Richard Bolitho musterte sein Spiegelbild so kritisch, als hätte er einen zur Beförderung anstehenden jungen Offizier vor sich.
Über die Schulter sagte er:»Ich weiß es zu schätzen, daß du hiergeblieben bist, Thomas. «Dann wandte er sich um und musterte Herrick voller Zuneigung; sein Freund und Gefährte saß vorn auf der Stuhlkante und hielt sich an einem halbvollen Glas Wein fest.»Obwohl ich befürchte, daß unsere Nerven in einem Zustand sind, der uns nicht zur Ehre gereicht.»
Immer noch hatte er sich nicht an den Gedanken gewöhnt, daß er wieder daheim in Falmouth war. Zuviel war geschehen: die langsame, mühselige Heimfahrt nach Plymouth, die ersten dringenden Reparaturen an den schwer mitgenommenen Schiffen des
Geschwaders, dann der Abschied und das Gedenken an jene, die nie wieder den Fuß auf englischen Boden setzen würden. Wie still das Haus war! Er konnte sogar Vogelstimmen draußen vor den Fenstern hören, die jetzt im Oktober schon geschlossen gehalten wurden. Es war still wie auf einem Schiff vor der Schlacht oder nach einem Sturm.
Herrick rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl herum und blickte an seiner neuen Uniform hinunter.
«Konteradmiral bin ich jetzt«, sagte er, und es klang immer noch ungläubig.»Aber auch nur so lange, bis der Friedensvertrag unterzeichnet ist.»
Bolitho mußte über Herricks Unbehagen lächeln. Noch hatte die Admiralität keine offizielle Stellungnahme zur Vernichtung der französischen Invasionsflotte abgegeben, aber in bezug auf Herrick hatten Ihre Lordschaften gesunden Menschenverstand bewiesen.
Leise sagte er:»Konteradmiral Thomas Herrick, das klingt gut und ist ehrlich verdient. Ich freue mich für dich!»
Herrick schob trotzig das Kinn vor.»Und du selbst? Womit wirst du für deine Leistungen belohnt?«Warnend hob er die Hand:»Jetzt kannst du mir nicht mehr den Mund verbieten, wir sind gleichgestellt. Das hast du selbst zugegeben. Ich werde es mir von der Seele reden, und dann Schluß damit.»
Bolitho nickte.»Na gut, Thomas.»
«Also dann: Jeder im Land weiß, daß der Friedensvertrag nur noch unterzeichnet werden muß, daß die Kämpfe überall eingestellt wurden — und zwar deshalb, weil die Franzosen plötzlich auf einen Waffenstillstand drängen. Weshalb wohl, frage ich dich?»
«Sag du es, Thomas.»
Bolitho wandte sich wieder dem Spiegel zu. Jetzt, da der große Tag gekommen war, fühlte er sich unsicher und nervös. Noch in dieser Stunde sollte ihm Belinda angetraut werden. Das war sein größter Wunsch gewesen und hatte ihm auch in den schrecklichsten Stunden in Frankreich oder auf See Halt gegeben.
Aber angenommen, sie hatte es sich insgeheim anders überlegt? Sie würde zu ihrem Wort stehen, das bezweifelte er keinen Augenblick, aber dann geschah es um seinet — , nicht um ihretwillen. Im Vergleich dazu schien ihm Herricks Verärgerung über das mangelnde Interesse der Admiralität an Richard Bolithos Zukunft ganz unbedeutend.
Aber Herrick fuhr fort:»Es ist dein Verdienst, und niemand kann das leugnen! Seit sie ihre verdammte Invasionsflotte verloren haben, können die Franzosen nur noch bellen, nicht mehr beißen. Eine Landung in England jedenfalls können sie sich abschminken, diese, diese…«Vergeblich suchte er nach einem Schimpfwort, das seiner Verachtung entsprach, und schloß:»Jedenfalls war das kleinlich und unfair von Ihren Lordschaften. Ich werde befördert, obwohl ich bei Gott sehr viel lieber Kapitän wäre, und du bleibst, was du bist!»
«Ist dir der Abschied in Plymouth schwergefallen?»
Herrick nickte.»Sehr schwer. Ich wollte dem neuen Kommandanten der Benbow noch so vieles erklären, schließlich weiß er ja nicht, was sie leisten kann und was nicht. «Er hob resigniert die Schultern.»Aber so geht's nun mal. Ich habe sie ordnungsgemäß übergeben und bin dann hierher nach Falmouth ge» faWhriens.c «hon damals, was, Thomas?»
«Aye. «Herrick erhob sich und stellte das Weinglas nachdrücklich auf den Tisch.»Aber heute ist ein ganz besonderer Tag. Wir wollen ihn gebührend feiern. Ich bin froh, daß wir zu Fuß zur Kirche gehen. «Offen sah er Bolitho in die Augen.»Belinda ist zu beneiden. Und du auch.»
Allday trat ein und brachte ihre Hüte. In der neuen Jacke mit Goldknöpfen und den Nanking-Breeches sah er sehr schmuck aus und erinnerte in nichts mehr an den wilden Enterer auf dem Achterdeck des französischen Flaggschiffs.
«Sie bekommen Besuch, Sir.»
Herrick stöhnte auf.»Schick ihn oder sie zum Teufel, Allday. Dies ist wirklich nicht der rechte Zeitpunkt für Besuche.»
Eine hohe schlanke Gestalt schob sich durch die Tür und verbeugte sich formell.
«Bei allem Respekt, Sir, aber kein Admiral kann ohne seinen Adjutanten vor den Traualtar treten. «Bolitho eilte durchs Zimmer und packte Brownes beide Hände.
«Oliver! Welche Freude!»
Browne lächelte zurückhaltend.»Und eine lange Geschichte, Sir. Unser Boot wurde von einem amerikanischen Handelsschiff gesichtet. Es nahm uns an Bord, wollte aber leider unseretwegen keinen Nothafen anlaufen, sondern setzte uns erst in Marokko an Land. «Er hielt inne und studierte Bolithos Gesicht.»Wohin ich auch kam, überall wurde von Ihrem großen Sieg gesprochen. Aber ich hatte Sie ja gewarnt: Die Admiralität sieht Beauchamps Pläne und ihren Vollstrecker mit ganz anderen Augen an. «Er musterte Herricks neue Epauletten und fügte hinzu:»Einer hat immerhin den verdienten Lohn erhalten, Sir.»
«Junger Mann, Sie sind zur rechten Zeit gekommen«, sagte Herrick.
Browne trat zurück und ließ Bolitho den Vortritt. Der warf vor der Tür einen Blick in die Runde. Seine Hochzeit sollte ohne viel Aufhebens und ganz intim vonstatten gehen, aber trotzdem schien das ganze Gesinde, sein Steward Ferguson eingeschlossen, ihm schon zur Kirche vorausgeeilt zu sein.
Leise sagte er zu Browne:»Ihre gesunde Heimkehr, Oliver, freut mich mehr, als ich Ihnen sagen kann. Es ist, als sei mir eine Last von den Schultern genommen. «Damit winkte er seine drei Freunde heran.»Und jetzt wollen wir gemeinsam hinuntergehen.»
Als sie auf dem Dorfplatz ankamen und den Weg zur alten Kirche einschlugen, sah Bolitho zu seiner Überraschung, daß sie von einer Menge städtisch gekleideter Zuschauer erwartet wurden.
Während die drei Marineoffiziere mit einem vergnügten Allday auf den Fersen die Kirchentreppe erklommen, begannen einige in der Menge zujubeln und ihre Hüte zu schwenken; ein Mann, dem man den ehemaligen Matrosen ansah, rief durch die hohlen Hände:»Viel Glück! Ein Hoch auf unseren Dick!»
«Was ist bloß los, Thomas?»
Ungerührt zuckte Herrick die Achseln.»Vielleicht Markttag. «Allday nickte und verkniff sich ein Grinsen.»Das wird's wohl sein, Sir.»
Vor dem Portal verhielt Bolitho und lächelte den erwartungsvollen Gesichtern zu. Einige davon kannte er, sie gehörten Menschen, mit denen er aufgewachsen war. Andere waren ihm fremd, sie mußten aus den Dörfern der Umgebung, ja sogar aus Plymouth gekommen sein.
Mochten die Politiker und die Admiralität denken und handeln, wie sie wollten, für diese Bürger hier war es ein besonderer Tag. Denn wieder einmal war Richard Bolitho gesund in das graue Haus unterhalb von Pendennis Castle heimgekehrt: kein Fremder, sondern einer von ihnen.
Die Kirchturmuhr schlug, und Bolitho flüsterte Herrick zu:»Laß uns hineingehen, Thomas.»
Herrick tauschte mit Browne einen belustigten Blick. Noch nie hatten sie Bolitho so verlegen gesehen.
Das Portal öffnete sich, und wieder wurde Bolithos emotionales Gleichgewicht erschüttert: Das Kirchenschiff war voller Menschen. Als Bolitho an ihnen vorbei nach vorn schritt, erkannte er darunter viele Matrosen und Offiziere seines Geschwaders. Eine ganze Reihe nahmen seine Kommandanten ein, die mit ihren Frauen und sogar mit Kindern erschienen waren. Inch saß da, einen Arm in der Schlinge, zusammen mit seiner hübschen Frau. Verri-ker, der wie stets den Kopf leicht schräg hielt, damit er nichts überhörte. Auch Valentine Keen, dessen Nicator das letzte Franzosenschiff bis vor die Rohre der Küstenbatterie verfolgt hatte. Dann Duncan und Lapish, auch Lockhart von Ganymede. Nancy, Bolithos jüngere Schwester, stand neben ihrem Mann, dem Richter. Schon tupfte sie sich die Tränen von den Wangen, lächelte aber zur gleichen Zeit, und sogar ihr gestrenger Gemahl sah ausnahmsweise zufrieden aus. Einige von ihnen mußten sich an jenen Tag vor sieben Jahren erinnern, als Richard Bolitho, damals noch Kapitän wie sie jetzt, hier auf seine erste Frau gewartet hatte. Bo-litho sah sich nach Herrick um. Allday hatte sich zurückgezogen, und Browne stand neben Dulcie Herrick, deren Hand auf seinem Ärmel ruhte.»Tja, alter Freund, da hat man uns nun allein gelassen. «Herrick mußte lächeln.»Aber bestimmt nicht für lange.»
Auch seine Gedanken schweiften in die Vergangenheit, was sich an diesem Ort eben schwer vermeiden ließ. Die Wandtafeln hinter der Kanzel, die alle den Namen eines Bolitho trugen, erzählten die Familiengeschichte: angefangen von Kapitän Julius Bolitho, der in Falmouth zu Tode gekommen war, als er gegen die Roundheads[16] kämpfte, die Pendennis Castle abriegelten. Und ganz unten eine einfache Platte mit der Inschrift:»Leutnant Hugo Bolitho, geboren 1752, gestorben 1782. «Dicht daneben hing eine andere, die nach Herricks Schätzung erst vor kurzem angebracht worden war:»Zum Gedenken an Mr. Selby, Steuermann auf seiner Majestät Linienschiff Hyperion, 1795.»
Ja, hier wurde einem das Vergessen wirklich schwergemacht.
Dann sah er, daß Bolitho sich straffte und dem Seitenschiff zuwandte, wo eine Tür sich geöffnet hatte.
Die Orgel begann zu spielen, und ein Raunen der Erwartung ging durch das Kirchenschiff, als Leutnant Adam Pascoe mit Bo-lithos Braut am Arm langsam zum Altar schritt. Bolitho vermochte den Blick nicht abzuwenden aus Angst, ihm könnte ein Detail entgehen. Denn Belinda war überwältigend schön, und Adam mußte so aussehen wie er selbst in seiner Jugend.
Dann sah er, daß Belinda den Blick zu ihm hob und ihn anlächelte. Er reichte ihr die Hand und führte sie die letzten Stufen zum Altar hinauf. Sanft drückte sie seine Hand, und Herrick hörte, wie er ihr zuflüsterte:»Endlich haben wir Frieden.»
Dann schritt auch Herrick die Stufen hinan und stellte sich neben das Paar. Er bezweifelte, daß auch nur einer unter den Zuhörern verstand, was Bolitho mit diesem letzten Satz gemeint hatte. Daß er selbst nur zu gut verstand, machte ihn stolz.
Ende