eine Gänsehaut. »Na schön.«

»Dann bis gleich.« Er nickte und ging hinein, ließ die Tür aber offen stehen.

Libby eilte davon, in ihrem Kopf drehte sich alles. Also wohnte Damien Allbright heimlich im Leuchtturm. Sollte sie ein Auge zudrücken, nur weil Juliet einmal seine Babysitterin gewesen war? Er war jeden Freitagabend zu ihnen nach Hause gekommen, und sie hatte ihm vorgelesen und mit ihm gespielt, während Libby sich schminkte und in den Surfclub ging, um mit Freunden zu trinken. Er war immer ein reizender Junge gewesen, klug und nachdenklich. Aber das hieß noch lange nicht, dass sie ihm jetzt trauen konnte.

Sie duschte, zog sich an und fuhr sich mit dem Kamm durch die Haare. Als sie wieder an der Tür des Leuchtturms stand, war es fast dunkel.

»Hallo?«

»Warte. Ich komme runter«, rief er. Ein schwaches Licht bewegte sich auf der Treppe, und Damien tauchte mit einer Laterne vor ihr auf, in der eine Kerze brannte. »Tut mir leid, es gibt keinen Strom. Halte dich am Geländer fest, wenn wir nach oben gehen. Die Treppe ist ein bisschen wacklig.«

Die Stufen waren schmal und steil, fast wie bei einer Leiter. Sie hielt sich am Geländer fest, als sie Damien durch die Luke in den nächsten Stock folgte. Der kreisförmige Raum wurde von Laternen mit Kerzen erhellt. Auf dem Boden lagen eine Matratze, Decken und ein großer Rucksack, außerdem gab es einen zerkratzten Schrank und zwei Kisten, aus denen Papiere quollen.

Damien deutete auf die Matratze. »Das ist leider der einzige Sitzplatz.«

Libby hockte sich auf die Ecke und schaute sich im Kerzenlicht um. »Ich verstehe nicht ganz. Wohnst du hier?«

»Nicht ständig. Und nicht mehr lange, hoffe ich.«

»Wie kochst du denn? Und wo duschst du?«

»Am Strand gibt es jede Menge öffentliche Toiletten und Duschen, und ich ernähre mich sehr einfach. Manchmal benutze ich die Gasgrills im Park hinter dem Surfclub. Schade, dass sie die ursprüngliche Unterkunft des Leuchtturmwärters abgerissen haben. Als ich ein Kind war, gelangte man durch die Tür, die jetzt zugenagelt ist, in zwei kleine Räume.« Er zuckte mit den Schultern. »Aber es ist schon in Ordnung. Ich komme zurecht.«

Sie schaute ihn an. Er saß ganz in ihrer Nähe auf dem Boden und hatte die Knie unters Kinn gezogen. »Ich habe dich kaum wiedererkannt.«

Er streckte den rechten Arm aus und drehte die Handfläche zum Licht. »Weißt du noch?« Er zeigte ihr eine tiefe weiße Narbe an seinem Unterarm, und Libby fiel es sofort wieder ein. Eines Abends hatte er sich in der Küche zu schaffen gemacht und war gegen den Vorratsschrank gefallen, wobei ein Honigglas zerbrach. Eine Scherbe war in seinem Unterarm stecken geblieben. Juliet hatte damals noch keinen Führerschein, und Libby musste beide zum Krankenhaus fahren.

»Aber ja. Die Nacht voll Blut und Honig. Ich habe die Flecken nie wieder aus dem Autositz bekommen.«

Er schlang den Arm ums Knie. »Wie geht es Juliet?«

»Sie ist … na ja … ich bin gerade erst nach Lighthouse Bay zurückgekommen. Es scheint ihr gutzugehen.«

»Hat sie Andy Nicholson geheiratet? Ich weiß noch, wie sie eines Abends erzählt hat, sie seien verlobt. Es hat mir das Herz gebrochen. Ich habe so für sie geschwärmt. Aber das war unmittelbar bevor Mum und ich weggezogen sind, also weiß ich nicht, was danach passiert ist.« Er lächelte, doch als er ihren Blick sah, wurde er ernst.

»Andy ist gestorben.«

»Das ist ja furchtbar.«

»Am Tag vor der Hochzeit. Er … er ist ertrunken. Unmittelbar draußen vor dem Surfclub.«

»Was für ein Alptraum.«

Jede Einzelheit war ein Alptraum. Es war zwanzig Jahre her, und dennoch erinnerte sie sich, als wäre es gerade erst geschehen. »Die beiden waren bis über beide Ohren verliebt. Ich meine, wer sonst würde mit achtzehn heiraten wollen? Aber sie und Andy waren zusammen, seit sie auf der Highschool waren, und Dad war einverstanden, und Juliet … sie hat Andy so sehr geliebt.« Ihre Stimme versagte, und die Schuldgefühle überkamen sie wie eine plötzliche Übelkeit.

Damien nickte feierlich. »Ist sie denn jetzt glücklich? Ist es gut für sie gelaufen?«

»Sie hat nie geheiratet oder Kinder bekommen. Aber ihr gehört die Teestube, und sie managt sie und das B & B ganz allein. Sie ist sehr erfolgreich.« Libbys Worte klangen hohl, und das wusste sie. Das Einzige, was Juliet sich gewünscht hatte, war eine Familie. »Na los. Wir haben lange genug über traurige Sachen geredet. Sag mir, warum du hier bist.«

»Es gibt zwei Gründe.« Er lehnte sich auf den Unterarmen zurück. »Zum einen weiß ich nicht, wo ich sonst hingehen sollte. Ich habe einfach …« Er zuckte mit den Schultern. »Eine schwierige Zeit hinter mir, könnte man sagen. Es ist nicht so gelaufen, wie ich gehofft habe, also bin ich zurückgekommen.«

»Das kann ich verstehen. Aber warum lebst du hier, ohne Strom?«

»Mein Geld liegt im Moment auf Eis, juristische Angelegenheiten, und ich bin gerade arbeitslos. Im Augenblick will ich einfach nicht arbeiten. Aber das ist alles nur vorübergehend. Ehrlich. Ich will draußen sein, solange es noch warm ist.«

Libby dachte darüber nach. Sie fragte sich, welche juristischen Angelegenheiten er wohl meinte. War er ein Kleinkrimineller? Er war fast dreißig, hatte keinen Job und wohnte illegal in einem Leuchtturm. »Was ist der zweite Grund?«

»Erinnerst du dich noch an Pirate Pete?«

»Den verrückten alten Leuchtturmwärter?«

Damien zuckte zusammen. »Genau den. Er war mein Großvater.«

»Pirate Pete war dein Großvater? Bitte entschuldige, ich wollte nicht unhöflich …«

»Schon gut. Ich habe mich daran gewöhnt, dass die Leute gemeine Dinge über ihn sagen. Und zugegeben, er war ein bisschen verrückt. Als ich ein Junge war, hat er mir die ganzen geheimen Schränke in dem Raum oben gezeigt, wo das Leuchtfeuer ist.«

»Geheime Schränke?«

»Ja, sie sind in die Wandtäfelung eingebaut. Es gab nicht viel Interessantes für einen kleinen Jungen, nur alte Papiere und so was.« Er deutete auf die Kisten, die im Raum standen. »Erst als Erwachsener bin ich neugierig geworden. Nachdem Großvater gestorben war – er ist neunzig geworden –, ist mir die Geschichte mit den Schränken wieder eingefallen. Niemand außer mir wusste, dass es sie gab. Leider fallen sie inzwischen auseinander. Überall lagen Papiere herum. Ich hatte einfach das Gefühl, ich müsste bleiben, bis ich alles geordnet habe.«

»Es liegt sicher an der Feuchtigkeit. Davon quellen die Türen auf. Das ist zumindest mit meinem Wäscheschrank passiert. Also hast du die ganze Geschichte gelesen? Nachts? Bei Kerzenlicht?«

Er lächelte. »Manchmal. Meistens aber tagsüber. Nachts schlafe ich einfach.«

»Und du bist nie nachts unten am Cottage gewesen?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, nie.«

»Ein paarmal waren da Leute. Ziemlich spät. Der Wagen hat ewig draußen gewartet. Es macht mir Angst.«

»Verstehe. Hör mal, ich kann gerne ein bisschen aufpassen und runterkommen, wenn sie wieder auftauchen. Du brauchst keine Angst zu haben.«

Libby war gerührt. »Danke, das ist ein sehr nettes Angebot.« Sie stützte sich auf die Ellbogen. »Und, gibt es etwas Interessantes in diesen Dokumenten?«

»Das meiste ist ziemlich langweilig. Aber ein bisschen Gold ist auch darunter. Die Tagebücher der Leuchtturmwärter reichen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Einige haben nur das Wetter und wichtigen Schiffsverkehr aufgezeichnet, aber einer von ihnen lässt sich endlos darüber aus, wie schön seine Frau sei. Sieh mal.« Er wühlte in der Kiste und holte ein altes, in Leder gebundenes Tagebuch heraus. Er suchte eine Seite, die er mit einem Post-it markiert hatte: »18. Dezember 1878. Letzte Nacht blies ein Sturm und ließ die Fensterscheiben erzittern. Meine liebe, zarte Eliza war recht beunruhigt, und ich musste sie nah bei mir halten, damit sich ihr flatternder Puls wieder beruhigte. Als ich am Morgen erwachte, war sie schon seit einer halben Stunde auf und hatte mir mein Lieblingsfrühstück, nämlich Speckpastete, zubereitet, und sie sagte, es sei aus Dankbarkeit geschehen, weil ich sie so wunderbar getröstet hätte. Ich bin gesegnet in der Liebe meiner teuren Frau.«

Libby musste lächeln. »Das ist süß.«

Ermutigt suchte Damien nach einem anderen Tagebuch. »Das hier aus den 1930er Jahren ist auch gut. Ich glaube, der Leuchtturmwärter war irgendwie geisteskrank. ›Ich gehe in die Stadt und sehe, wie mich alle beobachten. Ich weiß, was sie wollen. Solange Atem in meinem Körper ist, werden sie mir niemals meine Gedanken stehlen.‹«

Libby hob überrascht die Augenbrauen. »Gibt es noch mehr davon?«

»Das ist der einzige derartige Eintrag. Zwei Wochen später kam ein neuer Leuchtturmwärter. Und dieser hier ist auch sehr mysteriös. Der Typ, Matthew Seaward, schreibt meist sehr nüchtern. Und dann plötzlich das: ›An diesem Abend überraschte mich das Erscheinen einer fremden Frau, barfuß und blutend, die an der Tür des Leuchtturms Schutz suchte. Ihre Kleidung war zerrissen, doch ihr Verhalten zeugte von guter Herkunft. Ich gab ihr etwas zu essen und ein altes Kleid, das der Frau des früheren Leuchtturmwärters gehört hat. Dann schickte ich sie in die Stadt, um sich eine angemessenere Unterkunft zu suchen.‹«

»April 1901?«

»So steht es hier.«

»Gibt es noch mehr über diese Frau?«

»Das weiß ich nicht. Mag sein. Ich habe nicht alles gelesen.«

»In Lumpen, verletzt, barfuß.« Libbys Verstand arbeitete auf Hochtouren. »Die Aurora ist im April 1901 gesunken. Könnte sie eine Überlebende gewesen sein?«

»Das hätte sie sicher erwähnt.«

»Vielleicht hat sie das ja, und er hat es nur nicht aufgeschrieben.« Ihr wurde ganz schwindlig angesichts dieser ungeahnten Möglichkeiten. »Sagst du mir Bescheid, wenn du etwas findest?«

»Natürlich.«

Libby zögerte einen Augenblick und sagte dann: »Falls du abends mal auf ein warmes Essen vorbeikommen möchtest …«

»Sehr gern«, sagte er rasch. »Wie wäre es mit dieser Woche?«

»Wunderbar. Donnerstag um sieben? Bis dahin kannst du ja sehen, was du über die ›fremde Frau‹ findest.« Libby stand auf und reckte sich.

»Komm, ich helfe dir die Treppe hinunter.« Er griff nach der Laterne.

An der Tür schaute sie zu ihrem Cottage hinüber. »Ich hoffe, sie lassen mich heute Nacht in Ruhe.«

»Was glaubst du, was sie wollen?«

Einen Moment lang war Libby sprachlos. Darüber hatte sie gar nicht nachgedacht. Sie war viel zu ängstlich und wütend gewesen. »Keine Ahnung. Mich erschrecken?«

»Wieso? Wenn sie dich erschrecken wollten, gäbe es effektivere Möglichkeiten.«

Libby überlegte, bis ein unangenehmes Kribbeln sie überkam. »Vielleicht suchen sie etwas.« Falls das stimmte, würden sie nicht aufgeben, bis sie es gefunden hatten.

»Kann sein. Aber keine Sorge, ich passe auf. Und wenn du Angst bekommst, klopf einfach an die Tür.«

»Ich danke dir.«

»Dürfte ich dich trotzdem bitten, niemandem zu verraten, dass ich hier bin?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Natürlich, wem auch?«

»Zum Beispiel Juliet. Du weißt schon.«

»Verstehe. In Ordnung.«

»Es ist nicht für immer, und irgendwann schicke ich die ganzen Papiere an ein Museum oder eine Bibliothek.«

Libby hätte gern gefragt, weshalb er als Hausbesetzer in einem Leuchtturm wohnte, unterließ es aber. »Dein Geheimnis ist bei mir sicher.«


In dieser Nacht träumte sie, sie wäre auf einem Schiff. Die Wellen schlugen so hoch, dass ihr übel wurde, und sie war davon überzeugt, dass Mark im Wasser trieb und von ihr gerettet werden musste. Doch wann immer sie sich der Seite des Schiffes näherte und das Rettungsboot herunterlassen wollte, baute sich eine gewaltige Welle auf und warf sie wieder nach hinten, bis das Deck fast senkrecht stand und sie sich mit schmerzenden Fingerspitzen daran entlanghangeln musste.

Mitten in der Nacht erwachte sie von ihrem eigenen Schluchzen. In der Ferne das Rauschen des Meeres, Leere in ihrer Brust. Mark war ihr längst entglitten.



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