Isabella stolpert hinter Matthew durch den Busch. Sie erinnert sich voller Entsetzen an ihre letzte Wanderung durch die feindselige australische Landschaft. Seither hat sich vieles verändert, aber sie hat immer noch Angst. Sie folgen dem Meer zu ihrer Linken und lassen sich vom Geräusch des Ozeans nach Süden führen. In wenigen Stunden werden sie zum Fluss gelangen, dem sie ins Landesinnere bis zur Anlegestelle folgen können. Sie ist schon müde, kämpft sich aber weiter. Wenn sie das nächste Mal an einen Bach kommen, wird sie darauf bestehen, etwas zu trinken. Die Schwüle erschöpft sie. Der ohrenbetäubende Lärm der Zikaden hämmert in ihrem Kopf. Schweiß sammelt sich auf ihrer Stirn und unter den Brüsten.
»Geht es dir gut?«, ruft Matthew über die Schulter. Er bricht Zweige ab und schiebt Äste beiseite, um ihr den Weg zu bahnen.
»Ich bin müde.«
»Nur noch ein paar Stunden.«
»Es ist so heiß.«
»Komm, wir gehen ein bisschen näher ans Wasser.« Er ändert leicht die Richtung, und sie folgt ihm, bleibt aber im Schutz der Büsche. Das Geräusch des Meeres wird lauter, und der Wind trocknet den Schweiß auf ihrer Haut.
»Da vorn ist ein Bach«, ruft er. »Dort werden wir eine Pause machen.«
Dankbar lässt sie sich am Rand des Wassers zu Boden sinken und schöpft die kühle Flüssigkeit in ihren Mund. Sie schmeckt nach Erde und Gras, Isabella trinkt sie dennoch.
Matthew setzt sich neben sie und trinkt ebenfalls. Dann schaut er sie an. »Kannst du weitergehen?«
»Noch nicht.«
»Wenn wir erst in Tewantin sind, werde ich mich sicherer fühlen. Der Schaufelraddampfer könnte sogar schon vor Anker liegen. Wir können sofort in unsere Kojen gehen und uns dort ausruhen und verstecken.«
»Lass mich bitte noch ein bisschen rasten. Das Baby macht mich müde.«
Er nickt zustimmend, und sie sitzt zwischen den Büschen und holt tief Luft. Er geht um sie herum, ist unruhig, will wieder aufbrechen. Sie schließt die Augen und versucht, es zu verdrängen.
»Wirst du das Meer vermissen?«, fragt sie.
Er schweigt einen Moment und sagt dann: »Vermutlich schon. Daran habe ich noch gar nicht gedacht.« Sie hört, dass er endlich stehen geblieben ist. »Ich bin seit zwanzig Jahren mit dem Geräusch des Meeres in den Ohren eingeschlafen. Als wir in Brisbane waren, kam mir die Welt unnatürlich still vor. Ich nehme an, daran muss ich mich gewöhnen.«
Sie öffnet die Augen. Er steht da, seine Umrisse zeichnen sich vor der Sonne ab. Er hat sich von ihr abgewandt und schaut über den Bach zum Ozean.
»Tut mir leid, dass ich dich von hier weghole.«
Er dreht sich um und lächelt. »Du bringst mich an einen Ort, von dem ich nie geträumt habe. In ein Leben mit einer liebenden Frau und Kindern. Eine neue Stadt. Eine neue Welt …« Die Gefühle überwältigen ihn, er kann nicht weitersprechen.
Sie steht auf und geht zu ihm, legt den Arm um seine Taille. »Siehst du? Jetzt bin ich bereit, weiterzugehen. In diese glückliche neue Welt.«
Er hebt den Koffer auf, und sie waten gemeinsam durch den Bach. Ihre Schuhe sind ohnehin durchweicht, also ist es egal, und dann wandern sie weiter nach Süden.
Die Mittagszeit naht, die Sonne wird warm. Wann immer sie kann, huscht Isabella in den Schatten, aber ihre Haut brennt dennoch. Sie trägt einen Hut, um ihr Gesicht zu schützen, hat aber die Ärmel aufgerollt, um den Wind zu spüren, und sieht, dass ihre Hände und Unterarme sich rosa färben. Ihr Magen knurrt, und sie sammelt Beeren und andere essbare Pflanzen. Sie knabbern etwas, während sie langsamer weitergehen, und sie erzählt Matthew von ihrer Wanderung über den Strand nach dem Untergang des Schiffs. Es scheint ein ganzes Leben her zu sein, ein Trauma, das jemand anderem zugestoßen ist. Aber das ist es nicht, es ist ihr zugestoßen. Und wenn sie das überlebt hat, wird sie auch diese kurze Wanderung überleben. Der Gedanke verleiht ihr neue Kraft und Zuversicht, und sie beschleunigt ihre Schritte. Sie kommen schnell voran in Richtung Noosa River.
***
Als sie das nächste Mal stehen bleiben, muss Matthew sich ausruhen, weil er einen Stein im Stiefel hat. Er setzt sich auf den Boden und zieht beide Schuhe aus, um sie auszuschütteln, dann lehnt er sich kurz zurück, um Atem zu schöpfen. Isabella bleibt stehen und fächelt sich mit den nutzlos gewordenen Fahrkarten von Mooloolah Heads nach Sydney Luft zu. Sie sind nicht mehr weit vom Ziel entfernt. Seit einer Stunde folgen sie dem Fluss ins Landesinnere. Die Vegetation verändert sich, wird dicht und dunkelgrün, sie müssen über Farnbüschel steigen, es riecht scharf nach Eukalyptus. Das andere Ufer, das für den Ackerbau gerodet wurde, backt in der heißen Sonne. Bald werden sie die Anlegestelle sehen. Sie fühlt sich plötzlich leicht und glücklich, als könne sie den Rest des Weges rennen.
Matthew steht auf und reckt sich, will sie umarmen, fährt dann aber mit einem Schmerzensschrei zusammen.
»Was ist los?« Die Angst schießt heiß unter ihre Rippen.
Er fällt auf den Boden und umklammert sein Bein. »Schlange«, stößt er keuchend hervor.
Sie kniet sich neben ihn und kann gerade noch sehen, wie ein dunkler Umriss ins Unterholz gleitet. »Was sollen wir machen? Ist sie giftig?«
»Keine Ahnung. Ich …« Sein Gesicht ist weiß vor Angst.
»Lass mal sehen.«
Er nimmt die Hände weg, und sie kann zwei deutliche Bissspuren am Knöchel sehen, knapp über dem Knochen. »Oh Gott, Matthew. Was sollen wir tun? Was sollen wir tun?«
»Such ein paar lange Ranken oder Grashalme. Wir müssen es abbinden.«
Sie springt auf und läuft mit unsicheren Schritten am Flussufer entlang. Sie reißt zwei grüne Ranken von einem Baum und kommt zurück. Er hat sein Federmesser aus der Tasche geholt und bringt zwei Schnitte oberhalb der Bissspuren an. Blut quillt hervor. Auf seine Anweisung hin bindet sie eine Ranke knapp unter sein Knie und eine knapp darüber.
»Fester«, sagt er mit zusammengebissenen Zähnen.
Sie zieht fester. Sein Knie färbt sich dunkelrot.
»Isabella«, er legt ihr sanft, aber entschlossen die Hand auf den Hinterkopf, »du musst das Gift heraussaugen.«
»Das Gift …? Wie?«
»Mit dem Mund. Ich komme nicht an den Knöchel. Du musst es tun. Und zwar schnell.«
Ihr Herz hämmert. Sie ist sicher, dass sie etwas falsch machen wird und ihn nicht retten kann. Sie kauert sich neben ihn und legt ihren Mund über die Bissstelle. Seine Haut schmeckt nach Salz und Erde, aber der metallische Geschmack von Blut überlagert alles andere. Sie drückt die Lippen darauf und saugt, so fest sie kann. Ihr Mund füllt sich mit Blut, ihr Magen dreht sich um.
»Spuck es aus«, drängt er. »Nicht schlucken.«
Sie spuckt aus, legt den Mund wieder darüber und saugt weiter, spuckt erneut. Da sie nicht weiß, was sie als Nächstes machen soll, fährt sie damit fort, bis er ihr leicht auf den Kopf klopft. »Hör jetzt auf.«
»Kannst du laufen?«
»Es ist ja nicht weit. Verdammt. Im Leuchtturm habe ich eine Notfallausrüstung für Schlangenbisse. Warum habe ich die nicht mitgenommen?«
»Weil du nicht erwartet hast, dass wir in den Wald gehen.« Sie lässt den Kopf hängen und wird rot. »Es ist meine Schuld.«
Er greift mit kalten Fingern nach ihrem Handgelenk. »Nichts davon ist deine Schuld.«
»Musst du sterben?« Ihre Augen füllen sich mit Tränen.
Er schüttelt den Kopf. »Ich weigere mich zu sterben.« Er lächelt, aber sein Gesicht ist angespannt. »Doch ich werde vermutlich krank.«
»Kannst du noch gehen?«
Sein Blick wandert zur Seite. »Nein. Ich habe nicht gesehen, was für eine Schlange es war. Es gibt verschiedene hier in der Gegend. Manche sind giftiger als andere, ich muss mich jetzt ruhig verhalten. Du musst alleine nach Tewantin gehen und Hilfe holen. Karbolsäure. Ich muss sie in die Wunde gießen.«
Die Vorstellung, ihn allein und verletzt zurückzulassen, ist unerträglich. Der nächste Gedanke, nämlich den Dampfer zu verpassen oder ohne Matthew an Bord zu gehen, ist noch schlimmer.
»Ich gehe. Karbolsäure.«
»Frag im Royal Mail Hotel nach. Frag irgendjemanden. Es muss kein Arzt sein. In dieser Gegend dürften die meisten Leute für Schlangenbisse gerüstet sein.«
Sie steht auf. »Ich bin bald zurück, mein Liebster.« Dann läuft sie los.
Zum Glück ist es am Fluss schattiger. Sie läuft und geht im Wechsel. Ihr Herz ist im Bachbett bei Matthew, doch ihr Verstand bleibt klar und konzentriert. Hinter der nächsten Biegung kann sie Stimmen hören. Zwei Männer in Hemdsärmeln sitzen in einem flachen Fischerboot.
»Sie da! Sie da!« Sie winkt ihnen zu. Dann legt sie einen letzten verzweifelten Sprint hin und rennt zum Rand des Wassers hinunter. »Sie da!« Diesmal drehen sie sich um. »Ich brauche Hilfe. Mein Freund wurde von einer Schlange gebissen!«
Der Mann an den Rudern zögert nicht lange, wendet das Boot und steuert auf sie zu.
»Vielen Dank«, sagt Isabella, als sie näher kommen. Sie bemerkt, dass die beiden Männer Chinesen sind, vermutlich von den Goldfeldern. »Können Sie mich in die Stadt bringen? Ich brauche eine Ausrüstung, um einen Schlangenbiss zu behandeln. Bitte!«
»Nicht nötig«, sagt der erste Mann und packt seine Angelrute weg. »Wir helfen. Sie zeigen uns den Weg zu Ihrem Freund.« Er streckt die Hand aus, und sie greift danach und steigt ins Boot.
»Dort entlang«, sagt sie und deutet den Fluss hinunter. »Es ist nicht weit.«
Sie sprechen in ihrem fremdländischen, näselnden Singsang miteinander, und Isabella hält stetig Ausschau nach dem Baum, von dem sie die Ranken gerissen hat. Einige Minuten später entdeckt sie ihn. »Da drüben!« Die Männer rudern ans Ufer.
Während sie das Boot an Land ziehen, läuft Isabella so schnell wie möglich zu Matthew. Er hat die Augen geschlossen, öffnet sie aber, als er sie hört.
»Isabella? So schnell?«
»Ich habe Hilfe gefunden«, keucht sie. Die Chinesen nähern sich. Einer trägt einen kleinen Stoffbeutel über der Schulter, der andere einen Suppentopf.
»Karbolsäure?«, fragt Matthew mit flehendem Blick.
Der größere Mann schüttelt den Kopf und klopft auf seine Tasche, bevor er ein Wort auf Chinesisch sagt.
Matthew setzt sich mühsam auf. »Nein, nein. Ich brauche Karbolsäure. Ich brauche …«
Der andere Mann legt ihm die Hand auf die Schulter. »Das ist altes chinesisches Heilmittel. Wir haben es mit nach Australien gebracht. Sie vertrauen uns.«
Isabella schaut von Matthew zu den Männern, Zweifel stehlen sich in ihr Herz. Hat sie es falsch gemacht? Jetzt ist es zu spät. Sie sind hier. Sie machen Feuer und hängen den Suppentopf darüber, kochen Wasser und geben getrocknete Kräuter dazu, während Matthew mit geschlossenen Augen auf ihren Schoß gebettet daliegt.
»Wo gehen Sie hin?«, fragt der größere Mann und deutet auf den Koffer.
»Wir müssen heute Abend den Dampfer bekommen. Wird er gesund genug, um zu fahren?«
»Nein.«
»Wir müssen aber fahren. Wir müssen heute aufbrechen.«
»Dann, ja. Aber Sie halten ihn still und ruhig. Er wird einige Tage krank sein.«
Der andere Mann rührt im Topf. »Wir bringen Sie nach Tewantin. Nicht mehr laufen. Still und ruhig.«
Isabella nickt. Still und ruhig. Der Geruch der kochenden Kräuter ist prickelnd und moschusartig. Matthew ist sehr blass. Sie streichelt ihm übers Haar.
Schließlich gießen sie die Medizin in eine Tasse, lassen sie abkühlen und bieten sie Matthew an. Er setzt sich auf und trinkt langsam.
»Sie trinken alles«, sagt der kleinere Mann. »Dann bringen wir Sie zur Anlegestelle.«
Matthew schaut die beiden skeptisch an, holt tief Luft und trinkt die Tasse aus. Sie füllen sie nach, und er leert sie noch einmal. Er verzieht das Gesicht.
»So. Aufstehen«, sagt der größere Mann und hebt den Koffer hoch.
Isabella hilft Matthew auf die Füße. Sie spürt seine Größe, sein Gewicht. Dann richtet er sich schwankend auf und folgt den Männern zum Boot hinunter.
Der Fluss ist glatt und ruhig, er gleitet förmlich unter den rudernden Männern dahin. Was jetzt, denkt Isabella. Was jetzt?
Percy wartet. Er hat seine Taschenuhr nicht dabei, geht aber davon aus, dass es bereits nach zehn ist. Er sitzt auf einem Baumstamm, aus dem man eine Bank geschnitzt hat, und ärgert sich über die Hitze und die Warterei.
Der Mann, der den Wagen vermietet, schaut sich gereizt um. »Unpünktlichkeit passt gar nicht zu Seaward.«
Allmählich dämmert es Percy, dass sie nicht kommen werden. Sie vermuten, dass er auf sie wartet, und verstecken sich in dem alptraumhaften Wald. Er verflucht sie.
Er drehte sich zu dem Mann und fragt: »Wie weit ist es bis Mooloolah?«
»Etwa vierzig Meilen.«
»Gibt es irgendeinen anderen Weg dorthin?«
»Nein, Sir. Außer man geht zu Fuß.«
Würden sie vierzig Meilen laufen, um das Schiff nach Sydney zu erreichen? Vermutlich schon. Nach dem Schiffbruch muss Isabella sogar an die fünfzig Meilen gegangen sein.
»Er wird bald kommen, Sir, ganz sicher.«
Je länger er wartet, desto weiter werden sie sich entfernen. Doch wenn er jetzt aufbricht, kann er ihnen so oder so zuvorkommen. Er kann eine Suchmeldung herausgeben.
Percy erhebt sich und geht auf und ab. Seine Augen schmerzen vor Müdigkeit. Schließlich wendet er sich an den Mann. »Ich nehme meinen eigenen Wagen. Ich werde sie dort abpassen. Sagen Sie Seaward nichts davon. Erwähnen Sie mich gar nicht.«
»Auf keinen Fall, Sir.«
Percy hebt warnend den Finger, dreht sich um und läuft zurück zu seinem wartenden Wagen.
Ein Stück weiter südlich hält der Kutscher an, um die Pferde zu tränken. Percy vertritt sich die Beine, funkelt wütend die ungepflasterte Straße und die flache, gelb-grüne Landschaft an. Er hat nichts zu essen, will aber nicht an einem Hotel anhalten. Seaward und Isabella könnten ihn sonst doch noch mit ihrem gemieteten Wagen überholen.
»Haben Sie etwas zu essen dabei?«
Der Kutscher schüttelt den Kopf.
»Egal«, murmelt Percy. »Ich kann essen, wenn wir da sind.«
»Verabschieden Sie sich von jemandem an der Anlegestelle?« Der Kutscher hat Percy seit Brisbane auf seiner Reise begleitet und wird allmählich neugierig, weil sie ständig von einem Ort zum nächsten fahren.
»Ich hoffe, dort zwei Leute zu treffen. Sie sind zu Fuß unterwegs.«
Der Kutscher lacht. »Von Lighthouse Bay aus? Das ist unwahrscheinlich, Sir.«
»Sie sind verzweifelt. Sie wollen mir um jeden Preis aus dem Weg gehen. Das wird eine nette Überraschung.« Er lächelt, und der Kutscher zuckt kaum merklich zusammen.
»Der nächste Hafen für Lighthouse Bay ist Tewantin. Niemand, der noch bei Verstand ist, läuft zu Fuß nach Mooloolah. Der Dampfer nach Brisbane fährt heute Abend von Tewantin ab.«
Ein Stromstoß durchzuckt Percy. Was für ein Idiot er doch gewesen ist. Die Küstenstädte bilden eine Kette. Sie sind durch ihre Häfen und Telegrafenstationen miteinander verbunden und klammern sich an die feuchtheißen Ränder einer gewaltigen Wüste. Natürlich würden sich die beiden zum nächsten Hafen begeben. Hätte er nur schon früher gefragt, wo der sich befindet.
»Wie weit ist es nach Tewantin? Sind wir bald da?«
»Wir hätten vor einer Stunde abbiegen müssen.«
Percy tritt gegen das Rad der Kutsche, schreit wütend auf, als der Schmerz durch seinen Fuß zuckt. »Gut, gut. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Zurück auf die Straße. Nach Tewantin, zum Hafen. So schnell Sie können.«
»Recht so, Sir.«
Percy steigt wieder ein, sein Bauch kribbelt. Zum ersten Mal fürchtet er, sie könnten ihm tatsächlich entwischen.
Die Plover liegt noch nicht an der Anlegestelle, daher setzen sich Isabella und Matthew auf eine geschnitzte Holzbank im Schatten einer alten, weißgetünchten Sägemühle. Der Koffer steht vor ihren Füßen. Matthew fühlt sich nicht wohl, aber es ist immerhin nicht schlimmer geworden, und Isabella erlaubt sich die Hoffnung, dass er sich wieder erholt. Wenn nur der Dampfer endlich käme. Sie hat im Ort die letzten beiden Fahrkarten für den Salon gekauft und dreht sie wieder und wieder in den Händen, als würde so die Zeit schneller vergehen. Sie spielt ein Spiel mit sich: Wenn sie zwei Minuten wegschaut, wird sie danach den Dampfer in der Ferne sehen, wie er sich flussaufwärts arbeitet. Doch das Spiel funktioniert nicht, weil sie unaufhörlich zum Horizont blickt.
Sie steht auf und geht auf und ab. Über die grob bearbeiteten Bretter bis an den Rand des Flusses. Zurück zu ihrer Bank. Sie berührt die Wand der Sägemühle. Geht wieder zum Wasser. Sie zählt ihre Schritte. Alle hundert Schritte bleibt sie stehen und schaut flussabwärts. Geht weiter. Ein starker Wind kommt auf und raschelt in den oberen Ästen der großen Eukalyptusbäume, die hinter der Anlegestelle wachsen. Krähen und Möwen flattern erschrocken auf.
Matthew beobachtet sie, wobei ein Lächeln um seine Lippen spielt. »Keine Sorge. Wenn die Schlange uns nicht abgehalten hat, wird uns auch nichts anderes abhalten.«
»Ich wäre nur froh, wenn wir schon unterwegs wären.«
»Ich weiß.« Er will aufstehen, doch sie eilt zu ihm und drückt ihn wieder hinunter.
»Still und ruhig.«
Sie kehrt wieder in die Mitte der Anlegestelle zurück. Drei Leute sind dazugekommen, Männer mit Karten fürs Deck. Sie fühlt sich ein bisschen sicherer. Sie dreht sich um und schaut zur Straße hinüber.
Dann erstarrt sie.
In Sekundenschnelle hat sie den Koffer in der Hand und zieht Matthew von der Bank.
»Was ist los?«, keucht er.
»Percy.« Sie ducken sich zwischen zwei hölzerne Gebäude. Das eine ist die Sägemühle, sie ist verlassen, die Tür hängt schief in den Angeln. Sie stößt sie auf und zieht Matthew hinein. Drinnen ist es kühl und dunkel, es riecht nach Sägemehl und Öl. In den Dachbalken, gleich neben den hohen, schmutzigen Fenstern, nisten Tauben.
»Bist du dir sicher?«
»Ich habe gesehen, wie er auf der Straße aus einer Kutsche gestiegen ist. Er hat mich nicht bemerkt. Oh Gott, wie hat er uns bloß so schnell gefunden?« Ihr Herz hämmert.
Matthew schüttelt den Kopf und stellt sich an die Tür, um sie zu bewachen. »Schlussfolgerung, nehme ich an. Der nächste Hafen. Es war das logische Ziel.«
»Warum sind wir dann hergekommen?« Sie sinkt auf die Knie und rauft sich die Haare. »Jetzt wird er draußen warten und hoffen, dass er uns erwischt. Und er wird uns erwischen, wenn wir an Bord gehen.«
Dann ist Matthew da und zieht sie auf die Füße. Ihr fällt ein, dass er krank ist, und sie schüttelt ihr Selbstmitleid ab.
»Lass uns hier warten. Der Dampfer fährt erst in zwei Stunden«, sagt er.
Sie sucht den Raum mit den Augen ab. Maschinen, verstaubt und für immer stehengeblieben. Räder mit Treibriemen, Pumpen, Seile und Ketten. Ihr Auge fällt auf eine hohe Plattform, und sie führt Matthew hin, damit er sich auf die unterste Treppenstufe setzen kann. Sie selbst steigt auf die Plattform, weil sie gesehen hat, dass ein Streifen Tageslicht durch einen Spalt zwischen den Brettern fällt.
Isabella kniet sich hin und drückt das linke Auge an den Spalt. So hat sie einen Blick auf die Anlegestelle. Sie hält die Luft an, als Percy vorbeigeht. Kurz darauf kommt er zurück und läuft auf und ab.
Sie setzt sich wieder zu Matthew. »Er wartet ganz sicher auf uns.«
»Lass mich überlegen.«
Sie kehrt wieder zu dem Spalt zurück. Da ist er, in seiner gelben Weste, geht langsam hin und her. Weitere Passagiere sammeln sich am Ufer. Sie weiß, dass Percy jedes einzelne Gesicht betrachten und nach ihr suchen wird. Und dann …
»Was kann er dir eigentlich tun?«, fragt Matthew, als hätte er ihre Gedanken gelesen.
Isabella steht auf und setzt sich zu ihm. »Er würde mich der Polizei übergeben.«
»Warum hat er sie dann noch nicht gerufen? Warum hat er keine Polizisten bei sich?«
»Weil er mich zuerst für sich allein haben will.« Sie sieht die hilflose Verzweiflung in Matthews Gesicht und lässt den Kopf sinken. Ihre Wangen färben sich flammend rot, als sie sich erinnert, welche Freiheiten er sich sogar in ihrem eigenen Haus herausgenommen hat. »Werde ich gehängt, weil ich den Amtsstab gestohlen habe?« Zum ersten Mal gesteht sie, dass es sich um Diebstahl handelt. Bis jetzt, bis zu diesem Augenblick der Abrechnung, war er für sie nur ein Gegenstand, den jemand verloren und den sie behalten hat.
Er antwortet nicht, und sie fragt sich, ob er es nicht weiß oder es ihr nicht sagen will.
Dann hören sie in der Ferne das Signal des Dampfers.
»Er kommt«, haucht Isabella.
Matthew stützt die Ellbogen auf die Knie und lässt den Kopf in die Hände sinken. Sie warten in der stillen Mühle, während das Geräusch des Dampfers sich nähert. Isabella kehrt zu ihrem Ausguck zurück und sieht zu, wie das Schiff anlegt, die Passagiere aussteigen, Vorräte ein- und ausgeladen werden. Die Menge zerstreut sich ein wenig; viele haben auf Freunde gewartet. Das Löschen der Fracht dauert ewig, und Percy läuft umher, die Augen auf die Straße gerichtet, er wartet auf sie.
***
Als der Nachmittag kühler wird und die Schatten länger werden, beginnt er an sich zu zweifeln. Er hat Stunde um Stunde gewartet. Er könnte schon viel weiter sein, unterwegs nach Mooloolah. Sind sie vielleicht dort? Oder immer noch draußen im Busch? Vielleicht sind sie von der Hand Eingeborener oder an den Bissen wilder Hunde gestorben. Der Gedanke bereitet ihm keine Freude. Er will sie mit seinen eigenen Händen in Stücke reißen. Ein stiller Tod in der Wildnis ist keine Rache. Und er will den Amtsstab zurück. Wenn er irgendwo im Busch verlorengegangen ist, wird er ihn nie wiederfinden.
Ein Schmerz durchzuckt seinen Kopf. Noch nie war er so unsicher, und das macht ihn wütend. Warum musste Arthur auch sterben? Er läuft weiter auf und ab, ballt die Fäuste und löst sie wieder, hält Ausschau nach Isabellas blondem Haar.
Als es dämmert, gehen die Passagiere an Bord. Zuerst die mit Salonfahrkarten, vor allem Herren in gut geschnittenen Anzügen, aber auch die ein oder andere Ehefrau oder Tochter mit breitkrempigem Hut und maßgeschneidertem Mantel. Isabella läuft in der Sägemühle hin und her, während Matthew still und ruhig und sehr blass auf seiner Stufe sitzt.
»Uns rennt die Zeit davon«, sagt sie. »Wann geht der nächste Dampfer nach Brisbane?«
»In einer Woche.«
Matthew steht auf.
»Was machst du da?«
»Ich werde das jetzt beenden.«
Ihr Magen zieht sich zusammen. »Wie meinst du das?«
Das Signal ertönt. Ein Bootsmann läuft an der Anlegestelle auf und ab und läutet eine Glocke. »Alle an Bord, die an Bord wollen!«
Panik ergreift sie. »Das ist es. Der letzte Aufruf.«
Er hebt den Koffer auf. Sie eilt die Stufen hinunter. »Was hast du vor? Du gehst jetzt nicht da raus.«
Er reicht ihr den Koffer. »Nein. Aber du.«
»Was?«
»Geh an Bord. Ich werde versuchen, zu dir zu kommen, aber warte nicht auf mich. Geh in deine Koje, bleib für dich und pass auf unser Baby auf.« Er schluckt mühsam. »Ich werde Percy lange genug ablenken.«
Ihr Herz fühlt sich an, als müsse es bersten. »Nein, Matthew, bitte nicht. Bring dich nicht in Gefahr.«
»Ich habe immer noch die Hoffnung, zu dir zu kommen.«
»Aber wie?«
Er umfasst sanft ihr Kinn, seine Finger liegen fest und warm auf ihrem Gesicht. »Was du auch hörst, geh an Bord. Verstehst du mich? Egal, was du hörst.«
Sein Blick hält sie gefangen. Ihr Mund zittert. Sie schluchzt einmal auf.
»Verstehst du mich?«, fragt er noch einmal.
»Ja. Ja, Matthew.«
Er deutet zur Tür, bevor er kurz nickt. Dann begibt er sich zur Hintertür der Sägemühle. Sie ist abgeschlossen. Er nimmt ein Metallstück vom Boden und hebelt sie damit auf. Sie gibt nach.
Matthew dreht sich um und zeigt noch einmal auf die Tür. Sie prägt sich sein Gesicht ein und wendet sich ab.
Sie bleibt in dem dunklen Durchgang zwischen Sägemühle und Lagerhaus stehen und schaut um die Ecke. Die Gaslaternen an der Anlegestelle brennen inzwischen. Nur zwei Leute eilen zum Landungssteg. Percy in seiner gelben Weste steht genau davor, die Augen auf die Straße gerichtet.
Dann hört sie, wie jemand ihren Namen ruft.
»Isabella! Komm schon, Isabella! Der Dampfer legt gleich ab!«
Zuerst ist sie verwirrt, weil es Matthews Stimme ist. Er ruft sie von der Straße aus, hat ihr den Rücken zugewandt, als wäre sie irgendwo da draußen. Blitzartig kommt ihr der Gedanke, dass das Schlangengift seinen Verstand angegriffen hat, doch dann erwacht sie zum Leben und rennt in Richtung Straße. Sie weiß, was sie zu tun hat.
Sie berührt einmal ihren Bauch. »Komm, Kleines.« Sie eilt über den Laufsteg und hält ihre Fahrkarte hoch.
»Nach unten in den Salon, Ma‘am«, sagt der Bootsmann.
»Es kommt noch ein Herr. Ein großer Herr mit einem Bart. Hier ist seine Fahrkarte.« Sie zeigt sie vor. »Er wird kommen. Ich weiß …« Die Hoffnungslosigkeit schnürt ihr die Kehle zu.
»Ich halte Ausschau nach ihm, Ma‘am. Machen Sie es sich bequem.«
Sie kann nicht hier draußen auf ihn warten, Percy könnte sie entdecken. Sie geht mit ihrem Koffer die Treppe hinunter zu den Kojen. Dort verstaut sie ihn an einem Ende, setzt sich aufs Bett und wartet mit offenen Augen, hofft das Beste, fürchtet aber das Schlimmste.
***
Isabella kann ihr Herz klopfen hören. Poch, poch, poch. Es ist sehr still in der Koje. Die Geräusche des Dampfers, die Stimmen aus dem Salon, alles gedämpft durch Bettzeug und Vorhänge.
Poch, poch, poch.
Hat er es geschafft? Falls ja, müsste er doch schon hier sein.
Poch, poch, poch.
Tief in ihrem Inneren erklingt ein anderer Herzschlag. Matthews Kind. Wenn es aufwächst, wird es alles über seinen Vater erfahren, sie wird es die Werte lehren, die Matthew so wichtig sind: Treue, Geduld, Weisheit. Sie unterdrückt die Tränen. Sie hat immer gewusst, dass sie ihn verlieren wird.
Mit einem Ruck setzt sich der Dampfer in Bewegung. Sie keucht und schließt die Augen. Sie ist unterwegs. Nach Brisbane und von dort aus nach Sydney. Von Sydney nach New York. Die langen, offenen Meilen. Allein.
Dann hört sie Schritte. Sie spannt alle Muskeln an. Matthew? Percy? Sie drängt sich in die Ecke ihrer Koje.
Dann eine leise Stimme: »Isabella?«
Sie setzt sich auf und stößt sich den Kopf. »Matthew?« Sie schiebt den Vorhang beiseite, und da ist er, hinkend, aber greifbar und wirklich.
Sie streckt die Arme aus und zieht ihn fest an sich.
»Ich muss mich hinlegen«, keucht er.
»Natürlich, natürlich. Hier ist deine Koje.«
Er legt sich hin, während sie sich um ihn herum zu schaffen macht. Vor Erleichterung hat sie weiche Knie. Er schließt die Augen.
»Was ist passiert?«
»Ich habe einen Baumstamm nach ihm geworfen. Als ich an Bord rannte, lag Percy noch hinter einem der Lagerhäuser auf dem Boden.« Er stöhnt leise. »Ich muss mich ausruhen. Die Wunde tut weh.«
»Ich hole den Schiffsarzt.«
Doch er ergreift sanft ihr Handgelenk und zieht sie zu sich. »Nicht jetzt. Bald. Halte mich noch einen Augenblick fest.«
Also beugt sie sich über ihn, versinkt in ihm, drückt ihr Gesicht an seinen Hals. Sie kann seinen Herzschlag hören.
Seinen und ihren Herzschlag und den winzigen, unhörbaren, der sie bis zu ihrem Tod verbinden wird.
Der Fluss gleitet unter ihnen dahin und trägt sie in die Zukunft.
Als Percy schließlich auf die Füße kommt, tut sein Kopf weh. Furchtbar weh. Sein Gehirn fühlt sich an, als würde es sich heiß gegen seinen zu engen Schädel pressen. Sind sie auf dem Boot? Oder in die Stadt gelaufen? Er versucht, dem Dampfer hinterherzuschauen, doch ihm verschwimmt alles vor den Augen, er sieht doppelt. Er kann nicht klar denken. Der Schmerz brennt in allen Gehirnwindungen. Er muss sich hinlegen, damit er nachdenken und die nächsten Schritte planen kann. Er stolpert von der Anlegestelle weg, umklammert seinen Schädel. Sein Körper schmerzt und ist bleischwer, als laste das Jüngste Gericht auf ihm.