Ich muß mich beeilen, diesen Tabakhändler noch zu erwischen«, erklärte das Mädchen unvermittelt. In der Absicht, gehört zu werden, hatte sie sehr laut gesprochen. »Lieber Gott, es ist schon nach sechs. Er legt mir doch jeden Tag eine Schachtel meiner Spezialsorte zurück, und wenn ich nicht komme... Hallo Martin!«
Sie trat auf die Straße und winkte Rampole, ihr zu folgen. Das Stimmengemurmel war verstummt. Mitten auf der Straße stand ein schmächtiger Mann, die Hand noch halb erhoben. Er hatte sich umgewandt und blickte ihnen entgegen. Sein Gesicht unter den dunklen Haaren war verwöhnt und selbstbewußt, das Gesicht eines Mannes, der bei Frauen gewöhnlich leicht ans Ziel kommt; ein verächtlicher Zug lag um seinen Mund. Zudem war er angetrunken und schwankte leicht. Im weißen Staub hinter ihm sah Rampole eine unregelmäßige Spur, die seinen Weg anzeigte.
»Hallo, Dot!« stieß er hervor. »Du kannst dich ja ganz schön an einen ranschleichen! Was soll das?«
Er sprach mit forciertem amerikanischem Akzent. Eine Hand auf dem Arm seines Begleiters, versuchte er sich würdevoll zu geben. Der andere war augenscheinlich ein Verwandter. Seine Gesichtszüge waren grob, wo die des ersten fein aussahen, seine Kleidung war nicht besonders vorteilhaft, und auch der Hut hatte nicht denselben nachlässigen Schwung wie der Martin Starberths. Dennoch hatten beide eine unbestreitbare Ähnlichkeit. Er wirkte verlegen, und seine Hände waren zu groß.
»Zum - zum Tee gewesen, Dorothy?« fragte Martin linkisch, »'tschuldigung, daß wir zu spät kommen. Wir - wir wurden aufgehalten.«
»Natürlich«, sagte das Mädchen ungerührt. »Darf ich vorstellen: Mr. Rampole, Mr. Martin Starberth, Mr. Herbert Starberth. Mr. Rampole kommt auch aus Amerika, Martin.«
»Sie sind Amerikaner?« erkundigte sich Martin lebhaft. »Das ist gut. Woher? New York? Das is' prima. Bin gerade da weg. Arbeite im Verlagsgeschäft. Wo wohnen Sie? - Bei Fell? Der alte Knacker. Kommen Sie mit, oben im Haus trinken wir einen zusammen.«
»Wir gehen zum Tee, Martin«, sagte Herbert mit phlegmatischer Geduld.
»Ach, zur Hölle mit dem Tee. Hören Sie, kommen Sie mit hinauf zum Haus - «
»Du gehst lieber nicht zum Tee, Martin«, sagte seine Schwester.
»Und bitte, trink auch nichts mehr. Sonst wäre es mir ja egal, aber du weißt, warum.«
Martin funkelte sie an. »Ich gehe doch zum Tee«, sagte er herausfordernd, »und ich werde mir auch noch einen kleinen Drink genehmigen. Komm, Bert, los.«
Er hatte Rampole schon vergessen, und der Amerikaner war ihm dankbar dafür. Martin schob seinen Hut gerade, klopfte sich, obwohl kein Stäubchen zu sehen war, Arme und Schultern ab und straffte sich räuspernd. Als der durch nichts zu erschütternde Herbert ihn fortgeleiten wollte, flüsterte ihm Dorothy zu: »Laß ihn nicht hinaufgehen und sieh zu, daß er zum Abendessen wieder in Ordnung ist, hörst du?«
Martin hatte das ebenfalls gehört. Er wandte sich um, legte den Kopf zur Seite und verschränkte seine Arme.
»Du denkst, ich war betrunken, was?« rief er und musterte sie eindringlich.
»Bitte, Martin!«
»Na gut, ich werde dir zeigen, ob ich betrunken bin oder nicht. Los komm, Bert.«
Rampole beschleunigte seinen Schritt an der Seite des Mädchens, als sie in die entgegengesetzte Richtung davongingen. Hinter einer Biegung hörte er die Vettern streiten, Herbert mit ruhiger Stimme und Martin, den Hut bis auf die Brauen herabgezogen, sehr laut.
Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her. Der Mißklang dieses kurzen Zusammentreffens hatte nicht zum Wohlgeruch der Weißdornhecken gepaßt, jedoch wurde er vom Wind, der über das Gras der umliegenden Wiesen strich, wieder weggeblasen. Das wässrige Gelb des Himmels leuchtete im Westen wie Glas. Schwarz hoben sich die Kiefern dagegen ab, selbst das morastige Wasser in den Senken blitzte golden. Die Ebene ging hier in Heide über, und in der Ferne glichen die Herden weißgesichtiger Schafe den Kinderspielzeugen aus einer Miniaturarche.
»Sie dürfen nicht denken«, sagte das Mädchen leise und blickte nach vorn, »Sie dürfen nicht denken, er wäre immer so. Wirklich nicht. Im Moment geht nur so viel in seinem Kopf herum, das versucht er durch das Trinken zu verbergen. Das macht ihn so großspurig.«
»Ich wußte, daß ihn eine Menge beschäftigt. Man darf ihm das nicht übelnehmen.«
»Dr. Fell hat Ihnen davon erzählt?«
»Ein bißchen. Er sagte, es sei kein Geheimnis.«
Sie preßte ihre Hände zusammen. »Oh nein. Das ist ja das Schlimme, daß es kein Geheimnis ist. Jeder weiß es, aber alle wenden sich ab. Man bleibt allein damit, wissen Sie. Man kann darüber nicht öffentlich sprechen, das gehört sich nicht. Auch mir gegenüber bleiben sie stumm. Und ich darf es auch nicht ansprechen. ..«
Eine Pause. Dann wandte sie sich ihm beinahe grimmig zu.
»Sie sagen mir, daß Sie es verstehen, und das ist nett von Ihnen. Aber Sie verstehen es nicht! Mit so einer Sache aufzuwachsen... Ich erinnere mich, als Martin und ich noch klein waren, hob Mutter jeden von uns zum Fenster, damit wir das Gefängnis sehen konnten. Sie ist jetzt tot, wissen Sie. Vater auch.«
Sanft sagte er: »Meinen Sie nicht, daß Sie zuviel Aufhebens von dieser Legende machen?«
»Ich sagte ja - Sie verstehen das nicht.«
Ihre Stimme war trocken und monoton, etwas gab ihm einen Stich. Verzweifelt suchte er nach Worten, deren Unangemessenheit ihm aber, kaum daß er sie gefunden hatte, sofort bewußt wurde. Er jagte nach einer Gemeinsamkeit mit ihr, wie er vielleicht in einem Spukzimmer nach einer Lampe getastet hätte.
»Ich bin nicht besonders praktisch veranlagt«, sagte er einfach. »Wenn ich mich von Büchern oder Football ab- und der Welt zuwende, dann bin ich ratlos. Trotzdem glaube ich, daß ich alles, was Sie mir sagen, verstehen würde. Vorausgesetzt, es beträfe Sie.«
Glockengeläut wehte über die Ebene. Ein ruhiges, trauriges Läuten wie aus alter Zeit, das in der Luft schwang und ein Teil von ihr war. Weit vor ihnen brach sich das letzte Licht am Kirchturm zwischen den Eichen. Schimpfend flogen, als die Glok-kentöne metallisch und müde erklangen, Dohlen aus dem Turmgebälk auf. Eine Krähe krächzte. An einer Steinbrücke, die über einen breiten Bach führte, waren sie stehengeblieben. Dorothy wandte sich um und blickte ihn an.
»Was Sie da sagen, ist mehr, als ich mir wünschen kann.«
Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen, und ein Windhauch strich durch ihr dunkles Haar.
»Ich hasse alles Praktische«, fuhr sie mit unvermuteter Vehemenz fort. »Seit Vaters Tod mußte ich immer nur praktisch sein. Herbert ist wirklich ein zuverlässiger alter Gaul, doch er hat ungefähr so viel Phantasie wie der Heuhaufen da drüben. Dann sind da noch Mrs. Colonel Granby und Leutitia Markley und Mrs. Payne, die ständig mit ihrem Ouija-Brett herumläuft und die Geister befragt, und Miss Porterson, die nur davon redet, Neuerscheinungen zu lesen. Außerdem wäre da noch Wilfrid Denim, der mir pünktlich um neun jeden Donnerstagabend seine Aufwartung macht. Ihm geht aber regelmäßig bereits um fünf nach neun der Gesprächsstoff aus, und dann bestreitet er den Rest des Abends mit Berichten von einem Theaterstück, das er mal vor drei Jahren in London gesehen hat, oder er demonstriert mir Tennisschläge, daß man glaubt, na prächtig, jetzt hat ihn der Veitstanz gepackt. Oh ja, und natürlich Mr. Saunders. Der heilige Georg beschütze unser glückliches England - und wenn Harrow dieses Jahr Eton schlägt, dann ist das Land in den Händen der Sozialisten. Puuh!«
Atemlos fand sie ein Ende und schüttelte noch einmal so vehement den Kopf, daß sie ihr Haar wieder glattstreichen mußte. Dann lächelte sie etwas verschämt. »Was müssen Sie von mir halten, wenn ich so rede - «
»Ich finde, daß Sie absolut recht haben«, erwiderte Rampole enthusiastisch. Ganz besonders hatte er den Ausfall gegen Mr. Saunders genossen. »Nieder mit allen Ouija-Brettern und Spiritisten. A bas le Tennis. Ich hoffe, Harrow schlägt Eton haushoch-ähäm! Was ich sagen will ist, Sie haben absolut recht. Lang lebe der Sozialismus!«
»Ich habe nichts von Sozialismus gesagt.«
»Nun, dann sagen Sie was dazu«, bot er ihr großmütig an, »los, sagen Sie etwas dazu. Lang lebe Norman Thomas! Gott segne - «
»Wieso das denn, dummer Kerl?«
»Weil Mr. Saunders das bestimmt nicht mögen würde«, erklärte Rampole. Diese These schien ihm einleuchtend, wenn auch vage. Doch dann fiel ihm etwas anderes ein, und er erkundigte sich argwöhnisch: »Wer ist denn dieser Wilfrid, der Sie jeden Donnerstagabend besuchen kommt? Wilfrid - was für ein lausiger Name. Klingt nach jemandem mit ondulierten Haaren.«
Sie glitt von der steinernen Einfassung der Brücke herunter, und ihr schmaler, kräftiger Körper wirkte befreit. Auch ihr Lachen, so warm und draufgängerisch wie am vorigen Abend, hatte seine Freiheit zurückgewonnen.
»Hören Sie, wenn Sie so weiterreden, werden wir diese Zigaretten nie kriegen, fürchte ich... Ihre gute Laune hat mich angesteckt. Sollen wir rennen? Aber nicht zu schnell, es ist fast eine Viertelmeile.«
Rampole sagte nur: »Dann los!«, und sie rannten, den Wind im Gesicht, an dem Heuhaufen vorbei. Dorothy Starberth lachte immer noch.
»Ich hoffe, wir treffen unterwegs Mrs. Colonel Granby«, keuchte sie atemlos. Sie schien dies für eine geradezu verruchte Idee zu halten, denn mit glühendem Gesicht und leuchtenden Augen sah sie ihn über die Schultern an. »Herrlich, ganz toll. Wie gut, daß ich Schuhe mit flachen Absätzen anhabe.«
»Sollen wir noch Tempo zulegen?«
»Sie Biest! Nein danke, mir ist schon warm genug. Sind Sie etwa Langläufer?«
»Hm. Ein wenig.«
Ein wenig. Weiße Zahlen auf schwarzen Schildern schwirrten durch seinen Kopf, ein muffiger Raum abseits des Campus, wo silberne Pokale neben mumifizierten Bällen mit aufgepinselten Daten in Glasvitrinen herumstanden. Dann, die Straße flog an ihnen vorüber, erinnerte er sich an eine andere Gelegenheit, bei der er das gleiche Hochgefühl empfunden hatte wie jetzt. Ein November, das brausende Meer der Zuschauer, der rasselnde Atem und ein Quarterback, der die Kommandos übers Feld brüllte wie ein schlechter Schauspieler. Heftige Kopfschmerzen. Die Muskeln gespannt wie Draht, kalte Finger, ohne jegliches Gefühl. Dann das Geschiebe und Gedränge der Spieler, der Aufprall. Plötzlich kalte Luft, die über sein Gesicht strömte und das berauschende Gefühl, wie eine Marionette an Drähten über die weißen Linien zu fliegen, das Ding aus der Luft zu pflücken, direkt unter den Torpfosten... Wieder hörte er das ohrenbetäubende Brüllen, spürte sein heftiges Atmen, als das Tosen des Beifalls die Schwüle aus dem Stadion hinwegtrieb. Letzten Herbst erst war das gewesen, doch tausend Jahre schien es her. Hier in der Dämmerung bestand er ein viel aufregenderes Abenteuer mit einem Mädchen, dessen bloße Gegenwart neben ihm wie das Tosen dieser vergangenen, jubelnden tausend Jahre war.
»Ein wenig«, wiederholte er plötzlich und holte tief Luft.
Sie erreichten den Rand des Dorfes. Dickstämmige Bäume überschatteten weiße Ladenfronten, und die Steine des Bürgersteigs liefen so schief wie kindliche Schreibübungen. Eine Frau blieb stehen, um ihnen nachzublicken. Ein Mann auf einem Fahrrad glotzte so lange, bis er in den Graben fuhr und fluchte.
Dorothy lehnte sich japsend und erhitzt an einen Baum und lachte.
»Ich hab' genug von diesem albernen Spiel«, sagte sie mit leuchtenden Augen. »Aber jetzt fühle ich mich weiß Gott besser!«
Aus der heftigen Erregung, die sie - warum, wußten beide nicht -befallen hatte, gelangten sie in einen Zustand tiefster Zufriedenheit und gaben sich Mühe, wieder sittsam zu sein. Sie erhielten die Zigaretten tatsächlich noch, obwohl der Tabakhändler lamentierte, er habe schon seit Stunden gewartet, und Rampole erfüllte sich einen langgehegten Wunsch, indem er sich eine Tonpfeife mit langem Stiel kaufte. Ganz besonders entzückte ihn der Laden des Apothekers, der mit seinen großen Glasbehältern in Rot oder Grün und dem eindrucksvollen Angebot an Heilmitteln aus einem mittelalterlichen Märchen zu stammen schien. Es gab einen Gasthof namens »Bruder Tuck« und einen Pub, der »Ziege und Weintraube« hieß. Auf ihn verzichtete Rampole nur wegen der ihm unerklärlichen Weigerung des Mädchens, ihn in die Bar zu begleiten. Alles in allem war er sehr beeindruckt.
»Man kann sich im Zigarrenladen rasieren und die Haare schneiden lassen«, überlegte er. »Der Unterschied zu Amerika ist doch gar nicht so groß.«
Er war so gut gelaunt, daß selbst harte Prüfungen ihm nichts mehr anhaben konnten. Sie begegneten Mrs. Theodosia Payne, der Frau des Anwalts, die mit ihrem Ouija-Brett, einer Buchstabentafel, mit deren Hilfe ihr die Geister aus dem Jenseits Botschaften übermittelten, die Hauptstraße entlangstolzierte.
Mrs. Payne trug einen gewaltigen Hut. Sie bewegte ihren Mund wie die Puppe eines Bauchredners, sprach jedoch wie ein Hauptfeldwebel. Dennoch lauschte Rampole mit Chesterfield'scher Höflichkeit, während sie die Launen von Lucius beklagte, einem offensichtlich sehr sprunghaften und zügellosen Mitglied der Geisterwelt, das kreuz und quer über das Brett zu rutschen pflegte und seine Worte mit starkem Cockneyeinschlag buchstabierte. Dorothy sah, daß das Gesicht ihres Begleiters gefährlich zu zucken begann, und zog ihn von Mrs. Payne weg, bevor sie beide in einen Heiterkeitsanfall ausbrachen.
Es war fast acht Uhr, als sie sich auf den Rückweg machten. Den beiden machte einfach alles Spaß: von den Straßenlaternen, die gläsernen Särgen ähnelten und mit einer sehr schwindsüchtigen Sorte von Gas brannten, bis zu einem winzigen Laden mit einer Glocke über der Tür, in dem man vergoldete Pfefferkuchentiere und Notenblätter mit längstvergessenen Gassenhauern kaufen konnte. Rampole hatte schon immer eine Leidenschaft für den Erwerb nutzlosen Trödels gehabt, unter den zwei feststehenden Voraussetzungen freilich, daß er ihn nicht brauchte und das Geld zum Ausgeben hatte. Nun, da er ein verwandtes Gemüt gefunden hatte, das ihn nicht für kindisch hielt, gab er dieser Neigung hemmungslos nach. Sie schritten durch eine leuchtende Dämmerung zurück, hielten die Notenblätter wie ein Gesangbuch zwischen sich und schmetterten aus vollster Brust das Klagelied Wo warst du, Willy, wohl am Wochenende - und Dorothy wurde ernsthaft ermahnt, ihre Heiterkeit an den pathetischen Stellen doch etwas zu zügeln.
»Das war großartig«, sagte sie, als sie den Weg, der zu Dr. Fells Haus hinaufführte, fast erreicht hatten. »Mir wäre nie in den Sinn gekommen, daß es in Chatterham irgendwas Interessantes geben könnte. Schade, daß ich jetzt nach Hause muß.«
»Hätte ich auch nie gedacht«, gestand er offen. »Mir schwante nur heute nachmittag schon so was.«
Beide meditierten einen Moment über diese Bemerkung und sahen sich an.
»Wir haben noch Zeit für ein letztes Lied«, schlug er vor, als sei dies das Wichtigste der Welt. »Wollen wir Die Rose vom Blooms-bury-Square versuchen?«
»Oh nein! Dr. Fell ist zwar wirklich lieb, aber etwas Würde muß ich doch bewahren. Die ganze Zeit, die wir im Dorf waren, hat Mrs. Colonel Granby hinter den Gardinen gelauert. Außerdem ist es schon spät... «
»Gut - «
»Also - «
Beide zögerten. Rampole kam alles ein wenig unwirklich vor, sein Herz pochte wild. Der vorhin noch gelbe Himmel hatte eine trübe, purpurrandige Färbung angenommen. Der süßliche Geruch der Hecken war beinahe überwältigend geworden. Ihre Augen waren sehr stark, sehr lebhaft, doch wie von Schmerz verschleiert. Verzweifelt suchte sie etwas in seinem Gesicht. Obgleich auch er nur in ihre Augen sah, spürte er doch, daß ihre Hände sich ihm entgegenstreckten...
Er ergriff sie. »Lassen Sie mich Sie nach Hause begleiten«, sagte er ernst. »Lassen Sie mich - «
»Ahoi da unten!« dröhnte eine Stimme. »Eine Sekunde. Wartet.«
Rampole spürte, wie sich sein Herz zusammenkrampfte. Er zitterte und fühlte an ihren warmen Händen, daß sie ebenfalls zitterte. Die Stimme war in eine gefühlsgeladene Spannung eingebrochen und hatte beide in Verwirrung gestürzt. Das Mädchen begann zu lachen.
Keuchend erschien Dr. Fell auf dem Weg. Hinter ihm erblickte Rampole eine Gestalt, die ihm bekannt vorkam. Ja, es war Payne, die krumme Pfeife im Mund. Er schien darauf herumzukauen. Nach ein paar kurzweiligen Stunden kehrte also die Beklemmung zurück.
Der Doktor sah besorgt aus. Er stand da und schnappte nach Luft, einen Stock an ein Bein gelehnt.
»Ich möchte Sie nicht unnötig beunruhigen, Dorothy«, begann er, »und ich weiß auch, daß die Sache eigentlich tabu ist. Doch das ändert nichts daran, daß die Zeit gekommen ist, einmal offen darüber zu sprechen - «
»Ähäm!« räusperte sich Payne warnend. »Der - äh - Gast?«
»Er ist informiert. - Nun, meine Liebe, es geht mich nichts an, ich weiß - «
»Sagen Sie schon!« Sie faltete die Hände.
»Ihr Bruder war hier. Wir machen uns etwas Sorgen über seinen Zustand. Ich spreche nicht von der Trinkerei, das geht vorüber. Ihm wurde übel, und als er ging, war er fast wieder nüchtern. Es ist die Angst. Wir merkten es deutlich an seinem hitzigen und trotzigen Benehmen. Wir möchten nicht gern, daß er sich in etwas hineinsteigert und wegen dieser blöden Sache vielleicht Dummheiten macht, verstehen Sie?«
»Und? Fahren Sie fort.«
»Der Pfarrer und Ihr Vetter haben ihn nach Hause gebracht. Saunders ist sehr bestürzt wegen allem. Schauen Sie, ich sage es ganz offen: Sie wissen doch, daß Ihr Vater, bevor er starb, Saunders etwas als eine Art Beichtgeheimnis anvertraut hat. Saunders glaubte damals, er hätte den Verstand verloren. Aber jetzt kommen ihm Zweifel. Es mag überhaupt nichts an der Sache dran sein, aber - bloß für den Fall des Falles werden wir Wache halten. Von hier aus kann man das Fenster des Gouverneurszimmers gut sehen, unser Haus ist ja nicht viel mehr als dreihundert Meter vom Gefängnis entfernt. Verstehen Sie?«
»Ja!«
»Saunders, ich selbst und Mr. Rampole, wenn er will, werden hier die ganze Zeit über Wache halten. Der Mond wird bald aufgehen, und wir können beobachten, wann Martin hineingeht. Alles, was wir zu tun haben, ist, uns am Rand der Wiese hier zu postieren, von wo wir eine gute Sicht auf das Eingangstor haben. Ein Geräusch, eine Störung, irgend etwas Verdächtiges - und Saunders und der junge Bursche hier sind schneller über die Wiese, als ein Geist sich davonmachen könnte.« Er lächelte und legte ihr seine Hand auf die Schulter. »Das sind alles Hirngespinste, ich weiß, und ich bin nur ein verrückter alter Mann. Aber ich kenne Ihre Familie schon sehr lange, wissen Sie? Gut, also, wann beginnt seine Nachtwache?«
»Um elf Uhr.«
»Aha, das dachte ich mir. Also, sobald er das Herrenhaus verläßt, rufen Sie uns an. Wir werden Wache halten. Das dürfen Sie ihm natürlich nicht erzählen. Erstens ist es nicht zulässig, und wenn er es wüßte, würde er vielleicht aus lauter Trotz einen andren Weg nehmen und unsere Pläne durchkreuzen. Sie könnten ihn aber vielleicht überreden, sich mit der Lampe irgendwo in die Nähe des Fensters zu setze.. «
Dorothy holte tief Luft. »Ich wußte doch, daß was daran war«, sagte sie stumpf. »Ich wußte, daß Sie mir alle etwas verheimlichen. .. Oh mein Gott, warum muß er bloß da hinaufgehen? Warum können wir nicht mit dieser blöden Tradition brechen und - «
»Nicht, wenn Sie Ihren Besitz nicht verlieren wollen«, sagte Payne schroff. »Tut mir sehr leid. Aber so ist es festgelegt. Ich selbst habe darüber zu wachen, daß es eingehalten wird. Ich muß dem Erben mehrere Schlüssel übergeben, denn er muß durch mehr als eine Tür. Wenn er sie mir zurückbringt, dann muß er mir eine bestimmte Sache aus dem Innern des Tresors zeigen - was, spielt hier keine Rolle - als Beweis, daß er ihn wirklich geöffnet hat.«
Erneut kaute der Anwalt geräuschvoll auf seiner Pfeife. Das Weiße seiner Augen schimmerte im Dunkeln.
»Miss Starberth wußte das alles bereits, meine Herren, egal, ob das bei Ihnen ebenfalls der Fall war oder nicht«, kläffte er. »Wir sprechen ganz offen miteinander. Nun gut. Erlauben Sie mir also, auch meine Angelegenheiten einmal hinauszuposaunen. Vor mir war bereits mein Vater der Treuhänder der Starberths in dieser Sache, davor mein Großvater und dessen Großvater. Ich breite das hier vor Ihnen aus, Gentlemen, damit es nicht so aussieht, als sei ich ein Kleinlichkeitskrämer. Selbst wenn ich das Gesetz brechen wollte, das sage ich Ihnen ganz offen, diese Treuepflicht würde ich niemals verletzen.«
»Na gut, dann soll er den Besitz doch verlieren! Meinen Sie etwa, irgendeinem von uns würde das das Geringste ausmachen - «
Payne unterbrach sie ungeduldig: »Nun, er ist nicht so ein Narr, was Sie und Bert auch davon halten mögen. Großer Gott! Mädchen, wollen Sie sich denn an den Bettelstab bringen und obendrein auch noch dem allgemeinen Gelächter aussetzen? Diese Prozedur mag närrisch sein, na schön. Aber sie ist nun einmal Gesetz und Pflicht.« Er schloß die Hände mit einem dumpfen, gepreßten Geräusch. »Ich werde Ihnen sagen, was noch viel närrischer ist: Ihre Befürchtungen. Seit 1837 ist keinem der Starberths mehr etwas passiert. Bloß weil Ihr Vater zufällig in der Nähe des Hexenwinkels vom Pferd geworfen wurde - «
»Nicht!« bat das Mädchen gequält.
Ihre Hand bebte, und Rampole machte einen Schritt auf sie zu. Er sagte nichts, kalte Wut saß ihm in der Kehle. Er dachte: Wenn ich die Stimme dieses Mannes noch eine Sekunde länger hören muß, bei Gott!, dann kriegt er eins zwischen die Zähne.
»Es reicht jetzt, Payne, meinen Sie nicht?« brummte Dr. Fell.
»Na gut«, sagte Payne, »soll mir recht sein.«
Ärger lag in der Luft. Sie hörten, daß Paynes Zähne knirschten. Mit trockener, belegter Stimme wiederholte er: »Soll mir recht sein«, aber man spürte, daß er innerlich kochte.
»Wenn Sie mich entschuldigen wollen, Gentlemen«, fuhr er ungerührt fort. »Ich werde Miss Starberth begleiten... Nein, Sir«, als Rampole eine Bewegung machte, »diesmal: Nein. Ich habe vertrauliche Dinge zu besprechen. Ohne Einmischung, wie ich hoffe. Einen Teil meiner Pflicht habe ich bereits erfüllt, als ich Mr. Martin Starberth die Schlüssel aushändigte. Der Rest bleibt noch zu tun. Als - ähäm - möglicherweise älterer Freund als Sie alle«, seine dünne Stimme wurde hoch und rasselnd, »wird es mir wohl erlaubt sein, einige Angelegenheiten vertraulich zu behandeln.«
Rampole war so aufgebracht, daß er schlucken mußte. »Was wollen Sie damit sagen, Sir?« fragte er heftig.
»Immer mit der Ruhe«, beschwichtigte ihn Dr. Fell.
»Kommen Sie, Miss Starberth«, sagte der Anwalt.
Er schob seine Manschetten hoch und schlurfte los. Als er sich umblickte, sahen sie seine Augäpfel weißlich glitzern. Rampole drückte die Hand des Mädchens, dann waren beide fort.
»Tss, tss, tss«, verwies ihn der Doktor nach kurzem Schweigen. »Schimpfen Sie nicht. Er wacht doch nur eifersüchtig über seine Position als Berater der Familie. Ich selber bin viel zu beunruhigt, um schimpfen zu können. Ich hatte eine Theorie, aber... Ich weiß nicht. Alles läuft verkehrt, total verkehrt... Kommen Sie, zum Essen.«
Vor sich hin murmelnd führte er sie den Weg hinauf. Laut schrie etwas in Rampoles Herz, die Dämmerung schien voller Phantome. Einen kurzen Moment lang dieses befreite, lachende Wesen, in dessen Haaren beim Laufen der Wind spielte, der sehnsüchtige Ausdruck in dem kleinen, kantigen Gesicht, das traurige Lächeln auf der Brücke, das Praktische, das Spöttische, die koboldhaften Scherze. Dann, unvermittelt, ihr Erbleichen bei den Weißdornhecken, der kurze Seufzer, als all das Schreckliche zurückkam. Paß auf, daß ihr nichts passiert! Gib acht, daß kein Unheil sie trifft! Paß gut auf, denn es ist ihr Bruder...
Ihre Schritte raschelten im Gras, und man hörte das an- und abschwellende Summen der Insekten. Aus der Ferne, aus der trüben Luft im Westen, vernahm man das Rollen eines Donners.