GESTÄNDNIS
18.15 Uhr
An Inspektor Jennings: Ich habe nunmehr die ganze Geschichte von Dr. Fell erfahren, umgekehrt hat er meine gehört. Ich glaube zwar, rechtsgültige Schriftstücke werden gewöhnlich mit dem Terminus »im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte« oder so ähnlich begonnen. Ich vertraue jedoch darauf, daß man es mir nachsieht, wenn ich mich nicht an eine vorgeschriebene Form halte. Sie ist mir unbekannt.
Ich will versuchen, offen zu sein. Das soll mir leichtfallen, da ich mich nach Beendigung dieses Schreibens erschießen werde. Während unseres Gesprächs vor ein paar Minuten habe ich einen Moment lang mit dem Gedanken gespielt, Dr. Fell zu erschießen. Allerdings steckte nur eine Kugel im Revolver. Als ich ihm das Ding entgegenhielt, machte er eine Geste, als würde ihm ein Strick um den Hals gelegt; nach kurzem Überlegen war mir schnell klar, daß ein sauberer Abgang besser sei, als aufgehängt zu werden. Also legte ich die Waffe weg. Ich hasse Dr. Fell. Ich gestehe, daß ich ihn aus tiefster Seele hasse, weil er mich entlarvt hat, doch muß ich jetzt vor allem an mein eigenes Wohlergehen denken, ich habe kein sonderliches Verlangen danach, gehängt zu werden. Es soll sehr schmerzhaft sein, und Schmerzen habe ich noch nie mit besonderer Tapferkeit ertragen können.
Lassen Sie mich zu Beginn, um mir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, quasi als mein Vermächtnis feststellen, daß die Welt mich sehr schändlich behandelt hat. Ich bin kein Verbrecher. Ich bin ein Mann von Erziehung und Begabung, eine Zierde - wie ich glaube -jeder Gesellschaft, in der ich verkehre. Dies vermag mich zum Teil zu trösten. Meinen wirklichen Namen werde ich verschweigen, auch von meiner Herkunft werde ich nicht allzuviel berichten, damit man sie nicht ermitteln kann. Jedenfalls war ich seinerzeit wirklich einmal Student der Theologie. Unglückliche Umstände führten zu meiner Entlassung aus dem Seminar. Umstände, in die jeder junge Mann von gesunder und kräftiger Natur geraten kann, den aller Gottesdienst nicht für die Reize eines hübschen Mädchens unempfänglich gemacht hat. Daß ich Geld gestohlen haben soll, bestreite ich bis auf den heutigen Tag. Auch habe ich niemals versucht, den Verdacht auf einen Kommilitonen zu lenken.
Meine Eltern, die keinerlei Verständnis aufbrachten, verweigerten mir ihr Mitgefühl. Auch in diesem Fall mußte ich feststellen, daß die Welt gerade ihre Lieblingskinder besonders häßlich behandelt. Um es kurz zu machen: Ich fand keine Anstellung. Dabei waren meine Talente so weit gestreut, daß ich in kürzester Zeit Karriere gemacht hätte, hätte man mir nur die Chance gegeben. Doch außer subalternen Tätigkeiten bot sich mir nichts. Ich lieh mir Geld von einer Tante (sie ist mittlerweile tot, requiescat in pace!) und trieb mich in der Welt herum. Ich lernte die Armut kennen - jawohl, eines Tages mußte ich sogar hungern - und wurde eines solchen Lebens überdrüssig. Ich wollte mich irgendwo niederlassen, in Wohlstand leben, geachtet sein, all meine Talente entfalten können und die Süße der Behaglichkeit genießen.
Vor etwas mehr als drei Jahren traf ich auf einem Passagierdampfer, der von Neuseeland kam, den jungen Thomas Audley Saunders. Er erzählte mir, daß er durch den Einfluß eines gewissen Sir Benjamin Arnold (eines alten Freundes seines Onkels, der aber den Neffen nie gesehen hatte) diese großartige neue Stelle erhalten habe. Ich kannte mich in der Theologie gut aus, und so wurden wir Freunde auf der langen Reise. Ich brauche mich hier wohl nicht länger damit aufzuhalten. Jedenfalls starb der arme Kerl, kurz nachdem er England erreicht hatte. Erst da kam mir der Gedanke, daß ich verschwinden und dafür ein neuer Thomas Saunders in Chatterham auftauchen könnte. Angst vor Entdeckung hatte ich nicht. Ich wußte genug von seiner Vergangenheit, um seinen Platz einnehmen zu können, und sein Onkel verließ Auckland praktisch nie. Ich mußte natürlich einen Briefwechsel aufrecht erhalten; doch indem ich meine gelegentlichen Briefe mit der Maschine tippte und die Unterschrift aus Saunders' Paß solange übte, bis ich sie hervorragend imitieren konnte, war ich vor Entdeckung geschützt. Er hatte zwar Eton besucht, jedoch Theologie am St. Bonifatius College in Neuseeland studiert, so daß es nicht sehr wahrscheinlich war, daß ich jemals auf alte Freunde von ihm stoßen würde.
Das Leben hier hatte, da es geruhsam und in jedem Sinne pastoral war, kaum Höhepunkte. Zwar war ich nun ein Gentleman, wünschte mir jedoch - wie alle anderen auch - reich und unabhängig zu sein. Doch ich mußte meine Gelüste zügeln, damit meine Predigten auch tatsächlich überzeugend und glaubwürdig wirken konnten. Ich kann deshalb mit Stolz sagen, daß ich die Gemeindekasse korrekt geführt habe, und nur ein einziges Mal -als ein Hausmädchen aus dem Bezirk mir wegen vorgefallener Handgreiflichkeiten einen Skandal androhte - habe ich, unter dem Zwang unerbittlichster Notwendigkeit, die Bücher ein wenig korrigieren müssen. Doch ich wünschte mir ein angenehmeres Leben, will sagen: in Hotels auf dem Kontinent, mit Dienern und gelegentlichen amourösen Affären.
In meinem Gespräch mit Dr. Fell mußte ich erfahren, daß er wirklich fast alles weiß. Aus Anthony Starberths Tagebuch, das Mr. Timothy Starberth mir freundlicherweise einmal zeigte, zog ich die gleichen Schlüsse wie zwei Jahre später Dr. Fell. Ich kam zu dem Ergebnis, daß im Brunnen im Hexenwinkel ein Schatz verborgen sei. Wenn er leicht verkäuflich war, etwa aus Gold, Silber oder Juwelen bestand, dann konnte ich augenblicklich mein Amt aufgeben und verschwinden.
Doch auch hierbei brauche ich mich nicht länger aufzuhalten. Zufall, der abscheulichste Zufall, kam mir dazwischen. Warum erlaubt Gott nur so etwas? Ich hatte das Versteck gefunden, und zu meiner Freude enthielt es eine hübsche Sammlung von Edelsteinen. Durch mein früheres Leben kannte ich in London einen vertrauenswürdigen Mann, der auf höchst zufriedenstellende Weise Verkäufe in Antwerpen arrangieren konnte. - Ich mag dieses Wort »»arrangieren« nicht. Es stört meinen Prosastil, den manche liebenswürdigerweise mit der Klarheit Addisons verglichen haben. Doch jetzt steht's da. Um es noch einmal zu sagen: Ich fand die Steine. Ich schätzte, daß ihr Wert sich - niedrig angesetzt - auf circa fünftausend Pfund belief.
Es war (ich erinnere mich sehr genau) der Nachmittag des achtzehnten Oktober, als ich diese Entdeckung machte. Ich kniete bei sorgfältig abgeschirmtem Kerzenlicht im Brunnenversteck und stemmte gerade die eiserne Kassette auf, in der die Steine aufbewahrt waren. Da vernahm ich draußen vor dem Brunnen ein Geräusch. Ich sah gerade noch, wie das Seil sich bewegte und eine Gestalt vor der Öffnung verschwand, und hörte das unverkennbare Lachen von Mr. Timothy Starberth. Zweifellos hatte er bemerkt, daß irgend etwas im Brunnen nicht in Ordnung war. Er war herabgeklettert, hatte mich bei der Arbeit gesehen und stand jetzt lachend wieder oben. Ich darf hier wohl anfügen, daß er stets eine höchst unerklärliche Abneigung, nein, einen Haß gegen die Kirche und alle heiligen Dinge gehegt hat; nicht selten steigerte sich seine Haltung zur reinen Blasphemie. Er konnte mir - mehr als alle anderen - Schwierigkeiten bereiten. Selbst wenn er meinen Fund nicht bemerkt haben sollte (was aber unwahrscheinlich war), würde er doch, nach seiner Schadenfreude angesichts meiner eigentümlichen Beschäftigung zu schließen, alle meine Hoffnungen ruinieren.
An dieser Stelle muß ich nun auf einen seltsamen Zug meines Charakters hinweisen. Es gibt nämlich Gelegenheiten, bei denen ich offenbar jegliche Kontrolle über meine Reflexe verliere und sogar fast Freude daran habe, anderen körperlichen Schmerz zuzufügen. Schon als Kind habe ich Kaninchen lebendig begraben und Fliegen die Flügel ausgerissen. Seit ich erwachsen bin, läuft dies nun auf gewisse verwirrende Aktivitäten hinaus, an die ich mich nur höchst ungern erinnere, die ich sorgfältig verberge und die mich oft schon selbst erschreckt haben... Doch ich will fortfahren. Als ich hinaufkam, sah ich, daß er am Rand des Brunnens auf mich wartete, seine Reitsachen total durchnäßt. Er bog sich vor Lachen und schlug sich mit der Gerte auf die Knie. Die wertvolle Kassette hatte ich in meinem Mantel verborgen, in der Hand hielt ich das kleine Stemmeisen.
Als er mir während seines nicht enden wollenden Gelächters den Rücken zudrehte, schlug ich zu. Ich machte mir ein Vergnügen daraus, viele Male auf ihn einzuschlagen, selbst noch, als er bereits zu Boden gesunken war. Ich kann mich nicht damit brüsten, daß zu diesem Zeitpunkt der Plan, den ich dann faßte, bereits voll ausgereift war; doch er nahm schon Gestalt an, und ich beschloß, die Starberth-Legende von den gebrochenen Hälsen nutzbringend anzuwenden.
Ich brach ihm mit der Eisenstange das Genick, ließ ihn im Halbdunkel des Dickichts liegen und pfiff sein Pferd heran.
Ohne weiteres wird man meinen Schock verstehen können, als ich später, in einem ruhigeren Augenblick, erfuhr, daß er gar nicht tot war und mich zu sehen wünschte. Dr. Fell hat mir eben erst erzählt, daß es diese Tatsache war, die ihn argwöhnisch gegen mich werden ließ, daß nämlich Timothy Starberth mich zu sich ans Bett bestellte und daß er mich alleine sprechen wollte. Meine verständliche Aufregung nach diesem Gespräch, die ich nur schlecht verbergen konnte, war Dr. Fell aufgefallen. Um es kurz zu machen: Mr. Starberth erzählte mir, was Dr. Fell uns allen gegenüber bereits früher ausgeführt hat, namentlich seinen Plan, einen Bericht meiner Schuld in den Tresor des Gouverneurszimmers bringen zu lassen, damit die Mordanklage zwei Jahre lang über meinem Haupt schweben sollte. Als er mir das erzählte, wußte ich überhaupt nicht mehr, welchen Kurs ich einschlagen sollte. Am liebsten wäre ich ihm an die Gurgel gegangen. Doch das hätte nur zu einem Schrei und meiner sofortigen Verhaftung geführt. Ich hatte ja zwei Jahre, dachte ich dann, während derer ich sicher ein Mittel finden würde, seine Absicht zu unterlaufen. Als ich zu den anderen zurückging, achtete ich darauf, ihnen die Überzeugung einzuimpfen, daß der Alte verrückt geworden war - für den Fall, daß er mich in einem unbewachten Augenblick doch noch verriet.
Ich brauche hier wohl nicht die vielen Pläne auszubreiten, die ich im Laufe der Zeit entwickelte, um das Manuskript zu stehlen. Sie führten zu nichts. Statt also mein Amt quittieren und Chatterham verlassen zu können, war ich nun völlig machtlos. Zwar hätte ich in den zwei Jahren um die halbe Erde fliehen können, doch es gab einen überwältigenden Grund, der gegen eine Flucht sprach:
Wenn ich verschwand, würde man Nachforschungen nach Thomas Saunders anstellen. Unausweichlich würde zu Tage kommen, daß der wirkliche Thomas Saunders bereits tot war - außer natürlich, ich würde mich zeigen, wann immer man nach mir suchte, und so alle Nachforschungen stoppen. Wenn ich Handlungsfreiheit gehabt hätte, ohne diese Mordanklage im Rücken, dann hätte ich mich auch jederzeit zeigen können; ich wäre einfach der von seinem Pfarramt zurückgetretene Thomas Saunders gewesen. War ich jedoch Thomas Saunders, der Flüchtling - was dann für immer meine Rolle gewesen wäre -, dann hätte man entdeckt, was aus dem echten Geistlichen aus Auckland geworden war, und man hätte mich unweigerlich irgendwelcher Machenschaften gegen ihn verdächtigt. In jedem Fall also hätte ich es, wenn ich mich aus dem Staub gemacht hätte, mit einer Mordanklage zu tun gehabt. Die einzige Möglichkeit, die mir demnach blieb, war, auf irgendeine Weise das Manuskript aus dem Safe zu entwenden.
Zu diesem Zweck bemühte ich mich, vor seiner Abreise nach Amerika das Vertrauen des jungen Mr. Martin Starberth zu gewinnen. Ohne daß man mir mangelnde Bescheidenheit vorwerfen wird, glaube ich sagen zu können, daß die Ausstrahlung meiner Persönlichkeit groß genug ist, um jeden - wen auch immer ich mir erwähle - zu meinem treuen Freund zu machen. Jedenfalls gelang mir das mit Martin, der zwar ein wenig eingebildet und dickköpfig, andererseits aber auch ein sehr liebenswerter junger Mann war. Er erzählte mir von den Schlüsseln zum Tresor, den Umständen der Nachtwache und all seinen Aufgaben am Abend seines fünfundzwanzigsten Geburtstages. Schon damals, es ist jetzt knapp zwei Jahre her, war er nervös. Die Zeit verging, und ich erkannte an seinen Briefen aus Amerika, daß seine Angst inzwischen beinahe pathologisch geworden war (wenn mir ein solcher Ausdruck gestattet ist), und ich mir möglicherweise beides, seine Angst und die Hingabe seines Vetters Herbert an den brillanteren Martin, mit guten Erfolgsaussichten zunutze machen konnte. Meine Absicht war natürlich, in den Besitz dieses Papiers zu gelangen. Unglücklicherweise war ich dabei gezwungen, Martin - den ich wirklich sehr mochte - zu töten und als eine notwendige Folge davon den Tod seines Vetters Herbert mit einzukalkulieren. Jeder wird einsehen, daß meine Lage wirklich prekär war.
Ich habe bereits daraufhingewiesen, daß mein Plan auf Martins Angst und Herberts Heldenverehrung beruhte, doch es gab noch einen dritten Faktor: Die beiden jungen Männer waren sich, was Statur und allgemeine Erscheinung angeht, überraschend ähnlich. Aus einiger Entfernung konnte man sie leicht miteinander verwechseln.
Ich zog sie ins Vertrauen und unterbreitete ihnen meine Überlegungen. Für Martin war es danach nicht mehr nötig, sich dem Schrecken seiner Nachtwache zu unterwerfen. In der bezeichneten Nacht sollten sie, direkt nach dem Abendessen, auf ihre jeweiligen Zimmer gehen. Damit niemand dazwischenkam und die Täuschung bemerkte, sollte Martin deutlich machen, daß er nicht gestört zu werden wünschte. Herbert sollte Martins Kleidung anlegen und Martin die von Herbert. Um einen Zeitverlust bei der Wiederherstellung der alten Identitäten zu vermeiden, schlug ich vor, daß Herbert einen Satz eigener Kleidung und einen von Martins Sachen in eine Tasche packen und Martin mitgeben sollte. Diese Tasche sollte Martin auf den Gepäckträger von Herberts Motorrad packen und sich dann sofort - durch den Hinterausgang - zum Pfarrhaus aufmachen. Zur richtigen Zeit sollte Herbert, in Martins Kleidung und versehen mit dessen Schlüsseln, zum Gouverneurszimmer aufbrechen und die Anweisungen befolgen, genau wie es die Familientradition der Starberths vorschreibt.
Dies, wohlgemerkt, ist das, was ich den beiden erzählte. Meine eigenen Pläne sahen anders aus. Doch lassen Sie mich fortfahren. Genau um Mitternacht sollte Herbert das Gouverneurszimmer wieder verlassen. Martin sollte ihn dann, nachdem er im Pfarrhaus seine eigenen Sachen wieder angezogen hatte und zurückgefahren war, auf der Straße vor dem Gefängnis erwarten. Dann würde Herbert seinem Vetter die Schlüssel, die Lampe und den schriftlichen Beweis seiner ordnungsgemäß durchstandenen Nachtwache aushändigen, und Martin würde zu Fuß zum Herrenhaus zurückkehren. Herbert sollte sodann das Motorrad nehmen, zur Pfarrei kommen, dort seine Kleider wechseln und ebenfalls zurückkehren, nachdem er angeblich während der Bewährungsprobe seines Vetters bloß eine Fahrt über Land gemacht hatte, um die Spannung von sich abzuschütteln.
Meine eigenen geheimgehaltenen Absichten dabei, das brauche ich wohl nicht extra zu betonen, waren erstens, mir selbst ein bombensicheres und unerschütterliches Alibi zu verschaffen und es, zweitens, so aussehen zu lassen, als sei der Mord an Martin die Tat Herberts. Um das zu erreichen, setzte ich hartnäckig auf ihren Familienstolz, welcher ja, für sich genommen, ein sehr begrüßenswerter Wesenszug ist. Ich legte ihnen nahe, auf welche Weise -auch wenn der strikte Wortsinn der Bewährungsprobe nicht eingehalten würde - dennoch ihr Geist bewahrt werden könnte. Herbert sollte nämlich die Eisenkassette aus dem Tresor öffnen, ohne jedoch irgend etwas von deren Inhalt eingehender zu untersuchen. Vielmehr sollte er stattdessen alles in seine Tasche stecken und es um Mitternacht, wenn sie sich vor dem Gefängnis wieder treffen würden, Martin aushändigen. Auf dem Rückweg zum Herrenhaus konnte Martin sich dann alles in Ruhe ansehen. Falls Mr. Payne anderntags protestieren sollte, weil aus der Kassette etwas entnommen worden war, das nicht hätte herausgenommen werden sollen, dann konnte Martin glaubhaft einen Irrtum vorschützen. Ein harmloser Schnitzer nur, denn sein Unternehmen bewies ja in jedem Fall, daß er den Sinn dieser Bewährungssprobe erfüllt und eine Stunde im Gouverneurszimmer verbracht hatte.
Mein eigenes Vorgehen war klar. Sobald Martin ins Pfarrhaus kam - es durfte nicht später sein als einundzwanzig Uhr dreißig -, konnte ich ihn dort erledigen. Sehr zu meinem Bedauern habe ich seinen Tod nicht gänzlich schmerzlos herbeiführen können. Doch ein Schlag mit einer Eisenstange ließ ihn bewußtlos werden, bevor ihm das Genick gebrochen und die anderen Verletzungen beigebracht wurden. Dann konnte er, ohne daß ich Verdacht erregte, in meinem Wagen zum Hexenwinkel transportiert und dort neben dem Brunnen plaziert werden. Der Wetterbericht hatte trübes und regnerisches Wetter prophezeit, was sich als zutreffende Voraussage erwies. Danach begab ich mich zu Dr. Fell. Ich hatte bereits vorgeschlagen, gemeinsam das Fenster des Gouverneurszimmers im Auge zu behalten. Ich war mir sicher, daß es kein besseres Alibi für mich gab. Wenn später, genau um Mitternacht, das Licht im Gouverneurszimmer pünktlich verlöschte, hätte sich auch die Unruhe der Zuschauer wieder gelegt. Man hätte angenommen, Martin habe seine Nachtwache sicher überstanden. Kurz darauf wäre ich gegangen. Ich war mir sicher, daß Herbert so lange geduldig vor dem Gefängnis warten würde, wie ich nur wollte, denn er wartete ja auf seinen Vetter; und sehen lassen würde er sich auch nicht. Je später ich kam, desto besser. Sobald ich bei Dr. Fell weggefahren wäre, hätte ich den Wagen wieder abgestellt und wäre mit Herbert zusammengetroffen. Ich hätte ihn informiert, daß sein Vetter sich unglücklicherweise während meiner Abwesenheit im Pfarrhaus schwer betrunken habe - eine Behauptung, die bei seinem Verhalten sehr nahelag - und daß es notwendig sei, daß Herbert mich begleite, um Martin wieder auf die Beine zu bringen, bevor Miss Starberth sich Sorgen machte.
Mit den Schlüsseln, der Lampe und dem Inhalt der Kassette wäre er mit mir zur Pfarrei gefahren. In seinem Fall gab es keine Notwendigkeit für Manipulationen. Eine Kugel reichte aus. Später in der Nacht hätte ich dann gefahrlos zum Gefängnis zurückkehren und sicherstellen können, daß Herbert dort nichts übersehen hatte. Zwar hatte ich zunächst versucht, einen Anlaß zu finden, ihn auch noch die Balkontüre öffnen zu lassen. Doch dann fürchtete ich, er könnte Verdacht schöpfen, und beschloß, dieses Arrangement lieber selbst vorzunehmen.
Was tatsächlich geschah, brauche ich hier wohl kaum zu rekapitulieren. Nur in einem Punkt (auf den ich noch hinweisen werde) ging mein Plan schief, doch meine Geistesgegenwart bewahrte mich vor einer gefährlichen Situation. Aber dann war's reiner Zufall, der mich besiegte. Herbert wurde von dem Butler gesehen, als er die zu wechselnden Kleidungsstücke einpackte; das wies auf Flucht hin. Und Martin - den man für Herbert hielt - wurde gesehen, als er den rückwärtigen Weg mit dem Motorrad entlangfuhr; ein weiteres Anzeichen für Flucht. Miss Starberth betrat gerade die Eingangshalle (unvorhergesehener Zufall), als Herbert in Martins Rolle das Haus verließ. Sie sah ihn nur noch von hinten, zudem aus einiger Entfernung und bei trübem Licht. Als sie ihn anrief, murmelte er bloß irgend etwas, um Betrunkenheit zu simulieren; auf diese Weise blieb der Rollentausch unentdeckt. Nicht ein einziges Mal wurde einer der beiden direkt angesprochen oder unmittelbar von Angesicht zu Angesicht gesehen, während er in die Identität des anderen geschlüpft war. Auch als Budge die Fahrradlampe in Martins Zimmer hinaufbrachte, wo Herbert bereits auf ihn wartete, hat er niemandem, wie er es erzählte, die Lampe direkt übergeben; vielmehr ließ er sie einfach vor der Tür stehen. Und als Budge, während er die Lampe aus dem Schuppen holte, Martin auf dem Motorrad sah, war das im Dunkel der Nacht und Martin fuhr gerade weg.
Ich unterzog Martin seiner tödlichen Behandlung. Ich gestehe, daß ich dies nur zögernd tat, denn er hatte mir fast unter Tränen immer wieder die Hand gedrückt und mir gedankt, daß ich ihn vor seiner größten Bedrängnis bewahrt hatte. Doch ein plötzlicher Schlag, als er sich gerade über die Whisky-Karaffe beugte, und ich war für meine Arbeit stimuliert. Er war ein Leichtgewicht. Da ich zu den kräftigeren Männern zähle, hatte ich danach nicht die geringsten Schwierigkeiten. Ein rückwärtiger Weg, der hinter Yew Cottage entlangführt, brachte mich in die Nähe des Gefängnisses. Ich legte die Leiche neben den Brunnen unter den Balkon und fuhr dann zu Dr. Fett zurück. Zunächst hatte ich noch mit der Idee gespielt, die Stahlspitzen des Brunnens durch den Toten zu bohren -als realistisches Detail sozusagen, das von der Geschichte um Anthonys Tod gestützt wurde-, doch dann ließ ich diese Absicht wieder fallen. Es hätte ein bißchen zu gut gepaßt, es wäre eine allzu konstruierte Bestätigung des Fluches der Starberths gewesen.
Meine einzige Sorge war, daß Herbert sicher aus dem Haus kam. Denn, ohne von dem Toten schlecht reden zu wollen, darf ich doch sagen, daß er ein schwerfälliger und etwas tölpelhafter Junge war, der bei einem Notfall nicht allzu geistesgegenwärtig reagiert hätte. Schon meinen Plan hatte er nur widerstrebend aufgenommen und mit Martin darüber eine Reihe heftiger, fast bitterer Meinungsverschiedenheiten gehabt... Jedenfalls bin ich, wie Dr. Fell mir soeben erzählt hat, etwas übers Ziel hinausgeschossen, als wir im Garten darauf warteten, daß die Uhr elf schlug. Meine Aufregung in der kritischen Phase des Wartens und meine etwas überflüssige Frage nach Herbert machten ihn doch sehr nachdenklich. Aber ich hatte eine Periode stärkster emotionaler Anspannung hinter mir, nach der solche Symptome nur allzu natürlich waren.
Nun möchte ich mich mit einem weiteren Schlag des bösartigsten und teuflischsten Zufalls beschäftigen, durch den viele meiner Berechnungen über den Haufen geworfen wurden. Natürlich beziehe ich mich auf den zehnminütigen Zeitunterschied der Uhren. Eine ganze Weile habe ich mich gefragt, warum Herbert, da er doch sein Licht zehn Minuten zu früh löschte und damit beinahe eine Katastrophe heraufbeschwor -, warum er dann, fragte ich mich, fast pünktlich Schlag elf der richtigen Zeit im Gouverneurszimmer ankommen konnte? Doch die Antwort darauf wurde vorweggenommen - ich bedaure, das zugestehen zu müssen - durch Dr. Fells Befragung der Bediensteten im Herrenhaus. Herberts Uhr ging vor. Doch während er in Martins Zimmer wartete, blickte er natürlich auf die Uhr dort. Zuvor hatte er dem Hausmädchen befohlen, alle Uhren entsprechend seiner eigenen Zeit vorzustellen, und er ging davon aus, daß sie das auch getan hatte. Und eine große Uhr mit der richtigen Zeit hing, wie Dr. Fell bereits herausgefunden hat, in Martins Zimmer. Deshalb also verließ Herbert das Herrenhaus zur richtigen Zeit. Im Gouverneurszimmer dagegen hatte er nur seine eigene Uhr und verließ dieses zur falschen Zeit.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der junge Amerikaner (vor dem ich übrigens höchsten Respekt habe) - ohne daß dies ein Schwachpunkt meiner Kalkulation gewesen wäre, denn es handelte sich um den simplen Zufall - in eine gefährliche Höhe emotionaler Anspannung gesteigert. Er bestand darauf, über die Wiese hinüberzurennen. Ich versuchte, ihn davon abzubringen, denn es wäre verhängnisvoll gewesen, wenn er dabei auf den soeben das Gefängnis verlassenden Herbert gestoßen wäre. Das hätte mein Verderben bedeutet. Ab ich aber sah, daß es sinnlos war, ihn davon abhalten zu wollen, folgte ich ihm. Aber das Schauspiel eines Geistlichen, der ohne Hut wie ein Junge auf einer Landpartie durchs Gewitter rannte, blieb nicht unbeobachtet durch Dr. Fell; doch meine Gedanken waren mit anderem beschäftigt. Und dann sah ich, daß geschah, was ich erhofft hatte und was ja auch natürlich war - er rannte in Richtung des Hexenwinkels und nicht zum Eingang des Gefängnisses.
Daraufhin hatte ich eine Eingebung, auf die ich allerdings nicht stolz sein kann, da sie ein Teil meines Charakters und nicht meine eigene Leistung ist. Mir ging nämlich auf, wie ich diese Gefahr in einen Vorteil verwandeln konnte. Ich rannte - wie es für einen Mann mit reinem Gewissen nur natürlich war - zum Eingang des Gefängnisses. Ich hatte Herbert eindringlich darauf hingewiesen, sein Licht, das er auf dem Weg zum Gefängnis unbedingt zeigen sollte, auf dem Rückweg unter keinen Umständen aufleuchten zu lassen; ein Fremder könnte ihn ja mit Martin auf dem Weg sehen und Verdacht schöpfen.
Zeitlich lief alles mit einer Genauigkeit ab, die ich nur als die Frucht meiner harten Arbeit ansehen kann. Der Amerikaner verlief sich bei Nacht und Regen, und ich hatte ausreichend Zeit, mit Herbert zusammenzutreffen. Ich überzeugte mich, daß er die Dokumente hatte.
Während wir dort im Gewittersturm standen, erzählte ich ihm in aller Kürze, daß er sich - glückliche Eingebung! - verkalkuliert hatte und zehn Minuten zu früh war, weshalb Martin die Pfarrei noch nicht verlassen hätte. Außerdem sagte ich ihm, die Beobachter hätten Verdacht geschöpft und seien hinter uns her. Er solle zu Fuß und auf Umwegen zurück zur Pfarrei eilen. Ich hatte wirklich Angst, daß er sein Licht doch noch sehen lassen könnte, und riß ihm deshalb die Lampe aus der Hand, um sie später irgendwo im Wald loszuwerden.
Doch eine weitere plötzliche Eingebung wies mir eine bessere Möglichkeit. Außer bei gelegentlichen Blitzen konnte der Amerikaner so gut wie nichts sehen. Deshalb zertrat ich die Lampe, und da ich mich beeilte, ihn zu finden, ließ ich sie einfach in der Nähe der Mauer fallen. In solchen Krisen verblüfft einen doch immer wieder der eigene Verstand durch die Schnelligkeit und feingesponnene Kunstfertigkeit seiner Entwürfe.
Nun hatte ich nichts mehr zu befürchten. Herbert ging zu Fuß. Es war unmöglich, daß der Amerikaner Martins Leiche nicht finden würde; sollte er sie aber doch verpassen, war ich darauf vorbereitet, selbst darüber zu stolpern. Woraufhin man mich, der ich das einzige Auto weit und breit besaß, nach Chatterham schicken würde, um die Polizei oder den Arzt zu holen. Dann hatte ich genügend Zeit, Herbert in der Pfarrei zu erwarten.
Muß ich noch betonen, daß alles genau so ablief? Ich hatte in dieser Nacht übermenschliche Aufgaben zu erledigen, doch ich habe mich ihnen kühn gestellt; und nachdem ich Martin nun einmal getötet hatte, hätte die unbeschreibliche Stimulanz dieser Tat mich noch zu einem Dutzend weiterer Taten treiben können. Bevor ich zu Dr. Markley fuhr, hielt ich - wie ich später auch dem Chief Constable sagte - kurz am Pfarrhaus, um mir, was nur natürlich war, einen Regenmantel zu holen.
Ich hatte mich etwas verspätet, und so kam ich kaum zehn Sekunden vor Herbert dort an. Es wäre vielleicht klüger gewesen, ihn nahe herankommen zu lassen und ihn mit dem Lauf direkt zu berühren, um möglichst wenig Geräusch zu verursachen. Doch das Pfarrhaus liegt sehr einsam, und es bestand eigentlich keine Gefahr, daß ein Revolverschuß gehört werden würde. Außerdem schien es mir in diesem Augenblick besonders sportlich zu sein, ihn aus einiger Entfernung zwischen die Augen zu treffen.
Dann zog ich meinen Regenmantel an und fuhr mit Dr. Markley zurück zum Gefängnis.
Um ein Uhr war unsere ganze Arbeit erledigt. Ich hatte nun bis Sonnenaufgang noch einige Stunden, in denen ich meine Vorkehrungen vervollständigen konnte. Niemals zuvor habe ich mich so gedrängt gefühlt, alles so fein aufzuräumen wie jemand, der Spaß daran hat, sein Zimmer mit größter Sorgfalt zu säubern. Ich hätte Herberts Leiche - zumindest für eine Weile - im Keller verbergen können, wo ja auch das Motorrad, die Tasche und gewisse Utensilien, die ich für Martin gebraucht hatte, versteckt waren. Doch ich wollte nicht zu Bett gehen, ohne daß mein Haus (wenn ich so sagen darf) ordnungsgemäß bestellt war. Außerdem wollte ich den Mord an Martin ja dessen Vetter in die Schuhe schieben und durfte nichts dem Zufall überlassen.
Alles, was ich tat, tat ich in dieser Nacht. Es war keine schwere Arbeit, denn der Körper wog nicht sehr viel. Ich kannte den Weg im Schlaf und brauchte nicht mal eine Lampe. Wie oft war ich doch, einsam und allein, durch das Gefängnis gestreift, hatte auf dessen Mauern gestanden (häufig, fürchte ich, nicht ungesehen) und war historische Korridore entlangspaziert, ein passendes Zitat auf den Lippen... Ich kannte also meinen Weg auch im Dunkeln. Nun, da die Starberth-Schlüssel in meinem Besitz waren, hatte ich Zugang zum Gouverneurszimmer. Ich war immer unsicher gewesen, ob die Tür zum Balkon überhaupt abgeschlossen war oder nicht; auf jeden Fall konnte ich sie jetzt - dank der Schlüssel -öffnen. Das tat ich, und mein Plan war komplett.
Noch eins. Die eiserne Kassette mit den Dokumenten aus dein Tresor habe ich später in den Brunnen geworfen. Das tat ich, weil ich der teuflischen Schlauheit von Timothy, den ich getötet hatte, immer noch mißtraute. (Nein, ich fürchtete sie.) Ich befürchtete, ein zweites Dokument könne irgendwo, vielleicht in einem Geheimfach, verborgen sein. Ich wollte ganz sichergehen.
Es amüsiert mich, daran zu denken, wie ich letzte Nacht beinahe gefangen worden wäre. Diese Konferenzen bei Dr. Fell hatten mich mißtrauisch gemacht und deshalb hielt ich, gut bewaffnet, Wache. Jemand versuchte, mich aufzuhalten, und ich feuerte. Ich war sehr erleichert, als ich heute morgen erfuhr, daß es sich nur um den Butler Budge handelte. Weiter oben in diesem Bericht habe ich festgestellt, daß ich offen und ehrlich sein würde; diese Erklärung schränke ich hiermit ein. Denn über einen Punkt kann ich einfach nicht offen reden, selbst nicht im Bewußtsein, daß ich mir in den nächsten Minuten einen Revolver an die Schläfe halten und den Abzug betätigen werde. Manchmal nämlich erscheinen mir nachts Gesichter. Letzte Nacht glaubte ich wieder, eines zu sehen, und einen Augenblick lang gingen mir die Nerven durch. Doch ich will das hier nicht weiter ausbreiten. Solche Vorkommnisse beeinträchtigen nur die schöne Logik meiner Pläne. Ich bringe es nicht über mich, an dieser Stelle mehr dazu zu sagen.
Und nun, meine Herren, die Sie dieses hier lesen werden, bin ich fast am Ende. Die Geschäfte mit meinem Freund, dem Diamantenhändler, wurden im Laufe der Jahre zu meiner vollsten Zufriedenheit abgewickelt. Wir trafen uns nicht allzu häufig, um keinen Verdacht aufkeimen zu lassen. Ich war also vorbereitet. Als dann aber - Höhepunkt der bösartigen Schicksalsschläge - ein Brief meines »Onkels« eintraf, der erstmals seit zehn Jahren wieder nach England kommen wollte, da konnte ich das nur mit stiller Resignation akzeptieren. Kurz: Ich war es satt. Ich hatte schon zu lange gekämpft. Ich wollte nur noch weg von Chatterham. Deshalb erzählte ich die Neuigkeit von der Ankunft meines Onkels mit allen Einzelheiten überall offen herum. Als Vorwand drängte ich Sir Benjamin Arnold, ihn doch abzuholen - in dem klaren Bewußtsein, daß dieser das zurückweisen und darauf bestehen würde, daß ich selbst statt seiner führe. Dann wäre ich verschwunden. Mehr als zwei Jahre hatte ich über dem Schicksal und den böswilligen Streichen, die es mir gespielt hatte, gebrütet; ein ruhiges, ungestörtes Leben ohne alle Gefahren war nun nicht mehr das wichtigste. Dr. Fell hat mir freundlicherweise den Revolver hiergelassen. Doch ich will ihn noch nicht benutzen. Dieser Mann hat zuviel Einfluß bei Scotland Yard...
Ich wünschte, ich hätte ihn eben erschossen. Nun, da der Tod so nahe ist, könnte ich wohl die Vorstellung, aufgehängt zu werden, ertragen - wenn mir nur noch ein paar Wochen bis dahin blieben. Die Lampe ist bald ausgebrannt, und ich hätte es auch vorgezogen, mich auf eine vornehmere Art und Weise zu töten, mit großer Abschiedsgeste oder zumindest in angemessenerer Kleidung.
Jene Leichtigkeit, die mich beim Schreiben meiner Predigten immer beflügelte, scheint mich nun im Stich zu lassen. Habe ich Gott gelästert? Doch ein Mann meiner Begabung, so sage ich mir, kann schlechterdings so etwas nicht tun; denn meine Unterweisungen fanden doch - selbst wenn ich nie ordiniert wurde - stets höchsten Anklang. Wo war der Denkfehler in meinen Planungen? Das habe ich auch Dr. Fell gefragt. Das war der Grund, warum ich ihn noch sprechen wollte. Sein Verdacht gegen mich wurde zur Gewißheit, als ich - etwas übereilt, um mögliche Zweifel im Keim zu ersticken - behauptete, Timothy habe auf dem Totenbett ein Mitglied seiner Familie beschuldigt, ihn getötet zu haben. Das war übereilt, doch es war nur folgerichtig. Ach, wenn mir doch nur wirkliche Chancen in diesem Leben gegeben worden wären, echte Möglichkeiten für meine brillante Intelligenz! - Ich bin ein großer Mann. Nur schwer kann ich mich dazu durchringen, den Stift vom Papier zu lassen - denn dann muß ich dieses andere Ding in die Hand nehmen.
Ich hasse jeden. Ich würde die Welt ausradieren, wenn ich das nur könnte. Nun muß ich mich erschießen. Ich habe Gott gelästert. Ich, der ich insgeheim nie an Gott geglaubt habe, ich bete, ich bete... Gott stehe mir bei. Ich kann nicht mehr schreiben. Mir wird übel.
T. S.
Er erschoß sich nicht. Als sie die Tür zum Arbeitszimmer öffneten, stand er ohnmächtig bebend da- den Revolver halb zur Schläfe geführt, ohne den Mut, den Abzug zu betätigen.