KAPITEL 10

Was würde ihr Brehon Morann raten, in dessen Hoher Schule sie Rechtswesen studiert hatte? Befrage alle Zeugen! Aber wer waren die Zeugen? Wulfoald hatte den Leichnam des Jungen gefunden. Die Münze hatte Abt Servillius erhalten. Sonst noch jemand? Wie hieß doch die Mutter des Jungen? Hawisa? Mit ihr zu reden, könnte sich vielleicht lohnen. Nur brachte das zwei Probleme mit sich. Erstens wusste Fidelma nicht, wo in den Bergen die Frau lebte. Zweitens fehlte ihr jede Kenntnis der Sprache der Langobarden, denn dass die Mutter eines Ziegenhirten Latein sprach, schien höchst unwahrscheinlich. Ohne einen Dolmetscher, dem sie vertrauen konnte, war nichts zu machen.

Sie überdachte die geringen Möglichkeiten, die sich ihr boten. Bruder Eolann war einer der wenigen in der Abtei, mit dem sie sich ohne weiteres hatte verständigen können. Außerdem stammte er aus dem irischen Königreich Muman. Jemanden zu treffen, der aus der eigenen Heimat kam, schuf eine unmittelbare Bindung. Auch konnte man dem scriptor einen beschwerlichen Aufstieg auf den Berg zumuten, denn er war jung und in guter körperlicher Verfassung. Kurz entschlossen verließ sie den Kräutergarten und lenkte ihre Schritte zum scriptorium. Sie blieb bis zur Eichentür im Turm unbehelligt. Bruder Eolann saß an seinem Pult.

»Kennst du Hawisa, die Mutter des Ziegenhirten Wamba, den man vor einer Woche tot aufgefunden hat?«, fragte sie ohne jede Überleitung.

»Ich habe von ihr gehört«, antwortete er zurückhaltend. »Bruder Waldipert wird dir mehr sagen können als ich. Wamba hat immer die Abtei mit Ziegenmilch versorgt. Ich weiß nur, Hawisa lebt auf halber Höhe des Berges hinter uns.«

»Mit Bruder Waldipert habe ich bereits gesprochen, doch ich brauche konkrete Hilfe. Auch liegt mir daran, dass niemand hellhörig wird, wie sehr mich die Sache interessiert.« Fidelma sprach leise, weihte sie ihn doch in ihre Pläne ein. »Ich möchte Hawisa aufsuchen und mit ihr über ihren Sohn reden. Es ist zu befürchten, dass sie nur die hier übliche Sprache beherrscht; ohne Dolmetscher kann ich nichts ausrichten.«

Bruder Eolann war mehr als verwundert. »Schlägst du mir etwa vor, ich soll dich zu ihrer Hütte führen und für dich übersetzen?«

»Genau das ist es, worum ich dich bitte.«

»Das dürfte schwierig werden.«

»Warum?«

»Ich muss Erlaubnis einholen, die Abtei zu verlassen. Abgesehen davon, dass das eine in der Bruderschaft gültige Regel ist, dürfte der Abt wenig geneigt sein, mir das zu gestatten, nach dem, was Bruder Ruadán zugestoßen ist, und bei den Gerüchten über Aufstände, die im Lande kursieren.«

Fidelma überlegte. »Glaubst du wirklich, er würde es dir abschlagen?«

Bruder Eolann lachte auf. »Da bin ich mir so gut wie sicher.«

»Vorausgesetzt, er gibt seine Einwilligung, wärst du bereit, mich zu begleiten?«

»Bei aller dir schuldigen Ehrerbietung, ehe ich mich dazu entschließe, müsste ich schon mehr wissen. Welchem Zweck soll das alles dienen? Was liegt dir an Hawisa? Warum wendest du dich von all den Brüdern hier ausgerechnet an mich?«

»Weil du aus Muman stammst. Du weißt, welche Aufgabe eine dálaigh hat, und bist mit den Regeln vertraut, die ihrem Wirken zugrunde liegen. Bevor ich deine Fragen beantworte und dir eröffne, worum es mir geht, muss ich dich unter Eid stellen, dir ein géis auferlegen.

»Mir ein géis auferlegen«, wiederholte der junge Mönch aufs höchste erstaunt.

Jeder aus Hibernia wusste, welche Bedeutung einem solchen Eid zukam. Es war ein seit Urzeiten geheiligter Brauch; wurde jemand unter dieses Gebot gestellt, musste er sich unter allen Umständen daran halten. Wer ein géis übertrat oder wissentlich nicht beachtete, brachte Schande über sich und wurde aus der Gemeinschaft ausgestoßen.

»Ich verlange es nicht ohne schwerwiegenden Grund«, versicherte ihm Fidelma.

Bruder Eolann schwieg eine Weile, nickte dann aber. Die Worte der Schwurformel wurden leise und mit heiligem Ernst gesprochen.

Fidelma zog einen Schemel heran und setzte sich dem Bibliothekar gegenüber hin. »Nun sollst du, Eolann von der Insel Faithleannn, erfahren, warum mich Wambas Tod so beschäftigt. Ich bin davon überzeugt, dass Bruder Ruadán ermordet wurde …«

Der junge Mann erschrak, doch Fidelma fuhr unbeirrt fort, schilderte ihm, was sich ihr von der Begegnung mit Bruder Ruadán eingeprägt hatte und von welcher Beobachtung sie ableitete, er sei nicht eines natürlichen Todes gestorben.

»Ich erzähle dir das, weil ich dir voll vertraue. Du könntest natürlich einwenden, dass das géis im Reich der Langobarden nicht gilt, denn ich bin hier lediglich eine Fremde.«

Bruder Eolann blieb stumm, deutete dann aber mit einer Körperbewegung sein Einverständnis an. »Ich achte das mir auferlegte Gebot bei meiner Ehre und in voller Aufrichtigkeit. Wenn Morde in dieser Abtei geschehen, ist dem Einhalt zu gebieten.«

»Ich muss diese Hawisa aufsuchen und ihr ein paar Fragen stellen. Du kannst mir helfen, indem du mir Mund und Ohren leihst bei dem, was ich sie frage und sie mir antwortet.«

Die Tür ging auf, und Bruder Wulfila trat ein, blieb stehen und wollte sich, peinlich berührt, zurückziehen. »Tut mir leid«, murmelte der Verwalter, »ich will nur ein Buch für den Abt abholen …«

Eilfertig erhob sich Bruder Eolann. »Der Band liegt in der Schreibwerkstatt, Bruder Wulfila«, sagte er. »Entschuldige, Schwester, ich muss das erst erledigen.«

Er verschwand durch die Seitentür, und der Verwalter folgte ihm. Nach kurzer Zeit erschien Bruder Wulfila mit einem gewichtigen Buch, verneigte sich knapp vor Fidelma und verließ die beiden.

Bruder Eolann setzte sich wieder. »Wir brauchen einen Vorwand, in die Berge zu steigen, sonst können wir die Erlaubnis des Abts, das Kloster zu verlassen, nicht erwirken.« Er dachte einige Augenblicke nach, dann überzog ein breites Lächeln sein Gesicht. »Einen Vorwand zu finden, ist leichter, als ich glaubte.«

»Nämlich?«

»Du kannst dem Abt erzählen, du hättest von dem Heiligtum gehört, das Colm Bán auf dem Gipfel dieses Berges errichtet hat. Sag ihm, du hättest den dringenden Wunsch, diese Stätte zu sehen, damit du den Brüdern und Schwestern in der Heimat darüber berichten könntest. Du kannst ihm ja auch sagen, dass ich mich erboten hätte, dich zu begleiten. Auf dem Weg dorthin kommen wir an Hawisas Hütte vorbei.«

Fidelma ging zum Fenster und betrachtete kritisch die steilen Hänge. »Ist der Berg sehr hoch?«, fragte sie.

»Hoch ist er, aber der Aufstieg ist nicht so schwierig.«

»Und was für ein Heiligtum ist das?«

»Ursprünglich war es ein heidnischer Tempel, den die Gallier erbaut hatten, und zwar der Stamm der Boii, die früher hier siedelten. Colm Bán hatte der Langobarden-Königin Theodolinda zugesichert, er würde ein der Jungfrau Maria gewidmetes Heiligtum errichten, in dem man sie auf immer und ewig verehren könnte. Als der fromme Mann hier die Abtei zu bauen begann, zog er mit einigen seiner Anhänger auf den Gipfel des Berges – Pénas wird er genannt – und weihte den Tempel dort zu einer Kapelle des Neuen Glaubens um und widmete sie Maria, der Mutter Christi.«

»Wer war Königin Theodolinda?«

»Sie war die Gattin des Agilulfo, der Colm Bán dieses Land schenkte, damit er seine Abtei darauf gründete.«

»Die heilige Stätte ist gewiss ein Ort, den es sich lohnt aufzusuchen. Ein ausgezeichneter Vorwand, um die Zustimmung des Abts zu erreichen. Wie lange müssten wir für ein solches Vorhaben von der Abtei wegbleiben?«

Bruder Eolann schaute nach dem Sonnenstand. »Wenn wir nur Hawisa aufsuchen, würde ein Tag genügen. Wollen wir aber weiter bis zum Heiligtum gehen, müssen wir auf dem Berg übernachten. Wenn wir sofort aufbrechen, könnten wir morgen Nachmittag zurück sein. Falls der Abt seine Einwilligung gibt, hätten wir eine glaubhafte Entschuldigung, über Nacht fortzubleiben.«

»Ich gehe sofort zum Abt. Könnten wir gleich losziehen, falls ich seinen Segen dazu erhalte?«

Ihr Eifer amüsierte Bruder Eolann. »Ja, Hauptsache, der Abt hat keine Einwände. Du wirst ein paar derbe Schuhe brauchen. An manchen Stellen geht der Weg sehr steil hoch und ist voller scharfkantiger Steine. Auch ein Mantelsack und eine wollene Decke wären ratsam. Auf dem Gipfel kann es ziemlich kalt werden.«

»Und wir haben genügend Zeit für beides, können mit Hawisa sprechen und dennoch das Heiligtum erreichen?«

»Aber ja, ich habe den Berg schon mehrfach bestiegen.«

Abt Servillius schaute leicht verwundert von seinem Pult auf, als Fidelma ihm ihre Absicht darlegte. »Ich habe doch bereits meinen Wunsch geäußert, ein, zwei Stellen in der Umgebung zu sehen, die in Verbindung mit Colm Bán stehen, damit ich den Menschen in seinem Heimatland einen möglichst vollständigen Eindruck von der Abtei hier geben kann. Da ich die weite Reise hierher unternommen habe, kann ich nicht nach Hibernia zurückkehren, ohne auch noch dieses Heiligtum aufgesucht zu haben.«

Der Abt war von dem Gedanken wenig angetan. »Ich verstehe durchaus, dass du Stätten sehen möchtest, die an unseren heiligen Gründer, deinen berühmten Landsmann, erinnern. Doch zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist es nicht geraten, in den Bergen umherzuwandern.«

»Aber mir bleibt keine andere Zeit, Vater Abt.« Sie verzog das Gesicht zu tiefbetrübtem Schmollen. »Bald werde ich euch verlassen müssen und hätte dann das kleine Heiligtum, von dem Bruder Eolann so viel erzählt hat, nicht gesehen, das wäre eine Schande. Vielleicht hättest auch du es mir gegenüber schon früher erwähnen sollen.« Sie hoffte, ein wenig versteckte Kritik könnte ihrem Anliegen nur förderlich sein.

Abt Servillius blinzelte dann auch betroffen. »Ich hätte davon reden können«, gab er zu. »Alljährlich besteigt eine Gruppe unserer Brüder den Berg, um so das Osterfest zu begehen und des Märtyrertodes Christi zu gedenken. Es ist der heilige Ort, an dem Columbanus während einer seiner in Zurückgezogenheit vollbrachten Andachten starb.«

Seine ablehnende Haltung wurde merklich schwächer, und Fidelma verlegte sich darauf, noch mehr Druck auszuüben. »Dein scriptor, Bruder Eolann, hat mir auch beschrieben, wo sich dieses Heiligtum befindet. Er hat sich erboten, mich dorthin zu führen, falls wir deine Einwilligung erhalten. Er stammt aus dem Königreich meines Vaters und wünscht sehnlich, dass ich daheim seinen Glaubensbrüdern eindrucksvoll von den Gegebenheiten dieser Abtei berichten kann.«

»Dass unser scriptor aus Hibernia zu uns gekommen ist, weiß ich wohl«, bestätigte der Abt und ließ damit durchblicken, dass er sich geschlagen gab. »Er ist gewiss der Geeignetste, um dich zu dem Heiligtum zu führen. Also gut, Schwester Fidelma, ich gebe dir meine Einwilligung. Tagsüber ist es ja noch warm, doch ich rate dir, nimm ausreichend Kleidung mit, auf der Höhe kann das Wetter rasch umschlagen. Ich muss dich auch vor Banden bewaffneter Fremder warnen. Höchste Wachsamkeit ist geboten, denn die Gerüchte, dass Perctarit hierher zieht, könnten sich bewahrheiten.« Mit einem Achselzucken beendete er die Unterredung. »Schicke Bruder Eolann zu mir, ich werde ihm die nötigen Weisungen erteilen.«

Bald danach stiegen Fidelma und Bruder Eolann in der Mittagssonne den geebneten Weg bergan und blickten hinunter auf die Abtei. Bruder Eolann hatte vorgeschlagen, die Wanderung zu Fuß zu unternehmen, obwohl sie auch bis zu Hawisas Hütte hätten reiten können, doch von dort bis zur Bergkapelle würde es zu Pferde nicht weitergehen. Wie er ihr geraten hatte, trug Fidelma ihre derbsten Ledersandalen. Über den Rücken hatte sie den Mantelsack geschlungen, in dem eine Decke, das Notwendigste zur Körperpflege und etwas Essbares eingepackt waren.

Die Berghänge waren dicht bewaldet und voller Felsvorsprünge. In natürlich entstandenen Mulden hatte sich Wasser gesammelt und kleine Teiche gebildet. Gelegentlich begegnete ihnen ein Schäfer oder Ziegenhirt, und man grüßte sich im Vorbeigehen. Hawisas Heim war gar nicht einmal sehr weit entfernt. Die kleine Hütte stand unter großen Bäumen, daneben plätscherte ein Bach talwärts. Sobald sie sich ihr näherten, fing ein Hund an zu bellen. Eine stämmige Frau mit dichtem schwarzem Haar und wettergebräuntem Gesicht trat heraus und begrüßte sie.

Sie redete die Besucher in der kehligen Sprache der Langobarden an, die Fidelma mittlerweile erkennen, aber keineswegs verstehen konnte. Bruder Eolann erwiderte, und Fidelma hörte den Namen Hawisa heraus. Die Frau nickte und schaute sie fragend an. Fidelma wandte sich ihrem Dolmetscher zu. »Sage ihr bitte, ich möchte ihr ein paar Fragen zu ihrem Sohn Wamba stellen.«

Misstrauisch kniff die Frau die Augen zusammen und erklärte knapp: »Der ist tot.«

Mit Hilfe des Bibliothekars versuchte Fidelma mit ihr ins Gespräch zu kommen. »Das ist uns bekannt, und wir betrauern mit dir deinen Verlust. Man hat mir erzählt, er wäre beim Ziegenhüten von der Felswand gestürzt.«

Hawisa schnaubte verächtlich. »Wamba war kein Tolpatsch, der irgendwo abstürzt. Frage Wulfoald, was wirklich war.«

»Den Krieger? Es heißt doch, er war es, der Wamba gefunden und den Leichnam zur Abtei geschafft hat.«

Bruder Eolann suchte nach den rechten Worten.

»Und warum hat Wulfoald den Leichnam nicht zu mir nach Hause gebracht?«, fragte die Frau erregt.

»Hat er denn gewusst, wo Wamba zu Hause war?«

»Ha!«, lachte sie auf, und es klang wie trockenes Bellen. »Als man mir schließlich die Nachricht brachte, mein Sohn ist tot, bin ich hinunter in die Abtei gegangen, und da hatte man ihn bereits begraben. Ich durfte ihn nicht mehr sehen. Wie kann ich wissen, welche Verletzungen er hatte? Und erst recht nicht, woher sie kamen?«

»Bezweifelst du aus gutem Grund, dass die Dinge sich nicht so zugetragen haben, wie man dir erzählt hat?«

»Sprich mit deinem Abt, und lass mich in Ruhe … Ich behalte meine Vermutungen für mich.«

Fidelma schürzte die Lippen. »Welche Vermutungen, Hawisa?«

»Dazu sage ich nichts, aber ein paar Fragen gibt es schon, auf die ich gern Antwort hätte, und zwar von Abt Servillius und Wulfoald. Er hat sehr wohl gewusst, wo meine Hütte steht. Warum ist er denn sofort zur Abtei geritten?«

»Welchen Grund sollte er gehabt haben, dir den Tod deines Sohnes bis nach der Beerdigung zu verschweigen?«

Die Frau schlug die Arme übereinander und presste die Lippen zusammen. Was sie zu sagen bereit war, hatte sie gesagt, mehr war ihr nicht zu entlocken.

»Ich hatte dich noch fragen wollen, ob Wamba je von einem Bruder Ruadán gesprochen hat, einem alten Bruder aus Hibernia«, begann Fidelma von neuem.

Die Frau schüttelte langsam den Kopf. »Wamba hat unsere Milch immer an Bruder Waldipert in der Abteiküche verkauft«, erklärte sie Fidelma über Bruder Eolann. »Jetzt hat mein Neffe Odo meine Ziegen übernommen und schafft die Milch zur Abtei. Außer Bruder Waldipert hat mein Junge keinen von den frommen Brüdern gekannt.«

Fidelma war enttäuscht, dass sich nicht unmittelbar eine Verbindung zwischen Bruder Ruadán und Wamba herstellen ließ. »Ich habe gehört, Wamba hätte ein paar Tage vor seinem Tod am Berg etwas gefunden.«

Die Frau blinzelte argwöhnisch und erklärte schroff: »Hier ist es Brauch, wenn einer etwas auf dem Berg findet und sich nicht sofort jemand meldet, der es verloren hat, dann gehört es dem Finder und kann später nicht mehr zurückgefordert werden.«

»Sei unbesorgt«, versicherte ihr Fidelma. »Ich bin nicht hier, um etwas zurückzufordern. Ich möchte nur wissen, wie es zu dem Fund kam und was weiter damit geschehen ist.«

Die Frau schaute von ihr zu Bruder Eolann, bis der gedolmetscht hatte, und wieder zu Fidelma. »Setzt euch«, sagte sie dann und zeigte auf eine Holzbank zwischen den Bäumen. »Ich hole euch Cider. Es ist ziemlich warm heute … Wenn ich auch keine große Freundin eures Abts bin, sollt ihr doch nicht an seiner statt leiden.«

Fidelma war aufgefallen, dass beim Übersetzen wiederholt lange Pausen entstanden und fragte deshalb Bruder Eolann, ob er Schwierigkeiten bei der Verständigung hätte.

»Die Frau redet in der Mundart der Bauern hier. Mitunter ist sie kaum zu verstehen.«

Bald erschien Hawisa wieder mit einem Tonkrug, der im Bach gestanden hatte, und einigen Bechern. Sie füllte sie mit einer wie sattes Gold glänzenden Flüssigkeit. Dankbar schlürften sie das kühle Getränk. Hawisa setzte sich neben sie auf die Erde und blickte gedankenverloren in ihren Becher. Traurig vor sich hin sinnend fing sie an zu sprechen und hielt immer mal wieder ein, damit Bruder Eolann für die Nonne dolmetschen konnte.

»Wamba kam eines Tages vom Ziegenhüten zurück und sagte mir, wir würden bald reich sein.« Schmerzlich verzog sie das Gesicht. »Er erzählte mir, er hätte eine kleine Goldmünze gefunden. Den Wert kannte er natürlich nicht, und reich sind wir davon nicht geworden. Aber der Abt gab mir im Tausch dafür einen Korb voll Lebensmittel, mit denen kam ich eine Weile hin.«

»Entschuldige, aber das verstehe ich nicht.« Fragend sah Fidelma Bruder Eolann an, ob er vielleicht etwas falsch übersetzt hatte. »Soviel ich gehört habe, hat der Junge die Münze Bruder Waldipert gezeigt, und der versprach ihm, er würde den Wert schätzen lassen. Wamba starb aber, bevor er mit der Abtei handelseinig werden konnte.«

Bruder Eolann besprach sich eine Weile mit der Frau. »Sie bestätigt, was du gesagt hast«, meinte er schließlich. »Sie hat Abt Servillius aufgesucht, der hat ihr erklärt, die Münze sei alt, doch nicht besonders wertvoll. Er hat veranlasst, dass sie einige Sachen als Gegenwert erhielt. Sie meint, es war ein schlechter Tausch. Wamba hatte gehofft, eine Ziege oder gar zwei kaufen zu können, um ihre kleine Herde zu vergrößern.«

Fidelma wandte sich wieder an Hawisa. »Viel Wert war sie also nicht. Was für eine Münze war es überhaupt?«

Die Mutter des Jungen zuckte die Achseln. »Münzen sind hierzulande selten. Doch Gold habe ich auch vorher schon gesehen.«

»Der Abt hat also die Münze behalten?«

»Ja.«

»Und du bist sicher, es war eine alte Münze?«

Die Frau nickte und stellte ihren leeren Becher neben sich ab. »All meine Lieben hat man mir genommen. Erst wurde mein guter Mann geholt, er musste in Grimoalds Heer dienen. Das war vor drei Jahren. Er kam nie zurück, und ich habe nur erfahren, er sei in der Schlacht gefallen. Jetzt ist mein einziges Kind tot. Ich habe nichts weiter zu verlieren, daher ist mir egal, was ihr eurem Abt berichtet. Wamba wurde ermordet, weil er ein Goldstück fand. Sie haben ihn in aller Hast beerdigt, damit ich die Wunden nicht sehe.«

Plötzlich beugte sie sich vor und tippte Fidelma mit beiden Zeigefingern beschwörend an die Brust. Dabei wiederholte sie dreimal einen kurzen Satz, von dem Fidelma nur das Wort Odo verstand. Sie fragte Bruder Eolann: »Was sagt sie über Odo … das ist doch der Neffe, stimmt’s?«

»Sie sagt, Odo kann alles bestätigen, was sie uns erzählt hat«, erklärte der junge Mönch. »Aber das ist ja nicht nötig. Ich habe alles übersetzt, was sie mitteilen wollte.«

»Ihren Bericht müssen wir hinnehmen, wie er ist. Und doch ist da etwas irgendwie unlogisch«, grübelte Fidelma. »Selbst wenn es eine Goldmünze war, so kann sie nicht so wertvoll gewesen sein, dass gleich mehrere dabei mitgemacht haben, den Jungen zu töten. Einen großen Gewinn hätte es keinem gebracht.«

Bruder Eolann schaute sie verunsichert an. »Wie meinst du das?«

»Zuerst wäre da Bruder Waldipert, den wir in Betracht ziehen müssen. Als Nächsten Abt Servillius, er hat den Wert der Münze geschätzt. Ferner wäre an den Krieger Wulfoald zu denken, der könnte sogar im Verdacht stehen, den Jungen umgebracht zu haben. Er war es, der den Toten fand und zur Abtei schaffte. Auch Bruder Hnikar dürfen wir nicht außer Acht lassen, denn als Apotheker und Heilkundiger oblag es ihm, den Leichnam zu waschen und für die Bestattung herzurichten. Dabei hätten ihm Anzeichen auffallen können, die darauf hinwiesen, dass der Junge eines unnatürlichen Todes gestorben war. Wenn ich richtig verstanden habe, sagt Hawisa aus, der Junge wurde begraben, noch bevor sie seine Leiche hätte sehen können, man hätte vertuschen wollen, dass er ermordet wurde.«

Bruder Eolann zuckte die Achseln. »Mir fehlen deine Wortgewandtheit und die Gabe, so zu denken wie du.«

Hawisa hatte sie die ganze Zeit beobachtet und fing erneut an, sehr laut zu reden.

»Sie sagt, sie weiß eben nur, dass sie die Goldmünze gesehen hat. Wamba hat sie zur Abtei mitgenommen, und am Tag darauf war er tot. Jetzt ist er auf dem Friedhof der Abtei begraben, wo sie nicht jeden Tag für ihn beten kann. Der Weg dorthin ist zu beschwerlich. Sie muss sich damit begnügen, ihr Gebet an der Stelle zu verrichten, wo man ihn tot aufgefunden hat.«

Aufgebracht schleuderte die Frau ihnen ein paar Wortfetzen entgegen. »Ihr könnt mich bei eurem Abt anschwärzen. Ich fürchte mich nicht«, übersetzte Bruder Eolann.

»Du hast auch nichts zu befürchten«, versicherte ihr Fidelma. »Wir sind nicht hier, um dich bei Abt Servillius anzuschwärzen. Er weiß nicht einmal, dass wir hier sind. Im Gegenteil, uns wäre lieb, wenn du niemandem etwas von unserem Besuch sagst. »

Hawisa blickte verwundert auf.

»Mach ihr klar, ich sei eine Besucherin aus Hibernia, und ich sei zu ihr gekommen, weil ich mit der unstillbaren Neugier gestraft bin, alles immer genau wissen zu wollen. Ich habe von der Geschichte mit Wamba erfahren, und die hat mich tief berührt.«

Man sah Hawisa an, dass sie noch ihre Zweifel hatte, doch schien ihr die Erklärung einzuleuchten. Und wieder begann Bruder Eolann zu übersetzen. »Der Begründer der Abtei kam aus Hibernia. Ich habe gehört, Landsleute von dir besuchen immer mal die Abtei, um seiner zu gedenken.«

»Genau so ist es.« Fidelma schwieg eine Weile und erklärte dann: »Bevor wir weiterziehen, möchten wir an der Stelle, an der Wamba abstürzte, ein Gebet verrichten, an der Stelle, zu der du immer gehst, um für ihn zu beten. Würdest du uns bitte beschreiben, wie wir dort hinkommen?«

Wieder betrachtete Hawisa Fidelma argwöhnisch. »Warum willst du sehen, wo mein Sohn zu Tode stürzte?«.

»Es geht mir nicht darum, zu sehen, wo es war, sondern nur darum, dort ein Gebet für seinen Seelenfrieden zu sprechen.« Fidelma war bewusst, dass sie log und hoffte, Bruder Eolann würde ihre Worte mit größerer Aufrichtigkeit übersetzen können. Die Lüge würde ihr wohl vergeben werden, weil sie dazu diente, die Wahrheit herauszufinden.

Hawisa antwortete nicht gleich, sie überlegte sich die Sache lange und sorgfältig. »Folgt dem Pfad da« – dabei wies sie auf einen Trampelpfad zwischen den Bäumen dicht neben ihrer Hütte –, »geht immer in Richtung Nordost, bis ihr an zwei riesige Felsbrocken kommt, bei denen sich der Weg teilt. Nehmt nicht den Pfad nach unten, sondern bleibt auf gleicher Höhe, dann gelangt ihr an eine hohe Felswand. Unten am Fuß der Felsen ist ein kleiner Steinhaufen, den ich zu seinem Gedenken zusammengetragen habe. Man hat mir gesagt, das war die Stelle, von der er abgestürzt ist.«

Mitfühlend berührte Fidelma den Arm der Frau. »Wir sind dir sehr dankbar für deine Auskünfte, Hawisa.«

»Bitte zerstört nicht das kleine Grabmal. Als ich heute früh dort war, um zu beten, fand ich es verwüstet vor. Jemand muss das gestern oder in der Nacht getan haben.«

»Wir werden es nicht anrühren«, versprach Fidelma, runzelte dann die Stirn und fragte: »Wie war es zerstört?«

»Die Steine lagen überall verstreut herum.«

»Könnte das nicht auch ein Tier gewesen sein?«

»So macht das kein Tier. Ich hatte die Steine um eine kleine Holzkiste geschichtet, in der Wamba ein paar Dinge aufbewahrte, die ihm lieb und teuer waren. Bunte Murmeln, glänzende Steine und seine geliebte Flöte.«

»Seine Flöte?«, fragte Fidelma nach.

»Fast alle Jungen auf dem Berg haben die bei sich. Das sind einfache Dinger. Das Kistchen war grob zusammengezimmert, aber er hatte es selbst gebaut. Jemand hat es gestohlen, verflucht sei seine Seele. Eine Schande ist das, dass einer so was macht, der eine Kutte trägt.«

Verständnislos schaute Fidelma die Frau an. »… eine Kutte? Wie kommst du darauf?«

Bruder Eolann schien mit der Übersetzung Schwierigkeiten zu haben. »Ein Nachbar hat gesehen, wie jemand in einer Mönchskutte das Kistchen genommen hat und damit den Abhang hinunter gestiegen ist zu seinem Pferd.«

»Ein Mönch soll es genommen haben?«

»Jedenfalls jemand, der wie ein Mönch aussah«, verbesserte sich Bruder Eolann rasch.

»Hat dieser Nachbar den Mann oder das Pferd genauer beschrieben?« Ungeduldig wartete Fidelma, bis die Frage gestellt war und eine Antwort kam.

»Der Nachbar hat nichts weiter erkennen können, sagt sie. Ich habe sie gefragt, wer dieser Nachbar sei; aber sie behauptet, der wäre zum Markt nach Travo gegangen und wird ein paar Tage weg sein.«

Fidelma überlegte einen Moment und stand langsam auf. »Sei unbesorgt, wir werden dein Steinmal nicht zerstören.«

»Ich wäre euch dankbar, wenn ihr mir euren Segen erteilt und ein paar Gebete sprecht, bevor ihr mich verlasst. Verzeiht einer trauernden Mutter, dass sie so grob zu euch war.«

Bruder Eolann intonierte die Gebete in der für sie gängigen Sprache, dann sagten sie der Bewohnerin der Hütte Lebewohl und folgten dem Weg, den sie ihnen gewiesen hatte.

Zwar waren sie schon ziemlich hoch in den Bergen, bewegten sich aber immer noch unterhalb der Baumgrenze. Hohe Buchen und Ebereschen bestimmten das Bild. Hier und da wuchsen auch andere Bäume, die Fidelma an Eichen erinnerten, aber doch anders aussahen. Sie war ihnen schon früher begegnet. Auf ihre Frage hin erfuhr sie von Bruder Eolann, dass es eine in der Gegend verbreitete Baumart wäre, Zerr-Eichen nannte man sie. Vögel schwirrten von Ast zu Ast; und ab und an erspähte sie auch Sperber und Bachstelzen mit weißer oder gelber Unterseite.

Bruder Eolann blickte zum Himmel und warnte: »Wenn wir das Heiligtum auf dem Gipfel erreichen wollen, müssen wir uns beeilen. Bis zur Abenddämmerung bleibt uns nicht mehr viel Zeit.«

»Gibt es in den Bergen hier Raubtiere, die uns gefährlich werden könnten, wenn wir es nicht bis ganz hinauf schaffen und unterwegs übernachten müssen?«

»An größeren Tieren sind mir bisher nur Füchse und Wölfe begegnet. Vor einem Tier aber, das es in unserer Heimat nicht gibt, habe ich besonderen Respekt.«

»Und was ist das?«

»Eine Schlange, vipera wird sie genannt; sie hat Giftzähne, und ihr Biss kann gefährlich sein.«

Schaudernd suchte Fidelma sofort den Boden um ihre Füße herum ab. »Gehört habe ich schon davon, doch begegnet bin ich noch nie einer.«

»Ich habe nur einmal eine gesehen. Bruder Lonán fand eine im vergangenen Herbst im herbarium. Sie hatte sich zusammengeringelt und sonnte sich. Er hielt sie für eine Blindschleiche und wollte sie aufnehmen, doch sie biss ihn, und er hatte tagelang heftige Schmerzen. Glücklicherweise kannte Bruder Hnikar einen Heiltrank dagegen, auch verordnete er Lonán strenge Bettruhe. Er sollte jede Anstrengung vermeiden, denn schon die geringste Bewegung würde das Gift durch den Körper treiben. Der Gärtner genas, doch es dauerte lange.«

»Du musst mich rechtzeitig warnen, wenn du so eine Kreatur erblickst«, bat Fidelma eindringlich. »Vor Wölfen und Füchsen habe ich keine Angst, doch vor Schlangen …« Sie schüttelte sich.

Sie verließen den schattigen Pfad und zogen im offenen Gelände an einer Bergwand entlang. Links bedeckten Felsbrocken und dunkelgraues Geröll die Hänge, zur Rechten fiel der Berg steil ab.

»Ah, dort!«, rief Fidelma und wies auf einen kleinen Haufen aufgeschichteter Steine vor ihnen. »Das muss Hawisas Gedenkstätte sein.«

An dem Steinhügel, den Hawisa ihrem Sohn zum Gedenken zusammengetragen hatte, war nichts Auffälliges.

Fidelma schaute sich aufmerksam um und blickte ein wenig weiter in die Tiefe. An die sechzig Fuß unter ihr verlief ein breiter, ausgetretener Weg.

»Was für ein Weg ist das da?«

»Er führt vom Norden über die Berge und hinunter ins Tal genau zur Abtei. Eine vielbegangene Strecke ist das.«

Fidelma beugte sich weit vor. »Ziemlich steil ist der Abhang ja, doch hinunterzuklettern dürfte nicht schwer sein. Das ist bestimmt die Stelle, an der der Dieb, der die kleine Kiste gestohlen hat, vom Pferd abgesessen ist. Er ist hochgeklettert und mit der Beute im Arm wieder runter.«

»Von hier muss auch der Junge abgestürzt sein, den Wulfoald dann unten gefunden hat, als er vorbeiritt.«

»Wie sollte ein wendiger, trittsicherer Bursche, der jahrelang auf diesen Berghängen Ziegen gehütet hat, ausgerechnet hier abstürzen? Die Bruchkante ist mehr als deutlich zu erkennen, und welche Gefahr da lauert, sieht doch jeder.«

»Vielleicht ist eine der Ziegen zu dicht an den Abgrund geraten, und er hat versucht, sie zurückzuholen, und ist dabei ausgerutscht«, gab Bruder Eolann zu erwägen. »Es wäre jedenfalls eine mögliche Erklärung.«

»Vielleicht war es so«, räumte Fidelma widerstrebend ein. »Aber bloße Mutmaßungen helfen uns nicht weiter. Ich werde hinunterklettern.«

Bruder Eolann protestierte heftig, doch sie schob seine Bedenken beiseite. »In den Bergen von Muman gibt es schwierigere Abstiege.«

»Aber was willst du da finden?«

»Das werde ich erst wissen, wenn ich unten bin«, erwiderte sie, machte einen Schritt zum Rand des Pfades und tastete mit den Blicken die Felswand ab.

»Sei vorsichtig!«, rief Bruder Eolann ihr aufgeregt zu.

»Wenn du weiter so schreist, werde ich mich erschrecken und fallen«, mahnte ihn Fidelma. »Ah, so müsste es gehen.« Sie kletterte über die Kante und hangelte sich an Felsvorsprüngen nach unten. Als Kind war sie oft genug mit ihrem Bruder Colgú zwischen den Höhenzügen Cnoc an Stanna und Sliabh Eibhlinne herumgestreift. Klettertouren machten ihr nichts aus. Behände wie eine von Wambas Ziegen stieg sie hinab und stand bald unten auf dem steinigen Weg.

»Bleib oben!«, rief sie hoch, »wenn es hier etwas zu sehen gibt, finde ich es schon allein.«

Sie ging am Fuß der Felswand entlang, schaute angestrengt auf den Boden, entdeckte aber nichts, was hier nicht hergehörte. Eigentlich hatte sie auch nicht erwartet, etwas Auffälliges zu bemerken oder Spuren zu finden. Dafür war es schon zu lange her, dass der Junge ermordet worden oder zu Tode gestürzt war. Während sie hin und her lief und unter jeden Felsbrocken schaute, fiel ihr schließlich ein kurzes abgebrochenes Aststück auf, das zwischen farbigen Tonscherben und bunten Glasmurmeln lag. Der Zweig sah irgendwie sonderbar aus. Sie nahm ihn auf, drehte ihn hin und her und kam plötzlich darauf, was es war. Er war kaum einen Finger lang, hatte auch die Stärke eines Fingers, war an beiden Enden zerdrückt, innen aber hohl. In der Mitte waren zwei sauber herausgeschnittne Löcher, an einem Ende sah es aus, als hätte es dort ursprünglich einen Aufsatz gegeben. Ein Mundstück?

»Ist mit dir alles in Ordnung?«, schallte Bruder Eolanns besorgter Ruf von oben, der sie wegen des Überhangs nicht sehen konnte.

»Alles ist in bester Ordnung«, rief sie, trat ein paar Schritte von der Felswand zurück, so dass sie ihren Begleiter zu Gesicht bekam, und versicherte ihm: »Es dauert nicht mehr lange.«

»Hast du schon etwas entdeckt?«

»Noch nicht.« Sie ging zurück, wo sie die Sachen gefunden hatte, schaute noch einmal prüfend umher und ließ den Blick nach oben schweifen. Fast genau über ihr in Kopfhöhe war ein abgeflachter Felsvorsprung. Sie ertastete hilfreiche Vorsprünge und kletterte hoch.

Dort oben lag ein kleiner Holzkasten mit offenem Deckel, nicht mehr als zwei Handspannen lang und eine breit, auch ziemlich flach. Fidelma nahm ihn vorsichtig an sich und bemühte sich, die wenigen darin noch befindlichen Dinge beim Absteigen nicht zu verschütten. Das Kistchen war wirklich nur schlecht und recht zusammengezimmert; die beiden Metallscharniere stammten eindeutig aus geschickterer Hand. Auf der Unterseite des Deckels waren, vermutlich mit der glühenden Spitze eines Schürhakens, Buchstaben ungelenk eingebrannt: WAMBA.

Es war offenbar das aus dem Steinhaufen gestohlene Kästchen. Der Dieb musste es fallengelassen haben, als er in aller Hast zu seinem Pferd hinunterkraxelte, weil er beobachtet wurde und unerkannt fliehen wollte. Der Beobachter wiederum hatte wohl nicht sehen können, dass das Kistchen auf dem Felsvorsprung liegen blieb. Der Inhalt bot ein unbedeutendes Sammelsurium: das Mundstück, das zu der Flöte gehörte, und einige billige Schmucksachen und Figürchen aus gebranntem Ton.

Warum hatte der Dieb die kleine Gedenkstätte entweiht? Sorgfältig betrachte Fidelma ihr Fundstück, kippte den Inhalt aus und schüttelte das Kästchen. Dabei rasselte etwas. Prüfend befühlte sie innen den Boden, das Bodenbrett war nicht genau eingepasst und ließ sich anheben. Darunter lag etwas Rundes. Mit Daumen und Zeigefinger konnte sie es fassen. Es war eine Goldmünze.

Sie fügte den Scheinboden wieder ein und legte die anderen Sachen zurück, steckte die Münze aber in ihr marsupium.

»Was gibt es?«, hörte sie Bruder Eolann rufen.

»Ich habe Wambas Kiste gefunden. Ich komme jetzt hoch. Kannst du mir dein Zingulum zuwerfen?«

»Was willst du damit?«, fragte er verwundert. In ihrer gemeinsamen Sprache hatte sie das Wort criós gerufen, damit meinte sie das Zingulum, den kordelartigen Leibgurt, den die Mönche um ihre Kutte schlangen.

»Wirf es runter, ich brauche es, um das Kästchen festzubinden.« Das war rasch getan, und sie rief ihm zu: »Jetzt komme ich wirklich.«

Sorgsam jede Felsnase nutzend, kletterte sie hoch, lehnte kühn Bruder Eolanns Hand ab, der ihr über die Felskante helfen wollte.

»Ich habe mir vielleicht Sorgen gemacht deinetwegen. Wenn ich mir vorstelle, du wärest abgestürzt. Wie hätte ich das dem Abt beibringen sollen?«

Gleichgültig schürzte Fidelma die Lippen. »Wieso hätte ich abstürzen sollen? Und das mit dem Abt wäre dann sowieso nicht meine Sache gewesen.« Sie schaute zu dem kleinen Steinhaufen, band das Kistchen los und reichte ihrem Begleiter sein Zingulum.

»Wenigstens können wir jetzt den kleinen Kasten wieder in die Gedenkstelle einsetzen. Der Dieb muss ihn fallengelassen haben.«

»War denn etwas Gescheites darin?«, erkundigte sich Bruder Eolann.

Sie griff in ihr marsupium und zeigte ihm die Münze.

»Aber Wamba hat das Goldstück doch Bruder Waldipert gegeben«, äußerte sich ihr Begleiter verwirrt. »Und der dann dem Abt, oder?«

»Bestimmt ist das eine sehr alte Goldmünze, mir ist dergleichen noch nie vor Augen gekommen«, sagte Fidelma und drehte die Münze um und um. Ihr fielen Bruder Ruadáns Worte ein. Er hatte von »Münzen« in der Mehrzahl gesprochen. »Mich wundert nur …«

»Was wundert dich?«, fragte der junge Mönch erwartungsvoll.

»Vielleicht hatte Wamba zwei Münzen gefunden und beschlossen, eine zu verbergen, bis feststand, wie viel die andere wert war. Kann ja sein, er befürchtete, man würde sie ihm wegnehmen, wenn er beide vorzeigte. Seine Mutter wird nichts davon gewusst haben, sonst hätte sie die Münze doch aus dem Kästchen genommen, bevor sie es in den Steinhaufen setzte.«

»Eine Überlegung, die einleuchtet«, pflichtete ihr Bruder Eolann bei.

»Ob der vermeintliche Dieb von der Münze darin gewusst hat?«

Fidelma betrachtete das Stück noch einmal eingehend. Klein, aber aus solidem Gold; das war keine Legierung mit geringwertigem Metall. Darauf geprägt war ein Streitwagen, den zwei Pferde zogen, und der Wagenlenker. Die winzigen Symbole drum herum stellten wahrscheinlich die Sterne am Himmel dar.

»Mir ist so, als hätte ich ähnliche Münzen doch schon einmal gesehen«, überlegte sie laut.

»Der Ehrwürdige Ionas kennt sich aus mit solchen Münzen.«

»Fragt sich, ob Abt Servillius den Ehrwürdigen Ionas zu Rate gezogen hat wegen der Münze, die Wamba zur Abtei brachte. Da gibt es noch manch Rätselhaftes«, stellte Fidelma fest und dachte an die letzten Worte, die Bruder Ruadán mit stockendem Atem hervorgebracht hatte.

»Müssten wir das Kleinod nicht Hawisa übergeben?«, gab der scriptor zu bedenken.

»Das wird am Ende auch geschehen. Wenn Bruder Ruadán damit recht hatte, dass der Junge wegen der ersten Goldmünze ermordet wurde, wird man Wulfoald und dem Abt ein paar unliebsame Fragen stellen müssen.«

Doch schon während sie das sagte, wurde ihr klar, dass sie keinerlei Handhabe hatte, die beiden zu befragen. Eine Anwältin im Rechtswesen ihres Landes mochte sie ja sein, auch war sie von König Oswiu von Northumbria ermächtigt worden, die Morde auf dem Konzil von Streonshalh aufzuklären, und vom Ehrwürdigen Gelasius, das Verbrechen im Lateranpalast zu enthüllen – doch hier – wer war sie denn? Nichts als eine durchreisende Fremde ohne jeden hier anerkannten Rang. Eine Ausländerin ohne jeden Rückhalt. Seigneur Radoald war der Einzige, der Machtbefugnisse im Lande hatte, und der würde sie wohl kaum mit Vollmachten ausstatten, in dieser Angelegenheit Untersuchungen anzustellen.

Vorsichtig steckte sie die Goldmünze wieder in ihr marsupium. »Sehr ermutigend ist das alles nicht, wahrscheinlich habe ich zu viel erwartet.«

»Wie hat Bruder Ruadán überhaupt etwas von dieser Münze wissen können?«, fragte der Bibliothekar. »Mir ist das Ganze ein einziges Rätsel.«

»Ich suche selbst noch die Antworten darauf. Nur sieht es so aus, als würde ich sie nicht finden. Vor einer leeren Wand zu stehen, ist immer ärgerlich.« Ein Blick zum Himmel zeigte ihr, viel Zeit blieb ihnen nicht, bald würde sie die sich von Osten ausbreitende Dunkelheit umhüllen. »Wir sollten besser zu dem Heiligtum weiterziehen.«

»Wenn wir zu Hawisas Hütte zurückgehen und von dort unseren Aufstieg fortsetzen, verlieren wir viel Zeit; es wäre aber leichter und sicherer«, erklärte der scriptor.

»Hast du einen anderen Vorschlag?«

Nach kurzem Überlegen meinte er: »Ich wüsste einen Fußweg von hier, wenn du keine Höhenangst hast, aber der ist so schmal, dass man nur hintereinander laufen kann. Mitunter geht es sehr steil aufwärts. Doch hinter einem Felsvorsprung trifft der Pfad auf den Hauptweg, und von da an gelangt man zügig zum Gipfel. So könnten wir eine Menge Zeit sparen. Du hast ja eben bewiesen, wie sicher du dich in schwierigem Gelände bewegst. Da wirst du auch das Stück Weg mit Leichtigkeit bewältigen.«

»Dann lass es uns mit dieser Abkürzung versuchen.«

Er ging voran, auf einem Pfad, den wohl Ziegen zuvor ausgetreten hatten. Er war von Gras überwuchert, kaum wahrnehmbar, und stieg rasch an.

»Du scheinst die Gebirgspfade hier gut zu kennen, dabei stammst du gar nicht von hier und bist Bücherverwahrer und Schreiber.« Das war ihr einfach so herausgerutscht, und beim Nachdenken über das Gesagte, machte es sie in der Tat stutzig, wie sich die beiden Tatsachen vereinen ließen. Aber da blieb Bruder Eolann auch schon stehen und wandte sich nach ihr um.

»Du hast vorhin zu Hawisa gesagt, du wärest mit unstillbarer Neugier gestraft. Mit geht es so wie dir«, erklärte er allen Ernstes. »Wer in einer Bibliothek tätig ist, hat wenig körperliche Bewegung, man ist keine Anstrengung mehr gewohnt und wird behäbig. Daher hole ich mir ab und an vom Abt die Erlaubnis, auf die Berge zu steigen, um mich in Schuss zu halten. In den Satiren des Juvenal lesen wir ›mens sana in corpore sano‹ – In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist. Ich glaube, um den Geist gesund zu erhalten, muss man auch den Körper kräftigen. In den zwei Jahren, die ich jetzt hier bin, habe ich schon so manchen Wanderpfad und Nebenweg erkundet.«

»Da kann ich mich glücklich schätzen, dass du dich hier so gründlich auskennst«, lobte ihn Fidelma.

Sie stiegen weiter nach oben. Mitunter musste Fidelma stehen bleiben und die Augen schließen, wenn sie bei den Steilhängen ein Schwindelgefühl überkam. Schließlich gelangten sie an den gewaltigen Felsvorsprung, von dem Bruder Eolann gesprochen hatte. Die Felsnase versperrte ihnen den Weg, und daneben gähnte der Abgrund. Ihr Bergführer lächelte sie ermunternd an.

»Jetzt kommt der wirklich schwierige Teil. Die Felswand hat kleine Ausbuchtungen, da finden die Finger Halt. Du musst dich fast ganz zurücklehnen, dich mit ausgestreckten Armen auf die Kraft deiner Hände verlassen und vorsichtig weiterhangeln. Wird das gehen?«

Fidelma blickte nach unten, ein Schauder überlief sie bei dem Gedanken, wie unendlich tief sie abstürzen könnte. Sie nickte und murmelte: »Bringen wir es hinter uns.« Es war besser, rasch über diese Stelle zu gelangen, als ewig drüber zu reden.

»Ich gehe voran und zeige dir, wie man es macht. Binde dir den Mantelsack fest auf den Rücken und versuche, das Gleichgewicht zu halten.«

Er zurrte den Mantelsack fest und wartete, bis sie auch so weit war. Dann bückte er sich unter den Überhang und schob sich vorwärts. Wo seine Füße Halt fanden, konnte sie nicht sehen, bestimmt hatte er irgendwelche Ausbuchtungen gefunden und sich mit den Händen festgekrallt … Dann war er hinter dem Felsen verschwunden.

»Hörst du mich?«, rief sie beklommen.

Es dauerte einen Moment, dann kam die Antwort. »Entschuldige, ich musste erst wieder zu Atem kommen.« Es hörte sich an, als sei er ganz nahe. »Hast du genau gesehen, wie ich mich unter den Überhang gezwängt habe?«

»Ich denke, schon.«

Fidelma holte tief Luft und schob sich langsam vorwärts, kroch fast unter den Überhang, fand auch ziemlich sofort die kleinen Vorsprünge, an denen sie sich halten konnte. Hand über Hand arbeitete sie sich voran. Nur nicht daran denken, was hinter ihr war, an die gähnende Leere und den möglichen Sturz auf die Felszacken tief unter ihr. Der schlimmste Moment kam, als sie sich an der grässlichen Abbruchkante zurücklehnte und nur die sich in den Stein krallenden Hände sie vor dem Fall bewahrten.

»Gleich hast du es geschafft«, rief ihr Bruder Eolann ermutigend zu.

Sie streckte sich nach dem nächsten Halt, verfehlte ihn und schwebte in der Luft. Das ganze Gewicht ihres Körpers hing an einer Hand, mit der anderen griff sie ins Nichts.

»Hilf mir«, schrie sie in heller Panik.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis eine kräftige Hand sie am Handgelenk packte und zurückriss. Einen Lidschlag lang hing sie im leeren Raum, mit der einen Hand klammerte sie sich verzweifelt an den Felsvorsprung, und ums Handgelenk der anderen schlossen sich Bruder Eolanns Finger. Einen sonderbaren Moment waren ihre Gesichter ganz dicht beieinander, ihre blitzenden grünen Augen starrten in seine hellblauen. Die Zeit schien still zu stehen, und das Einzige, was sie wahrnahm, war die Leere unter ihr. Dann lag sie auf dem schrägen Boden und rang nach Luft. Sie befand sich auf der anderen Seite des Felsüberhangs. Bruder Eolann hielt sie noch immer am Handgelenk.

»Bist du verletzt?«, fragte er besorgt.

Fidelma schüttelte den Kopf. Der Griff ums Handgelenk lockerte sich, und unbewusst fing sie an, es mit der anderen Hand zu massieren.

»Du hast mich im entscheidenden Augenblick zu fassen bekommen«, stellte sie unnötigerweise fest.

Der junge Mönch war immer noch beunruhigt. »Ich hoffe, ich habe dir nicht weh getan.«

»Du hast mir das Leben gerettet«, sagte sie ernst. »Da kann ich wohl einen blauen Fleck ertragen.«

»Ich hatte dir ja gesagt, dass wir eine heikle Stelle überqueren müssen. Aber schau … Jetzt sind wir kurz vor dem Hauptweg zum Gipfel, wir hätten es nicht vor Einbruch der Dunkelheit geschafft, hätten wir die bequemere Strecke genommen.«

»Dann lass uns weitergehen; je schneller wir von hier wegkommen, umso besser.«

Er stand auf und ging wieder voran. Der Rest ihrer Wanderung verlief ohne jeden Zwischenfall. Doch lag der Gipfel bereits in der Abenddämmerung, als sie dort hinaufgelangten. In einer Nische in der Bergflanke stand eine kleine Hütte. Genaueres konnte sie im Dämmerlicht nicht ausmachen. Der Himmel war bedeckt, kein Mondenschein erhellte die Gegend. Dennoch fand sich Bruder Eolann sofort zurecht, mit Feuerstein und Zunder entzündete er eine Fackel und entfachte vor der Hütte ein Lagerfeuer. Fidelma fand es ein wenig übertrieben, einen so großen Holzstoß in Flammen zu setzen, dessen Widerschein in weitem Umkreis zu sehen sein musste. Er fand es nicht lustig, als sie scherzend meinte, sie wollte sich nur am Feuer wärmen, aber nicht gleich geröstet werden.

»Es wird hier oben sehr kalt, Lady. Nachts kann es selbst im Sommer richtig frostig werden. Außerdem … Na ja, es gibt allerlei Tiere, die in der Nacht über die Hänge streifen. Das Feuer wird sie fernhalten.«

In der Hütte fand sich sogar eine Öllampe. Auch eine Wasserstelle musste in der Nähe sein, denn er füllte einen Krug mit frischem Quellwasser. Bald saßen sie am Feuer, aßen schweigend ihr frugales Mahl und sahen den dunklen Wolken nach, die niedrig über die Berge zogen und feucht-kalte Nebel hinterließen. Es dauerte nicht lange, und sternenlose Dunkelheit umfing sie. Fidelma hatte die unerwartete Anstrengung derart ermüdet, dass sie sich nur unklar erinnerte, wie sie in die Hütte gekrochen war.

Die Sonne schien hell, als sie am nächsten Morgen erwachte und als Erstes die Jagdschreie von Bussarden vernahm. Aus dem Lagerfeuer stieg noch eine Rauchsäule auf, und Bruder Eolann war bereits dabei, die Flammen erneut zu entfachen. Er hatte etwas zu essen hingestellt und zeigte ihr eine Quelle hinter der Hütte, an der sie sich ungestört waschen konnte.

Der Blick über die Berggipfel, die sie umgaben, war berauschend schön. »Wir befinden uns auf dem höchsten Punkt der Bergkette«, erklärte ihr Begleiter, als er sah, mit welcher Freude sie die Aussicht genoss. Es war ein warmer, angenehmer Tag, die Wolken, die den Mond verdunkelt hatten, waren verschwunden und hellem Sonnenschein gewichen.

Die Hütte stand in einer geschützten Mulde auf der Bergeshöhe. Warum Colm Bán gerade hier sein Heiligtum errichtet hatte, konnte sie gut verstehen. Nur wenige Schritte entfernt erblickte sie auf der kahlen Bergkuppe ein halbfertiges Bauwerk. Das davor errichtete große Kreuz wies es nachdrücklich als Stätte des Neuen Glaubens aus. Der junge Mönch begleitete Fidelma dorthin, und beide verharrten eine Weile andächtig im Dunkel der kleinen Kapelle.

»Ich werde mich nur ungern von diesem eindrucksvollen Ort trennen«, gestand Fidelma, als sie wieder in den Sonnenschein hinaustraten. »Sind das Höhlen, da drüben hinter der Hütte?«

»Ja, das sind Höhlen«, bestätigte ihr Bruder Eolann. »Groß sind sie nicht, doch es heißt, in eine davon zog sich Colm Bán am liebsten zurück, um in aller Stille zu beten, und eben dort soll der großartige Mann in die Arme Christi gesunken sein.«

»Aber bestattet wurde er doch in der Abtei.«

»Die Brüder haben den Leichnam hinunter in die Abtei getragen und unter dem Hochaltar der Kapelle eine Krypta für ihn erbaut.«

»Auch dort an den Höhlen sollte ich des Heiligen gedenken, bevor wir uns auf den Rückweg machen.«

Die Höhlen waren wirklich bescheiden. In der größeren war kaum Platz, dass zwei Leute gebückt hineingehen konnten, sie erweckte jedoch den Anschein, als hätte sich dort vor kurzem jemand aufgehalten. Die andere war völlig nichtssagend.

Fidelma ließ die Höhlen hinter sich, schaute sich um und nahm die Landschaft in sich auf. Knapp unter ihnen wuchs ein Dickicht von Farnkräutern, und tiefer auf dem Südhang hatten sich Koniferen und Buchen angesiedelt. Das waren die Vorboten der dichten Wälder zwischen den Bergmassiven. Noch einmal ergötzte sie sich an dem herrlichen Blick in die Natur. Als sie sich der Hütte zuwandte, fiel ihr etwas im Gestrüpp auf.

»Was ist denn das da?« Sie wies auf etwas Farbiges, das ganz und gar nicht in die Umgebung passte und wie ein Fetzen bunter Stoff aussah.

Rasch ging sie darauf zu, Bruder Eolann folgte ihr, hatte es aber weniger eilig. Sie drang schon in das Unterholz ein, als er warnend rief: »Sei vorsichtig, Lady. In einem Gebüsch wie diesem kann die vipera, die Giftschlange, liegen. Lass mich lieber vor.« Sie blieb stehen, er nahm einen kräftigen Zweig auf und schlug ihn beim Gehen geräuschvoll auf den Boden.

»Die vipera greift einen nur an, wenn sie sich bedroht fühlt. Sowie sie einen kommen hört, gleitet sie in einen Unterschlupf. Aber wenn du dich ihr lautlos näherst und unerwartet vor ihr stehst, schlägt sie zu.«

Fidelma war es zufrieden, dass er ihnen einen Weg zu der Stelle bahnte, wo sie einen durch den Wind festgeklemmten Stofffetzen zu sehen glaubte. Doch es war nicht einfach ein Streifen Stoff, der sich an einem Busch verfangen hatte. Es war eine Leiche – die Leiche einer Frau. Sie musste dort schon einige Zeit gelegen haben, denn der üble Verwesungsgeruch hatte bereits allerlei Fliegen und andere Insekten angelockt. Die Kleidung kam Fidelma sonderbar bekannt vor. Mit der Hand bedeckte sie Mund und Nase, kauerte sich nieder und betrachtete das Gesicht. Sie erkannte es sofort.

»Freifrau Gunora«, keuchte sie.

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