Bruder Lonán erwies sich als eine Enttäuschung. Er war ein leicht erregbarer Mensch, dessen Interesse einzig und allein seinen Kräutern galt, die im rückwärtigen Teil der Abtei in einem von Mauern umgebenen Garten wuchsen. Mit wohldosierten Fragen bekam Fidelma aus ihm heraus, dass er ursprünglich in Cluain Eidnech studiert hatte, bekannt unter dem Namen Efeuwiese, einem Gebiet, dessen Stammesfürsten offiziell dem König von Muman die Treue hielten; doch bedingt durch seine Lage an der Ostgrenze unmittelbar neben dem Königreich von Laighin war es mit dem Treuebekenntnis nicht weit her, und man hängte gern sein Fähnchen nach dem Winde.
»Wie viele der Brüder hier stammen aus Hibernia?«, fragte Fidelma, während sie sich angelegentlich ein paar Sträucher ansah, die sie nicht kannte.
»Zur Zeit sind wir zwölf«, erwiderte er fast nebenbei. »Ich glaube, ich bin von allen am längsten hier. Die eigentlichen Begründer sind ja schon seit langem verschieden.«
»Kommen viele von unseren Leuten hier vorbei, wenn sie nach Rom oder irgendwohin anders nach Süden unterwegs sind? Man hat mir gesagt, viele unserer Mönche, die sich auf die peregrinatio pro Christo begeben, hätten sich in diesem Land niedergelassen.«
Ihre Frage wurde nur mit einem Achselzucken beantwortet; wie das zu deuten war, blieb ihr überlassen. Auch bei allen weiteren Erkundungen zum Leben in der Abtei oder zu einzelnen Persönlichkeiten verhielt sich Lonán ähnlich gleichgültig; ganz anders, wenn sie auf Kräuter und Pflanzen zu sprechen kam, da wurde er munter und erging sich in umständlichen Erklärungen. Länger als eine halbe Stunde vermochte Fidelma ihm nicht zuzuhören. Danach fand sie es an der Zeit, sich zurückzuziehen.
Sie überlegte noch, wie sie das am gescheitesten anstellen sollte, als ein anderes Mitglied der Klostergemeinschaft an ihnen vorbeischlenderte und Bruder Lonán in dessen Sprache grüßte. Es war ein junger Mönch von blassem Äußeren mit hellblauen Augen und flammend rotem Haar, ähnlich dem ihren.
»Der Klang deiner Sprache kommt mir vertraut vor, Bruder«, redete sie ihn an. »Du stammst aus Muman.«
Der Mönch blieb stehen; augenscheinlich wusste er, wen er vor sich hatte.
»Ich bin Bruder Eolann, Lady«, stellte er sich vor. »Ich bin der scriptor hier. Und du bist Schwester Fidelma, ich habe dich im refectorium gesehen. Es heißt, du wärest die Tochter des Königs von Cashel.«
»Mein Vater war Failbe Flann; er starb, als ich noch ein kleines Kind war. Mein Bruder Colgú wird Nachfolger auf dem Fürstenthron, den jetzt mein Vetter innehat.«
»Was bringst du an Neuigkeiten aus meinem heimatlichen Muman?«
»Da muss ich dich enttäuschen, Bruder Eolann, ich bin schon seit vielen Monaten fort von dort.«
»Ich hingegen habe Muman vor vielen Jahren verlassen. Erzähl, was immer du zu erzählen weißt, auch wenn die Dinge längst überholt sind; für mich ist alles neu. Komm, begleite mich auf meinem täglichen Spaziergang und berichte mir, was ich von zu Hause wissen sollte.«
Dankbar nahm Fidelma den Vorschlag an. Sie erhoffte sich von dem Bibliothekar der Abtei einen interessanteren Gesprächspartner als Bruder Lonán. Der hatte sich schon wieder mit einer Schippe in der Hand getrollt und ging seinen gärtnerischen Aufgaben nach. »Woher genau stammst du, Bruder Eolann?«, fragte sie den jungen Mönch.
»Von Inis Faithleann – kennst du die Insel?«, antwortete er, während sie gemeinsam loszogen.
»Wie sollte ich nicht! Eine kleine bewaldete Insel im Loch Léin. Schließlich ist mein Vetter Congal von den Eóghanacht dein Stammesfürst. Da bist du aber ganz schön weit weg von zu Hause, ähnlich wie ich. Wie bist du ausgerechnet hier gelandet?«
»Das ist eine einfache Geschichte, Lady. Ich war Scholar in der Abtei auf Inis Faithleann, der Insel des heiligen Faithleann, und bekam den Auftrag, der Bibliothek des Klosters St. Gallen etliche Handschriften zu überbringen.«
»Gallen?«
»Er war ein Schüler von Colm Bán, den sie hier Columbanus nennen. Gallen ist auch unter dem Namen Gallus bekannt. Der ging seinerzeit nicht mit Colm Bán mit nach Bobium, sondern beschloss, mit einigen Gefährten an einem Ort weiter im Norden zu bleiben. Am Lacus Brigantius, einem großen See, begründeten sie eine Abtei.«
»Brigantius?«, wiederholte Fidelma. »Der Name klingt mir irgendwie vertraut.«
»Das war gallisches Gebiet, und eine Stadt dort hieß Brigantium, ein weitverbreiteter Name, auch in Britannien zu römischen Zeiten. Heutzutage gehört das Territorium den Alemannen, denen Colm Bán und Gallus eine Zeitlang ebenfalls predigten. Wie Bobium hat auch die Gemeinschaft jenseits der hohen Berge es zu etwas gebracht. Ich bin dort eine Weile geblieben, ehe ich weiter nach Süden zog, die Sprache der Langobarden erlernte und letztlich in Bobium sesshaft wurde. Das war vor gut zwei Jahren. Und anstatt heimzukehren, wurde ich hier zum scriptor ernannt. Von Muman bin ich nun schon über vier Jahre fort.«
»Dann bist du in der Tat länger von dort weg als ich«, gab Fidelma zu. »Trotzdem kann ich dir nicht viel Neues berichten, nur dass inzwischen so manch einer verstorben ist.«
»Hierzulande hat die Gelbe Pest gewütet, vermutlich hat sie auch vor den fünf Königreichen nicht haltgemacht.«
»Genau so ist es. Die Liste derer, die sie dahingerafft hat, ist unerbittlich lang, und bis jetzt ist das Übel nicht ausgestanden. Viele Gemeinden sind betroffen, und auch die geistlichen Würdenträger hat sie nicht verschont. Abt Ségéne, einer der Nachfolger von Colm Bán in der Abtei Beannchar, verstarb vergangenes Jahr. Wahrscheinlich ist dir Colmán ein Begriff, der an Finnbarrs Hoher Schule in Corcaigh als führender Gelehrter wirkte. Kurz bevor ich zu meiner Reise aufbrach, hieß es, dass er mit fünfzig seiner Schüler auf eine der westlichen Inseln geflohen sei, um der Pest zu entkommen.«
Bruder Eolann machte ein trauriges Gesicht. »Bevor ich nach Inis Faithleann ging, habe ich bei Colmán studiert. Dein Vetter Congal war damals gerade Lord von Locha Léin geworden, aber König von Muman war noch Máenach mac Fingin.«
»Vor zwei Jahren wurde Cathal Cú-cen-maithir sein Nachfolger, und gleichzeitig wurde auch mein Bruder Colgú sein tánaiste, sein rechtmäßiger Thronerbe«, erklärte ihm Fidelma.
»Gibt es sonst noch Veränderungen?«
»Unter den Söhnen von Aedo Sláine herrscht zwischen den fünf Königreichen relativer Frieden.«
Die beiden Söhne von Aedo Sláine hatten zehn Jahre zuvor gemeinsam den Thron als Hochkönige bestiegen und konnten auf eine friedliche Periode ihrer Herrschaft zurückblicken.
»Zuweilen drängt es mich, meinen privilegierten Posten hier aufzugeben, um noch einmal das ruhige blaue Wasser des Loch Léin sehen zu dürfen«, gestand der junge Mann.
Sie hatten den Garten umrundet.
»Wäre es zu viel verlangt, Eolann von Inis Faithleann, wenn ich dich bitte, mir das scriptorium zu zeigen?«, fragte Fidelma. »Bücher und Bibliotheken gehen mir über alles. Und außerdem würde ich mir gern den Text des Evangeliums des Matthäus etwas näher anschauen.«
»Nichts täte ich lieber als das, Lady«, lautete die Antwort. Bruder Eolann unterließ es nicht, die förmliche Anrede zu benutzen, die ihr als Tochter eines Königs seines Landes zukam. »Komm. Wir verfügen über eine herrliche Abschrift der Übersetzung des heiligen Eusebius von eben dem Evangelium ins Lateinische.« Sie verließen das herbarium und überquerten den Hof zurück zu den Hauptgebäuden der Abtei.
»Wie ich höre, hat sich hier eine Reihe guter Gelehrter versammelt«, nahm Fidelma das Gespräch wieder auf, »zum Beispiel der Ehrwürdige Ionas und Magister Ado. Du musst ein kluger Kopf sein, wenn man dich zum scriptor erwählt hat.«
»Zwischen der Begabung eines Bibliothekars und eines Gelehrten gibt es durchaus Unterschiede«, wehrte er ab. »Meine Aufgabe besteht darin, mich um die Bücher zu kümmern, nicht, sie zu schreiben. Ich hatte einfach Glück. Als ich hier ankam, kränkelte der scriptor, und man brauchte einen Gehilfen. Dann starb er, und so wurde mir die Aufgabe übertragen.«
»Man hat mir von einer großartigen Sammlung von Handschriften berichtet, die du verwaltest.«
Sie berührte mit ihrer Bemerkung ein Thema, für das sich Bruder Eolann sofort erwärmte. »Wir haben eine der größten Sammlungen in der gesamten Christenheit von Abhandlungen zum Glauben. Schon bald nach meiner Ankunft habe ich eine Gruppe von Kopisten an die Arbeit gesetzt, damit sie über die Jahre hinweg Abschriften anfertigen, mit denen wir auch andere Bibliotheken versorgen können.«
Bruder Eolann führte Fidelma durch die Haupttore, vorbei am refectorium, nach links durch einen kurzen dunklen Gang und weiter über einen kleinen Hof mit einem Brunnen in der Mitte, in dem zwei steinerne Putten Wasser spien. Am anderen Ende des Hofes führte eine Tür in das Innere eines Turms mit einer Wendeltreppe. Auf deren mittlerer Höhe ging eine schwere Eichentür in einen großen viereckigen Raum ab, dessen Wände mit Büchern und Manuskripten bestückt waren. Die eine Wand war von mehreren hohen, schmalen Fenstern unterbrochen, während sich am hinteren Ende des Raums eine weitere große Eichentür befand. Trotz der Fenster war es dunkel; soweit Fidelma etwas erkennen konnte, war der Raum menschenleer. Bruder Eolann murmelte eine Entschuldigung, denn es gelang ihm nicht gleich, eine Öllampe anzuzünden, mit der er dann zu einem Pult ging. Fidelma ließ derweil ihren Blick über die Bücherreihen gleiten und versuchte zu überschlagen, wie viele es waren. Es war durchaus eine beeindruckende Sammlung, wiederum nicht so beeindruckend, wie sie es erwartet hatte.
»Die Kopisten haben ihren Arbeitsplatz im nächsten Raum«, erläuterte der scriptor, als hätte er ihre Gedanken erraten. »Auch der größte Teil der Bibliothek befindet sich dort. Wir verfügen über viele berühmte und seltene Bücher, angefangen von den Gedichten, die Colm Bán geschrieben hat, bis zu den großen Geschichtsbetrachtungen von Römern, Griechen oder der alexandrinischen Schule … Es ist mir eine große Ehre, hier in Frieden und Sicherheit wirken zu dürfen.«
»Das kann ich gut nachempfinden«, erwiderte Fidelma ernst. »Und doch sagst du, es gibt Zeiten, da würdest du die Arbeit hier aufgeben wollen, um dein Heimatland wiederzusehen?«
Sie hatte ihn verlegen gemacht. »Ich muss Gottes Pfad folgen, wie Er ihn für mich vorgesehen hat«, murmelte er. »Du darfst nicht denken, ich sei mit meiner Berufung unglücklich.«
»Nichts liegt mir ferner als das, Bruder Eolann. Doch scheint es mir natürlich, wenn man sich nach den vertrauten Hügeln, Feldern und Stätten seiner Kindheit sehnt.«
»Das ist nur allzu wahr. Nicht umsonst gibt es die alte Spruchweisheit – nil aon tintáin mar do thinteán féin.«
»Ein eigener Herd ist Goldes wert«, wiederholte Fidelma mit einem wehmütigen Lächeln. »Dem kann ich nur zustimmen. Es verlangt schon innere Kraft und Stärke, sich an einem fremden Ort niederzulassen, der von Konflikten und Spannung umgeben ist.«
»Du meinst den Konflikt zwischen den Arianern und den Anhängern des Glaubensbekenntnisses von Nicäa? Soviel ich weiß, hast du das Streitgespräch zwischen unserem Abt und Bischof Britmund mit angehört.«
»Eigentlich ging es mir mehr um die Regeln, denen man sich hier in der Abtei beugen muss. Sie sind so gänzlich anders als die Vorschriften, die wir von unseren Abteien kennen.«
»Einer, der ein peregrinus pro amore Christi ist, empfindet sie nicht als Härte.«
»Leider bin ich das nicht«, gab Fidelma zu. »Ich bin nur eine Botin, eine Ratgeberin in Gesetzesfragen und niemand, der ausgezogen ist, Heiden und Barbaren zum Glauben zu bekehren. Doch habe ich von Magister Ado erfahren, dass die Regel von Colm Bán sogar strenger als die von Benedikt war. Wie ist so etwas möglich? Wo doch die Abteien bei uns daheim, zumeist gemischte Häuser, diese Art auferlegter Bußvorschriften ablehnen.«
»Du darfst nicht vergessen, Lady, dass Colm Bán viele Jahre unter den ungebärdigen Franken und Burgunden verbracht hat, bevor er zu den Langobarden kam.«
»Stimmt, Schwester Gisa hat Ähnliches gesagt. Du nimmst es also als gegeben hin, dass sich daraus seine Auffassungen erklären?«
»Das Leben in der Gesellschaft erweist sich als grausam und barbarisch. Gewalttätige Verbrechen werden hart bestraft. Möglicherweise hat Colm Bán versucht, Klöster nach dem Vorbild von daheim zu gründen, musste aber erkennen, dass viele, die sich zu ihm bekannten, eine straffe Hand brauchten. Ich kenne einige der Gesetze aus den Stätten, an denen er geweilt hat – die sogenannten wergelds. Dass Verfehlungen mit körperlicher Züchtigung geahndet wurden, war nichts Ungewöhnliches. Colm Báns Regel bestand zur Hälfte aus Strafmaßnahmen für die Gemeinde.«
Ungläubig schüttelte Fidelma den Kopf. »Wie sahen die Strafen aus?«
»Sie reichten vom Fasten über Einzelhaft in der Zelle und zusätzlichem Gebet bis hin zu körperlicher Züchtigung mit der Geißel. Ich habe was von zweihundert Hieben für einige Vergehen gelesen, die jeweils zu fünfundzwanzig Streichen auf einmal zu verabreichen waren. Beichten hatten öffentlich vor dem Abt und der ganzen Bruderschaft zu erfolgen.«
»Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass jemand, der aus unserem Land kommt, Urheber derartiger Bußvorschriften ist.«
»Und doch ist es wahr. Die Regel erklärte auch das Zölibat zum allerhöchsten Ziel – ein Ziel, das man zu verinnerlichen hat, will man den Körper zu einem Tempel der Tugendhaftigkeit machen. Er hatte einen Verhaltenskodex festgelegt, ein Leben in Askese und strenger Entsagung. Ein jeder sollte dem Geist der Entsagung folgen, nur strikter Gehorsam würde in den Augen Gottes Gnade finden. So und nicht anders sah das erstrebenswerte Ziel im Leben eines frommen Bruders aus.«
»Es ist erstaunlich. Ich hätte immer gedacht, unsere Leute sind so durchdrungen von dem Wesen unserer Gesetzgebung, dass sie nie auf die Idee kommen würden, sich auf eine so fragwürdige Lebensauffassung einzulassen. Wie konnte Colm Bán nur glauben, sich die Zuneigung und Treue seiner Anhänger auf diese Weise zu erzwingen?«
»Es ist ihm auch nicht gelungen. Viele haben der Abtei zu der Zeit, als seine Regeln dominierten, den Rücken gekehrt. Nach seinem Tod hielten sich seine Regeln nur noch zehn Jahre, dann entschied sich die Brudergemeinde für eine mildere Form der Führung, wie sie Benedikt vorschreibt. Für mein Dafürhalten ist es mehr der Mythos um Colm Bán als das tatsächliche Geschehen, auf den sich Ergebenheit und Treue im Haus gründen.«
Das Bild, wie es ihr Bruder Eolann von der Situation beschrieben hatte, schmerzte Fidelma. Sie gab sich innerlich einen Ruck. »Und dieser Arianismus? Wie wirkt sich der auf das Leben in der Abtei aus?«
»Wir versuchen, ihn zu ignorieren.«
»Vielleicht ihr, andere doch aber nicht.«
Bruder Eolann seufzte betroffen. »Es tut gut, jemanden von zu Hause hier zu haben. Es gibt zwar in unserer Gemeinschaft noch einige aus den fünf Königreichen, aber vernünftig unterhalten kann man sich mit kaum einem.«
»Wie meinst du das?«
»Ich vermisse kluge Gespräche. Nicht, dass ich anderen etwas nachsagen will, aber … Du hast ja Bruder Lonán selbst erlebt. Du kannst mit ihm nur über Pflanzen und Kräuter reden. Das mag lobenswert sein, und ich bewundere seine Kenntnisse auf diesem Gebiet, aber das ist auch das Einzige, was ihn bewegt. Von den Gedichten unseres großen Poeten Dallán Forgaill hat er keine Ahnung, auch die von Colm Bán sagen ihm nichts, und bei Werken von Sophokles oder des Geschichtsschreibers Polybius ist es ganz aus.«
Fidelma musste ein Lächeln unterdrücken. »Literatur ist nur ein Teil menschlichen Wissens«, mahnte sie.
»Und doch bieten einem all die Bücher hier Zugang zu jeder Form des Wissens.« Er wies auf die Regale im Raum.
»Das heißt, du unterhältst dich lieber mit belesenen Menschen als mit Gärtnern?«
»Ist das falsch?«
»Man kann von beiden viel lernen, es kommt darauf an, was man wissen möchte.«
»Ich habe gehört, du hättest gestern Abend mit Bruder Ruadán gesprochen.«
»Er ist der eigentliche Anlass meines Kommens. Ich wollte ihn sehen. Er war in meiner Jugend mein Lehrer.« Fidelma wunderte sich über den plötzlichen Themenwechsel.
»Man hat hoffentlich nichts dagegen, dass du ihn aufsuchst«, sagte Bruder Eolann nachdenklich.
»Weshalb sollten sie es verhindern wollen?«, fragte Fidelma überrascht.
»Bruder Hnikar lässt niemanden zu ihm. Selbst mir würden sie es versagen, obwohl ich ihm bestimmt näherstehe als irgendein anderer hier in der Abtei.«
Fidelma sah ihn neugierig an. »Willst du behaupten, man hätte dir ausdrücklich verboten, bei ihm vorbeizuschauen?«
»Man hat mir erklärt, es ginge ihm zu schlecht. Ein Jammer, dass man ihm in seinem Alter so brutal zusetzt, bloß, weil er den wahren Glauben predigt.«
»Hat es Zeugen von dem Überfall gegeben?«
»Niemand hat etwas gesehen. Eines Morgens früh hat man Bruder Ruadán vor den Toren der Abtei gefunden. Soviel ich weiß, hatte er in Travo gepredigt, das liegt weiter unten im Tal. Ich kann nur das wiedergeben, was hier die Runde gemacht hat, und das ist, man hätte ihn zusammengeschlagen vor dem Tor gefunden, und an seine blutige Kutte wäre ein Pergamentstreifen geheftet gewesen mit der Aufschrift haereticus.«
»Ja, das mit dem ›Ketzer‹ habe ich auch gehört«, bestätigte Fidelma.
»Die dem arianischen Glauben anhängen, beschimpfen uns als Ketzer, so wie wir auch sie beschimpfen. Armer Bruder Ruadán, er wird es kaum bis zu den Toren der Abtei geschafft haben, wo er dann zusammengebrochen ist. Möge Gott ihm die nötige Kraft verleihen. Er ist ein alter Mann, hat bis hierher überlebt.«
»Es hat tatsächlich niemand den Überfall beobachtet, und man kann folglich auch niemanden zur Verantwortung ziehen?«
»Bischof Britmund erteilt jedem Absolution, der einen Ketzer, wie er uns nennt, überfällt. Wie will man da einen Täter zur Verantwortung ziehen können?«, sagte Bruder Eolann verbittert. »Das Gesetz der Langobarden ist nicht mit unserem zu vergleichen, Lady. Außerhalb dieser Mauern gilt nur der Wille ihrer Seigneurs und der arianischen Bischöfe, nichts anderes.«
»Was den Konflikt in dem Tal hier betrifft – was hältst du von Radoald? Kann man ihm trauen?«
»Seigneur Radoald von Trebbia? Ich traue keinem dieser Langobarden. Radoald ist ein umgänglicher Mensch. Er unterstützt König Grimoald, der, wie du weißt, ein Anhänger des Arius ist, sich aber liberal verhält und jedermann gestattet, seinen eigenen Weg zu gehen. Radoald hat der Abtei Freundschaft gelobt wenn aber der Druck auf ihn zu stark wird, könnte seine Begeisterung für uns ins Wanken geraten.«
Fidelma schwieg einen Augenblick. Von dem Bibliothekar konnte man eine Menge erfahren. »Du vermutest hinter dem Überfall auf Ruadán kein anderes Motiv, tatsächlich nur diesen Streit über unterschiedliche Auffassungen des Glaubens?«
»Nichts anderes als das, was sonst sollte es sein?« Bruder Eolann war sichtlich verblüfft über ihre Frage. »Bruder Ruadán hatte niemand anders zum Feind, einzig und allein diese elenden, von Bischof Britmund in die Irre geführten Kerle.«
»Ich wollte mich nur noch einmal vergewissern, nichts weiter«, suchte Fidelma ihn zu beruhigen. »Es fällt mir einfach schwer zu glauben, dass unterschiedliche Ansichten darüber, ob etwas erschaffen oder gezeugt wurde, Menschen dazu bringen kann, übereinander herzufallen.«
»Das ist leider die Natur des Menschen, Lady«, entgegnete der Bibliothekar bedrückt. Unversehens stand er auf und tastete mit den Augen eine Bücherreihe ab. Er fand, was er suchte, und legte es vor ihr auf den Tisch. »Das war es doch, was du sehen wolltest, nicht wahr? Der Text des Matthäusevangeliums. Lass dir Zeit beim Lesen. Ich muss mich ohnehin um meine Kopisten kümmern.«
Sie griff nach der Papyrusrolle und entfaltete sie. Die Handschrift war gut leserlich, und dem Lateinischen konnte sie mühelos folgen. Allerdings brauchte sie eine Weile, bis sie die Stelle fand, die sie suchte. Die Passagen, die Freifrau Gunora in der Nacht zuvor zitiert hatte, hatten sie so schockiert, dass sie entschlossen war, sie im Original zu überprüfen. Erschrocken musste sie feststellen, dass Gunora sie nahezu einwandfrei wiedergegeben hatte.
Nolite arbitrari quia venerim mittere pacem in terram; non veni pacem mittere sed gladium …
Stets hatte man sie gelehrt, dass die Botschaft Christi Frieden war, nicht Krieg. Nun musste sie erkennen, dass Christus selbst eingestand, auf die Erde gekommen zu sein, nicht um Frieden zu predigen, sondern Krieg. Das Schwert zu bringen. Am meisten erschreckte sie die Aussage, dass seine Anhänger ihre Väter und Mütter, ihre Töchter und Söhne nicht mehr als Ihn lieben sollten – denn täten sie das, würden sie Seiner nicht würdig sein. Das stand völlig im Gegensatz zu den Gesetzen und der Lebensanschauung ihres Volkes, wo oberster Grundsatz allen Seins die Liebe zu und die Ehrfurcht vor den Eltern und Kindern war. Das zu leugnen, lief auf die Zerstörung einer jeden Gesellschaft hinaus, erst recht der ihres Volkes, die auf der Familie beruhte. Nicht umsonst wurde fingal – Mord an einem Verwandten – als das größte Verbrechen betrachtet, das ein Mensch begehen konnte. Ein solches Vergehen erschütterte die Grundfesten des gesellschaftlichen Miteinanders. Die Gesetzgebung, die Fidelma vertrat, sah schwerste Strafen gegen Täter vor, die einen Verwandten getötet hatten.
Sie lehnte sich zurück und ließ sich von ihren Gedanken treiben. Dann fiel ihr das Verschwinden der Freifrau Gunora und des jungen Prinzen ein. Über den Stellen aus dem Evangelium, die Gunora empört zitiert hatte, war alles andere in Vergessenheit geraten.
Bruder Eolann kam zurück und riss sie aus ihrem Grübeln.
»Hast du gefunden, was du suchtest?«
»Ja.« Selbstvergessen löste sie die Hand von dem Schriftstück, das sich sogleich wieder zusammenrollte. »Das ist eine großartige Bibliothek, die ihr hier habt«, wich sie aus.
Bruder Eolann genoss die anerkennende Bemerkung und betrachtete voller Genugtuung die gefüllten Regale. »Ich habe ja gesagt, unser Bücherschatz macht mich stolz. Wir hatten eine glückliche Hand bei unseren Sammlungen.« Er wies auf ein bestimmtes Regal. »Einer der früheren Bibliothekare stammte aus der Gegend hier und hat sich auf das Sammeln alter Werke von Schriftstellern aus der Umgebung spezialisiert – Paetus, der stoische Philosoph aus Patavium, Dichter und Essayisten wie Varus, Catull, Catius, Pomponius … In früheren Zeiten lebten auch hier hochgebildete Männer. Und es waren beleibe nicht nur Römer.«
»Du meinst, auch Langobarden waren darunter?«, fragte Fidelma, obwohl es sie kaum interessierte.
»Die Langobarden haben sich hier erst vor einem Jahrhundert angesiedelt. Die ursprünglichen Bewohner waren Gallier. Dann eroberten römische Legionen das Gebiet, und das wiederum geschah hundert Jahre vor Christi Geburt. Doch von den Galliern findet sich hin und wieder ein Beleg ihrer Sprache.«
»Du meinst, sie schrieben in ihrer eigenen Sprache?«
»Es muss von der Lehre der Priester, der Druiden, verboten gewesen sein, sich über ihr geheimes Wissen schriftliche Aufzeichnungen in der eigenen Sprache zu machen. Deshalb schrieben sie meist in Latein, und wir haben viel über sie erfahren, aber es gibt noch einige Originalinschriften und Namen von Orten, die ihre Muttersprache verraten.«
Fidelma fand, es war Zeit zu gehen, schließlich war sie noch weiteren Rätseln auf der Spur. Das Verschwinden der Freifrau Gunora und des jungen Prinzen ließ ihr keine Ruhe. Auch wollte sie Bruder Ruadán noch einmal aufsuchen, vielleicht konnte sie von dem alten gebrechlichen Mann doch noch das eine oder andere erfahren. Sie erhob sich also, dankte dem Bibliothekar für das anregende Gespräch und verließ ihn. Den Weg zurück durch den Turm über den kleinen Hof, dann den dunklen Gang entlang zur Haupthalle fand sie ohne Schwierigkeiten. Ein-oder zweimal bedachten sie fromme Brüder mit scharfen Blicken und erinnerten sie daran, dass sie sich nicht in einem gemischten Haus befand und dass es Frauen untersagt war, sich ohne Begleitung in den Gemäuern zu bewegen. Sie setzte sich darüber hinweg und ignorierte auch das Getuschel hinter ihr.
Sie gelangte zum Gästehaus und stand schon bald vor der Tür ihrer Kammer. Gerade wollte sie hineingehen, als sie auf dem Gang Bewegung vernahm. Es war Bruder Wulfila, der aus dem Raum kam, den man ursprünglich Freifrau Gunora und ihrem königlichen Schützling zugewiesen hatte. Sie hielt es für das Gescheiteste, Ahnungslosigkeit vorzutäuschen und ihn mit einer unschuldigen Bemerkung zu konfrontieren.
»Ich habe Freifrau Gunora heute noch gar nicht gesehen. Ich hoffe doch, sie ist wohlauf?«
Ein leicht beunruhigter Ausdruck huschte über das Gesicht des Verwalters. »Kein Grund zur Sorge, Schwester.«
»Dann ist sie wohl in ihrer Kammer? Großartig, ich möchte ihr einen Besuch abstatten.«
Zögernd schob sich Bruder Wulfila vor die Tür, als wollte er ihr den Zugang versperren, entschied sich aber gleich darauf anders. »Sie ist nicht hier«, teilte er ihr mit.
Fidelma erwiderte nichts. Sie hatte den Eindruck, er überlegte, ob er dem noch etwas hinzufügen sollte. »Ich glaube, sie und der junge Prinz haben die Abtei verlassen«, rückte er schließlich mit der Sprache heraus.
Fidelma zog die Augenbrauen hoch. »Die Abtei verlassen? Hieß es nicht, außerhalb der Mauern drohe ihnen Gefahr?«
»Ich bin sicher, der Vater Abt weiß, was er tut«, murmelte der Verwalter.
»Das heißt, sie sind mit Zustimmung von Abt Servillius gegangen?«
»Mich darüber zu äußern, steht mir nicht zu.« Bruder Wulfila war deutlich erregt. Er drehte sich um und hastete davon.
Fidelma starrte ihm nach. Wenn einer wusste, warum und wie Freifrau Gunora und der Junge die Abtei verlassen hatten, dann hätte just er es sein müssen, der sich ja die ganze Nacht über im Gang aufgehalten hatte.
Sie ging in ihr Zimmer und machte sich frisch. Eine Glocke begann zu läuten, doch es konnte unmöglich sein, dass sie die Brüder zum Essen rief. Fidelma schaute hinaus und erfuhr von einem der vorbeieilenden Mönche, dass es zur Mittagsandacht läutete. Rasch war Ruhe eingezogen, und sie dachte, dies wäre die ideale Zeit, Bruder Ruadán aufzusuchen. Vielleicht war er ja in der Lage, ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Sie machte sich auf den Weg, doch kaum bog sie um die Ecke zu seiner Kammer, stand plötzlich der Apotheker vor ihr.
»Ah, Schwester Fidelma«, begrüßte sie der korpulente Mann unwirsch und hinderte sie am Weitergehen.
»Bruder Hnikar, ich wollte gerade bei Bruder Ruadán vorbeischauen. Es geht ihm doch heute so weit gut, und man darf ihn besuchen?« Sie konnte nur hoffen, der Apotheker hatte keinen Verdacht geschöpft, dass sie schon früher am Morgen bei ihrem alten Mentor gewesen war.
Der Gesichtsausdruck des Apothekers verdüsterte sich. Er schwieg kurz, räusperte sich dann und schob die Unterlippe vor wie ein Kind, das gleich losweinen würde.
»Das wird nicht möglich sein.«
»Nicht möglich sein?« Fidelma konnte sich nur schwer beherrschen. »Wieso nicht?«
Jede Antwort hätte sie erwartet, aber nicht diese: »Bruder Ruadán ist leider tot. Er ist des Nachts entschlafen.«