Vierundzwanzig



Die klappernde, von Pferden gezogene Straßenbahn setzt Isabella und Matthew vor dem Bellevue Hotel in der George Street ab. Es steht am Rand eines weitläufigen Parks, genau gegenüber vom Parlament, und ist aus Ziegeln erbaut, mit breiten Veranden und schmiedeeisernen Verzierungen. Sie hält Matthews Hand fest umklammert, denn sie merkt, dass er überwältigt ist, es aber nicht zugeben will. Sie drückt seine Finger, doch er erwidert den Druck nicht; er fühlt sich noch immer nicht wohl dabei, seine Zuneigung so offen zu zeigen. Mehr noch, er hat keinen Spaß daran, sich in einer geschäftigen Stadt zu bewegen, in der Isabella von so vielen Augen gesehen werden kann. Der Geist von Percy Winterbourne ist allgegenwärtig. Gewiss denkt auch sie an ihn, will sich aber nicht einschüchtern lassen.

Sie muss den Schmuck verkaufen, wenn sie von hier wegwill.

Die Eingangshalle ist groß und belebt, an den Wänden reihen sich Podeste mit steinernen Urnen. Isabella kann in den baumbestandenen Innenhof blicken. Links von der Rezeption führt eine große Doppeltür in den Speisesaal, und sie fragt sich, ob dort Lady McAuliffes Frühlingsball stattfinden wird. Das weißgekleidete Personal eilt geschäftig um die Tische mit den gestärkten weißen Tischtüchern. Isabella und Matthew tragen sich an der Rezeption ein und lassen ihr Gepäck zum Aufzug bringen. Dann steigen sie die breite Treppe zu ihrer Suite hinauf.

Matthew entspannt sich sichtlich, als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hat und sie allein sind. Er nimmt den Hut ab und hält ihn mit gekreuzten Armen vor der Brust. »Und deine Freundin Lady McAuliffe hat für all das hier bezahlt?«

»Sie ist sehr großzügig. Und auch sehr reich.« Isabella streift die Handschuhe ab und legt sie auf den Esstisch. Die Möbel sind aus dunkel gemasertem Zedernholz. Die Tür zur Veranda wird von zwei Polstersesseln ohne Armlehnen flankiert. An einer Wand mit Flocktapete steht eine Chaiselongue. Isabella öffnet eine Tür und entdeckt ein Himmelbett und einen Toilettentisch aus Zedernholz mit Klappspiegeln. Sie tritt in das Zimmer und öffnet die schweren Vorhänge, die den Blick über die Baumkronen freigeben. Sie kennt diese Art von Luxus, er ist ihr zur zweiten Natur geworden.

Matthew steht an der Tür. »Wir haben jeweils ein eigenes Zimmer. Ich habe meins gerade entdeckt.«

Sie umschlingt seine Taille. »Nichts wird mich daran hindern, die ganze Nacht bei dir zu schlafen, mein Liebster.«

Er lächelt schüchtern und sagt leise: »Ich bin so viele Menschen nicht gewohnt. Vielleicht sind Gäste im Nebenzimmer.«

»Die kennen uns nicht und werden sich auch nicht für das interessieren, was wir tun«, sagt sie beruhigend. »Komm mit.«

Sie führt ihn auf die Veranda, wo zwei Schaukelstühle aus Rohr mit Blick auf den breiten, trägen Fluss aufgestellt sind. Matthew fährt mit den Fingern über die schmiedeeisernen Verzierungen, während Isabella sich hinsetzt und schaukelt. »Ist das nicht herrlich?«, haucht sie.

»Zu herrlich für mich.«

Als es an die Tür klopft, zuckt er zusammen. Isabella lacht und berührt flüchtig seine Hand. »Du machst dir zu große Sorgen, Liebster. Das ist gewiss Berenice.« Sie geht hinein und öffnet die schwere Holztür. In der Tat steht Berenice in einem seidenen Teekleid davor. Sie umarmt Isabella herzlich, lässt sie dann los und tritt beiseite, um Matthew zu betrachten, der sich schüchtern im Hintergrund hält. Er ist nicht an Gesellschaft gewöhnt und schon gar nicht an den üppigen Komfort, der ihn hier umgibt. Er wirkt fehl am Platz. Zum ersten Mal bemerkt Isabella, dass sein Bart geschnitten werden muss. Sie spürt einen so scharfen, tiefen Schmerz, dass er ihr fast den Atem raubt.

»Berenice, ich möchte Ihnen gerne meinen Freund Mr. Matthew Seaward vorstellen.«

Falls Berenice sein Unbehagen bemerkt, ignoriert sie es und schüttelt ihm stattdessen herzlich die Hand. »Es ist mir eine Freude, Mr. Seaward.«

»Und es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen, Lady McAuliffe.«

Sie winkt den Titel mit ihrem Gehstock beiseite. »Ach was. Berenice reicht völlig. Und was ist Ihr Beruf, Mr. Seaward?«

»Ich bin Leuchtturmwärter und Telegrafenbeamter in Lighthouse Bay. Ich wohne seit sechs Jahren dort und diene dem Marineamt seit zwanzig Jahren.«

Sie neigt den Kopf. »Das nenne ich bewundernswerte Hingabe. Nun, ich bin mir sicher, dass Sie nicht hierbleiben und eine Stunde lang plappernde Frauen ertragen wollen, die sich Schmuckstücke anschauen. Darf ich Ihnen empfehlen, sich nach unten ins Lesezimmer zu begeben? Es ist ein sehr hübscher Raum mit Schreibtischen, und Sie können dort in aller Ruhe Zeitungen oder Journale studieren.«

Matthew lächelt, und Isabella wüsste gern, worüber er sich amüsiert. Vermutlich ist er selten in weiblicher Gesellschaft, und Berenice ist ein Original. Vielleicht jagt sie ihm auf angenehme Weise Angst ein. »Vielen Dank, Lady McAuliffe«, sagt er, fest entschlossen, den Klassenunterschied zu betonen. »Genau das werde ich tun.«

Als Matthew gegangen ist, drängt Berenice Isabella, ihr die neuen Schmuckstücke zu zeigen. Sie hat ihren kleinen Koffer während der ganzen Fahrt nicht aus den Augen gelassen. Jetzt legt sie ihn auf den Tisch und öffnet die Schließe. Berenice stößt einen Entzückensschrei aus. Sechs Broschen und drei Armbänder liegen darin. »Sie sind wunderschön, meine Liebe. Sie werden alle verkaufen. Ich habe meinen Freundinnen gesagt, sie sollen Geld mitbringen, damit sie nicht mit leeren Händen nach Hause gehen. Der Tee wird in zwanzig Minuten serviert. Sie können sich vorher frisch machen, und ich werde diese herrlichen Spielzeuge so ansprechend wie möglich herrichten.«

Isabella schlüpft mit klopfendem Herzen in ihr Schlafzimmer. Am Ende dieses Tages wird sie keinen einzigen Winterbourne-Edelstein mehr besitzen. Das kräftige Seil, das ihre Leben miteinander verbunden hat, zerfasert. Bald ist sie frei.

Sie gießt Wasser in die Schüssel auf dem Toilettentisch und spritzt es sich ins Gesicht. Es ist lange her, dass sie sich selbst im Spiegel gesehen hat, und sie ist überrascht, wie gut sie aussieht, wie rosig ihre Wangen und wie strahlend ihre Augen sind. Sie kann sich nicht daran erinnern, nach Daniels Tod jemals so gut ausgesehen zu haben. Sie war ein Schatten geworden, doch nun wächst sie wieder in alle drei Dimensionen hinein. Leise Panik: Heißt das, dass sie ihre Trauer überwunden hat? Bitte nicht. Nicht wenn es bedeutet, dass sie Daniel nicht mehr liebt.

Als es an die Tür klopft, erinnert sie sich an den Tee. Sie zupft rasch Haare und Bluse zurecht, glättet den Rock und kehrt ins Speisezimmer zurück.

Zwei junge Angestellte haben den Tee auf dem Esstisch serviert. Berenice hat einen Kartentisch auseinandergeklappt und die Broschen und Armbänder kunstvoll darauf arrangiert. Sie lächelt Isabella zu. »Sie sehen wunderschön aus, Mary.«

»Danke. Vielen Dank für Ihre Hilfe. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen das je zurückgeben kann.«

Berenice nickt. »Vielleicht sind Sie eines Tages in der Position, jemand anderem zu helfen. Dann können Sie es auf diese Weise gutmachen.«

Isabella denkt an Xavier und seine lieblose Familie. Er braucht Hilfe.

Schon eilen die Serviererinnen zur Tür und lassen eine Prozession von Damen in duftigen Kleidern herein, die Berenice allesamt kennen und lieben – oder kennen und fürchten. Sie begrüßen Isabella überschwenglich und berichten, dass sie ihre Schmuckstücke kennen und einfach »eins haben müssen«, setzen ihre Worte aber nicht gleich in die Tat um. Sie essen und klatschen und trinken Tee, manche schlendern auf die Veranda hinaus, und Isabella befürchtet schon, sie könnten ihren Schmuck vergessen haben.

Dann endlich bemerkt sie zwei Frauen am Kartentisch, die sanft miteinander streiten, weil sie beide eine Rubinbrosche zuerst entdeckt haben wollen. Die höfliche Auseinandersetzung erregt allgemeine Aufmerksamkeit, und bald hat sich eine Menge um den Kartentisch versammelt. Berenice schiebt Isabella sanft hinüber.

»Wie viel kostet dieses Armband?«, erkundigt sich eine Matrone.

Isabella überlegt sich einen Betrag und verdoppelt ihn, wie Berenice es ihr geraten hat. »Siebzig Pfund.«

»Ich nehme es.«

Und so geht es weiter, bis alle Stücke verkauft sind und sie genügend Geld hat, um zwei- oder dreimal mit Xavier nach New York zu reisen. Ihr Herz flattert, doch ihr Gesicht ist warm vor Aufregung, nicht vor Sorge.

Als die letzten Gäste gegangen sind und die Mädchen den Tisch abräumen, taucht Matthew in der Tür auf. Er wirkt verlegen. »Soll ich später wiederkommen?«

Berenice ergreift seine Hand und zieht ihn herein. »Auf keinen Fall. Möchten Sie Kuchen? Wir haben eine Menge übrig. Alle waren mehr an Marys Schmuck interessiert.« Berenice stößt sie sanft an. »Sie müssen wirklich mehr machen. Sie könnten eine reiche Frau werden.«

Isabella spürt Matthews Blick. »Ich verspüre nicht den Wunsch, eine reiche Frau zu werden. Ich habe nur wenige, einfache Ziele. Ich danke Ihnen, dass Sie mir helfen, sie zu erreichen.«

Berenice kneift die Augen zusammen, lächelt aber weiter. »Sie sind geheimnisvoll, Mary Harrow. Ich weiß nie genau, ob ich Sie ernst nehmen soll. Trotzdem, Sie sind ein reizendes Mädchen und hübsch dazu. Ich freue mich darauf, Sie morgen Abend auf dem Ball zu sehen. Um sieben ertönt der Gong zum Abendessen.« Sie nickt Matthew zu. »Wir unterhalten uns noch.«

»Natürlich, Mylady.«

Berenice verdreht gutmütig die Augen. »Nun, ja. Wenn Sie mich unbedingt so nennen wollen.« Mit diesen Worten ist sie verschwunden.

Isabella und Matthew warten auf der Veranda, bis die Mädchen alles abgeräumt und sie die Suite wieder für sich allein haben.

»Hat es dir im Lesezimmer gefallen?« Sie schauen zu, wie der Himmel über dem Fluss dämmert.

»Ja. Und das Hotel hat auch einen elektrischen Telegrafen am Empfang.«

»Ich glaube, hier steigen viele Parlamentsabgeordnete ab.«

»Ich frage mich, wer sonst noch hier absteigt. Hoffentlich lauert Percy Winterbourne nicht irgendwo auf dich.«

»Ach was, Matthew. Du siehst Gespenster.«

»Trotzdem. Hier leben viele reiche Leute.« Er lächelt ihr zu. »Heißt das, dass du jetzt dazugehörst?«

Isabella nickt. »Ich habe alles verkauft. Ich habe mehr als genug, um in Amerika neu anzufangen.«

»Dann solltest du aufbrechen. Vielleicht schon morgen. Von hier aus gehen ständig Dampfer nach Sydney. Von dort könntest du eine Überfahrt nach San Francisco oder New York buchen.«

»Nicht morgen«, sagt sie vorsichtig. »Ich werde mir Berenice’ Ball doch nicht entgehen lassen. Ich kann ebenso gut von Mooloolah Heads aus nach Sydney fahren.«

»Aber …«

Sie springt von ihrem Stuhl und legt ihm die Finger auf den Mund, beugt sich vor und ersetzt sie durch ihre Lippen. »Matthew«, murmelt sie, »vergiss das alles für ein paar Tage. Bitte.«

Er gehorcht, zumindest nach außen hin. Doch das schlechte Gewissen zieht ihr allmählich den Boden unter den Füßen weg.


Steife Hose, Hemd, seidene Weste, schweres Jackett, dunkle Krawatte: Nacheinander zieht Matthew die Kleidungsstücke an und fragt sich, warum er eigentlich hier ist. Er hätte zu Hause bleiben sollen. Im Leuchtturm, da weiß er jedenfalls, wer er ist. Aber hier …

Das Problem ist Isabella. Zu Hause spürt er nicht die Unterschiede. Dort ist er ein fähiger, unabhängiger Mann von guter Herkunft und klarem Verstand. Sie ist eine warme, kindliche, anmutige Frau, ebenfalls von guter Herkunft und klarem Verstand. Sie sind wie füreinander geschaffen. Erst hier in der feinen Gesellschaft erkennt er, was er zuvor verdrängt hat. Ihre Herkunft zeigt sich in ihrer Sprechweise, ihrer Haltung, wie sie eine Tasse Tee von dem Mädchen entgegennimmt. Sie verströmt eine Leichtigkeit, die er niemals haben wird, selbst wenn er hundert Jahre in diesem Hotel lebte.

Isabella ist anders als er. Und er erkennt trotz des sanften Hoffnungsschimmers, dass sie niemals hätten zusammenbleiben können. Früher oder später wird er sie enttäuschen. Es ist gut und richtig, dass sie weggeht. Es ist richtig, dass er wieder allein ist, obwohl es ihm nie wieder gutgehen wird.

Ein leises Klopfen an der Schlafzimmertür lässt ihn zusammenzucken. Dann fasst er sich wieder. Natürlich ist es nur Isabella, nicht die Polizei, die sie mitnehmen will; nicht Percy Winterbourne mit einer Pistole. Sie steht in einem dunkelrosa Ballkleid mit engem Mieder und Puffärmeln, die mit dunkelroten Bändern verziert sind, vor ihm. Sie trägt lange Handschuhe und hat die Haare lose im Nacken zusammengesteckt. Er sollte ihr sagen, dass sie wunderbar aussieht: der Inbegriff weiblicher Schönheit. Aber so denkt er nicht. Er kann nur eines denken: Sie sieht nicht aus wie Isabella. Sie sieht aus wie jemand anders.

Falls Isabella die fehlenden Komplimente bemerkt, scheint es ihr nichts auszumachen. Stattdessen rückt sie seinen Kragen zurecht und wischt eine Fluse von seiner Schulter. »Geht es dir gut?«, fragt sie, ohne ihm in die Augen zu sehen.

»Mir geht es bestens«, sagt er und weiß, dass er schroff klingt, doch er kann nicht anders.

»Kannst du tanzen?«

»Nein.«

Isabella lacht und sieht wieder aus wie die Frau, die er kennt und liebt. Alles Künstliche ist wie weggeblasen. »Nun, dann sind wir ja ein schönes Paar.«

»Wir können uns hinsetzen und dem Orchester zuhören.«

Sie hakt ihn unter. »Mir ist egal, was wir tun. Solange wir es zusammen tun.«

Sie verlassen die Suite Arm in Arm und gehen die Treppe hinunter. Im Speisesaal stimmt ein kleines Orchester die Instrumente, und schön gekleidete Männer und Frauen gehen von Tisch zu Tisch auf der Suche nach ihren Platzkarten. Isabella findet ihre – Mary Harrow und Freund –, und Matthew setzt sich erleichtert hin. Schon jetzt hat sein Anzug einige missbilligende Blicke auf sich gezogen. Er ist alt und aus der Mode gekommen; er besitzt keinen eleganten Frack wie alle anderen Männer im Raum. Er fragt sich, ob Isabella seine enttäuschende Kleidung bemerkt und nur nichts gesagt hat oder ob es ihr wirklich egal ist.

Der Raum wird von gasbetriebenen Kronleuchtern erhellt. Das Licht schimmert auf Gläsern und Tellern. Das Orchester spielt eine sanfte Bourrée, während die Gäste Platz nehmen und der erste Gang serviert wird. Das Tanzparkett ist noch verlassen. Ein sehr junger Mann setzt sich neben Matthew und begrüßt ihn vorsichtig. Matthew fragt sich, ob Lady McAuliffe das so arrangiert hat, weil sie mit einem jungen Mann gerechnet hat. Isabella ist erst dreiundzwanzig, er beinahe doppelt so alt.

Er fühlt sich zunehmend unglücklich und macht sich Vorwürfe, weil er ein Narr ist. Ein alter Narr. Ein alter, ungehobelter Narr.

Und dann dreht sie sich zu ihm um und lächelt, und die Liebe leuchtet aus ihren Augen, und er fragt sich, was sie in ihm sehen mag. Doch es ist klar, dass sie etwas sieht, und das rührt sein Herz. Wie soll er sie jemals gehen lassen?


Isabella braucht eine Atempause. Ihr Gesicht ist angespannt vom Lächeln. Den ganzen Abend über sind Frauen mit ihren Ehemännern zu ihr gekommen, haben sich nach ihrem Schmuck erkundigt und wann sie mehr davon machen wird, und haben enttäuscht den Kopf geschüttelt, als sie hörten, dass sie damit aufhört. Ein Herr erklärt, sein Cousin in Sydney sei Juwelier und exportiere in die ganze Welt, er werde sie nur zu gern mit ihm bekannt machen.

Nein danke. Sie kennt genügend Juweliere.

Sie ist froh, dass Matthew nicht tanzen kann oder will. Die französischen Ziegenlederschuhe mit dem Louis-XV-Absatz, die sie an diesem Morgen gekauft hat, drücken am Spann. Sie hatte längst vergessen, wie ermüdend es in guter Gesellschaft sein kann. Sie hat sich so lange im Leuchtturm verkrochen, wie sich ein Meerestier in seine Schale zurückzieht, dass sie sich jetzt entblößt vorkommt und instinktiv nach Schutz sucht.

Sie lehnt sich an Matthew, um ihm zu sagen, wie erschöpft sie ist, doch als sie aufblickt, nähert sich eine wunderbar gekleidete, sehr dünne Frau. »Komm«, sagt Isabella, »lass uns in den Hof gehen. Ich kann einfach nicht mehr mit Leuten sprechen.«

Sie tut, als hätte sie die dünne Frau nicht gesehen, ergreift seine Hand und zieht ihn mit sich. Er steht auf, wirft die steife Serviette auf den Tisch und folgt ihr. Die Tische leeren sich, die Gäste begeben sich auf die Tanzfläche. Meist bleiben Männer sitzen und trinken, dazu einige ältere Frauen mit straff gelegten Locken und ebenso straffer Miene. Das Orchester spielt einen lebhaften Walzer, und die Damen und Herren in den schönen Kleidern bewegen sich in gemessenem Rhythmus über das Parkett. Isabella und Matthew gehen zu der großen Doppeltür, die in die Eingangshalle führt, und atmen tief durch, als sie zwischen den tropischen Pflanzen im Innenhof stehen.

»Oh Gott, ich bin erschöpft«, sagt Isabella.

Er nimmt sie in die Arme, und sie sucht im rauhen Stoff seiner Jacke Trost, horcht auf seinen Herzschlag. Er streicht ihr sanft über die Haare.

Sie tritt zurück und schaut ihn im Licht an, das sich an den Kronleuchtern in der Halle bricht. »Du musst noch erschöpfter sein als ich.«

»Das ist doch kein Wettbewerb«, sagt er ein wenig mürrisch, wie er es schon den ganzen Abend gewesen ist.

Isabella blickt über die Baumwipfel in den Himmel empor. Es ist ein wolkenloser Abend, und die Sterne sehen aus wie weißer Staub, den eine achtlose Hand über das Dunkelblau gestreut hat. Bald wird sie von irgendwo anders auf dieser Erde zu denselben Sternen aufblicken. Zum ersten Mal fragt sie sich, was Matthew ohne sie anfangen wird. Ob sie einander schreiben werden. Ob sie einander weiter unter demselben Himmelszelt lieben werden, selbst wenn sie voneinander getrennt sind. Sie hat diese Liebe immer nur als flüchtig betrachtet: ein kurzer Ausbruch voller Leidenschaft und Farbe, der aufblüht und ebenso schnell wieder erlischt. Doch es wird ein Danach geben, und sie fragt sich, wie sich dieses Danach wohl anfühlen mag.

Sie greift nach seinem Revers. »Erzähle mir, wann du dieses Jackett zum ersten Mal getragen hast.« Sie hat ihn noch nicht nach seiner Frau gefragt. Eine Mischung aus Eifersucht und Angst hat ihre Zunge gelähmt. Doch heute Abend möchte sie alles über ihn erfahren.

Er wird nachgiebiger, die Schroffheit löst sich auf. »Ich war vierundzwanzig, als ich Clara geheiratet habe. Sie war zwanzig. Die Tochter eines Teehändlers. Ich war Lehrer in der Dorfschule. Wir haben uns verliebt.« Ihm versagt die Stimme. Isabella fällt es schwer, sich das anzuhören, sehr schwer. Wenn sie über Arthur spricht, versagt ihr beim Wort »verliebt« nie die Stimme.

»Wir haben an einem Sommernachmittag in der Dorfkirche geheiratet«, fährt er fort. »Es war warm, und alle Fenster standen offen, und draußen vor dem Fenster blühte ein Frangipani. Irgendwann kam ein rauher Wind auf und wehte einige Blüten zwischen die Kirchenbänke. Ich werde den Duft von Frangipani für immer mit meiner Hochzeit verbinden. Wächsern und süß.« Er schließt flüchtig die Augen, als könne er ihn gerade jetzt riechen. Dann öffnet er sie wieder. »Clara war nicht wie die anderen Mädchen. Sie hatte eine unbezähmbare Wildheit in sich. War selbstsüchtig. Obwohl sie den Körper einer Frau und die Intelligenz einer Erwachsenen besaß, war sie vom Willen und Temperament her wie ein Kind. Ich war verliebt, und meine Liebe war blind, und sie schüchterte mich rasch mit ihren Forderungen und ihrer scharfen Zunge ein. Wenn sie grausam gewesen war, verhielt sie sich am nächsten Tag wie der Sonnenschein, entschuldigte sich ständig und war ganz sanft. Wir gerieten in einen Kreislauf aus Verachtung und Vergebung, bis ich es eines Tages müde wurde und …« Er holt tief Luft und fährt sich mit der Hand über den Bart. »Eines Tages sagte ich: ›Es reicht, Clara.‹ Ich verlangte, dass sie dieses Mal, nur dieses eine Mal, das tun würde, was ich wollte. Sie verschwand. Tagelang. Sie kehrte zurück, weil sie krank wurde, und an dieser Krankheit ist sie kurz danach gestorben.«

»Es tut mir so leid«, sagt Isabella. Sie spricht nicht aus, was sie sonst noch denkt: Clara erscheint ihr wie ein Ungeheuer, das Matthews Geist irgendwann gebrochen hätte. Dann lässt die leise Angst, die die Eifersucht in ihr hervorruft, sie fragen: »Liebst du sie noch?«

Er runzelt die Stirn, als er über die Frage nachdenkt. »Es scheint ein ganzes Leben her zu sein. Es ist nicht, als würde ich sie nicht mehr lieben. Aber Liebe scheint mir etwas Helles und Gegenwärtiges zu sein, und das ist nicht das, was ich für Clara empfinde.«

Beide schweigen einen Moment. Grillen zirpen, und die Musik aus dem Ballsaal weht zu ihnen herüber. Dann lächelt Matthew unvermittelt und ergreift ihre Hand.

»So. Ich habe heute die Unwahrheit gesagt.« Er ergreift ihre andere Hand und tritt zurück, geht in Tanzposition.

»Du kannst tanzen?«

»Sehr schlecht. Aber es wird mich nicht umbringen, mit dir im Sternenlicht einen Walzer zu wagen.«

Isabella lächelt und streift die Schuhe ab. Sie beginnen zu tanzen. Zuerst ein wenig ungeschickt, doch dann finden sie einen gemeinsamen Rhythmus und schweben leise durch den Innenhof. Ihr Herz hämmert vor Aufregung und Liebe. Seine Augen sind auf sie gerichtet, und sie fühlt sich ihm näher als je zuvor. Diesen Walzer lang gehört er ihr, ihr geliebter Mann.

»Ach, da seid ihr ja!«

Sie bleiben stehen und drehen sich zu Berenice, die in den Hof getreten ist.

»Ich hatte mich schon gefragt, wo Sie geblieben sind, Mary. Lady Lamington, die Frau des Gouverneurs, möchte Sie kennenlernen. Kommen Sie.«

Sie lässt zögernd Matthews Hände los.

Er nickt ihr aufmunternd zu. »Ich bleibe noch ein bisschen draußen an der frischen Luft. Leider bin ich nicht für Menschenmengen geschaffen.«

Berenice wartet, bis Isabella wieder ihre Schuhe angezogen hat, und führt sie zurück in den Ballsaal.

»Wenn sie sagt, dass sie eine Brosche oder etwas anderes von Ihnen möchte, sollten Sie nicht einfach ablehnen. Sie ist eine sehr bedeutende Frau, wie Sie sich vorstellen können, und ich … Oh, wohin ist sie denn verschwunden?« Berenice sucht die Menge mit den Augen ab. »Egal, sie wird zurückkommen. Setzen Sie sich hier zu mir, während ich wieder zu Atem komme.«

Am Haupttisch sind zwei Plätze frei. Rechts von Isabella sitzt ein sehr betrunkener Mann mit dünnem weißem Haar. Er ist teuer gekleidet, hat aber Bratensoße am Kragen, und die Weste spannt über seinem Bauch, als wolle er jeden Augenblick die Knöpfe sprengen. Matthew mag billiger gekleidet sein, ist aber hundertmal mehr ein Gentleman. Isabella kehrt dem betrunkenen Mann den Rücken, damit er sie und Berenice nicht stört.

»Ihr junger Mann ist gar nicht mehr so jung«, sagt Berenice und zieht die Augenbrauen hoch.

»Ich habe nie behauptet, er sei jung. Sie haben es nur angenommen«, kontert Isabella leichthin.

»Ist er gut zu Ihnen? Freundlich?«

»Oh, ja«, erwidert sie leidenschaftlich.

Berenice mustert Isabella von oben bis unten. »Mary Harrow, ich habe Sie den ganzen Abend über beobachtet. Und ich habe Sie gestern beim Tee beobachtet, und ich habe Sie beobachtet, seit ich Sie das erste Mal mit geradem Rücken und zusammengedrückten Knien auf dem Oberdeck dieses Schaufelraddampfers gesehen habe.«

Isabellas Puls zuckt in der Kehle.

»Und Sie geben vor, etwas zu sein, das Sie nicht sind.«

Isabella atmet rasch durch. »Ich habe nie gesagt, was ich bin, falls Sie sich daran erinnern.«

Berenice bricht in lautes Gelächter aus, das die Spannung vertreibt. »In der Tat. Sie tanzen um jede Frage herum, die ich Ihnen stelle, und gerade das weckt meinen Argwohn. Was hat sie wohl zu verbergen?, frage ich mich. Zuerst habe ich Sie für die Tochter eines Bankiers oder so gehalten, die in Not geraten ist. Aber Ihre Bewegungen und wie Sie sprechen und Ihre Kenntnis der guten Gesellschaft verleitet mich zu der Annahme, dass Sie weit über der Mittelklasse geboren und aufgewachsen sind. Sie gehören eher meiner eigenen Klasse an, meine Liebe.«

»Sie schmeicheln mir, Berenice. Ich bin wirklich nicht besonders interessant.«

Berenice will etwas sagen, doch dann fällt ihr Blick auf jemanden am anderen Ende des Raumes. »Aha, da ist Lady Lamington. Warten Sie hier.« Sie erhebt sich elegant vom Tisch und durchquert den Ballsaal. Isabella schaut ihr nach, dann sieht sie aus dem Augenwinkel ein Licht aufblitzen. Sie dreht sich um. Zwei Tische weiter fotografiert ein Mann eine Gruppe Frauen.

Ihr Herz hämmert. Ein Fotograf. Und sie ist sich ziemlich sicher, dass auch sie auf dem Bild zu sehen ist. Er sagt zu der Gruppe: »Bitte stillhalten. Noch eine Aufnahme für den Gesellschaftsteil.« Sie weiß, sie muss gehen. Sofort.

Sie springt vom Stuhl auf und eilt wie Aschenputtel durch den Ballsaal. Berenice bemerkt sie und ruft ihr etwas nach, doch sie läuft mit gesenktem Kopf weiter. Matthew ist noch draußen im Hof. Sie ruft ihm zu: »Wir müssen gehen. Sofort.«

Er hört, wie drängend ihre Stimme klingt, und läuft zu ihr herüber. Sekunden später sind sie sicher in ihrer Suite.

»Was ist passiert?« Sie lässt sich auf einen Stuhl fallen und vergräbt den Kopf in den Händen.

»Ein Fotograf von der Zeitung.«

Sein missbilligendes Knurren verrät ihr, was er denkt. Er hat es gewusst, er hat gewusst, dass sie es nicht riskieren durfte, sich öffentlich zu zeigen, nicht wenn Percy nach ihr sucht. Und sie hat es auch gewusst. Und sie hat es trotzdem getan, weil sie Erster-Klasse-Fahrkarten nach Sydney und New York für sich und Xavier buchen will, weil sie ein schönes Haus mieten möchte, wenn sie dort angekommen ist. Sie will zu viel. Und diejenigen, die zu viel wollen, sind oft so töricht, alles zu riskieren.


Isabella steht in einem abgeänderten Kleid von Berenice vor deren Haustür. Auf der anderen Straßenseite wartet Matthew mit dem Gepäck. Ein Mädchen holt gerade die Dame des Hauses, und Isabella hat keine Ahnung, ob Berenice wütend reagieren wird, weil sie gestern Abend weggelaufen ist. Doch sie hat ein Geschenk mitgebracht, das sie Berenice um jeden Preis übergeben muss.

Die Tür öffnet sich wieder, und Berenice steht vor ihr, den hübschen Mund zu einer Linie zusammengepresst.

»Berenice, Lady McAuliffe. Ich möchte mich entschuldigen …«

»Weil Sie mich vor der Frau des Gouverneurs unmöglich gemacht haben? Nur zu. Entschuldigen Sie sich. Ich werde monatelang unter dieser Blamage zu leiden haben, aber es gibt keinen Grund, weshalb Sie sich nicht mit einem schlichten ›Es tut mir leid‹ Erleichterung verschaffen sollten.«

Isabella schluckt ihr schlechtes Gewissen hinunter. »Ich musste gehen, genau in diesem Augenblick, keine Sekunde später. Und es tut mir tatsächlich leid. Ich hätte Ihnen gern die Peinlichkeit erspart, aber … Meine Sicherheit stand auf dem Spiel.«

»Noch mehr Geheimnisse, Mary?«

»Leider ja. Sie waren so freundlich zu mir, freundlicher, als ich es verdient habe. Dürfte ich bitte kurz eintreten? Ich habe ein Geschenk für Sie.«

Berenice zögert, aber sie hat ein gutes Herz und ein von Natur aus sonniges Gemüt. Daher lächelt sie und tritt beiseite, um Isabella hereinzulassen.

»Kommen Sie in den Salon, meine Liebe. Ich habe gerade Tee getrunken, aber es sind noch ein paar Teekuchen da, falls Sie einen möchten.«

»Nein, nein.« Isabella löst ihren Hut. »Ich habe Ihre Großzügigkeit schon viel zu oft in Anspruch genommen. Ich bin gekommen, um Ihnen etwas zu schenken.«

Berenice schließt die Salontür und bietet Isabella einen Platz auf der Chaiselongue an. Diese öffnet ihre seidene Tasche und holt einen Anhänger heraus: den einzigen, den sie gemacht hat. Sie hat beinahe ihre Finger dafür geopfert, so schwer war es, die Glieder miteinander zu verbinden. In der Mitte hängt ein einzelner Diamant, der einzige Diamant aus dem Amtsstab. Er wird umrahmt von zwei schimmernden schwarzen Steinen, die sie in Lighthouse Bay am Strand gefunden hat: Zwillinge, von genau der gleichen Größe und Form. Sie hat sie tagelang betrachtet und konnte nicht fassen, dass sie tatsächlich vollkommen gleich aussahen. Dann beschloss sie, diese besonderen Steine in ein besonderes Geschenk für Berenice einzufügen. Die Steine sind in schmale Bänder aus rosa Seide gewickelt. Der Diamant wird zierlich und doch fest von engen Spiralen aus Silberdraht gehalten.

Berenice starrt ihn an. »Den haben Sie für mich gemacht? Aber er ist ein kleines Vermögen wert.«

»Ich habe jetzt alles, was ich brauche«, antwortet Isabella.

»Ich doch auch, meine Liebe. Ich bin eine reiche Frau.«

»Dies ist kein materielles Geschenk. Es ist ein Zeichen meiner Dankbarkeit und Liebe. Alles Gute, das ich in letzter Zeit erfahren habe, verdanke ich Ihnen und Ihrem Tun.«

Berenice wendet sich ab. Ihre Augen sind feucht. »Sie faszinieren mich immer aufs Neue, Mary Harrow. Ich nehme an, dass es das zehnte Stück ist. Ich hatte mich schon gefragt, weshalb Sie nur neun zum Tee mitgebracht hatten.«

»Dies ist das zehnte und letzte Stück. Ich bin gekommen, um mich von Ihnen zu verabschieden, Berenice. Ich werde bald eine lange Reise antreten und kann Ihnen nicht verraten, wohin ich fahre. Also fragen Sie bitte nicht danach.«

»Geheimnisvoll bis zum Schluss, was? Nun, ich muss sagen, ich bin ein bisschen gekränkt. Ich hätte Ihre Geheimnisse bewahrt.« Sie schließt Isabella in die Arme und drückt sie fest an sich. »Passen Sie gut auf sich auf, meine Liebe. Und lassen Sie mich eines Tages wissen, ob Sie noch auf der Welt sind und wie es Ihnen ergangen ist.«

»Ich werde mein Bestes tun. Und glauben Sie mir, ich werde Sie nie vergessen.«

»Ich Sie auch nicht.«

Isabella verlässt das kühle Haus und kehrt zurück auf die schwüle Straße. Matthew kommt ihr entgegen, als sie den Hut wieder festbindet.

»Du siehst traurig aus.«

»Das bin ich auch. Ich mache mich bereit, das alles hinter mir zu lassen.«

Er wendet sich ab, und sie begreift, dass auch er traurig ist. Doch wenn er oder Berenice wüssten, was sie vorhat, wären sie froh über ihren Aufbruch. Sie wären wütend. Sie würden sie verurteilen. Dieser Gedanke macht sie noch trauriger, und sie geht schweren Herzens neben Matthew her zur Anlegestelle.

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