Zum ersten Mal in ihrem Leben schob Fidelma, so lautlos es nur ging, einige schwere Gegenstände vor ihre Kammertür. Dann legte sie sich zu Bett und verfiel in einen unruhigen, von Träumen beschwerten Schlaf. Mitten in der Nacht erwachte sie und setzte sich im Dunkeln auf. Die Stirn war schweißnass, der Nacken kalt. »Natürlich«, murmelte sie, als sich ihre Gedanken ordneten. »Natürlich! Wie konnte ich nur so dumm sein? Aber auch so was von dumm!« Irgendwie gelang es ihr, erneut einzuschlummern, doch am Morgen fühlte sie sich wie zerschlagen.
Sie stand auf, wusch sich und überwand ihre Ermattung. Wie gewohnt ging sie, das erste Mahl des Tages mit den Brüdern im refectorium einzunehmen, doch sich auf das Essen zu konzentrieren, wollte ihr nicht recht gelingen. Der Ehrwürdige Ionas sprach die Gebete, Magister Ado saß gedankenverloren neben ihm und stocherte lustlos in seinem Essen. Fidelma schaute sich um, Bruder Faro war nirgends zu sehen. Als sie aus dem Saal ging, fragte sie Bruder Wulfila, wo er sei.
»Er hat die Abtei schon wieder verlassen, er will weiter nach Schwester Gisa suchen«, sagte ihr der Verwalter mürrisch, er schien Faros Abwesenheit zu missbilligen.
Die Glocke ertönte, und jeder begab sich an die ihm zugeteilte Arbeit. Fidelma eilte dem Ehrwürdigen Ionas hinterher.
»Ich muss dringend mit dir sprechen«, begann sie ohne jede Vorrede. »Es handelt sich um eine Sache, die, im Augenblick jedenfalls, strikt unter uns bleiben muss.«
»Bei uns herrscht der Brauch, keine Geheimnisse voreinander zu haben«, tadelte sie der Geistliche.
»Gewisse Mitglieder der Bruderschaft haben diesen Brauch bereits gebrochen. Geheimhaltung ist mehr als angeraten, denn die Abtei schwebt in unmittelbarer Gefahr.«
Er sah sie tiefbesorgt an. »Nach den Todesfällen, die sich hier ereignet haben, fürchte ich das auch. Gestern Abend habe ich den Vorschlag unterbreitet und unterstützt, dass du die Ermittlungen aufnimmst. Darf ich annehmen, du bist bereits zu einem Ergebnis gekommen?«
»Noch nicht ganz«, gab sie zu, »doch ehe der heutige Tag zu Ende geht, werde ich die meisten Antworten, wenn nicht sogar alle, beisammenhaben.«
»Worin besteht das Geheimnis, das du mit mir teilen willst?«
Sie standen auf den Stufen zur Haupthalle, der Innenhof lag vor ihnen. Wachsam ließ Fidelma ihre Blicke umherwandern. »Gibt es einen Weg, auf dem wir in die Nekropole gelangen können, ohne gesehen zu werden?«
Der Ehrwürdige Ionas runzelte die Stirn. »Was sollen wir dort suchen oder finden?«
»Ich bin mir gewiss, es dir dort zeigen zu können. Doch wir dürfen von niemandem beobachtet werden.«
»Etwas Genaueres kannst du mir nicht sagen?«
»Nur so viel: Kurz vor seinem Tod hat Bruder Ruadán einen wundersamen Satz gesagt. Ich nahm an, er redet schon irre. Erst jetzt habe ich begriffen, was er meinte. Seine Worte waren: ›Man mag nicht glauben, wie viel Böses ein Mausoleum bergen kann.‹ Ich habe lange gebraucht, bis ich es verstand, weil ich einer falschen Fährte aufgesessen bin.«
Der betagte Mönch bedeutete ihr, mit ihm zu gehen. Sie schritten durch die Haupthalle und durch einen Gang, der neben der Küche verlief. Auch den Kräutergarten mussten sie nicht betreten. Sie gelangten in eine Art Lagerraum, den man längst nicht mehr nutzte. Der Ehrwürdige Ionas machte sich daran, in einer Ecke einige Kisten beiseitezuräumen, und schließlich kam der eiserne Griff einer Falltür zutage.
Der Klosterherr verzog die Lippen zu einem gequälten Lächeln. »Als ich in jungen Jahren in die Abtei kam, wurde mir dieser Weg nach draußen gezeigt, den jüngere Mönche nutzten, wenn sie den unerbittlichen Blicken des Torhüters entkommen wollten. Der war viel strenger als Bruder Bladulf, und die Regeln waren damals außerordentlich strikt. Mitunter musste man einfach mal raus in die Berge und in der Stille bei lauem Wind und Sonnenschein umherwandern.«
Er zog die Falltür auf und stieg einige Steinstufen hinab in einen kurzen Durchlass, der gerade einmal drei Schritte lang war. Ranken von Kletterpflanzen, die vor der Öffnung draußen hingen, gaben dem Dämmerlicht einen grünlichen Schimmer. Fidelma folgte ihm.
Plötzlich standen sie außerhalb der Abtei in einer Waldung. Zielsicher ging der Ehrwürdige Ionas hügelan durch die Bäume und dann über ein ebenes Gelände, bis sie zu Fidelmas Erstaunen am oberen Ende des Gottesackers anlangten. Sie befanden sich unmittelbar hinter den sonderbar aussehenden Mausoleumsbauten.
»Und nun?«, fragte er.
»Ich vermute, wir finden das, was ich suche, im dritten Mausoleum.«
»In Abt Bobolens Mausoleum? Du willst doch nicht etwa, dass wir es öffnen? Das wäre ein Sakrileg. Erst vor kurzem ist es fertiggestellt und versiegelt worden.«
»Die geheiligte Stätte ist bereits entweiht worden, wenn mich nicht alles täuscht, und um Gewissheit zu erlangen, müssen wir prüfen, was drin ist.«
Dem Ehrwürdigen Ionas war sehr unwohl zumute, während sie sich mit größter Vorsicht dem kleinen Marmorbau näherten. Niemand schien in der Nekropole zu sein, auch nicht auf den umliegenden Hängen. Sie waren unbeobachtet. Fidelma blieb vor dem Portal des Grabmals stehen. Die Torflügel waren ungemein breit, fügten sich glatt in das solide gemauerte Bauwerk ein und waren sogar aus Eisen. Der Klosterherr betrachtete die Schließvorrichtung und verzog abschätzig den Mund.
»Sehr merkwürdig. Haltbar sieht das nicht aus, wirkt mehr wie ein Provisorium. So ein Schloss müsste bei einem Portal wie diesem doch viel kompakter sein.«
»Umso wichtiger ist es, einen Blick hineinzuwerfen«, versicherte ihm Fidelma. »Wir müssen da hinein und zwar sofort.«
»Aber warum, in aller Welt?«
»In diesem Mausoleum liegt die Erklärung für alle bisherigen Todesfälle und für die, die noch folgen werden. Ich bitte dich, mir zu vertrauen.«
Verblüfft starrte er sie an, spürte aber, wie überzeugt sie von ihrer Sache war. Er zögerte noch einen Moment und sagte dann, er sei einverstanden. »Also gut. Zum Glück lässt sich so ein lachhaftes Schloss leicht wieder zusammensetzen.« Er bückte sich, nahm einen Stein auf und schlug damit gegen das eiserne Türschloss. Drei kräftige Schläge genügten, und es fiel zu Boden. Gemeinsam zogen sie einen der schweren Torflügel auf. Was immer der Ehrwürdige Ionas drinnen erwartet haben mochte, einen mit Lederbeuteln vollgestapelten Wagen jedenfalls nicht. Der nahm fast den ganzen Raum ein, der Sarkophag fehlte.
Mit unbewegter Miene ging Fidelma zu dem Gefährt, knüpfte einen der Beutel auf und ließ ihren Begleiter hineinblicken. Der Sack war bis zum Rand gefüllt mit Goldmünzen.
»Doch nicht das Aurum Tolosanum?«, keuchte der alte Gelehrte. »Gibt es das wirklich?«
Fidelma schüttelte den Kopf. »Aus Tolosa mag es sein, aber das legendäre Gold des Caepio ist es nicht.«
»Was denn sonst?«
»Damit soll der Seigneur von Vars für seine Dienste entlohnt werden, und ich fürchte, er wird sich seinen Lohn sehr bald holen. Versuchen wir, das Schloss wieder vorzuhängen, und gehen wir zurück in deine Kammer. Dort müssen wir überlegen, was weiter zu tun ist.«
Schweigend saßen sie eine Weile in der Studierstube beisammen. »Seit wann weißt du davon?«, fragte der Ehrwürdige Ionas schließlich.
»Erst seit gestern Nacht. Wäre ich nicht so lange dem legendären Goldschatz hinterhergejagt, wäre ich früher auf diese Lösung gekommen.«
»Du meinst das Aurum Tolosanum?«, fragte der Ehrwürdige Ionas vollends verwirrt. »Woher stammt denn nun dieses Gold? Du sagst, es ist der Lohn für den Seigneur von Vars – aber wofür und warum?«
»Es stammt von Perctarit, damit soll Grasulf geködert werden, sich ihm anzuschließen, wenn er gegen Grimoald zu Felde zieht. Während ich auf Vars festgehalten wurde, habe ich erfahren, dass Grasulf einen derartigen Lohn erwartet. Im entscheidenden Moment, wenn Perctarit mit seinen Vorbereitungen fertig ist, wird er Grasulf durch seinen Mittelsmann wissen lassen, wo das Gold lagert.«
»Seinen Mittelmann? Das müsste ja dann der sein, der das Gold in das Mausoleum für Bobolen geschafft hat.«
»Ich glaube, ich weiß bereits, wer das ist, muss aber noch ein oder zwei Sachen klären. Die Wagenladung Gold ist schon vor einiger Zeit dort versteckt worden, dessen bin ich sicher. Wie das vor sich gegangen ist, weiß ich nicht, ich vermute aber, unser armer Bruder Ruadán hatte das Geheimnis entdeckt. Er hatte einige Münzen gefunden und zwei davon Wamba als barmherzige Gabe gegeben.«
Der Ehrwürdige Ionas konnte es nicht fassen. »Ich begreife das immer noch nicht. Hatte Bruder Eolann damit etwas zu tun?«
»Ja, darin verwickelt war er schon, doch er war nicht die Hauptperson.«
»So viele offene Fragen.«
»Wohl wahr, und deshalb kann ich noch nicht preisgeben, wen ich für die treibende Kraft hinter all diesen Vorgängen halte.« Sie stand auf und versicherte: »Schon bald werden sich die Dinge zuspitzen, und dann platzt der Knoten. Ich verlasse dich jetzt für eine Weile.«
»Wo willst du hin?«
»Seigneur Radoald aufsuchen. Ich glaube, er kann einiges beisteuern zur Enträtselung des seltsamen Geschehens.«
»Du musst Vorsicht walten lassen«, beschwor sie der Geistliche. »Wenn es ruchbar wird, dass du das Gold hier entdeckt hast, wird dich nichts schützen, weder dass du eine Frau bist, noch eine Prinzessin aus Hibernia.«
Fidelma lächelte flüchtig. »Ich mache mir da nichts vor.« Dann fragte sie: »Gibt es in der Abtei ein paar richtig kräftige Männer? Wie den Hufschmied etwa und seine Gehilfen?«
Der Ehrwürdige Ionas dachte einen Moment nach. »Drei oder vier würden mir da schon einfallen.«
»Es müssen Leute sein, denen du absolut vertrauen kannst. Nur du darfst ihnen die Aufgabe stellen, auf die es jetzt ankommt. Du musst sie einen heiligen Eid schwören lassen, völliges Stillschweigen gegen jedermann zu bewahren. Nicht ein Wort von dem, worum ich dich bitte, darf in der Abtei verlautbart werden. Auch du darfst zu niemandem davon reden, nicht einmal denen gegenüber, denen du vertraust, wie Magister Ado, Bruder Bladulf oder Bruder Wulfila, selbst ein Bruder Lonán darf nichts davon erfahren.«
»Ich verstehe das zwar alles nicht, doch dir vertraue ich, Fidelma. Ich werde die Männer den Eid schwören lassen und sie zu strengstem Stillschweigen verpflichten.«
Sie legte ihm dar, was getan werden musste. »Das Ganze muss in aller Stille und im Geheimen geschehen. Damit werden wir wenigstens etwas Zeit gewinnen. Ich hoffe, noch ehe der Tag sich neigt, in die Abtei zurückzukehren, bis dahin wird sich auch alles geklärt haben.«
»Ich bete zu Gott, dass alles so kommt – nicht einmal denen soll ich trauen, die meine engsten Gefährten sind … nicht einmal den Freunden.«
»Leg den Brüdern auch nahe, sich heute nur innerhalb der Mauern der Abtei aufzuhalten.«
»Bist du eine Wahrsagerin, dass du eine aufziehende Gefahr kommen siehst?«, fragte er und fügte sich ins Unvermeidliche.
»Hätte ich Augen, um in die Zukunft zu schauen, hätte ich mich nie vom Hafen in Genua fortbegeben.«
»Schritte, die man einmal im Leben getan hat, lassen sich nicht ungeschehen machen, meine Tochter. Sind die Würfel gefallen, müssen wir uns mit dem Ergebnis abfinden und uns bemühen, das Beste daraus zu machen.«
Fidelma blieb an der Tür stehen. »Du hast völlig recht, Ehrwürdiger Ionas. Mitunter neige ich dazu, mich klüger zu dünken als andere, wofür ich mich schämen muss. Der Fehler, den ich begangen habe, mich so völlig auf Bruder Eolann zu verlassen, wird mir eine Lehre sein.«
»Gott hat dich so erschaffen wie du bist, Fidelma, und dafür ist diese Abtei dankbar. Halte dich wacker, und komm zu uns zurück, sobald du nur kannst.«
Kurz darauf verließ sie die Abtei. Nur der Ehrwürdige Ionas sah, dass sie ein Pferd aus den Stallungen führte. Er hatte die Brüder, die sonst auf dem Hof zu tun hatten, mit verschiedenen Aufträgen fortgeschickt und öffnete ihr eigenhändig das Tor. Besorgt schaute er ihr nach, während sie sich auf ihr Ross schwang und hinunter zum Fluss trabte.
Radoalds Festung war leicht zu finden, Fidelma hatte sich den Weg dorthin eingeprägt. Sie überquerte die Buckelbrücke und hielt sich an die sprudelnden Wasser der Trebbia, ritt flussaufwärts auf dem von dichtem Wald bestandenen Uferstreifen. Es war noch früh am Tag, und die Sonne lachte vom blauen Himmel. Die vielfältigen Geräusche aus dem Forst waren so beruhigend, dass es ihr schwerfiel zu begreifen, wie in dieser harmonischen Landschaft so entsetzliche Morde verübt werden konnten. Dass Kriegszüge das friedliche Tal bald verwüsten sollten, wollte sie nicht hinnehmen.
Sie war so mit sich und ihren Gedanken beschäftigt, dass sie aufschreckte, als plötzliche Rufe an ihr Ohr drangen. Zwei Männer in schwarzen Umhängen preschten zwischen den Baumstämmen hervor. Noch ehe sie reagieren konnte, waren sie neben ihr, bedrohten sie aber nicht mit Waffen. Einer griff in die Zügel ihres Pferds, und ohne anzuhalten, ging es im Galopp am Fluss entlang. Der andere folgte dicht auf.
Sie war ihnen ausgesetzt und ärgerte sich, dass sie in ihrer Tagträumerei nicht bemerkt hatte, wie man ihr auflauerte. Ihre Verärgerung wuchs, als sie dann noch die beiden erkannte. Das flammende Schwert im Lorbeerkranz auf ihrem Wams sagte ihr genug. Sie glaubte, in ihnen den Männern ausgeliefert zu sein, die in Genua über Magister Ado hergefallen waren und die später im Tal der Trebbia mit Pfeil und Bogen auf den ehrwürdigen Geistlichen zielten und dabei versehentlich Bruder Faro trafen.
Sie blieben stumm. Einer beugte sich leicht vor und hielt die Zügel ihres Pferds so fest, dass sie es nicht lenken konnte, der andere ritt unmittelbar hinter ihr. Sie hatte alle Mühe, sich bei dem scharfen Trab im Sattel zu halten.
Doch merkte sie, der Ritt ging weiter stromaufwärts, und es überraschte sie auch nicht sonderlich, als sie von der Trebbia abbogen und einen Hügel hinauf Radoalds Festung zustrebten. Genau das war ja ihr Ziel.
Die Tore der Festung taten sich auf, und ihre Begleiter sprengten mit ihr auf den Burghof. Sie würde sich auf Unerwartetes einstellen müssen. Eine Reihe noch ungelöster Fragen bedrängte sie, aber sie war zuversichtlich; in groben Zügen wusste sie, wie sie dem Rätsel beikam.
Noch immer sprach niemand mit ihr, auch selbst, als sich der Staub, den sie aufgewirbelt hatten, allmählich legte, bewegte sich keiner. Aus dem Hauptportal der Großen Halle trat eine Gestalt mit wallendem weißen Haar – hoch aufgerichtet, lächelnd. Es war der Arzt, Suidur der Weise.
»Willkommen, Schwester Fidelma – oder sollte ich dich die Edle Fidelma nennen? Ich bin mir nie sicher, wie man eine Prinzessin anredet, die Nonne geworden ist.« Er machte eine kleine spöttische Verbeugung. »Jedenfalls bist du uns hochwillkommen. Steig ab und tritt ein. Ein erfrischender Trunk steht bereit, der Staub der Straße wird dir die Kehle ausgedörrt haben.«