Warum schlecken sich Menschen eigentlich nie die Ohren ab?


Zu Hause werde ich schon dringend erwartet. Und zwar von Kira, über die ich fast stolpere, als ich in die Wohnung komme.

»Na endlich, da bist du ja!« Kira miaut aufgeregt.

»Ich war nur in der Schule. Da muss ich momentan jeden Tag hin – deinetwegen, falls du das vergessen haben solltest!«

»Schon gut, so war es nicht gemeint. Aber hier braut sich gerade etwas Ungutes zusammen und als Katze kann ich nichts dagegen machen.«

»Wieso? Was ist denn passiert?«

»Meine Mama ist kurz vorm Nervenzusammenbruch. Vorhin hat schon wieder die Polizei angerufen. Und jetzt weint sie und telefoniert mit Tante Olga. Auf Russisch! Das macht sie nur im alleräußersten Notfall, also wenn richtig Feuer unterm Dach ist!«

»Feuer unterm Dach? Oh Gott, dann müssen wir sofort die Feuerwehr rufen!« Ich merke, wie mein Puls anfängt zu rasen. Wie alle Katzen habe ich eine Heidenangst vor jeder Art von Feuer. Erst recht, wenn es auf dem Dach meines eigenen Hauses lodert!

Kira kichert.

»Was ist denn daran so lustig? Ich rufe sofort die Feuerwehr!«

»Quatsch. Das war doch nicht wörtlich gemeint!«

»War es nicht?«

»Nein, natürlich nicht. Oder meinst du, dann würde ich hier noch so ruhig sitzen?«

»Na ja, immerhin habt ihr Menschen nicht ganz so große Angst vor Feuer.«

»Das stimmt. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich immer mehr zur Katze werde. Also, ich meine, auch innerlich. Heute Morgen hatte ich sogar richtig Appetit auf Fisch. Den esse ich sonst nie!«

Ich weiß genau, wovon Kira spricht. Mir geht es da nicht anders. Heute in der Pause habe ich fast eine ganze Tüte Gummibärchen gegessen – dabei hätte ich das süße, zähe Zeugs früher nie angerührt. Feuer finde ich allerdings immer noch gefährlich – umso besser, dass Kira offenbar etwas anderes gemeint hat. Nur was eigentlich?

»Okay, aber wenn es nicht wirklich brennt, was ist dann los?«, will ich deswegen von ihr wissen.

»Wie ich schon sagte: Meine Mama ist ganz aufgeregt. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es wieder mit dieser Zigarettengeschichte zu tun hat. Oder mit deinem T-Shirt-Klau. Oder mit beidem.«

»Oh, dazu muss ich dir später auch noch etwas erzählen. Aber zuerst erklär mir mal, warum du so dringend auf mich gewartet hast.«

»Ganz einfach: Wenn jemand meine Mama beruhigen kann, dann du. Also, damit meine ich natürlich mich. Kira eben. Meist beruhigt sich meine Mama schnell, wenn ich richtig lieb zu ihr bin. Dann geht es ihr gleich besser.«

»Äh, schon klar – aber wie ist man denn als Mädchen lieb zu seiner Mutter? Soll ich ihr die Ohren abschlecken? Das habe ich früher bei meiner Mutter immer gemacht.«

Kira kichert und dreht sich auf den Rücken.

»Die Ohren abschlecken? Na, da würde meine Mutter aber komisch gucken! Eine lustige Idee! Aber nee – Mama trösten geht anders. Komm, ich erklär’s dir!«

Ich beuge mich zu Kira hinunter, hebe sie vorsichtig hoch und trage sie auf dem Arm zum Sofa. Zeit für eine Lehrstunde im Elternverstehen!

»Am besten ist es immer, Mama mit großen Augen traurig anzugucken«, meint Kira, während wir auf dem Sofa sitzen und uns die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. »Das geht nur in deinem Fall leider nicht, weil sie dann garantiert merken würde, dass deine – also meine – Augen auf einmal grün sind. Diese Taktik musst du leider weglassen, aber es gibt noch genug andere Mittel und Wege, Mama um den Finger zu wickeln.«

»Na, hoffentlich! Falls Anna immer noch heult, wenn Werner nach Hause kommt, macht das die Sache nicht unbedingt besser. Er will bestimmt wissen, was hier los ist. Ich kenn doch meinen Professor, der lässt garantiert nicht locker! Und dann wird er sich einmischen, weil er helfen will. So ist er, mein Zweibeiner!«

»Uah – ich stelle mir gerade vor, wie Professor Hagedorn bei Vadim klingelt, um dem mal so richtig die Meinung zu sagen. Dann brennt hier nicht nur das Dach, sondern gleich das ganze Haus!« Diesmal muss sogar ich lachen – obwohl von Feuer die Rede ist. Bei meinen Samttatzen, ich werde noch ein richtiger Zweibeiner!

»Ja, das sollten wir verhindern. Am besten ist es, wir lösen das Problem allein. Also, wie kriege ich deine Mutter vom Kratzbaum herunter?«

»Hä? Was für ein Kratzbaum?« Kira schaut mich völlig verständnislos an.

Ich seufze. Dieses Mädchen hat wirklich keine Ahnung von Katzen. Na ja, außer dass sie gerade selbst eine ist. »Ich meine, wie schaffen wir es, dass sich deine Mutter wieder beruhigt?«, erkläre ich nachsichtig.

»Ach so, jetzt hab ich’s kapiert! Also, richtig gut kommt es, wenn du ihr sagst, dass sie die liebste Mama der Welt ist und es dir furchtbar leidtut, dass sie deinetwegen solch einen Ärger hat.«

»Für meine Ohren klingt das ziemlich platt und dick aufgetragen, findest du nicht?«

Kira schüttelt den Kopf.

»Nein. Im Gegenteil. Für Eltern kann es gar nicht dick genug sein – die mögen so etwas!«

Ist es denn zu fassen? Ich glaube, ich wäre sehr misstrauisch, wenn jemand so zuckersüß bei mir ankäme.

»Du meinst also, mit so einer billigen Nummer kann ich bei deiner Mutter landen?« Kira nickt.

»Ja. Versuche dabei, möglichst kuschelig zu sein. Dann kann sie garantiert nicht widerstehen und fühlt sich bestimmt gleich besser.«

»Kuschelig sein? Also doch mit Ohrenablecken?«

»Was hast du nur mit diesem Ohrenablecken?« Kira klingt belustigt.

»Ja. So ein großer Schlecker links und rechts – das finde ich ziemlich kuschelig.«

»Nein. Das lass mal lieber. Kommt bestimmt nicht so gut.« Schade. Ich hätte das gern mal ausprobiert.

»Am besten setzt du dich mit ihr auch aufs Sofa und legst deinen Kopf auf ihren Schoß. Wenn sie dann anfängt, dir die Haare zu streicheln, hast du schon gewonnen. Dann sagst du noch dein Sprüchlein auf, so von wegen dass es dir leidtut, und die Sache ist geritzt. Garantiert!«

»Okay, sobald deine Mutter mit Olga zu Ende telefoniert hat, werde ich sie ankuscheln und den reuigen Sünder geben. Wenn Werner nach Hause kommt, hat sie sich hoffentlich wieder beruhigt und alles ist in bester Ordnung. Hier in der Hochallee jedenfalls. Um Vadim müssen wir uns allerdings noch kümmern. Und da ist uns auch schon etwas eingefallen«, leite ich elegant zu dem Thema über, das mir unter den Krallen brennt. Oder brennen würde, wenn ich noch Krallen hätte.

»Wer ist denn uns?«, erkundigt sich Kira neugierig.

»Tom, Pauli und mir. Na gut, vor allem Pauli.«

»Oh nein – hängst du etwa immer noch mit denen rum?«

»Besser als mit Oberzicke Leonie«, entgegne ich trotzig. Ich merke, dass es mich gewaltig wurmt, wenn Kira etwas gegen Tom und Pauli sagt. Zum ersten Mal in meinem Leben spüre ich, dass mir jemand außerhalb der Hochallee 106a wichtig ist. Es ist nicht das gleiche Gefühl wie für meinen Professor und auch nicht wie für Kira, die mittlerweile schon zur Familie gehört. Nein, es ist eine andere Art von Verbundenheit. Ich freue mich, Tom und Pauli zu sehen, und ich ärgere mich, wenn Kira schlecht über sie redet. Da habe ich sofort den Wunsch, die beiden zu verteidigen. Ich bin mir sicher, umgekehrt würden sie es auch für mich tun. Und das ist schön! Ob das Freundschaft ist?

Kira seufzt.

»Winston, das verstehst du nicht. Du bist eben ein Kater, kein Mädchen. Es kann ja sein, dass Tom und Pauli nett sind. Aber sie sind eben so was von out, outer geht’s nicht! Und wenn man sich zu sehr mit Außenseitern abgibt, ist man irgendwann selbst einer. So einfach ist das. Ich habe noch keine einzige Freundin in der Klasse, aber wenn Leonie nett zu mir wäre, dann würde ich bald richtig dazugehören. Und das ist einfach wichtig für mich, verstehst du?«

Ich nicke.

»Ja, das verstehe selbst ich, der alte Katzen-Einzelgänger. Und deswegen habe ich auch versucht, mich mit den Mädels anzufreunden. Ich hätte doch sonst nie ein T-Shirt geklaut! Das habe ich für dich gemacht! Aber wenn ich hier als weiser Kater mal einen Tipp geben darf: Die anderen müssen dich respektieren, sonst wird das mit der Freundschaft nichts. Und je kleiner du dich machst, um den anderen zu gefallen, desto weniger Respekt werden sie vor dir haben.«

Genau. Respekt. Seeehr wichtig! Ich mag zwar von Freundschaft nicht so viel Ahnung haben wie ein Mensch, aber mit Respekt kenne ich mich als Katze aus. Der ist unter Katzen entscheidend – siehe meine Erfahrungen mit den Hofkatzen. Schon bei dem Gedanken an Odette und ihre Freunde bekomme ich sofort richtig, richtig schlechte Laune. Aber damit muss ich mich später beschäftigen. Ich kann mich nicht um mehrere Probleme gleichzeitig kümmern. Und nun ist erst mal Vadim dran. Ich räuspere mich.

»Okay, mal abgesehen von diesem Freundschaftsding – Pauli und Tom haben eine tolle Idee, wie wir Vadim drankriegen könnten!«

»Ja?« Kira klingt interessiert.

»Ja. Wir stellen Vadim eine Falle. Einer von uns ruft ihn mit verstellter Stimme an und bestellt viele Zigaretten. Daraufhin wird Vadim ein gutes Geschäft wittern und welche besorgen. Und dann lassen wir ihn auffliegen.«

Kira legt den Kopf schief und mustert mich.

»Nicht schlecht, Winston. Nicht schlecht!«

»Wir brauchen nur noch zwei Sachen, die du besorgen musst: eine Telefonnummer von Vadim und seinen Wohnungsschlüssel. Pauli und Tom waren sich sicher, dass ich beides haben müsste. Ich habe dazu erst mal nichts gesagt, aber hoffe, das wird kein Problem.«

»Nein, das ist leicht zu besorgen. Die Telefonnummer kenne ich auswendig und den Schlüssel besorge ich, wenn du mit meiner Mama kuschelst. Dann ist sie genug abgelenkt. Dass ein Schlüssel von ihrem Bund fehlt, wird sie garantiert nicht so schnell merken.«

»Super! Also, wenn deine Mutter ihr Telefonat beendet hat, legen wir los. Du als Agent, ich als liebe Tochter!« Kira kichert schon wieder.

»Was ist daran so lustig?«, will ich von ihr wissen.

»Och, ich stelle mir gerade nur vor, wie du meiner Mama die Ohren abschleckst.«

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