Zweiundzwanzig



Percy steht am Strand und überlegt, ob sich seine Augen jemals an die Lichtverhältnisse an diesem gottverlassenen Ort gewöhnen werden. Das Licht wird vom Sand reflektiert und blendet ihn und beißt in seine lilienweiße Haut. Der Constable wartet in angemessener Entfernung. Er glaubt, Percy sei hergekommen, um seinen verstorbenen Bruder zu betrauern. Vielleicht stimmt das sogar. Doch nach fast drei Monaten verblasst der Schmerz über Arthurs Tod. Ihm liegt jetzt mehr daran, die Trümmer zu durchsuchen. Fässer und Bretter wurden angespült und sind bei Ebbe am Strand zurückgeblieben. Nichts Wertvolles, aber Percy interessiert sich für das umgedrehte Rettungsboot, das auf einem Felsen am Strand liegt.

Es wurde keineswegs angespült, wie ihm die unfähige Kolonialpolizei weismachen will, sondern absichtlich so hingelegt. Mit anderen Worten, die Polizei irrt sich, nicht alle sind gestorben.

Percy dreht das Boot um, kniet sich auf alle viere und tastet mit den Fingerspitzen im Sand. Hinter ihm hebt und senkt sich der Ozean in seinem steten Rhythmus. Zuerst entdeckt er einen Fetzen weißer Spitze, also muss die Person, die mit dem Rettungsboot entkommen ist, eine Frau sein. Entweder Meggy oder Isabella.

Sein Magen zieht sich zusammen. Meggy Whiteaway hatte Erfahrung mit dem Leben auf See. Hätte sie überlebt, hätte sie auch gewusst, wie sie danach vorgehen muss. Es war Isabella. Er weiß, dass es Isabella war, und der Gedanke erregt seinen Zorn. Er braucht einen Augenblick, bis er wieder atmen kann.

War Arthur bei ihr? Hat Arthur es auch geschafft? Falls ja, wo ist er jetzt?

Percy winkt den Constable zu sich. »Dieses Rettungsboot beweist, dass jemand überlebt hat«, sagt er. »Warum haben Ihre Leute mir das Gegenteil erzählt?«

»Weil sich keiner gemeldet hat. Gewiss, jemand mag es im Sturm bis an den Strand geschafft haben, doch zwischen hier und der Zivilisation gibt es Schlangen, wilde Hunde und tückische Eingeborene. Und Sonne, Erschöpfung und Durst, die noch viel gefährlicher sind.« Die Augen des Constable bewegen sich zum Buschland, das den Strand säumt. »Derjenige hätte ebenso gut in den Rachen eines Ungeheuers laufen können.«

Percy denkt darüber nach, noch immer auf allen vieren, die Finger noch immer im Sand. Er betrachtet das Stück Spitze, das er in der Hand hält, und malt sich aus, wie Isabella auf der Suche nach einer zivilisierten Siedlung in den Wald gewandert ist. Mit dem Pferdewagen sind sie stundenlang in der sengenden Sonne hergefahren. Hätte sie das überlebt?

Verdammt. Er kann es sich vorstellen. Da ist etwas in ihr – eine Art anmaßende Eigenliebe, die man mit einer edlen Natur verwechseln kann –, das ihr die nötige Stärke verleiht. Sie hat sich ihnen stets überlegen gefühlt; das reicht zum Überleben. Wie gern er ihr diese Arroganz austreiben würde.

»Haben Sie im Wald gesucht?«

»Ja.«

»Nichts?«

»Nichts. Es tut mir schrecklich leid, Sir.« Als der Constable aus dem hellen Sonnenlicht tritt, blitzt etwas unter einer dünnen Sandschicht auf. Im Nu hält Percy es in der Hand. Eine Messingschließe von der Kiste aus Walnussholz, die eigens für den Amtsstab angefertigt wurde.

Er spürt, wie er rot wird, und wendet sich ab, damit der Constable es nicht sieht. In seinem Kopf entsteht sofort ein Bild. Isabella ist mit dem Amtsstab geflohen. Vielleicht hat sie den Schiffsuntergang sogar verursacht. Vielleicht hat sie seinen Bruder über Bord gestoßen. Die Überzeugung setzt sich in seinen Eingeweiden fest. Und die Vorstellung, dass sie irgendwie entkommen ist, dass sie in diesem Land frei umherläuft und sich an unzähligen Orten verstecken kann, verursacht ihm körperlichen Schmerz.

»Tut mir leid«, sagt der Constable noch einmal. »Ich lasse Sie jetzt allein.« Percy schaut ihm nach, als er zum Strand zurückgeht. Was jetzt? Soll er im Wald nach ihr suchen? Nach Hause gehen und gar nichts tun? Sie hat den Amtsstab. Er will ihn zurück.

Percy weiß, dass er im Wald nicht überleben wird, aber er kann auch nicht aufgeben und mit leeren Händen zurückkehren. Nein, falls Isabella überlebt hat, dann ist sie irgendwo und hat irgendjemanden kennengelernt. Wenn er bekanntgibt, dass sie, die geliebte Schwiegertochter einer einflussreichen Familie, vermisst wird, wird sich jemand bei ihm melden. Es kann dauern, aber er wird sie irgendwann finden.

***

Isabella steht vor dem Spiegel. Sie trägt ein blaues Blusenkleid, das genau zur Farbe ihrer Augen passt. Es ist so lange her, dass sie sich gut angezogen hat. Sie besitzt kein Korsett, doch ihre Taille ist von Natur aus sehr schmal. Sie hat das Haar im Nacken locker mit einem blauen Band zusammengebunden, einige Strähnen umrahmen ihr Gesicht. Am Kragen steckt eine selbstgefertigte Saphirbrosche.

Es klopft, Berenice tritt ein. Sie betrachtet Isabella, die endlich standesgemäß gekleidet ist, und hält inne. »Sie sehen wunderbar aus, meine Liebe. Soll ich Ihr altes Kleid verbrennen?«

Isabella lacht.

»Das ist kein Scherz. Ganz und gar nicht«, erwidert Berenice mit ernster Miene.

Isabella unterdrückt ihr Gelächter. »Nein. Ich nehme es besser wieder mit.«

Berenice entdeckt die Brosche und betastet sie vorsichtig. »Die ist wunderbar.«

»Ich habe sie selbst gemacht.«

Berenice’ Augenbrauen schießen in die Höhe. »Tatsächlich? Sie stecken wirklich voller Überraschungen.«

»Ich habe von dem kleinen Erbe, das mein Mann mir hinterlassen hat, einige Edelsteine gekauft.« Sie erzählt die Lüge jetzt zum zweiten Mal und fragt sich, ob sie sie beim dritten Mal vielleicht selbst glaubt. »Ich wollte schon immer Schmuck herstellen.«

»Es ist nicht schlecht, wenn eine Frau eine Arbeit hat, die ihr gefällt«, sagt Berenice strahlend. »Und sie ist wirklich herrlich. Also ein echter Saphir?«

»Ja.«

»Aber er muss doch einiges wert sein. Warum haben Sie nur zwei Kleider?«

»Ich habe noch nichts verkauft.«

»Ich nehme ein Schmuckstück. Haben Sie sonst noch etwas da? Bringen Sie alles zum Morgentee mit. Meine Freundinnen werden begeistert sein. Handgemacht aus Dingen, die Sie am Strand gefunden haben: Ich bin entzückt!« Berenice’s strahlendes Gesicht spricht Bände.

Isabella zeigt ihr die anderen Broschen und Armbänder. »Ich werde nur noch zehn Teile anfertigen«, sagt sie, nachdem sie im Kopf die Edelsteine gezählt hat.

»Aber Sie sind so wunderbar, meine Liebe. Sie müssen weitermachen. Sie könnten Ihre eigene Juwelierfirma gründen, so wie diese Winterbournes.«

Bei dem Namen zieht sich Isabellas Herz zusammen. Der Reiz, selbst eine Dynastie von Juwelieren zu begründen, verschwindet sofort, und sie sagt sich, dass sie die Edelsteine schnell verkaufen und nach Amerika gehen muss, bevor man sie findet. Xavier dürfte bald wieder zu Hause sein.

Berenice hat ein Armband um ihr rundliches Handgelenk gelegt und bewundert es im Licht, das durch das große Fenster fällt. »Einfach bezaubernd. Ich werde es kaufen. Wie viel kostet es?«

Isabella nennt den Preis, den der Juwelier für das erste Stück bezahlt hat, doch Berenice schüttelt den Kopf. »Das Doppelte, meine Liebe, das Doppelte. Die Leute werden es höher schätzen, wenn sie bei dem Preis zusammenzucken. Ich zeige alles meinen Freundinnen. Ich wäre überrascht, wenn nicht alle eins haben wollten. Dann können Sie wiederkommen, wenn Sie mehr gemacht haben.«

Isabella kann den Tee schon oben im Flur riechen. Diesmal ist nicht sie es, die ihn aufbrüht und die Scones und den Rahm auf Tellern anordnet oder den Teekuchen mit Rosinen in vollkommen gleichmäßige Scheiben schneidet. Sie hat wieder den Status einer Dame erlangt, die den Tee genießen kann, ihn aber nicht selbst servieren muss. Sie lächelt und nickt dem Mädchen zu, als sie das Zimmer betritt, weil sie jetzt versteht, wie mühsam es ist, andere zu bedienen.

Berenice hat fünf Freundinnen zum Tee eingeladen, und Isabella kann sich nicht alle Namen merken. Es gibt eine Margaret und eine Margery, doch während sie noch versucht, die beiden zu unterscheiden, verpasst sie die nächsten beiden Namen und verliert alle Hoffnung, sie noch zu erfahren. Sie lächelt nur, nimmt eine Tasse Tee entgegen und bleibt still an Berenice’ Seite. Diese sprüht wie immer vor Elan und Begeisterung, steht im Mittelpunkt aller Gespräche und bricht ohne jede Vorwarnung in klingendes Gelächter aus. Die anderen Frauen sehen neben ihr so unscheinbar wie Pfauenhennen aus. Isabella vermutet, dass sie selbst ebenso langweilig wirkt.

Dann aber fällt ihr wieder ein, wie es geht: wie man Konversation macht und lächelt, während andere zu lange oder zu laut reden. Sie trinkt ihren Tee und isst anmutig einen Scone und staunt, wie sehr sich diese Welt von Matthews Leuchtturm unterscheidet. Dort ist es dunkel und rauh, es riecht nach Holz und Öl und Meer, während dieses Haus hell und sauber poliert ist und nach Wachs und Zitrone und süßem Essen duftet.

Nach einer Stunde räuspert sich Berenice und klopft mit einem Löffel gegen ein Glas, bis alle Blicke auf sie gerichtet sind. Sie ergreift Isabellas Hand und tritt mit ihr vor die Gruppe.

»Nun, ihr alle habt die reizende Mary Harrow kennengelernt. Aber ich habe euch noch nicht verraten, dass sie auch Schmuck herstellt.« Sie hebt ihr Handgelenk. »Mary hat dieses wunderschöne Stück geschaffen und auch die hübsche Brosche, die sie trägt. Sie stellt sie aus kostbaren Edelsteinen und Dingen her, die sie zu Hause am Strand gefunden hat.« Berenice lächelt ihr ermutigend zu. »Heute Morgen hat sie mir erzählt, dass sie nur noch zehn weitere Stücke anfertigen wird. Ich habe versucht, es ihr auszureden, aber ich glaube, sie wird ihre Meinung nicht ändern.«

Anerkennendes Gemurmel und hochgezogene Augenbrauen. Isabella hält den Kopf erhoben und bemüht sich um ein strahlendes Lächeln.

»Ihr solltet also mit Mary sprechen, denn ich bin mir sicher, dass sie zum Frühlingsball im September wiederkommen wird. Wenn ihr also ein seltenes und besonderes Schmuckstück erwerben wollt, könnte sie sich vielleicht überreden lassen, eine Bestellung entgegenzunehmen.«

Nach und nach kommt jede Frau im Raum zu ihr und begeistert sich für die Brosche. Sie muss die letzte unverkaufte Brosche aus ihrem Zimmer holen, worauf Margaret oder Margery – sie kann sie noch immer nicht unterscheiden – sie auf der Stelle kauft. Das löst so viel Besorgnis unter den anderen Frauen aus, dass eine Kleine mit roten Locken anbietet, die Brosche zu nehmen, die Isabella am Kragen trägt. Jetzt hat sie alle drei Teile verkauft und wünscht sich, sie könnte die drei anderen Schmuckstücke von Hardwick zurückholen. Die Gelegenheit ist einmalig günstig.

Dann teilt Berenice die Gruppe, die rundlichen Arme ausgebreitet wie eine Heilige, und verspricht allen, dass Mary Harrow auf jeden Fall zum Frühlingsball kommen und ihren Schmuck zu einem Nachmittagstee mitbringen wird, bei dem jede Frau ein Stück erwerben kann. »Erzählt es überall herum.« Aufgeregtes Gemurmel. Isabella weiß, wenn sie bis dahin zehn Schmuckstücke anfertigen kann, wird sie alle verkaufen. Dann kann sie ihre Reise antreten.

Berenice dreht sich zu ihr und sagt leise: »Und natürlich müssen Sie auch Ihren Freund mitbringen.«

»Nein … ich … er ist nicht …«, stottert Isabella.

Berenice zwinkert ihr zu. »Sie werden schon eine Möglichkeit finden. Nächstes Mal sollten Sie in Begleitung kommen. Sie sind jung. Suchen Sie sich eine neue Liebe.«

Dann entfernt sich Berenice, lacht und plaudert und lässt Isabella mit den Gedanken allein, wie sie in nur sechs Wochen zehn Schmuckstücke herstellen soll, die gut genug sind, um Berenice’ Freundinnen und deren Freundinnen zufriedenzustellen.


Matthew erwartet sie im Morgensonnenschein an der Anlegestelle. Sie tritt leichtfüßig und hell wie eine Taube vom Landungssteg, gekleidet in ein duftiges weißes Kleid. Sein Herz macht einen Sprung. Isabella. Bei dem Gedanken an sie sprudelt seine Seele vor Glück. Sie sieht ihn und lächelt, kommt herüber und breitet die Arme aus, doch er weicht zurück, weil er das Gerede der Leute fürchtet.

Der unbehagliche Moment ärgert sie. Sofort geht das Temperament mit ihr durch. »Niemand beobachtet uns«, faucht sie. »Vor allem aber kümmert es niemanden auf der ganzen Welt.«

»Ich bin hier bekannt, Isabella.« Er umfasst ihr blasses Handgelenk, um sie zu beruhigen.

Sie seufzt. »Ich möchte dich so gerne im Arm halten.«

»Das wirst du, sobald wir zu Hause sind.«

Er hat Pferd und Wagen gemietet und ist vor Einbruch der Dämmerung aufgestanden, um zwei Stunden hierherzufahren. Sie stürzt sich sofort in die Erzählung, wie sie eine reiche Frau auf dem Dampfer kennengelernt hat, die sie unter ihre Fittiche genommen hat. Wie sie Schmuck verkauft und mehr Geld im Innenfutter ihres Koffers versteckt hat, als er in einem Vierteljahr verdient. Dass sie vorhat, Lady McAuliffe noch einmal zu besuchen. Während sie spricht, scheint er in sich zusammenzufallen. Sie hat andere Freunde gefunden, Menschen aus ihrer eigenen Schicht. Sie hat wieder von dem glitzernden Leben gekostet, der Welt vor dem Leuchtturm.

»Warum siehst du so traurig aus?«, fragt sie, als sie über einen Stein holpern.

»Ich bin nicht traurig.«

»Vor fünf Minuten hast du aufgehört, zu meinem Geplapper zu nicken und zu lächeln.«

»Es tut mir leid, Liebste. Ich denke nur daran, wie schlicht und karg dir der Leuchtturm vorkommen wird, nachdem du in Lady McAuliffes Haus gewesen bist.«

Isabella denkt kurz darüber nach, dann legt sie ihre weiche Hand um seinen Ellbogen und drückt sich eng an ihn. »Schlicht und karg ist nicht unbedingt schlecht, mein Liebster.«

Sein Körper reagiert sofort auf ihre Nähe, ihren sinnlichen Tonfall, vor allem aber auf ihre Worte. Mein Liebster. Sonst nennt sie ihn Matthew oder Schatz, aber sie hat ihn noch nie als ihren Liebsten bezeichnet. Sie benutzen das Wort nicht. Sie reden darum herum, obwohl ihre Lippen und ihre Körper sich bei jeder Begegnung ihre Liebe gestehen.

Doch nun hat etwas zwischen ihnen Funken geschlagen. Sie hat eine Mauer niedergerissen, von der er nichts wusste. Die Heimfahrt kann gar nicht schnell genug gehen. Sie klammert sich an ihn, ihre Brüste drücken gegen seinen Oberarm, er spürt ihren warmen Atem an Hals und Ohr. Sie lässt ihn erst los, als sie Lighthouse Bay erreichen, und sinkt tief in den Sitz, die Haube über Ohren und Augen gezogen. Vor dem Leuchtturm angekommen, lässt er das Pferd im Geschirr, weil der Drang zu stark ist. Er kann ihn keine Sekunde länger zurückhalten. Sie drückt ihn auf die Bettkante und kniet sich so vor ihn, dass er die lange Reihe von Knöpfen an ihrem Rücken öffnen kann. Dann steht sie auf und lässt das Kleid auf den Boden fallen. Sie zieht ihr Mieder aus und steht in Strümpfen da, unter der schmalen Taille wölben sich weiße Hüften und Pobacken. Sie dreht sich um und sinkt in seine Arme, das blonde Haar fällt über ihre weichen Brüste, die noch weiße Linien von der Schwangerschaft tragen. Er fängt sie auf und hört sie die Worte sagen, nach denen er sich gesehnt hat.

»Ich liebe dich, Matthew.«

»Ich liebe dich, mein hübscher Vogel«, sagt er durch ihre Haare. »Ich liebe dich mehr, als ich sagen kann.«

Und zum ersten Mal denkt er: Vielleicht, vielleicht kann ich sie behalten.


Isabella kann nicht schlafen. Eine seltsame, traurige Krankheit hat sie ergriffen. Sie döst nur ein bisschen, liegt die ganze Nacht wach, sehnt sich Matthew ins Bett, damit sie an seiner behaarten, muskulösen Brust Trost suchen kann. Wird sie krank, hat sie sich auf dem Dampfer oder in der Stadt irgendetwas eingefangen? Aber nein, sie spürt die Übelkeit eher auf der Haut als im Magen. Sie sehnt sich, weiß aber nicht, wonach. Sie versucht, sich mit vertrauten Phantasien zu beruhigen, doch die helfen nicht. Die Nacht dauert ewig. Schließlich schläft sie ein, als es gerade dämmert.

Ein paar Stunden später scheint die Sonne schon hell, als sich knarrend die Schlafzimmertür öffnet und Matthew hereinschaut. Sie sieht ihn orientierungslos an.

»Geht es dir gut, Isabella? Du hast so lange geschlafen.«

»Wie spät ist es?«

»Zehn Uhr.«

Da ist es wieder, das Gefühl, dass ihre Haut schwer ist von ungeweinten Tränen. So sollte sie sich eigentlich nicht fühlen. Sie ist jung und hat sich erlaubt, wieder zu lieben. Eigentlich müsste sie Freudenglocken hören, statt eine widerliche, kalte Furcht in Händen und Füßen zu spüren.

»Es geht mir nicht gut. Aber ich weiß nicht …« Dann fällt es ihr ein. Sie weiß es, und der Schmerz ist so scharf und hart, dass sie keuchend Luft holt. Ihre Finger tasten nach dem schwarzen Band an ihrem Handgelenk.

Er setzt sich neben sie aufs Bett und legt den Arm um sie. »Meine Liebste?«

»Ist heute der 2. August?«

»Ja.«

»Heute vor drei Jahren ist mein Baby gestorben.« Ihre Stimme scheint von weit her zu kommen, ein rationaler Klang anstelle eines entsetzten Schluchzens.

»Ich verstehe«, sagt er und nimmt sie in die Arme.

Sie drückt sich an ihn. »Mein Körper hat sich noch vor meinem Verstand erinnert. Ist das nicht seltsam?«

»Ganz und gar nicht.«

»Arthur hätte gesagt, das sei Unsinn.«

»Arthur war ein grausamer Mann, und jetzt ist er tot. Mir kannst du immer sagen, was du fühlst.«

»Dann will ich dir sagen, dass ich mich niedergeschlagen und von mir selbst entfernt fühle. Dass ich an jenem Tag ebenso gut hätte sterben können und schon seit drei Jahren glücklich in meinem Grab liegen könnte.«

»Und ich wäre dir nie begegnet.«

»Vielleicht wäre das besser für dich gewesen.«

Er fragt nicht nach, lässt ihre Bemerkung einfach im Raum stehen und drückt sie an sich, und sie lässt die Tränen fließen. Er weicht nicht zurück, wird nicht ungeduldig oder ihrer Tränen überdrüssig. Doch sie fühlt sich heute nicht wohl in ihrer Haut und schiebt ihn irgendwann sanft weg. »Heute kann mich nichts trösten.«

»Das habe ich auch nicht erwartet.«

»Ich gehe am Strand spazieren, um einen klaren Kopf zu bekommen.«

»Möchtest du Gesellschaft?« Er klingt hoffnungsvoll, und ihr Herz zieht sich zusammen.

»Nein, ich muss allein sein.«

Sie zieht sich an und nimmt einen Apfel aus der Küche mit, bevor sie durch den Wald an den Strand hinuntergeht. Der Apfel ist hart und süß und füllt das nagende Loch in ihrem Magen, doch nicht das Loch in ihrer Seele. Drei Jahre, und es ist immer noch da.

Isabella begreift, dass sie hofft, Xavier hier zu sehen, dass er früher aus Sydney zurückgekommen ist. Vielleicht könnte sein warmer Blick die schleichende Traurigkeit vertreiben, die sie heute niederdrückt. Doch sie schaut über den verlassenen Sand, und er ist nicht da. Der Wind vom Meer ist kalt, und die Wellen sind flach wie silbergraue Seide. Eine Möwe gleitet über ihr auf einer Luftströmung dahin, die Schwingen ausgebreitet und gewölbt. Ein grauer Tag, so ganz anders als der, an dem Daniel starb. Es war im Sommer, ein langer Tag mit warmer Sonne und einem wolkenlosen blauen Himmel und Bienen, die über das Gras flogen, als spürten sie seinen Verlust nicht. Was auch stimmte. Niemand spürte ihn. Niemand außer ihr, und das machte sie zur einsamsten Frau der Welt.

Sie dreht sich um und blickt zurück zum Wald. Dahinter steht das Haus der Fullbrights. Katarina ist noch in Sydney, Ernest vermutlich auf Geschäftsreise, die Köchin mit der Wäsche beschäftigt. Wenn sie sich durch die Hintertür ins Kinderzimmer schleicht, findet sie vielleicht etwas von ihm, das sie mitnehmen kann. Ein kleines Spielzeug, das sie heute an sich drücken kann, um sich ein wenig zu trösten. Sie geht über den unebenen Waldboden und schlägt jenseits der Anhöhe den Weg in die Stadt ein. Bewegt sich vorsichtig. Manche Leute hier halten sie für eine Diebin. Die Köchin wird sie nicht gerade herzlich begrüßen, falls sie sie entdeckt, doch sie wird einfach sagen: »Wie könnt ihr mir eine kleine Erinnerung an Daniel verwehren?«

Xavier. Sie meint Xavier, nicht Daniel. Xavier ist der lebende Junge. Daniel ist ihr Sohn, der keinen dritten Geburtstag feiern wird. Isabella bleibt abrupt stehen, ihr Herz hämmert. Die kurze Verwechslung der Namen hat sie beunruhigt, hat ihrem Herzen einen grellen, scharfen Schock versetzt. Es ist, als erwachte sie aus einem Traum, in dem sich ein anderer Traum verbirgt. Sie hat sich für rational gehalten, doch nun denkt sie vielleicht zum ersten Mal seit Monaten wirklich klar. Xavier ist nicht Daniel. Aber das hat sie gewusst. Oder nicht?

Sie schaut sich um, als sähe sie die Landschaft zum ersten Mal. Sie wird nicht zum Haus der Fullbrights gehen und sich heimlich ins Kinderzimmer schleichen. So etwas tun nur Verrückte. Aber ist es auch verrückt, davon zu träumen, den Jungen mit nach Amerika zu nehmen? Ihre Phantasien sind so weit gediehen, dass sie nicht weiß, ob es noch ein Zurück gibt.

Isabella macht kehrt und geht wieder zum Leuchtturm. Ihr bleibt ein Monat Zeit, um sich zu entscheiden. Sie liebt Xavier, und diese Liebe ist wirklich, und sie muss etwas tun. Sie kann einen kleinen Jungen, den sie liebt, nicht in einem Haus voller Grausamkeit und Zorn und erstickender Gleichgültigkeit lassen. Gewiss wird die Liebe einen Weg finden.

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