Von Menschen und Ziegen.
Und menschlichen Ziegen.
»Also, am schlimmsten ist diese Leonie. Die ist so was von fies zu mir – einfach unglaublich! Eine totale Ziege!«
Kira und ich liegen auf dem Sofa im Wohnzimmer und erholen uns von dem anstrengenden Ausflug in den Hinterhof. Das heißt, ich erhole mich von dem Ausflug, während Kira mich wieder am Bauch krault und mir gleichzeitig von ihrer neuen Schule erzählt. So langsam verstehe ich, warum es auch Kira als Neue nicht leicht hat. Es liegt vor allem an dieser Leonie und daran, dass die eine Ziege ist. Wobei ich erstaunt war zu hören, dass Zweibeiner gleichzeitig Vierbeiner sein können. Also Mädchen auch Ziegen. Bisher dachte ich, Ziegen stehen nur auf irgendeiner Wiese, meckern und fressen Gras. Ist aber nicht so. Sie sitzen auch in der 7b des Wilhelminen Gymnasiums, meckern und machen andere Mädchen fertig. Ätzend. Gegen die sind Karamell, Spike und Odette offenbar die reinsten Engel.
»Weißt du, die haben da alle viel mehr Geld als Mama und ich. Und deswegen die viel cooleren Klamotten. Nur Hollister oder Hilfiger. Sieh mich mal an – ich habe nur H&M und so ’n Zeug.«
Aha. Sagt mir alles gar nichts. Aber warum sollte ich auch Ahnung von coolen Klamotten haben. Ich hab schließlich ein Fell. Das reicht. Es ist natürlich ein besonders schönes Fell, ganz dicht und schwarz. Aber eben ein Fell. Kein Bedarf also, mich in irgendwelche Kleidungsstücke zu hüllen, selbst wenn sie von Hollister wären. Was also ist das Tolle daran? Ich gebe Kira einen Stups, damit sie weitererzählt. Sie kichert.
»He, Winston, was soll das? Langweile ich dich?« Nein, ganz im Gegenteil! Ich finde diese Infos über die Menschen sehr interessant. Werner hat mir noch nie von solchen Problemen berichtet.
»Leonie ist leider ziemlich wichtig in der Klasse. Wer in ihrer Clique ist, gehört dazu. Und wer bei ihr unten durch ist, findet auch keine anderen Freunde. Oder nur solche, die völlig uncool sind und mit denen sonst keiner etwas zu tun haben will. Und so langsam habe ich Angst, dass ich bald bei den Uncoolen lande. Das wäre ganz schrecklich, dann wäre ich erledigt! Da könnte ich gleich zurück in meine alte Schule gehen und mich von Vadim fertigmachen lassen.« Sie seufzt so schwer, als ob ein riesiger Haufen Steine auf ihrer Brust läge. Die Arme! Leonie muss wirklich schlimm sein, wenn es Kira sogar lieber mit Vadim aufnehmen würde. »Ach Winston, wenn ich bloß wüsste, womit ich Leonie beeindrucken könnte!«
Miau! Mir fällt da auf Anhieb auch nichts ein. Wobei ich in Sachen »Eindruck schinden« sowieso kein Experte bin. Ich schaffe es ja nicht mal, drei blöde Hofkatzen zu beeindrucken. Wenn ich nur daran denke, fühle ich mich schon wieder schlecht. Ist ja auch eine unglaubliche Geschichte: Winston Churchill, edler Rassekater, hockt mit einem Gummiband um den Hals im Hinterhof und lässt sich von drei Stromern dumm anreden. Grrrr, was für eine Schmach! Ich bin mir sicher, diese Odette lacht sich jetzt noch kringelig, wenn sie an mich denkt.
»Hm, ich kann sie nicht nach Hause einladen, denn das hier ist die Wohnung vom Professor. Und ich kann Mama nicht bitten, mich mit einem dicken Auto vor der Schule abzuliefern, denn wir haben keins. Nicht mal ein kleines. Ich habe leider überhaupt nichts Wertvolles, was ich mal mit in die Schule nehmen könnte.«
Hm. Etwas Wertvolles. Vielleicht könnte sie mich mitnehmen. Ich glaube, ich bin ziemlich wertvoll. Schließlich bin ich der Abkömmling zweier internationaler Champions. Meine Mutter war Bundessiegerin in ihrer Altersgruppe und Papa hat seine Leistungsschau mit Auszeichnung bestanden. Und ich finde, das sieht man mir auch an! Ein eleganter Rassetyp – das beschreibt mich wohl am besten. Wobei ich einen kleinen Makel habe: grüne Augen. Die müssten laut Rassestandard eigentlich gelb sein, aber niemand ist vollkommen. Wertvoll bin ich trotzdem. Ich sollte Kira also davon überzeugen, mich in die Schule mitzunehmen. Leonie wäre bestimmt beeindruckt und Kiras Problem gelöst. Nur: Wie mache ich ihr das klar?
Kira seufzt noch einmal.
»Und Leonie ist nicht mein einziges Problem. Momentan ist echt alles Mist.«
Mist? Von den Ziegen? Da scheint ja eine ganze Herde unterwegs zu sein!
»Weißt du, Winston, mit Mama stimmt irgendetwas nicht. Wir haben doch diesen Ärger mit Vadim gehabt. Aber komischerweise ist Mama immer noch nicht froh, obwohl wir ihn doch endlich los sind. Nachts, wenn sie denkt, dass ich schon schlafe, heult sie heimlich in ihr Kissen. Ich glaube, sie hat wegen des Mistkerls richtig Stress mit der Polizei.«
Oje, das ist gar nicht gut! Ärger mit der Polizei klingt deutlich schlechter als Ärger mit Ziegen. Egal, ob mit vier- oder zweibeinigen! Ich kuschle mich enger an Kira. Körperkontakt ist schließlich immer gut in dieser bösen Welt! Kira streichelt über meinen Bauch und erzählt weiter:
»Mama will es zwar nicht zugeben, aber ich habe gesehen, dass sie neulich einen Brief von der Polizei erhalten hat. Sie muss auf das Präsidium kommen und dort Fragen beantworten.«
Kiras Stimme klingt nun ganz düster. Und auch ohne dass ich weiß, was genau ein Präsidium ist, ahne ich, dass es hier um richtig viel Ärger geht. Und zwar die Sorte Ärger, die sich auch nicht dadurch beheben lässt, dass man irgendwo mit einem dicken Auto hinfährt oder Klamotten von Herrn Hollister trägt.
In meinem Hals bildet sich ein Kloß. Als Kater bin ich eher ein Einzelgänger und hänge mein Herz nicht gleich an den erstbesten Zweibeiner – aber ich muss zugeben, dass ich Kira mittlerweile schon ganz schön gern mag und die Aussicht, dass sie in ernsthafte Schwierigkeiten geraten könnte, mir gerade überhaupt nicht gefällt. Wie kann ich ihr bloß helfen?
»Wenn mir Mama doch bloß erzählen würde, was das Problem ist! Dann könnten wir gemeinsam einen Schlachtplan entwerfen und vielleicht könnte uns sogar dein Herrchen, der Professor, helfen. Der ist doch so schlau, dem fällt bestimmt etwas ein. Aber leider will Mama wohl auf keinen Fall, dass Professor Hagedorn etwas von ihren Schwierigkeiten mitbekommt. Und ich soll auch nichts merken. Es ist echt zum Verzweifeln! Mein Leben gefällt mir gerade überhaupt nicht!« Wieder ein abgrundtiefer Seufzer.
Also nein – das darf auf keinen Fall so bleiben! Bei meinen langen Schnurrbarthaaren: Ich, Winston, werde dafür sorgen, dass Kira schon bald wieder ein glückliches Mädchen sein wird. Oder zumindest kein unglückliches mehr. Ich weiß zwar noch nicht, wie ich das anstellen kann. Aber irgendetwas wird mir schon einfallen. Schließlich bin ich ein Kater und einem Kater kommt immer eine gute Idee. Sonst hätte ich ja gleich ein Hund werden können!
Der erste Gedanke ist oft der beste. Ich beschließe deshalb, meine Idee, mich in Kiras Schule zu mogeln und dort die doofe Leonie zu beeindrucken, gleich am nächsten Tag in die Tat umzusetzen. An dem Ärger mit der Polizei kann ich als Kater vermutlich sowieso nichts ändern. An dem Ärger mit den Ziegen schon! Ich muss nur eine günstige Gelegenheit abpassen, um aus der Tür zu kommen, dann laufe ich einfach hinter Kira her. Kann so schwer eigentlich nicht sein.
Während ich mir in den letzten Wochen angewöhnt habe, mich wieder aufs Ohr zu hauen, sobald Kira im Bad verschwunden ist, springe ich an diesem Morgen aus meinem Körbchen und sause zur Wohnungstür. Vor dem Frühstück holt Anna nämlich immer die Zeitung von unten, und das ist meine Chance, unbemerkt aus der Wohnung zu kommen. Denn Anna lässt die Tür normalerweise einen Spalt offen. Mein Plan ist, dass ich mich im Flur verstecke und so lange warte, bis Kira die Wohnung verlässt. Das dürfte niemandem auffallen.
Tatsächlich achtet Anna überhaupt nicht auf mich, als sie die Tür öffnet und zum Zeitungskasten geht. Ich schleiche nach draußen und springe die Treppenstufen zum nächsten Stockwerk hoch. Hier warte ich, bis ich Kiras Schritte höre, sause hinter ihr her und erwische sie, kurz bevor sie die Haustür öffnet.
»He, Winston, was machst du denn hier?« Kira ist natürlich völlig überrascht, schickt mich aber nicht wieder in die Wohnung. Sehr gut! Teil eins meines Plans hat schon mal geklappt. Jetzt muss ich Kira nur noch klarmachen, dass ich sie begleiten will. Und zwar ohne Leine!
»Willst du wieder zu deinen neuen Freunden in den Hof?« Ich fauche laut und deutlich und hoffe, dass das als klares Nein zu verstehen ist. Kira guckt mich ratlos an. »Willst du nicht? Hm, was willst du dann? Einfach spazieren gehen? Aber dafür habe ich jetzt leider keine Zeit. Ich muss in die Schule.« Genau! Ich auch! Ich versuche es mit einem lang gezogenen Schnurren. Kira schüttelt ungläubig den Kopf.
»Willst du etwa mit in die Schule?« Bingo! Hundert Punkte! Sehr schlaues Mädchen! Ich streiche ihr um die Beine und schnurre weiter. »Hm, ich glaube nicht, dass ich dich dahin mitnehmen darf. Das ist bestimmt gegen die Regeln.« Pah! Regeln sind etwas für Feiglinge – und nichts für Katzen! Wir müssen es der fiesen Leonie zeigen! Da können wir uns mit solchen Kleinigkeiten wie den Schulregeln nicht lange aufhalten.
Ich klebe mittlerweile förmlich an Kiras Beinen. Sie kichert, bückt sich und hebt mich hoch.
»Okay, Winston. Ich nehme dich mit. Aber du musst mir versprechen, dich eins a zu benehmen. Noch mehr Ärger kann ich momentan überhaupt nicht gebrauchen. Klar?«
Klar wie Kloßbrühe. Ich maunze laut.
»Gut. Dann komm mit!«
Hurra! Auf zu den Ziegen!